Posts by Rote-Kapelle

    Hallo Eberhard!


    Anhand der überlieferten Aktenbestände lässt sich Ribbentrops Rolle in dieser Frage nur schwer beurteilen. Klar ist, dass seine Nachkriegserinnerungen mit Vorsicht zu genießen sind und mitunter auch im Widerspruch zu Erinnerungen anderer Beteiligter stehen.


    Es erscheint jedenfalls wahrscheinlich, dass sich der Reichsaußenminister im Verlauf des Krieges dazu durchringen konnte, Hitler einen Ausgleich im Osten nahezulegen. Ob dies bereits Ende 1942 geschah, wie von Ribbentrop behauptet, muß jedoch bezweifelt werden. Ähnlich verhält es sich dann auch mit anderen Behauptungen Ribbentrops.


    MfG

    Hallo zusammen!



    Zu keinem Zeitpunkt des deutsch-sowjetischen Krieges kam es zu Gesprächen zwischen autorisierten Unterhändlern der beiden Nationen. Das vorweg.


    Zu den hier dargestellten Vorgängen ist zu bemerken, dass sie leider in Teilen korrekturbedürftig sind.


    Ein paar Beispiele: Der deutsche Kontaktmann in Schweden hieß Klauss, nicht Klein. Die Sowjets signalisierten bereits Anfang 1942 Gesprächsbereitschaft und nicht erst während der Schlacht um Stalingrad. Und Goebbels versuchte seinen "Führer" schon 1943 von einer "Ostlösung" zu überzeugen und nicht erst ein Jahr darauf.


    Diese und weitere Erkenntnisse hat Bernd Martin in einem Aufsatz erarbeitet, den ich empfehlen kann: Deutsch-sowjetische Sondierungen über einen separaten Friedensschluß im Zweiten Weltkrieg. Bericht und Dokumentation, in: Inge Auerbach (Hrsg.): Felder und Vorfelder russischer Geschichte : Studien zu Ehren von Peter Scheibert. Freiburg: Rombach, 1985, S. 280 - 308


    Wer sich dazu noch weiter vertiefen möchte, findet bei Ingeborg Fleischhauer Gelegenheit dazu: Die Chance des Sonderfriedens. Deutsch-sowjetische Geheimgespräche 1941-1945. Berlin 1986


    Eine reelle Aussicht auf einen Separatfrieden bestand jedenfalls nicht.


    Neben den - aus deutscher Sicht - inakzeptablen sowjetischen Angeboten, deren Ernsthaftigkeit aufgrund der unzugänglichen russischen Archive ohnehin nicht festgestellt werden kann, ist dafür vor allem die Weigerung Hitlers verantwortlich, ein Arrangement mit dem ideologischen Erzfeind zu suchen. Dieser Entschluss wurde sicherlich auch von seiner Erkenntnis getragen, dass ein erreichbar scheinender Separatfriede die Niederlage nicht würde abwenden können.


    MfG



    Hallo zusammen!



    Zu Staehle liegt mittlerweile ein lesenswerter Aufsatz in digitaler Fassung vor:


    https://www.degruyter.com/down…2.69/mgzs.1969.6.2.69.pdf


    Dazu einige Bemerkungen:


    Die deutsche Nachkriegsgesellschaft tat sich mit einer Würdigung des Widerstandes im Nationalsozialismus lange schwer. Mit den ersten Veröffentlichungen zum Thema verband man daher den Wunsch eine Änderung der öffentlichen Wahrnehmung herbeizuführen. Das führte dazu, dass sie eher einer ästhetisierenden Heldenverehrung glichen denn einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema. Die Historisierung setzte dann erst mit der zunehmenden Verschiebung dieser Nachkriegsperzeptionen ein.


    Obwohl diese Schrift am Ende dieses Transformationsprozesses entstand, fällt es dem Autor noch sichtbar schwer sich einer moralisierenden Betrachtung der Vorgänge zu entziehen. Dass zu Staehle offenbar kaum Ego-Dokumente vorliegen und sich der Autor in seinen Ausführungen häufig auf schriftliche und mündliche Auskünfte von Zeitzeugen stützt, erschwert die Abgrenzung weiter und führt mancherorts zu vermeidbaren Spekulationen über die Persönlichkeit, Motive und Handlungen Staehles.



    Davon unberührt bleibt freilich sein Wirken, dessen Grundlage die Weigerung bildete, die eigenen ethischen Grenzen denen eines Un­rechts­re­gimes anzupassen.


    MfG

    Hallo zusammen!


    Nicco


    Wenn ich die Eröffnung richtig verstanden habe, geht es hier um den Griechisch-Italienischen Krieg (Oktober 1940-April 1941).


    @Thema


    Die historiographische Suche nach italienischen Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg setzte überhaupt erst vor rund 20 Jahren ein und konzentrierte sich zunächst auf den afrikanischen Kriegsschauplatz. Mittlerweile liegen zwar auch einige Beiträge zur Besatzungsherrschaft in Griechenland vor, der hier diskutierte Zeitraum bleibt allerdings - soweit ich das Feld überblicken kann - ein Desiderat der Forschung.


    Santarelli weist in ihrem wichtigen Forschungsbeitrag zur entgrenzten Kriegsgewalt des faschistischen Italiens zwar darauf hin, dass die italienische Frühjahrsoffensive 1941 von zahlreichen Exzessen gegen die Zivilbevölkerung begleitet wurde, geht jedoch nicht näher auf sie ein (vgl. Santarelli, 2004, S. 287). Als Quellengrundlage dienen ihr die Ermittlungsakten der Nationalen Hellenischen Behörde für Kriegsverbrechen (ONHCG 1946: 80 ff.).


