Posts by Joseph O.

    Liebe Schriftgelehrten,


    ich hätte da mal einen Text von meinem Onkel, den dieser - es ist wohl sein letzter Brief, den ich bei meiner Wilna-Dokumentation nicht berücksichtigt habe (weil erst vor kurzem entdeckt) - wohl kurz nach seiner Ankunft in Wilna geschrieben haben muss. Er ist dort bei den Kämpfen um den Kessel Wilna ein paar Tage später gefallen.


    Einen Teil habe ich bereits "übersetzt" - einige Lücken geben mir ein paar Rätsel auf.


    Der von mir übersetzte Text lautet:



    "Nr. 29 Im Osten, 5.7.44

    Liebe Mutter und Röschen!

    Die schönsten Grüße sendet Euch Euer Franz. Ich will Euch nur einen ganz kleinen Gruß herübersenden,

    da ich sehr wenig Zeit habe. Aber damit Ihr Bescheid wisst, wie es mir geht.

    Es geht mir nämlich noch sehr gut und hoffe dasselbe auch noch von Euch.Wir sind im Mittelabschnitt gelandet. Hier ist es augenblicklich sehr heiß.

    Und nun will ich schließen. Wenn ich Zeit habe, dann nächstens mehr. Macht Euch keine Sorgen.

    Es grüßt Euch recht herzlich Euer Franz.


    Rückseite:

    An Tante Liesbeth in Münster habe ich auch diese Tage wieder hingeschrieben. Da sie mir …….

    ...und nun wissen wollte, wie es mir noch geht, da sie lange nichts mehr von mir hörte. Man kann ja auch nicht immer…..

    ...Und nun habe ich es auch schon lange wieder vergessen."




    Vielleicht hat jemand Interesse und ein paar Ideen, was an den betr. Stellen zu lesen sein könnte. Evtl. sind ja auch in meiner Übersetzung einige Schwächen...?!



    Vielen Dank,


    Joseph

    Hallo Dieter,


    noch ein kleiner Nachtrag...


    Bei Wikipedia fand ich zu Julius Christiansen den folgenden Eintrag:


    "Ab November 1942 war er als Major Leiter des Abwehrkommandos 304 in Wilna. In dieser Funktion unterhielt er bis 1944 zur Bekämpfung sowjetischer Partisanen Kontakte zur Führung der Polnischen Heimatarmee. Im Juni 1944 übernahm er die Leitung des Frontaufklärungskommandos 305 in Galizien und Krakau, zuletzt als Oberstleutnant. Kurz vor Kriegsende geriet er in sowjetische Gefangenschaft, in der er 1951 starb."


    Wenn Du nach den Umständen des offensichtlich gelungenen Kesselausbruchs von jenen Angehörigen der Abwehr suchst, wäre das Abwehrkommando 304 der Gegenstand Deiner Nachforschungen - sofern denn die Aussagen von Wiki korrekt sind?!


    Gruß,


    Joseph

    Hallo Bernhard,


    zunächst bitte ich um Entschuldigung, dass sich so verzögert reagiere: Ich bin leider nicht mehr so häufig im Forum aktiv...


    Vielen Dank für Dein Foto und die Infos.


    Ich werde mich mal an den VDK wenden und Deine Hinweise weitergeben.


    Die Tatsache, dass man dort sogar eine aufwendige Grabanlage geschaffen hat, ist evtl. ein Hinweis darauf, dass man diese Grablage bereits kennt - oder darauf, dass dort litauische Einwohner tätig geworden sind, wofür man große Hochachtung haben sollte. Auch aus Berichten von Eugen Hinnen weiß man, dass Einheimische über Jahrzehnte (deutsche) Soldatengräber gepflegt haben - auch in der kommunist. Phase.


    Ich werde wieder schreiben, wenn ich weitere Infos vom Gräberdienst des VDK habe.



    Schöne Grüße


    Joseph

    Hallo Dieter,


    leider bin ich erst jetzt dazu gekommen, mal wieder hier im Forum vorbeizuschauen.


    Der Sohn von Major Christiansen, leider kurz nach der Veröffentlichung seines Buchs in Litauen vor ein paar Jahren verstorben, hatte hier im Forum etliche Posts veröffentlicht, welche ich jetzt nach sehr kurzer Recherche nicht mehr wiederfinde. Er hatte sich dort häufig mit einem Foristen aus Polen (Stettin) mit dem Nick "Antoni" ausgetauscht. Da ich den Kontakt zu einem lit. Verlag bez. der litauischen Ausgabe seines Buchs vermittelt hatte, führte ich mit Herrn Christiansen etliche Telefongespräche, wo er mir auch noch einige "Döntjes" aus jener Zeit erzählte. Er hatte seinen Vater während dessen gesamter Dienstzeit nur einmal (zur Weihnachts-/Silvesterzeit 1943/44) auf der Fahrt in einen Heimaturlaub mit der Zwischenstation Wilna treffen können.


    Hier:


    Kesselausbruch Wilna ( Vilnius ) 1944


    habe ich mal darauf hingewiesen - habe aber auch die dort markierte Stelle im "LdW" nicht mehr öffnen können. Eventuell ist da etwas nach längerer Zeit der Inaktivität gelöscht worden...?


    Vielleicht wirst Du ja noch fündig - die erwähnte Einheit, deren Chef Major Christiansen war, mit Nummer etc. ist mir jedoch noch nicht in Texten begegnet.



    Schöne Grüße und viel Erfolg!


    Joseph

    Hallo Reinhard,


    wahrscheinlich hast Du es bereits gefunden: In der von Bernhard genannten Quelle gibt es eine Karte zum 10. Januar 1945 (Lage Ost). Zu diesem Zeitpunkt liegt Augustow direkt im Frontbereich (vgl. Anhang).


