Posts by Bodo Franks

    Hallo zusammen,


    zunächst möchte ich Euch für Eure engagierten Beiträge danken. Gerade die von Taiko eingebrachten Argumente zeigen, dass ich vielleicht zu Recht versuche, einige verbreitete Missverständnisse offenzulegen. Ich kann Taiko aber insofern zustimmen, dass sich die Auffassung der polnischen Exilregierung auf die Kriegsphase bis zum Sommer 1941, also vor dem Holocaust des NS-Regimes bezieht. Dazu kann ich ein andernmal auch noch eine führende Forschungsmeinung zitieren.


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    Original von Lexikon der Wehrmacht
    Hallo Bodo,


    gibt es eine Frage zu diesem Thema oder willst Du nur Deinen Text hier einstellen?


    Andreas


    Ich wollte unter diesem Thema weniger bekannte Hintergrund-Infos zusammenfassen. Besonders weil das Thema "Katyn-Gedenken und 70 Jahre deutsch-sowjetischer Überfall auf Polen" aktuell in allen Medien behandelt wurde. Das ganze natürlich verbunden mit der Frage, ob andere Teilnehmer ergänzende Quellen kennen und daraus zitieren wollen?


    Ich habe mich jedenfalls gefragt, warum Stalin und die Komintern Polen als „faschistischen Staat“ bezeichneten und, gemeinsam mit Hitler, den polnischen Staat zerschlagen wollten. Mir wurde nach der Lektüre mehrerer Bücher klar, dass die sowjetischen Invasionspläne von 1939 eine längere Vorgeschichte haben.
    Dazu muss ich etwas weiter ausholen und leider – mal wieder – einen längeren Text verfassen.

    • Zunächst war Josef Stalin selbst ein prominenter Veteran des polnisch-sowjetischen Krieges von 1920.
      Lenin hatte nach der russischen Oktoberrevolution den Sowjetsturm nach Westen befohlen. Das Ziel war die gewaltsame Durchsetzung der kommunistischen Weltrevolution mit der Roten Armee. Im Sommer 1920 sah er den Sieg über Polen in greifbarer Nähe:


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    „Bald werden wir Deutschland haben. Wir werden Ungarn zurückerobern. Der Balkan wird sich gegen den Kapitalismus erheben. Italien wird erbeben. Das bürgerliche Europa befindet sich im Sturm und zittert in allen Fugen.“
    (Aus Lenins Rede auf dem II. Kominternkongreß 1920, zitiert nach Bogdan Musial, Kampfplatz Deutschland. Stalins Kriegspläne gegen den Westen, Berlin 2008, S. 46).


    • Polen begann nach eigener Darstellung im Frühjahr 1920 einen „Präventivkrieg“ gegen die aufmarschierende Rote Armee (vgl. Musial, Kampfplatz Deutschland, S. 40). Nach anfänglichen polnischen Erfolgen (Vormarsch bis Kiew) wurde die Gegenoffensive der Roten Armee vor Warschau durch Marschall Pilsudskis Truppen zurückgeschlagen („Wunder an der Weichsel“). Militärischen Rat erhielten die Polen durch den bekannten französischen General Weygand. Der von Lenin geforderte sowjetische Vormarsch nach Westeuropa war – vorerst – gestoppt worden.


    Ein weiterer Grund für den polnischen Erfolg: So wie seine eigenen Politkommissare im deutsch-sowjetischen Krieg 1941 griff auch der damalige Kriegskommissar Josef Stalin direkt in die Führung der Roten Armee vor Warschau ein. Stalin war daher für die Niederlage der Roten Armee von 1920 (wie später im Sommer 1941) persönlich verantwortlich. Leo Trotzki (der "Vater" der Roten Armee) und Marschall Tuchatschewski hatten es daraufhin gewagt, den Genossen Stalin zu kritisieren. Beide ließ er nach Ausbau seiner eigenen totalitären Herrschaft ermorden:


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    „Stalin, der durch seine Undiszipliniertheit großen Anteil am Mißerfolg der Roten Armee hatte, vergaß diese Niederlage nie, erst recht nicht jene, die ihn bei dieser Gelegenheit kritisiert hatten: Trotzki, den Oberbefehlshaber der Roten Armee, und Marschall Tuchatschewski, der die Truppen geführt hatte.“
    (Andrzej Paczkowski, Polen, der „Erbfeind“, in: Stéphane Courtois u.a. (Hrsg.), Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror, München, Zürich 2000, S. 397-429, Zitat S. 398).


    64.000 sowjetische Soldaten, die 1920 in polnische Kriegsgefangenschaft geraten waren, starben in den polnischen Lagern an Krankheiten und Unterernährung (vgl. Gerd Kaiser, Katyn. Das Staatsverbrechen – das Staatsgeheimnis, Berlin 2003, S. 12-13).
    Kaiser betont, dass das Schicksal der Gefangenen noch nach der Wende von 1989 in Russland für große Empörung sorgte. Außerdem weist man dort darauf hin, dass Polen nach dem Ersten Weltkrieg größere Teile der ukrainischen, weißrussischen, deutschen und litauischen Staatsgebiete annektiert hatte und seine Grenzen nach Ost und West auch gewaltsam ausdehnte.


    • Doch die gefährlichsten Feinde in Ost und West vollzogen in den 1930er Jahren dann eine scheinbare Kehrtwende: seit 1934 betrieben sowohl Hitlers Deutschland als auch Stalins Sowjetunion mit mehreren Verträgen politische Annäherungsversuche an Polen. Die UdSSR schloss nicht nur einen Nichtangriffsvertrag mit dem polnischen Staat ab (1938 erneuert und gültig bis Ende 1945), sondern darüber hinaus einen weitreichenden militärischen Unterstützungsvertrag. Militärhilfe gegen einen möglichen deutschen Angriff?
    • Nach Hitlers Kündigung des Nichtangriffsvertrags mit Polen und dem Abschluß des Hitler-Stalin-Paktes befahl der deutsche Diktator dann am 1. September 1939 den völkerrechtswidrigen Angriff der Wehrmacht auf die noch in der Mobilmachung befindliche polnische Armee. Gleichzeitig der Beginn des Zweiten Weltkriegs. Nach der polnischen Kapitulation verkündete er dann in kleinem Kreis, er wolle ein "Teufelswerk" verüben und die führenden polnischen Schichten ausrotten. Gegen alle nationalen und internationalen Bedenken und Widerstände. So viel zu den allgemein bekannten Fakten.


    Weniger bekannt ist, dass Hitler und die Wehrmachtführung im Polenfeldzug dringend die Hilfe der Roten Armee benötigten. Der Krieg gegen Polen hätte sich sonst noch lange hinziehen können. Im Osten des Landes standen starke polnische Truppenkontingente bereit. Das polnische Militärregime hatte außerdem zum Partisanenkrieg hinter den deutschen Linien aufgerufen. Die deutschen Besatzer sollten sich auch nach Ende der offiziellen Kampfhandlungen nirgendwo sicher fühlen können (vgl. Hellmuth Günther Dahms, Der Zweite Weltkrieg in Text und Bild, München 1999, S. 52).


    Der Angriff der slowakischen Truppen im Süden Polens hatte zwar bereits für eine Entlastung der Deutschen gesorgt. Trotzdem fürchteten die Heeresgeneräle einen Zweifrontenkrieg. Seit dem 3. 9. 1939 hätte die militärisch weit überlegene, am Ende aber doch untätig gebliebene französische Armee eine Invasion Westdeutschlands beginnen können. Dafür gab es detaillierte Pläne des französischen Generalstabs. In Westdeutschland standen damals nur 33 meist schwächere deutsche Reservedivisionen (Dahms, S. 48).

    • Doch nun kam Stalin Hitler zu Hilfe, so dass das deutsche Heer viele Ostdivisionen zügig an die Westfront verlegen konnte. Das sowjetische Vorgehen bedurfte zuvor aber einiger Propagandamaßnahmen. Bei einem Planungsgespräch mit Außenminister Molotov im Kreml am 7. 9. 1939, bei dem auch der Generalsekretär der Komintern (Kommunistische Internationale) Georgi Dimitroff anwesend war, machte Stalin seine Haltung gegenüber dem polnischen Staat ganz deutlich:
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    „Die Vernichtung dieses Staates unter gegenwärtigen Bedingungen würde einen bourgeoisen [bürgerlichen] faschistischen Staat weniger bedeuten! Was ist Schlechtes daran, wenn wir im Ergebnis der Zerschlagung Polens das sozialistische System auf neue Territorien und die Bevölkerung ausdehnen würden.“
    (Stalin zitiert nach Georgi Dimitroff, Tagebücher 1933-1943, Berlin 2000, S. 274.)


    Für die breite Öffentlichkeit ließ der sowjetische Diktator das ganze etwas gemäßigter klingen. Stalin wies die Kommunistische Internationale an, den bevorstehenden Überfall der UdSSR auf „das faschistische Polen“ propagandistisch zu rechtfertigen.
    In einer Direktive der Komintern-Führung vom 8. 9. 1939 hieß es auf Weisung Stalins u.a., „die internationale Arbeiterklasse kann in keinem Falle das faschistische Polen verteidigen, das die Hilfe der Sowiet-Union zurückgewiesen hat und die anderen Nationalitäten unterdrückt.“
    (Georgi Dimitroff, Tagebücher 1933-1943, Berlin 2000, S. 275.)

    • Die von Stalin angebotene „Hilfe der Sowiet-Union“ sollte aber die Eroberung Polens durch die Rote Armee einleiten. Dieses Vorgehen (Drohung und Einmarsch der Sowjettruppen) wandte Stalin bald darauf auch in Finnland und mit größerem Erfolg im Baltikum an. Schon seit dem 24. August 1939, also 14 Tage vor der zitierten Kremlsitzung, hatte Stalin die Rote Armee mit starken Kräften an der polnischen Grenze aufmarschieren lassen. Am selben Tag der vorherigen nächtlichen Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes in Moskau.
      (Quelle: Sergej Slutsch, 17. September 1939: Der Eintritt der Sowjetunion in den Zweiten Weltkrieg, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 48 (2000), S. 225f.)


      Nach Dimitroffs Protokoll vom 7. September 1939 wusste Stalin genau, wie Hitlers Kriegspläne gegen Polen aussahen und dass dieser jetzt nur ungern gegen England und Frankreich Krieg führen wollte:


    Soviel zunächst zur sowjetischen Vorbereitungsphase der Invasion von 1939.


    Beste Grüße, Bodo

    Hallo allerseits,


    in der vorletzten Woche gedachten die Ministerpräsidenten aus Polen und Russland, Tusk und Putin, gemeinsam der von den Sowjets ermordeten Polen und Russen in Katyn.
    Mir fiel in der aktuellen Berichterstattung der deutschen Medien auf, dass viele Journalisten gar nicht wissen, in welchem politischen Umfeld dieses bekannte sowjetische Kriegsverbrechen verübt wurde:


    im Kontext von Stalins Angriffskrieg gegen Polen 1939 (das er als „faschistischen Staat“ bezeichnete) und der anschließenden Sowjetisierung des Landes, die bis 1989 andauerte.
    „Katyn“ stellt also als Symbol nur einen wichtigen Ausschnitt der gesamten Ereignisse dar. Deshalb habe ich auch dieses neue Thema eröffnet.


    Nachdem am 1. September letzten Jahres zu Recht an die deutsche Verantwortung für den Kriegsbeginn vor 70 Jahren erinnert wurde, hatte der frühere polnische Botschafter in Berlin, Janusz Reiter, im Deutschlandradio dazu aufgerufen, endlich auch die verdrängte Geschichte des sowjetischen Angriffskrieges gegen Polen aufzuarbeiten:


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    „Der 17. September 1939 ist ein Datum, mit dem sich Europa auch noch nach 70 Jahren schwer tut. Dass ein kritischer Umgang mit der Tragödie während des Zweiten Weltkrieges als politisch heikel galt, lässt sich einigermaßen verstehen. Schließlich wurde Stalin, der sich durch den Einmarsch seiner Truppen in Polen zunächst zum Komplizen Hitlers gemacht hatte, zu einem unentbehrlichen Verbündeten der westlichen Mächte im Krieg gegen Nazi-Deutschland.“


    Dazu der Link:
    http://www.dradio.de/dkultur/s…ischesfeuilleton/1035028/


    Das polnische Parlament hat noch im letzten Herbst den sowjetischen Überfall vor 70 Jahren scharf verurteilt, was in Rußland auf harsche Kritik gestoßen ist. Dort zimmert man ja gerade wieder an einem von fast allen Verbrechen gesäuberten Stalin-Bild. Dazu der Wortlaut der Welt-Meldung:


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    „Das polnische Parlament hat den sowjetischen Überfall auf Polen vor 70 Jahren sowie den Mord an mehr als 20 000 polnischen Offizieren in Katyn nun auch in einer offiziellen Note scharf verurteilt. Die Streitkräfte der UdSSR hätten Polen am 17. September 1939 ohne Kriegserklärung überfallen, hieß es in einer per Akklamation verabschiedeten Parlamentserklärung.“


    Die russische Reaktion auf die polnische Erklärung:


    „Die Note sei "eine ernste Belastung für die Entwicklung der bilateralen Beziehungen", sagte der Vizevorsitzende des auswärtigen Ausschusses der russischen Duma, Leonid Sluzki. Mit der Erklärung stelle sich Polen in eine Reihe von Ländern, die die Geschichte des Zweiten Weltkriegs verfälschen würden. Der Kreml-nahe Politologe Sergej Markow nannte die Erklärung "antirussisch".“


    Handelt es sich aber wirklich um den polnischen Versuch, die Geschichte zu verfälschen, wie die russische Regierung meint? Oder sah die historische Wirklichkeit womöglich ganz anders aus, als die heutige nationalistische Geschichtsschreibung Rußlands glauben machen will? Inzwischen hat Katyn erneut zahlreiche polnische Opfer gefordert. Der tragische Flugzeugabsturz der polnischen Staats- und Militärführung um Präsident Kaczynski vor einer Woche hat jedoch dazu geführt, dass sich die Bevölkerungen beider Länder einander angenähert haben:
    http://www.welt.de/politik/art…bei-Absturz-getoetet.html


    Für das Forum der Wehrmacht könnte interessant sein, daß der sowjetische Terror in Ostpolen sofort nach Einmarsch der Roten Armee einsetzte, während sich der systematische Nazi-Terror im westlichen Teil erst nach Ende der Wehrmachtsverwaltung am 25. Oktober 1939 richtig entfalten konnte. Die Bemühungen des Nazi-Regimes, die widerständige Wehrmacht im besetzten Polen möglichst schnell politisch auszuschalten, hatte ich bei einem anderen Thema über deutsche Kriegsverbrechen in Polen bereits angesprochen.