    Es ist also davon auszugehen, dass im Zuge des Griechisch-Italienischen Krieges italienische Kriegsverbrechen verübt wurden. Zur Qualität und Quantität dieser Taten liegen jedoch keine wissenschaftlichen Erkenntnisse vor.


    Literatur:


    Santarelli, L. (2004). Muted violence: Italian war crimes in occupied Greece. Journal of Modern Italian Studies, 9(3), 280–299.


    MfG

    Hallo Karl!

    Quote

    das scheint mir nicht ganz schlüssig, denn von einem "Feldherrn" wurde es erwartet, im Falle des einfachen Soldaten akzeptiert.

    Es ging mir nicht um die Erwartungshaltung, sondern um den Akt an sich. Ich bezog mich dabei auf die von Carsten - dem Threadstarter - eingebrachte Frage nach Unterscheidung zwischen einem "ehrenvollen Suizid" eines Offiziers und der Selbsttötung eines "einfachen Soldaten". Wählte man den Freitod, um der Gefangennahme zu entgehen, war dies ehrenvoll, gleichgültig des Ranges.

    Quote

    auch hier sind die Ausführungen nach der damalige Rechtslage m. E. nicht schlüssig:


    Ich bin mir nicht sicher, ob ich diesen Absatz verstehe. Daher einige allgemeine Punkte dazu:


    In der Praxis - also im Rahmen der Ermittlungsverfahren - bestanden rechtliche Grauzonen (etwa in der Frage, welche Kriterien für die Einstufung eines Selbstmordversuchs erfüllt sein mussten). Dessen ungeachtet waren natürlich Muster erkennbar (z.B. Verletzung risikoarmer Körpergegenden), die die Selbstverstümmelung vom Selbstmordversuch unterscheidbar machten.


    Korrekt ist, dass ein Selbstmordversuch auch als Wehrkraftzersetzung geahndet werden konnte. In der Praxis hatten die Angeklagten jedoch keine schwerwiegenden strafrechtlichen Folgen zu fürchten. Warum dem so ist, kann den Quellen nicht abschließend entnommen werden. Es liegt jedoch die Vermutung nahe, dass man diesen Fällen keine allzu große Aufmerksamkeit schenken wollte, um die Disziplin der Truppe nicht zu gefährden. Ein weiterer Grund für die lasche Strafverfolgung dürfte der gewesen sein, dass die Mehrheit der Betroffenen im besten (wehrfähigen) Alter war und die Heerespsychiatrie viele von ihnen in Kampfverbände reintegieren zu können glaubte (vgl. Theis, a.a.O., S. 172).


    Es ist nicht korrekt, dass die KSSVO keinerlei Freiraum ermöglichte. Im Gegenteil, gerade der hier diskutierte §5 hielt die gelisteten Straftatbestände und ihre Strafrahmen derart offen, dass sich den Richtern große Spielräume boten. Man konnte nach §5 KSSVO zwar zum Tode verurteilt werden, genauso gut aber auch zu einem Tag Gefängnis (vgl. zum Komplex Kirschner, 2015, S. 186).

    Quote

    Selbstmörder glauben in den überwiegenden Fällen als Folge ihrer Handlung an einen sofortigen und sicheren Todeseintritt.


    Bei chronisch selbstdestruktivem Verhalten erfolgt der Tod oft erst nach Tagen oder Wochen. Baumann grenzt den Suizid in ihrer Arbeit auch deshalb zeitlich ein, weil eine möglichst weitgefasste Definition einer historischen Längsschnittanalyse abträglich gewesen wäre.




    Literatur:


    Kirschner, A.: "Asoziale Volksschädlinge" und "Alte Kämpfer". Zu Handlungsmöglichkeiten der Wehrmachtrichter im Zweiten Weltkrieg, S. 181-192. In: NS-Militärjustiz im Zweiten Weltkrieg. Autorenkollektiv, Göttingen 2014



    MfG

    Hallo zusammen,


    interessantes Thema!



    Zur Suizidalität im Nationalsozialismus liegen mittlerweile einige Forschungsarbeiten vor.



    @Rudolf


    Quote

    Ein prominentes Beispiel war wohl Freiherr von Fritsch.

    Die Todesumstände des Generalobersten v. Fritsch sind schon vor knapp 50 Jahren von der Militärgeschichtsschreibung aufgearbeitet worden. Die Legende, wonach v. Fritsch den Tod gesucht habe, konnte dabei eindeutig widerlegt werden (vgl. Brausch, 1970, S. 101).



    Thilo


    Quote

    Suizid galt nicht als Wehrdienstbeschädigung, daher hatten Angehörige keine Versorgungsansprüche.

    Suizid konnte als WDB anerkannt werden, wenn er die Folge eines in Dienstausübung erlittenen gesundheitlichen Schadens war (dazu zählten auch Depressionen aufgrund der militärischen Lage). In der Praxis ergaben sich dann große Spielräume in der Beurteilung des jeweiligen Sachverhalts (vgl. Baumann, 2001, S. 360 ff.).

    Quote

    Außerdem galt der Versuch nach Kriegssonderstrafrechtsverordnung § 5 Abs. 3 als "Wehrkraftzersetzung" und hätte bei Misslingen -schon fast ironisch- zur Todesstrafe führen können.

    Hier sei ergänzt, dass der Suizidversuch an sich nicht strafbar war, jedoch unter §5 KSSVO als "Fahnenflucht" zur Anzeige gebracht werden konnte. In der Praxis kam dies allerdings kaum vor und in keinem bekannten Fall ist eine ernstzunehmende strafrechtliche Konsequenz nachweisbar (vgl. Theis, 2006, S. 171).


    Wolfgang

    Quote

    ein bekannter Fall für den Freitod in aussichtsloser Lage ist Generalleutnant Alexander von Hartmann...

