Posts by BigX

    Hallo zusammen, hallo Soldieforscher,



    leider kann ich keine konkreteren Angaben zum Einsatz des Frontaufklärungskommandos 210 in den Ardennen machen, aber zur Struktur, Führungspersonen und den Aufgaben des FAK 210 in der Normandie/ Frankreich liegen mir Informationen vor.



    Quellen:


    Die Hauptquellen die, ich hier verwende sind die Verhörprotokolle von Hauptmann Richard Geerken (später Abteilungsleiter beim BfV) und Leutnant Peter Schagen die sich im britischen Nationalarchiv in Kew befinden. Die Akten sind teilweise in mehreren in PDF-Dateien runterzuladen und können per Paypal bezahlt werden:


    KV-2-161 Peter Schagen


    KV-2-968 Richard Gerken


    Weiter ist das Buch von Dr. Perry Biddiscomb „The SS-Hunter Battalions. The hidden history of the Nazi resistance movement 1944-45” über die SS-Jagdverbände erschienen bei Tempus, Stroud/ Gloucestershire 2006 Gold wert, da er u.a. auf Grundlage der Verhörprotokolle deutscher Geheimdienstler sowie alliierter Funkaufklärungsdokumente (ULTRA-Meldungen) die Arbeit der Jagdverbände und der gleichartigen Wehrmachtseinheiten (FAK und FAT) darstellt.



    Allgemeine Einordnung der Frontaufklärungskommandos- und trupps


    Das FAK 210 ist keine Funkaufklärungseinheit/ Eloka- oder SIGINT-Einheit wie die Nachrichtenfernaufklärungskompanie 621 sondern war unter der vorherigen Bezeichnung Abwehrkommando 210 eine mobile Einheit der Abteilung II (Sabotage/ Diversion) des Amtes Ausland/ Abwehr im OKW, des „Wehrmachtsgeheimdienstes“ unter Admiral Wilhelm Canaris.




    Aufgabe der Abwehrkommandos und -trupps mit der beginnenden Nummer Zwei war der Aufbau von Sabotagenetzen und das Verüben von Sabotage-und Diversionseinsätzen hinter den feindlichen Linien. Die AK und AT der Hausnummern I und III waren dagegen mobile Einheiten, welche die entsprechenden Aufgaben für die Abwehrabteilungen I (Meldedienst/ Aufklärung) und III (Spionageabwehr) „im Felde“ übernahmen.



    Teilweise agierten die deutschen Einheitsführer und das deutsche Rahmenpersonal der sogenannten „Zweier-Organisationen“ auch selbst hinter den feindlichen Linien; berühmte Beispiele sind das „Unternehmen Kirn“ im Herbst 1944 unter dem späteren Ritterkreuzträger Hauptmann Dietrich Witzel oder der Einsatz von Feldwebel Waldemar Goettler mit russischen Kräften gegen sowjetische Partisanen, der dafür das Ritterkreuz 1943 verliehen bekam. Oftmals bildeten die Einheiten der Frontaufklärung-II aber lediglich in eigens dafür gegründeten Diversions-„Schulen“ einheimische oppositionelle Kräfte aus, die dann mit Sabotageaufträgen in das feindliche Hinterland entsandt wurden.



    Das AK 210 unter der Führung von des Panzerjägeroffiziers Major Hans von Uslar (später Führer des FAK 211 in Italien) war beispielsweise mit einigem Erfolg in Tunesien für das Deutsche Afrikakorps/ Heeresgruppe Afrika aktiv gewesen.



    Mit der Eingliederung von Teilen der Abwehr (Abwehrabteilungen I und II) in das Amt VI (Auslands-SD) des Reichssicherheitshauptamtes zwischen Frühjahr und Sommer 1944 in Form des neugeschaffenen Militärischen Amtes wurden die Einsätze der Zweier-AK und AT nun durch das Referat D im MilAmt (SS-Obersturmbannführer Otto Skorzeny) im „verwaltet“, wobei hieraus ein strukturelles und organisatorisches Durcheinander resultierte, da für das Anfordern von Einsätzen der AK und AT die Abteilung Ic (Feindlage und Abwehr) der regionalen Oberbefehlshaber, Heeresgruppen und Armeen zuständig war und zusätzlich noch eine regionale Leitstelle-II West (ab Herbst 1944 Ritterkreuzträger Hauptmann Friedrich Hummel) zwischengeschaltet war, die für die Sicherstellung von Personal und Material zu sorgen hatte. Bis Kriegsende zerrten Wehrmacht und SS an der Verfügungsgewalt über den Einsatz der II-Einheiten, die ab September 1944 die Bezeichnung Frontaufklärungskommandos und Frontaufklärungstrupps erhielten.


