Posts by Rote-Kapelle

    Hallo Uwe!



    Die Literaturangaben hätten natürlich gleich in den ersten Beitrag gehört. Mea culpa!


    Die dich interessierenden Arbeiten kommen aus dem englischen Sprachraum.


    Zur Festungsstrategie hat Baastian Willems einen Aufsatz im Journal of Slavic Military Studies vorgelegt. Ders.: (2015) Defiant Breakwaters or Desperate Blunders? A Revision of the German Late-War Fortress Strategy, The Journal of Slavic Military Studies, 28:2, 353-378


    Der Autor forscht seit einigen Jahren - mit Schwerpunkt Ostpreußen - zur Ostfront und kann immer wieder überraschende Erkenntnisse präsentieren. Erst jüngst gelang ihm beispielsweise der Nachweis, dass nicht die Rote Armee für die Hungerkatastrophe in Ostpreußen verantwortlich war, sondern die Wehrmacht selbst. Siehe: Willems, B. (2018). Nachbeben des Totalen Kriegs. Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 66 (3), pp. 403-434.


    Zum Baltikum liegt seit einigen Jahren eine Darstellung von Howard Grier vor: Hitler, Dönitz, and the Baltic Sea. The Third Reich´s Last Hope, 1944-1945, Annapolis 2007


    Grier reiht sich mit seiner Arbeit in eine länger werdende Liste von Autoren ein, die Zweifel an der gängigen Vorstellung hegen, Hitler habe sich in einem Zustand weitgehender Konzeptlosigkeit befunden.


    Der Vollständigkeit halber sei schließlich auch zum dritten Beispiel noch eine Quelle angegeben: Jochen Lehnhardt, Die Waffen-SS: Geburt einer Legende. Himmlers Krieger in der NS-Propaganda, Paderborn, München, Wien, Zürich 2017




    MfG

    Hallo Rainer,


    ich habe nicht geschrieben, dass Versorgungsprobleme nicht bekannt gewesen wären. Tatsächlich waren derartige Schilderungen weit verbreitet. Wer kennt sie nicht, die Bilder von im Schlamm versinkenden Radfahrzeugen oder die Berichte über die eingefrorenen Motoren der Lastwagen (und Panzer und Flugzeuge). Und natürlich dürfen in so einer Aufzählung auch nicht die Forstschäden an den empfindlichen Lokomotiven vergessen werden, die immerhin die Hauptlast der Versorgung zu tragen hatten. Nein, an den witterungsbedingten Versorgungsschwierigkeiten zweifelte man nicht.


    MfG

    Hallo Paul!



    Die Adressaten können dem Verteiler entnommen werden. Das Dokument ging allen wesentlichen Stellen zu. Wie die Umsetzung dann im Einzelfall aussah, müsste man sich im Detail ansehen. Da meines Wissens dazu keine Studien vorliegen, wird man um ein entsprechendes Aktenstudium nicht umhinkommen.


    Aufgrund der vorliegenden Quellenlage ist jedoch davon auszugehen, dass Überläufer auch im Reich begünstigt wurden. Wieviele das waren und in welchem Ausmaß diese Bevorzugung schließlich ausfiel, steht auf einem anderen Blatt.



    MfG

    Hallo Thomas,


    Quote

    Kannst du mir / uns Beispiele nennen,

    wofür die Geschichtsschreibung jahrzehntelang brauchte, um das Nachkriegsbild der Wehrmacht,

    verursacht durch die FMS, in den richtigen Kontext zu stellen?


    Ich glaube nicht, dass eine bloße Aufzählung von Beispielen deiner Frage gerecht werden würde. Für eine nachvollziehbare Einordnung der Vorgänge ist es meiner Meinung nach wichtig zunächst auf die Hintergründe einzugehen, denn erst dann wird ersichtlich, welche Mühen die Forschung mitunter zu überwinden hatte, welche Rolle die FMS dabei spielten und warum ihre Nachwirkungen auch heute noch spürbar sind.


    Ich hoffe also, du siehst es mir nach wenn ich aushole:


    Das Unheil nahm seinen Lauf, als der ehemalige Generalstabschef des deutschen Heeres, Generaloberst Halder, zum Leiter der kriegsgeschichtlichen Forschungsgruppe der Historical Division ernannt wurde, also jener Abteilung die für die Erarbeitung der FMS zuständig war.


    Halder begriff schnell, welche Möglichkeiten sich durch diese Funktion boten und verlor keine Zeit das Geschichtsbild seinen eigenen Vorstellungen entsprechend umzugestalten. Die gesamte militärgeschichtliche Tätigkeit dieser Abteilung folgte fortan der Prämisse dem deutschen Soldaten (und Generalstab) ein literarisches Denkmal zu setzen.


    Die Grundpfeiler dieses Narratives bildeten dabei die außerordentliche Tapferkeit des einfachen Landsers und das überragende Können der militärischen Führungsschicht.


    Die Urteile fielen dann auch entsprechend eindeutig aus: Man hat hart aber anständig gekämpft. Die militärischen Fehlschläge waren nicht das Ergebnis von Planungs- oder Führungsfehlern, sondern von unkontrollierbaren Naturgewalten oder Hitlers Inkompetenz.


    Die FMS fungierten somit nicht nur als Brutstätte für die Legende von der sauberen Wehrmacht, sondern auch für den Mythos Wehrmacht. Tatsächlich aber waren sie nicht mehr als die vergifteten Deutungen Halders und seiner Mitautoren.