    Auch die polnische Exilregierung unter General Sikorski in London wußte schon im Sommer 1941, daß „die russische Besetzung Ostpolens im ganzen noch furchtbarer war als die deutsche.“
    (Bestätigung des Grafen Zamoyski, dem Adjutanten General Sikorskis, gegenüber Winston Churchills Privatsekretär John Colville am 13. August 1941, zitiert nach John Colville, Downing Street Tagebücher 1939-1945, Berlin 1988, S. 303.)


    Warum sich die Deutschen heute so wenig für den im sowjetisch beherrschten Ostpolen wütenden Terror interessieren, erklärt der Eingangs erwähnte Janusz Reiter folgendermaßen:


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    „Die Angst vor dem Vorwurf, dass Deutschland seine eigene Schuld zu relativieren versuche, verhinderte die Auseinandersetzung mit diesem so vielschichtigen Thema. Es warf die Frage nach dem Verhältnis zwischen der braunen und der roten Diktatur auf - eine heikle Frage, wer wollte das leugnen.“


    Vielleicht bekommt der Titel des deutsch-russischen Gemeinschaftswerks „Verführungen der Gewalt“ aus der Forschungsreihe „West-östliche Spiegelungen“ von 2005 hier eine ganz neue Bedeutung. Ich habe zu Stalins Angriffsplänen und zur ersten Phase der sowjetischen Verbrechen in Polen (1939-1941) einige aufschlußreiche Fakten gefunden, die ich unter diesem Thema gerne zusammenfassen möchte.


    Dies könnte vielleicht ein kleiner Beitrag zu der von Janusz Reiter eingeforderten Aufarbeitung des Verhältnisses zwischen den deutschen und sowjetischen Angriffskriegen von 1939 sein.


    Dazu gehört (knapp eine Woche nach Hitlers Angriffsbefehl) z.B. Stalins Weisung an die obersten Kommunisten-Führer, mit Polen einen „faschistischen Staat“ zu „vernichten“, um „im Ergebnis der Zerschlagung Polens das sozialistische System auf neue Territorien und die Bevölkerung ausdehnen“ zu können.
    (Stalin am 7. 9. 1939 auf einer Sitzung im Kreml, zitiert nach Georgi Dimitroff, Tagebücher 1933-1943, Berlin 2000, S. 274.)

    Beste Grüße, Bodo

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    Original von Margarete
    Hoffentlich sind Sie nicht wie Bodo Franks: mit Worten um sich werfen und dann verschwinden.


    Hallo Margarete,


    Sie sind doch meistens gut informiert, wenn es um die Vergangenheitspolitik in der Bundesrepublik geht. Deshalb bin ich etwas irritiert, weil Sie meinten, ich sei einfach „verschwunden“, nur weil ich auf eine ausführliche Darlegung meiner persönlichen Meinung verzichtet habe.


    Nur mal angenommen, jemand würde die Ansichten der von mir zitierten Wissenschaftler zugespitzt und als Privatperson öffentlich (z.B. im Netz) vertreten.
    Dann könnte er sofort nach Paragraph 130 StGB Absatz 3 und 4 angeklagt und unter Umständen mit bis zu 5 Jahren Gefängnis bestraft werden.
    Die durch das Grundgesetz garantierte Meinungsfreiheit gilt in historisch-politischen Fragen schon lange nicht mehr.

    Im Unterschied zur übrigen Bevölkerung genießen Wissenschaftler aber ein wenig mehr „Narrenfreiheit“. Sie dürfen – nach längeren Forschungen – durchaus schon einmal „irren“ und individuelle Meinungen äußern. Deshalb habe ich die längeren Texte ausgewählt. Von Ihrer Frage nach einer Quellenangabe ausgehend hatte ich gehofft, dass sich interessierte Forumsnutzer mit Hilfe der Texte ein eigenes Bild machen können.


    Auch der von mir zitierte Privatgelehrte Jörg Friedrich scheint davon auszugehen, dass die tragische Geschichte des Zweiten Weltkriegs in allen ihren Facetten gezeigt werden muss. Auch gegen mögliche Zensurversuche.
    In einer Rezension zu Bogdan Musials neuem Buch „Sowjetische Partisanen 1941-1944. Mythos und Wirklichkeit“ benennt er die verhängnisvollen Konsequenzen für die Geschichtsschreibung, die aufgrund der offiziellen Vorgaben meist nur die halbe Wahrheit abbilden kann (oder will):


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    "Die Geschichtsschreibung in Staaten mit aufmerksamer Zensur, wie Russland oder die Bundesrepublik, operiert vorzugsweise mit Legenden, gerührt aus Zutaten der Wirklichkeit und der Unwirklichkeit. Eine gefilterte, zensurierte Wirklichkeit wird legendär."


    Dazu der Link:
    http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/lesart/993520/


    Diese „gefilterte, zensurierte Wirklichkeit“ taucht auch hier im Forum gelegentlich auf. Man erkennt daran, welche historischen Halbwahrheiten heute durch Schulen, Universitäten und Medien vermittelt werden. Wenn man Quellen kennt, die ein erweitertes Bild der schrecklichen Vorgänge im deutsch-sowjetischen Krieg zeigen, fühlt man sich an den Universitäten heute beinahe schon als Dissident. Ich hätte auf diese unschöne Erfahrung in meiner Studienzeit jedenfalls gerne verzichtet. Umso mehr fand ich es bisher eher hilfreich, wenn andere Teilnehmer des Forums längere Textpassagen eingestellt haben. Ich konnte daraus schon oft neue Erkenntnisse gewinnen.


    Bei dem Einwurf von "russ" ist mir nicht klargeworden, was das Verhalten der deutschen Reichsregierung im Ersten Weltkrieg mit Hitlers späterer Bewunderung für Stalin zu tun haben soll. Soweit ich weiß, wählte die kaiserliche Regierung die Bolschewiki als vermeintlich kleineres Übel, weil diese als einzige politische Kraft den Krieg mit Deutschland beenden wollten. Ein fataler Irrtum, wie wir heute wissen! Außerdem hatte Lenin nach seiner Ankunft in Petrograd zum Schein einen "friedlichen Übergang" zugesagt. Die damals beispiellosen Massenverbrechen der Bolschewiki standen erst noch bevor.


    Gruß, Bodo

    Hallo Margarete,


    das von dir hervorgehobene Zitat ist eine Zusammenfassung aus verschiedenen Rezensionen des Buches „Konterrevolutionäre Elemente sind zu erschießen“ von Bogdan Musial. Das Buch würde ich als wichtigen Beitrag zur vergleichenden Totalitarismusforschung bezeichnen. Viele Wissenschaftler fürchten diese wie der Teufel das Weihwasser, wie ich selber bei Gesprächen mit Hochschullehrern und -absolventen feststellen konnte.
    In diesem Sinn sprach Wolfram Wette in seiner Rezension für DIE ZEIT von „einer leichtfertigen Verwechslung von Tätern und Opfern“ und befürchtete, „dass diese Untersuchung jenen gefährlichen Geschichtsdeutern in die Hände spielt, die den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust als Reaktion auf bolschewistische Verbrechen sehen wollen.“ Das ist bei einer unvoreingenommenen Lektüre aber nicht aus Musials Buch herauszulesen.
    Dazu der Link: http://www.zeit.de/2000/36/Opfer_zu_Taetern_gemacht?page=all


    Johannes Hürter wiederum fasste in der FAZ dahingehend zusammen, dass die Erkenntnis, nach der „die Einsatzgruppen die sowjetischen Massaker zu "Vergeltungsmaßnahmen" nutzten“, nicht neu sei. Aber: „In den antijüdischen Aktionen vor allem reaktives Verhalten zu sehen geht entschieden zu weit. Die NKWD-Morde lieferten den Pogromen einen Vorwand und beschleunigten die Durchführung der NS-Verbrechen, lösten sie aber nicht aus.“ Das ist meiner Meinung nach eine schlüssige Argumentation.


    Zu Hürter auch noch einmal der Link: http://www.faz.net/s/RubA330E5…Tpl~Ecommon~Scontent.html


    Interessant werden die unterschiedlichen Bewertungen, wenn man die Standortgebundenheit des ersten Rezensenten betrachtet. Denn der als Ehrenprofessor in Russland tätige Wolfram Wette äußert sogar Verständnis für die „überraschten sowjetischen Behörden“, bevor er die Opferzahl dieser sowjetischen Kriegsverbrechen mit „etwa 9600 der insgesamt etwa 50 000 Gefangenen“ angibt.
    Andere seriöse Wissenschaftler, wie der englische Historiker Donald Rayfield, der als Professor in London russische Geschichte lehrt, gehen allein im Raum Lemberg von 100 000 Opfern der Sowjets aus
    (Quelle: Donald Rayfield, Stalin und seine Henker, München 2004, S. 474).


    Die Schuld für die sowjetischen Verbrechen lastet Wette natürlich ebenfalls der deutschen Wehrmacht an, wenn er schreibt: „Allerdings wäre es zu diesen Verbrechen ohne den deutschen Überfall vom 22. Juni 1941 gar nicht gekommen.“ Er verschweigt aber, dass dieses Vorgehen routinemäßigen Anweisungen Stalins entsprach, z.B. bei den bekannten Massenerschießungen von Katyn und Twer 1940. Statt dessen seien die Morde „zweifellos vom sowjetischen Geheimdienst zu verantworten“, meint Wette, obwohl auch die Rote Armee an den Verbrechen beteiligt war und polnische Zivilisten, die sich einfach nur neben den Rückzugsstraßen aufhielten, von Sowjetsoldaten willkürlich getötet wurden.
    Was Wette zu relativieren versucht, bleibt bei Hürter indes Fakt:


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    „Die abziehenden Sowjets hinterließen der entsetzten Bevölkerung und der einrückenden Wehrmacht Zehntausende Leichen: Ukrainer, Polen, Weißrussen, Litauer, Balten und Juden, in den Gefängnishöfen verscharrt, in Zellen und Kellern aufgestapelt.“


    Das Forum ist wohl nicht der geeignete Ort, um ein komplexes Thema wie das wechselseitige Verhältnis zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus ausführlich zu erörtern. Ein Blick auf israelische und deutsche Forschungspositionen könnte aber nützlich sein.
    Bedenkenswert finde ich z.B. die Analyse des in Jerusalem lehrenden israelischen Historikers und führenden Antisemitismusforschers Robert Salomon Wistrich. Er schreibt:


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    „Den Deutschen war durchaus bewusst, dass die Russen bereits Millionen von Menschen durch Zwangsarbeit vernichtet hatten, bevor sie selbst mit ihrem Programm der Konzentrationslager überhaupt begannen. Mit Sicherheit studierte die SS das sowjetische Modell genau. Während man Ernst Noltes falsche Vorstellung, dass die Vernichtungslager eine NS-Kopie des russischen „Originals“ waren, ablehnen sollte, ist es doch wichtig, sich vor Augen zu führen, dass Hitler Stalin bewunderte und dass die beiden Diktatoren und ihre Regime in einer makabren symbiotischen Beziehung zueinander standen.“
    (Robert S. Wistrich, Hitler und der Holocaust, Berlin 2003, S. 325-326.)


