Posts by Nemere

    Hallo,
    vielen Dank erst einmal für die Hinweise, dann lag ich mit meinen Überlegungen doch nicht daneben. Dieser Artikel des Herrn Oberst a.D. ist wieder ein schönes Beispiel dafür, dass man tunlichst alle Literatur kritisch hinterfragen sollte.


    Grüße
    Jörg

    Hallo,

    im Jahrbuch der „Clausewitz-Gesellschaft“ 2018 bin ich über einen Aufsatz zum Volkssturm gestolpert:


    Michael P. Vollert, Der Volkssturm – ein gescheiterter Versuch, die Niederlage des Deutschen Reiches abzuwenden, in: Jahrbuch der Clausewitz-Gesellschaft, 14 (2018), S. 112 – 128

    https://static.clausewitz-gese…usewitz-Jahrbuch-2018.pdf



    Auf den Seiten 112 und 113 bringt der Verfasser eine Tabelle des „Militärischen Potentials des Dritten Reichs“, die auf den ersten Blick zwar eine übersichtliche Darstellung der Wehrmacht bietet, bei genauerer Betrachtung aber doch recht oberflächlich und verwirrend ist. Die beiden Seiten habe ich als PDF beigefügt.


    Schon in den ersten Zeilen wird man stutzig. Wieviele Divisionen hatte denn jetzt die Wehrmacht? Zwar werden hier Volksgrenadier- und Luftwaffenfelddivisionen genannt, aber die Zahl der „normalen“ Divisionen fehlt. Auch die erwähnten Polizei- und Hitlerjugenddivisionen sind nach meiner Meinung eigentlich Divisionen der Waffen-SS. Und mit ähnlichen Fragwürdigkeiten geht es weiter.


    Wo ich dann endgültig hängen geblieben bin, ist auf Seite 113 die Erwähnung einer 1944 aufgestellten SA-Divison – leider ohne jeden Quellenbeleg.


    Und darum meine Frage: Was ist das für eine „SA-Divison“? Damit kann ich nichts anfangen, vielleicht stehe ich auch einfach auf dem Schlauch. Oder soll das die „Feldherrnhalle“ sein? Kann mir hier jemand weiterhelfen?


    Ansonsten bringt der Aufsatz nicht sehr viel. Einige Einzelaspekte, keine klare Struktur, der Autor stützt sich nur auf Sekundärliteratur und da auch nur auf willkürlich ausgewählte Titel. Wirkliche Sachkenntnis kann man dem Autor nicht bescheinigen.


    In diesen Jahrbüchern der Clausewitz-Gesellschaft finden sich neben wenigen wirklich guten Abhandlungen leider viele solcher Aufsätze, wo irgendwelche pensionierten Generäle und Obristen der Bundeswehr unbedingt meinen, sich publizistisch beweisen zu müssen. Die Clausewitz-Gesellschaft gebärdet sich allgemein recht elitär, um nicht zu sagen arrogant und hält sich für den deutschen „Think Tank“ im Bereich der der Strategie und Wehrpolitik. Leider mischt diese Gesellschaft hinter den Kulissen immer noch bei der Besetzung höherer Positionen in der Bundeswehr mit, weil die Mitgliedschaft dort für Generalstabsoffiziere gewissermassen Pflicht ist und damit ein weit gespanntes Netzwerk entstanden ist, das seine Finger in vielen Dingen drin hat.

    Grüße
    Jörg

    Hallo,


    „Batterie“ ist einfach die organisatorische Bezeichnung für einen militärischen Truppenteil. Das hat nichts mit den Mannschaften oder mit Geschützen zu tun.

    Normalerweise spricht man beim Militär von der „Kompanie“, zum Beispiel der Infanteriekompanie, der Pionierkompanie oder der Nachrichtenkompanie. Bei vergleichbaren Truppenteilen der Artillerie (und verwandter Truppen) nannte man stattdessen dieses Einheiten aus Gründen der Tradition „Batterie“.


    Batterien gab es bei


    a) der „schießenden“ Artillerie (also mit Geschützen oder Nebelwerfern/Raketenwerfern) ausgerüsteten Einheiten). Dabei war die Zahl der Geschütze bei den Batterien sehr unterschiedlich, bei der schwersten Artillerie war es teilweise nur 1 Geschütz pro Batterie.