    Hartmann ist nach deutscher Diktion “gefallen”. Sich einer tödlichen Gefahr bzw. Feindeinwirkung bewusst auszusetzen, sei es durch eine aufrechte Haltung in einem Feuergefecht oder durch die Weigerung ein sinkendes Schiff zu verlassen, wurde (und wird?) gemeinhin nicht als Suizid anerkannt (vgl. Baumann, 2001, S. 358).


    Nach Baumann ist Suizid als Handlung zu verstehen, die die ausführende Person mit der Absicht der tödlichen Selbstverletzung unternimmt und diese als Folge ihrer Handlung in einem absehbaren Zeitraum unmittelbar nach Beginn der Handlungsausführung für wahrscheinlich hält (vgl. ebd., S. 3).



    Nun noch etwas zur eigentlichen Fragestellung:


    Eine Selbsttötung, um sich der Gefangennahme zu entziehen, galt auch im Nationalsozialismus als ehrenvoll (vgl. Hahn/Schröder, 1992, S. 86). Vor diesem Hintergrund sind der hier diskutierte Familienfall (und zahlreiche ähnlich gelagerte Soldatensuizide) zu betrachten. Zwischen Dienstgraden wurde dabei nicht unterschieden.


    Wer sich dem Thema weiter nähern möchte, kann dies neuerdings bei Hannes Liebrandt tun. Der Autor geht nicht nur auf die Ambivalenz zwischen Kriminalisierung, Heroisierung und Idealisierung des Freitods im Nationalsozialismus ein, sondern behandelt dabei auch die Suizidalität innerhalb der Wehrmachtsführung. Da es sich hierbei ausnahmslos um Offiziere handelte, könnten die dort vorgestellten Erkenntnisse womöglich auch für den Themenstarter von Interesse sein.



    Literatur:

    Baumann, U.: Vom Recht auf den eigenen Tod. Die Geschichte des Suizids vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Weimar 2001

    Brausch, G. (1970): Der Tod des Generalobersten Werner Freiherr von Fritsch. Militaergeschichtliche Zeitschrift, 7(1), 95-112.

    Hahn, S., & Schröder, C. (1992). Suizidalität im Nationalsozialismus. Psychologie und Gesellschaftskritik, 16(2), 81-101.

    Liebrandt, H.: "Das Recht mich zu richten, das spreche ich ihnen ab!". Der Selbstmord der nationalsozialistischen Elite 1944/45. Paderborn 2017

    Theis, K.: Wehrmachtjustiz an der "Heimatfront". Die Militärgerichte des Ersatzheeres im Zweiten Weltkrieg. (Studien zur Zeitgeschichte, Bd. 91.) Berlin/Boston, De Gruyter Oldenbourg 2016



    MfG

    Hallo zusammen!


    An den Weihnachtsfeiertagen konnte ich endlich wieder einmal meiner Leseleidenschaft frönen. Eine Veröffentlichung, die mir dabei besonders aufgefallen ist, möchte ich kurz vorstellen:


    “Blinded by the Rising Sun? American Intelligence Assessments of Japanese Air and Naval Power, 1920-1941“ von Justin Pyke.


    Der Autor vergleicht erstmals die nachrichtendienstlichen Erkenntnisse der Amerikaner, soweit sie die japanische Marine (IJN) und ihre Luftwaffe (IJNAS) in der Zwischenkriegszeit betreffen, mit den tatsächlichen Gegebenheiten.


    Pyke beantwortet die Fragestellung dabei unter der Berücksichtigung vielfältiger Themengebiete. Minutiös wendet er sich im Laufe der Untersuchung den taktischen, personellen, technologischen, strategischen und industriellen Gesichtspunkten der Problematik zu. Dem Leser eröffnet sich dadurch ein umfassendes Bild über die amerikanischen Perzeptionen und japanischen Wirklichkeiten jener Tage.


    Der in der Einführung kenntnisreich vorgetragene Forschungsstand vermittelt dabei nicht nur einen hervorragenden Überblick über die bisherigen Anstrengungen der Wissenschaft auf diesem Gebiet, sondern führt auch die Notwendigkeit einer umfassenderen Betrachtung dieser Aspekte vor Augen. Das in der Einleitung sichtbar werdende Desiderat der Forschung kann der Autor letztlich überzeugend schließen.


    Wenig überraschend ist daher, dass Pyke die herrschende Meinung in wichtigen Punkten revidieren kann. Nicht Rassismus oder Ethnozentrismus waren für die amerikanischen Fehleinschätzungen der militärischen Leistungsfähigkeit der IJN und IJNAS ausschlaggebend, sondern die ab den 1930er Jahren zunehmend effektiver werdenden Geheimhaltungsmaßnahmen. Und auch keineswegs sämtliche gewonnenen Erkenntnisse erwiesen sich als falsch. Mit großer Sorgfalt differenziert Pyke den Kenntnisstand der Amerikaner und legt so den mitunter durchaus erheblichen Schwankungen unterliegenden Wissensstand über den künftigen Kontrahenten offen. Schwächen in der Beurteilung der technologischen und taktischen Fähigkeiten - insbesondere die IJNAS betreffend - stehen beispielsweise akkurate Einschätzungen in strategischen und industriellen Fragen gegenüber. Auch die wichtigste Annahme stellte sich als zutreffend heraus: Japan war es unmöglich einen Krieg gegen die USA zu gewinnen.


    Obwohl sich der Fokus der Darstellung auf die Zwischenkriegsjahre beschränkt, geht der Autor immer wieder auf Entwicklungen im Pazifikkrieg ein. Dies eröffnet dem Leser einen Ausblick auf einige der Ergebnisse, die mit der folgenschweren Entscheidung des Kaiserreichs - in den Zweiten Weltkrieg einzutreten - einhergingen.