    Auch über die Millionen Opfer der Massenerschießungen im russischen Bürgerkrieg unter Lenin und während des Großen Terrors in den 1930er Jahren unter Stalin dürften die Nazis im Bilde gewesen sein. In den ideologischen Schulungsunterlagen für angehende SS-Führer finden sich entsprechende Hinweise, die z.B. der Historiker Hans-Heinrich Wilhelm für einen wissenschaftlichen Vortrag ausgewertet hat.
    Zu den oftmals vergleichbaren Erfahrungen der Opfer von Hitler und Stalin schreibt Robert S. Wistrich:


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    „Zudem gab es zur „Lagerwelt“, auch wenn sie die größte und bedeutendste institutionelle Schöpfung im NS-Deutschland war, noch eine Parallele in der Sowjetunion, die nicht ignoriert werden kann. Es ist wahr, dass es im stalinistischen Straflagersystem für Auschwitz und den industriellen Tötungsprozess kein exaktes Äquivalent gab.
    […]
    Aber für eine Überlebende wie Margarete Buber-Neumann, die sowohl russische als auch deutsche Lager erlebte, schien die Erfahrung oft identisch zu sein. Im Lager Ravensbrück fragt sie sich: „Was war entsetzlicher, die verlauste Lehmhütte in Burma [Abschnitt des Lagers Karaganda in Kasachstan] oder dieser Albtraum von Ordnung?“ 1950 stellt sie beim Prozess von David Rousset eine ähnlich merkwürdige Überlegung an: „Es ist schwer zu entscheiden, was weniger human ist – Menschen in fünf Minuten zu vergasen oder sie langsam, im Verlauf von drei Monaten, durch Hunger zu erdrosseln.““
    (Robert S. Wistrich, Hitler und der Holocaust, S. 325)


    Wistrich weist auch darauf hin, dass die von Hitler als Todesschwadronen entsandten SS- und Polizeiverbände relativ klein waren und deshalb beim Judenmord auf Zehntausende einheimische Helfer aus der Sowjetunion zurückgreifen mussten. Diese ukrainischen, baltischen und russischen Mordhelfer waren häufig noch brutaler als ihre deutschen Auftraggeber, da sie fälschlicherweise glaubten, die Juden seien für die vielen Millionen Opfer der sowjetischen Gewaltherrschaft verantwortlich zu machen:



    Der Berliner Historiker Jörg Friedrich hat in seinem Buch „Das Gesetz des Krieges“ ganz ähnliche Schlüsse wie Robert Wistrich gezogen. Er hebt aber auch die enorme Steigerung von Terror und Vernichtung durch Hitler und die Nazis nach dem 22. Juni 1941 hervor:


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    „Hitler [...] begehrte keine Operettenrepubliken [...], sondern den Staat Stalins. Der Rußlandkrieg hat seine Gestalt aus dem Versuch, dieses Zwangsgebilde gleichzeitig aufzulösen und zu beerben. Daher das Equilibrium von Bolschewistenfresserei und bolschewistenmäßigem Terror. […]


    Der jugoslawische Kommunist Milovan Djilas beobachtete in Stalins Umgebung ein Daseinsgefühl von Eroberern in Feindesland. Dementsprechend ist zu Recht angemerkt worden, daß allein die Agrarkollektivierung mehr Opfer gekostet hat als der Erste Weltkrieg an allen Fronten. Mit der Auflösung des bäuerlichen Kleineigentums sind zwischen 1929 und 1934 15 Millionen überschüssiger Personen aus der Landwirtschaft gejagt worden. Deportiert in die Weißmeerregion und nach Zentralasien, fiel schließlich die Hälfte der Vernichtung durch Arbeit zum Opfer. Weitere sieben Millionen Personen hat die KPdSU durch Konfiskation ihrer Agrarprodukte dem Hungertod ausgeliefert. Dann wurde die Partei dezimiert. Etwa 15 Millionen Personen gelangten in das Lagersystem, das eine zweistellige Millionenzahl nicht überlebt hat.


    Bevor Hitler in diesen Menschenverschleiß- und Vernichtungsstaat einfiel, enthielt sein Mordregister nichts entfernt damit Vergleichbares. Keineswegs, weil er der harmlosere Despot war, sondern weil er nicht ähnliche Menschenmengen vergewaltigte. Hitler beherrschte in Deutschland ein Drittel der Menschenanzahl, die Stalin kommandierte, hatte aber bis zum Juni 1941 nicht ein Prozent von dessen Blutopfern erreicht. Schwer vorstellbar, wer im Reich bis zum Juni 1941, außer den 100.000 Geisteskranken und einigen tausend Oppositionellen, hätte vernichtet werden sollen. Von Ende Juni bis Anfang Oktober 1941 erzielten Wehrmacht und SD außerhalb von Kampfhandlungen ein Vielfaches aller Toten aus bisher acht Jahren Nationalsozialismus. Zuvor rührten die radikalsten Maßnahmen aus der Besetzung Polens, die von der SS in kollegialem Austausch mit dem im Ostsektor des Landes tätigen NKWD [Stalins] verübt wurden. Dessen Radikalismus, wie etwa die pauschale Ausrottung des polnischen Offizierskorps, trauten sich die deutschen Polizisten einstweilen noch nicht zu. Neu war ihnen auch die systematische Anstiftung der ukrainischen und weißrussischen Minderheiten, das vormalige polnische Herrenvolk zu erschlagen. Im Baltikum und in Galizien kamen die Einsatzkommandos 21 Monate später auf diese Methode zurück. Nicht, daß Hitler Stalin imitiert hätte, auch wenn er dessen Grausamkeit rühmte. Unzweifelhaft aber stand Hitler zum ersten Male im Begriff, einer Menschenmenge von der Größe seiner eigenen Bevölkerung, 60 Millionen, Plagen zu bereiten, die jenen Stalins auf Dauer gleichkamen. […]“
    (Quelle: Jörg Friedrich, Das Gesetz des Krieges. Das deutsche Heer in Rußland 1941-1945. Der Prozeß gegen das Oberkommando der Wehrmacht, München 1995, S. 823-824.


    Und um Hitlers unverhohlene Bewunderung für den sowjetischen Diktator zu zeigen, zitiert Friedrich aus dessen privaten Äußerungen während des Russlandfeldzugs, wohl als der noch glaubte, der Feldzug sei bereits gewonnen und seine eigene Terrorherrschaft gesichert:



    Beste Grüße, Bodo

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    Original von Hertl


    Meine Frage an euch wäre ob ihr evtl ein paar WEblinks zu diesem Thema habt/kennt bzw Literatur die ihr dazu empfehlen könnt?! Oder noch besser, aus eurem Wissen mir etwas berichten könnt.


    Hallo zusammen,


    um noch einmal auf die Ursprungsfrage zurückzukommen: auch wenn das Dulag 203 als Mikrostudie angelegt ist, soll es im Rahmen der Lehrveranstaltung wohl in den historischen Gesamtkontext eingeordnet werden. Deshalb möchte ich noch einen persönlichen Blick auf den Forschungsstand werfen. Trotz der zahlreich vorhandenen Literatur ist die momentane Erkenntnislage aber gar nicht so einfach zu skizzieren. Das beginnt schon mit den Angaben zur Opferzahl der in deutscher Gefangenschaft ermordeten Politkommissare, KPdSU-Funktionäre und jüdischen Rotarmisten.

    • Es scheint festzustehen, dass die Einsatzgruppen der SS und des SD bis zum 5. Dezember 1941 etwa 16 000 sowjetische Kriegsgefangene in den Stamm- und Durchgangslagern der Wehrmacht ermordet haben. Dies ergibt sich aus einer internen Bilanz des Gestapo-Chefs Heinrich Müller, zitiert bei Christian Hartmann, Massensterben oder Massenvernichtung? Sowjetische Kriegsgefangene im „Unternehmen Barbarossa“, in: VfZ 49 (2001), S. 97-158, hier S. 115. Doch alle weiteren Zahlenangaben sind offenbar nur Schätzungen, denn, so Hartmann weiter, die gesamte „Zahl der Kriegsgefangenen, die diesen Selektionen zum Opfer fielen, ist umstritten.“


    Während Christian Streit („Keine Kameraden“) noch 1978 die Gesamtzahl dieser Mordopfer unter den sowjetischen Gefangenen mit bis zu 600 000 entschieden zu hoch ansetzte, ging Alfred Streim von der Zentralen Stelle Ludwigsburg 1982 in seiner eigenen Studie von 140 000 sowjetischen Opfern aus. Neuere Forschungen (z.B. Christian Gerlachs „Kalkulierte Morde“) setzen noch einmal niedrigere Zahlen an.


    Diese völlig unterschiedlichen Zahlenangaben bei einem, wie man annehmen könnte, doch relativ gut zu dokumentierenden deutschen Massenverbrechen, lassen nur einen Schluss zu:


    viele Thesen zur deutsch-sowjetischen Kriegsgefangenschaft, die seit Jahrzehnten als feststehende Tatsachen verbreitet werden, sind in Wahrheit nach wie vor unsicher. Dazu gehört auch der bereits von Streit erhobene Vorwurf, von 5,7 Millionen gefangen genommenen Sowjetsoldaten seien rund 57 Prozent, also etwa 3,3 Millionen, in der Hand der Wehrmacht gestorben. Nach einer Tagung von Historikern aus Russland und Deutschland in Dresden 1998 stellten die Experten des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung ein wenig resignierend fest:


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    „Alle diese Zahlen, gleich welche Seite sie betreffen, beruhen auf einer durchweg numerischen Statistik. Sie basieren also nicht auf einer individuelle Schicksale ermittelnden Namensstatistik […]. Die bis heute besonders emotionsbeladene und nicht zuletzt deshalb so umstrittene Zahl der in Gefangenschaft Umgekommenen ergibt sich bisher tatsächlich als Restmenge der übrigen Kategorien und enthält somit die Summe der Fehler und Unsicherheiten der Ausgangsgrößen.“
    (Manfred Zeidler, Ute Schmidt (Hrsg.): Gefangene in deutschem und sowjetischem Gewahrsam 1941-1956. Dimensionen und Definitionen, Dresden 1999, S. 10f.)


    Leider sind viele Forscher heute nicht mehr dazu bereit, sich in die teils widersprüchlichen deutschen Quellen zu vertiefen und ausgewogene Urteile zu fällen. Ganz im Gegenteil. Wer heute Quellenbelege findet und publiziert, die der sowjetischen Propaganda, wonach alle Wehrmachtssoldaten Verbrecher waren, widersprechen, wird üblicherweise als „Wehrmachts-Apologet“ diffamiert.


    Das zeigt sich z.B. an den Reaktionen auf die oben zitierte Studie „Massensterben oder Massenvernichtung?“ von Christian Hartmann.
    Hartmanns Erkenntnisse lösten in der etablierten Forschung einigen Wirbel aus. So kommentierte der neue Chef-Historiker der Forschungsstelle Ludwigsburg, Klaus-Michael Mallmann, anzüglich, dass die differenzierenden Schlussfolgerungen Hartmanns „tendenziell apologetisch“ seien.
    (Vgl. Klaus-Michael Mallmann u.a. (Hrsg.): Deutscher Osten 1939-1945. Der Weltanschauungskrieg in Photos und Texten, Darmstadt 2003, S. 184, Anm. 123).


    Auf ähnlich ablehnende Reaktionen zu stoßen, befürchteten wohl auch die Historiker Reinhard Otto, Rolf Keller und Jens Nagel, als sie 2008 ebenfalls in den Vierteljahrsheften die wegweisende Studie „Sowjetische Kriegsgefangene in deutschem Gewahrsam 1941-1945“ veröffentlichten (VfZ 56 (2008), S. 557-602).
    Denn die renommierten Experten für sowjetische Kriegsgefangene fanden heraus:


    Quote

    „Entgegen der gängigen Forschungsmeinung und im Widerspruch zur anfänglichen Befehlslage hat [neben dem OKW-Verwaltungsgebiet] auch in den angegliederten und besetzten Gebieten eine umfassende Registrierung [der sowjetischen Gefangenen durch das OKH] stattgefunden, zunächst nur in einigen, ab Frühjahr 1942 aber in fast allen Stammlagern […].“ (S. 565). „Für rund die Hälfte aller kriegsgefangenen Rotarmisten existieren somit Karteimittel, die deren individuelles Schicksal dokumentieren. Bisher wurde so etwas für kaum möglich gehalten.“ (S. 597).


    Zur bis dato geltenden Forschungsmeinung habe ich ein Zitat aus einem öffentlichen Vortrag zur 2. Auflage der Hamburger „Wehrmachtsausstellung“ von 2002 herausgesucht. Der Politikwissenschaftler, Bundeswehr-Kritiker und bekannte historische Friedensforscher („Darmstädter Signal“) Wolfram Wette fasste seine Völkermord-Vorwürfe gegen die Wehrmacht vor dem Hintergrund der sowjetischen Kriegsgefangenen so zusammen:


    Quote

    „Der besondere Charakter des deutschen Krieges gegen die Sowjetunion wird auch am Umgang der deutschen Gewahrsamsmacht mit den Millionen kriegsgefangener Rotarmisten erkennbar. Von den etwa 5,7 Millionen gefangen genommenen Sowjetsoldaten starben etwa 57 Prozent, das heißt, etwa 3,3 Millionen. Es handelte sich um ein gewolltes Massensterben, das nach meiner Überzeugung als ein Bestandteil des rassenideologischen Vernichtungsprogramms interpretiert werden muss. In den Kriegsgefangenenlagern sah die hier ausschließlich verantwortliche Wehrmacht die Möglichkeit, die als rassisch minderwertig eingestuften slawischen Menschen zu dezimieren und zugleich „nutzlose Esser“ loszuwerden. Der Vorschlag, die Dimension dieser antislawischen Politik mit dem Begriff „der andere Holocaust“ einzufangen, hat sich bislang bedauerlicherweise noch nicht durchgesetzt.“


    Wolfram Wette, Der Krieg gegen die Sowjetunion – ein rassenideologisch begründeter Vernichtungskrieg, in: Wolf Kaiser (Hrsg.), Täter im Vernichtungskrieg. Der Überfall auf die Sowjetunion und der Völkermord an den Juden, Berlin, München (Propyläen) 2002, S. 15-38, Zitat S. 19.


    Die neuen Erkenntnisse von Otto, Keller und Nagel lassen das von Wette und anderen Forschern der „Freiburger Schule“ angenommene rassenideologische Vernichtungsprogramm der Wehrmacht nun aber völlig unglaubwürdig erscheinen. Tatsächlich steht die Zahl der in Gefangenschaft geratenen Rotarmisten bis heute nicht fest, auch die Opferzahl der in deutschen Lagern umgekommenen russischen Gefangenen ist unsicher, wie die genannten Fachleute konstatieren:


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    „Dabei wird über Zahlen und Dimensionen seit langem diskutiert. Christian Streit bezifferte die Gesamtzahl der sowjetischen Kriegsgefangenen in seiner grundlegenden Studie „Keine Kameraden“ (1978) mit 5,73 Millionen Personen von denen etwa 3,3 Millionen umgekommen seien. Seine Angaben wurden von späteren Autoren meist übernommen und sind inzwischen geradezu ins öffentliche Bewusstsein übergegangen.“ […] (Otto u.a., Sowjetische Kriegsgefangene S. 558f.)


