Posts by Bodo Franks

    Hallo,


    ich kann Andreas nur zustimmen. Die Wehrmacht hat bestimmt nicht wahllos irgendwelche "Landeseinwohner" zusammengetrieben, um sie in Minenfelder zu jagen.
    Nichts gegen die deutschen KTB-Schreiber, aber diese waren normalerweise etwas weiter hinten und daher selten Augenzeugen der geschilderten Ereignisse.
    Hier konnten sich leicht ungenaue Formulierungen einschleichen.
    Um das ganze als systematisches deutsches Kriegsverbrechen darzustellen (wie bei Wikipedia) hätte ich gerne mehr Beweise gesehen.


    Quote

    Original von Denys
    Hallo Zusammen,
    auch von der 4. Panzerdivision gibt es zu dem Thema folgendes:


    "Berichtet wird von einem Bataillons-Komandeur der 4. PzDiv. der im Winter 41/42 "unter beträchtlichen Verlusten" ein Dorf eingenommen und bei der Fortsetzung seines Angriffs "die russische Bevölkerung über die Minen getrieben" habe. Er begründete das so: "Ich habe soviele gute Burschen verloren, daß ich einfach nicht die Verantwortung gegenüber den deutschen Müttern und Vätern übernehmen kann, meine Männer durch diese Minen zu schicken" ...
    Quelle: Wehrmacht im Ostkrieg v. Christian Hartmann S. 224 bzw. Neitzel, "Abgehört" S. 315-319 (Seite 318).


    Der zitierte Erzähler ist Oberst (später General) Heinrich Eberbach, und er berichtet über ein Kradschützen-Bataillon im Kampfeinsatz.
    Ich habe schon mehrmals über Kriegsverbrechen von Kradschützen an der Ostfront gelesen, meist nach Kämpfen gegen bewaffnete Zivilisten, vielleicht waren die Täter Mitglied im NSKK.


    Andererseits sagt Eberbach auch, dass das betreffende "Krad-Bataillon" nur noch aus Resten einer kleinen Kampfgruppe bestand und gegen einen Feind kämpfte,
    "dessen Verhalten unmenschlich war". Die durch Minen getötete Bevölkerung bestand aus 21 russischen Männern. Eberbach konnte sich nicht dazu durchringen, ein Kriegsgerichtsverfahren gegen den Kommandeur einzuleiten, was ansonsten aber üblich gewesen wäre!
    (Sönke Neitzel, Abgehört. Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft 1942-1945, S. 318).


    Generell gab es für fast alle Verbrechen von deutscher Seite auch entsprechende Untaten der sowjetischen Kriegsgegner. Manche NS-gläubigen Wehrmachtsoffiziere haben sich dann wohl den unmenschlichen Praktiken des kommunistischen Gegners angepaßt. Zumindest zeitweise. Auf sowjetischer Seite war es schon seit dem russischen Bürgerkrieg üblich, weder die eigenen Soldaten noch die eigenen Zivilisten zu schonen:


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    "Hitler war schlecht beraten, Krieg gegen ein Regime zu führen, dem die Massengewalt zur zweiten Natur geworden war und dessen Soldaten mit dieser Gewalt umzugehen verstanden. Gegen einen solchen Gegner konnte die Wehrmacht auf Dauer nicht Sieger bleiben."
    (Jörg Baberowski, Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt, München 2012, S. 403.) Link zur Rezension


    Der US-General und spätere Präsident Dwight D. Eisenhower wunderte sich in seinem Erinnerungsbuch „Crusade in Europe“ über eine nach westlichen Maßstäben barbarisch anmutende sowjetische Praxis, Tausende Rotarmisten einfach durch deutsche Minenfelder stürmen und sterben zu lassen. Beim Gespräch mit dem sowjetischen Marschall Georgij Schukow wollte Eisenhower wissen, wie denn die Rote Armee die gefährlichen deutschen Minenfelder beseitigen würde.


    Schukow antwortete, man lasse einfach die eigene Infanterie in breiter Front hineinlaufen, denn die durch die Soldaten ausgelösten Detonationen machten eine Räumung der Personenminen überflüssig. Erst wenn die Überlebenden das Ende des Feldes erreichten, kamen die Spezialisten für die größeren Minen zum Einsatz. Laut Schukow sei dieses inhumane Vorgehen für die Rote Armee kaum verlustreicher gewesen, als einer ihrer üblichen Frontalangriffe auf verteidigte deutsche Stellungen:


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    "Marshal Zhukov gave me a-matter-of-fact statement of his practice, which was, roughly: "There are two kinds of mines; one is the personnel mine and the other is the the [sic!] vehicular mine. When we come to a mine field our infantry attacks exactly as if it were not there. The losses we get from personnel mines we consider only equal to those we would have got from machine guns and artillery if the Germans had chosen to defend that particular area with strong bodies of troops instead of with mine fields.


    The attacking infantry does not set off the vehicular mines, so after they have penetrated to the far side of the field they form a bridgehead, after which the engineers come up and dig out channels through which our vehicles can go.""
    (Dwight D. Eisenhower, Crusade in Europe, Melbourne, London, Toronto 1949, S. 510-511.)


    Wenn die Rote Armee schon das Leben der eigenen Soldaten in Minenfeldern opferte, konnten natürlich "verdächtige" Zivilisten ebenfalls leicht zu Opfern dieser verbrecherischen Praxis werden.
    Die deutschen Truppen beobachteten solches Vorgehen der Roten Armee bereits ganz zu Anfang des Krieges:


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    Im "Juni 1941... beobachtete man in derselben Division (296. ID), wie "ein Haufen von 50 [sowjetischen] Zivilgefangenen [...] durch die russischen und eigenen Minenfelder" getrieben wurden. "In beiden Minenfeldern gingen", so das lakonische Fazit des Berichts, "Minen hoch".


    Am 18. 8. 1941 schrieb ein Soldat der Division u.a.: "Heute Nacht schickten sie [die Russen] Spähtrupps gegen unsere Linie, die je einen Zivilisten vor sich hertrieben. Diese traten auch prompt auf unsere Minen und flogen in die Luft. Dadurch erfuhren sie, wo Minenfelder liegen u. bewahrten sich dadurch vor Verlusten."
    (Christian Hartmann, Wehrmacht im Ostkrieg, S. 547-548, Anm. 205.)


    Wenn einzelne Wehrmachtseinheiten später solche verbrecherischen Aktionen durchführten, handelten sie vermutlich nach sowjetischem Vorbild. Die Wehrmacht hat sich also im Ostkrieg partiell dem sowjetrussischen Vorgehen angepaßt. An der Westfront war so etwas kaum vorstellbar:


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    Die Massengewalt im Stalinismus war, so Jörg Baberowski, kein Betriebsunfall auf dem Weg zu einer angeblich besseren Welt. Sie war der eigentliche und strukturelle Kern von Stalins Diktatur. Zugleich war diese Gewaltherrschaft aus Baberowskis Sicht singulär.
    Sie wurde demnach nicht durch den Nationalsozialismus beeinflusst oder mehr noch radikalisiert, wie der amerikanische Historiker Timothy Snyder in seinem viel beachteten Buch "Bloodlands" argumentiert, in Anlehnung an eine Grundfrage des Historikerstreits von 1986: die Vergleichbarkeit der beiden großen Diktaturen.


    Quelle: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/andruck/1676670/


    Grüße,
    Bodo

    Guten Morgen,


    zur ersten Schweizer Ärztemission ist ein interessantes Tagebuch veröffentlicht worden. Es stammt vom ärztlichen Teilnehmer der Mission Ernst Gerber und ist 2002 im Wünsche-Verlag Berlin erschienen:


    Im Dienst des Roten Kreuzes. Schweizer Ärztemissionen im II. Weltkrieg - Ein Tagebuch 1941/1942 Reinhold Busch (Herausgeber), Ernst Gerber (Autor).


    Das Buch ist jedenfalls sehr interessant und orientiert sich eng an den Erlebnissen des Autors (leider fehlen bei meinem Exemplar die Seiten 31-38 :(


    Der Film von Monsieur Gonseth lief im Mai 2006 übrigens im ZDF, aber unter dem Titel Mission des Grauens. Ich fand ihn damals zu einseitig und pauschal gegen die Wehrmacht ausgerichtet, weil z.B. behauptet wurde, weder Deutsche noch Schweizer hätten sowjetische Verwundete behandeln dürfen. Und das, wo Wehrmachtsärzte sich doch immer wieder aufopfernd um russische Verwundete gekümmert haben, sogar unter Lebensgefahr in Minenfeldern.


    Stalins Befehle, z.B. alle Lebensmittel in den besetzten Gebieten und alle sowjetischen Kriegsgefangenen in deutscher Hand "mit allen Boden- und Luftmitteln zu vernichten", bleiben im Film natürlich unerwähnt. Hungeropfer werden allein der Wehrmacht angelastet.


    Die Zeitzeugenberichte im Film waren aber meist sehr aufschlußreich, obwohl es den Filmemachern (in Erinnerung an Rudolf Bucher) besonders um die Warnung vor Schweizer Neu- und Altnazis ging, vgl. z.B. hier die geschickte Verbindung von Geschichte und Politik:


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    Ein weiterer freier Mitarbeiter der „Schweizerischen Monatshefte“ war Eduard Blocher, Christoph Blochers Grossvater, ein anderer Mitbegründer des „Volksbunds für die Unabhängigkeit der Schweiz“, von Beruf Pfarrer, und zwar bei der Fremdenlegion und in der psychiatrischen Klinik Burghölzli. „Hintermänner wie Eugen Bircher warfen die Rassenfrage in die Diskussion“, bemerkt Glaus (S. 25) zu einem weiteren Mitglied des in den damaligen „Schweizer Monatsheften“ schreibenden rechtsextremen Klüngels.