    Die klassische Batterie leichter Feldhaubitzen bei der Infanteriedivision hatte bei Kriegsbeginn 4 Geschütze 10,5 cm.

    Eine Batterie schwere Feldhaubitzen bei der Infanteriedivision hatte bei Kriegsbeginn 4 Geschütze 15 cm, bei Kriegsende waren es dagegen planmäßig 6 – allerdings nur noch mit zwei Batterien pro Abteilung.

    Bei der schweren Artillerie kommt dagegen alles vor – von einem bis zu drei Geschützen. Da gibt es beispielsweise Batterien mit drei 21 cm Mörsern, mit zwei 30,5 cm Mörsern, mit einem 35,5 cm Mörser oder mit einer einzigen 80-cm Eisenbahnkanone in der Batterie.


    b) der Flugabwehrartillerie (Flak, auch die mit Scheinwerfern ausgestatteten Einheiten der Luftwaffe hießen hier „Batterie“, obwohl sie keine Geschütze hatten)


    c) der Sturmartillerie (Sturmgeschütze)


    d) der „aufklärenden“ Artillerie (Beobachtungsabteilungen mit Vermessungsbatterie, Schallmeßbatterie, Lichtmeßbatterie usw. oder selbständige Beobachtungsbatterien)


    e) dem Kriegskartenwesen, hier gab es Batterien bei den Vermessungsabteilungen bzw. den Vermessungs- und Kriegskarten-Abteilungen.


    Solche abweichenden Einheitsbezeichnungen gab es noch in anderen Fällen. Bei einem Teil der „schnellen Truppen“ oder der späteren Panzertruppen sprach man nicht von der Kompanie, sondern von der „Schwadron“, weil man hier eine direkte Tradition von der Kavallerie herleiten wollte. Die Verwendung des Begriffs „Schwadron“ ist aber noch verworrener als bei der Batterie.


    Ähnlich unübersichtlich ist es auf der nächsten Führungsebene.

    Normalerweise bildeten mehrere Kompanien ein Bataillon. Für bestimmte Waffengattungen wurde stattdessen aber der Begriff „Abteilung“ verwendet. Eine Abteilung wiederum konnte bestehen aus:

    a) Batterien – bei der Artillerie

    b) Kompanien – z.B. bei den Panzern und Panzerjägern

    c) Schwadronen – z.B. bei den Aufklärungsabteilungen der Infanterie, den Kavallerie-Schützen-Regimentern der leichten Divisionen und der Kradschützen-Abteilung 6.

    Das ist leider manchmal etwas verwirrend, vor allem wenn Einheiten umbenannt und umgegliedert wurden.


    Grüße

    Jörg

    Hallo,
    nein nicht zwingend, es wurde eigentlich nur die Bezeichnung geändert. Bei einigen Waffengattungen der Wehrmacht wurde aus Traditionsgründen die Bezeichnung "Abteilung" verwendet, z.B. bei den sog. "Schnellen Truppen" wie der Panzertruppe, der Kavallerie, aber auch bei der Artillerie. Bei der Artillerie wurde ja auch die Bezeichnung "Batterie" statt "Kompanie" gebraucht.
    Bei der Umwandlung des Radfahrbataillons 1 zur Radfahr-Abteilung kann es sein, das die schwere Schwadron neu oder in geänderter Gliederung aufgestellt wurde. Ich habe aber keine Gliederung des ursprünglichen Radfahrbataillons 1.

    Grüße
    Jörg

    Hallo,

    Aber im Archiv ist die Rede von Abteilung und von Btl , auch für die Radfhreinheiten ???

    Dazu müsste ich wissen, was im Archiv genau steht.