    Der Kriegsgefangenen-Experte Rüdiger Overmanns, der eine Gesamtzahl von 5,3 Millionen gefangenen Rotarmisten annimmt, räumte dagegen ein, ,,dass es sich bei den angestellten Überlegungen um eine Spekulation handelt, die der empirischen Untermauerung noch bedarf.“ (Ebd., S. 558, Anm. 3).


    Fazit der Autoren: „Eine Antwort auf die Frage nach der Gesamtzahl der sowjetischen Kriegsgefangenen können letztlich nur die Akten der Fronttruppen liefern.“ (S. 593)


    Das von Christian Streit 1978 erstmals in dieser Deutlichkeit skizzierte „Vernichtungsprogramm“ gegen Kriegsgefangene wird häufig auch unter dem vermuteten nationalsozialistischen „Hungerplan“ eingeordnet. Dieser habe sich gegen die gesamte sowjetische Bevölkerung gerichtet. Der wichtigste Vertreter dieser Ansicht ist Christian Gerlach („Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 bis 1944“, Hamburg 2000).
    Andere Historiker wie Johannes Hürter sprechen dagegen eher von einem „Hungerkalkül“ der NS-Führung. Siehe zu diesem strittigen Komplex auch den Wikipedia-Eintrag „Hungerplan“:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Hungerplan


    In der Frage der Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen macht ein „Hungerplan“ der Wehrmacht jedoch überhaupt keinen Sinn, wie Otto, Keller und Nagel feststellen:


    Quote

    „Von einer gezielten Hungerpolitik (vgl. Gerlach, Kalkulierte Morde, S.788-859), kann keine Rede sein. Dagegen stehen nicht nur die hier vorgelegten Ergebnisse, sondern auch die Logik. Auf der einen Seite Menschen zu Hunderttausenden vorsätzlich verhungern zu lassen, zugleich aber systematisch Unterlagen anzulegen, die dies für jeden Einzelfall dokumentieren, ist schlecht vorstellbar.“
    (Otto u.a., Sowjetische Kriegsgefangene, S. 596, Anm. 119).


    Reinhard Otto und seine Kollegen kritisierten zudem die verbreitete perspektivische Verengung der Historikerzunft und die regelmäßig erhobenen Apologie-Vorwürfe, nicht nur durch den genannten Professor Mallmann:


    Quote

    „Eine derart schematische Vorstellung lässt freilich kaum mehr Raum für differenzierende Einschätzungen, weil sie auch positiv deutbare Sachverhalte von vornherein negativ interpretiert, wenn nicht gar negiert.“
    Und zu der Kritik Mallmanns an Hartmann:
    „Das führt beispielsweise dazu, Selbstzeugnisse von im Kriegsgefangenenwesen eingesetzten Offizieren, die sich ganz offensichtlich um das Wohl ihrer Gefangenen bemüht haben, von vornherein anzuzweifeln, und Historikern, die solche autobiographischen Aufzeichnungen zusammen mit einer sorgfältigen Kommentierung publizieren, tendenzielle Apologetik zu unterstellen, nur weil die Bewertung offensichtlich eigenen Vorstellungen widerspricht.“ (Otto u.a., Sowjetische Kriegsgefangene, S. 596.)


    Das bedeutet: die zahlreichen völkerrechtskonformen Befehle von Wehrmachtskommandeuren und das humane Verhalten vieler deutscher Soldaten spielen für karrierebewusste Historiker heute keine Rolle mehr. Dagegen werden die verbrecherischen Befehle der Nazi-Führung und deren teilweise Übernahme durch das Heer immer wieder als kollektive Schuld aller Soldaten dargestellt. Das ganze bearbeiten die Forscher dann meist noch unter völliger Ausblendung des sowjetischen Kriegsgegners, der unter Stalin endgültig zu einem gigantischen „Menschenverschleiß- und Vernichtungsstaat“ herangewachsen war.
    (Zitat von Jörg Friedrich, Das Gesetz des Krieges. Das deutsche Heer in Rußland 1941-1945. Der Prozeß gegen das Oberkommando der Wehrmacht, München 1995, S. 823-824.)


    Die Scheinheiligkeit eines solchen Vorgehens hatte schon der Experte für die juristische Ermittlung von Nazi-Verbrechen, Alfred Streim, den Organisatoren der „Wehrmachtssausstellung“ 1995 ins ideologische Stammbuch geschrieben:


    Quote

    „Bei allem ist jedoch einzuräumen, daß es nicht wenige Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten gab, die sich an das Kriegsvölkerrecht hielten oder, wenn sie dieses nicht kannten, nach den Grundsätzen der Menschlichkeit handelten, soweit dies im Krieg möglich ist. Der Sammelbegriff „Wehrmacht“ ist daher zu relativieren.“

    (Alfred Streim, Saubere Wehrmacht? Die Verfolgung von Kriegs- und NS-Verbrechen in der Bundesrepublik und in der DDR, in: H. Heer, K. Naumann (Hrsg.), Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944, Hamburg 1995, S. 569-597, Zitat S. 572.)


    Noch heftiger als bei Hartmann fielen die Reaktionen auf die Dissertation von Klaus Jochen Arnold aus. Arnold hat ja auch die Quellenedition zu Konrad Jarausch mitherausgegeben. Seine Dissertation erschien unter dem Titel: „Die Wehrmacht und die Besatzungspolitik in den besetzten Gebieten der Sowjetunion. Kriegführung und Radikalisierung im "Unternehmen Barbarossa"“, Berlin 2004.


    Hier der Link zur Rezension von Peter Hoeres auf der Seite H-Soz-u-Kult der Humboldt-Universität.


    Im Gegensatz zu vielen anderen Historikern hat Arnold eine sehr intensive Quellenarbeit betrieben. Allein die umfangreichen Fußnoten enthalten eine Fülle von Quellenzitaten. Trotz der manchmal schwierigen Lektüre eine eindrucksvolle Archivarbeit. Arnold konnte danach viele Thesen der bereits erwähnten Standardwerke von Christian Streit („Keine Kameraden“) und Christian Gerlach („Kalkulierte Morde“) schlüssig widerlegen.


    Für das Thema "Dulag 203" ist besonders seine eingehende Untersuchung zu den Ursachen des Massensterbens von sowjetischen Kriegsgefangenen im Winter 1941/42 aufschlussreich. Dazu kann ich vielleicht demnächst noch einige Einzelheiten nennen.


    Beste Grüße, Bodo

    Hallo,


    hier noch ein paar Infos zu den Hintergründen und dem möglichen Umfang der „Evakuierungen“ von sowjetischen Gefängnissen und Lagern durch NKWD und Rote Armee während des Krieges. Die staatlich organisierten Morde an den Insassen von Gefängnissen und den Häftlingen von Arbeitslagern waren leider ein Massenphänomen im sowjetischen Herrschaftsgebiet. Die vielen Toten nach der oben geschilderten Leningrader Verlegungsaktion können da nicht wirklich überraschen.


    Welch inhumane Geisteshaltung die Sowjetmacht besonders gegenüber den politischen Gefangenen an den Tag legte, kann vielleicht ein zentrales Dokument des sowjetischen Volkskommissariats des Inneren deutlich machen. Es ist auszugsweise abgedruckt in dem sehr informativen Buch
    „Konterrevolutionäre Elemente sind zu erschießen“. Die Brutalisierung des deutsch-sowjetischen Krieges im Sommer 1941 von Bogdan Musial (Berlin (Propyläen) 2000, S. 139f.).


    Nach den bereits in Ostpolen durchgeführten „Evakuierungen“ von Gefängnisinsassen (mit bis zu 24 000 ermordeten Häftlingen) richtete der stellvertretende Volkskommissar für Innere Angelegenheiten der UdSSR, Wassili Tschernyschow, am 4. Juli 1941 folgendes Schreiben an den NKWD-Chef Berija:



    • Der größte Teil der NKWD-Gefangenen war in dieser Zeit wegen politischer Anklagen verhaftet worden, die Häftlinge galten also als „gefährliche konterrevolutionäre Elemente“ und sollten nun gemäß Punkt 4 des Erlasses erschossen werden. Interessant ist, daß wegen krimineller Straftaten verurteilte Personen dagegen „keine Gefahr für die Gesellschaft darstellen“ und freigelassen werden sollten. In den Todeslagern des Gulag hatten sie dementsprechend die Aufsicht über die politischen Gefangenen.

    • Bei den unter Punkt 3 subsumierten Gefangenen, die nach den Dekreten von 1940 und 1941 verurteilt und ebenso im „Evakuierungsfall freizulassen“ waren, handelte es sich oft um einfache Arbeiter und Arbeiterinnen. Die Dekrete des Obersten Sowjets sahen vor, daß auch bei kleinen und kleinsten Vergehen wie z.B. Nichterfüllung der Arbeitsnorm, Qualitätsmängeln, Zuspätkommen oder eigenmächtigem Verlassen des Arbeitsplatzes (dazu zählten auch Berufsschulen) schwere Haftstrafen wegen „Sabotage“ verhängt werden konnten. In den ersten sechs Monaten nach Einführung der Dekrete führte das zu 1,5 Millionen Verurteilungen von Arbeitern, darunter 400 000 Lagerhaftstrafen. Die Dekrete blieben bis 1956 gültig.
      (Quelle: Nicolas Werth, Ein Staat gegen sein Volk. Gewalt, Unterdrückung und Terror in der Sowjetunion, in: Stéphane Courtois u.a. (Hrsg.), Das Schwarzbuch des Kommunismus, München, Zürich 2000, S. 245-295, hier S. 238).


    Die Massentötung von politischen Gefangenen und Lagerhäftlingen durch die Sowjetmacht beschränkte sich aber nicht auf das Kriegsjahr 1941. Auch in den folgenden Jahren wurden immer wieder Massenerschießungen durchgeführt. Inwiefern die sowjetischen Verbrechen zur Eskalation des Ostkrieges oder sogar zu den Völkermordplanungen des NS-Regimes beigetragen haben, ist jedoch umstritten. Musial bewegt sich mit seinen lobenswerten Forschungen in jedem Fall am Rande eines gesellschaftlichen Tabus, wie manche Rezensenten, z.B. Johannes Hürter in der FAZ, nahegelegt haben.
    Seine Quellen sind jedenfalls immer aussagekräftig. So zitiert Musial aus dem Buch „Ich wählte die Freiheit“ des ins Ausland geflüchteten Volkskommissars der UdSSR, Victor Kravchenko, der sich kurz nach Kriegsende an Massenerschießungen von Gefangenen und Zwangsarbeitern aus den Jahren 1941 und 1942 erinnerte:


    Quote

    „Einige von uns … kannten Fälle, wo die Gefangenen massenweise getötet wurden, als es unmöglich war, sie noch zu evakuieren. Dies geschah in Minsk, Smolensk, Kiew, Charkow, in meiner Heimatstadt Dnjepropetrowsk und in Zaporosche. An einen dieser Fälle erinnere ich mich noch bis in die kleinsten Einzelheiten. In der kleinen Karbardino-Balkar-Sowjetrepublik – einer der „autonomen Republiken“ –, im Kaukasus, gab es in der Nähe der Stadt Naltschik ein Molybdänkombinat der NKVD, das mit Zwangsarbeitern betrieben wurde. Als die Rote Armee sich aus diesem Gebiet zurückzog, konnten mehrere hundert Gefangene aus technischen Transportgründen nicht rechtzeitig evakuiert werden. Der Direktor des Kombinats ließ auf Befehl des Kommissars der Karbadino-Balkar-NKVD, Genossen Anochow, die Unglücklichen bis zum letzten Mann mit Maschinengewehrfeuer niederschießen.“


    (Victor A. Kravchenko: Ich wählte die Freiheit. Das private und politische Leben eines Sowjetbeamten, Zürich 1947, S. 499.)


    Zum Forschungsstand schreibt Musial:

    • „Auf ähnliche Weise liquidierten die Sowjets im Sommer 1941 Häftlinge unter anderem in Wilna, Kowno, Schaulen, Riga, Reval, Tallin, Tartu, Sluzk, Minsk, Ihuman, Smolensk, Rowno, Kiew, Rostow, Odessa, Poltawa, Charkow, Dnjepropetrowsk, Kischinjow, Saporoschje, Winniza und Stalinow. Ein Teil der Gefangenen aus Berdytschow wurde in Kolonnen evakuiert; die übrigen versuchte man bei lebendigem Leib zu verbrennen. Die meisten konnten sich jedoch aus dem brennenden Gefängnis befreien.