    Zur Leitstelle II West


    Führer der Leitstelle (in Reihenfolge):


    Oberstleutnant Heinz von Eschwege

    Major d. R. Wolfgang Abshagen (Widerständler des 20. Juli)

    Major Friedrich Brandt

    Hauptmann d. R Friedrich Hummel


    Die Leitstelle II zog später von Paris nach Metz um.


    Der Leitstelle II West unterstanden die FAK 210 und 213


    Quelle: KV-2-968_1 Richard Gerken



    Zum FAK 210


    Das FAK 210 unterstand wie auch das FAK 213 (Benelux) der Leitstelle für Frontaufklärung-II West und war im Sommer 1944 war in Frankreich aktiv.


    Führer der Einheit war 1944 der korpulente und von Narben gezeichnete Hauptmann Dr. Wilhelm Gragert


    (Quelle: Biddiscombe, Perry: The SS-Hunter Battalions“, S. 204)


    Anmerkung: Ich erkenne auf dem eingestellten Scan die Unterschrift GRAGERT.



    Gragerts Bürooffizier war seinerzeit ein Leutnant von Otto, der später selbst einen FAT führte.


    Auf Gragert folgte Hauptmann Mühlmann, möglw. Hans Mühlmann.


    (Quelle: KV-2968_1 Richard Gerken, S. 83)



    Dem FAK 210 waren der Frontaufklärungstrupp 251 in Avignon, der FAT 252 in Le Mans sowie der FAT 263 in Frensac unterstellt, wobei der FAT 251 dem Armeeoberkommando (AOK) 19 zugeteilt war, FAT 252 dem AOK 7 und der FAT 263 dem AOK 1. (Quelle: KV-2-161 Peter Schagen, S. 89)


    Im Oktober 1944 wurde noch das FAT 248 vom FAK 213 (Hauptmann Richard Geerken) an das FAK 210 abgegeben.




    FAT 251


    Leutnant Klinger (schied nach Verwundung aus)

    Leutnant von Otto (übernahm Führung des Trupps von Leutnant Klinger)

    Obergefreiter Wiebking

    Sonderführer Henri Klein



    FAT 252

    In Nordafrika, der Normandie und der Bretagne eingesetzt und im Frühjahr 1945 bei Pirmasens.


    (Quelle: Müller-Enbergs/ : „Spione und Nachrichtenhändler: Geheimdienst-Karrieren in Deutschland 1939-1989, S. 240)


    Nachdem es dem dazu eingesetzten FAT 252 nicht gelungen war Cherbourg für den alliierten Nachschub unbrauchbar zu machen, wurde Herwart Schanz aus der Abwehr respektive der Nachfolgeorganisation entfernt. (Quelle: KV-2-161 Peter Schagen, S. 117)


    Oberleutnant Lorenzen

    Leutnant d. R. Wolf Rauert (ab 13.06.1944)

    Feldwebel Hans Boden




    FAT 263

    Hauptmann Wiemann

    Leutnant Peter Schagen

    Leutnant Vogt (nur temporär)

    Unteroffizier Josef Otten oder Ottem

    Freiherr Constantin Max Wilhelm von Massenbach

    Max Foerschler

    Oberschütze Otto Caspritz (Anmerkung: Caspritz war hier im Forum schon einmal Thema; hierzu Suchfunktion benutzen)




    Der FAT 263 bestand aus Soldaten, die oftmals spanisch oder portugiesisch sprachen.


    Zu den Einsätzen der FAK und FAT in Frankreich

    Das FAK 210 und seine unterstellten FAT sollten im Falle einer alliierten Invasion in Frankreich aus Vichy-Franzosen, rechtsextremen Kreisen usw. Saboteure anwerben, die sich „überrollen“ lassen und dann aus zuvor angelegten Waffenverstecken den Kampf gegen die alliierten Besatzer aufnehmen.