    Es gab zunächst ein Radfahrbataillon 1, daraus wure 1937 die Radfahr-Abteilung 1. Ich zitiere aus dem "Lexikon der Wehrmacht":

    "Das Radfahr-Bataillon 1 wurde am 1. Oktober 1935 in Tilsit, im Wehrkreis I, aus Teilen der Berliner und der Ostpreußischen Bereitschaftspolizei sowie einer Kompanie des Infanterie-Regiments 43 aufgestellt. Das Bataillon wurde ab dem 1. Oktober 1936 der 1. Kavallerie-Brigade unterstellt. Am 1. Oktober 1937 wurde das Bataillon zur Radfahr-Abteilung 1 erweitert. Es gliederte sich jetzt in:

    Stab mit Nachrichtenzug und Panzerspähzug
    1. - 3. Radfahrschwadron mit drei Zügen mit je 3 lMG und 1 leichten Granatwerfer sowie 1 Zug mit 4 sMG
    schwere Schwadron mit 2 Kavalleriegeschützzügen, Pak-Zug, Granatwerferzug und Pionierzug


    Mit dieser Gliederung nahm die Abteilung am Polenfeldzug teil. Ab dem 25. Oktober 1939 wurde die Abteilung der 1. Kavallerie-Division unterstellt. Im Mai und Juni 1940 nahm die Abteilung am Westfeldzug teil. Im September 1940 verlegte die Abteilung als Besatzungstruppe ins Generalgouvernement."

    http://www.lexikon-der-wehrmac…nPanzer/PDEinheiten24.htm


    Grüße
    Jörg

    Guten Abend,

    die Abteilung ist das "Bataillon" und die Schwadron ist die "Kompanie" bei der Kavallerie.

    Bei der 1. Kavalleriedivision gab es in der Grundgliederung keine Panzer. Natürlich konnten aber der Division jederzeit Panzer von einer Panzerdivision zugeteilt werden. Das ergibt dann die sog. "Truppengliederung", also die Gliederung für den Einsatz im Gefecht.

    In einem Erfahrungsbericht der 1. KavDiv zum Frankreichfeldzug ist z.B. erwähnt, dass der Division Panzer zugeteilt werden konnten.

    http://www.wwiidaybyday.com/Ei…rfahrungenfrankreich.html


    Vielleicht ist auch der Erfahrungsbericht der 1. Kavalleriebrigade aus dem Polenfeldzug von Interesse:

    http://www.wwiidaybyday.com/Ei…/1kberfahrungenpolen.html


    Die 1. Kavalleriebrigade ist der Stammtruppenteil der 1. Kav.Div. Aus dieser Brigade entstand nach dem Polenfeldzug im Herbst 1939 die Division.


    Grüße

    Jörg

    Hallo,

    dieses Ausweichen vor dem vernichtenden feindlichen Artilleriefeuer durch Nutzung tiefgegliederter Stellungssysteme scheiterte in der Endphase des 2. Weltkriegs bei der Wehrmacht oft genug an der mangelnden Beweglichkeit der deutschen Verbände. Außerdem fehlte es bei vielen Verbänden inzwischen an der nötigen Ausbildung für diese schwierige Kampfart, die ja viele Elemente der heutigen Gefechtsart Verzögerung beinhaltete.

    Ein Beispiel waren die Vorgänge um das zur Vorbereitung der Abwehr an der Weichsel ab Herbst 1944 entstandene Stellungssystem im Hinterland der Heeresgruppe A.

    Die HKl verlief bis zum Beginn des russischen Angriffs im Januar 1945 etwa an der Weichsel, am Brückenkopf Baranow westlich davon. Diese HKL sollte planmäßig nur mit schwachen Sicherungskräften besetzt werden, um sich den vernichtenden Artilleriefeuer möglichst entziehen zu können. Etwa 3 km hinter dieser HKL verlief die durch Sperren gesicherte Großkampf-HKL, in der der eigentliche Widerstand aus Stützpunkten geleistet werden sollte.
    Hinter der Großkampf-HKL waren weitere rückwärtige Stellungen vorgesehen:
    -a-Linie: als a-2 Linie etwa im Zuge der Pilica, der dann noch ostwärts eine a-1 Linie etwa im Laufe des Flusses Nida vorgeschaltet wurde.
    -b-Linie etwa im Zuge der Warthe und dann südlich weiter bis zur Weichsel etwa 10 km westlich von Krakau.
    - weiter westlich schlossen sich dann noch die -allerdings kaum ausgebauten- c-, d- und e-Linien an. Die e-Linie (Nibelungen-Stellung) verlief ungefähr entlang der Oder und dann weiter über Glatz-Olmütz-Brünn bis Preßburg.