    • In einem Arbeitslager in Prawienischkach in Litauen ermordeten Soldaten der Roten Armee fünfhundert Häftlinge und deren litauische Wachen. Im Lager in Rumschischke in der Nähe von Kowno massakrierten Rotarmisten von Panzerwagen aus etwa dreihundert Häftlinge. Anschließend versuchten die Täter, die Leichen mit Dynamit zu zerfetzen, was ihnen jedoch nicht gelang.“ (Musial, S. 141)


    Das ganze Ausmaß dieser Mordaktionen ist vermutlich bis heute nicht erforscht worden. In Rußland kann man ja gegenwärtig eine umfassende Stalin-Renaissance beobachten, so daß vom Staat keine weitere Aufklärung der kommunistischen Verbrechen zu erwarten ist.
    Dazu passen die staatlichen Repressionen gegen die zivile Opfervereinigung Memorial, deren Büros durchsucht und deren Datenbanken in St. Petersburg komplett konfisziert wurden.
    Siehe dazu diesen Link, wo das folgende Zitat zu finden ist:
    http://www.aktuell.ru/russland…_zurueckgegeben_2625.html


    Quote

    "Betroffen durch die Beschlagnahme ist die wissenschaftliche Forschung
    […] „Der russische Staat sieht eine Zusammenarbeit von russischen und westlichen Historikern in Bezug auf den Stalinismus nicht gern“, sagt [Professor] Baberowski. Das führe zu einem vorauseilendem Gehorsam nicht nur der russischen Geschichtsforscher, sondern auch der Archivare, die bestimmte Dokumente aus eigener Initiative unter Verschluss halten. Die Vorkommnisse in Petersburg machen nun deutlich klar, welche Stimmen der russische Staat bei der Schreibung der „vaterländischen Geschichte“ künftig nicht mehr hören will."


    Doch nicht nur der deutsche Professor Jörg Baberowski ("Der Rote Terror. Geschichte des Stalinismus"), auch andere Historiker wie der bekannte Russland-Experte Orlando Figes sind davon betroffen.
    Einen großen Teil seines letzten Forschungswerks "Die Flüsterer. Leben in Stalins Russland" konnte Figes nur mit Hilfe des Archivs von Memorial erstellen. Der britische Historiker Antony Beevor schrieb zu "Die Flüsterer" in der Londoner Zeitung The Times :
    "Die Bedeutung dieses Buches kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden." Deshalb wohl auch die politische Verfolgung der "Kollaborateure" von Memorial durch die russische Regierung.


    Zur mutmaßlichen Dimension der oben genannten sowjetischen Verbrechen (die ja nur einen Ausschnitt des umfassenden Staatsterrors unter Stalins Herrschaft darstellen) abschließend noch ein Zitat aus dem Buch „Konterrevolutionäre Elemente sind zu erschießen“:


    „Wie erwähnt liquidierten die Sowjets nicht nur Gefängnisinsassen, sondern auch Häftlinge zahlreicher Arbeitslager, die ebenfalls geräumt werden mußten. Wie vielen Arrestlokale und Lager auf diese Weise „evakuiert“ wurden, läßt sich im Rahmen der vorliegenden Untersuchung nicht einmal schätzungsweise eruieren. Aber von 484 Gefängnissen, die es vor dem 22. Juni 1941 in der Sowjetunion gab, mußten bis zum Januar 1942 insgesamt 209 geräumt werden, und für sie alle galten dieselben Richtlinien wie für die Haftanstalten in den westlichen Oblasten der USSR und BSSR.“ (Musial S. 142)


    Beste Grüße, Bodo

    Hallo Max,


    das Thema ist ja ein heißes Eisen, nicht nur wissenschaftlich umstritten sondern auch emotional belastet. Ich kann dir mehrere Bücher bzw. Aufsätze empfehlen, die meinen eigenen Kenntnisstand sehr erweitert haben. Den älteren Forschungsstand der 80er und 90er Jahre kann man leider nur als recht einseitig bezeichnen. Zunächst möchte ich die Bedeutung des Themas „Sowjetische Kriegsgefangene in deutscher Hand“ mit einem Zitat von Christian Hartmann deutlich machen:


    „Das größte Verbrechen, das der Wehrmacht vorgeworfen wird, ist das an den sowjetischen Kriegsgefangenen. Doch gibt es selbst hier einige ungeklärte Fragen, so daß schon deshalb die Auseinandersetzung über die Schuld „der“ Wehrmacht nie ganz zur Ruhe gekommen ist.“
    (Christian Hartmann: Massensterben oder Massenvernichtung? Sowjetische Kriegsgefangene im „Unternehmen Barbarossa“. Aus dem Tagebuch eines Lagerkommandanten, in: VfZ 49 (2001) 4, S. 97-158, Zitat S. 97.)


    Der Lagerkommandant, dessen Tagebuch Christian Hartmann im oben genannten Beitrag ausgewertet hat, war Oberstleutnant Johannes Gutschmidt. Von Juni 1941 bis Februar 1944 war Gutschmidt Kommandeur der Durchgangslager 203 und 231. Er kann als repräsentativ für einen ganzen, älteren Jahrgang von Lagerkommandanten des Heeres an der Ostfront gelten. Gutschmidt und andere Kommandanten bemühten sich nach Kräften, trotz der völkerrechtswidrigen Befehle des OKW (z.B. Kommissarbefehl) und der katastrophalen Transport- und Versorgungskrise im Winter 1941/42 so viele sowjetische Gefangene wie möglich vor dem Hungertod zu retten (Hartmann, S. 136-137). Dennoch ließen sie die Mordaktionen von SD und Gestapo, die KP-Funktionäre, jüdische Gefangene und Kommissare zu Tausenden erschossen, auch in ihren Lagern zu. Das Verhalten der Lagerkommandanten variierte dabei zwischen Widerstand, passiver Hinnahme und in einigen Fällen sogar tätiger Mithilfe bei den Kriegsverbrechen.


    Hier noch ein abschließendes Zitat aus dem Tagebuch Gutschmidts:


    Quote

    „8. 3. 1942 (Smolensk)
    Jetzt sollen die arbeitsfähigen Gefangenen nach Deutschland gehen, um dort die Rüstungsarbeiter für die Front frei zu machen. Von den Millionen Gefangener sind aber nur bescheidene Tausende als arbeitsfähig anzusehen. Erst starben so unglaublich viele, viele sind fleckfieberkrank und der Rest ist so schwach und elend, dass sie in diesem Zustande nicht arbeiten können. Die deutsche Regierung hat den Gefangenen nicht genug Nahrung bewilligt, und es wird wohl einen schönen Krach geben, wenn nur so wenige nach Deutschland zur Arbeit kommen. Wir Kommandanten haben so oft mehr Lebensmittel verlangt, und ich habe immer bedeutend mehr ausgeben lassen, als zuständig (sic!) war.“ (Hartmann, S. 158)


    Zum Durchgangslager 203 hat auch der Historiker Klaus Jochen Arnold 2008 eine erstklassige Quellenedition veröffentlicht, die noch tiefere Einblicke in das Alltagsleben der sowjetischen Gefangenen und ihrer deutschen Bewacher (inklusive sowjetischem Hilfspersonal) an der Ostfront von 1941/42 bietet:


    Konrad H. Jarausch (Hrsg.), Klaus Jochen Arnold (Hrsg.), „Das stille Sterben…“. Feldpostbriefe von Konrad Jarausch aus Polen und Russland 1939-1942, Paderborn 2008.


    Konrad Jarausch, der Vater des gleichnamigen Mitherausgebers, war als Feldwebel d. R. Küchenleiter des DULAG 203 in der Sowjetunion. Da er als promovierter Theologe ein geübter Schreiber war, schildert er in seinen Briefen ausführlich und immer auch mitfühlend das zunehmende Elend der in den Lagern eintreffenden Rotarmisten. Viele waren bereits von der Roten Armee kaum oder gar nicht verpflegt worden und auch durch die wochenlangen Kesselschlachten bereits ausgehungert. Aus politischen Gründen und zur Entspannung der sich zuspitzenden Versorgungslage waren im Herbst 1941 bereits mehr als 800 000 gefangene Ukrainer, Balten und Weißrussen nach Hause entlassen worden:


    Quote

    „15. September 1941
    nun ist der Tag gekommen, an dem gepackt werden sollte. Aber jetzt am Vormittag ist alles Einzelne noch unsicher. Ich sollte mit dem Nachkommando hierbleiben und dann unsere Vorräte nachschaffen. Aber auch das steht noch nicht fest. Wir sind dabei, im Lager das Letzte für den Transport fertigzumachen. Unsere Gefangenen sind bis auf einen kleinen Stamm, den wir mitnehmen, fort. Die Ukrainer, die nach Anweisung des Führers ja mit Letten, Esten und Litauern nach Haus geschickt werden sollen, sind mit Gesang abmarschiert. Auch unsere [russischen] Köche haben fast herzlich Abschied genommen. Ich bin froh, daß der Unteroffizier, mit dem ich mich im Dienst abwechsle – der Berliner NSKK-Führer – sie ähnlich behandelt wie ich. Wir ziehen überhaupt dienstlich ganz gut am gleichen Strang.
    Ich habe die größere Stille im Lager zu ein paar persönlicheren Gesprächen ausgenutzt. Es gibt da doch interessante Menschen genug, weniger als Individuen, soweit reicht ja unsere Verständigungsmöglichkeit nicht. Wohl aber als Vertreter typischer Schicksale. Gestern habe ich mich z.B. lange mit einem Armenier unterhalten, der in der Gegend von Tiflis bei „deutsche Leit“ [Leute] auf dem Kolchos gearbeitet hat und nun ein ganz echt klingendes Schwäbisch spricht. Ein anderer unserer Dolmetscher ist Tatar und geht mit, damit wir uns mit seinen Landsleuten verständigen können. Überhaupt sind Turkvölker und Mongolen stark vertreten. Wir in der Küche nehmen außer unserem Wolgadeutschen zwei Köche mit, der eine ist Moskauer, der andere stammt aus Samara. Sie geben sich in diesen Tagen, wo sie Zeit haben, viel Mühe, uns gut zu versorgen, soweit sie im Dorf Eier und Kohl auftreiben können. […]“ (S. 309-310).


    Jarausch schließt Freundschaften mit Gefangenen und russischen Zivilisten, lernt intensiv Russisch und kämpft gegen die chronischen Nachschubprobleme seiner Einheit, unter denen ab dem Spätherbst 1941 auch die neu eintreffenden Kriegsgefangenen zu leiden haben:


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    „O.U. [Kritschew], den 12. Oktober 1941
    […] Für die russische Arbeit habe ich augenblicklich ein Wörterbuch geliehen bekommen. Damit kann ich nun meine russisch geschriebene Grammatik übersetzen und brauche eigentlich nichts. […] Eher fehlt im Augenblick die Zeit, da ich jeden Tag Dienst mache und abends von der scharfen Luft müde bin. Wir sind im Übergang zum Winter. Am 9. [Oktober] hatten wir den ersten Schnee, der am nächsten Tag im Schatten liegen blieb, so kalt war die Luft. Seither friert es jede Nacht. […] In der heutigen Post waren vier russische Psalter [Psalmbücher] vom Martin-Lutherbund. Eins der Hefte habe ich gleich unserem Putzer gegeben, der eine treue, stille Seele ist. Er hat mir vor einigen Tagen sein handgeschriebenes Gebetbuch gezeigt, das er vor den Kommissaren [der Roten Armee] gerettet hat. Die Bibeln sind den Soldaten alle abgenommen worden. Begreiflich, daß er die Bolschewisten nicht liebt. Sie hoffen jetzt alle, daß sie nach dem Fall Moskaus entlassen werden. Da wird es noch manche Enttäuschung geben. Heute Mittag sind die ersten 2000 Mann aus den Oktoberschlachten eingetroffen. Wir konnten sie noch zweimal warm verpflegen und in leidlich geschützte Hallen stecken. Aber damit ist unser wirklich anständiger Raum fast erschöpft. Die weiteren müssen frieren. Neben unserer Stube lagern schon mehrere Hunderte Sack Vorräte. Ein Waggon mit Roggenkleie für Brot wird morgen ausgeladen. Morgen früh soll auch mit der Anlage von Mieten [Lagern] für 72 000 (!) Zentner Kartoffeln begonnen werden. Da wird es noch viel Arbeit geben, auch wenn diese Menge nie erreicht wird.“ (S. 325-326).


    Das Drama des Massensterbens von Gefangenen und die verzweifelten Versuche der deutschen Soldaten, möglichst viele Hungernde und Kranke zu retten (auch unter Einsatz von Schußwaffen als letztem Mittel zur geordneten Nahrungsverteilung im Winter), das alles wird bei der Lektüre der Briefe sehr deutlich:


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    „O.U., den 25. November 1941
    […] Wir hatten sehr schwere Wochen, in denen soviel Elend und Sterben an mir vorbeigezogen ist wie noch nie. Dabei ging alle Kraft bei dem Versuch drauf, den Menschen wenigstens das nötigste an Essen zu [ver]schaffen. Es ist ein großes Sterben in den Lagern. Wenn der Winter richtig einsetzt, wird es durch ganz Rußland gehen. Wenn die Schilderungen von der Massenflucht aus den Großstädten richtig sind, muß auch dort im noch unbesetzten Gebiet das Elend furchtbar sein. Dabei kann ich nach allem, was ich gesehen habe, in den breiten Millionenschichten des russischen Volkes keinen Feind sehen. Es sind zum größten Teil die unglücklichen Opfer einer wahnsinnigen Politik, deren Wurzeln allerdings tief in die russische Vergangenheit hineinreichen.
    […]
    Auch hier im Ort ist die Kirche wieder hergerichtet. Kriegsgefangene Sänger, Musiker und Maler sind beurlaubt, um den inneren Schmuck zu erneuern und den Chor neu aufzustellen. Ich werde einen Sonntagabend in unserer schlimmsten Zeit nicht vergessen, an dem mich Russen zu sich eingeladen hatten im Lager, um mir einige Stunden der Entspannung zu bereiten. Ein Bariton der Moskauer Oper sang russische Volkslieder, Stücke aus dem Boris Godunow und schließlich liturgische Gesänge, die auch die Russen seit Jahren nicht gehört hatten. […] (S. 344-345).