    Bis zur Invasion betrieb Abwehr II bzw. die Frontaufklärung II West von Frankreich aus Sabotage und Zersetzung in den Ländern der Alliierten und den von ihnen zurückeroberten Ländern. So wurden 1944 in Marokko Sabotageagenten abgesetzt, die den Auftrag hatten Eisenbahnanlagen und Tunnel zu sprengen. Laut Oscar Reile (Abwehr-III Offizier) wurden die Aktivitäten im Westen gegenüber derartigen Einsätzen auf dem Balkan und an der Ostfront nur gemäßigt vorgetragen.


    (Quelle: Reile, Oscar: „Der deutsche Geheimdienst im II. Weltkrieg - Westfront“, S. 365)


    Dass die Leitstelle bis zu Invasion keine Sabotage durch führen konnte, versteht sich von selbst, da überdiese Brücken ja der Nachschub an die designierte Invasionsfrontfront rollen sollte.


    Allerdings wurde laut Reile umfangreiche Zersetzungsarbeit betrieben. Verbreitung von Flugblättern und Broschüren und das Ausspielen verschiedener Resistance-gruppen untereinander. Dabei wurde auch die Akteure von Doriot und Bucard zurückgegriffen.


    Quelle: Reile, Oscar: „Der deutsche Geheimdienst im II. Weltkrieg - Westfront“, S. 365


    Die Waffenverstecke/ Erdverstecke wurden mit Sprengstoff und Handfeuerwaffen usw. ausgestattet und die genaue Lage der einzelnen fotografiert und kartographiert, wobei die Informationen auch an die vorgesetzten Dienststellen geschickt wurden.


    Es war nicht unüblich, dass Angehörige der Pioniertruppe in den FAK und FAT dienten, da diese im Umgang mit Sprengstoff geschult waren. Ansonsten ist die Personalstruktur äußerst heterogen. Vom Professor bis zum kampferprobten „Brandenburger“ und Geschäftsmann mit Auslandserfahrung lässt sich fast alles finden.


    Am 14.06.1944 erhielt Oberleutnant Herwart Schanz vom Oberbefehlshaber West, Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt, respektive dessen Führungsabteilung Ic/AO den Auftrag den Einsatz von V-Leuten für Sabotage und Zersetzungsaufträge auf der französischen Halbinsel Contentin vorzubereiten, für den Fall, dass es den Alliierten gelänge sich im Raum Cherbourg festzusetzen.


    (Quelle: Müller, Norbert: „Das Amt Ausland/Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht“, S. 424)


    Nachdem es ihm und dem dazu eingesetzten FAT 252 nicht gelungen war Cherbourg für den alliierten Nachschub unbrauchbar zu machen, wurde Schanz aus der Abwehr respektive der Nachfolgeorganisation entfernt.


    (Quelle: KV-2-161 Peter Schagen, S. 117)


    Gefunkt wurde in den FAK natürlich auch, da so Kontakt zu den eingesetzten Saboteuren gehalten wurde, aber es ging bei den Frontaufklärungskommandos-II eben nicht um Funkaufklärung sondern um Sabotage und Diversion.



    Mit besten Grüßen für ein schönes Wochenende


    Robert

    Guten Abend Hugo, guten Abend liebe Forumsmitglieder,




    ich bin zufällig auf Informationen zu dem gesuchten Hauptmann Kretschmar gestoßen, die ich hiermit gerne teilen möchte. Es sind zwar keine „harten Fakten“, sondern lediglich Aussagen von ehemaligen Angehörigen der Abteilung II des Amtes Ausland/ Abwehr bzw. des MilAmt D die Kretschmars Wege kreuzten, aber vll. sind diese trotzdem von Interesse.



    Der „Brandenburger“ Fred Herman Brandt, der zusammen mit Dr. med. Manfred Oberdörffer und dem späteren Ritterkreuzträger Dietrich F. Witzel in Afghanistan war und sich später in Albanien dem britischen SOE ergab, äußerte sich gegenüber seinen britischen Vernehmungsoffizieren so:


    Mai 1942:

    Brandt, der seit Januar 1942 im sog. Regenwurmlager bei Meseritz für ihn erstaunlicherweise nochmals als Rekrut ausgebildet werden sollte, traf dort im Rahmen des von Rittmeister Dr. jur. Harbig geführten Sonderkommandos “Bajadere“ auf Kretschmar.