    Der eigentlich sehr gute Gedanke eines tiefgegliederten Stellungssystems litt am Personal- und Materialmangel zum Ausbau der Linien. Außerdem waren kaum Sicherungsbesatzungen vorhanden, die eine zumindest dünne Besetzung der Stellungen zur Aufnahme ausweichender Kräfte sichergestellt hätten. Nach Beginn des russischen Angriffs kam man auf den glorreichen Gedanken, den Volkssturm mit diesen Sicherungsaufgaben zu beauftragen. Es stellte sich jedoch sofort heraus, dass die Volkssturmeinheiten viel zu unbeweglich, nicht ausgebildet und mangelhaft ausgerüstet waren, um die Stellungen besetzen zu können. a-1, a-2 und b-Linie wurden von den schnell vorstoßenden sowjetischen Panzerverbänden rasch durchstoßen, die meistens zu Fuß marschierenden deutschen Verbände konnten diese Stellungen überhaupt nicht mehr erreichen und wurden schon vorher überrollt. Erst in Teilen der c-Stellung (etwa Höhe Posen) gelang es wieder, kurzfristig einen Widerstand aufzubauen.

    Siehe dazu:
    -Magenheimer, Heinz: Abwehrschlacht an der Weichsel. Vorbereitung, Ablauf, Erfahrungen (Einzelschriften zur militärischen Geschichte des zweiten Weltkriegs, 20). Freiburg 1986. Hier auf S. 61 eine Karte mit dem Verlauf der Stellungen.
    -Abwehr sowjetischer Großangriffe 1944/45. In: Arbeitsgemeinschaft Truppendienst (Hrsg.): Gefechtsbeispiele aus dem Zweiten Weltkrieg. (Truppendienst-Taschenbuch 16). Wien 1971, S. 270-292.
    -Schönherr, Klaus: Der Deutsche Volkssturm im Reichsgau Wartheland 1944/45. In: Militärgeschichtliche Beiträge, Band 1, Herford 1987, S. 105-120.


    Bei der Beschäftigung mit dem hier zu diskutierenden Thema wird man häufig auf recht alte Literatur aus der unmittelbaren Nachkriegszeit zurückgreifen müssen. Zu nennen wären z.B. noch:

    Middeldorf, Eike: Taktik im Rußlandfeldzug. Erfahrungen-Folgerungen. Berlin 1956.

    Schuler, Emil / Stirius, Hans-Werner: Infanterie im Kampf - Erfahrungen und Lehren aus Gefechtsberichten, Darmstadt 1963.

    Fretter-Pico, Maximilian:Mißbrauchte Infanterie. Deutsche Infanterie-Divisionen im osteuropäischen Großraum 1941 - 1944. Erlebnisskizzen, Erfahrungen und Erkenntnisse. Frankfurt 1957.


    Ganz nebenbei zu dem Thema historische Bespiele: Eine Fülle von Gefechtsbeispielen aus dem 2. Weltkrieg mit soliden Quellenangaben und vor allem mit einer Auswertung und daraus zu ziehenden Schlussfolgerungen gab es in einer Ausbildungshilfe der Bundeswehr:

    Heeresamt II 1 / Oberstleutnant Gerhard Elser: Kriegsnah ausbilden. Hilfen für den Gefechtsdienst aller Truppen, 1985.

    Grüße
    Jörg


    Guten Abend,


    ich denke, eine treffende Beurteilung zum Thema Feldstellungen hat Generalfeldmarschall von Rundstedt im Oktober 1943 abgegeben (auch wenn das auf die „Westfront“ gemünzt war):

    Die schweren Infanteriewaffen und die Infanterie können und dürfen nicht in dicken Bunkern verschwinden. Die Gefahr, daß damit der infanteristische Kampf starr wird, daß die Infanterie zum gegebenen Zeitpunkt nicht aus den Bunkern geht, ist groß. Sie muß aber beweglich kämpfen und beim Einsetzen des eigentlichen Erdkampfes ihre Deckungen auch verlassen können, um im Gelände je nach Lage zu kämpfen. Da es ausgeschlossen ist, für die ganze Infanterie bombensichere Betonbauten herzustellen, muß sie und ihre Waffen mit zahlreichen, gegliederten, gut versteckten und getarnten Deckungen vorlieb nehmen. Ihr Schutz ist dann das Aufgelockertsein im unauffälligen Gelände in tiefen, schmalen Gräben, Löchern, Erdwerken.