    Der Aargauer Chirurg und „Eugeniker“ Eugen Bircher, wie Ulrich Wille jun. einer der hohen nazifreundlichen Kader der damaligen Schweizer Armee, führte im zweiten Weltkrieg die sogenannte „Ärztemission“ schweizerischer Sanitätstruppen an der deutsch-russischen Front. Sie waren dem Befehl der Wehrmacht unterstellt und durften nur deutsche Verwundete pflegen; ihre Mitglieder wurden Zeugen von Geiselerschiessungen durch die Wehrmacht. Einige der Ärzte und Krankenschwestern dieser „Mission“ waren keineswegs nazifreundlich. Sie realisierten die verbrecherische Art der Kriegführung durch die Wehrmacht und erfuhren auch von der Judenvernichtung in den Konzentrationslagern.
    (Vgl. dazu, insbesondere auch zum nazimässigen Auftreten von Oberstdivisionär Eugen Bircher, den Augenzeugenbericht von Rudolf Bucher "Zwischen Verrat und Menschlichkeit. Erlebnisse eines Schweizer Arztes an der deutsch-russischen Front 1941/42", Zürich 1967, sowie den Dokumentarfilm von Frédéric Gonseth, 2003: Mission en enfer)


    Quelle: http://www.thata.ch/schweizerm…efteundverdingkinder.html


    Das Buch von Rudolf Bucher (http://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Bucher_(Arzt)) habe ich ebenfalls, es widmet sich vor allem dem Kampf gegen damalige Nazi-Sympathisanten in der Schweiz und auf der Ärztemission in Russland. Seit 1943 hielt er darüber Vorträge, die von der Schweizer Regierung nicht gern gesehen wurden.


    Gruß
    Bodo

    Hallo,


    habe gerade noch etwas Interessantes zum Thema Flak als bessere Feldartillerie gefunden.
    Das Buch stammt von Rolf Zick, einem ehemaligen Batteriechef der schweren Flak bei der Luftwaffe (10,5cm- und 8,8cm-Batterie). Er war erst in der Heimat-Luftverteidigung, später dann noch im Ostfront-Einsatz.



    Leider hat Herr Zick nicht erwähnt, wie entscheidend der Entfernungsmesser der Flak war. Jeder Geschützführer benutzte ihn, um die genauen Messwerte bis zum Ziel anzusagen. Bei einer Flucht aus der Stellung musste der Entfernungsmesser unbedingt mitgenommen werden. Das war Befehl von oben.


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    Original von Marc_Webber
    Wenn mit einer FlaK ein Bodenziel, wie z.B. Panzer bekämpft wird, wird die Waffe, weil ihr die Verankerung fehlte also nach dem Schuss zurückweichen. Es musste also vor dem Schuss eine feste Verankerung der Waffe mit dem Boden hergestellt werden, damit die Horizontalkomponente des Rückstoßes abgefangen werden konnte. Ich bezweifele, dass die Lagerung des Azimutwinkels, also des Drehkranzes für derart hohe Horizontalkräfte auf Dauer ausgelegt war.


    Das spielte keine Rolle, denn der Geschützsockel stand meist sehr stabil auf dem Boden. Den Flakkanonieren war dagegen bekannt, dass das Feuern vom Fahrgestell aus (natürlich gegen Erdziele) letzterem schwer schaden konnte. Das wurde darum nur im Notfall gemacht, z.B. bei Rückzugs- oder Angriffsgefechten. Daher kommt wohl die Bezeichnung "Sturmflak".


    Nach meinen Informationen hat die schwere deutsche Flak an der Ostfront spätestens seit Mitte 1944 fast nur noch auf Erdziele gefeuert. Grund war wohl der allgemeine Munitionsmangel. Auch die deutsche Heeres-Artillerie konnte ja nicht mehr ausreichend Granaten vorhalten.

    Gruß,
    Bodo

    Hallo,


    hier noch ein später Programmhinweis für DAS ERSTE (ARD):


    Mo, 27.08.12 | 23:30 Uhr
    Geschichte im Ersten: Intim mit dem Feind


    Alltag im besetzten Frankreich
    Film von Isabelle Clarke und Daniel Costelle


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    14. Juni 1940: Die deutsche Wehrmacht marschiert in Paris ein. Mehr als vier Jahre lang wird Frankreich ein besetztes Land sein - zunächst nur zum Teil, später vollständig. Doch während der dunklen Besatzungszeit geht das Alltagsleben weiter - mit Ausgangsperren, Lebensmittelrationierungen, Kriegsgefangenschaft, Terror und Deportationen, mit der Erniedrigung der Zivilbevölkerung, mit Widerstand, Sabotage, Denunziation und Kollaboration. Die deutsche Propaganda biedert sich zunächst mit dem Versuch an, sich als Kulturnation in einer anderen Kulturnation zu präsentieren. In Wirklichkeit aber wird Frankreich nach und nach systematisch ausgeplündert. Vertrauen entsteht nicht, doch man lernt miteinander auszukommen, auf den unterschiedlichsten Ebenen des Zusammenlebens - bis hin zur intimen Begegnung zwischen Männern und Frauen, zu Liebesbeziehungen zwischen Besatzern und Besetzten. Am Ende werden etwa 200.000 Kinder aus solchen Beziehungen hervorgegangen sein, Kinder deren Väter verschwunden sind und deren Mütter von der Resistance kahlgeschoren und gebrandmarkt werden. Neben Kummer, Not und Elend existiert aber auch die andere Seite des Alltags unter deutscher Besatzung: das flirrende Pariser Nachtleben, die Publikumserfolge des französischen Kinos, Theaters und Musiklebens und ... des Schwarzmarkts. Es ist eine widersprüchliche Zeit, an die sich niemand gern erinnert, die dennoch Spuren hinterlassen hat - und Filmdokumente. Mit Hilfe von noch nie gezeigten Amateurfilmen, Fotos, persönlichen Erinnerungen, Tagebüchern und Liedern aus jener Zeit rekonstruiert die Dokumentation das alltägliche Leben in Frankreich unter deutscher Besetzung...


    Grüße,
    Bodo


    toten Link gelöscht; kkn

    Hallo und guten Morgen,


    ich habe zu dem Thema mehrere wissenschaftliche Hinweise gefunden.
    Da ist zunächst ein ARD-Fernsehinterview mit Antony Beevor von 2010. Darin urteilt er offenbar härter über Greueltaten der eigenen Truppen als in seinem dort vorgestellten Buch:



    Desweiteren gibt es Hinweise in dem Artikel „Amerikanische Kriegsverbrechen nach der Landung in der Normandie“ von Ekkehard Zimmermann.
    Er befindet sich in dem Buch „Kriegsverbrechen in Europa und im Nahen Osten im 20. Jahrhundert“, herausgegeben von Franz W. Seidler und Alfred M. de Zayas, Hamburg u.a. 2002, S. 109-114.


    Auf der Seite 110 steht etwas über das 12. SS-Panzerregiment, das nach dem Lexikon der Wehrmacht zur 12. SS-Panzerdivision gehörte:


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    Der britische Feldmarschall Montgomery sagte dem Kommandeur des 12. SS-Panzerregiments Max Wünsche nach dessen Gefangennahme, dass zwar die Wehrmachtangehörigen gemäß der Genfer Konvention behandelt würden, nicht aber die SS-Soldaten, denn die seien politisches Ungeziefer und politischer Dreck. Dementsprechend wurden ungezählte Angehörige der Waffen-SS während oder nach der Gefangennahme erschossen.


    Die alliierten Truppen wollten also die Genfer Konvention zum Schutz der Kriegsgefangenen nicht für die Gefangenen der Waffen-SS gelten lassen.
    Aber auch viele Wehrmachtssoldaten erlitten das gleiche Schicksal. Das hat bereits in den 1980er Jahren Sir Max Hastings, der bekannte britische Militärhistoriker, in seinem Buch „Unternehmen Overlord“ sehr nüchtern beschrieben:


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    "Man hat viel über die Erschießung von Kriegsgefangenen - besonders Kanadiern - durch die 12. SS-Panzerdivision und andere deutsche Einheiten in der Normandie geredet. Aber es muß gesagt werden, daß die Propaganda das beiderseitige Schuldmaß verzerrt hat.
    Unter den Hunderten alliierter Zeugen, die für dieses Buch befragt worden sind, hatte fast jeder unmittelbare Kenntnis oder sogar persönliche Erlebnisse mit der Erschießung deutscher Kriegsgefangener während des Feldzugs.
    [...]
    Viele amerikanische und britische Einheiten erschossen SS-Gefangene routinemäßig, woraus sich nicht nur der fanatische Widerstand der SS, sondern auch die Tatsache erklärt, warum so wenige SS-Leute in Kriegsgefangenenlagern erschienen sind."


    (Max Hastings, Unternehmen Overlord. D-Day und die Invasion in der Normandie 1944, Wien 1985, S. 237.)


    US-General Patton und viele andere alliierte Offiziere nannten die ordentliche Gefangennahme deutscher Frontkämpfer sowieso "Wahnsinn". Die Ermordung konnte daher auch gefangene Wehrmachtssoldaten treffen, wenn sie bestimmten alliierten Einheiten in die Hände fielen, wie Hastings weiter schreibt:


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    "Aber obwohl es belegte Beispiele dafür gibt, daß SS-Einheiten ihre Gefangenen ermordeten, erscheint es im ganzen als zweifelhaft, ob dies von der einen Seite in größerem Stil getan wurde als von der anderen. Lieutenant Philip Reisler von der 2. US. Panzerdivision beobachtete, wie Infanteristen der 4. Division drei verwundete Deutsche achtlos erschossen.


    Einer seiner Offizierskameraden gab die in der Einheit vorherrschende Meinung wieder:
    "Alles, was ihr den Deutschen antut, ist okay, denn sie hätten schon in Afrika aufgeben sollen. All dies hier ist nur vergeudete Zeit.""


