Posts by z.b.V

    Erich Rahn hat sich nach bestenfalls rudimentärer Unterrichtung durch japanische Instruktoren "sein" Jiu-Jitsu kurz nach der Jahrhundertwende selbst zusammen gestrickt - so wie Helio Gracie Jahre später in Brasilien. Das ist weder gut noch schlecht und ganz sicher kein "Graus". Authentizität hat nichts mit Niveau zu tun.


    Festzuhalten bleibt, das das Jiu-Jitsu der 30er Jahre im Wesentlichen deutsch war. Judo war im Gegensatz dazu immer von Japanern (Kano bzw. Kodokan) geprägt. Eine trennscharfe Definition gibt es nicht, aber Jiu-Jitsu war eher Selbstverteidigung, Judo eher Wettkampfsport. Kano war persönlich in Berlin und hat vermutlich auch mit Hitler gesprochen, um die Zustimmung des Deutschen Reiches zur japanischen Olympia-Bewerbung zu erhalten. Trotzdem sollte man den frühen Kodokan im Hinblick auf eine militärische Nutzung nicht unterschätzen.


    Was mich interessiert, sind die konkreten Inhalte, die tatsächlich unterrichtet wurden, damit man das Curriculum endlich mal mit der Gokyo abgleichen kann.


    Gruß - z.b.V.

    Hallo zusammen!

    Ich habe sehr viel Material zu verarbeiten und surfe daher nur sporadisch hier vorbei. Ich bitte daher, späte Antworten zu entschuldigen.


    Ich denke, man sollte den Begriff Nahkampf genauer definieren. In der Regel denkt man zuerst an die körperliche Auseinandersetzung im Sinne von unbewaffneter "Nahkampf" Mann-gegen-Mann. Bei der Wehrmacht verstand man unter Nahkampf aber alles, bei dem man "das Weiße im Auge des Feindes" sehen konnte. Dazu gehört dann auch die Handgranatenausbildung auf der Rödelbahn. Die Anwendung von körperlichen Techniken ist im militärischen Nahkampf die Ausnahme, stellte schon der General Hermann GEYER (¯1891 - 1969) nach dem Ersten Weltkrieg in seinem Handbuch »Der Angriff im Stellungskrieg.« fest:


    »Der Nahkampf wird mit der Schusswaffe entschieden.«


    Nach meinen bisherigen Recherchen war das Militär (Ritter / Adel) nur bis zur Schießpulverrevolution federführend bei der Entwicklung von Techniken für den Nahkampf. Als die Militärs statt dessen den Drill ("Griffe kloppen") einführten, übernahmen zivile Träger die weitere Entwicklung. Technisch war alles bekannt; Schlagen, Treten, Werfen, Halten, Würgen, Hebeln - aber es ist keine deutsche Kampfkunst entstanden. Ja, es gab Turnvater Jahn mit seinem Vaterländischen Turnen und es gab das studentische Fechten, aber die wesentlichen Impulse kamen aus dem Ausland: Boxen (England), Savate (Frankreich), Jiu-Jitsu (Japan).


    Der meiste Sachverstand in Deutschland fand sich im Sport, also im privaten Bereich. Von dort stammten später auch die Ausbilder der Wehrmacht. Insgesamt wurde Hand-2-Hand Combat sehr stiefmütterlich behandelt und wurde wohl er als Mittel der Persönlichkeitsentwicklung betrachtet und nicht als "Zusatzqualifikation" für das Schlachtfeld. Bei der Offiziersausbildung der Kriegsmarine wurde mit großem Umfang geboxt.


    An konkreten Ausbildungsvorschriften konnte ich außer der H. Dv. 475 bisher jedoch kaum etwas finden. Die Unterlagen von der Blauen Division wären daher sicher äußerst interessant!!!

    Geschmeidigen Abend noch - z.b.V.

    P.S.: Zum Schießen aus der Hüfte:


    Bei der Bundeswehr: stundenlanges Rumgammeln auf der Schießbahn, dann Munitionsausgabe(Magazin mit 3 Schuss) und mit dem G3 ein Schuss Einzelfeuer auf klar erkanntes Ziel - FEUER! (Altes Rennen auf, neues Rennen vor... Repeat. Gäääähn...)

