im spanischen Bürgerkrieg und 2.Weltkrieg gültige deutsche Luftwaffendienstvorschrift L.Dv.16 von 1935 sagt zu Thema "unterschiedslose Bombardierung / Terrorangriffe" folgendes:
"Nr. 180 - Der Angriff auf Städte zum Zwecke des Terrors gegen die Bevölkerung ist abzulehnen."
Guernica
Horst Boog schreibt in "Luftwaffe und unterschiedsloser Bombenkrieg bis 1942" (Vorträge zur Militärgeschichte Bd 12; Luftkriegführung im 2.Weltkrieg, veröffentlicht 1993) folgendes (Seite 438):
"... Hierzu trug vor allem der deutsche Luftangriff auf Guernica in Spanien am 26.April 1937 bei. Er war von der Intention nach ein Bombenangriff im Rahmen militärischer Gefechtsabscnnürung zur
Verhinderung des Rückzuges republikaner Kräfte. Hierzu war eine Straßenbrücke mit ihren Zufahrten zu zerstören.
Was unter den tatsächlichen Gefechtsbedingungen der Rauchentwicklung und der Bereitschaft der Bomberbesatzung, unter diesen Bedingungen "einfach mitten hein zu werfen", entstand, wirkte wie ein Terrorangriff."
Man findet im Forum der Wehrmacht eine ähnliche Ansicht. Kein geplanter Terrorangriff, die Art der Durchführung führten dann aber dazu.
Allerdings gibt es zu Guernica neuere wissenschaftliche Untersuchungen. So hat der spanische Luftwaffenoffizier Jesus Salas Larrazabal über 40 Jahre die Zerstörung von Guernica erforscht. Das Erste Buch zu diesem Thema veröffentlichte er 1981, das letzte, umfangreichste und quellengesätigte Werk 2011.
Salas war Generalingenieur der spanischen Luftstreitkräfte. Er galt politisch als "Neo-Franquist", sich aber mit seinen jahrzehntelangen Forschungen geschriebenen Hauptwerk über die Rolle der Luftstreitkräfte im Bürgerkrieg auch bei den Angehörigen der republikanischen Luftstreitkräfteden Ruf
"erster unparteiischer Historiker" (siehe bei Hagena S.59"primer historiador imparcial") erworben, der sich bemüht, alle Beteiligten zu hören, bevor er urteilt.
Verarbeitet findet sich sein Werk in "Jagdflieger Werner Mölders" von Hermann Hagena.
"Hauptverdienst von Salas aber ist: Der Ingenieur stützt sich in seiner Analyse des Geschehens auf ... die physischen Spuren, die insbesondere die schweren 250 kg-Bomben hinterlassen haben, mit denen die Ju 52 Befehlsbomber der Luftwaffe bewaffnet waren.
Die genaue Lage der durch sie verursachten großen Krater wurde von Oberst Juan Manuel Martinez Bande 1939 kartographisch festgehalten. Salas vergleicht die Lage der von Oberst Bande erfassten Krater mit dem in zahlreichen Quellen überlieferten Einsatzverlauf. Damit
läßt sich Aufschluß über das Ziel des Angriffs, über die Hauptangriffsrichtungen (Pasadas) Ost-West und Nord-Süd sowie über die außerhalb der Pasadas liegenden Krater gewinnen."
Einsatzzweck laut dem Tagebuch von Richthofen:
"Sofort K/88; VB/88 und Italiener auf Straße und Brücke ... hart ostwärts Guernica. Dort muß zugemacht werden ... soll endlich ein Erfolg gegen Personal und Material des Gegners herausspringen."
Ungeachtet der Zusammenfassung aller verfügbaren Bomberkräfte mißlang jedoch der Angriff auf die Brücke; sie blieb unzerstört. Als sich die deutschen Ju-52 Staffeln, die Hauptangriffskräfte der Legion Condor, gegen 18.00 Uhr in Flughöhren von über 1500 Metern nährten,
lag Guernica mit seinem Vorort Renteria und der Oca-Brücke schon unter einer dichten, geschlossenen Rauchwolke. Der Rauch breitete sich über dem Stadtgebiet in südöstlicher Richtung aus. Die Bomben konnten daher nur unter der Verwendung eines vorher berechneten und auf der Karte eingezeichneten Abwurfpunktes ausgelöst werden.
Bei diesem Verfahren konnte die Wirkung im Ziel mangels Bodensicht nicht beobachtet und der Abwurfpunkt daher nicht korrigiert werden; so waren Fehlwürfe die Folge. Bei der Kartographierung nach dem Krieg stellte sich heraus, daß die deutschen Ju52 zurechenbaren Krater in Anflugrichtung auf die Brücke ausnahmslos auf unbebautem, freien Feld liegen.