    Doch noch war der Schaden begrenzt, denn die FMS befanden sich unter Verschluss. Um dem Geschichtsbild ihre Prägung geben zu können, mussten sie erst der zivilen Forschung zugänglich gemacht werden. Mit der Gründung des Arbeitskreises für Wehrforschung (AfW) gelang der ehemaligen Wehrmachtselite schließlich nicht nur die Überführung dieser Quellensammlung in den öffentlichen Raum, sondern auch die Schaffung eines (von ihnen) kontrollierten Forschungs- und Publikationsorgans, das dieses Material nun in ihrem Sinne verarbeitete. Dabei war es zweifellos hilfreich, dass die Arbeitsgruppe um Halder für viele Jahre der einzige Personenkreis in Deutschland bleiben sollte, der Zugang zu Primärquellen hatte. Die Rückgabe der deutschen Akten begann erst Anfang der 1960er Jahre und erfolgte auch dann nur schleppend. Wer also in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten zur deutschen Militärgeschichte forschen wollte, kam um die FMS gar nicht herum. Ein Abgleich der dort vorgestellten Erkenntnisse mit Primärquellen war zunächst nicht möglich. Ein Grund mehr, weshalb die FMS das Nachkriegsbild der Wehrmacht so nachhaltig prägen konnten. Dazu kam, dass auch außerhalb des AfW der Erkenntnisfortschritt mühsam erkämpft werden musste. In öffentlichen Einrichtungen, wie dem MGFA, saßen neben jungen Historikern nämlich auch ehemalige Offiziere der Wehrmacht. Und die konnten und wollten an vieles nicht glauben, was nun nach und nach zu Tage gefördert wurde. Die Veröffentlichung des Barbarossa-Bandes des MGFA-Reihenwerks "Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg" wurde z.B. von Rechtstreitigkeiten der beteiligten Autoren begleitet.

    Das war also das Umfeld, in dem sich die Geschichtswissenschaft lange bewegen musste.


    Nun zu ein paar Beispielen:


    • Von den Beteuerungen er Wehrmachtselite in Nürnberg, den Kommissarbefehl nicht ausgeführt zu haben, bis zur Feststellung seiner flächendeckenden Anwendung, vergingen mehr als 60 Jahre. Römers wegweisende Darstellung stand am Ende eines jahrzehntelangen Forschungsprozesses.

    • Noch Mitte der 1980er Jahre war die Meinung vorherrschend, das deutsche Ostheer sei vor Moskau in erster Linie am eisigen Winter gescheitert. Eine überzeugende Korrektur dieser Deutung gelang schließlich Klaus Schüler in seinem Grundlagenwerk zur Logistik im Russlandfeldzug.

    • Der erstmals von Halder implizierte Charakter des deutschen Feldzugs gegen die Sowjetunion als präventive Handlung hat die Geschichtswissenschaft bis in die 1990er Jahre hinein immer wieder beschäftigt und ist ein gutes Beispiel dafür, dass einige Erkenntnisse erst lebhafte wissenschaftliche Debatten durchlaufen mussten um anerkannt zu werden.

    • Die erstmals vom ehemaligen Generalstabschef des deutschen Heeres, Generaloberst Zeitzler, in die Welt gesetzten Unwahrheiten zum Unternehmen Zitadelle wurden teilweise noch in den 2000er Jahren von der offiziellen deutschen Militärgeschichtsschreibung tradiert. Sie sind erst in den letzten Jahren umfassend entkräftet worden.
    • Der verbrecherische Charakter im Umgang mit sowjetischen Kriegsgefangen wurde Ende der 1970er, durch Christian Streit, in seinen Ausmaßen sichtbar gemacht.
    • Die Bedeutung der Kooperation zwischen der Wehrmacht und den Einsatzgruppen der SS wurde Anfang der 1980er Jahre durch Helmut Krausnick und Hans-Heinrich Wilhelm erkannt.




    Meiner Meinung nach liefert der Mythos Wehrmacht die interessanteren Beispiele, weil er bis heute fortwirkt. Das liegt daran, dass sich die Geschichtsschreibung vor allem auf die Aufarbeitung von Wehrmachtsverbrechen konzentriert hat. Diejenigen Arbeiten, die sich der klassischen Militärgeschichte widmeten, trugen zwar erheblich zu einem besseren Verständnis der tatsächlichen Gelegenheiten bei, waren (und sind auch nach wie vor) jedoch nicht zahlreich genug, um das Bild einer alles überlegenen Militärinstitution zu verschieben. Noch heute fehlt beispielsweise eine operationsgeschichtliche Aufarbeitung zur Waffen-SS.


    Aber auch in den letzten Jahren sind immer wieder Arbeiten erschienen, die Zweifel an alten Deutungen aufkommen lassen, etwa zum angeblich sinnlosen Festungskonzept im Osten, zum Einsatz und Wert von Waffen-SS Divisionen oder zu Hitlers angeblich sinnbefreitem Haltekonzept im Baltikum.


    Wir verfügen heute sicherlich über ein wesentlich besseres Verständnis über die Wehrmacht als militärischer Apparat, als dies etwa in der Nachkriegszeit der Fall war, ein Ende dieses Erkenntnisprozesses ist allerdings noch nicht in Sicht.


    Bei all dem steht außerdem zu beachten, dass ich mich auf die Beeinflussung des wissenschaftlichen Umfeldes konzentriert habe. Was Historiker herausfinden und was die Öffentlichkeit akzeptiert ist ja bekanntlich zweierlei.


    Man darf nicht vergessen, dass z.B. die Legende der sauberen Wehrmacht in der breiten Öffentlichkeit erst 50 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ins Wanken geriet, obwohl schon Ende der 1960er Jahre erste wissenschaftliche Arbeiten erschienen, die daran Zweifel aufkommen ließen. Der Mythos Wehrmacht besteht dagegen in der Öffentlichkeit fort, obwohl sich viele landläufige Annahmen heute nicht mehr aufrecht erhalten lassen.


    Ebenfalls unberücksichtig blieben die Auswirkungen auf die internationale - insbesondere englischsprachige - Forschung, die sich noch über viele Jahrzehnte auf die übersetzten Ausarbeitungen der FMS stützten und somit noch in den 1990er Jahren Auffassungen tradierten, die im deutschen Sprachraum längst obsolet waren.