    Scharfsinnig, aber der jüngeren Forschung zum pazifischen Kriege keineswegs neu, kommt Pyke zu dem Schluss, dass die nachrichtendienstlichen Fehleinschätzungen der Alliierten für den japanischen Erfolg zu Kriegsbeginn nicht ausschlaggebend waren. Tatsächlich haben der alliierte Kräftemangel in Asien, der europäische Krieg, Fortune und die Fehleinschätzungen der japanischen Absichten zur erfolgreichen Kriegseröffnung des japanischen Kaiserreichs wesentlich beigetragen.


    Der Autor legt hier eine Diplomarbeit von bemerkenswert hohem Niveau vor, die ich an dieser Stelle allen Interessierten ausdrücklich empfehlen möchte.


    Wer sich selbst ein Bild machen will, kann die Arbeit kostenfrei herunterladen: https://prism.ucalgary.ca/handle/11023/2890



    Allen noch ein gutes Jahr 2019!

    Hallo zusammen!

    Ich las gerade "The Wehrmacht Retreats: Fighting a Lost War, 1943" von Robert M. Citino.


    Der Autor hat sich in den letzten Jahren intensiv mit dem “German Way of War”, mit der deutschen Art Krieg zu führen, auseinandergesetzt und in diesem Zusammenhang mehrere Einzeldarstellungen veröffentlicht. Das o.a. Buch ist ein Beitrag zur Operationsgeschichte, wie Citino im Vorwort erläutert. Den Leser soll eine detaillierte Analyse der deutschen Heeresoperationen des Jahres 1943 und ihre Kontextualisierung in den Rahmen deutscher Militär- und Kulturgeschichte erwarten (vgl. Citino, 2012, xxiv).


    Die Prämissen klingen also überaus vielversprechend, doch schon der Titel ist irreführend. Die Darstellung beschränkt sich weder auf das Jahr 1943, noch auf die Rückzüge der Wehrmacht, noch auf die Wehrmacht selbst. Tatsächlich stehen zunächst die alliierte Landung in Französisch-Nordafrika und mit ihr die US-Armee im Mittelpunkt der Betrachtungen. Was der Autor als "open in medias res” (ebd.) bezeichnet, verschlingt bereits 40 der insgesamt nur 284 Textseiten. Da Citino immer wieder abschweift und sich auch geographisch nicht zu beschränken vermag - die Ausführungen führen den Leser von Nordafrika über Italien bis nach Russland - komprimiert sich der für die eigentliche Fragstellung verfügbare Raum derart, dass an eine umfassende Behandlung deutscher Operationen nicht zu denken ist. Damit scheitert der Autor an seinen eigenen Erwartungen.


    Dass der Beitrag an dieser Stelle trotzdem nicht als Verriss endet, hat zwei Gründe.


    Erstens formuliert Citino einige überaus kühne Thesen, die eine nähere Betrachtung verdienen. Zwei Beispiele:


    Der klassische deutsche Bewegungskrieg fand seinen Ursprung im Königreich Preußen zu Zeiten Friedrich Wilhelm II. Von potentiellen Feinden umgeben und relativ ressourcenschwach suchte das verhältnismäßig kleine Königreich nach Lösungen für seine strategische Lage. Die Kriege mussten kurz sein, auf engem Raum geführt und die numerische Unterlegenheit durch Schnelligkeit und Beweglichkeit ausgeglichen werden. An diesen Vorstellungen hatte sich knapp 300 Jahre später nicht viel geändert, das Deutsche Reich jedoch befand sich mittlerweile in einem Weltkrieg. Das Kräfteverhältnis, so der Autor, war derart zugunsten der Alliierten verschoben worden, dass die Voraussetzungen eines Bewegungskrieges nicht mehr geschaffen werden konnten. Die deutsche Generalität habe dies jedoch auch nach Kursk nicht erkannt, weil sie keine Alternative kannte.


    An anderer Stelle widmet sich Citino dem italienischen Kriegsschauplatz. Im Gegensatz zur weitverbreiteten Meinung, Kesselring hätte außerordentlich erfolgreich verteidigt, führt der Autor Fakten ins Feld, die daran zweifeln lassen. Einerseits habe der italienische Kampfraum aufgrund seiner Topographie den Verteidiger außerordentlich begünstigt, andererseits verfügte das deutsche Heer - für seine Verhältnisse und sehr zum Unterschied gegenüber anderen Kriegsschauplätzen - immer wieder über ein vorteilhaftes Kräfteverhältnis und trotzdem betrugen die personellen Ausfälle der Wehrmacht insgesamt ein Vielfaches dessen, was die Alliierten zu verzeichnen hatten.


    Sicher ist, dass der italienische Kriegsschauplatz in der deutschsprachigen Militärgeschichte bislang kaum Beachtung fand und künftig intensiverer Zuwendung bedarf.


    An keiner Stelle reicht der Raum aus diese und andere Auffassungen des Autors soweit zu substanziieren, dass sie keiner weiteren Forschung bedürften, aber in jedem Falle geben sie wichtige Ansatzpunkte für weitere Analysen.