    Bei den Amerikanern: du nimmst die einen Helm, voll mit Magazinen, schnappst dir ein M17 und rotzt aus der Hüfte alles raus. Gezielt wird mit der Leuchtspur.

    Hallo, Robert!


    Das wäre super. Was bei der Abwehr in Kamenz gelaufen ist, bleibt auch nebulös. Ein Bekannter von mir war bei der NVA in Kamenz stationiert. Die Jungs wussten überhaupt nichts vom Regiment Kurfürst. Sehr spannendes Thema...

    Gruß - z.b.V.

    Hallo zusammen!


    Der Post ist ja schon ein bisschen älter, aber vielleicht verfolgt ja noch jemand das Thema.


    Ich arbeite gerade an einer Dissertation über die Wurzeln einer deutschen Kampfkunst - oder die Frage, warum es sie nicht gegeben hat. Dabei bin ich eher zufällig auf die Meereskämpfer der Kleinkampfverbände der Kriegsmarine der deutschen Wehrmacht gestoßen. Was die Sache kompliziert macht, ist die Tatsche, dass es ein ziemliches Kompetenzgerangel um diese Spezialeinheit gab.

    Ich bin durch Gespräche mit den letzten Überlebenden mittlerweile recht gut darüber informiert, was auf Alga im waffenlosen Nahkampf unterrichtet wurde. Ich konnte den Namen des Ausbilders zwar nicht ermitteln, aber es handelte sich um eine Variante des Jiu-Jitsu, wie es in Deutschland durch Erich Rahn eingeführt worden war. Friedrich Hummel hat demgegenüber dem Vernehmen nach über das RSHA eine Ausbildung im Judo erhalten. Es ist nicht klar, in welchem Rahmen das stattgefunden hat. Als mögliche Träger kommen Waffen-SS / Friedenthal (Skorzeny), Abwehr / Regiment Kurfürst (von Wurzian) oder der SD in Frage.


    Allgemein wurde in der Marine eher geboxt (so auch bei der Offiziersausbildung in der Marinekriegsschule Mürwik). Was ich nicht herausfinden konnte, war, ob an der SS-Junkerschule in Bad Tölz weiterhin im militärischen Nahkampf (ohne Waffen) ausgebildet wurde.


    Kann irgendjemand weiter helfen?

    Hallo!


    Ich versuche seit einem halben Jahr das Buch "Mit Degen, Spaten und Granate: Der militärische Nahkampf im Spiegel historischer Vorschriften" irgendwo aufzutreiben - und sei es über die Fernleihe - keine Chance!


    Ich dachte immer, Print On Demand heißt, es wird gedruckt, wenn es jemand haben will!? Scheint nicht so zu sein. Und im Antiquariat bin ich auch noch nicht fündig geworden...


    Schade!

    @Operation Bergahorn


    Genau DAS ist ja das akademische Problem:


    Die deutsche Sprache ist sehr präzise. In dem Wort Kampfkunst kommt der Kampf vor der Kunst. Im Ju-Do (Sanfter Weg) wird der erzieherische Wert betiont, im Jiu-Jitsu (Sanfte Technik) die Selbstveteidigung - und im Boxen gibt's einfach was auf die Fresse.


    In Japan kam der Budo-Gedanke erst auf, nachdem US-amerikanische Kriegsschiffe die Öffnung der Häfen erzwungen hatten und den Samurai klar wurde, dass ihre Zeit vorbei ist. Erst der Kampf, dann die Kunst.


    Und bei der Wehrmacht soll es anders herum gewesen sein, d.h. man hat die Kunst wieder auf ihren kämpferischen Kern zurückgebogen? Alle großen Kriege wurden in Deutschland oder mit deutscher Beteiligung ausgetragen - und dann musste man auf pädagogische Leibesübungen aus Japan zurückgreifen, weil niemand mehr wusste, wie es geht? Nicht sehr glaubhaft...


    @GastON


    Gar kein dummer Gedanke! Wenn die HJ schon weiß, wiev es geht...