    MfG

    Hallo Paul,


    Quote

    Erstreckte sich dieser neue Umgang nur auf den engeren Rahmen der Frontverbände oder auch auf die rückwärtigen Gebiete und sogar das Reichsgebiet?



    Die o.a. Anordnungen der Heeresgebiete bezogen sich auf den rückwärtigen Raum.



    Gräbt man in den Akten tiefer, finden sich auch Hinweise zur Situation im Reichsgebiet.


    In einer OKW-Verfügung vom Sommer 1943 heißt es z.B., dass Überläufern - nach Möglichkeit - eine bevorzugte Behandlung bei Unterbringung, Verpflegung, Bekleidung und Arbeit zu gewähren war. Es ist also anzunehmen, dass ihnen auch im Heimatkriegsgebiet der Zugang zu Vergünstigungen gewährt wurde - jedenfalls soweit die Lage dies erlaubte.



    MfG

    Hallo zusammen!


    Die FMS sind ein spannendes Thema.


    Zunächst sei aber noch darauf hingewiesen, dass sich bei fold3 ein kostenfreies Probeabonnement abschließen lässt, das jedem Interessierten die Möglichkeit bietet sich selbst ein Bild zu machen. Die Plattform lässt sich am einfachsten als eine umfangreiche militärhistorische Datenbank beschreiben, die sich auf die Digitalisierung (vornehmlich) amerikanischer Dokumente spezialisiert hat. Die FMS sind folglich nur ein sehr kleiner Teil dessen, was dort abgerufen werden kann.


    Warum sind die FMS interessant? Weil sie ein sehr eindringliches Beispiel dafür sind, wie Geschichte vom Verlierer geschrieben wird.


    Bernd Wegner hat dazu einen Aufsatz vorgelegt, den ich als Einleitung zum Thema nur empfehlen kann: Erschriebene Siege. Franz Halder, die "Historical Division" und die Rekonstruktion der Zweiten Weltkrieges im Geiste des deutschen Generalstabes, in: Ernst Willi Hansen / Gerhard Schreiber / Bernd Wegner (Hrsg.), Politischer Wandel, organisierte Gewalt und nationale Sicherheit, Oldenbourg / München 1995, S. 287–302


    Wer sich dazu vertiefen möchte, findet bei Esther-Julia Howell Gelegenheit dazu: Von den Besiegten lernen? Die kriegsgeschichtliche Kooperation der U.S. Armee und der ehemaligen Wehrmachtselite 1945–1961. Berlin 2015


    Die Schriften selbst sind also mit Vorsicht zu genießen. Manche Detailstudien sind auch heute noch wertvoll, weil es dazu bislang keine anderweitigen Ausarbeitungen gibt oder die fragmentarische Überlieferung der Akten eine quellengesättigte Rekonstruktion ihrer Inhalte gar nicht erst gestattet, andere Arbeiten sind dagegen ihrer Intention nach bewusst irreführend und daher von geringem historischen Wert.


    Unglücklicherweise haben die FMS das Nachkriegsbild der Wehrmacht nachhaltig beeinflusst. Dieses Bild dann in den richtigen Kontext zu stellen, war ein jahrzehntelanges Unterfangen der Geschichtsschreibung.



    MfG

    Hallo zusammen!


    Quote

    Es scheint so gewesen zu sein, dass zumindest Überläufer der RA keine privilegierte Behandlung erfuhren. (s. dazu den Beitrag von Natu). Umgekehrt scheint es ähnlich gewesen zu sein.


    Die unterschiedslose Behandlung von in Gefangenschaft geratenen Rotarmisten endete im Frühjahr 1942 mit der Erkenntnis der deutschen Stellen, dass der Sieg im Osten erst noch errungen werden musste und jeder freiwillig in Gefangenschaft gehende Soldat Blut sparen würde.


    Im März 1942 ordnete etwa das Heeresgebiet Nord an, dass Überläufern unverzüglich Schwerarbeiterzulagen und Tabakwaren zu gewähren seien. Brot aus (nährwertarmen) Ersatzstoffen war dagegen nicht mehr an sie auszugeben (vgl. Streit, 1991, S. 401). Ähnlich verhielt es sich im Heeresgebiet Mitte. Aus einer Versorgungsanordnung vom April 1942 geht hervor, dass alle Überläufer - ungeachtet ihrer Tätigkeit - fortan Anspruch auf eine Schwerarbeiterzulage hatten (vgl. Hartmann, 2009, S. 751).


    Die Neuausrichtung in der Behandlung von Überläufern schlug sich auch in Anordnungen der Frontverbände nieder. Dort hielt man u.a. fest, dass die für die Versorgung der Überläufer notwendigen Nahrungsmittel sogar den Nachschubbeständen der Truppe entnommen werden durften. Die administrativen Maßnahmen wurden dabei von baulichen Tätigkeiten begleitet. So kam es zur Errichtung von Sonderlagern, mit dem Ziel den Überläufern die zugesicherte besondere Behandlung auch tatsächlich ermöglichen zu können (vgl. ebd., S. 552).


    Die oben skizzierten Vorteile fielen allen Überläufern zu.


    Davon abgesehen ließen sich aber weitere Verbesserungen erzielen, etwa wenn man sich freiwillig in den Dienst der Deutschen stellte. Die Hilfswilligen, ab 1943 fester Bestandteil der deutschen Truppenkörper im Osten, wurden nicht nur adäquat verpflegt, sondern konnten auch befördert werden und hatten - neben weiteren Leistungen - Anspruch auf Sold (vgl. Absolon, 1995, S. 363).


    Noch besser erging es nur den deutschstämmigen und volksdeutschen Überläufern der Roten Armee. Für sie wurden schon 1941 eigene Lager eingerichtet und eine bevorzugte Behandlung durch die deutschen Dienststellen sichergestellt (vgl. Fleischhauer, 1983, S. 87f.)