    Bleib gesund!


    Joseph

    Hallo Manni,



    auch von meiner Seite ein herzliches Willkommen hier beim "FdW" - Paul Spohn hat mich auf einen neuen Interessenten an der Wilna-Problematik hingewiesen.


    Ich hoffe und bin sicher, dass Du hier ein paar Informationen bekommen kannst, was das Schicksal Deines Verwandten in jenen Tagen des Kesselausbruchs betrifft.



    Ich sende Dir ein paar Infos aus meiner Doku zum Kesselausbruch ("Wilna 1944 - Spurensuche", etwa S. 278 - 292). Leider ist dabei die Formatierung ein wenig durcheinandergeraten - aber das Wesentliche wird wohl sichtbar werden: Fehlende Abb. sind ggf. im Anhang zu finden.


    ------------------------------------------------------


    "Versuch einer Kräftebilanz RA/WH



    Die deutschen Streitkräfte im Bereich Wilna bestanden aus den unterschiedlichsten und teilweise improvisiert zusammengestellten Einheiten. Die folgende Übersicht verdeutlicht die anfangs äußerst geringe Stärke der Besatzung von Wilna und zugleich ihre nur unzulängliche Bewaffnung. Daher ist davon auszugehen, dass noch einiges bis zum Kesselschluss nachgeführt werden konnte.


    Zwischen diesen Angaben und denjenigen der sowjetischen bzw. auch polnischen Seite bestehen erstaunliche Unterschiede, die unter anderem darauf beruhen, dass die Stärke von Einheiten gleichen Typs stark differierte.



    I./SS-Pol.Rgt. 16


    Stärke 4 Kp. zu 90 Mann


    Bewaffnung 45 le.M.G.; 15 s.M.G.; 5 m.Gr.W.; 2x7,5 cm Pak d[1];


    4x4,5 cm Pak; 4 SPW; 2 Pz.Sp.Wg.



    Div.Füs.Btl. 170


    Stärke 10 Offz.; 35 Uffz.; 250 Mann


    Bewaffnung 6 s.M.G.; 17 le.M.G.; 32 M.Pi.; 50 Faustpatronen[2];


    12 Schießbecher[3]; 200 Gewehre.


    Kampf-Btl.Wilna zusammengestellt aus Urlaubern und Versprengten


    Gesamtstärke 1440


    Bewaffnung nur Karabiner.



    Rgt. 399


    Stärke 24 Offz.; 167 Uffz.; 933 Mann


    Bewaffnung 42 le.M.G.; 7 s.M.G.; 1x7,5 Pak; 5x4,5 Pak (r);


                                        1x3,7 Pak; 6 m.Gr.W.; 6 le. I.G.; 2x7,62 (r)[4]



    Gren.Brig. 761 bisher eingetroffen: 1 Btl. Stabskp. und 14. Kp.


    Gesamtstärke 18 Offz.; 179 Uffz.; 942 Mann


    Bewaffnung pro Kp. 11 le.M.G.42; 2 s.M.G. ohne Lafette; 3 m.Gr.W.;


    30% ausgestattet mit M.Pi.[5] u. Schnellfeuergewehren.[6]


    14.Kp. Bewaffnung: 12x7,5 Pak ohne Bespannung.



    Art.Gruppe Tietz


    Stärke 17 Offz.; 123 Uffz.; 447 Mann


    Bewaffnung 9 le.F.H.; 6 s.F.H. (A.R. 240).



    Flak-Abt. 296


    Stärke (keine Angaben)


    Bewaffnung 4 Bttrn. mit 12x8,8 cm und 8x2 cm 38;


    1 Flak-Kampftrupp mit 2x8,8 cm und 3x2 cm Flak 38




    Pz.Jg.Abt. 256



    Stärke (keine Angaben)


    Bewaffnung 3x7,5 Pak; 1x2 cm Flak (Sf); 1 Marder[7]


    Erste Teile Btl.Stab und halbe Kp. (130 Mann) des Fallschirm-Rgt. im Luftlandetransport


    eingetroffen.



    Besatzung von Wilna, Stand 7.7.1944, 19.00 Uhr[8]



    Eine Karte (vgl. Abb. 61 und Abb. 79 (Anm. diese Karte habe ich hier im Anhang beigefügt)) als Anlage zu einem Lagebericht vom 07./08.07.1944 zeigt folgende Dislozierung der deutschen Kräfte:

    • Stadtzentrum: Art.-Regiment 240; Schwere Granatwerfer-Kompanie 170,
    • Nordwesten: Bataillon Kreutzer,
    • Nordnordwesten: 2 Kompanien der Wilna Einheiten,
    • Norden: SS-Polizei-Regiment 16 (I. Bataillon),
    • Nordosten: Bataillon Laabs; dahinter: Divisions-Füsilierbataillon 170,
    • Osten: Kampfgruppe Soth; Bataillon Bartels,
    • Osten (Verspr.[9]: 1 km südl. von Nowa Wilejka: A.G.P. 4, (Armee-Geräte-Park); 1 km südöstl.: 2 lettische Kompanien; 1 km östl. von Nowa Wilejka: Kompanie Kolbe),
    • Ostsüdosten: Grenadier-Regiment 399,
    • Südosten: Bataillon Neubert; dahinter: I./Grenadierbrigade 761,
    • Süden: II./Grenadierbrigade 761,
    • Südsüdosten: II./Fallschirmjäger-Regiment 16.