    Im Mai 1942 bestand „Bajadere“ aus 120 deutschen Soldaten, sowie 150 Indern und 120 Tadschiken. Neben Dr. Harbig war einer der deutschen Offiziere ein Oberleutnant Kretschmar, der als (W/T) = Funker bezeichnet wird.


    Am 22. Mai wurde entschieden, dass die Bajadere-Leute Gebirgs- und Fallschirmtraining erhalten sollten. Dazu wurden drei Gruppen gebildet, wobei Kretschmar die dritte Gruppe führte. Jede Gruppe bestand aus 15 Indern, 15 Tadschiken und 10 Deutschen.


    Zu den einzelnen ihm bekannten Personen befragt, gibt Brandt bezüglich Kretschmar an:

    Kretschmar diente als Oberleutnant in einer Nachrichteneinheit bevor er im Frühjahr 1942 zum Sonderkommando „Bajadere“ kam, um Inder und Tadschiken im Funkwesen auszubilden. Andere Aufgaben soll er dabei kaum übernommen haben. Kretschmar soll laut Brandt den Kommandoführer Dr. Harbig und das OKW mit Alkohol versorgt haben, da er mit der Tochter eines Spirituosenfabrikanten verheiratet war.


    Weihnachten 1942 wurde er wieder nach Brandenburg versetzt.

    Kretschmar soll 1944/45 (Zeit des Verhörs von Fred Brandt) etwa 30 Jahre alt gewesen sein und war etwa 1,80 bis 1,85 groß, Gewicht etwa 80 Kg und verfügte über eine laute Stimme und legte Wert auf sein äußeres Erscheinungsbild, wobei er ein sportliches Auftreten an den Tag legte.


    Quelle:
    Aus dem britischen Nationalarchiv in Kew: KV-2-752 Fred Herman Brandt (Akten sind in zwei PDF-Dateien runterzuladen, hier ist das 2. PDF-Dokument relevant) Seite 8 und 26
    Die Verhöre der drei ehemaligen Angehörigen des MilAmt D/ Referat Ost, Oberleutnant Gotthard Gambke, Leutnant Hans Raupach und Gefreiter Sergius Peters ergaben bezüglich Kretschmar folgendes:
    Raupach zufolge, war Kretschmar Berufsoffizier während Gotthard Gambke ihn als Reserveoffizier bezeichnet.
    Alter: 30 – 38 Jahre


    Verheiratet
    Kämpfte im Frühjahr 1940 mit dem Lehrregiment Brandenburg an der niederländischen Grenze und wurde schwer verwundet.


    War Feindlagebearbeiter (Ic) in der Division Brandenburg
    Im Herbst 1943 (?) wurde innerhalb des Lehrregiments Kurfürst eine Nachrichtenkompanie für Belange von Abwehr II unter dem Kommando von Kretschmar aufgestellt.

    Mit der Auflösung der Abwehr respektive der Aufstellung des MilAmtes unter Oberst Georg Hansen im RSHA 1944 wurde diese Nachrichtenkompanie aufgelöst und dem Nachrichtenregiment 506

    unter Major Theodor Poretschkin zugeschlagen. Kretschmar selbst, soll dann der Abteilung MilAmt E und später dem SD-Ausland Amt VI/F zugeteilt worden sein, wo er für die Funkaufklärung zuständig war.
    Seit Sommer1944 war er im Lehrregiment Kurfürst in Kamenz/ Sachsen.
    Gotthard Gambke hörte zuletzt im Februar 1945 von Kretschmar, als er mit diesem telefonierte und über die Bereitstellung/ Sammlung von aufgeklärten Funksprüchen an der Ostfront für die Frontaufklärungskommandos und -trupps-II sprach.

    Quelle: Ebenfalls aus dem britischen Nationalarchiv in Kew: KV-2-3015 Gotthard Gambke, Hans Raupach und Sergius Peters (Akten sind in drei PDF-Dateien runterzuladen, hier ist das 3. PDF-Dokument relevant) Seite 42


    Vielleicht kannst du damit ja etwas anfangen. Viel Erfolg weiterhin bei den Recherchen und Gute Nacht


    Robert