    »Diese Jugend lernt ja nichts anderes als deutsch denken, deutsch handeln, und wenn diese Knaben mit zehn Jahren in unsere Organisation hineinkommen und dort oft zum erstenmal überhaupt eine frische Luft bekommen und fühlen, dann kommen sie vier Jahre später vom Jungvolk in die Hitler-Jugend, und dort behalten wir sie wieder vier Jahre. Und dann geben wir sie erst recht nicht zurück in die Hände unserer alten Klassen- und Standeserzeuger, sondern dann nehmen wir sie sofort in die Partei, in die Arbeitsfront, in die SA oder in die SS, in das NSKK und so weiter.

    Und wenn sie dort zwei Jahre oder anderthalb Jahre sind und noch nicht ganze Nationalsozialisten geworden sein sollten, dann kommen sie in den Arbeitsdienst und werden dort wieder sechs und sieben Monate geschliffen, alles mit einem Symbol, dem deutschen Spaten. Und was dann nach sechs oder sieben Monaten noch an Klassenbewusstsein oder Standesdünkel da oder da noch vorhanden sein sollte, das übernimmt dann die Wehrmacht zur weiteren Behandlung auf zwei Jahre, und wenn sie nach zwei oder drei Jahren zurückkehren, dann nehmen wir sie, damit sie auf keinen Fall rückfällig werden, sofort wieder in die SA, SS und so weiter, und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben ...«[1]



    [1] Rede Adolf Hitlers auf einer Kundgebung in Reichenberg im Sudetenland / Nordböhmen (heute Liberec in Tschechien) am 02.12.1938


    @strops


    In der US Army wurde schon im I. Weltkrieg der militärische Nahkampf ohne Waffen unterrichtet. Ein Lehrfilm aus dem Jahre 1917[1] zeigt die Ausbildung mit dem Mittelgewichtsweltmeister im Boxen von 1909, Mike GIBBONS (¯1887 - 1956), und dem Träger des 3. Dan im Jiu Jitsu, Allan Corstorphin SMITH, der zwischen 1908 und 1916 im Kodokan in Tokyo gelernt hatte.



    [1] https://www.youtube.com/watch?v=ga4zLsMmkE0 [zuletzt 26.10.2018, 00:30]


    @Eumex


    Interessantes Photo!


    Hast du irgendwelche Informationen darüber (wer - was - wann - wo) ?


    Gibt es davon eine größere Auflösung?

    @ChristophA; Toki


    Ich versuche mich gerade an meiner Dissertation über die Wurzeln einer deutschen Kampfkunst. Die Arbeit wird von Prof. Dr. Sven KÖRNER vom pädagogischen Institut der Deutschen Sporthochschule Köln betreut.

     

    Gegenstand der Untersuchung ist der Versuch, die Entwicklung eines eigenständigen deutschen „Systems“ der Selbstverteidigung und des militärischen Nahkampfes nachzuweisen – oder, wenn das nicht gelingt, zu erklären, warum es nicht dazu gekommen ist. Als aktiver Kampfsportler liegt es nahe sich zu fragen, warum es bei uns das englische Boxen, das amerikanische Kick-Boxen, das japanische Judo / Jiu-Jitsu / Karate / Aikido, das chinesische Wu-Shu / Tai-Chi / Sanda, das thailändische Muay Thai / Muay Boran / Krabbi Krabong, das brasilianische Jiu-Jitsu / Capoeira, das russische Systema / Sambo, das israelische Krav Maga und dergleichen mehr gibt, aber eben keine deutsche Kampfkunst. Warum wurde nichts Eigenes entwickelt? Oder gab es ein System, das aber nicht bekannt geworden ist?

     

    Ich denke dabei weniger militärisch als kulturhistorisch. In einer Zeit, in der sich die Staatsministerin Aydan ÖZOĞUZ (SPD) in einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel unwidersprochen zu der Behauptung versteigt, dass jenseits der Sprache eine deutsche Kultur »schlicht nicht identifizierbar« sei, erscheint es mir wichtig, sich mit eben dieser Kultur zu befassen!

     

    Natürlich würde ich als Sportler gerne wissen, was genau trainiert wurde, um mir ein Bild von den Techniken und deren Entwicklung machen zu können. Was ich aber noch viel spannender finde, ist die Frage, wo es her kommt! Bei der oberflächlichen Durchsicht der in Buchform oder im Internet frei zugänglichen Quellen bekommt man nämlich schnell den Eindruck, Kommando-Unternehmen seien eine englische Erfindung (Special Air Service / David STIRLING) und moderne militärische Nahkampfsysteme (Defendu / William Ewart FAIRBAIRN) ebenfalls. Beides erscheint mir wenig wahrscheinlich.