    Ein zweiter Pluspunkt ist die Vorstellung der relevanten Literatur im Anmerkungsapparat, die dem jeweiligen Kapitel vorangestellt ist und die wesentlichsten Veröffentlichungen zum Zeitpunkt der Drucklegung erfasst. Dem Leser eröffnet sich so ein hervorragender Einblick in den Korpus der einschlägigen Forschungs- und Memoiren-Literatur. Dass dies nicht vor Fehlurteilen schützt, zeigt das Kursk-Kapitel des Autors, in dem er trotz umfangreicher Rezeption der vorliegenden Literatur (fast 40 Titel werden im Anmerkungsapparat einführend besprochen) die Fehleinschätzungen Friesers und Falschaussagen der Memoiren-Literatur tradiert, obwohl Töppels Aufsatz Eingang in das Literaturverzeichnis gefunden hat. Genauso vermeidbar ist der Umgang Citinos mit den verschriftlichten Erinnerungen der Militärelite. Obwohl der Autor mehrfach auf die Problematik dieser Schriften hinweist und in diesem Zusammenhang scharfsinnig konstatiert, dass Geschichte – im Gegensatz zur landläufigen Meinung – gerade auch vom Verlierer geschrieben wird, greift er auf sie allzu häufig zurück. Die Folgen dieser Vorgehensweise werden immer dort sichtbar, wo sie seine einzige Quellengrundlage darstellen.


    Was bleibt, ist ein zwiespältiger Eindruck. Auf der einen Seite scheitert der Autor an seinen eigenen Erwartungen, andererseits präsentiert er in seinen Ausführungen immer wieder interessante Gedankengänge. Für mich war es Grund genug es zu lesen.



    MfG

    Hallo Karl!


    Im italienischen Kampfraum war an eine unmittelbare Reaktion, also an einen raschen deutschen Gegenschlag, schon aus Kräftemangel nicht zu denken. Das wurde in den Planungsstäben klar erkannt, weshalb die Verhinderung einer Anlandung bzw. ihre frühzeitige Abwehr auch nicht in Erwägung gezogen wurden. Gleichwohl hielt man es aber für möglich, auf der inneren Linie operierend, rascher Kräfte der Front zuführen zu können als dies dem Gegner möglich wäre und daher - nach ausreichender Vorbereitung - den Feind wieder ins Meer zu werfen. Im Falle von Anzio-Nettuno benötigte man jedoch fast zwei Wochen um einen substanziellen Gegenschlag zu organisieren. Viel zu lange, um die Schlacht noch entscheiden zu können. Alleine in der ersten Woche landeten die Alliierten rund 70.000 Mann, 237 Kampfpanzer, 508 Geschütze und fast 30.000 Tonnen Material an (vgl. Vigo, 2014, S. 131).


    Es ist daher auch nicht korrekt, dass die deutschen Bemühungen, den Brückenkopf einzudrücken, vornehmlich an der alliierten Schiffsartillerie gescheitert wären.


    Tatsächlich war es dem OKW schlicht nicht möglich jenes materielle und personelle Übergewicht herzustellen, das für eine erfolgreiche Offensive erforderlich gewesen wäre. Erkenntnisse, die sich bedenkenlos auf die Normandie übertragen lassen.


    Ab 1943 war Deutschland nicht mehr in der Lage, Großlandungen zu verhindern oder auch nur zurückzuschlagen, weil sich das Kräfteverhältnis entscheidend zugunsten der Alliierten gewandt hatte.


    Literatur:


    Vigo, Milan (2014): The Allied Landing at Anzio-Nettuno 22 January-4 March 1944: Operation SHINGLE, Naval War College Review: Vol. 67: No. 4, Article 8


    MfG

    Lieber Karl,


    du hast den Begriff "Totalausfall" ganz richtig gedeutet!


    Die Quellenlage lässt eine Unterscheidung, in dem dir vorschwebenden Maße, leider nicht zu.


    Zweifelsohne fielen eine Reihe an Kampfwagen lediglich vorübergehend aus. Diese Zahl ist in den "Ausfällen" inkludiert, jedoch ohne Möglichkeit einer Abgrenzung zu anderen Verlustursachen. Ob die Flak in der vorübergehenden Beschädigung von Panzerkampfwagen (relational) geeigneter war, als andere panzerbrechende Waffensysteme, lässt sich somit nicht mehr quantifizieren.


    In absoluten Zahlen musste die Flak jedoch schon aufgrund ihrer Größe im Feldheer und ihres primären Tätigkeitsfelds auch in puncto Beschädigungen gegenüber Waffen zurückstehen, die für diese Aufgabe explizit konzipiert und dementsprechend verwendet wurden. Dahingehend besteht also zwischen den Totalausfällen und vorübergehenden Ausfällen kein Unterschied.



    MfG

    Hallo Karl!


    Natürlich ist es im Gefecht gleichgültig wodurch der Panzer ausfällt. Für eine möglichst genaue Beurteilung der Flak in ihrer Funktion als Panzerabwehrmittel ist es jedoch wichtig zwischen Ausfällen durch Feindeinwirkung und solchen ohne unterscheiden zu können. Würden wir in unserem Frankreich-Beispiel lediglich Ausfälle berücksichtigen, wäre die Flak nicht mehr mit 8% an den britisch-französischen Panzerverlusten beteiligt gewesen, sondern nur noch mit 3,2 % (vgl. Doherty, a.a.O., S. 28 bzw. Zaloga, 2011, S. 73). Die Tendenz wäre freilich dieselbe, im Detail ergäbe sich jedoch eine spürbare Differenz.


    Literatur:


    Zaloga, Steven: Panzer IV vs Char B1 bis: France 1940. Oxford 2011


    MfG

    Hallo zusammen!



    Noch einige Ergänzungen zum Thema:


    Im Spanien-Einsatz wurde die Flakwaffe überwiegend zur Bekämpfung von Erdzielen eingesetzt (346 von 377 Kampfeinsätzen lassen sich dementsprechend zuordnen). Dabei wurde die Wirksamkeit der 8,8 cm Flak gegen gepanzerte Ziele klar erkannt. Wer des Englischen mächtig ist, kann sich dazu hier vertiefen: http://www.afhra.af.mil/Portal…01-150/AFD-090529-069.pdf


    Die Bekämpfungserfolge gegen Panzerfahrzeuge lassen sich schließlich wie folgt detaillieren:


    Achtung: Alle Angaben sind Schätzwerte! Sie sind zur Ermittlung der Tendenz geeignet.