    (Max Hastings, Unternehmen Overlord. D-Day und die Invasion in der Normandie 1944, Wien 1985, S. 237.)


    Zuletzt sei mir noch diese Bemerkung gestattet: Die von Hastings geschilderte Meinung hat sich mittlerweile auch an deutschen Universitäten verbreitet, wie ich selbst leider feststellen musste. Beim Hinweis auf das Leiden deutscher Kriegsgefangener in Stalins Lagern meinten Hamburger Professoren, das seien doch eh alles Verbrecher gewesen, gerechte Strafe usw.
    Ob sie in ihrer wissenschaftlichen Weisheit noch nichts von der russischen Rehabilitierungskommission gehört hatten, die Tausende Unrechtsurteile gegen deutsche Soldaten aufgehoben hat?


    Gruß,
    Bodo

    Hallo,


    heute abend in der ARD ("DAS ERSTE") ein Beitrag im 68er Kulturmagazin TTT (TitelThesenTemperamente) über das angebliche "Todesspiel von Kiew".
    Am Pranger steht dabei seit langem die Flakelf der deutschen Luftwaffe, eine Auswahlmannschaft. Dieser Mythos der Stalinschen Kriegspropaganda soll nun, mit neuen Beweisen, endlich aufgedeckt werden:


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    "ttt - titel thesen temperamente" am 24. Juni 2012
    München (ots) -
    "ttt" kommt am Sonntag, 24. Juni, um 0.00 Uhr vom Mitteldeutschen Rundfunk und hat folgende Themen: Die Todeself von Kiew - ein Fußballspiel mitten im Krieg / Am 9. August 1942, mitten im Krieg, fand in der Ukraine ein Fußballspiel statt, das später als sogenanntes "Todesspiel" zur Legende werden sollte. Ein Team aus ukrainischen Arbeitern trat in Kiew gegen eine Mannschaft der Wehrmacht an. Was für die deutschen Besatzer ein glorreiches Prestigeduell werden sollte, geriet zum Desaster. Die Deutschen verließen den Platz als Verlierer. Daraufhin wurden die Spieler der ukrainischen Mannschaft verhaftet und starben in den Folterkellern der Gestapo.


    So in etwa lautet die Version, die zahlreiche Verfilmungen und Romane immer wieder neu erzählt haben. Doch Historiker fanden inzwischen heraus, dass die Geschichte um die "Todeself" eine von der stalinistischen Propaganda in die Welt gesetzte Legende ist, die die sowjetischen Helden heroisieren und die Deutschen dämonisieren sollte. Belegt ist nur, dass es das Spiel gab. Ein Zusammenhang zwischen dem Tod der Spieler und ihrem Sieg über die deutschen Fußballer scheint es nicht zu geben. Seit Juni ist in der Ukraine ein neuer russischer Spielfilm "Match" zu sehen, der die Geschichte weitererzählt. Was hat diese Legende jahrzehntelang so unzerstörbar gemacht. Wie geht man heute mit dem Mythos und seiner Revision um? "ttt" zeigt Ausschnitte aus den Verfilmungen, spricht mit Historikern und Zeitzeugen. Autor: Reinhold Jaretzky


    http://www.presseportal.de/pm/…peramente-am-24-juni-2012


    Vgl. dazu auch den aktuellen Beitrag in Wikipedia:


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    Historische Forschung
    1992 wurden einige der sowjetischen Akten zu den Vorgängen des Sommers 1942 in Kiew freigegeben. Historiker haben daraus entnommen, dass vier FC-Start-Spieler erst Monate später und aus anderen Gründen ermordet worden waren. Unter anderem wurde eine unveröffentlichte Fotografie entdeckt, die beide Mannschaften des „Todesspiels“ nach dem Spiel vereint lachend zeigt. Die Journalisten Tomma Schroeder und Florian Kellermann berichteten darüber 2006.
    ...
    Der ukrainische Autor Wolodymyr Prystajko stützte in seinem Buch „Gab es ein Todesspiel? – Dokumente zeugen“ (2006) die Annahme, dass nur die als NKWD-Angehörige verdächtigen Spieler von Dynamo Kiew verhaftet wurden. Der Sporthistoriker Wolodymyr Gynda fand 33 weitere Fußballspiele zwischen Ukrainern und Deutschen während des Krieges, in denen meist die Ukrainer siegten, ohne dass es negative Folgen für sie hatte.[11]


    Nach Recherchen der ukrainischen Historiker Maryna Krugliak und Wyktor Jakowenko bestätigte keiner der überlebenden Spieler des FC Start Todesdrohungen durch Deutsche vor oder während des Spiels. Nach Aussage des Mannschaftskapitäns sollen die Ukrainer im Hinspiel am 6. August 1942 ihrerseits brutal gespielt und einem Deutschen ein Knie gebrochen haben. Drei Spieler der Start-Elf sollen Gestapo-Spitzel gewesen sein.[4]


    http://de.wikipedia.org/wiki/Todeself


    Grüße,
    Bodo


    Hallo Thomas,


    mein Vater berichtet von regelmäßigen Einsätzen der 8,8 Flak als Artillerie an der Ostfront. Er war zwar bei der Luftwaffenflak, aber fast immer zur Unterstützung von Heereseinheiten eingesetzt. Seine 2cm Flak diente dabei im Flak-Kampftrupp als Nahdeckung (z.B. gegen Tiefflieger) für die schwerere 8,8.


    Das markanteste Beispiel, an das er sich erinnert, ist der Einsatz in Pillau im Frühjahr 1945. Der vorgeschobene Beobachter saß in Fischhausen an der Front, während die Flak-Abteilung (I./3) in Pillau stand und von dort die sowjetischen Stellungen als Artillerie bekämpfte. Seit Januar 1945 durfte die Abteilung übrigens die Bezeichnung "SturmFlak" führen.
    Als Munition wurden seines Wissens nach "normale" Sprenggranaten eingesetzt, wie bei der Luftabwehr, nur dass der Zeitzünder natürlich sehr präzise eingestellt werden musste. Der Beobachter hatte also eine große Verantwortung.


    Ich denke mal, für die Flak im Artillerieeinsatz sprach wohl die größere Beweglichkeit im Vergleich zur normalen Feldartillerie. Sie konnte schnell in Stellung gehen und bei Gefahr zügig wieder aufgeprotzt werden. In Doku-Filmen über die Belagerung von Stalingrad sieht man ja auch oft die deutsche 8,8 Flak beim indirekten Beschuss.


    Gruß,
    Bodo

    Hallo,


    ich kann Karls Schilderung nur zustimmen. Natürlich haben die Anglo-Amerikanischen Alliierten alles aus der Luft angegriffen, was sich in Deutschland öffentlich zeigte und auf Wegen und Straßen bewegte.
    Das nannte sich dann "Angriffe auf Verkehrsziele" des Feindes. Darunter konnte jeder Mensch in Deutschland fallen, egal ob Mann, Frau, Soldat, Zivilist, Arbeiter oder nur Schulkind.


    Das hat Jörg Friedrich in seinem Bestseller "Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1939-1945" bereits vor 10 Jahren aufgeschrieben (S. 149f.):


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    "Die Amerikaner, die noch zwei Jahre zuvor ihre "Präzisionsangriffe" nicht mit der britischen Brandstiftung verwechselt wissen wollten, hatten nun [1944] ein Heer im Feld. Seine Schonung ist eine Ethik für sich."


    Zur Vorgeschichte schreibt Friedrich, dass die US-Army-Airforce den Vormarsch eigener Bodentruppen in Europa unterstützen sollte. In der Normandie hatte Solly Zuckerman für die US-Luftwaffe dazu die "Verkehrsoffensive" ersonnen. Dabei wurden neben Zehntausenden deutschen Soldaten auch mindestens 70.000 zivile Franzosen und Belgier getötet.


    Vgl. dazu Ilja Trojanow in einem Artikel für die TAZ (Vorauseilende Ethik: Wenn Krieg geführt wird, geht die Gerechtigkeit sehr schnell verloren):


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    Insgesamt wurden im Sommer 1944 mehr französische Zivilisten (rund 70.000) durch Bomben der Alliierten getötet als britische Zivilisten durch deutsche Bomben (rund 50.000). Wie pervers klingt in diesem Zusammenhang der Begriff "friendly fire".
    http://www.taz.de/Kolumne/!35857/


    Der Schöpfer der US-Luftwaffe Billy Mitchell hatte die Brechung des zivilen Widerstandswillens als entscheidend genannt.
    US-General Spaatz hat "daraus den Tieffliegerangriff entwickelt", schreibt Jörg Friedrich, denn:


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    "Die Zivilbevölkerung wird sich ihrer Lage schneller bewußt, wenn Jagdbomber beliebige Fußgänger, Radfahrer, Bahnreisende, Bauern auf dem Acker unter MG-Beschuß nehmen. Diese als "strafing" vom Herbst 1944 bis Kriegsende geübte Praxis zählte gleichfalls zur Verkehrsoffensive, weil Zivilisten außer Hause zumeist unterwegs sind, in Fahrzeugen auf Straßen und Wegen."
    (Friedrich, Der Brand, Zitat S. 149.)


    Hier in Schleswig-Holstein z.B. haben englische Jagdflieger regelmäßig im Tiefflug Schulkinder auf dem Weg zur Dorfschule beschossen. Nur durch schnelle Deckung im Straßengraben konnten sie die Angriffe überleben. Das sei hier nur am Rande erwähnt.


    Jörg Friedrich zitiert dazu die kritischen Anmerkungen von US-Brigadegeneral Charles Cabell (Planungsdirektor im Luftwaffenstab):
    "this is the same old baby killing plan of the get-rich-quick psychological boys"
    (Zitiert nach Friedrich, Der Brand, S. 149).