    Eine polnische Quelle[1] nennt dagegen folgende deutsche Einheiten:

    • Kampfgruppe Soth: Grenadier-Regiment 399; A.R. 240; s. Gr.Wf.-Kp. 170;
    • Kampfgruppe Kolbe: 5 Kompanien Infanterie; Panzerjäger-Abt. 256;
    • Füsilierbataillon 170; Infanteriebataillon Neubert; Bataillon Laabs;
    • Kampfgruppe Bauch: 5 Kompanien Infanterie;
    • Kampfgruppe Schubert: I./Grenadierbrigade 761; 2 zusammengefasste Inf.Bat.;

    Kampfgruppe Titel: 1. Bataillon des SS-Polizei-Regiments 16


    [1] L. Kania, Wilno 1944 – Operacja AK "Ostra Brama", Bellona De Agostini 2013.

    .

    .

    .


    Hier noch ein "Gefechtsbericht":


    "Gegen 02.00 Uhr Stellungswechsel des Gefechtsstandes zur Gruppe Soth (Kloster "Ave Maria"). Gegen 02.30 Uhr Feuerbereitschaft der gesamten Artillerie-Gruppe in den neuen Räumen und für die neue HKL. Rückwärtiger Gefechtsstand im Feuerstellungsraum 5./A.R. 240 wird eingerichtet und durch Adjutant besetzt. Heftige Feindangriffe im Laufe des Vormittags mit Panzern besonders in Gegend Bahnhof und Kasematten werden durch beobachtetes, wirksames Feuer zerschlagen. Ein Vorschieben von Panzern und Lkw auf der Straße Neu-Wilna –Wilna durch zusammengefasstes Feuer verhindert. Die wiederholten Anrufe der Inf.-Führer, die einmal das gut liegende Feuer der Art. melden und zum anderen ihren Dank für die Unterstützung zum Ausdruck bringen, werden schnellstens bis zum letzten Kanonier weitergegeben, wodurch der Kampfgeist der Artilleristen gesteigert wird.

    In den Mittagsstunden werden die Feuerstellungen der 4. und 5. Battr./A.R. 240 durch Partisanen und durchgesickerte reguläre Truppen überraschend von Süden her angegriffen. Durch gut liegendes direktes Feuer der Batterien auf die Angreifer und auf Wohnblocks in Nähe der Feuerstellungen kann nach ungefähr 2 Stunden härtester Kampfhandlungen die Lage wieder hergestellt werden. Entscheidenden Anteil am Freikämpfen der am stärksten bedrängten 5./A.R. 240 hat Leutnant Schulz mit seiner tapferen Reservegruppe, die vorwiegend aus Teilen der Stabsb. und der Abtl. Protze besteht. Gemeinsam mit Teilen der Kampfgruppe Schubert wird erneut der durchgebrochene Feind angegriffen und nach erbittertem Kampf erreicht die Kampfgruppe Schulz als einzige das befohlene Angriffsziel und stößt darüber hinaus vor. Die beiden leichten Battrn. sind wieder feuerbereit und beteiligen sich an den Abt.-Feuerschlägen.

    In den späten Nachmittagsstunden erneuter Feinddurchbruch gegen Stellungsraum 4./A.R. 240. Ein Herankommen des Feindes an die Geschütze wird verhindert. Feind bleibt jedoch 200 m Entfernung vor der Stellung fest liegen und verstärkt sich weiterhin. Reservekräfte zum Zurückwerfen dieser Feindteile stehen nicht zur Verfügung.

    In den Abendstunden Stellungswechsel der Batterie mit allen Rohren und aller Munition in den Stellungsraum der 12./A.R. 240, 600 m nordwestlich der alten Stellung. Erneuter Angriff auf den Stellungsraum der 5./A.R. 240 wird unter Führung des Battr.-Chefs Oblt. Henning von der Nahverteidigung unter hohen blutigen Verlusten für den Gegner abgewiesen."


    Gefechtsbericht II./A.R. 240 – Eintrag 09..

    .

    .

    .


    In polnischen Quellen[1] wird berichtet, dass Stahel den Befehl gegeben habe, in drei Gruppen vorzugehen:


    • Die größte in Stärke von ca. 1.800 Soldaten unter dem Befehl von Major Schubert hatte zuvor südliche Stadtteile im Bahnhofsbereich verteidigt.
    • Die zweite Gruppe unter Major Soth, des nach polnischen Angaben "eigentlichen Helden" der siebentägigen Schlacht um Wilna, umfasste ca. 800 Soldaten vor allem aus der 170. I.D.
    • Generalleutnant Stahel führte die dritte Gruppe, in Stärke etwa eines Bataillons, welche den Durchbruch im Bereich des 1229. Sch. Rgt.[2] der sowjetischen 144. Schützendivision schaffen sollte.

    [1] L. Kania, Wilno 1944, Bellona Warszawa, S. 195 f.


    [2] Vgl. Karte der Abb. 125, vgl. Anlage) Die hellgrau-gestrichelt dargestellten Wege sind mögliche alternative Fluchtrouten. Die Fähre bei Leśniki im Südwesten war nicht verfügbar.
    Breite dunkle Linien markieren den Frontverlauf am Ausbruchstag (12.07.). Die schmale graue Linie stellt den Frontverlauf am 11.07. dar – die Spaltung des Kessels ist zu diesem Zeitpunkt eingeleitet.



    Der Übergangspunkt war im Grunde eine gute Wahl. Er war aber auch, zumal in der Nacht (dichte Wolkendecke, Regen, kaum Mondlicht) nach langem Anmarsch durch das Waldgebiet, leicht zu verfehlen. Das Gros der Ausbrechenden wählte wohl den Bereich um 84,2 – für einen kleineren Truppenteil wird von einer Überquerung berichtet, die sich im NW-Eck des heutigen Vingio-Parks abgespielt haben muss. Dort weist die sowjetische Karte (Abb. 125) auch noch auf der anderen Seite des Flusses einen schmalen, scheinbar unbesetzten Bereich aus, der einen möglichen Weg in das hügelige Gebiet jenseits des Flusses markiert.