     

    Zwischen dem 13. und 17. Jahrhundert dominierte die deutsche Fechtschule ganz Mitteleuropa. Sie ist durch zeitgenössische Fechtbücher gut dokumentiert. Hervorzuheben ist vor allem der Fechtmeister Johannes LIECHTENAUER. Wesentlicher Bestandteil der deutschen Fechtschule war das Kampfringen - der Kampf ohne Waffen. Der bekannteste Ringer war Meister Ott Jud, er war der Ringer der Herzöge von Österreich. Die offizielle Erzählung besagt, dass das Schwert mit dem Aufkommen der Schusswaffen seine militärische Bedeutung verlor und die traditionellen europäischen Kampfkünste (HEMA) in Vergessenheit gerieten. Das klingt wenig plausibel, wenn man bedenkt, dass alle großen Kriege der letzten Jahrhunderte (30jähriger Krieg, Befreiungskriege gegen Napoleon, I. Weltkrieg, II. Weltkrieg) in Deutschland und / oder mit deutscher Beteiligung ausgefochten wurden. Preußen war zu seiner Zeit immer ein sehr fortschrittlicher, moderner Staat. Friedrich der Große herrschte im Geist der Aufklärung. Es wäre doch naheliegend gewesen, die recht blumigen Beschreibungen des Mittelalters auf den neuesten Stand zu bringen, doch in den Archiven findet sich so gut wie nichts. Da die Quellenlage sich mit der Zeit immer weiter verschlechtert, fange ich in der Gegenwart an und arbeite mich zurück. Bei aktuellen militärischen Formationen kommt man aufgrund der Geheimhaltung jedoch nicht weit.

     

    Die Anwendung von körperlichen Techniken ist im militärischen Nahkampf die Ausnahme, das stellte schon der General Hermann GEYER (1891 - 1969) nach dem Ersten Weltkrieg in seinem Handbuch Der Angriff im Stellungskrieg fest:

     

    »Der Nahkampf wird mit der Schusswaffe entschieden.«

     

    Generell scheint es daher sinnvoll, sich mit militärischen Spezialeinheiten zu befassen, bei denen man davon ausgehen muss, dass sie tatsächlich in einen Nahkampf verwickelt werden könnten. Im II. Weltkrieg waren das vor allem die Einheiten der Abwehr (Brandenburger), Wehrmacht (Fallschirmjäger, Meereskämpfer, …) und der Waffen-SS (Jagdkommandos). Die Kampfschwimmer sind dabei besonders interessant, weil sie im Wasser eben keine Schusswaffen verwenden konnten. Leider ist die Quellenlage dazu recht dürftig.

     

    Der Ausbildungsstand in der Wehrmacht war - zumindest in den ersten Kriegsjahren - extrem hoch, doch über die Nahkampfausbildung findet man fast nichts. Scheinbar gab es in Deutschland niemanden, der – trotz nationalem Chauvinismus – ein eigenes System erarbeitet hat. Die Amerikaner hatten Rex APPLEGATE, die Briten William E. FAIRBAIRN, die Russen V.A. SPIRIDONOV und die Israeli Irmi LICHTENFELD - und „wir“ haben nur zugesehen? Das ist zwar das Bild, was sich heute darstellt, es erscheint mir aber sehr unwahrscheinlich. Nicht nur weil die Notwendigkeit ja offensichtlich gegeben war, sondern auch, weil


    »… die deutschen Infanteristen ihren britischen und amerikanischen Gegnern immer um 50 Prozent höhere Verluste beibrachten, und das in jeder Situation. Das galt auch für den Fall, dass sie in die Verteidigung gedrängt wurden und, wie meist, unterlegen waren.«



    Der Nahkampf Mann gegen Mann kam vor und die Soldaten der Wehrmacht haben sich dabei hervorragend bewährt. Ohne entsprechendes Training geht das nicht! Auch will es mir nicht einleuchten, dass es im Lande der Deutschen Industrie Norm keine einheitlichen Ausbildungsrichtlinien für den militärischen Nahkampf gegeben haben soll. Leider bin ich mit meiner Untersuchung reichlich spät dran – 74 Jahre nach Kriegsende.