    Gruß,
    Bodo

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    Original von juljka
    Na, nichts besonderes. Einer unserer Fernsehsender dreht einen Dokumentarfilm über den zweiten Weltkrieg. Und zu diesem Zweck brauchen sie deutsche Texte meist der Feldpostbriefe und Notizen in den Tagebüchern der Soldaten und Offiziere der Wehrmacht im Juni 1941. Diese Texte waren ursprünglich natürlich auf Deutsch, dann wurden sie ins Englische übersetzt und erst danach ins Russische. Die deutsche Variante sei nicht erhalten geblieben, so die Mitarbeiter des Fernsehsenders.


    Hallo,


    hat jemand vielleicht eine Idee, welche „Feldpostbriefe und Tagebuchnotizen deutscher Soldaten“ Julia gemeint hat, die nur in englischer und russischer Sprache verfügbar sind? Ich habe zumindest eine Vermutung. Ihre Beschreibung lässt eigentlich nur den Schluss zu, dass die angeblichen deutschen "Originalquellen" aus einem sowjetisch-englischen Propagandabuch von 1945 stammen:


    True To Type: A Selection from Letters and Diaries of German Soldiers and Civilians collected on the Soviet-German Front (London, New York, Melbourne and Sydney, 1945).


    Verzeichnet z.B. hier:
    http://www.amazon.co.uk/gp/pro…1304140448&sr=1-1&seller=


    Oder gibt es noch andere englischsprachige Fake-Quellen-Kandidaten, die für die Fernsehmacher in Belarus infrage kommen?


    Stalins Agenten hatten das englischsprachige Material für "True to Type" noch während des Krieges einem britischen Verleger übergeben. Der Inhalt spottet nahezu jeder Beschreibung. Viele der vorgetäuschten Niederschriften sind einfach nur grotesk, wenn man sie mit echten Briefen und Tagebüchern deutscher Soldaten vergleicht. Unter anderem bekommt dort auch Guderian sein Fett weg, vgl. z.B. eine "Tagebuchnotiz" von Pastor Sebacher, FP Nr. 14213 vom 22.06.41: "Our commander, General Guderian, expects to take Moscow in two weeks."
    (True To Type: A Selection from Letters and Diaries of German Soldiers and Civilians collected on the Soviet-German Front, S. 12).


    Selbst die unverbesserlichen Optimisten im Oberkommando der Wehrmacht rechneten mit einem Feldzug von 8-10 Wochen, um die von Hitler befohlene Linie Archangelsk-Astrachan zu erreichen (Guderian galt als viel pessimistischer und rechnete mit einem Zeitraum bis zum Frühjahr 1942, vgl. "Guderian, Erinnerungen eines Soldaten", S. 137). Also nix mit einer erwarteten Einnahme Moskaus innerhalb von zwei Wochen.
    Wie hätte das bei den wenigen brauchbaren Straßen überhaupt logistisch funktionieren sollen? ?(


    In Deutschland ist das dubiose Buch "True to Type" in den 1990er Jahren bekannt geworden, weil die Macher der 1. „Wehrmachtsausstellung“ daraus eine etwas eindrucksvollere Textkomposition verwendet haben. Es handelt sich um angebliche Auszüge aus dem "Tagebuch des Gefreiten Heidenreich". Wegen der Fälschungshinweise hatte die von Jan-Philipp Reemstma sorgfältig ausgewählte und bezahlte "Überprüfungskommission" seiner Ausstellung von der weiteren Verwendung des falschen Heidenreich-Tagebuchs abgeraten:


    Quote

    "Insbesondere die Verwendung des dem Gefreiten Heidenreich zugeschriebenen Tagebuchs bleibt umstritten. Wiewohl die Autoren inzwischen weitere Indizien vorgelegt haben, die aus ihrer (!) Sicht für die Authentizität der Quelle sprechen, sollte das Tagebuch nicht verwendet werden, solange das Original nicht aufgefunden ist."
    (Bericht der Kommission zur Überprüfung der Ausstellung „Vernichtungskrieg...“, S. 63)


    Weil es ein Original niemals gegeben hat, wird man wohl auch kein echtes mehr finden. Es sei denn, jemand schreibt einfach ein neues (siehe z.B. die "Hitler-Tagebücher" von Konrad Kujau). In der BRD würde es (wie ehedem in der DDR) garantiert auf wohlwollende Resonanz treffen. Ein deutsches Gericht hat die sowjetische Fälschung aber schon vor Jahrzehnten entlarvt. Dennoch benutzt man den dubiosen Heidenreich-Text bis heute als Quelle, um Holocaust-Greueltaten einfacher Wehrmachtssoldaten nachzuweisen (z.B. 2007, drei Jahre nach Ende der Ausstellung, Auszugsweise verlesen in der Sendung "Zeitzeichen" im NDR-Hörfunk). Außerdem in der Holocaust-Forschung.


    Julias Schilderung der Hintergründe (Fernsehproduktion in Belarus) ist jedenfalls aufschlussreich. Die Filmproduzenten wollen wohl auch Guderian mit den Zitaten aus seinen Erinnerungen als hinterhältigen "Überfaller" vorführen. So schließt sich der Kreis:
    "Durch eingehende Beobachtung der Russen erhielt ich die Überzeugung, daß sie nichts von unseren [selbstredend verbrecherischen] Absichten wußten."


    Große Ereignisse werfen eben ihre Schatten voraus. Heute am 22. Juni 70 Jahre "Unternehmen Barbarossa". Ob sie in der Fernsehdoku von Belarus wohl auch erwähnen, dass die sowjetischen Grenztruppen im von Stalin eroberten Ostpolen noch 3 Stunden vor dem deutschen "Überfall" in höchste Kampfbereitschaft versetzt wurden? Das wäre zumindest ein Anfang.


    Grüße,
    Bodo

    Hallo Kordula,


    leider bist du nicht wirklich auf meine Quellenkritik eingegangen. Es geht doch nicht darum, ob man sich die dort geschilderten Verbrechen nicht vorstellen kann. Natürlich hat es solche oder ähnliche Untaten durch deutsche Soldaten gegeben. Ebenso wie durch gegnerische Soldaten. Die Sammlung wird aber als glaubwürdige Quellensammlung gegen die „normale“ Wehrmacht präsentiert und benutzt. Da sollte man den Ursprung und den Hintergrund der Niederschriften doch umso mehr quellenkritisch hinterfragen.


    Auch ist es Schade, dass du meinen dezenten Hinweis auf Heers radikalen KP-Hintergrund als Diffamierung interpretierst. Bei Historikern mit NS-Hintergrund wird doch ebenfalls häufig deren Motivlage oder Parteilichkeit betont. Ist das ein Grund für „Scheuklappen“? Zum Beispiel wies Saul Friedländer bezüglich seines Disputs mit Martin Broszat auf dessen frühere NSDAP-Mitgliedschaft hin:


    Quote

    SPIEGEL: Dann ist die Betonung der Opferperspektive auch Folge Ihres Schicksals?


    Friedländer: Selbstverständlich. Das sollte bei Historikern eigentlich nicht so sein, und der ehemalige Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München, Martin Broszat, meinte dann auch 1987, dass Juden keine rationale Geschichte des "Dritten Reiches" schreiben könnten, weil sie befangen seien
    - als ob ehemalige Hitlerjungen oder Parteimitglieder wie Broszat ohne biografische Belastung geforscht hätten. Das ärgerte mich damals sehr, aber dieser Einstellung bin ich immer wieder begegnet, wenn ich mit deutschen Kollegen über das Thema sprach.


    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-53203506.html


    In der Zeit seiner „Wehrmachtssausstellung“ hat Heer übrigens in der Talk-Show „Talk im Turm“ eingestanden, dass er als Reaktion auf sein nationalsozialistisches Elternhaus überzeugter Kommunist geworden ist. Beim Thema hier ging es mir um seinen manipulativen Untertitel „Geständnisse deutscher Kriegsgefangener“.


    • Glaubwürdige Geständnisse setzen rechtsstaatliche Ermittlungen voraus (in der SU eindeutig Fehlanzeige). Siehe dazu den Lebensbericht eines Veteranen der Roten Armee:
      Heute feiert Russland den Sieg im "Großen Vaterländischen Krieg" vor 65 Jahren. Erstmals marschierten Gäste aus der Nato mit auf dem Roten Platz. Kanzlerin Angela Merkel wurde eingeladen, Wladimir Kantowski nicht. Die bittere Geschichte des Veteranen will heute niemand mehr hören: vom Gulag an die Front und zurück.
      http://www.welt.de/politik/aus…r-Hitler-Deutschland.html


    • Geständnisse sollten sodann von überlebenden Zeugen stammen (unsicher bzw. von Heer nicht ermittelt) und eine abschließende Beurteilung ihrer Glaubwürdigkeit durch einen Richter voraussetzen (laut Buch ebenfalls Fehlanzeige). Hätte Heers Arbeitgeber, das Reemtsma-Institut, mit seinem Millionenetat den Verbleib der Zeugen bei den diversen Suchdiensten oder Auskunftsstellen nicht abklären können? Gerade auch durch die beständigen guten Kontakte nach Moskau?


    Statt dessen heißt es in der Buchbeschreibung:

    Quote

    Die hier vorliegenden persönlichen Zeugnisse (!), heute im Staatsarchiv aufbewahrt, wurden von der "Außerordentlichen Kommission" zusammengetragen. Diese Organisation sammelte seit November 1942 in den befreiten Gebieten der Sowjetunion Akten, Zeugenaussagen und Fotos, um die Verbrechen und Zerstörungen der deutschen Besatzer zu belegen. Gestützt auf diese Dokumente, wurden in der Folge zwanzig große Kriegsverbrecherprozesse durchgeführt.