    Doch wie viele andere deutsche Wachsoldaten (und Kameraden des sowjetischen Lagerpersonals) fällt Jarausch den katastrophalen Zuständen schließlich selbst zum Opfer. Am 27. Januar 1942 stirbt er im Seuchenlazarett von Roslawl an Fleckfieber. Fast bis zuletzt schreibt er bewegende Briefe an seine Familie, immer wieder vergeblich auf eine zivile Uk-Stellung in der Heimat hoffend. Der vorher zitierte Lagerkommandant Oberstleutnant Gutschmidt bedauerte in einem Tagebucheintrag vom 21. Januar übrigens die gefährliche Erkrankung Jarauschs und mehrerer Sanitätssoldaten im DULAG 203.


    Soviel zu den wichtigsten mir bekannten Quelleneditionen. Zum Forschungsstand kann ich vielleicht in kürze noch ein paar Literaturempfehlungen anfügen.


    Beste Grüße, Bodo


    Edit: Schreibfehler korrigiert und einen Quellenauszug ergänzt.

    Hallo Steffen,


    Danke für die Informationen. Vielleicht bietet das Buch aber Aufklärung darüber, wer von den vielen gefangenen Generälen zu einer Zusammenarbeit mit Stalin bereit war.
    Immerhin soll ja Feldmarschall Paulus durch seine Akademiekurse für die Rote Armee zu den vernichtenden Niederlagen der Wehrmacht 1944 beigetragen haben. Hatte ich zumindest kürzlich in einem Buch gelesen, wo es um den erfolgreichen Strategiewechsel der Roten Armee ging.


    Beste Grüße, Bodo

    Hallo Steffen,


    vielen Dank für die Hinweise auf den Verbleib der vermißten Generäle. Seltsam nur, daß Buchner offenbar nichts von der Rückkehr Lützows und Trauts gewußt hat. Das müßte doch zu Beginn seiner Recherche schon seit Jahrzehnten bekann gewesen sein. Zumal von Lützow einen bekannten Namen trug (Stichwort Lützower Jäger).


    Wenn möglich schaue ich demnächst mal, ob ich das von dir genannte Buch in einer Bibliothek einsehen kann. Es scheint sehr interessant zu sein.


    Viele Grüße, Bodo

    Hallo Martin,


    bei Alex Buchner, „Ostfront 1944“ findet man eine Übersicht über die gefangenen, gefallenen und vermißten Generäle der Heeresgruppe Mitte während der sowjetischen Sommeroffensive „Bagration“.


    Wenn ich richtig gezählt habe, wurden nach dieser Liste 18 Generäle gefangen genommen, 9 sind gefallen, vier vermißt und einer wählte den Freitod. Die vermißten Generäle müssen nach Buchners Darstellung ebenfalls als gefallen oder nach der Gefangenahme getötet angesehen werden (evtl. durch die zahlreichen Partisanen). Dafür soll (laut Buchner) der Generalleutnant Freiherr v. Lützow ein Beispiel sein, der seit dem 28. 06. 1944 als vermißt gilt und von dem nie wieder jemand etwas gehört habe (Buchner, S. 209). Selbstmord verübte demnach Generalleutnant Philipp von der 134. ID. Den Auszug aus Buchners Übersicht findest du unten.


    Insgesamt wurden 28 von 34 Divisionen der Heeresgruppe Mitte im Sommer 1944 vernichtet. Buchner gibt die deutschen Gesamtverluste mit 350 000 an, davon 200 000 Tote. Weitere 75 000 deutsche Soldaten der Heeresgruppe sind auf dem Weg in oder während der sowjetischen Gefangenschaft umgekommen (Buchner, S. 237).
    Quelle: Alex Buchner, Ostfront 1944. Tscherkassy, Tarnopol, Krim, Witebsk, Bobruisk, Brody, Jassy, Kischinew, Friedberg 1988, S. 241-242.


    Auch die 134. Infanteriedivision, der mein Vater mit seinem Flakregiment zugeteilt war, gehörte zu den untergegangenen Einheiten. Zum Glück hielt er sich in dieser Zeit jedoch nicht an der Front in Rogatschew auf sondern in Bobruisk. Kurz vor der Einkesselung konnte er am 26. 6. befehlsgemäß mit dem Flak-Meßzug (kriegswichtiges Material) abrücken. Unterwegs beobachtete er die wilde Flucht eines Generals mit zugehörigem Stab. Vermutlich der Stab der 9. Armee mit General Jordan aus dem Waldlager bei Bobruisk. Die Feldgendarmerie machte diesem den Weg neben der endlosen Rückzugskolonne frei. Bald darauf unterbrachen aus allen Rohren feuernde Sowjetpanzer die Rückzugsstraße. Als die Feldgendarmen dann überzählige Männer für Marschbataillone suchten (der sogenannte „Heldenklau“), konnte sich der dritte, überzählige Kamerad erfolgreich im Fahrzeug verbergen. Mein Vater war im Marschbefehl offiziell als Beifahrer eingetragen. Die Flucht ging über das bereits geräumte Minsk und endete erst in Ostpreußen. Das Flak-Regiment 101 mitsamt den unterstellten Flak-Abteilungen war fast vollständig untergegangen. Anschließend kam mein Vater erneut als Geschützführer zu einem Flak-Sturm-Regiment an die in Polen neu gebildete Ostfront.



    Heeresgruppe Mitte Juni 1944, nur Einheiten mit gefangenen, vermißten oder gefallenen Kommandeuren


    Heeresgruppen-Reserve:
    14. Infanteriedivision (mot.) (Generalleutnant Flörke): gefangen


    3. Panzerarmee


    LIII. Armeekorps (General der Infanterie Gollwitzer): gefangen
    246. Infanteriedivision (Generalmajor Müller-Bülow): gefangen
    4. Luftwaffenfelddivision (Generalleutnant Pistorius): gefallen
    6. Luftwaffenfelddivision (Generalleutnant Peschel): gefallen
    206. Infanteriedivision (Generalleutnant Hitter): gefangen


    VI. Armeekorps (General der Artillerie Dr. Pfeiffer): gefallen
    197. Infanteriedivision (Generalmajor Hahne): vermißt
    299. Infanteriedivision (Generalmajor v. Junck): vermißt
    256. Infanteriedivision (Generalleutnant Wüstenhagen): gefallen


    Armeereserve:
    95. Infanteriedivision (Generalmajor Michaelis): gefangen


    4. Armee:


    XXVII. Armeekorps (General der Infanterie Völckers): gefangen
    78. Sturmdivision (Generalleutnant Traut): vermißt
    260. Infanteriedivision (Generalmajor Klammt): gefallen


    XXXIX. Panzerkorps (General der Artillerie Martinek): gefallen
    110. Infanteriedivision (Generalleutnant v. Kurowski): gefangen
    337. Infanteriedivision (Generalleutnant Schünemann): gefallen
    12. Infanteriedivision (mot.) (Generalleutnant Bammler): gefangen
    31. Infanteriedivision (Generalleutnant Ochsner): gefangen


    Armeereserve:
    Panzergrenadierdivision „Feldherrnhalle“ (Generalmajor v. Steinkeller): gefangen


    XII. Armeekorps (Generalleutnant Müller, Vinzenz): gefangen
    18. Panzergrenadierdivision (Generalleutnant Zutavern): gefallen
    267. Infanteriedivision (Generalleutnant Drescher): gefallen
    57. Infanteriedivision (Generalmajor Trowitz): gefangen


    9. Armee:


    XXXV. Armeekorps (Generalleutnant Freiherr v. Lützow): vermißt
    134. Infanteriedivision (Generalleutnant Philipp): Freitod
    6. Infanteriedivision (Generalleutnant Heyne): gefangen
    383. Infanteriedivision (Generalmajor Gihr): gefangen
    45. Infanteriedivision (Generalmajor Engel): gefangen


    XXXXI. Panzerkorps (Generalleutnant Hoffmeister): gefangen
    36. Infanteriedivision (Generalmajor Conrady): gefangen

    Kampfkommandant Bobruisk (Generalmajor Hamann): von den Sowjets gefangen und hingerichtet


    Beste Grüße, Bodo

    Hallo,


    ich habe doch nur die Auffassung vertreten, daß in solchen Ausstellungen und den Begleitbüchern das vollständige Bild der Wehrmacht gezeigt werden sollte. Nicht nur Verfehlungen und Verbrechen, die zu Recht angeprangert werden müssen, sondern z.B. auch der Widerstand der Heerestruppen gegen den NS-Terror und die Massenmorde der SS in Polen sollten darin berücksichtigt werden.
    Wer das bewußt ausklammert und den Lesern/Besuchern verschweigt, arbeitet in meinen Augen tendenziös.
    Und außerdem ging es mir bei der Frage nach den pädagogischen Zielen nur um die Motive der staatlichen Stellen, die dafür erhebliche Steuermittel ausgeben, nicht um die Motive des Autors.


    Wie das Verhalten der Wehrmacht im besetzten Polen wirklich war, kann man bei dem renommierten Historiker Helmut Krausnick nachlesen, der dazu in seinem Standardwerk über die SS-Einsatzgruppen zusammenfassend festgestellt hat:


    Quote

    „Diese und ähnliche Fälle machten in Hitlers Augen deutlich, daß auf Grund der Gesamthaltung (!) von Offizierkorps und Truppe mit dem Heer als Inhaber der vollziehenden Gewalt die Durchführung der von ihm beabsichtigten [Rassen- und Volkstums-] Politik im besetzten Polen nicht gewährleistet war.“
    (Helmut Krausnick, Hitlers Einsatzgruppen. Die Truppen des Weltanschauungskrieges 1938-1942, Frankfurt am Main (Fischer) 1985, S. 68.)


    Aus diesem Grund entzog Hitler dem Heer kurz darauf die Verwaltungshoheit über die eroberten und besetzten polnischen Gebiete. In der Folgezeit war auch der Vatikan in großer Sorge um die mehrheitlich katholische polnische Bevölkerung. Gegenüber dem Deutschen Auswärtigen Amt beklagte der Nuntius als Vertreter des Papstes in Deutschland, wie sehr die polnische Bevölkerung nach Ablösung der Wehrmachtsverwaltung unter der Willkür- und Terrorherrschaft der NSDAP geführten Zivilverwaltung leiden mußte:
    „Solange die betreffenden Gegenden unter militärischem Befehle gestanden hätten, sei alles gut gegangen. ... Neuerdings vollzögen sich dort jedoch Dinge, die Deutschland in seinem eigenen Interesse nicht zulassen dürfe.“
    Zitiert nach Horst Rohde, Deutsche Kriegsverbrechen in Polen 1939, in: Franz W. Seidler, Alfred M. de Zayas (Hrsg.): Kriegsverbrechen in Europa und im Nahen Osten im 20. Jahrhundert, Hamburg, Berlin, Bonn 2002, S. 143-145, hier S. 144.
    Daß sich der Nazi-Terror erst richtig entfalten konnte, nachdem Hitler die Ablösung der Militärverwaltung angeordnet hatte, wird auch von Helmut Krausnick betont (Hitlers Einsatzgruppen, S. 72).


    Die von dir gelinkte Rezension ist interessant und aufschlußreich. Sie hat mich in meiner kritischen Haltung aber eher bestärkt. Der Rezensent Peter Lieb ist zumindest ein ernstzunehmender, da um Ausgewogenheit bemühter Historiker. Das zeigen seine bisher erschienenen Arbeiten. Ich war ein wenig erschüttert, daß in den aktuellen ARD-Fernsehdokus zum Jahrestag des deutschen Angriffs auf Polen neben vielen korrekten Darstellungen auch Böhlers Forschungen breiten Raum einnahmen.


    Ich habe daher die wichtigsten Kritikpunkte von Peter Lieb noch einmal zusammengefaßt, da die Ergebnisse von Böhlers Forschungen auch in der Ausstellung "Größte Härte..." präsentiert werden:



    Dazu nochmals der Link: http://www.sehepunkte.de/2006/10/pdf/8940.pdf


    Bleibt zum Schluß noch die Frage nach den staatlich subventionierten pädagogischen Zielsetzungen (Bücher, die zum Selbstkostenpreis verkauft werden, sollen ja meist den Kauf durch Schüler und Studenten fördern). Auch Peter Lieb fragt sich, warum der deutsche Staat die Verbreitung dieser problematischen Studie finanziert:


    Quote

    „Allerdings ist es Böhler nicht gelungen, den Nachweis zu erbringen, die Wehrmacht habe schon 1939 in Polen einen Vernichtungskrieg geführt. Man fragt sich schon, warum diese Studie mittlerweile selbst von der Bundeszentrale für Politische Bildung gedruckt wurde. Eine flotte These scheint heute wichtiger als eine profund recherchierte und ausgewogene Arbeit.“


    Eine mögliche Erklärung könnte die Ausrichtung einer weiteren Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin geben („Deutsche und Polen“), die ebenfalls staatlich gefördert wird. Im Gespräch mit einem Redakteur des Nachrichtenmagazins FOCUS äußerte sich kürzlich der israelische Militärhistoriker Martin van Creveld zu der Ausstellung wie folgt:



    Der Link dazu unter:
    http://www.focus.de/politik/de…e-stuehle_aid_430801.html


    Als interessierter deutscher Staatsbürger erhält man dort also nur teilweise erhellende Einsichten zur deutsch-polnischen Geschichte. Das finde ich sehr bedauerlich.


    Gruß, Bodo

    Hallo zusammen,


    die angesprochene Ausstellung läuft bereits seit längerem, es gibt eine deutsche und eine polnische Version. Beide Versionen stützen sich fast ausschließlich auf die Forschungen von Jochen Böhler, zuletzt "Fachberater" der NDR-Fernsehdokus zum Kriegsbeginn 1939 (Stichwort: "Der Überfall"). Kein Wunder, daß "die Wehrmacht als Armee nicht gut wegkommt."