    (Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv RH 19 IV/1, Bl. 71 ff., abgedruckt in: Ose, Dieter: Entscheidung im Westen 1944. Der Oberbefehlshaber West und die Abwehr der alliierten Invasion (Beiträge zur Militär- und Kriegsgeschichte, 22) Stuttgart 1982, S. 283 – 304, hier S. 289).


    Ein anderer Erfahrungsbericht von der Ostfront sagt:

    Wir haben bald gelernt, dass in der Verteidigung nicht das Sperrfeuer oder die Artilleriebekämpfung oder sonstige Artilleriewirkung - so wertvoll das alles ist – entscheidet und Verluste spart, sondern das schnelle und tiefe Eingraben,“ (Geyer, Hermann: Das IX. Armeekorps im Ostfeldzug 1941 (Die Wehrmacht im Kampf, Bd. 46), Neckargemünd 1969, S. 99).


    Gleichzeitig machte man aber die Erfahrung: „Die Schanzträgheit des deutschen Soldaten hat überall zu unnötigen Verlusten geführt.“ (Kissel, Hans: Gefechte in Rußland 1941 – 1944, Berlin 1956, S. 50. Diese Erkenntnis findet sich dann auch in Vorschriften, z.B. HDv 130/11 Schanzzeuggebrauch und Stellungsbau der Infanterie vom 01.10.1944


    Feldstellungen aller Art, auch behelfsmäßige Stellungen in Kellern, Gebäuden usw. waren vor allem wichtig zum Schutz gegen Steilfeuer. So meldete eine Sanitätskompanie 1944 in Italien bei den Verwundungen ein Verhältnis von 21 (Steilfeuer, Artillerie, Luftwaffe) zu 1 (Handwaffen) und führte dies auf nicht ausreichenden Stellungsbau zurück (Greiner, Heinz: Kampf um Rom – Inferno am Po. Der Weg der 362. Infanteriedivision 1944/45 (Die Wehrmacht im Kampf, Bd. 44), Neckargemünd 1968, Anl. 11).


    Die Aussage der D 81/3 Besondere Bemerkungen von 1937: „Eine Stellung verteidigen heißt, sich in ihr totschlagen lassen!“ war dagegen in der Kriegswirklichkeit nicht haltbar. Ein sehr gutes Beispiel ist nach meiner Auffassung die Landung in der Normandie 1944. Der mit immensem Aufwand ausgebaute Atlantikwall an der Küste wurde schon in den ersten Tagen überall durchbrochen. Dann gelang es allerdings den im Vergleich mit den Alliierten jämmerlich schwachen, kümmerlich ausgerüsteten, nur über mangelhaften Nachschub und so gut wie keine Luftwaffe verfügenden deutschen Truppen durch geschickte Ausnutzung des Geländes und eine hochbewegliche, flexible Gefechtsführung den Ausbruch der Alliierten aus den Brückenköpfen wochenlang zu verhindern. Das gelang erst mit der Schlacht von Avranches Ende Juli 1944, gute 6 Wochen nach Beginn der Invasion.


    Prägende Negativbeispiele für die lineare Verteidigung ohne flexible Reaktion, also für „das Totschlagenlassen in der Stellung“ sind die großen russischen Angriffsoperationen an der Ostfront im Sommer 1944 - Bagration bei der Heeresgruppe Mitte und die Operationen am Südflügel/Rumänien, deren Verluste auf deutscher Seite um ein Vielfaches über der Schlacht von Stalingrad liegen.


    Bei den letzten Abwehrschlachten an der Ostfront 1945 konnte häufig nur deshalb die völlige Vernichtung der deutschen Truppen verhindert werden, weil man wieder wie im ersten Weltkrieg "Hauptkampfzonen" einführte. Die Infanterie wurde bei sich abzeichnenden feindlichen Angriffen aus den vordersten Stellungen zurückgezogen, um möglichst nicht von der Artillerie gefasst zu werden und sollte erst nach dem Vorbereitungsfeuer wieder die vorderen Gräben besetzen. Das ging allerdings angesichts der mangelnden Mobilität der damaligen deutschen Truppenreste oft genug schief und wurde deshalb von Hitler immer wieder verboten.