    Die Praxis, Überläufer besser zu versorgen, wurde übrigens auch in der Sowjetunion verfolgt (vgl. Hilger, 2000, S. 130).



    MfG



    Literatur:



    Absolon, Rudolf: Die Wehrmacht im Dritten Reich, Bd. VI: 19. Dezember 1941 bis 9. Mai 1945, Boppard a. Rh. 1995


    Fleischhauer, Ingeborg: Das Dritte Reich und die Deutschen in der Sowjetunion, Stuttgart 1983


    Hartmann, Christian: Wehrmacht im Ostkrieg. Front und militärisches Hinterland 1941/42, München 2009


    Hilger, Andreas: Deutsche Kriegsgefangene in der Sowjetunion, 1941 - 1956. Kriegsgefangenenpolitik, Lageralltag und Erinnerung (Schriften der Bibliothek für Zeitgeschichte, Neue Folge 11), Essen 2000


    Streit, Christian: Keine Kameraden. Die Wehrmacht und die sowjetischen Kriegsgefangenen 1941– 1945, Bonn 1991

    Hallo zusammen!


    Dirk


    Die von Thomas gestellte Frage nach deinen Beweggründen scheint mir durchaus berechtigt zu sein. Ich wäre jedenfalls - wertfrei - an einer Antwort interessiert.


    Vielleicht möchtest du ja dazu noch Stellung nehmen?


    Wolfgang


    Deine Annahme, es ließe sich nur über Stauffenbergs Rolle am 20. Juli sicher urteilen, entspricht nicht den Tatsachen. Die Widerstandsforschung ist da deutlich weiter.


    MfG

    Hallo zusammen!



    @ Aders


    Wenn ich deinen erst kürzlich eingestellten Beitrag in einem anderen Thread richtig verstehe, kam es offenbar doch zu einer Verteilung derartiger Visiere an ortsfeste Flak-Einheiten?! Mit dem Heranrücken der Fronten scheint eine Zuteilung dieser Richtmittel - jedenfalls soweit vorhanden - ja durchaus plausibel zu sein. Mir selbst fehlen dazu allerdings jegliche Unterlagen, deshalb meine Frage.




    @ Ralph


    Ich kann dir nicht folgen.


    Ging es hier nicht um Hydrieranlagen? Mit Raffinerien haben die nämlich nichts zu tun.

    Eine vollständige Liste aller Hydrieranlagen findest du in dem von mir verlinkten Buch. Die waren alle auch noch nach August 1944 in Betrieb.


    Das gilt übrigens auch für die Raffinerien. Die von dir erwähnten Anlagen im Wiener Becken wurden z.B. durch die dort herrschende Erdölhöffigkeit noch bis zu ihrer Eroberung durch die Rote Armee betrieben.


    Der Fortfall der rumänischen Erdöllieferungen führte also nicht zu einer Stilllegung der deutschen Raffinerien.



    MfG

    Hallo zusammen!


    Eine vollständige Liste der deutschen Anlagen findet sich hier: https://babel.hathitrust.org/c…11672485&view=1up&seq=148


    Bei solchen Fragen empfiehlt sich immer ein Blick in die USSBS. Zur Dislozierung der Flak findet sich in dem online nicht zugänglichen Addendum (Band 110) näheres.



    Aders

    Quote

    Die ortsfestenn Batterien führten in ihrem Bestand gar keine Erdzieloptiken für die Geschütze, die verlegefähigen auch nur wenige.



    Das Flakzielfernrohr 20 wurde nicht an ortsfeste Batterien ausgeliefert? Liegen dir dazu Unterlagen vor?



    MfG

    Hallo Eberhard!


    Anhand der überlieferten Aktenbestände lässt sich Ribbentrops Rolle in dieser Frage nur schwer beurteilen. Klar ist, dass seine Nachkriegserinnerungen mit Vorsicht zu genießen sind und mitunter auch im Widerspruch zu Erinnerungen anderer Beteiligter stehen.


    Es erscheint jedenfalls wahrscheinlich, dass sich der Reichsaußenminister im Verlauf des Krieges dazu durchringen konnte, Hitler einen Ausgleich im Osten nahezulegen. Ob dies bereits Ende 1942 geschah, wie von Ribbentrop behauptet, muß jedoch bezweifelt werden. Ähnlich verhält es sich dann auch mit anderen Behauptungen Ribbentrops.


    MfG

    Hallo zusammen!



    Zu keinem Zeitpunkt des deutsch-sowjetischen Krieges kam es zu Gesprächen zwischen autorisierten Unterhändlern der beiden Nationen. Das vorweg.


    Zu den hier dargestellten Vorgängen ist zu bemerken, dass sie leider in Teilen korrekturbedürftig sind.


    Ein paar Beispiele: Der deutsche Kontaktmann in Schweden hieß Klauss, nicht Klein. Die Sowjets signalisierten bereits Anfang 1942 Gesprächsbereitschaft und nicht erst während der Schlacht um Stalingrad. Und Goebbels versuchte seinen "Führer" schon 1943 von einer "Ostlösung" zu überzeugen und nicht erst ein Jahr darauf.


    Diese und weitere Erkenntnisse hat Bernd Martin in einem Aufsatz erarbeitet, den ich empfehlen kann: Deutsch-sowjetische Sondierungen über einen separaten Friedensschluß im Zweiten Weltkrieg. Bericht und Dokumentation, in: Inge Auerbach (Hrsg.): Felder und Vorfelder russischer Geschichte : Studien zu Ehren von Peter Scheibert. Freiburg: Rombach, 1985, S. 280 - 308


    Wer sich dazu noch weiter vertiefen möchte, findet bei Ingeborg Fleischhauer Gelegenheit dazu: Die Chance des Sonderfriedens. Deutsch-sowjetische Geheimgespräche 1941-1945. Berlin 1986


    Eine reelle Aussicht auf einen Separatfrieden bestand jedenfalls nicht.