    Böhler ist Mitarbeiter beim Deutschen Historischen Institut in Warschau. Er ist mir schon öfter durch seine tendenziöse da äußerst einseitige Arbeitsweise aufgefallen. Immerhin ist es schon bemerkenswert, daß sich damals nach der Ausstellungseröffnung sogar Böhlers Chef, Professor Ziemer, der Direktor des Instituts in Warschau, von der Kernthese der Ausstellung, wonach die Wehrmacht in Polen einen "rassenideologischen Vernichtungskrieg" geführt habe, distanziert hatte.


    Als Grundlage der Ausstellung dient Böhlers gleichnamiges Buch "Auftakt zum Vernichtungskrieg. Die Wehrmacht in Polen 1939", das auch hier im Forum bereits erwähnt wurde. Wie zweifelhaft Böhlers Schlußfolgerungen sind, hat der Historiker Christian Hartmann in einer Rezension für die FAZ erläutert: Allzu flinke Formel. Verbrechen von Wehrmachtsangehörigen während des Polenfeldzugs 1939.


    Hier ein Auszug aus der aufschlußreichen Rezension, die hier nachgelesen werden kann:


    http://www.faz.net/s/RubA330E5…Tpl~Ecommon~Scontent.html:


    Quote

    Jochen Böhler vertritt nun die These, der rassenideologische Vernichtungskrieg der Wehrmacht habe nicht erst 1941 begonnen, sondern bereits zwei Jahre früher in Polen. Keine Frage: Schon ihren ersten Feldzug im September 1939 konnten die deutschen Soldaten hart, mitunter auch brutal führen. Damit trafen sie nicht nur den militärischen Gegner; noch während des Feldzugs erschossen Wehrmachtseinheiten mehrere tausend Zivilisten und brannten einige hundert Dörfer nieder. Auch Juden und Kriegsgefangene zählten bereits zu ihren Opfern. An der Substanz der von Böhler präsentierten Fälle besteht kein Zweifel, an seiner These eines "Vernichtungskriegs", den speziell die Wehrmacht geführt haben soll, indes schon. Hierzu drei Überlegungen: (1) Die meisten deutschen "Repressalien" waren eine Reaktion auf angebliche polnische Freischärler. Böhlers Beobachtung, die Deutschen hätten häufig überreagiert und seien überhaupt sehr nervös aufgetreten, ist zweifellos richtig. Aber muss dies im Umkehrschluss heißen, dass es von polnischer Seite keine irregulären Aktionen gab? Sieht man einmal davon ab, dass diese Form der Kriegführung in Polen eine lange Tradition hat und dass während des Zweiten Weltkriegs nur wenige Untergrundbewegungen so mächtig wurden wie die "Armia Krajowa", dann sollte in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden, dass im September 1939 zirka 2000 "Volksdeutsche" von ihren polnischen Mitbürgern ermordet wurden - eine (niedrige) Schätzung, die Böhler im übrigen nur in einer Fußnote erwähnt. Warum es in dieser aufgeladenen Atmosphäre nicht auch zu Angriffen auf deutsches Militär gekommen sein soll, bleibt unerfindlich.


    Und zum Stellenwert der dokumentierten Verbrechen und Repressalien:


    Quote

    (2) Unklar bleibt auch der Stellenwert der deutschen Verbrechen. Dass es Einheiten der Wehrmacht gab, die zum Rechtsbruch neigten, steht außer Frage. Wie weit aber prägte das den Alltag dieser Millionenarmee? Während Erschießungen von Zivilisten relativ oft vorkamen, scheint es sich bei den Morden an Kriegsgefangenen oder Juden um Einzelfälle gehandelt zu haben, letztere konnten auch die deutschen Kriegsgerichte beschäftigen, was Hitler dann nach Ende des Feldzugs unterband. Spätestens hier wird ein entscheidender Unterschied zwischen dem Krieg in Polen und dem in der Sowjetunion sichtbar. Eine lang angelegte, systematische Strategie der Vernichtung, die mit der im "Unternehmen Barbarossa" vergleichbar wäre, gab es beim Feldzug in Polen nicht. Es war daher kein Wunder, wenn der Oberbefehlshaber des Heeres bei seinen Frontfahrten "vielfach ein zu freundschaftliches Verhältnis zwischen Soldaten und Zivilisten einschließlich Juden" beobachtete. Oder wenn sich Hitler damals über seine Offiziere ereiferte, die "in politischen Dingen bisweilen wie die Kinder seien". Von solchen Stimmen will Böhler aber nichts wissen.


    Dazu passend noch eine Schilderung von Major Gerhard Engel, der als Heeresadjutant zu Hitler abkommandiert war. Bereits im Februar 1940 hatte der für die NS-Verbrechen in Polen zuständige Reichsminister Hans Frank bei Hitler „um weitestgehende Ausschaltung der Militärs“ nachgesucht, da diese eine „ausgesprochen parteifeindliche Einstellung [gegen die NSDAP] hätten“. „Kommandeure [der Wehrmacht] seien instinktlos, hinderten ihn und seine Stellen häufig an der Durchführung der übertragenen Aufgaben“.
    Hitler bekam daraufhin einen weiteren, diesmal langanhaltenden Wutanfall, nachdem er sich bereits vorher häufig über die Strafverfolgung von NS-Tätern aus SS und Heer durch Wehrmachtsgerichte geärgert hatte.
    (Heeresadjutant bei Hitler 1938-1943. Aufzeichnungen des Majors Engel, herausgegeben und kommentiert von Hildegard von Kotze, Stuttgart 1974, S. 75.)


    Christian Hartmann kommt jedenfalls zu dem Schluß:


    Quote

    (3) Doch war die Reaktion der Wehrmachts- und Truppenführung auf die Untaten der Truppe keinesfalls so eindeutig, wie der Autor suggeriert - im Gegenteil. Charakteristisch für die Situation der Wehrmacht, gerade auch im ersten Kriegsjahr, war vielmehr der Umstand, dass sie sich in einem Transformationsprozess befand, der noch längst nicht abgeschlossen war. So erklärt sich, warum einige Offiziere zum Teil sehr energisch der "Verwilderung" ihrer Soldaten entgegenzusteuern suchten. Hätte sich Böhler etwa die Mühe gemacht, die reich überlieferten Akten der deutschen Kriegsgerichte heranzuziehen, die bislang in Kornelimünster archiviert waren, dann hätte er von genau dieser Bruchlinie zwischen militärischer Tradition und nationalsozialistischer Revolution ein differenzierteres Bild zeichnen können. Bei Böhlers Arbeit handelt es sich um die erste deutsche Zusammenfassung der Wehrmachtsverbrechen während des Polenfeldzugs. Diese Leistung bleibt festzuhalten. Die Chance einer überzeugenden und differenzierten Darstellung, auch mit Blick auf die Interaktion beider Parteien, verspielt der Autor aber zugunsten seiner "flinken Formel" vom "Vernichtungskrieg".


    Böhler hat sich also keine Mühe gemacht, das ganze Bild des Krieges in Polen zu zeigen. Er arbeitet einseitig und argumentiert tendenziös. Umso erstaunlicher, daß die deutsche Bundeszentrale für politische Bildung das Buch und die Ausstellung mit hohen Summen von Steuergeldern subventioniert. Doch vermutlich geht es auch weniger um die historische Wahrheit, sondern wieder mal um eine zielgerichtete Propaganda zur erwünschten "Volkspädagogik".


    Beste Grüße, Bodo

    Hallo Anna,


    ich habe auf meiner Festplatte das Foto eines Nebelwerfers mit Soldaten in Rußland gefunden. Leider ohne Regimentsbezeichnung. Nicht auszuschließen, daß er zu dem von dir gesuchten Regiment 52 gehören könnte.


    Ein anderes Bild zeigt eine Traueranzeige für einen Funker des Nebelwerfer-Regiments 55, der 1943 in Rußland gefallen ist. Interessant finde ich den Hinweis der Angehörigen, er habe sein Leben für seine Freunde gegeben. Vermutlich sind damit seine Kameraden gemeint.
    Die Anzeige insgesamt mit christlichem Bezug.


    Beide Fotos wurden vor längerer Zeit im Internet verkauft, daher auch der "Kopierschutz" des Verkäufers auf der Traueranzeige.
    Ich hoffe, die Bilder finden dein Interesse.


    Beste Grüße, Bodo

    Hallo,


    zum Einsatz der Katjuscha in Stalingrad 1942 und der Frage, welche vernichtende Wirkung sie hatte, hier noch ein Zitat aus dem im Forum immer wieder gelobten Werk von Günter K. Koschorrek, „Vergiss die Zeit der Dornen nicht. Ein Soldat der 24. Panzerdivision erlebt die sowjetische Front und den Kampf um Stalingrad“, S. 52-53:


    Quote

    Wir stehen auf einer kleinen Erhebung und können einen Teil der Stadt übersehen. Schwarzer Qualm und schwelende Brände. Wir spüren den heißen Atem von Stalingrad in der Luft. Ein schreckliches Schauspiel! […] Je weiter wir in die Stadt eindringen, desto dichter schlagen die Granaten bei uns ein. „Der übliche Abendsegen vom Iwan“, sagt der Sani. Es soll belustigt klingen, aber es gelingt ihm nicht. Er sitzt, wie ich, geduckt auf einigen Munitionskisten. Ich spüre, wie mir das Herz bis in den Hals hinein hämmert – Angst steigt in mir auf. Da ist in der Luft ein neues Geräusch – es hört sich an wie das Rauschen von tausend Flügeln. Es verstärkt sich und kommt genau auf uns zu. „Raus! Die Stalinorgel!“ brüllt der Sani. Wir springen aus dem Wagen unter eine ausgebrannte Zugmaschine. Das Rauschen schwillt an, und dann prasseln die Explosionen vor und neben uns, wie bei einem Feuerwerk. Ein handgroßes Stück, das wie verbogenes Blech aussieht, surrt mir am Kopf vorbei und schlägt neben Küpper in den Boden. „Schwein gehabt“, sagt der Sani. Hinter uns hören wir Schreie und Rufe nach dem Sanitäter. “Es muß einige von der Flakstellung erwischt haben, an der wir vorbeigefahren sind“, sagt Unteroffizier Winter, der in ein Loch gesprungen war. „Los, machen wir, daß wir weiterkommen.“ Wir sitzen wieder auf. Der Sanitätsgefreite sagt, daß die Stalinorgel ein ganz primitiver Raketenwerfer sei, der auf einem offenen Lkw montiert ist. Die Raketen werden einfach auf Schienen gesteckt und elektrisch gezündet. Treffsicher sind sie nicht, dafür kann der Iwan aber mit diesen Stalinorgeln gleichzeitig ein großes Terrain beharken, und wehe, wer sich darin ohne Deckung befindet.


    Vielleicht kann der Auszug, wie auch die anderen Zitate vorher, die tatsächliche Wirkung der Stalinorgel (bei mangelhafter Deckung der beschossenen Soldaten) deutlich machen.


    Gruß, Bodo

    Hallo,


    ich wollte noch anmerken, daß die 707. Infanteriedivision in der Wehrmachtsforschung als äußerst „berüchtigte“ Einheit gilt. Die erste sogenannte "Wehrmachtsausstellung" des Hamburger Reemtsma-Instituts präsentierte sie 1995 als Beleg für ein angebliches „Judenmordprogramm“ der Wehrmacht.
    Der Historiker Peter Lieb hat dazu 2002 einen interessanten Aufsatz in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte veröffentlicht:
    ("Täter aus Überzeugung? Oberst Carl von Andrian und die Judenmorde der 707. Infanteriedivision 1941/42").


    Den Artikel kam man auf der Seite des Instituts herunterladen:


    http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2002_4.pdf


    Als grundlegende Quelle wertete Lieb das private Tagebuch von Oberst Carl von Andrian aus, der das Infanterieregiment 747 der 707. ID bis 1943 kommandierte. Lieb konnte danach die meisten Vorwürfe der Ausstellungsmacher widerlegen, denn sie waren in Bezug auf die Wehrmacht insgesamt entweder stark übertrieben oder sogar schlichtweg falsch. Daß der erste Ausstellungsleiter nicht davor zurückschreckte, neben Bildern auch Ermittlungsakten der Ludwigsburger Staatsanwaltschaft verfälscht zu präsentieren, kann man hier nachlesen:


    http://www.focus.de/politik/de…ustration_aid_163935.html



    Auch Christian Gerlach kam bereits 1999 in seiner Dissertation „Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 bis 1944“ zu ähnlichen Ergebnissen wie Lieb.
    Dazu ein Auszug aus der Rezension des ungarischen Historikers KRISZTIÁN UNGVÁRY:


    Quote

    Gerlach relativiert das Bild von einer entfesselten Kriegführung der Fronttruppe gegen alles Lebende. Er hebt hervor, dass Fronteinheiten selten Zivilisten ermordeten und dass die meisten solcher Morde auf das Konto einer einzigen Einheit gingen, der 707. Infanteriedivision, deren Befehlshaber selbständig über das Morden entschied. Es zeugt von Offenheit und Pluralismus des Hamburger Instituts für Sozialforschung, dass es ein Buch herausgegeben hat, das die Thesen seines größten Öffentlichkeitsprojekts - die so genannte Wehrmachtausstellung - sanft, aber klar widerlegt. In 18 Fußnoten werden Fehldeutungen und Irrtümer von Hannes Heer über "die Mordorganisation Wehrmacht" zurückgewiesen. Die einfachen Soldaten waren nicht von NS-Ideologie verblendete bestialische Mörder.