    Die Sowjets konnten eine Zeitlang getäuscht werden, begannen nach dem Erkennen der deutschen Übersetzabsichten aber damit, den gesamten Bereich mit heftigstem Störungsfeuer durch Granatwerfer und MG zu belegen. Auch das Versammlungsgebiet der deutschen Truppen im Wald von Vingio, wo jetzt mindestens 3.000 Soldaten auf ihre Chance warteten, wurde sehr intensiv beschossen.


    Nach mündlichem Bericht des Zeitzeugen M. Korth und anderer Zeitzeugen wurden im Wald, in der Zakręt-Schleife, sehr viele deutsche Soldaten verwundet und getötet, weil die sowjetischen Artilleriegranaten die Bäume in größerer Höhe trafen und dort oben explodierten. Gegen die sog. "Baumkrepierer", welche wie Schrapnells[1] wirkten, gab es praktisch keinen Schutz und keine Deckung. Die Granat- und Holzsplitter hagelten auf die sich verzweifelt am Boden Duckenden mit tödlicher Wucht herab.

    Es soll in der apokalyptischen Szene zu Disziplinlosigkeiten an der Grenze zur Meuterei gekommen sein. Ein General (Stahel?) habe das Kommando an jeden beliebigen Soldaten abgeben wollen, wenn man ihm einen gangbaren Ausweg zeigen könne – so die Aussagen von M. Korth. Auch der Zeitzeuge Hans L. kritisierte in einem Gespräch ein "Führungs- und Planungsproblem" des Stadtkommandanten. Es ist anzunehmen, dass angesichts des Horrorszenarios schließlich jeder auf eigenen Faust einen geeigneten Übergang zu finden versuchte. In solchen Grenzsituationen wird der "Befehl" ausgegeben: "Rette sich, wer kann!" In der ausgebrochenen Massenpanik sind daher gewiss auch viele andere Stellen des westlichen Teils der Schleife passiert worden – auch etliche mit starker Strömung und großer Wassertiefe …"


    ---------------------------------------------------


    Im Original-Bericht[1] von M. Blanken und H. Tietz kommt nach einer Beschreibung der grausigen Realität u. a. der Funker einer Abteilung des A.R. 240 zu Wort: vgl. Anhang "Bericht"



    Abb. 127: Vergebliche Flucht – Gefangennahme


    Zu den in dem obigen Text erwähnten Racheakten von angeblich jüdischen Partisanen an verwundeten deutschen Soldaten wird an anderer Stelle (vgl. u. a. Seite 344) noch zu berichten sein. Hans L. schildert, dass er das Glück hatte, sich nach einigen Schwimmzügen an ein Schlauchboot klammern zu können. Dies sei jedoch in der Flussmitte gekentert, als sich ein Pulk von 10–15 anderen Verzweifelten ebenfalls daran festhalten wollte. Die meisten

    seien daraufhin davongetrieben und in der Dunkelheit lautlos verschwunden – Schreien war strengstens untersagt worden …

    Der zitierte Ausschnitt aus der Chronik des A.R. 240 (Abb. 127) vermittelt einen Eindruck von dem Schreckens-Szenario der ersten Überquerung. Zahlreiche Soldaten ertranken oder wurden im Wasser schwimmend von Kugeln getroffen. Die Nichtschwimmer, wie Franz O., waren ohne Übersetzhilfe besonders hart betroffen. Die Verwundeten mussten umkehren und versuchten, sich anderweitig zu retten. Die wenigen Glücklichen, welche an der ersten Übergangsstelle das andere Ufer lebendig erreichten, hatten so gut wie nichts an Ausrüstung mitnehmen können.

    .

    .

    .


    Nun zurück zur militärischen Lage in Wilna an jenem Tage: Die Übersichtskarte[1] der Abb. 130 zeigt die Entwicklung der Kämpfe um den Stadtkern von Wilna bis zum Ausbruchstag auf der Basis der Kriegstagebücher, primär des Pz.A.O.K. 3. Markiert sind auch die Standorte der drei verbliebenen Lazarette als Kreuzsymbol in einem Kreis mit dem Kürzel "Laz": Basiliuskloster, Frühere Realschule, "Hindenburg-Lazarett" (Reihenfolge von Ost nach West).


    Abb. 130: Frontverläufe im Zentrum von Wilna


    Das sog. Eisenbahner-Lazarett (auch als "Spanisches Hospital" bezeichnet) war zu diesem Zeitpunkt bereits in den Händen der RA. In der Nacht zum 13.07.1944 wurde der Kessel durch einen sowjetischen Vorstoß der 144. Sch.Div. gespalten – in obiger Karte (Abb. 130) durch ein breites Pfeilsymbol in Richtung Norden dargestellt (Kartenzentrum).


    Die Karte[2] der Abb. 125 wurde als Bestandteil eines sowjetischen Berichts zu den Kämpfen um Wilna erstellt. Obwohl in diesem Punkt eine Übereinstimmung besteht, lassen sich auch etliche Divergenzen zwischen dieser Karte und den beiden folgenden deutschen Lagekarten erkennen.


    Abb. 131: Rücknahme der deutschen Stellungen



    Das Ende des Füs.Bat. 170 in Wilna


    Vor dem Hintergrund des unter dem Transparentpapier schemenhaft erkennbaren Frontverlaufs am 07./08.07. (vgl. Abb. 79) zeigt sich, dass die deutschen Verteidiger des "Festen Platzes" schon zwei Tage später auf einen immer engeren Raum zurückgedrängt worden waren. Von NO und SO erfolgten am 09. und 10.07. sowjetische Panzervorstöße und erforderten die Rücknahme der Stellungen auf die schwächer sichtbaren "schwarzen" Positionen. Im Norden ist die Kampfzone des SS-Pol.Rgt. 16 (Kommandeur W. Titel) eingetragen. Jene Einheit hatte sich gemeinsam mit dem Füs.Bat. 170, jedoch auf getrennten Wegen, aus dem Stadtteil Antakalnis bzw. Šnipiškės im Nordosten bzw. Norden in diesen Teil des Stadtzentrums zurückziehen müssen ( vgl. Abb. 133). Folglich ist denkbar, dass Franz O. in der Endphase um den 12.07. im Bereich des Lukiškės-Platzes zu kämpfen hatte.