    Ein letzter Aspekt sollte auch noch kurz angerissen werden. Auch gut ausgebaute Feldstellungen helfen nichts, wenn Personal und Material zum Besetzen der Stellungen nicht ausreichen. Schlagendes Beispiel war die Heeresgruppe Mitte im Sommer 1944. Hier gab es an vielen Stellen teilweise tief gestaffelte Gräben, aber die die Frontbreiten und die Gefechtsstärken standen in einem mehr als abenteuerlichen Missverhältnis. Das I. Bataillon des Grenadierregiment 461 hatte z.B. mit 321 Soldaten eine Frontlänge von 7 km zu halten, das waren gerade mal 46 Soldaten pro km (Niepold, Gerd: Mittlere Ostfront Juni 1944, Herford 1985, S, 34 – 36).


    Dazu auch Kissel, Hans: Zur Problematik der Verteidigung von Stellungslinien, In: Wehrwissenschaftliche Rundschau 1/1953, S. 585 – 592.


    Es gab mal eine Jahresarbeit eines Generalstabslehrgang an der Führungsakademie der Bundeswehr, die sich sehr eingehend mit dem Wert von Feldbefestigungen befasste:

    Kasdorf, Bruno: Überleben im Gefecht - Feldbefestigungen und Deckungen. Die Bedeutung von Feldbefestigungen und Deckungen an kriegsgeschichtlichen Beispielen aus dem 2. Weltkrieg und nachfolgenden Kriegen und am gültigen Kriegsbild. Hamburg 1985.


    Leider kommt man an diese Jahresarbeiten kaum mehr heran, seitdem es bei der Bundeswehr DOKZENTBw bzw. DOKFIZBw in der alten Form nicht mehr gibt und das daraus entstandene „Fachinformationszentrum der Bundeswehr“ für Reservisten nur noch sehr eingeschränkt und für Zivilisten kaum mehr nutzbar ist.


    Grüße

    Jörg

    Hallo Oliver,

    zu Kurowski gibt es einen sehr aufschlußreichen Aufsatz des Militärhistorikers Roman Töppel auf der Website des Arbeitskreises Militärgeschichte:

    http://portal-militaergeschichte.de/toeppel_kurowski

    Töppel ist derjenige, der sich z.B. sehr tiefschürfend mit der Schlacht von Kursk 1943 (Unternehmen Zitadelle) beschäftigt hat und dabei mit vielen Legenden aufgeräumt hat.

    Apropos: Das Portal Militärgeschichte des Arbeitskreises Militärgeschichte enthält zahlreiche interessante Beiträge, z.B. hier

    http://portal-militaergeschich…wettstein_sturmartillerie

    oder als Gesamtüberblick

    http://portal-militaergeschichte.de/

    Grüße
    Jörg

    Hallo,

    Zum Thema Flucht habe ich seit zig Monaten "Die große Flucht" von Jürgen Thorwald im Schrank stehen, wenngleich ich auch nicht weiss, ob das taugen kann - war ein günstiger Blindkauf!

    naja - Thorwald ist auch nicht unumstritten, aber wahrscheinlich insgesamt doch etwas mehr an den Fakten orientiert als z.B. Kurowski, siehe z.B. den Wikipedia-Artikel über Thorwald:

    https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_Thorwald
    Die "Große Flucht" hat er mehrfach überarbeitet und viele fiktionale Elemente, die aufgrund neuerer Forschungen nicht mehr haltbar waren , herausgenommen.

    Grüße
    Jörg

    Hallo,


    man darf nicht nur nach „neuem“ oder „alten“ Buch unterscheiden, sondern muss auch die Intention des Autors sehen.

    Ein wenige Jahre nach Kriegsende geschriebenes Erinnerungsbuch ist meistens aus mindestens zwei Gründen nicht wirklich objektiv:

    1. Sind diese Bücher oft sehr stark von – durchaus verständlichen – Emotionen geprägt. Gerade im Fall Ostpreußen (oder auch Schlesien) ist bei diesen frühen Büchern auch häufig eine interessengeprägte Lobbyarbeit der damals sehr einflussreichen Vertriebenenverbände nicht auszuschließen.