    Die ganze Rezension ist zu finden unter


    http://www.faz.net/s/RubA330E54C3C12410780B68403A11F948B/Doc~E6C18B038FDC642A8BE2BBD0D14665854~ATpl~Ecommon~Scontent.html


    Trotz der unrühmlichen Rolle, die die 707. ID im beginnenden Holocaust spielte, gibt es vielleicht einen Trost für den Themenstarter Flo_S:
    die in der Forschung dokumentierten Verbrechen der Division wurden fast ausschließlich vom Nachbarregiment 727 unter Oberstleutnant d.R. Pausinger begangen. Als ehrgeiziges NSDAP-Mitglied wollte sich Pausinger mit der aktiven Teilnahme an den Massenmorden, die Himmlers Sicherheitspolizei an der jüdischen Bevölkerung verübte, bei seinen Genossen offenbar für die aktive Offizierslaufbahn empfehlen.


    Gruß, Bodo

    Hallo allerseits,


    zu den Aktivitäten des "Nationalkomitees" bzw. der "Seydlitz-Leute" gegen die deutsche Wehrmacht habe ich einen interessanten Hinweis bei Rolf Hinze entdeckt. In der Einleitung zu seinem Standardwerk "Ostfrontdrama 1944. Rückzugskämpfe der Heeresgruppe Mitte" beschreibt er die Einstellung der Truppe zu den für Stalin tätigen deutschen Soldaten.


    Laut Hinze hatte die Truppe nicht damit gerechnet, daß sich ehemalige deutsche Soldaten, also Kriegsgefangene, zum militärischen Einsatz gegen deutsche Truppen bereitfinden könnten. Bereits 1943 sollen deutsche Gefangene - in sowjetischen Uniformen - im Kampfeinsatz gegen die früheren Kameraden gewesen sein:


    Quote

    Von dem Einsatz solcher Personen, etwa gegen die in Welikije-Luki Ende 1943 eingeschlossenen Truppen, wußte man damals [im Sommer 1944] noch nichts. Diese Leute kämpften in sowjetischen Uniformen. Die Sowjets sahen im Einsatz Deutscher gegen Deutsche an solcher Stelle keine Gefahr, weil niemand entkommen konnte. Diese Sicherheit bot der Einsatz gegen die deutsche HKL bis dahin nicht.


    Offenbar waren Stalin und seine Schergen weiterhin mißtrauisch (vgl. das Schicksal der kollektiv deportierten Wolga-Deutschen) und setzten kampfwillige Deutsche nur bei Kesselschlachten ein. Der "Sack" war ja bereits von Rotarmisten zugemacht worden und ein erneutes Überlaufen daher unwahrscheinlich.


    Desweiteren schildert Hinze den Einsatz von Seydlitz-Leuten zur Vernichtung von versprengten Einheiten der Heeresgruppe Mitte im Sommer 1944. Unzählige Gruppen von versprengten Soldaten und Rückkämpfern wurden durch Seydlitz-Männer in Hinterhalte der Stalin-Partisanen oder Ansammlungen der Roten Armee gelockt. Dies kam in der Regel einem Todesurteil gleich. Grausame Morde folgten, denn meist galten den Partisanen ja Pistolenkugeln für deutsche Gefangene (und einheimische Stalin-Gegner) als bloße Verschwendung.


    Immerhin bemerkenswert, daß viele Rückkämpfer, die erfolgreich entkamen, von der uneigennützigen Hilfe der weißrussischen und polnischen Zivilbevölkerung berichteten (siehe z.B. Hinze, Rückkämpferberichte 1944)


    Kleine Anmerkung dazu: Eine Gruppe von 30 Flaksoldaten aus dem Stab/Flak-Regiment 101 unter Führung eines Leutnants (der Regiments-Adjutant) konnte nach wochenlanger Flucht nur zu den eigenen Linien gelangen, weil eine beim Stab angestellte russische Frau stets den günstigsten Weg auskundschaftete. Und natürlich die immer wieder als vermeintliche "Helfer" oder befehlsgebende Stabsoffiziere auftretenden Seydlitz-Leute ignorierte! Wie bereits vorher geschildert wurde, fielen diese oft durch adrette Uniformen und glattrasierte Gesichter auf.


    Die restlichen 120 Soldaten des Regiments, das mit den unterstellten Flak-Abteilungen beim XXXV. A.K. bei Rogatschew im Erdkampf eingesetzt war, blieben mitsamt ihrem Kommandeur verschollen.
    Quelle: Bericht meines Vaters, der Bobruisk noch kurz vor der Einschließung durch die Rote Armee verlassen konnte.


    Gruß, Bodo

    Hallo Micha,


    herzlichen Dank für den Auszug aus der Truppengeschichte von Wolfgang Paul. Ich hatte auf eine Stellungnahme von dir gehofft, da ich das Buch selbst nicht besitze. ;)


    Auch bei Rolf Stoves, Die gepanzerten und motorisierten deutschen Großverbände, findet sich nichts über mögliche technische Probleme der Tauchpanzer.


    Da die 18. Pz.D. demnach ausscheidet, bliebe als letzte Möglichkeit wohl nur die 17. Pz.D. Die Operationen ihrer Tauchpanzer erwähnt Guderian in seinen Erinnerungen eines Soldaten jedoch gar nicht. Er traf wohl erst nach 8 Uhr morgens bei deren Gefechtsstand ein, nachdem er von der 18. Pz.D. dorthin gefahren war.


    Mein Vater war mit seiner Flak-Abteilung II./11 zunächst beim XXIV. Pz.K. (1. KD.) unterstellt, bekämpfte russische MG-Nester beim Bug-Übergang und wechselte nach dem Erreichen von Pinsk zwischenzeitlich zum XXXXVII. Pz.K., zu dem ja auch die 17. und 18. Pz.D. gehörten. Irgendwann in den ersten Tagen hat er dann von mindenstens einem Unfall eines Tauchpanzers gehört.


    Den einzigen weiteren (zugegeben schwachen) Hinweis auf eine Fehlfunktion habe ich in dem Buch Kampf und Untergang der deutschen Panzertruppe von Horst Scheibert gefunden. In einer Bildunterschrift auf Seite 82 heißt es:


    Quote

    Pioniere helfen immer dort, wo Panzer nicht mehr die Flußläufe durchwaten können. Ein Tiefwaten wurde mit geringem Erfolg nur einmal zu Beginn des Feldzuges am Bug vorgenommen.


    Nochmals Danke und Gruß, Bodo

    Hallo zusammen,


    auch der Deutschlandfunk (DLF) hat am Montag im Literaturmagazin "Andruck" das Buch von Raffael Scheck wohlwollend renzensiert. In diesem Zusammenhang möchte ich euch auf eine weitere, sehr interessante Rezension des renommierten Militärhistorikers Winfried Heinemann hinweisen.


    Laut Heinemann ist die genaue Zahl der Mordopfer unter den afrikanischen Gefallenen sehr ungewiß. Offenbar ging Scheck in der französischen Ausgabe davon aus, dass man von gesicherten "mehreren hundert" von deutschen Soldaten ermordeten Afrikanern sprechen kann. Auch ohne die von anderen Rezensenten als Schätzwert genannten tausenden Opfer wahrlich bereits schlimm genug! So schreibt Heinemann:



    Quote

    Mehrere hundert schwarze französische Soldaten sind beim deutschen Angriff auf Frankreich im Mai und Juni 1940 ermordet worden. Scheck listet die bekannt gewordenen Vorkommnisse auf: mal hat die Wehrmacht gleich keine schwarzen Gefangenen gemacht, mal wurden schwarze tirailleurs sofort nach der Gefangennahme erschossen, mal wurden sie erst später von ihren weißen Kameraden getrennt, abgeführt und an einem Massengrab erschossen. Scheck weiß darum, dass im Einzelfall manchmal schwer zu klären ist, wer genau Opfer eines Kriegsverbrechens geworden ist, und wer bei Gefechten zu Tode kam; die Grenze ist fließend. Aber wie er aufzeigt, ist für die meisten Fälle sehr wohl belegbar, dass die Tötung der Haager Landkriegsordnung zuwiderlief.


    Diese Einschätzung Heinemanns erscheint auch mir sehr plausibel. Dass Scheck (in der hier rezensierten französischen Ausgabe) sehr wohl differenziert urteilt, kommt in den Rezensionen der deutschen Medien aber eindeutig zu kurz. Denn Heinemann lobt gerade auch diesen Aspekt des Buches:



    Quote

    Aber auch hier differenziert Scheck: nicht alle Deutschen waren so. Andere haben farbige Verwundete versorgt, haben Mordaktionen verhindert – bis hin zu jenem deutschen Divisionskommandeur, der äußerte, am liebsten würde er die »Neger« alle an die Wand stellen lassen, aber leider lasse das Kriegsrecht das nicht zu. Den Davongekommenen wird es letztlich gleichgültig gewesen sein, aus welcher Motivation heraus der General ihre Ermordung verhindert hat.


    Die erhellende Rezension von Winfried Heinemann findet ihr unter:


    http://www.perspectivia.net/co…009-1/ZG/Scheck_Heinemann


    Könntet ihr euch vorstellen, dass die deutsche Ausgabe des Buches vom Autor womöglich weniger differenziert verfasst wurde?  :(


    Beste Grüße, Bodo

    Hallo Vladimir,


    danke für den Hinweis!
    Jetzt kann ich mir wenigstens vorstellen, woher dieses Gerücht ursprünglich stammt. Anscheinend wurde in der DDR nicht nur offiziell, sondern auch privat sehr viel Unsinn über den Zweiten Weltkrieg verbreitet.


    Das hat aber Folgen für unser heutiges Geschichtsbild. Vielleicht kennst du noch nicht den interessanten Aufsatz von Antony Beevor (einem bekannten englischen Militärhistoriker, Autor von "Stalingrad" und "Berlin 1945") von 2002? Es ging dabei um einen "geläuterten" Vorzeige-Veteranen der Wehrmacht in der DDR, Heinrich Graf von Einsiedl, nach 1990 Funktionär der SED/PDS.
    Beevor schreibt:

    Quote

    Einmal, nach einer Vorlesung über Stalingrad, zu der man mich nach Deutschland eingeladen hatte, kam eine junge Frau zu mir ans Podium; sie wolle, so sagte sie, über die Schuld ihres Landes an Kriegsverbrechen in der Sowjetunion sprechen. Ihr Vater sei Offizier in der Panzerdivision Wiener Neustadt gewesen, habe aber später seine Rolle in der Wehrmacht zutiefst bereut. Er sei dann auch persönlich befreundet gewesen mit dem wohl umstrittensten "Büßer", Graf von Einsiedl. Einsiedl habe ihr, so erzählte mir die Frau, versichert, alle in der Wehrmacht hätten von Anfang an über die Verbrechen in der Sowjetunion gewusst. Dies musste sie mithin für wahr annehmen - obwohl doch Einsiedl selbst in seinen Memoiren gesteht, er habe durchaus nicht klar gesehen in dieser Frage bis zu seinem Damaskus-Erlebnis im Herbst 1942 - also lange nach der schlimmsten Phase der Ausschreitungen im ersten Jahr nach der Invasion der Sowjetunion.
    Ich erwähne dies nur als ein Beispiel, wie leicht sich aus der Retrospektive moralisch urteilen lässt, gerade auch dann, wenn man sich an die eigene nationale Brust schlägt. Weitaus schwieriger - und wichtiger - scheint mir dagegen, sich immer wieder und zuallererst Klarheit zu verschaffen über die Mentalitäten und den Kontext der Zeit, die zu solchen Gräueln geführt haben.



    Am Beispiel des inzwischen verstorbenen Grafen Einsiedl zeigt sich also die Tendenz, die eigene "echte" Erinnerung zu verfälschen und diese dann politisch, zeitgeistkonform zu instrumentalisieren. Den ganzen Artikel - auch über die Rolle der Roten Armee und das Gedenken an den Krieg in Russland - findest du unter:


    http://www.welt.de/print-welt/…er_wieder_Geschichte.html


    Doch leider hat offenbar kein Forums-Experte etwas über die mutmaßlich defekten Tauchpanzer der 18. Pz.Div. gelesen.


    Beste Grüße,
    Bodo

    Hallo allerseits,


    nachdem ich die Themen und Diskussionen im Forum interessiert verfolgt habe, möchte ich selbst einmal eine Frage loswerden.


    Bei einem Gespräch mit einem pensionierten DDR-Geschichtslehrer ging es um die Behandlung von deutschen und sowjetischen Soldaten durch ihre vorgesetzten Offiziere. Der DDR-Pädagoge behauptete dabei, dass die Wehrmacht zu Beginn des Angriffs auf die Rote Armee am 22. 6. 1941 absichtlich einige Tauchpanzer (mit Besatzung) im Bug versenkt hätte, um dort schneller Brücken bauen zu können. Von diesem kaltblütigen Mord habe ihm ein Soldat aus Guderians Stab (Pz.Gruppe 2) nach dem Krieg erzählt.
    Macht diese Behauptung pioniertechnisch überhaupt Sinn? ?(


    Mein Vater, der als Flaksoldat ebenfalls Angriff, Vormarsch und Rückzug der Pz.Gruppe 2 mitgemacht hat, lehnt diese Interpretation jedenfalls strikt ab. Er erinnert sich jedoch, dass in der Truppe von einigen Tauchpanzer-Unfällen bei der 18. Panzer-Division berichtet wurde. Im LdW und im Forum habe ich aber nichts dazu gefunden. Nur hier ging es allgemein um die Gliederung der 18. Pz.Div.:
    http://www.forum-der-wehrmacht…=2264&hilight=Tauchpanzer


    Für Hinweise auf Literatur oder Links wäre ich euch sehr dankbar.


    Beste Grüße, Bodo