    Abb. 132: Deutscher Absetzplan mit Anmarschrouten


    Die Karten-Pause (Abb. 132) auf der Basis der Karte in Abb. 79 stellt die Lage und Planungen zum 12.07.1944 dar. Das Fahnensymbol etwa beim "Hindenburg-Lazarett" bedeutet, dass nunmehr dort der Gefechtsstand des Stadtkommandanten eingerichtet worden war. Interessant sind hier die Hinweise auf zwei getrennte Anmarschwege zu den geplanten Übergangsstellen – und auf einen nördlichen zweiten Überquerungspunkt, der primär der Gruppe "Soth" zugeordnet worden war. Die Gruppe "Schubert" sollte ihre Stellungen im Bahnhofsbereich räumen und den südlichen Punkt ("84,2") ansteuern. Wie so häufig im Kriegsgeschehen, ergab sich auch hier eine sehr große Diskrepanz zwischen noch so guter Planung und ihrer Umsetzung unter Gefechtsbedingungen.


    [1] Die Übersicht stammt von OTL a.D. H. Schneider (vgl. auch Abb. 99). Es bestehen offensichtlich gewisse Diskrepanzen zu der oben gezeigten sowjetischen Karte.

    [2] Quelle: Briedis-Verlag bzw. NARA.


    Nach DRK-Angaben schafften es nur etwa 20 % der angetretenen Ausbruchsgruppen, den Fluss zu passieren – sie führten lediglich leichte Waffen in geringer Zahl mit sich. Nach kurzer Verschnaufpause und provisorischem Trocknen von Kleidung und Waffen versuchte man die Hügel westlich der Wilija zu überwinden. Oben angekommen, bot sich den Überlebenden ein letzter schaurig-eindrucksvoller Blick ins Tal – auf die brennende Stadt. Dieses Bild wird so mancher nie vergessen haben.


    H. Frischmann schrieb an den Schluss seiner Erinnerungen:


    "Die Flammen von Wilna sehe ich noch heute!"


    In der Karte der Abb. 128 ist die formale militärische Lage der eingeschlossenen Truppen festgehalten. Beim grau und dünnlinig umrandeten Wilna-Kessel symbolisiert der kleine Vorsprung[1], westlich der Neris, das Häuflein derjenigen, das sich nun auf den Weg zur zweiten Flussübergangsstelle machen musste. Es sollte eine sehr schwierige Wegstrecke von etwa 25 Kilometern werden. In einem der Zeitzeugen-Berichte wird angedeutet, dass eine Pioniereinheit[2], die zur Erkundung einer geeigneten Übergangsstelle eingesetzt war, nicht wieder zurückkehrte, um befehlsgemäß vom Untersuchungsergebnis zu berichten. Das Es war könnte praktisch sich um eine kollektive Fahnenflucht gehandelt haben.


    [1] Vgl. besser aufgelöste Karten im Online-Material.

    [2] In der Einheiten-Übersicht ist keine (vollständige) Pioniereinheit aufgeführt, möglicherweise waren nur Teile einer solchen Gruppe in die Stadt gelangt. Im KTB Pz.A.O.K. 3 wird das dem Festen Platz zuzuführende I./Fs.Pi.Rgt.21 erwähnt. Zudem ist von Pionieroffizieren die Rede, welche die Wilija-Brücken zur Sprengung vorbereiten sollten.

    [1]     Martin Blanken, Geschichte des A.R. 240 in der 170. I.D. 1939–1945, S. 118.


    ---------




    Vielleicht reichen diese Infos einstweilen...


    Wenn Major Schubert angeblich in ein Lazarett eingeliefert wurde, kann dieses nur bedeuten, dass er auch den zweiten Übergang irgendwie geschafft hat. Dieser verlief noch apokalyptischer als der erste in der Nacht zum 13.07.44...


    Ich hoffe, dass ich mit diesen Zeilen ein wenig helfen konnte - falls es weitere Fragen gibt, stehen ich oder auch andere Fachleute dieses Forums gerne zur Verfügung.



    Bleib gesund - so grüßt man ja wohl heutzutage!



    Joseph


    P.S.: Die blauen Links u. a. Merkwürdigkeiten stammen aus der E-Book-Variante der Dokumentation mit ca. 2000 Querverweisen - ich möchte mir hier nicht die Mühe machen, all diese "Farbenspiele" zu löschen.

    Hallo Dieter,


    vielleicht kannst Du hier in dieser litauischen historischen Zeitschrift etwas finden:


    http://www.voruta.lt/antanas-v…etimi-didvyriai-vi-dalis/


    Der Autor ist mir bekannt. Die auf dem Eingangsfoto abgebildeten Toten sollen Litauer sein, welche als Rache für die Weigerung dieser litauischen Gruppen (Plechavicius) zur Kooperation mit den Deutschen erschossen wurden.


    Hier:

    https://en.wikipedia.org/wiki/Povilas_Plechavi%C4%8Dius


    wäre noch etwas zu Plechavicius.