    Neben den - aus deutscher Sicht - inakzeptablen sowjetischen Angeboten, deren Ernsthaftigkeit aufgrund der unzugänglichen russischen Archive ohnehin nicht festgestellt werden kann, ist dafür vor allem die Weigerung Hitlers verantwortlich, ein Arrangement mit dem ideologischen Erzfeind zu suchen. Dieser Entschluss wurde sicherlich auch von seiner Erkenntnis getragen, dass ein erreichbar scheinender Separatfriede die Niederlage nicht würde abwenden können.


    MfG



    Hallo zusammen!



    Zu Staehle liegt mittlerweile ein lesenswerter Aufsatz in digitaler Fassung vor:


    https://www.degruyter.com/down…2.69/mgzs.1969.6.2.69.pdf


    Dazu einige Bemerkungen:


    Die deutsche Nachkriegsgesellschaft tat sich mit einer Würdigung des Widerstandes im Nationalsozialismus lange schwer. Mit den ersten Veröffentlichungen zum Thema verband man daher den Wunsch eine Änderung der öffentlichen Wahrnehmung herbeizuführen. Das führte dazu, dass sie eher einer ästhetisierenden Heldenverehrung glichen denn einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema. Die Historisierung setzte dann erst mit der zunehmenden Verschiebung dieser Nachkriegsperzeptionen ein.


    Obwohl diese Schrift am Ende dieses Transformationsprozesses entstand, fällt es dem Autor noch sichtbar schwer sich einer moralisierenden Betrachtung der Vorgänge zu entziehen. Dass zu Staehle offenbar kaum Ego-Dokumente vorliegen und sich der Autor in seinen Ausführungen häufig auf schriftliche und mündliche Auskünfte von Zeitzeugen stützt, erschwert die Abgrenzung weiter und führt mancherorts zu vermeidbaren Spekulationen über die Persönlichkeit, Motive und Handlungen Staehles.



    Davon unberührt bleibt freilich sein Wirken, dessen Grundlage die Weigerung bildete, die eigenen ethischen Grenzen denen eines Un­rechts­re­gimes anzupassen.


    MfG

    Hallo zusammen!


    Nicco


    Wenn ich die Eröffnung richtig verstanden habe, geht es hier um den Griechisch-Italienischen Krieg (Oktober 1940-April 1941).


    @Thema


    Die historiographische Suche nach italienischen Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg setzte überhaupt erst vor rund 20 Jahren ein und konzentrierte sich zunächst auf den afrikanischen Kriegsschauplatz. Mittlerweile liegen zwar auch einige Beiträge zur Besatzungsherrschaft in Griechenland vor, der hier diskutierte Zeitraum bleibt allerdings - soweit ich das Feld überblicken kann - ein Desiderat der Forschung.


    Santarelli weist in ihrem wichtigen Forschungsbeitrag zur entgrenzten Kriegsgewalt des faschistischen Italiens zwar darauf hin, dass die italienische Frühjahrsoffensive 1941 von zahlreichen Exzessen gegen die Zivilbevölkerung begleitet wurde, geht jedoch nicht näher auf sie ein (vgl. Santarelli, 2004, S. 287). Als Quellengrundlage dienen ihr die Ermittlungsakten der Nationalen Hellenischen Behörde für Kriegsverbrechen (ONHCG 1946: 80 ff.).


    Es ist also davon auszugehen, dass im Zuge des Griechisch-Italienischen Krieges italienische Kriegsverbrechen verübt wurden. Zur Qualität und Quantität dieser Taten liegen jedoch keine wissenschaftlichen Erkenntnisse vor.


    Literatur:


    Santarelli, L. (2004). Muted violence: Italian war crimes in occupied Greece. Journal of Modern Italian Studies, 9(3), 280–299.


    MfG

    Hallo Karl!

    Quote

    das scheint mir nicht ganz schlüssig, denn von einem "Feldherrn" wurde es erwartet, im Falle des einfachen Soldaten akzeptiert.

    Es ging mir nicht um die Erwartungshaltung, sondern um den Akt an sich. Ich bezog mich dabei auf die von Carsten - dem Threadstarter - eingebrachte Frage nach Unterscheidung zwischen einem "ehrenvollen Suizid" eines Offiziers und der Selbsttötung eines "einfachen Soldaten". Wählte man den Freitod, um der Gefangennahme zu entgehen, war dies ehrenvoll, gleichgültig des Ranges.

    Quote

    auch hier sind die Ausführungen nach der damalige Rechtslage m. E. nicht schlüssig:


    Ich bin mir nicht sicher, ob ich diesen Absatz verstehe. Daher einige allgemeine Punkte dazu:


    In der Praxis - also im Rahmen der Ermittlungsverfahren - bestanden rechtliche Grauzonen (etwa in der Frage, welche Kriterien für die Einstufung eines Selbstmordversuchs erfüllt sein mussten). Dessen ungeachtet waren natürlich Muster erkennbar (z.B. Verletzung risikoarmer Körpergegenden), die die Selbstverstümmelung vom Selbstmordversuch unterscheidbar machten.


    Korrekt ist, dass ein Selbstmordversuch auch als Wehrkraftzersetzung geahndet werden konnte. In der Praxis hatten die Angeklagten jedoch keine schwerwiegenden strafrechtlichen Folgen zu fürchten. Warum dem so ist, kann den Quellen nicht abschließend entnommen werden. Es liegt jedoch die Vermutung nahe, dass man diesen Fällen keine allzu große Aufmerksamkeit schenken wollte, um die Disziplin der Truppe nicht zu gefährden. Ein weiterer Grund für die lasche Strafverfolgung dürfte der gewesen sein, dass die Mehrheit der Betroffenen im besten (wehrfähigen) Alter war und die Heerespsychiatrie viele von ihnen in Kampfverbände reintegieren zu können glaubte (vgl. Theis, a.a.O., S. 172).