    2. War damals kaum Quellenmaterial in den deutschen Archiven verfügbar, da sich die Masse des Archivmaterials noch in alliierter Hand befand. Erst nach sukzessiver Rückgabe der Akten an das Bundesarchiv erscheinen so ab den 1970er Jahren Arbeiten, die einem wissenschaftlichen Anspruch genügen, in größerer Zahl. Sicher gab es auch vorher schon sehr tiefschürfende Bücher zu einzelnen Themen, aber das war doch eher die Minderheit. Die Masse waren Schmöker im Stile von Kurowski usw.


    Ich würde immer mit einer oder mehreren der neueren Abhandlungen beginnen, die historischen Mindeststandards genügt und sich zumindest um Objektivität sowie sachliche Beurteilung der Quellen bemüht, auch wenn dabei vielleicht unangenehme Dinge zur Sprache kommen.


    Zu Ostpreußen ist ein guter Einstieg das Kapitel über „Ostpreußen“ im Standardwerk des MGFA zum zweiten Weltkrieg. Verfasser ist der bereits genannte Richard Lakowski (Richard Lakowski, Der Zusammenbruch der deutschen Verteidigung zwischen Ostsee und Karpaten, Abschnitt 3 c) Kämpfe an den Flanken – Ostpreußen, In: MGFA (Hrsg.): Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Band 10: Der Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945. Erster Halbband: Die militärische Niederwerfung der Wehrmacht. München 2008 S. 531 – 549). Lakowski zitiert Diekert/Grossmann einige Male, wenn es um Truppenstärken oder den taktischen Einsatz von Truppen geht.


    Was man für die Problematik Flucht etc. noch heranziehen kann ist auch:

    Zeidler, Manfred: Kriegsende im Osten. Die Rote Armee und die Besetzung Deutschlands östlich von Oder und Neiße 1944/45, München 1996. In einer gekürzten Fassung auch in dem vorstehend genannten Band des MGFA enthalten (S. 681–776).


    Einen ganz anderen, immer verdrängten Aspekt behandelt ein recht neuer Aufsatz in den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte:

    Willems, Bastiaan: Nachbeben des Totalen Kriegs. Der Rückzug der Wehrmacht durch Ostpreußen und seine Folgen. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 66 (2018), Heft 3, S. 408 – 433.

    Der Autor legt dar, dass sich die deutschen Truppen in Ostpreußen teilweise genauso verhielten wie in den vorher besetzten polnischen und russischen Gebieten. Es kam genauso zu Plünderungen und Zerstörungen wie im „Feindesland“, die von der Wehrmacht auf dem Rückzug aus der Sowjetunion entwickelten Vorgehensweisen waren auch auf deutschem Boden immer noch klar erkennbar.


    Grüße

    Jörg

    Hallo,

    das Inhaltsverzeichnis der Auflage von 2010 gibt es hier:

    https://d-nb.info/999328107/04

    Das Buch ist zum erstenmal 1960 erschienen und wurde anscheinend für die Neuauflagen nie überarbeitet. Es dürfte daher nicht gerade dem aktuellsten Stand der Forschung entsprechen.

    Aktueller dürfte da sicher das Buch von Lakowski sein: Ostpreußen 1944/45.
    Bibliographische Angaben hier:

    https://portal.dnb.de/opac.htm…i%26any&currentPosition=2


    Inhaltsverzeichnis hier:

    https://d-nb.info/1109802439/04


    Rezension hier:

    https://www.faz.net/aktuell/po…-tannenberg-15120150.html


    Grüße


    Jörg

    Hallo,

    in dem Buch von Eckard Michels, Deutsche in der Fremdenlegion 1870 - 1965. Mythen und Realitäten ((Krieg in der Geschichte, Band 2), Paderborn 1999, 5. Auflage 2006), ist auf Seite 142 kurz erwähnt, dass Teile der Fremdenlegion im Rahmen der 1. Französischen Armee (General Lattre de Tassigny) im Elsass und in Südwestdeutschland eingesetzt waren.

    Die entsprechende Seite habe ich als Anhang beigefügt.