    Mal ganz davon abgesehen, dass die sowjetischen „Kriegsverbrecherprozesse“ in keiner Weise als rechtsstaatlich angesehen werden können, ist auch die „Außerordentliche Staatliche Kommission“ ein äußerst zwielichtiger Dokumentenproduzent. Stalins brutale Geheimpolizei war immer und überall dabei. Bei den „antifaschistischen“ SED-Forschern in der DDR galt sie natürlich gerade deshalb als non plus ultra:


    „Außerordentliche Staatliche Kommission für die Feststellung und Untersuchung der Gräueltaten der deutsch-faschistischen Eindringlinge und ihrer Komplizen, und des Schadens, den sie den Bürgern, Kolchosen, öffentlichen Organisationen, staatlichen Betrieben und Einrichtungen der UdSSR zugefügt haben“:


    "Der Historiker Dieter Pohl warnt vor einem ausschließlichen Rückgriff auf die Materialien der Außerordentlichen Staatlichen Kommission, deren eigene Geschichte bisher noch nicht genau untersucht wurde. So sei „der Einfluss regionaler KP-Organisationen und der Geheimpolizei, die eng mit der Staatskommission verflochten waren, auf die Untersuchungsergebnisse nicht genau abzuschätzen“. Auffällig seien „die bisweilen relativ pauschalen Schätzungen zu Opferzahlen, überhaupt ein starr vorgegebenes Untersuchungsschema“."
    http://de.wikipedia.org/wiki/A…che_Staatliche_Kommission


    Was Heer in seinem Zeitgeschichtswerk betreibt, ist leider Gottes ähnlich ausgerichtet wie seinerzeit in der Historiker-Gesellschaft der DDR. Deren Tätigkeit haben Kritiker vom Fach als Schande für den ganzen Berufsstand bezeichnet.
    (sehr zu empfehlen dazu der Band von Karl-Heinrich Pohl (Hg.), Historiker in der DDR, Göttingen 1997).


    Abschließend noch ein Hinweis auf die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen. Sie ermittelte sogar beim bloßen Verdacht von Wehrmachtsverbrechen in der UdSSR, wie dieses Beispiel aus Hamburg zeigt:

    Quote

    Legende.
    Das Phantom in der Kabine.
    Ein deutscher Staatsanwalt beerdigt den grandiosen Mythos des „Todesspiels“ von Kiew

    Er hinterlässt einen tadellosen Ruf, einen geordneten Schreibtisch und einen zerstörten Mythos. Ende Februar verabschiedete sich der Hamburger Oberstaatsanwalt Jochen Kuhlmann, 65, in den Ruhestand. Als letzte Amtshandlung tippte er die Einstellungsverfügung für den Fall 1001 AR1/02 – „Ermordung sowjetischer Kriegsgefangener nach einem Fußballspiel“. Dieser Verdacht, so das kühle Fazit des Hanseaten, habe sich „nicht bestätigt“.


    http://www.focus.de/politik/de…er-kabine_aid_208524.html


    Vorher hatte der öffentlich-rechtliche WDR dazu einen Propagandafilm u.a. mit alten KP-Funktionären in Kiew produziert und 2005 ausgestrahlt. Dazu noch der Link:
    Die Todeself Ein Fußballspiel auf Leben und Tod Ein Film von Claus Bredenbrock


    Stalin hatte für die Märtyrer ein großes Denkmal aufstellen lassen. Bilder des Denkmals finden sich hier. Die Zentrale Stelle in Ludwigsburg hatte ihre Ermittlungen zum "freundschaftlichen Match" zwischen deutschen Soldaten und ukrainischen Profi-Fußballern bereits 1976 eingestellt.


    Warum hat die Zentrale Stelle also nicht auch die in Heers Quellen geschilderten Wehrmachtsverbrechen untersucht? Namen und Einheiten sind doch genannt. Fanden die NS-Experten in Ludwigsburg die Texte vielleicht ebenfalls zu dubios und ungesichert?


    Zum Abschluss noch ein Hinweis, wie Herr Heer üblicherweise „historisch“ arbeitet (es gibt weitere im Netz):



    Wäre das allein nicht schon Grund genug, zumindest Heers Interpretationen in Zweifel zu ziehen, frei nach dem Sprichwort „Wer einmal verfälscht, dem glaubt man nicht?“


    Grüsse
    Bodo


    Edit: Wichtige Links und Jahreszahl ergänzt.

    Quote

    Guten Tag, gerade im Thema "Heinz Guderian" (klick) gefunden. Auf S. 2 hat Vlad ein Dokument eingestellt (AOK 4, 29.06.1941), in dem sich unter 1.) b) der Satz findet: Frauen in Uniform sind zu erschießen. "Parke" das erst einmal hier; möchte zu gegebener Zeit ein eigenes Thema daraus machen. Grüße, Kordula


    Hallo Kordula,


    der von Dir zitierte Befehl des AOK 4 vom 29.06.1941 wird in neueren Darstellungen ebenfalls regelmäßig behandelt (z.B. bei Arnold, Wehrmacht und Besatzungspolitik; Hürter, Hitlers Heerführer; Hartmann, Wehrmacht im Ostkrieg). Ist ja auch ein wichtiges Belastungsdokument. Wichtig dabei: Den Befehlszusatz "Frauen in Uniform sind zu erschießen" hob die Armee aber zwei Tage später, am 1. Juli 1941, wieder auf. Demzufolge soll der Befehl irrtümlich erlassen worden sein, weil Partisaninnen, also nichtuniformierte bewaffnete Frauen gemeint waren:


    "Dagegen finden auf nichtuniformierte Frauen, die Waffen tragen, die Grundsätze über Freischärlerei Anwendung. Die irrtümliche frühere Weisung wird aufgehoben."
    (Aus dem Armeebefehl des AOK 4 vom 1. Juli 1941, zitiert nach Christian Hartmann, Wehrmacht im Ostkrieg. Front und militärisches Hinterland 941/42, München 2010, S. 524, FN 53.)


    Die völkerrechtswidrige Anordnung vom 29. Juni scheint außerdem einzigartig gewesen zu sein, sonst hätte die Forschung wohl weitere zitiert.


    Wie soll man nun mit den von Heer aus sowjetischen Archiven hervorgeholten "Geständnissen deutscher Soldaten" umgehen, wo es ja sogar im Titel heißt "Stets zu erschießen sind Frauen, die in der Roten Armee dienen"? Ob nicht schon bei der Titelwahl "Geständnisse" der alte radikale DKP'ler Hannes Heer noch einmal hervorscheint?


    In Wahrheit handelt es sich doch um erzwungene schriftliche Stellungnahmen in sowjetischer Gefangenschaft. Die Niederschriften klagen ehemalige Kameraden oder Vorgesetzte an, im Krieg gegen die Sowjetunion Kriegsverbrechen oder andere unmenschliche Handlungen begangen zu haben.
    Nur als Hinweis zu den Gefahren beim Umgang mit sowjetischen Quellen: "Gestanden" haben wohl auch jene deutschen Kriegsgefangenen, die von der Sowjetunion als "Mörder von Katyn" hingerichtet wurden. Schwerste Folter war ja die Regel unter Stalins Herrschaft, und es gab keine Verurteilung ohne Geständnis. Die "Geständnisse" waren zudem von den Anklägern vorformuliert und lagen lediglich zur Unterschrift bereit:

    Quote

    "Anfang 1946 berichtete die Zeitung „Nordwest-Nachrichten” (Herausgeber war die britische Militärbehörde) und die sowjetische Agentur TASS, dass zehn deutsche Kriegsgefangene am 30. Dezember 1945 von der sowjetischen Justiz für die Massaker bei Katyn verurteilt worden waren. Sieben wurden mit dem Tode bestraft und drei zu 20 Jahren Zwangsarbeit verurteilt."
    http://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Katyn


    Ich habe Heers "Quellensammlung" zwar durchgesehen, aber ob das Buch wirklich eine verlässliche Quelle darstellt, möchte ich zumindest mit einem großen Fragezeichen versehen.
    Bedenken sollte man aber zumindest, dass über 95% der deutschen Gefangenen in den Händen der Roten Armee bis 1943 umgekommen sind (Quelle: Rüdiger Overmans, Deutsche militärische Verluste im Zweiten Weltkrieg, München (Oldenbourg) 2000, S. 280ff.).


    Wenn eine derartige Anklage gegen ehemalige Kameraden lebenserhaltend wirkte, hätten wahrscheinlich die meisten deutschen Gefangenen gerne etwas ähnliches für Stalins Gestapo niedergeschrieben. Hier hätte Heer zumindest versuchen müssen, den Verbleib wenigstens eines der genannten "Zeugen der sowjetischen Anklage" zu klären. Ist irgendeiner von ihnen nach dem Krieg wieder aufgetaucht und hat seine Aussage bestätigt oder verworfen? Letzteres soll ja in anderen Fällen (mit Verweis auf sowjetische Foltermethoden) schon vorgekommen sein.


    Grüsse
    Bodo

    Hallo Vlad,


    es müsste sich bei der abgebildeten Person um Generalmajor Dr. Ing. Karl Ritter von Weber handeln. Er fiel wenige Tage nach Aufnahme des Fotos als Kommandeur der 17. Panzerdivision. Mein Vater wurde bei der Division öfters eingesetzt, kennt aber nicht die Namen der Kommandeure. Ich hatte General von Weber bereits im Thread über "Heinz Guderian" erwähnt, falls du dich erinnerst. Dort hattest du später noch ein interessantes Dokument eingefügt, durch das Kordula an ein neues Thema erinnert wurde:


    Quote

    Dass diese befehlskritische Haltung in Guderians Panzergruppe 2 verbreitet war, zeigt aber ein Bericht von Generalleutnant Wilhelm Ritter von Thoma. Im Verband der Pz.Grp. 2 kommandierte von Thoma vom 21. Juli bis zum 19. September 1941 die 17. Panzerdivision in Vertretung für den schwerverwundeten Generalmajor Ritter von Weber. Nach seiner Rückkehr zum OKH berichtete von Thoma Generalstabschef Halder u.a., dass die Frontdivisionen Guderians keine Kommissare erschießen:


    http://www.forum-der-wehrmacht…php?threadid=20410&page=2


    Noch etwas zum möglichen Hintergrund der Fotos (eigentlich waren es ja zwei):
    Am 16. Juli 1941 hatte die deutsche 29. (mot.) I.D. Smolensk eingenommen, flankiert von der 17. Panzerdivision unter Generalmajor Ritter von Weber. Der japanische Botschafter Oshima war wahrscheinlich deswegen zum Frontbesuch eingeladen worden. Hitler und Co. hofften wohl noch auf einen Angriff Japans von Osten her, um Stalin in größere Schwierigkeiten zu bringen.