    Im Frankreichfeldzug meldeten die 36 eingesetzten (leichten und schweren) Flak-Bataillone 152 abgeschossene Panzer (vgl. Westermann, 2001, S. 62). Damit waren sie für maximal 8% der gefechtsbedingten Totalausfälle verantwortlich (vgl. Zaloga, 2015, S. 73 bzw. Doherty, 2013, S. 28).


    Während des Unternehmens Barbarossa kamen 41 (leichte und schwere) Flak-Bataillone zum Einsatz. Sie meldeten den Abschuss von 926 Panzern (vgl. Westermann, 2001, S. 82). Damit waren sie für maximal 4,5% der Totalausfälle verantwortlich (vgl. Kirovhseev, 1997, S. 323). Diese Zahl wäre freilich nach oben zu korrigieren, wenn eine exakte Rekonstruktion der Verlustursachen möglich wäre.


    Für das Jahr 1941 meldete die Flak 264 Panzer-Abschüsse in Nordafrika (vgl. Westermann, 2001, S. 82). Daraus lässt sich auf eine Abschussquote von etwa 26% schließen (vgl. Doherty, 2013, S. 44 ff. bzw. Playfair, 1960, S. 100). Der erhebliche Unterschied erklärt sich u.a. aus einer unterschiedlichen Zählweise, einer abweichenden (dem Kriegsschauplatz entsprechenden) Gliederung der Truppen, einer unterschiedlichen Kampftaktik und den Sonderheiten der Militärgeographie.


    Ein, auf einer Stichprobenziehung, beruhender Vergleich von Flakbatterien zwischen Ostfront und Nordafrika im Jahre 1941 zeigt, dass die Flakwaffe in NA nicht effizienter war als in Russland: Es waren 11 Panzergranaten im Durchschnitt für die Vernichtung eines britischen wie auch russischen Kampfpanzers notwendig (vgl. Jentz, 2000, S. 44).


    Daraus ergibt sich, dass die Flak - in ihrer Rolle als Panzerbekämpfungsmittel - bis einschließlich 1941 kein Entscheidungsmittel war.


    Literatur:


    Doherty, Richard: British Armoured Divisions and their Commanders, 1939-1945. Barnsley 2013


    Jentz, Thomas: Dreaded Threat: The 8.8cm Flak 18/36/37 in the Anti-Tank Role. MD 2001


    Krivosheev, Grigory F.: Soviet Casualties and Combat Losses in the Twentieth Century. London 1997


    Playfair, Ian Stanley Ord: The Mediterranean and Middle East: British Fortunes Reach their Lowest Ebb (September 1941 to September 1942). History of the Second World War United Kingdom Military Series. III. London 1960


    Westermann, E.B.: Flak: German Anti-Aircraft Defences 1941-1945, University Press of Kansas, Lawrence, Kansas, 2001


    Zaloga, Steve: Armored Champion. Pennsylvania 2015



    MfG

    Hallo zusammen!


    Das Deutsche Reich und die A-Bombe, eine unendliche Geschichte.


    Da ich mich im Forum bereits mehrfach dazu geäußert habe, verzichte ich an dieser Stelle auf eine erweiterte Teilnahme an der Diskussion. Das ungebrochene Interesse am Thema und die Tatsache, dass derartige Debatten offenbar unvermeidlich von korrekturbedürftigen Behauptungen erreicht werden, verleiten mich jedoch auf einen Artikel von Mark Walker hinzuweisen. Selbiger ist kostenfrei abrufbar und hilft den "Widerstandskämpfer" Heisenberg wie auch das deutsche Atomwaffen-Programm klarer einzuordnen. Er sei hiermit allen Interessierten nachdrücklich empfohlen. Wer sich zum Thema weiter vertiefen möchte, kann sich am Literaturverzeichnis orientieren: https://www.mpiwg-berlin.mpg.d…gebnisse/Ergebnisse26.pdfhttps://www.mpiwg-berlin.mpg.d…gebnisse/Ergebnisse26.pdf



    MfG

    Hallo Vladimir!


    Glantz ist sicherlich nicht frei von Tadel, aber es wäre mir neu, würde man ihm eine ideologische Voreingenommenheit attestieren.


    Wie bereits der Titel seiner Kharkov-Publikation andeutet, beurteilt er die sowjetischen Vorgänge durchaus kritisch.


    Darüber hinaus ist der Autor weithin anerkannt, seine Darstellungen erfahren in der Forschung breite Rezeption, seine intime Kenntnis der Roten Armee macht ihn im westlichen Sprachraum zu einer Kapazität ersten Ranges auf diesem Gebiet. Dazu passt, dass sein Kharkov-Buch in Fachkreisen wohlwollend rezensiert wurde.



    MfG

    Hallo Daniel!


    David Glantz hat dazu eine Studie vorgelegt, die im Grad ihrer Detaillierung auch heute noch unerreicht ist: Kharkov 1942: Anatomy of a Military Disaster. New York City 1998


    Der Autor beleuchtet das Geschehen vor allem (aber nicht ausschließlich) aus sowjetischer Perspektive. Die dich interessierenden Abläufe werden auf den Seiten 197 ff. abgehandelt.


    MfG

    Hallo Ricardo,


    danke für deine Hinweise!


    Natürlich meinte ich Nagano. Das passiert, wenn ich mich auf mein Gedächtnis verlasse...


    Zum "Generalstab" ist festzustellen, dass ich mich hier bewusst am englischen Duktus orientiert habe, der in Anerkennung der Sonderform der japanischen Kommandostruktur eine Abgrenzung zu anderen Marinen vornimmt und daher vom "[Imperial Japanese] Naval General Staff" bzw. "Chief of the [Imperial Japanese] Naval General Staff" spricht.