Sie beginnen 350 Meter vor und enden wenige Meter nördlich der Brücke. Offensichtlich haben die übervorsichtigen Besatzungen sich bemüht, "kurz" zu werfen; deshalb haben sie weder die Brücke noch das Straßenkreuz von Renteria getroffen.
Aber wie erklären sich die großflächtigen Brände und die über dem gesamten Stadtgebiet und der Brücke liegenden Rauchwolke? Und wie sind die Schilderungen zahlreicher Zeugen zu bewerten, danach die Bombardierung von Guernica sich ohne Unterbrechung und mit zunehmender Intensität über drei Stunden hingezogen habe?
Mit dem deutschen Hauptangriff ist das nicht zu erklären: Oberleutnant von Beust, der als Staffelkapitän die zweite Ju 52 Staffel führte, nimmt in einem 40 Jahre später für das MGFA geschriebenen Bericht irrtümlich an, die erste Staffel unter von Knauer sei für die Rauchentwicklung verantwortlich gewesen. Bei einem
Abstand von etwa 3 km zwischen den Staffeln und einer Marschgeschwindigkeit der Ju 52 von 200 km/h (also einer Flugzeit von nur einer Minute) ist das zeitlich wohl auszuschließen, vor allem aber auch: auch die Bomber der ersten Staffel (v.Knauer) haben mit ihren 250 kg Bomben nur freies Feld getroffen und dabei nur Staubfontänen (nach einer
längeren Regenperiode) aufgeworfen. Die Brände müssen also deutlich früher begonnen haben. Ihre Intensität zeigt sich darin, daß sie erst am folgenden Tag mit aus Bilbao herangeführten Wehren gelöscht werden konnten. ..."
Laut Hagena schreibt Salas dazu auch folgendes:
"Beabsichtigten die Führungsverantwortlichen von Francos Nordfront und der Legion Condor tatsächlich nur die Zerstörung der Brücke über die Oca und der Straßenkreuzung im Vorort Renteria, um die Regierungstruppen die Rückzugsroute nach Bilbao zu verlegen, oder sollten die deutschen und italienischen Einsatzbefehle verschleiern, daß die Wirklichkeit
die mit Flüchtlingen und Besuchern überfüllte Stadt eines Terrorangriffs war, um den Widerstandswillen der Basken zu brechen?"
Nach Salas zeigen die, den deutschen Fliegerkräfte zuortenbaren Bombentrichter, eindeutig auf ersters.
Die erwähnten Brände in der Stadt wurden, laut Salas, durch kleinere Angriffe der spanischen Luftstreitkräfte verursacht.
Im weiteren Verlauf des spanischen Bürgerkriegs wurden immer wieder Vorwürfe laut das Terrorangriffe stattfanden. Deshalb wurde vom Völkerbund eine Untersuchungskommission
installiert. Mitglieder dieser Kommission waren ein RAF-Offizier und ein franz. Offizier der Artillerie, diese wurde im Dezember 1938 eingesetzt. Sie untersuchte erst
Luftangriffe (wohl gemerkt nur Luftangriffe der Legion Condor, der spanischen nationalen und der italienischen Luftstreitkräfte, die Luftangriffe der republikanischen
Fliegerkräfte wurden nicht untersucht) von Mai bis Dezember 1938, danach die im weiteren Kriegsverlauf anfallenden. Im Endeffekt rügte die Kommission einzelne Fehlwürde,
erhob aber nicht den Vorwurf, daß die Nationalen Luftstreitkräfte (inkl. Verbündeten) einen Terrorbombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung geführt hätten.
Warschau 24./25.09.1939
"Einem Antrag v.Richthofens vom 22.September 1939 auf einen Terror- und Vernichtungsangriff auf Stadt und Bevölkerung von Warschau wurde nicht entsprochen. Jedoch kann nicht geleugnet werden daß die am 24.9.39 zur Vorbereitung
der Erstürmung Warschaus einsetzenden und am 25.9. ihren Höhepunkt findenden Luftangriffe auf die Stadt Terrorcharakter hatten, da sie teilweise mit zum gezielten
Bombenwurf ungeeigneten Transportflugzeugen Ju 52 ausgeführt wurden, wobei die Brandbomben, die etwa ein Siebtel (14%) der abgeworfenen Bombenmenge ausmachten, teilweise mit Kohlenschaufeln
herausgeschaufelt werden mußten". (Boog - Vorträge zur Militärgeschichte Bd 12; Luftkriegführung im 2.Weltkrieg Seite 447/448
Allerdings schreibt Hr. Boog auf Seite 446 für diesen Kriegszeitraum 1940/41 das der Anteil der Brandbomben zwischen 4 und 10% bestand. Beim britischen Bombercommando war dieser Anteil schon bei 60%.
Rotterdam 14.5.1940
"Bei dem Angriff auf Rotterdam am 14.Mai 1940 handelte es sich um einen Bombenangriff gegen einen verteidigten Stadtteil im Gebiet der Erdfront, um dessen Verhinderung man sich auf deutscher Seite mit nur einem Teilerfolg bemüht hatte.