    Langer Rede kurzer Sinn: Ich sammle gerade ALLES, was ich an Originaldokumenten (auch in Kopie) und Photos über die waffenlose Nahkampfausbildung in Deutschland (Streitkräfte der deutschen Teilstaaten, Kaiserliche Armee, Reichswehr, Freikorps, politische Kampfbünde der Weimarer Republik von den Rotfrontkämpfern bis zur SA, Wehrmacht, Abwehr / Brandenburger, RSHA und Waffen-SS, Bundeswehr und NVA, österreich. Bundesheer) finden kann. Ich will einerseits die verwendeten Techniken dokumentieren und andererseits versuchen, deren Herkunft zu entschlüsseln (Ringen / Boxen / Judo / Jiu-Jitsu / ... spezifisch deutsche Eigenentwicklung???)


    Für jede Hilfe bin ich mehr als dankbar!!!



    Hallo Rheinmetall!


    Wie kommst du darauf, dass die Meereskämpfer der deutschen Kriegsmarine in "Ju-Jutsu" ausgebildet wurden? Ja, es gab eine Ausbildung im militärischen Nahkampf, aber was genau das war, wer es unterrichtet hat und woher es kam, konnte ich bisher nicht herausfinden. Außerdem scheinen sie nicht alle durchlaufen zu haben...

    Möglicherweise hing das mit dem jeweiligen Ausbilder oder dem Ausbildungslager zusammen!?


    Die Schreibweise Ju-Jutsu bezieht sich übrigens auf den BRD-Polizeisport.


    In den 30er Jahren verwendete man die Begriffe Judo und Jiu-Jitsu synonym. Später verstand man unter judo den Wettkampfsport und unter Jiu-Jitsu die Selbstverteidigung (obwohl es Jiu-Jitsu Wettkämpfe gab).


    Gruß;)

    Hallo!


    Als mein Vater, Karl Eugen Kämmer (geb. 28.02.1924 in Rheydt bei Mönchengladbach) starb, war ich viel zu jung, um Fragen zu stellen. Daher habe ich vor einigen Jahren begonnen, Ahnenforschung zu betreiben. Da mein Vater nie erzählt hat, was ihm im Kriege wiederfahren ist, hat mich dieses Kapitel natürlich besonders interessiert.

    Ich wusste aus Erzählungen, dass er Bordfunker bei der Nachtjagd gewesen ist. Von der Deutschen Dienststelle bekam ich Auszüge aus dem Wehrstammbuch. Daraus war - sehr zur Überraschung der ganzen Familie - zu entnehmen, dass mein Vater 1944 von der Luftwaffe zur Waffen-SS versetzt worden ist. Aus der Zeit danach liegen keine Unterlagen vor, aber auch die bisherigen Ergebnisse sind zum Teil widersprüchlich.


    16.07.1944

    Luftgaupostamt Wien

    Flieger-Ersatz-Batl. 17, Wien L 55523

    Wehrstammbuch

    28.07.1944

    Gemäß SS Hauptamt - Amt B I 4 c - 321/44 - aus der Luftwaffe in die Waffen-SS übernommen

    Wehrstammbuch

    06.12.1944

    SS-Sturmmann Nachr. Ers. Kp. SS-Feld Ers. u. Ausb. Btl. 1, L. SS A.H.

    Wehrstammbuch

    06.12.1944

    Res.-Laz. Minden

    12 Tage stationär

    Krankenbuchlager

    18.12.1944

    dienstf. k.v. zur Truppe

    Krankenbuchlager

    ab 18.12.1944

    Möglicherweise Einsatz mit der Leibstandarte Adolf Hitler im Rahmen der Ardennenoffensive?

    vage Erinnerung meiner Mutter

    1945?