    Gruß,


    Joseph

    Hallo Arnd,


    ein kleiner Auszug aus meiner Doku "Wilna 1944" (S. 51):


    "...Letztlich war das Anschwellen der Partisanenbewegung[1] vor allem in Weißrussland die Folge eines taktischen Fehlers der deutschen Militärführung. Sie hatte es zugelassen, dass sich beim Vorstoß auf Moskau im Winter 1941/42 zwischen den Heeresgruppen Nord und Mitte eine Lücke auftat ("Die Tore von Surazh"). Durch dieses "Loch", das ca. ein halbes Jahr nicht geschlossen werden konnte, waren die Sowjets bis September 1942 in der Lage, den weißrussischen Partisanen Kämpfer, Waffen und Versorgungsgüter zu schicken[2].."


    Gruß,


    Joseph


    [1] Legende zur Karte: Quadrate – Stäbe, Kreise – Gruppen in Regimentsstärke, die Lage von Wilna markiert ein Rechteck. Quelle: "Forum der Wehrmacht".

    [2] Vgl. T. Snyder, Bloodlands, S. 244.

    Hallo Bedeegc,



    vielen Dank für Deinen Beitrag und für die Fotos.


    Es ist gut, wenn man vor Ort Kontakte hat - zumal im schönen Vilnius.


    Ich werde Dir per PN eine mail-Adresse zusenden, unter welcher Du einen vor Ort in Vilnius lebenden Fachmann, Historiker und auch "IG-Vilnius 1944"-Mitglied erreichen kannst.



    Wo wurde denn das Foto "Schützengraben (V 02)" aufgenommen?

    Aber wenn Mann die Fotos sieht muss ich noch mal zurück wenn die Blätter weg sind.


    Dann warten wir mal auf den Herbst - und hoffen auf weitere Impressionen aus Vilnius und Umgebung ... :thumbsup:



    Schöne Grüße


    Joseph

    Und nochmals Hallo


    und der letzte Teil.


    Hier hat Herr Paulsen ein paar Fotos beigefügt, welche von der Übergangsstelle bei Bukčiai (Buchta) (Waldgebiet, an die westl. Basis der markanten Neris-Schleife (Vingio-Park) angrenzend; vgl. unterer roter Pfeil) angefertigt wurden.

    Dort sind möglicherweise auch einige Versprengte über die Neris gelangt - in einem Bericht liest man davon. Daneben gab es auch Berichte von Entkommenen, welche der Neris praktisch fast die halbe Strecke bis Kaunas gefolgt sind.


    Das Gros setzte jedoch bei Grigiskes (oberer roter Pfeil) über.


    Ergänzend hatte Herr Paulsen noch die Auskunft des DRK beigefügt.



    Gruß,


    Joseph

    Hallo,


    und nun die Fortsetzung ...


    Hier schildert Herr Paulsen seine Eindrücke von einer Besuchsfahrt nach Vilnius. Er traf dort auch den im Buch erwähnten Verleger, dessen Verlag exakt an der

    1. Übergangsstelle beim Kesselausbruch 1944 liegt und welcher sich sehr intensiv mit dieser Thematik beschäftigt hat. Unser leider so früh verstorbener Freund Gintas

    aus Vilnius hat sein bereits o. e Buch (Gintautas Šironas, Liesnojantis Vilnius (= Vilnius in Flammen. Erinnerungen von Zeitzeugen)) - vgl.:


    http://www.briedis.lt/Knygos/S…dininku-prisiminimai.html


    auch dort veröffentlicht.


    Gruß,


    Joseph



    wird fortgesetzt...

    Hallo zusammen,


    vor ein paar Tagen erhielt ich einen Brief aus Schleswig-Holstein, der von einem Leser der Wilna-Dokumentation verfasst worden war.

    Er stellte sich als Sohn eines bei Wilna Vermissten vor und hatte auch die Diskussionen hier in unserem Forum - insbesondere diesen Thread - intensiv verfolgt.

    Für uns von der "IG Vilnius 1944" ist es immer wieder schön, wenn man nach so langer Zeit nach dem Erscheinen des Buchs noch ein wenig Resonanz erfährt.


    In diesem Fall stellte sich heraus, dass der Vater von Herrn Paulsen in der gleichen Batterie wie der ebenfalls vermisste Vater unseres Mitglieds Wulf ("radio4wk") eingesetzt war,

    deren Stellungen in Wilna ja teilweise ermittelt werden konnten.


    Mit Zustimmung von Herrn Paulsen möchte ich seinen Brief sowie einen Reisebericht nach Vilnius (bereits vor ein paar Jahren) hier veröffentlichen. Er lässt auch einen kleinen Einblick in die

    Gedanken eines Kriegswaisen zu.


    Sollte jemand zur direkten Kontaktaufnahme seine Anschrift benötigen, bitte ich um eine PN.



    Gruß,


    Joseph



    wird fortgesetzt...

    Hallo zusammen,


    vielen Dank für die Infos und die Rückmeldungen.


    Die abgebildete Fallschirmjägerkolonne wird den vereinigten Resten des II. und III. Bataillons des FJR 16 angehören, welche sich nach dem Kesselausbruch am 13.07.1944 im Zuge des Entsatzangriffs und nachfolgenden Rückzugs der 6. Panzerdivision gemeinsam Richtung Kaunas zurückziehen:


    "... Im Juli 1944 Ende Juni 1944 wurde das Regiment aus dem Divisionsverband heraus gelöst und über die Standorte Stendal, Wittstock und Gardelegen am 7. Juli 1944 im Lufttransport an die durch die sowjetische Großoffensive gegen die Heeresgruppe Nord bedrohte Ostfront verlegt und im Raum Wilna in Litauen unter der Bezeichnung "Kampfgruppe Schirmer" eingesetzt. Das II. Bataillon wurde in Wilna eingekesselt und vernichtet. Der Rest des Regiments wurde nach Kaunas verlegt und sollte von dort nach Wilna marschieren. Diese Teile des Regiments gelangten bis Lentvaris, wo sie eingekesselt und vernichtet wurden. Gerhart Schirmer schlug sich mit den Resten seines Regiments nach Westen durch...."
    (Quelle: http://www.lexikon-der-wehrmac…nregister/S/SchirmerG.htm)


    Horst wünsche ich eine weiterhin angenehme Reise durch das schöne Estland - ganz sicher lohnenswert auch ohne militärhistorischen Bezug...