    Da ich dieser Einschätzung folge, im deutschen Sprachraum darüber hinaus eine Ausarbeitung (und damit Terminologisierung) hierzu fehlt, bediene ich mich der Übersetzung. (Auf deutsch wäre "Chef des Stabes" naheliegend, funktional jedoch nicht völlig vergleichbar. Kerbs spricht in diesem Zusammenhang übrigens vom "Admiralitätschef", der in der deutschen Sprache nicht existiert.)



    Wofür man sich letztlich auch entscheidet, der positionelle Zusammenhang ist erkennbar und darauf kommt es ja in erster Linie an.



    MfG

    Hallo zusammen!




    Da sich bisher niemand gemeldet hat, und ich das Buch nun gelesen habe, versuche ich mich an einer Einschätzung. Vielleicht ist sie ja für den ein oder anderen Interessenten hilfreich (weitere Meinungsbilder sind ausdrücklich erwünscht!).



    Ich habe die Lektüre von Töppels Werk zum Anlass genommen, die bisher dominierenden deutschsprachigen Darstellungen von Klink (1966) und Frieser (2008) noch einmal querzulesen, um mir deren Stärken und Schwächen in Erinnerung zu rufen und damit auch eine gewisse Vergleichsgrundlage zur jüngsten Kursk-Veröffentlichung zu haben.


    Für alle Ungeduldigen: Ich kann das Buch empfehlen. Es ist leicht verständlich geschrieben und liefert wichtige Erkenntnisse zur Schlacht um Kursk. In vielerlei Hinsicht bildet es dabei den Stand der Forschung ab. Wer sich also über die grösste Schlacht des Zweiten Weltkriegs zuverlässig informieren möchte, kann bedenkenlos zugreifen.



    Allen, die einen etwas längeren Atem haben, möchte ich gerne erklären, wie ich zu diesem Urteil komme.



    Zur Methode:


    Für den Kontext ist es zunächst wichtig zu wissen, dass die Arbeit im Rahmen der Buchreihe "Schlachten - Stationen der Weltgeschichte" erschienen ist. Ziel dieser Serie ist die verständliche Vermittlung militärgeschichtlicher Inhalte.


    Was bedeutet das nun konkret?


    In erster Linie hat das Auswirkungen auf die Tiefe des Anmerkungsapparats, der sich im Wesentlichen auf den Nachweis von wörtlichen Zitaten beschränkt und dadurch einen reibungslosen Lesefluss sicherstellen soll. Für das Publikum, das das Buch in erster Linie erreichen soll, bleibt das ohne Konsequenz. Für die Forschung hat diese Vorgehensweise jedoch ernste Folgen: wichtige Teile der Arbeit können dadurch die strengen Formalitäten wissenschaftlichen Arbeitens nicht erfüllen und sind damit in diesem Kontext nur eingeschränkt belastbar. Ein Beispiel dafür ist die umfangreiche - praktisch jedoch quellenfreie - Diskussion der materiellen und personellen Verhältnisse beider Kontrahenten vor, während und nach der Schlacht.


    An dieser Stelle rettet das Buch allerdings zweierlei: Erstens die Tatsache, dass dies nicht die erste Veröffentlichung des Autors zum Komplex ist. Das ist deshalb von Interesse, weil sich Töppel an anderer Stelle den formalen Kriterien durchaus unterworfen hat und - gerade in der Zahlendiskussion - im Ergebnis nichts Neues präsentieren kann. Damit belegt er seine Ausführungen also indirekt. Zweitens gelingt es dem Autor durchaus, wichtige Erkenntnisse aus den Quellen direkt zu belegen. Beides führt dazu, dass sich die methodischen Defizite (im Sinne einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung) zu einem nicht unerheblichen Teil kompensieren lassen.


    Zum Inhalt:


    Die von Töppel im Vorwort angekündigten "überraschende[n] Forschungsergebnisse" (Töppel, 2017, S. 8 ) verblüffen den Leser - bis auf zwei Ausnahmen - nur dann, wenn man seine bisherigen Abhandlungen nicht kennt. Inhaltlich bohrt die Arbeit, über weite Strecken, die bereits veröffentlichten Beiträge des Autors auf und lässt sich damit grob in vier Stoßrichtungen einteilen:


    1) Die Erinnerungskultur der deutschen Generalität


    Minutiös widmet sich der Autor den zahlreichen Verzerrungen in den verschriftlichten Erinnerungen der beteiligten Heeresoffiziere und legt sie dabei schonungslos offen. Das Credo war stets dasselbe: Hitler war an allem Schuld. Kein Wunder, war es doch nach dem Kriege ein Einfaches dem toten Diktator jeden nur erdenklichen (eigenen) Fehler in die Schuhe zu schieben. Woher sollte der Widerspruch auch kommen?


    Töppels Urteil - derartige Kriegserinnerungen bis zum quellenkritischen Gegenbeweis als grundsätzlich unglaubwürdig einzustufen - fällt dabei ungewohnt scharf aus. Zwar ist es keineswegs neu, dass die bisweilen in Apologien abdriftenden Memoiren der ehemaligen Militärelite kein Ruhmesblatt ihrer Offiziersehre waren - sofern sie nach diesem Kriege überhaupt noch eine besitzen konnten - doch so deutlich wurde ihr Quellenwert bisher nicht infrage gestellt.