    Grüße
    Jörg

    Hallo,


    die glatten und wenig treffsicheren Vorderlader der Zeit bis ca. 1840 konnten eigentlich nur im Masseneinsatz als geschlossene Linie bzw. im Peletonfeuer wirksam eingesetzt werden. Ein rasches Nachladen war fast nur im Stehen und bei ausreichend Platz möglich. In einem Graben waren diese Punkte nicht unbedingt ausreichend zu erfüllen.

    Erst mit Einführung zielgenauer, aber trotzdem schnell zu ladender Vorderlader (Minie-Geschosse usw.) und mit dem Aufkommen der Hinterlader waren diese Probleme behoben und damit eine wirksame Verteidigung auch aus dem Graben heraus möglich. Damit deckt es sich, dass die Verteidigungsgräben so etwa ab Mitte des 19. Jahrhunderts an Bedeutung gewannen.

    Man sollte auch den amerikanischen Bürgerkrieg 1861 bis 1865 nicht vergessen, hier entwickelten sich teilweise große Grabensysteme, die durchaus den Ersten Weltkrieg vorwegnahmen. Schon in der Schlacht am Antietam 1862 scheinen die Konföderierten einen vorhandenen Hohlweg und andere natürliche Gräben ausgebaut und zur Verteidigung genutzt zu haben. Auch in der Schlacht von Gettysburg 1863 wurde schon reichlich von Schützengräben Gebrauch gemacht.

    Aber Gräben zur Abwehr hat es in kleinerem Ausmaß unter Berücksichtigung der waffentechnischen Möglichkeiten sicher immer gegeben. Auch bei der Beschreibung der „kurbayerischen Landesdefensionslinien“, die sich während des Spanischen Erbfolgekrieges u.a. quer durch Bayern von Ingolstadt bis in die Oberpfalz zogen, hat man durchaus auch mit Gräben gearbeitet. Dazu gibt es umfangreiche Arbeiten, z.B. von dem Archäologen Hermann Kerscher.


    Grüße

    Jörg

    Hallo,

    im Bundesarchiv sind einige wenige Unterlagen dazu vorhanden, eine flüchtige Suche mit invenio brachte die beigefügten Ergebnisse.
    Einfach mal mit invenio "Suche" und wechselnden Suchwörten wie "MobPlan" "Mob.Plan", "Mobilmachungsplan", evtl. noch ergänzt durch "Marine" versuchen und dann durch die TEktonik der Suchergebnisse durchklicken.

    Grüße
    Jörg

    Guten Abend,

    es gibt eine Neuerscheinung zur Muna Bamberg, herausgegeben in der Reihe des Stadtarchivs Bamberg, was für eine gute Qualität spricht:

    Preuß, Johannes:

    Vom Artilleriedepot zum Ammunition Depot: 100 Jahre Muna Bamberg (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Bamberg 33) – Textband und Plantasche, Bamberg, 2019

    Inhaltsverzeichnis hier:

    https://d-nb.info/1210496453/04

    Grüße
    Jörg


    Guten Morgen,

    die Broschüren von 1980 und 1985 stammen nach meinem Kenntnisstand vom "Mönch"-Verlag, der damals eine Art Monopol auf diese Art von Schriften innerhalb der Bundeswehr hatte. Das Problem bei den meisten der von diesem Verlag herausgegebenen Standortbroschüren und Verbandschroniken der Bundeswehr ist, das sie mehr oder weniger vor allem Werbeträger der örtlichen Wirtschaft waren. Darauf beruhte das Geschäftsmodell des Mönch-'Verlages in diesem Sektor. Der substantielle Inhalt der Hefte ist meistens sehr dürftig, Quellenangaben fehlen fast immer.
    Wenn für die Jubiläumsbroschüre von 1990 vor allem aus den Broschüren von 1980 bis 1985 abgeschrieben wurde, wird da auch nicht sehr viel Brauchbares zu finden sein.
    Die Nachfolge-Einheit der PzPiKp 310 ist die Luftlande-Pionier-Kompanie 270 in Seedorf, mit dieser Kompanie wurde die 310 im Jahre 1992 fusioniert.

    https://www.fallschirmjaegerka…luftlandepionierkomp-270/

    Man könnte dort mal anfragen, vielleicht gibt es ja eine Kompaniechronik, die auch die "alte" PzPiKp 310 berücksichtigt.

    Grüße
    Jörg