    Gruß,


    Joseph

    Hallo zusammen,


    heute ist der 75. Jahrestag des Kesselausbruchs aus Wilna.


    Leider ist es mir bzw. anderen Mitgliedern der "IG-Vilnius 1944" nicht möglich gewesen, in diesem Jahr eine bereits angedachte Fahrt nach Vilnius zu realisieren.


    Aktuell fand ich in einem Online-Auktionshaus ein Foto, welches angeblich den Marsch einer Kolonne von Fallschirmjägern von Vilnius (Wilna) nach Kaunas (Kauen) zeigt. Dieses Bild kann dann eigentlich nur im Zeitraum Juli 1944 aufgenommen worden sein - vielleicht kann jemand diesen Trupp identifizieren bzw. die merkwürdigen mitgeführten Wägelchen erklären...?


    Ein sog. Sterbebild eines westlich von Vilnius bei Penkininkai Gefallenen (Willi Dahm) ergänzt ggf. das Gedenken an diesen Tag vor 75 Jahren...


    Veteranen der AK und auch offizielle Militärabordnungen der poln. Armee gedachten der poln. Opfer dieser Kämpfe - in der Sendung "Wilnoteka" des poln. TV-Senders "TVP Polonia" wurde gestern breit über dieses Ereignis berichtet.



    Gruß,


    Joseph

    Hallo zusammen,


    ich möchte noch ein paar weitere Dokumente aus der Sammlung bez. der AK-Partisanen bei Wilna einstellen, welche die Kooperation dieser Einheiten mit WH und SS belegen.


    Hinrich Boy Christiansen (+) und Antoni aus Stettin haben sich vor Jahren hier im Forum bereits zu dieser Thematik geäußert - der Vater von Hinrich-Boy war Abwehrchef in Wilna und Vertrauensmann der AK bei diesen Verhandlungen - und auch bei den Kapitulationsgesprächen mit der AK während des Warschauer Aufstands - vgl.: Antonis Erinnerungen



    Hier nun die Ergebnisprotokolle zu diesen Verhandlungen - mit der Unterschrift von Major Julius Christiansen, dem Vater von Hinrich-Boy...:



    IMGP3762.pdfIMGP3763.pdfIMGP3764.pdf



    Gruß,


    Joseph

    Hallo zusammen,



    vielleicht interessiert es den einen oder die andere:


    http://www.voruta.lt/antanas-v…etimi-didvyriai-iv-dalis/


    Es ist die Fortsetzung der Berichte des lit. Historikers A. Verkelis zu den Partisanenaktivitäten im Vorfeld von Wilna - auch des Jahres 1944.


    Auch hier wird wieder gezeigt, dass es eine organistorische, logistische Zusammenarbeit zwischen Wehrmacht, SS und den polnischen Partisanen der AK in diesem Bereich gegeben hat - ein Umstand, der im momentan "patriotisch" durch die PiS-Politik künstlich erregten Klima in Polen gerne verdrängt wird. In einem Papier wird gar beschrieben, dass eine Gruppe der AK mit den bekannten schwarzen SS-Uniformen eingekleidet gewesen sei...


    Der umstrittene AK-Partisan Romuald Rajs der 3. Wilnaer Brigade, dem hundertfacher Mord an orthodoxen Dorfbewohnern im Bereich Bialystok nachgewiesen wurde, wurde aktuell durch das "IPN" (poln. "Institut für nationales Gedenken") rehabilitiert. A. Verkelis weist ihm in dem Artikel jedoch auch Morde an Bewohnern eines litauischen Dorfes nach...


    Berichtet wird in ca. 90 Dokumenten, welche mir aus Vilnius zugestellt wurden, dass es einen det. Vertrag zwischen den Partisanen und der NS-deutschen Seite gegeben hat (vgl. Anlage!), den auch B. Chiari in seinem Werk über die Polnische Heimatarmee erwähnt hat. In einem Abwehr-Protokoll ist dieser Vertag detailliert erfasst. Bei Interesse kann ich diese Dokumente hier schrittweise einstellen - sie können auch über mich bezogen werden.


    Bei der Untersuchung der zahlreichen mir vorliegenden Totenzettel und auch der hier im Forum dankenswerterweise zusammengeführten Sammlungen fiel mir gelegentlich die eine oder andere Bezeichnung von Todesorten im Umfeld von Wilna auf, welche jetzt durch diese Dokumente mit Partisanenaktivitäten in Zusammenheng gebracht werden können - und zwar recht genau bez. der topographischen Zuordnung.


    Vielleicht kann man noch das eine oder andere Schicksal aufklären...



    Gruß


    Joseph

    Files

    • IMGP3801.pdf

      (290.95 kB, downloaded 47 times, last: )
    • IMGP3802.pdf

      (288.15 kB, downloaded 48 times, last: )
    • IMGP3803.pdf

      (241.4 kB, downloaded 36 times, last: )
    • IMGP3804.pdf

      (284.35 kB, downloaded 39 times, last: )
    • IMGP3800.pdf

      (167.98 kB, downloaded 77 times, last: )

    Hallo Marc, hallo zusammen,


    in unserer Wilna-1944-Dokumentation habe ich versucht, dieses Konglomerat all jener Partisanenorganisationen im Bereich Polen und insbes. bei Wilna zu beleuchten.