    Es ist nicht korrekt, dass die KSSVO keinerlei Freiraum ermöglichte. Im Gegenteil, gerade der hier diskutierte §5 hielt die gelisteten Straftatbestände und ihre Strafrahmen derart offen, dass sich den Richtern große Spielräume boten. Man konnte nach §5 KSSVO zwar zum Tode verurteilt werden, genauso gut aber auch zu einem Tag Gefängnis (vgl. zum Komplex Kirschner, 2015, S. 186).

    Quote

    Selbstmörder glauben in den überwiegenden Fällen als Folge ihrer Handlung an einen sofortigen und sicheren Todeseintritt.


    Bei chronisch selbstdestruktivem Verhalten erfolgt der Tod oft erst nach Tagen oder Wochen. Baumann grenzt den Suizid in ihrer Arbeit auch deshalb zeitlich ein, weil eine möglichst weitgefasste Definition einer historischen Längsschnittanalyse abträglich gewesen wäre.




    Literatur:


    Kirschner, A.: "Asoziale Volksschädlinge" und "Alte Kämpfer". Zu Handlungsmöglichkeiten der Wehrmachtrichter im Zweiten Weltkrieg, S. 181-192. In: NS-Militärjustiz im Zweiten Weltkrieg. Autorenkollektiv, Göttingen 2014



    MfG

    Hallo zusammen,


    interessantes Thema!



    Zur Suizidalität im Nationalsozialismus liegen mittlerweile einige Forschungsarbeiten vor.



    @Rudolf


    Quote

    Ein prominentes Beispiel war wohl Freiherr von Fritsch.

    Die Todesumstände des Generalobersten v. Fritsch sind schon vor knapp 50 Jahren von der Militärgeschichtsschreibung aufgearbeitet worden. Die Legende, wonach v. Fritsch den Tod gesucht habe, konnte dabei eindeutig widerlegt werden (vgl. Brausch, 1970, S. 101).



    Thilo


    Quote

    Suizid galt nicht als Wehrdienstbeschädigung, daher hatten Angehörige keine Versorgungsansprüche.

    Suizid konnte als WDB anerkannt werden, wenn er die Folge eines in Dienstausübung erlittenen gesundheitlichen Schadens war (dazu zählten auch Depressionen aufgrund der militärischen Lage). In der Praxis ergaben sich dann große Spielräume in der Beurteilung des jeweiligen Sachverhalts (vgl. Baumann, 2001, S. 360 ff.).

    Quote

    Außerdem galt der Versuch nach Kriegssonderstrafrechtsverordnung § 5 Abs. 3 als "Wehrkraftzersetzung" und hätte bei Misslingen -schon fast ironisch- zur Todesstrafe führen können.

    Hier sei ergänzt, dass der Suizidversuch an sich nicht strafbar war, jedoch unter §5 KSSVO als "Fahnenflucht" zur Anzeige gebracht werden konnte. In der Praxis kam dies allerdings kaum vor und in keinem bekannten Fall ist eine ernstzunehmende strafrechtliche Konsequenz nachweisbar (vgl. Theis, 2006, S. 171).


    Wolfgang

    Quote

    ein bekannter Fall für den Freitod in aussichtsloser Lage ist Generalleutnant Alexander von Hartmann...

    Hartmann ist nach deutscher Diktion “gefallen”. Sich einer tödlichen Gefahr bzw. Feindeinwirkung bewusst auszusetzen, sei es durch eine aufrechte Haltung in einem Feuergefecht oder durch die Weigerung ein sinkendes Schiff zu verlassen, wurde (und wird?) gemeinhin nicht als Suizid anerkannt (vgl. Baumann, 2001, S. 358).


    Nach Baumann ist Suizid als Handlung zu verstehen, die die ausführende Person mit der Absicht der tödlichen Selbstverletzung unternimmt und diese als Folge ihrer Handlung in einem absehbaren Zeitraum unmittelbar nach Beginn der Handlungsausführung für wahrscheinlich hält (vgl. ebd., S. 3).



    Nun noch etwas zur eigentlichen Fragestellung:


    Eine Selbsttötung, um sich der Gefangennahme zu entziehen, galt auch im Nationalsozialismus als ehrenvoll (vgl. Hahn/Schröder, 1992, S. 86). Vor diesem Hintergrund sind der hier diskutierte Familienfall (und zahlreiche ähnlich gelagerte Soldatensuizide) zu betrachten. Zwischen Dienstgraden wurde dabei nicht unterschieden.


    Wer sich dem Thema weiter nähern möchte, kann dies neuerdings bei Hannes Liebrandt tun. Der Autor geht nicht nur auf die Ambivalenz zwischen Kriminalisierung, Heroisierung und Idealisierung des Freitods im Nationalsozialismus ein, sondern behandelt dabei auch die Suizidalität innerhalb der Wehrmachtsführung. Da es sich hierbei ausnahmslos um Offiziere handelte, könnten die dort vorgestellten Erkenntnisse womöglich auch für den Themenstarter von Interesse sein.



    Literatur:

    Baumann, U.: Vom Recht auf den eigenen Tod. Die Geschichte des Suizids vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Weimar 2001

    Brausch, G. (1970): Der Tod des Generalobersten Werner Freiherr von Fritsch. Militaergeschichtliche Zeitschrift, 7(1), 95-112.

    Hahn, S., & Schröder, C. (1992). Suizidalität im Nationalsozialismus. Psychologie und Gesellschaftskritik, 16(2), 81-101.

    Liebrandt, H.: "Das Recht mich zu richten, das spreche ich ihnen ab!". Der Selbstmord der nationalsozialistischen Elite 1944/45. Paderborn 2017

    Theis, K.: Wehrmachtjustiz an der "Heimatfront". Die Militärgerichte des Ersatzheeres im Zweiten Weltkrieg. (Studien zur Zeitgeschichte, Bd. 91.) Berlin/Boston, De Gruyter Oldenbourg 2016



    MfG

    Hallo zusammen!