    Möglicherweise Einsatz an der jugoslawisch / bulgarischen Grenze irgendwo zwischen Belgrad und Nis

    Erzählung von Freunden


    Hier nun meine konkreten Fragen:


    1.   Niemand in unserer Familie hätte für möglich gehalten, dass mein Vater bei der Waffen-SS war! Schon 1942 beim 10. / Ln. Ausb. Rgt. 302 in Gütersloh i.W. attestierte man meinem Vater er sei „groß, gelenkig aber herzkrank“. Folgerichtig war er vom Exerzieren, Schießdienst und Gefechtsdienst befreit. Er wurde sogar vom Reserve-Lazarett in Hamm für drei Monate zum Innendienst „verdammt“. Das klingt nicht gerade nach einem Elite-Soldaten der Waffen-SS. Wie kommt es, dass ein Soldat einfach so aus der Luftwaffe in die Waffen-SS „übernommen“ wird? Gibt vielleicht die Anmerkung „Gemäß SS Hauptamt - Amt B I 4 c - 321/44“ näheren Aufschluß?


    2.Was ist die Nachr. Ers. Kp. SS-Feld Ers. u. Ausb. Btl. 1, L. SS A.H. für eine Einheit? Bedeutet L. SS A.H. möglicherweise 1. SS-Panzerdivision Leibstandarte Adolf Hitler? Das würde wieder keinen Sinn machen. Meine Mutter kann sich erinnern, dass mein Vater erzählt hat, dass er an der jugoslawisch / bulgarischen Grenze irgendwo zwischen Belgrad und Nis stationiert war. Da er in seiner Zeit bei der Luftwaffe nicht in dieser Gegend gewesen ist, muss das folgerichtig nach dem 18. Dezember 1944 stattgefunden haben. Die 1. SS-Panzerdivision Leibstandarte Adolf Hitler war Juni / Juli / August 1944 in der Normandie im Einsatz und gruppierte sich ab November 1944 in Manderfeld in der Eifel für die Ardennenoffensive neu, die bekanntlich am 16. Dezember 1944 begann. Daran hat mein Vater aber angeblich nicht teilgenommen.


    3.Ich kann mich vage erinnern, dass mein Vater erzählt hat, er sei bei Kriegsende irgendwo an

    der Ostfront gewesen – die war bekanntlich ziemlich lang. Er echauffierte sich
    jedoch immer unsäglich, wenn Heinz Rühmann im Fernsehen kam, da der sich
    angeblich im Rahmen der Truppenbetreuung im gleichen Frontabschnitt aufgehalten
    hat. Als mein Vater mit einer der letzten Maschinen ausgeflogen werden sollte
    (möglichweise ist seine Einheit eingekesselt worden – Stalingrad war da ja kein
    Einzelfall...), musste einer seiner Kameraden für Rühmann aussteigen, der aufgrund
    seiner Popularität einen ziemlichen Aufstand veranstaltet hat. Ein solcher
    Vorfall müsste doch irgendwo dokumentiert sein. Heinz Rühmann war ja auch schon
    im III. Reich ein Star.


    4. Auf jeden Fall war mein Vater gegen Ende des Krieges nicht im Westen. Wenn er in

    Gefangenschaft geraten ist, verwundert es sehr, dass er überlebt hat. Denn als
    Mitglied der Waffen-SS hätte er weder von der Roten Armee, noch von den
    Tito-Partisanen eine Behandlung zu erwarten gehabt, die mit der Haager
    Landkriegsordnung oder der Genfer Konvention zu vereinbaren gewesen wäre –
    vorsichtig ausgedrückt. Statt dessen war mein Vater schon im Verlauf des Jahres
    1946 zurück in der Heimat.


    5. Nach dem Krieg hat er recht bald für die Briten gearbeitet (RAF Brüggen). Kann das mit seiner Verwendung bei der Luftwaffe zusammen hängen? Nach seiner Prüfung zum Bordfunker wurde mein Vater zur Funkstör-Komp. z.b.V. 2 versetzt. Meines Wissens sind Einheiten z.b.V. oft recht seltsame Haufen, zum Teil auch mit nachritendienstlichem Hintergrund gewesen (vergl. Gruppe Rowehl z.b.V, später Kampfgeschwader 200 oder die Baulehrkompanie 800 z.b.V, später Panzergrenadier-Division Brandenburg).


    Es wäre schön, wenn mir jemand weiterhelfen könnte. Ich bin für jeden Hinweis mehr als dankbar.