    Ich stimme der Beurteilung von Marc zu, wenn er sagt, dass man Antisemitismus der AK nicht pauschal zuordnen darf - so, wie es der "UMUV"-Film des ZDF ein wenig oberflächlich gemacht zu haben scheint. Die Tatsache, dass die AK für ein Polen in den Grenzen von 1939 und die polit. Orientierung des letzten Stadiums der II. Republik (Pilsudski und seine durchaus als faschistisch zu bezeichnenden Nachfolger) stritt, legt einen zumindest durchgängig latenten Antisemitismus in der AK nahe.

    Die Vorkriegsphase der II. Poln. Republik war gekennzeichnet durch deutlich chauvinistische und auch antisemitische Aktivitäten: So unterdrückte man insbes. in Wolhynien die ukrainische Mehrheit, auch im ländlichen Litauen des Wilna-Gebiets war man wenig zimperlich mit der ansässigen Bevölkerung. Zum Antisemitismus in Polen in der Vorkreigszeit, aber auch insgesamt in Europa, kann man bei Götz Aly interessante Aspekte lesen:


    https://www.zukunft-braucht-er…egen-die-juden-goetz-aly/


    Die Unterdrückung der Ukrainer, welche bis zu ethnischen Säuberungen im Sinne von erzwungenen Umsiedlungen von Ukrainern und Neuansiedlung von poln. Bauern ging - abgesehen davon, dass man Hunderte orthodoxe Kirchen niederbrannte, führte dann 1943 unter dem deutschen Schutzschirm zu den schrecklichen Massakern der ukrainischen Bandera-Partisanen an polnische Nachbarn in Wolhynien mit mehr als Hunderttausend Opfern. Die Racheakte der AK in jener Gegend kosteten dann wiederum mehreren Zehntausend Ukrainern das Leben...


    Noch heute registriert man starke Spannungen zwischen dem jetzigen nationalistisch regierten Polen und nahezu all seinen Nachbarn. Ein Grund dafür ist die pauschale Verherrlichung aller Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime und dann in der Folge gegen das neu installierte kommunist. Regime der Nachkriegszeit.


    Manche der früheren Partisanen der AK kamen nicht mehr aus ihrer Rolle heraus und fanden nicht die Rückkehr in das gewohnte zivile Leben. So auch der aktuell sehr umstrittene "Held" der "Verfemten Soldaten" ("Żołnierze wyklęci") Romuald Rajs, dem man 80-fachen Mord an weißrussischer Dorfbevölkerung nachgewiesen hat:


    https://www.jstor.org/stable/j…etadata_info_tab_contents


    (ab etwa S. 121 unten)


    Vgl. auch:


    https://www.deutschlandfunk.de…ml?dram:article_id=411675


    Rajs war südlich Wilna in den Wäldern aktiv (vgl. frühere Beiträge) - es gab dort Gegenden, welche völlig in der Hand der Partisanen und nur die Straßen durch Patrouillen (Sicherungseinheiten) mehr oder weniger sicher waren (vgl. o. a. Kartenskizze).

    Das polnische IPN (eine Art "Gauck-Behörde") hatte Rajs vor Jahren schuldig gesprochen - vor einigen Tagen wurde er jedoch - in diesen "patriotischen Zeiten" der PiS-Regierung wieder durch die gleiche Behörde (nun durch PiS okkupiert) freigesprochen - und der ungehemmten Verehrung überantwortet.

    Und so rennen wie in jedem Jahr auch vor zwei Wochen uniformierte und bewaffnete (Attrappen?) Ultranationalisten (vgl. o. a. Video aus der ARD-Mediathek) gröhlend durch jene Dörfer, in denen Rajs vor Jahren gewütet hat.


    Aktuell wurde der polnische Botschafter in Weißrussland bez. dieser Angelegenheit ins Außenministerium einbestellt...


    http://wyborcza.pl/7,75398,24541859,bialoruski-msz.html


    (Vielleicht kann man mit einem Translator ein wenig verständlich machen...)


    Auch die Ukraine griff schon bei früheren Aktionen zu solchen Maßnahmen.


    Rajs wurde wegen dieser Anschläge und Morde vom kommunist. Nachkriegspolen zum Tode verurteilt und hingerichtet. Viele andere dieser "verfemten Soldaten" - auch von Eugen Hinnen in der "Wilna-1944"-Doku als "Waldmenschen" bzw. "Waldbrüder" bezeichnet und beschrieben, wurden von den Sicherheitsbehörden des kommunist. Regimes gefasst und nicht selten hingerichtet. Mir liegt noch ein Foto mit fünf durch die Sowjets erschossenen "Waldbrüdern" vor - darunter auch ein früherer deutscher Soldat, der sich diesen Partisanen angeschlossen hatte, um der sowjet. Gefangenschaft zu entgehen. Der Name ist dort angegeben, obwohl falsch geschrieben. Meine Recherchen ergaben, dass es in der Düsseldorfer Gegend solche Namensverwandtschaft gab. Ich werde demnächst mal bei Suchdiensten anfragen...

    Eugen Hinnen hat bei seinem ersten Besuch in Wilna 50 Jahre nach dem Ende des WW2 die (von den Litauern gepflegten) Gräber einiger seiner FJR-16-Kameraden besucht, welche sich auch diesen "Waldbrüdern" angeschlossen hatten - und - nach Jahren in den Wäldern - verraten und gefasst wurden...


    Was kann dieses aktuelle "Patriotische Theater" in manchen östlichen Nachbarländern (und auch bei uns?) lehren? Der Nationalismus wächst - "die Jugend" weiß nicht, was Krieg bedeutet (außer in PC-Ballerspielen?)... Hoffentlich gerät dieses alles nicht außer Kontrolle - zumal in der EU!



    Gruß,


    Joseph