    Wie bekannt fühlten sich die Japaner aber mehr von den Angloamerikanern in die Enge getrieben und ließen Hitler kalt abblitzen.
    Seit dem 13. Juli waren bei Smolensk schwere Gegenoffensiven der Roten Armee (Timoschenko) im Gange, die der Wehrmacht schwer zusetzten. Guderian schreibt von allein 20 russischen Divisionen im Angriff gegen die schwache Ostflanke seiner Panzerarmee (Jelnja-Bogen).


    Über die letztlich tödliche Verwundung Ritter von Webers im Verlauf der Kämpfe schreibt Guderian außerdem:


    Quote

    "Am 18. Juli befand ich mich beim XXXXVII. Panzer-Korps. Die 17. Panzer-Division war aus ihrer Flankenschutz-Aufgabe ostwärts Orscha in den Raum südlich Smolensk gezogen, um den von Süden gegen die Stadt vorgehenden Russen entgegenzutreten. Bei den Kämpfen, die sich hier entwickelten, wurde der tapfere Führer dieser Division, General Ritter von Weber, tödlich verwundet."


    (Heinz Guderian, Erinnerungen eines Soldaten, Stuttgart (17. Auflage) 2001, Zitat S. 160.)


    Webers Heimatgemeinde Geiselbach hat eine Kurzbiographie eingestellt, hier ein Auszug seinen letzten Einsatz betreffend:


    "Im zweiten Weltkrieg stieg Karl Ritter von Weber zum Generalmajor auf. Am 19. Juli 1941 wurde Ritter von Weber im Russlandfeldzug in der Nähe von Smolensk durch einen Granatsplitter verwundet und verstarb noch am folgenden Tag im Lazarett von Krassny (Russland)."
    http://www.geiselbach.de/Gemei…nguage/de-DE/Default.aspx



    Wikipedia beschreibt seinen Lebenslauf ausführlicher:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_von_Weber_%28Offizier%29



    Grüße Bodo

    Hallo,


    hier noch ein interessantes Radiodossier aus dem Deutschlandfunk über politisch verzögerte "Vergangenheitsbewältigung" in Sachen Eichmann/Holocaust. Der von Steffen genannte SPIEGEL-Artikel versucht ja allein die Adenauer-BRD an den Pranger zu stellen. Im Radiobeitrag von Gaby Weber bietet sich eine viel weitere, internationale Perspektive.
    In einem früheren Beitrag (ca. 2009) hatte die Autorin bereits erklärt, dass nach verlässlichen Quellen die CIA Adolf Eichmann zuerst festgenommen habe. Danach erst sollen US-Agenten Eichmann an den israelischen Geheimdienst übergeben haben, der ihn nach Israel ausflog.
    Nun hat sie auch über Eichmanns interessante Kontakte zur Sowjetführung in Moskau recherchiert. KP- und Regierungschef Nikita Chruschtschow hätte Eichmann demnach auch gerne als willigen Helfer für die UdSSR einkassiert. Die Amis wollten das auf jeden Fall verhindern. Siehe dazu den Text der DLF-Sendung:



    Hier geht es direkt zum Download der Sendung (Textversion). Die MP3-Version war aber unter dem Hauptlink oben auch noch abrufbar ;):
    http://www.dradio.de/download/133754/


    Und hier noch ein Zitat aus dem Fazit der Sendung:

    Quote

    Ist am Ende die Legende der „heldenhaften Entführung Eichmanns durch den Mossad“ nur ein Ablenkungsmanöver?
    Doch warum sich unbequemen Fragen stellen. Haben denn nicht alle bekommen, was sie wollten? Die USA setzten ihre Atomwaffentests fort und stationierten ihre Raketen auf westdeutschem Boden. McCone (vorher Chef der US-Atomkommission) wurde CIA-Chef.
    Den Argentiniern bewilligten sie ein Darlehen von 7,6 Millionen Dollar für ihre Stahl- und Chemieindustrie.


    Ben Gurion erhielt für seinen Atomreaktor aus Bonn 630 Millionen D-Mark und an dem Tag, an dem er die Festnahme Eichmanns bekannt gab, die lang ersehnte Zusage Washingtons über„... elektronische Ausrüstung, Hawk-Raketen und verschiedene Dinge“ ... ... hieß es in dem Dankesschreiben an das State Department.
    Und mit irgendetwas muss man auch die Russen zum Schweigen gebracht haben. Alle Beteiligten halten dicht.


    Viele Grüße,
    Bodo

    Hallo an alle interessierten Forumsnutzer,


    hier nun wie versprochen meine Übersicht von Quellen und Zeitzeugnissen die leicht zugänglich sind und Felix Römers pauschaler Verurteilung der Frontsoldaten widersprechen:
    (Felix Römer: »Kein Problem für die Truppe«. Dem Kommissarbefehl gehorsam, ermordete die Wehrmacht 1941/42 Tausende gefangene Politoffiziere der Roten Armee)
    http://www.zeit.de/2008/45/A-Kommissarbefehl).
    Auf die wissenschaftliche Kritik an Römers Arbeitsweise hatte ich im vorigen Beitrag bereits hingewiesen.


    Die Quellen und Aussagen zeigen, dass der von Hitler bei OKW-Keitel in Auftrag gegebene „Kommissarbefehl“ schon gleich zu Anfang (und später sowieso) von vielen Offizieren aus Guderians Panzergruppe 2 und der Heeresgruppe Mitte abgelehnt wurde. Bekanntlich erreichten die Frontverbände im Frühjahr 1942 die Aufhebung des Befehls.

    • Gerhard Dengler geriet 1943 in Stalingrad in Gefangenschaft und diente danach den Sowjets im „Nationalkomitee Freies Deutschland“. In einer Sendung des Deutschlandfunks vom 19. Juni 2001 („Ein Wehrmachts-Offizier läuft über“) erzählte er auch von den Reaktionen seiner Offizierskameraden auf den „Kommissarbefehl“, dessen Durchführung der Regimentskommandeur untersagte:


      Quote

      „Er selbst hat kurz vor Kriegsbeginn in Philosophie promoviert. Er erinnert sich, dass auch dem Regimentskommandeur der Kommissarerlass zuwider war:
      Und dann hat er gesagt: Meine Herren, unser Regiment ist bisher mit sauberer Weste durch diesen Krieg gekommen, und ich erwarte von ihnen, dass das so bleibt. Das heißt also, er hat uns befehlsgemäß diesen grauenhaften Befehl vorgelesen, der ja schon ein Kriegsverbrechen der Wehrmachtsführung war, das war ja ein Befehl, der nicht von Hitler oder Himmler kam, sondern der war ja von Keitel unterschrieben.“
      http://www.dradio.de/dlf/sendungen/juni41/186368/


    • Im Begleitbuch zur ZDF-Fernsehserie „Die Wehrmacht. Eine Bilanz“ erfährt man, dass es „zahlreiche ähnliche lautende Zeitzeugenberichte“ gibt. Dort berichtet der Kriegsveteran Horst Kühne über das Verhalten seines Kompaniechefs beim Verlesen des „Kommissarbefehls“: „Unser Kompaniechef las ihn vor und sagte: >Ich habe Ihnen vorgelesen, weil ich das musste. Was jeder davon zu halten hat, muss er mit seinem Gewissen abmachen.< Und das haben wir als ganz großartige, offene Stellungnahme gegen einen Befehl angenommen, und wir hatten also große Hochachtung vor unserem Kompaniechef, dass er so was gesagt hatte.“
      (Quelle: Guido Knopp, Die Wehrmacht. Eine Bilanz, München 2007, S. 150.)
    • Und der Batteriechef meines Vaters in der II./Flak-Regiment 11, die 1941 zu Guderians Panzergruppe 2 gehörte, ordnete am 21. 6. 1941 sogar ausdrücklich an, dass der „Kommissarbefehl“ nicht ausgeführt werden dürfe. Er befahl statt dessen: >Alle Gefangenen müssen zu den Sammelstellen weitergeleitet werden.<
      Während des weiteren Vormarsches auf Moskau und Kiew (ebenfalls unter Guderians Kommando) erfuhr mein Vater dann von Kameraden der Infanterie, dass diese gleichlautende Anweisungen hatten und ebenfalls keine gefangenen Kommissare erschießen würden. Man kann nun spekulieren, ob dieses Verhalten von der Mehrheit oder nur von einer Minderheit der Soldaten praktiziert wurde.


    • Dass diese befehlskritische Haltung in Guderians Panzergruppe 2 verbreitet war, zeigt aber ein Bericht von Generalleutnant Wilhelm Ritter von Thoma. Im Verband der Pz.Grp. 2 kommandierte von Thoma vom 21. Juli bis zum 19. September 1941 die 17. Panzerdivision in Vertretung für den schwerverwundeten Generalmajor Ritter von Weber. Nach seiner Rückkehr zum OKH berichtete von Thoma Generalstabschef Halder u.a., dass die Frontdivisionen Guderians keine Kommissare erschießen:


      Quote

      „21. 09. 1941...
      General von Thoma: Bericht über Kämpfe der 17. Pz.Div. an der Desna. Interessant dabei:
      […]
      d) „Verhalten der Truppe gegen Kommissare pp. (werden nicht erschossen).“d)
      (Generaloberst Halder, Kriegstagebuch Band III. Der Rußlandfeldzug bis zum Marsch auf Stalingrad (22.6.1941-24.9.1942), Stuttgart 1964, Zitat S. 243.)