Nur eine der beiden angreifenden Bomberngruppen sah die roten Leuchtpatronen und drehte ab. Um den verteidigten Stadtteil genau zu treffen, flogen die Bombern in einer Höhe von nur etwa 750 m und setzten sich damit bewußt der gegnerischen
Bodenabwehr aus. Es wurden nur Sprengbomben geworfen, die in den mit großen Mengen an Fetten gefüllten Lagerhäusern allerdings starke Brände hervorriefen."
Auch die strategischen Bombenangriffe auf Flugplätze / Flugzeugindustrie um Paris und den Hafen von Marseille zur Unterbindung des Nachschubs von Nordafrika am 2./3.Juni 1940 waren keine Terrorangriffe.
Sie richteten sich gegen militärische Ziele, nicht gegen Wohngebiete. (Boog - Luftkriegführung im 2.Weltkrieg Seite 450)
Es gab bei der deutschen Luftwaffenführung durchaus immer wieder Gedanken zum Terrorbombenkrieg überzugehen. Diese Gedanken wurde aber negativ bewertet. Nicht zuletzt wegen dem Wissen das Terrorangriffe
längere Zeit benötigen würden bis sie wirken würden, wenn überhaupt.
Coventry
"Mit dem durch die britische Luftabwehr erzwungenen Übergang zu Massenangriffen bei Nacht auf Industrieziele in englischen Großstädten wie Belfast ... Häfen im Südteil Englands nahm die deutsche Luftoffensive der Wirkung nach teilweiseden Charakter
des unterschiedslosen Luftkrieges an, denn eine Unterscheidung der militärischen und industriellen Ziele von zivilen Wohngebieten war selbst in hellen Nächten und trotz Funk- und Koppelnavigation nur sehr begrenzt oder kaum
möglich. Verluste der zivilen Einwohnerschaft wurden nun in verstärktem Maße in Kauf genommen."
Trotzdem
"Aus der Sammlung der Weisungen und Befehle für den Angriff der Bomberverbände auf ziele in Engalnd vom August 1940 und Juni 1941 geht hervor, daß es bei diesem Angriff wie bei den anderen Angriffen, die Vergeltungsangriffe auf London ausgenommen
um die Bekämpfung militärisch relevanter und industrieller Ziele ging. Die in den täglichen Lageberichten des Luftwaffenführungsstabs Ic enthaltenen Lagezusammenfassungen der Bomberoperationen bestätigen in der Nennung der Wirkung diesen Tatbestand.
(Boog - Luftkriegführung im 2.Weltkrieg Seite 454 / 455)
Worauf basierte die deutsche Luftkriegsvorschrift
"... Durch die "Luftkriegsführung" und andere ende der 30er Jahren erlassene operative Weisungen war Deutschland in der vorteilhaften Lagen, zu Beginn des Krieges 1939 über die umfassendsten und ausgewogensten Einsatzgrundsätze für seine Luftstreitkräfte
zu verfügen.
Gegenüber den Westmächten, deren Luftkriegskonzeptionen aus den 30Jahren vor allem auf unerprobten Theorien basierten, waren die Einsatzgrundsätze der Luftwaffe in einer systematischeren Weise entwickelt worden, d.h.
durch ein Programm operativer Erprobungen von Vorstellungen in großangelegten Übungen.
...
Die britische und amerikanische Luftdoktrin setzte vor allem auf den strategischen Bombenabwurf und vernachlässigte die anderen Aufgaben der Luftstreitkräfte, während die Doktrin der Luftwaffe umfassender undinnovativer war."
"James S.Corum: Stärken und Schwächen der Luftwaffe"
RAF
Weißt heißt "Air Policing - Air Control" - wie wurde es durchgeführt?
https://www.youtube.com/watch?v=2YYhpCngcsw#t=60m30s (ab 1h 26 sec)
Die Kontinuität der Einsatzvorstellungen von den Einsätzen der RAF beim irakischen Aufstand 1920-22 und den Einsätzen des Bombercommand gegen Deutschland sei auf folgende Werke verwiesen:
https://www.amazon.de/Personel…59898338&s=gateway&sr=8-8
Die Royal Air Force und der Luftkrieg 19221945. Personelle, kognitive und konzeptionelle Kontinuitäten und Entwicklungen von Martin Böhm
Man könnte noch zig andere Fachautoren (diese hatte ich in dem gelöschten Post aufgeführt) zitieren welche alle eine ähnliche Meinung haben. Die deutsche Luftwaffe hat den unterschiedslosen Bombenkrieg nicht begonnen, die RAF sehr wohl und zwar schon 1920.
Die Reihe >Guernica 1937, Warschau 1939, Rotterdam 1940, Coventry 1940/41, Köln 1942, Hamburg 1943 und Dresden 1945< ist sachlich falsch.