    2) Die sowjet-russische Historiographie


    Ähnlich desaströs fällt das Urteil über die Geschichtsschreibung des "Großen Vaterländischen Krieges" aus, wie der deutsch-sowjetische Krieg im russischen Sprachgebrauch auch genannt wird. Dabei erstreckt sich die Kritik nicht nur auf Veröffentlichungen der Sowjetära, deren ideologisch geprägter Charakter ohnehin hinlänglich bekannt ist, sondern auch auf den Zeitraum nach 1991. Leuchttürme, wie Boris Sokolov, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die anhaltenden politischen Verhältnisse die russische Geschichtsforschung, nach Zielsetzung und Methodik, offenbar wieder in tiefste Sowjetzeiten zurückgeworfen haben. Erhellendes ist von dort also nur in Ausnahmefällen zu erwarten.


    3) Die Beleuchtung wenig beachteter Geschehnisse


    Meiner Meinung nach liegt hier die größte Stärke der Arbeit.


    Ob es sich um die Schilderung der Lage der Verbände nach "Zitadelle" handelt oder um seine Ausführungen zur Professionalität der beteiligten Truppenkörper, um zwei Beispiele herauszugreifen, stets kann der Autor das Schlaglicht auf gleichermaßen wichtige wie vernachlässigte Aspekte der Thematik lenken und damit die Auseinandersetzung mit wertvollen Feststellungen bereichern.


    4) Die substanzielle Erweiterung erforschter Aspekte


    In diesem Zusammenhang gelingt dem Autor immer wieder die kenntnisreiche Vertiefung bereits vorliegender Erkenntnisse, beispielsweise zu Friesers lesenswerter Besprechung der Waffentechnik oder Klinks Ausführungen zum Ausbildungsstand der Angriffsverbände. Töppels Betrachtungen tragen damit zum besseren Verständnis der Ereignisse wesentlich bei.



    Weit subtiler fällt hingegen die Kritik an der Militärgeschichtsschreibung des ehemaligen MGFA, besonders aber ihres Kursk-Exponenten Karl-Heinz Frieser, aus. Bereits die Einleitung, in der Töppel auf die getrennten Wege beider Historiker hinweist, lässt vermuten, dass das kollegiale Band außerordentlichen fachlichen Belastungen ausgesetzt war.


    In der Tat ist Friesers Beitrag dann auch in wichtigen Punkten überholt. Dass dies insbesondere vor dem Hintergrund konstatiert werden muss, dass sich praktisch alle (neuen) Erkenntnisse aus den vorliegenden (zeitgenössischen) Quellen deutscher Provenienz erschließen lassen, ist kein gutes Zeichen. Gerade der Umgang Friesers mit Schriftstücken der Militärelite, die nach Kriegsende entstanden sind, muss als sorglos bezeichnet werden. Konkret zur "Zitadelle" wird Frieser u.a. in der Urheberfrage, in Teilen der materiellen Diskussion und in den Gründen für den Abbruch des Unternehmens widerlegt.


    Nicht zu übersehen ist außerdem, dass Töppel die Arbeit von Klink explizit empfiehlt, während ein derartiger Hinweis bei Frieser fehlt (mit ähnlichem Ergebnis im Anmerkungsapparat, in den Frieser kaum Eingang findet).


    Das wirkt zu hart, immerhin hat Frieser (gegenüber Töppel) nach wie vor die Nase bei der Kartografie, in der personellen Diskussion (insbesondere im Grad ihrer Detailierung) und in Teilen der materiellen Diskussion (insbesondere die deutsche Luftwaffe betreffend) vorn. Auch die Vorstellung der Abläufe bei Prochorowka, deren (erstmalige) kritische Beleuchtung Friesers Verdienst ist, ist im Grad ihrer Detaillierung nach wie vor im deutschen Sprachraum unerreicht. Damit ist der Beitrag, in seiner Gänze, also keineswegs obsolet.


    Demgegenüber bietet Klink nach wie vor das umfassendste Kartenwerk zur "Zitadelle" und ist insbesondere in der Darstellung des (deutschen) Schlachtverlaufs (minus Prochorowka) nach wie vor empfehlenswert. Zudem profitiert die Arbeit von ihrem Anhang bzw. ihren interessanten Anlagen.



    Letztendlich gelingt es Töppel hiermit allerdings einen wesentlichen Beitrag zum besseren Verständnis der Vorgänge im Kursker Bogen während des Sommers 1943 vorzulegen.



    An dieser Stelle möchte ich allen Mitgliedern und stillen Lesern ein gutes, neues Jahr wünschen!



    MfG

    Hallo Karl!


    Quote

    " Durch die Propaganda in unserer Presse ist der Tiger als unverwundbarer Rammbock hingestellt worden"....( Ist er aber nicht... folgt richtigerweise sinngemäß)


    Dabei gilt es allerdings zweierlei zu beachten:


    Erstens hat der Berichtschreiber offensichtlich Seiten- und Frontpanzerung verwechselt.


    Zweitens war der "Tiger" vom T 34/76 - dem zu dieser Zeit kampfstärksten T 34 im Bestand der Roten Armee - frontal, auch auf kürzeste Kampfentfernungen, nicht zu durchschlagen. Dies gilt auch für die im Bericht erwähnte 76 mm Pak der Russen, die auf derselben Kanone (Modell F-34) basierte. Auch der Seitenpanzer widerstand den herkömmlichen Granaten dieser Waffe auf kürzeste Kampfentfernung (200 m), wie Beschussversuche der Sowjets demonstrieren konnten (vgl. Töppel, 2016, S. 44).


    Damit erreichte der "Tiger" im Jahre 1943 eine relative Unverwundbarkeit gegenüber der Masse an sowjetischen, panzerbrechenden Waffen. Ein Ergebnis des von Frieser so treffend beschriebenen "technologischen Lochs", in das die sowjetische Panzerwaffe gefallen war. Die von dir eingestellte Passage der Tigerfibel bestätigt das ja recht augenscheinlich.


    Literatur: Töppel, Roman: Kursk 1943. Die größte Schlacht des Zweiten Weltkriegs. Paderborn 2017

    MfG