    • Außerdem meldete der OKH-General z.b.V. Müller bei Halder am 1. August 1941, dass die Kommissare meistens erst in den Gefangenenlagern festgestellt würden (wo sie ab Oktober 1941 von Einsatzkommandos aus SS und SD mit Billigung der Lagerkommandanten ermordet wurden):


      Quote

      „Gen. [General] Müller z.b.V.:
      [...]
      b) Osten: […] Behandlung gefangener Kommissare (werden zum größten Teil erst in den Gefangenenlagern festgestellt).“
      (Generaloberst Halder, Kriegstagebuch Band III, Zitat S. 139.)



    Zusammenfassend schreibt Christian Hartmann zu diesem häufig anzutreffenden Verhalten der Frontverbände im Ostheer (und widerspricht damit ganz klar Römers Anschuldigungen):


    Quote

    „Das heißt: Von den vermissten, zum größeren Teil gefangen genommenen Kommissaren, nach russischer Berechnung über 42000 Menschen, wurde nur ein Teil dort „erledigt“, wo dies eigentlich geschehen sollte - auf dem Gefechtsfeld.“
    (Christian Hartmann, Wehrmacht im Ostkrieg. Front und militärisches Hinterland 1941/42, München 2010, Zitat S. 488.)


    Dass Hitler über diese verbreitete Verweigerungshaltung im Ostheer informiert war, zeigt z.B. der Tagebucheintrag des Majors Gerhard Engel von 1942. Der spätere Generalmajor Engel musste als Heeresadjutant bei Hitler dessen Ein- und Ausfälle ertragen, bis er es 1943 nicht mehr aushielt und sich zur Fronttruppe versetzen ließ:


    Quote

    „Zum Schluß harte Worte von F.[ührer] über Lauheit der Truppe gegenüber Abschreckungsmaßnahmen. Er wisse genau, daß man im Heer die gegebenen Befehle, wie zum Beispiel den Kommissarbefehl, gar nicht oder nur zögernd befolgt habe. Schuld habe das Oberkommando [des Heeres], das aus dem Soldatenberuf möglichst einen Pastorenstand machen wolle. Wenn er seine SS nicht hätte, was wäre dann noch alles unterblieben!“
    (Heeresadjutant bei Hitler 1938-1943. Aufzeichnungen des Majors Engel, herausgegeben und kommentiert von Hildegard von Kotze, Stuttgart 1974, Zitat S. 131.)


    Also kann man als Fazit festhalten, dass Guderian mit der Weitergabe des „Kommissarbefehls“ zwar pro forma keine Ablehnung der verbrecherischen Anweisungen erkennen ließ. Trotzdem lieferte gerade die in anderen Beiträgen genannte schriftliche Ausfertigung einen größeren Handlungsspielraum für die kritischen Offiziere an der Front.


    Quote

    Original von Rote-Kapelle
    Dass der Kommissarbefehl bei der Pz.Gr. 2 - entgegen den OKW-Befehlen - auch schriftlich an die unterstellten Verbände weitergegeben wurde, wertet Römer zu Recht als Hinweis darauf, dass das Pz.Gr.Kdo 2 besonderen Wert darauf legte, dass der Befehl und seine Einzelheiten allen Einheiten zur Kenntnis gelangte.


    Stimmt genau! Besonders die Einzelheiten, die die Schonung eines großen Teils der gefangenen Kommissare erlauben konnten.
    Wenn man von einer verbreiteten Sabotage des Hitlerschen Mordbefehls ausgeht (siehe die Quellenbelege oben), kann man die schriftliche Weitergabe des Kommissarbefehls durch die Pz-Grp. 2 nämlich auch ganz anders interpretieren: kursierenden Gerüchten über einen allgemeinen Mordbefehl „von ganz oben“ konnten die Kommandeure die folgenden Einschränkungen über friedliche Kommissare unter Punkt 3 des Befehls entgegenhalten:


    Quote

    „3. Politische Kommissare, die sich keiner feindlichen Handlung schuldig machen oder einer solchen verdächtig sind, werden zunächst unbehelligt bleiben.


    Erst bei der weiteren Durchdringung des Landes wird es möglich sein, zu entscheiden, ob verbliebene Funktionäre an Ort und Stelle belassen werden können oder an die Sonderkommandos abzugeben sind.
    Es ist anzustreben, daß diese selbst die Überprüfung vornehmen.
    Bei der Beurteilung der Frage, ob "schuldig oder nicht schuldig", hat grundsätzlich der persönliche Eindruck von der Gesinnung und Haltung des Kommissars höher zu gelten, als der vielleicht nicht zu beweisende Tatbestand.“
    http://www.ns-archiv.de/krieg/1941/kommissarbefehl.php


    Guderians Erinnerungen erscheinen mir in soweit glaubhaft, als er auf die Humanität der meisten Offiziere seiner Panzergruppe vertraut hat. Dass es in der großen Masse aber auch eine ganze Reihe von Offizieren gab, die aus welchen Motiven auch immer verbrecherisch handelten, steht natürlich ebenfalls außer Frage. Sie werden heute als Beweis für „die verbrecherische Wehrmacht“ immer wieder bevorzugt herausgestellt. Alle anderen Soldaten haben gefälligst zu schweigen, und deren Zeugnisse sollen spätestens seit der legendären „Wehrmachtsausstellung“ möglichst im wissenschaftlichen Niemandsland verschwinden.

    Gruß,
    Bodo

    Hallo zusammen,


    ich möchte die Frage, in welchem Umfang die Panzergruppe Guderian den völkerrechtswidrigen „Kommissarbefehl“ Hitlers befolgt hat, noch einmal aufgreifen. Denn das Thema ist viel komplexer als es hier bislang dargestellt wurde. Außerdem ist ein kritischer Blick auf die Substanz der neuesten Vorwürfe gegen die Wehrmacht nötig.


    In seinen Kriegserinnerungen hat Generaloberst Guderian geschrieben:

    Quote

    „Der gleichfalls unrühmlich bekannt gewordene sogenannte „Kommissarbefehl“ gelangte überhaupt nicht zur Kenntnis meiner Panzergruppe. Er ist anscheinend bereits bei der Heeresgruppe „Mitte“ angehalten worden. Auch der „Kommissarbefehl“ ist bei meinen Truppen nicht angewendet worden.“
    (Heinz Guderian, Erinnerungen eines Soldaten, Stuttgart (17. Auflage) 2001, Zitat S. 138.)


    Der hier schon mehrfach zitierte Felix Römer meint dagegen, die deutschen Frontsoldaten seien eine kollektive Verbrecherbande mit systematischem Mordprogramm gewesen.
    Hier ein Beispiel-Zitat:
    „Von fast allen Verbänden, die an der Ostfront kämpften, ist belegt, dass sie den Kommissarbefehl befolgt haben. Berichte über entsprechende Mordaktionen liegen von allen 13 Armeen, sämtlichen 44 Armeekorps und über 80 Prozent der knapp 150 deutschen Frontdivisionen vor. Unter Einbeziehung zusätzlicher Indizienfälle erhöht sich die Quote auf der Divisionsebene sogar auf über 90 Prozent. Ein desillusionierender Befund, nachdem die bislang vorliegenden Quellen deutlich niedrigere Zahlen ergeben hatten.
    […]
    Das Mordprogramm endete erst, als Hitler im Juni 1942 dem wiederholten Drängen seiner Generäle nachgab, den Erlass aufzuheben.“

    (Quelle: Felix Römer: »Kein Problem für die Truppe«.
    Dem Kommissarbefehl gehorsam, ermordete die Wehrmacht 1941/42 Tausende gefangene Politoffiziere der Roten Armee) http://www.zeit.de/2008/45/A-Kommissarbefehl


    Hat Guderian sich also geirrt oder wollte er sein eigenes Verhalten beschönigen? Als er sein Buch 1951 verfasste, konnte er jedenfalls nicht die Divisionsakten einsehen, weil diese bis in die 1960er Jahre von den Alliierten einbehalten wurden. Guderians Stellungnahme zeigt aber, welchen Irrtümern er unterlag:
    Erstens glaubte er sich 10 Jahre später zu erinnern, dass der Befehl „anscheinend“ bei der HG Mitte „angehalten“ wurde. Obwohl ihr Kommandeur Feldmarschall von Bock einer der schärfsten Kritiker des Befehls war, liegt Guderian hier definitiv falsch: der Hitler-Befehl wurde mündlich weitergegeben, mit der Erwartung, die Offiziere an der Front würden seine Ausführung schon irgendwie zu sabotieren wissen.
    Und hier irrte Guderian ein weiteres Mal: er vertraute wohl blind auf die Rechtschaffenheit seines gesamten Offizierskorps, wenn er 1951 betont, der rechtswidrige Befehl sei „bei meinen Truppen nicht angewendet worden.“ Zutreffender wäre wohl die Formulierung gewesen, der Befehl sei „selten angewendet“ worden.


    Jedenfalls hat Christian Hartmann in seiner jüngsten umfangreichen Studie herausgearbeitet, dass die kämpfende Truppe kaum etwas mit Hitlers Mordbefehlen zu tun hatte:
    „Im Alltag der kämpfenden Truppe spielte die Umsetzung des „Kommissarbefehls“ eine untergeordnete Rolle - selbst dort, wo man diesen verbrecherischen Auftrag prinzipiell akzeptierte.“
    (Christian Hartmann, Wehrmacht im Ostkrieg. Front und militärisches Hinterland 1941/42, München 2010, Zitat S. 513.)