    An den Weihnachtsfeiertagen konnte ich endlich wieder einmal meiner Leseleidenschaft frönen. Eine Veröffentlichung, die mir dabei besonders aufgefallen ist, möchte ich kurz vorstellen:


    “Blinded by the Rising Sun? American Intelligence Assessments of Japanese Air and Naval Power, 1920-1941“ von Justin Pyke.


    Der Autor vergleicht erstmals die nachrichtendienstlichen Erkenntnisse der Amerikaner, soweit sie die japanische Marine (IJN) und ihre Luftwaffe (IJNAS) in der Zwischenkriegszeit betreffen, mit den tatsächlichen Gegebenheiten.


    Pyke beantwortet die Fragestellung dabei unter der Berücksichtigung vielfältiger Themengebiete. Minutiös wendet er sich im Laufe der Untersuchung den taktischen, personellen, technologischen, strategischen und industriellen Gesichtspunkten der Problematik zu. Dem Leser eröffnet sich dadurch ein umfassendes Bild über die amerikanischen Perzeptionen und japanischen Wirklichkeiten jener Tage.


    Der in der Einführung kenntnisreich vorgetragene Forschungsstand vermittelt dabei nicht nur einen hervorragenden Überblick über die bisherigen Anstrengungen der Wissenschaft auf diesem Gebiet, sondern führt auch die Notwendigkeit einer umfassenderen Betrachtung dieser Aspekte vor Augen. Das in der Einleitung sichtbar werdende Desiderat der Forschung kann der Autor letztlich überzeugend schließen.


    Wenig überraschend ist daher, dass Pyke die herrschende Meinung in wichtigen Punkten revidieren kann. Nicht Rassismus oder Ethnozentrismus waren für die amerikanischen Fehleinschätzungen der militärischen Leistungsfähigkeit der IJN und IJNAS ausschlaggebend, sondern die ab den 1930er Jahren zunehmend effektiver werdenden Geheimhaltungsmaßnahmen. Und auch keineswegs sämtliche gewonnenen Erkenntnisse erwiesen sich als falsch. Mit großer Sorgfalt differenziert Pyke den Kenntnisstand der Amerikaner und legt so den mitunter durchaus erheblichen Schwankungen unterliegenden Wissensstand über den künftigen Kontrahenten offen. Schwächen in der Beurteilung der technologischen und taktischen Fähigkeiten - insbesondere die IJNAS betreffend - stehen beispielsweise akkurate Einschätzungen in strategischen und industriellen Fragen gegenüber. Auch die wichtigste Annahme stellte sich als zutreffend heraus: Japan war es unmöglich einen Krieg gegen die USA zu gewinnen.


    Obwohl sich der Fokus der Darstellung auf die Zwischenkriegsjahre beschränkt, geht der Autor immer wieder auf Entwicklungen im Pazifikkrieg ein. Dies eröffnet dem Leser einen Ausblick auf einige der Ergebnisse, die mit der folgenschweren Entscheidung des Kaiserreichs - in den Zweiten Weltkrieg einzutreten - einhergingen.


    Scharfsinnig, aber der jüngeren Forschung zum pazifischen Kriege keineswegs neu, kommt Pyke zu dem Schluss, dass die nachrichtendienstlichen Fehleinschätzungen der Alliierten für den japanischen Erfolg zu Kriegsbeginn nicht ausschlaggebend waren. Tatsächlich haben der alliierte Kräftemangel in Asien, der europäische Krieg, Fortune und die Fehleinschätzungen der japanischen Absichten zur erfolgreichen Kriegseröffnung des japanischen Kaiserreichs wesentlich beigetragen.


    Der Autor legt hier eine Diplomarbeit von bemerkenswert hohem Niveau vor, die ich an dieser Stelle allen Interessierten ausdrücklich empfehlen möchte.


    Wer sich selbst ein Bild machen will, kann die Arbeit kostenfrei herunterladen: https://prism.ucalgary.ca/handle/11023/2890



    Allen noch ein gutes Jahr 2019!

    Hallo zusammen!

    Ich las gerade "The Wehrmacht Retreats: Fighting a Lost War, 1943" von Robert M. Citino.


    Der Autor hat sich in den letzten Jahren intensiv mit dem “German Way of War”, mit der deutschen Art Krieg zu führen, auseinandergesetzt und in diesem Zusammenhang mehrere Einzeldarstellungen veröffentlicht. Das o.a. Buch ist ein Beitrag zur Operationsgeschichte, wie Citino im Vorwort erläutert. Den Leser soll eine detaillierte Analyse der deutschen Heeresoperationen des Jahres 1943 und ihre Kontextualisierung in den Rahmen deutscher Militär- und Kulturgeschichte erwarten (vgl. Citino, 2012, xxiv).


    Die Prämissen klingen also überaus vielversprechend, doch schon der Titel ist irreführend. Die Darstellung beschränkt sich weder auf das Jahr 1943, noch auf die Rückzüge der Wehrmacht, noch auf die Wehrmacht selbst. Tatsächlich stehen zunächst die alliierte Landung in Französisch-Nordafrika und mit ihr die US-Armee im Mittelpunkt der Betrachtungen. Was der Autor als "open in medias res” (ebd.) bezeichnet, verschlingt bereits 40 der insgesamt nur 284 Textseiten. Da Citino immer wieder abschweift und sich auch geographisch nicht zu beschränken vermag - die Ausführungen führen den Leser von Nordafrika über Italien bis nach Russland - komprimiert sich der für die eigentliche Fragstellung verfügbare Raum derart, dass an eine umfassende Behandlung deutscher Operationen nicht zu denken ist. Damit scheitert der Autor an seinen eigenen Erwartungen.


    Dass der Beitrag an dieser Stelle trotzdem nicht als Verriss endet, hat zwei Gründe.


    Erstens formuliert Citino einige überaus kühne Thesen, die eine nähere Betrachtung verdienen. Zwei Beispiele:


    Der klassische deutsche Bewegungskrieg fand seinen Ursprung im Königreich Preußen zu Zeiten Friedrich Wilhelm II. Von potentiellen Feinden umgeben und relativ ressourcenschwach suchte das verhältnismäßig kleine Königreich nach Lösungen für seine strategische Lage. Die Kriege mussten kurz sein, auf engem Raum geführt und die numerische Unterlegenheit durch Schnelligkeit und Beweglichkeit ausgeglichen werden. An diesen Vorstellungen hatte sich knapp 300 Jahre später nicht viel geändert, das Deutsche Reich jedoch befand sich mittlerweile in einem Weltkrieg. Das Kräfteverhältnis, so der Autor, war derart zugunsten der Alliierten verschoben worden, dass die Voraussetzungen eines Bewegungskrieges nicht mehr geschaffen werden konnten. Die deutsche Generalität habe dies jedoch auch nach Kursk nicht erkannt, weil sie keine Alternative kannte.


    An anderer Stelle widmet sich Citino dem italienischen Kriegsschauplatz. Im Gegensatz zur weitverbreiteten Meinung, Kesselring hätte außerordentlich erfolgreich verteidigt, führt der Autor Fakten ins Feld, die daran zweifeln lassen. Einerseits habe der italienische Kampfraum aufgrund seiner Topographie den Verteidiger außerordentlich begünstigt, andererseits verfügte das deutsche Heer - für seine Verhältnisse und sehr zum Unterschied gegenüber anderen Kriegsschauplätzen - immer wieder über ein vorteilhaftes Kräfteverhältnis und trotzdem betrugen die personellen Ausfälle der Wehrmacht insgesamt ein Vielfaches dessen, was die Alliierten zu verzeichnen hatten.


    Sicher ist, dass der italienische Kriegsschauplatz in der deutschsprachigen Militärgeschichte bislang kaum Beachtung fand und künftig intensiverer Zuwendung bedarf.


    An keiner Stelle reicht der Raum aus diese und andere Auffassungen des Autors soweit zu substanziieren, dass sie keiner weiteren Forschung bedürften, aber in jedem Falle geben sie wichtige Ansatzpunkte für weitere Analysen.


    Ein zweiter Pluspunkt ist die Vorstellung der relevanten Literatur im Anmerkungsapparat, die dem jeweiligen Kapitel vorangestellt ist und die wesentlichsten Veröffentlichungen zum Zeitpunkt der Drucklegung erfasst. Dem Leser eröffnet sich so ein hervorragender Einblick in den Korpus der einschlägigen Forschungs- und Memoiren-Literatur. Dass dies nicht vor Fehlurteilen schützt, zeigt das Kursk-Kapitel des Autors, in dem er trotz umfangreicher Rezeption der vorliegenden Literatur (fast 40 Titel werden im Anmerkungsapparat einführend besprochen) die Fehleinschätzungen Friesers und Falschaussagen der Memoiren-Literatur tradiert, obwohl Töppels Aufsatz Eingang in das Literaturverzeichnis gefunden hat. Genauso vermeidbar ist der Umgang Citinos mit den verschriftlichten Erinnerungen der Militärelite. Obwohl der Autor mehrfach auf die Problematik dieser Schriften hinweist und in diesem Zusammenhang scharfsinnig konstatiert, dass Geschichte – im Gegensatz zur landläufigen Meinung – gerade auch vom Verlierer geschrieben wird, greift er auf sie allzu häufig zurück. Die Folgen dieser Vorgehensweise werden immer dort sichtbar, wo sie seine einzige Quellengrundlage darstellen.


    Was bleibt, ist ein zwiespältiger Eindruck. Auf der einen Seite scheitert der Autor an seinen eigenen Erwartungen, andererseits präsentiert er in seinen Ausführungen immer wieder interessante Gedankengänge. Für mich war es Grund genug es zu lesen.



    MfG

    Hallo Karl!


    Im italienischen Kampfraum war an eine unmittelbare Reaktion, also an einen raschen deutschen Gegenschlag, schon aus Kräftemangel nicht zu denken. Das wurde in den Planungsstäben klar erkannt, weshalb die Verhinderung einer Anlandung bzw. ihre frühzeitige Abwehr auch nicht in Erwägung gezogen wurden. Gleichwohl hielt man es aber für möglich, auf der inneren Linie operierend, rascher Kräfte der Front zuführen zu können als dies dem Gegner möglich wäre und daher - nach ausreichender Vorbereitung - den Feind wieder ins Meer zu werfen. Im Falle von Anzio-Nettuno benötigte man jedoch fast zwei Wochen um einen substanziellen Gegenschlag zu organisieren. Viel zu lange, um die Schlacht noch entscheiden zu können. Alleine in der ersten Woche landeten die Alliierten rund 70.000 Mann, 237 Kampfpanzer, 508 Geschütze und fast 30.000 Tonnen Material an (vgl. Vigo, 2014, S. 131).


    Es ist daher auch nicht korrekt, dass die deutschen Bemühungen, den Brückenkopf einzudrücken, vornehmlich an der alliierten Schiffsartillerie gescheitert wären.


    Tatsächlich war es dem OKW schlicht nicht möglich jenes materielle und personelle Übergewicht herzustellen, das für eine erfolgreiche Offensive erforderlich gewesen wäre. Erkenntnisse, die sich bedenkenlos auf die Normandie übertragen lassen.


    Ab 1943 war Deutschland nicht mehr in der Lage, Großlandungen zu verhindern oder auch nur zurückzuschlagen, weil sich das Kräfteverhältnis entscheidend zugunsten der Alliierten gewandt hatte.


    Literatur:


    Vigo, Milan (2014): The Allied Landing at Anzio-Nettuno 22 January-4 March 1944: Operation SHINGLE, Naval War College Review: Vol. 67: No. 4, Article 8


    MfG