    Wie passt das nun zu Römers Anschuldigungen? Hartmann bestätigt einzelne Morde an gefangenen Kommissaren, betont aber die deutlichen Unterschiede zwischen den Frontdivisionen - z.B. in Guderians Pz.Grp. 2 - und den Verbänden im Hinterland:

    Quote

    „Hier fällt der deutliche Unterschied zwischen den Front- und den Besatzungsverbänden sofort ins Auge. Im Hinterland wurden deutlich mehr Vertreter der sowjetischen Elite umgebracht, und darüber haben die Täter auch ungeniert Buch geführt. In den Meldungen der Frontverbände ist von deutlich weniger Opfern die Rede, teilweise sind diese Meldungen auch weniger eindeutig.“
    (Hartmann, Wehrmacht im Ostkrieg, Zitat S. 513.)


    Man sollte also unbedingt Römers Forschungsmethoden unter die Lupe nehmen, bevor man dessen Behauptungen über kollektive Mordtaten für bare Münze nimmt.
    Der renommierte Militärhistoriker Horst Rhode vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr (MGFA) hat schon vor 13 Jahren vor einer einseitig-schematischen Interpretation der vorhandenen Quellenbestände gewarnt. Rhode hatte selbst einen Großteil der im Archiv vorhandenen Divisionsakten analysiert und für das Forschungsamt eine eigene Studie zur Anwendung des Kommissarbefehls verfasst:
    (Horst Rhode, Der Kommissar-Befehl - Überprüfung seiner Aufnahme, Weitergabe und Anwendung im deutschen Ostheer 1941/42 anhand repräsentativ ausgewählter Aktenbestände, MGFA Freiburg).
    Eine Zusammenfassung der Studie kann man nachlesen unter dem Titel „Politische Indoktrination in höheren Stäben und in der Truppe - untersucht am Beispiel des Kommissarbefehls“, in: Die Soldaten der Wehrmacht (herausgegeben von Hans Poeppel, W.K. Prinz von Preußen, K.G. von Hase), München (7. Auflage) 2001, S. 124-158.

    • Rhode zufolge enthalten die Divisionsakten insgesamt mehrere hundert Einträge, die auf die Ermordung von Kommissaren durch Wehrmachtssoldaten hinweisen. In diesen Fällen sind sie relativ eindeutig, etwa wenn eine Erschießung durch eigene Kräfte gemeldet wird. Manchmal beziehen sie sich auf im Kampf (oder durch Suizid) gefallene Kommissare. Häufiger noch melden sie die Gefangennahme und den besonders überwachten Abtransport von sowjetischen Politoffizieren.
    • Nun hat Römer aber genau das getan, wovor Rhode damals warnte: er hat beinahe jede Erwähnung von Kommissaren (z.B. "angetroffen", "festgestellt" oder „gesondert abgeschoben“) in den Meldungen der Frontdivisionen als Exekutionsvollzug gewertet. Nur so kommt er auf seine „statistisch gesicherte“ Zahl von fast 4000 (in Worten: viertausend) frontnah erschossenen Kommissaren. Diese Vorgehensweise Römers (d.h. auf den ersten Blick unauffällige Meldungen als verschleierte Morde zu interpretieren) ist somit hochgradig spekulativ. Zugleich will er die Tatsache, dass ein großer Teil der Heeresdivisionen Kommissare gar nicht erwähnt hat, als Beleg für eine riesige Dunkelziffer von Mordtaten sehen (Zitat Römer: „das heißt an oder um die zehntausend Tote“).

    Passend dazu die Kritik von Christian Hartmann an allzu gewagten Spekulationen über die mögliche Dunkelziffer:
    „Trotzdem sollte man den Umfang der Dunkelziffer nicht zu hoch veranschlagen. Aufgrund der Befehlslage bestand für die Truppe nicht die geringste Notwendigkeit, ihre Taten noch oben zu verschweigen.“
    (Hartmann, Wehrmacht im Ostkrieg, Zitat S. 512.)


    Hier noch einmal die betreffende Meldung von Guderians Pz.Grp. 2, die Römer - natürlich - als glatten Mordvollzug interpretiert:

    Quote

    „Panzergruppe 2:
    - In den ersten Kampfwochen wurden politische Kommissare und Offiziere nur in geringem Umfang gefangengenommen. Bis Anfang August wurden im gesamten Gruppenbereich etwa 170 politische Kommissare (innerhalb der Truppe) gefangen und als gesondert abgeschoben von den A.K.‘s [Armeekorps] gemeldet. Die Durchführung bildete kein Problem für die Truppe.“
    (Zitiert nach Rhode, Politische Indoktrination, S.131.)


    Was sollen die Formulierungen „gesondert abgeschoben“ und „kein Problem für die Truppe“ aber tatsächlich bedeuten? Hartmann warnt vor einer pauschalen Wertung, wie sie Römer vornimmt, wenn er feststellt:
    „So sind die Aussonderungen, auf die immer wieder verwiesen wird, noch kein sicherer Hinweis auf eine Ermordung, schon weil bei allen sowjetischen Kriegsgefangenen stets die Trennung von Führung und Mannschaften vorgesehen war.“
    (Hartmann, Wehrmacht im Ostkrieg, Zitat S. 513, FN 244. Siehe dort z.B. auch die Meldung der 45. ID vom Juni 1942 über den „Abschub von Kriegsgefangenen“.)


    Horst Rhode argumentiert übrigens ebenso wie Hartmann und nennt als überzeugendes Beispiel die Behandlung von volksdeutschen Kriegsgefangenen. Diese sollten ebenfalls sofort von den übrigen Gefangenen getrennt werden.
    Hier ein Befehl der 22. Infanteriedivision vom 13. August 1941:

    Quote

    „Volksdeutsche Gefangene sind besonders gut zu behandeln; sie sind abzusondern und sofort durch weiße Armbinde zu kennzeichnen.“
    (Zitiert nach Rhode, Politische Indoktrination, S. 141.)


    Wenn hier die Formulierung „absondern“ nur die reine Trennung von anderen Gefangenen bezeichnet, kann das im Fall der Kommissare nicht einfach pauschal als Tötungsbeweis ausgelegt werden. Denn eine ganze Reihe von Quellen belegen, dass der Kommissarbefehl gerade in der Heeresgruppe Mitte, zu der Guderians Panzergruppe 2 im fraglichen Zeitraum 1941/42 gehörte, besonders unbeliebt war. Deshalb wurde er dort wohl nur von einzelnen, skrupellosen Tätern ausgeführt. Dafür gibt es klare Anhaltspunkte, die ich noch in einem weiteren, gesonderten Beitrag nennen möchte. Damit dieses schwierige Thema über Verbrechen in der Wehrmacht am Ende nicht zu unübersichtlich wird.


    Beste Grüße, Bodo

    Hallo,


    hier noch eine Ergänzung zum 20. Juli 1944. Zuletzt ging es manchen Diskutanten wohl darum, die Demokratiefähigkeit des militärischen Widerstands in Frage zu stellen. Wie problematisch diese gerade beim Fachpublikum verbreitete Ansicht sein kann, hatte Ende Juli bereits der deutsche Historiker Michael Stürmer in der Zeitung DIE WELT analysiert.


    Anlass war, dass bei den offiziellen Gedenkfeiern sogar der Ehrengast die demokratische Gesinnung der Verschwörer anzweifelte. Der bekannte jüdische Historiker Fritz Stern wählte auf der Gedenkfeier (laut Michael Stürmer) „fatale Worte“:


    Quote

    „Noch einmal zum 20. Juli und seinem Teil an der deutschen Erinnerung. Vor einer Woche sprach an historischem Ort in Berlin, wo vor 66 Jahren das Zentrum der Verschwörung gegen Hitler war, Fritz Stern, eminenter Historiker der Columbia-Universität. Als Kind aus Deutschland geflohen, ist er Mitglied des stolzen Ordens Pour le Mérite.
    Stern sprach vom Aufstand des Gewissens. Als politischen Aufstand wollte er indes den 20. Juli nicht gelten lassen, wohl aber als Vorbild des Anstands für die Welt, speziell die Deutschen. Die Verschwörer hätten Recht und Gerechtigkeit erstrebt. Doch Demokraten seien sie nicht gewesen.


    Solches Verdikt wirft ein fahles Licht auf die Tradition des 20. Juli, zentral für die Bundeswehr und für das politische Gemeinwesen. War denn aber auf dem Höhepunkt des Krieges Demokratie tragfähige Möglichkeit? "Vom sicher'n Port", sagt Schiller, "lässt sich's gemächlich raten.““


    (Quelle: Michael Stürmer in DIE WELT vom 26.07.10, "Fritz Sterns fatale Worte zum 20. Juli")


    Den interessanten Artikel des Wissenschaftlers kann man hier komplett nachlesen:
    http://www.welt.de/debatte/kol…le-Worte-zum-20-Juli.html


    Die Frage, ob man die Demokratie sofort oder später wiedereinführen sollte, war demzufolge wegen der für Deutschland immer bedrohlicheren Kriegslage zweitrangig. Trotzdem ging es den Wehrmachtsverschwörern keinesfalls um einen reinen Militärputsch gegen Hitler. Dazu ein Zitat aus der neueren Widerstandsforschung:


    Quote

    „Militärische Widerstandsgruppen und „zivile“ Widerstandskreise waren eng aufeinander bezogen. Dabei kam es dem Militär nicht darauf an, im Falle eines Gelingens des Anschlags eigene Macht zu sichern.“.


    Das Zitat habe ich dem Buch „Der 20. Juli 1944. Gesichter des Widerstands“ von Peter Steinbach entnommen. Steinbach ist Professor in Karlsruhe und Leiter der Berliner Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Er schreibt an gleicher Stelle weiter, dass das zivile Element in einer neuen deutschen Regierung (nach Hitlers Beseitigung) eindeutig überwiegen sollte:


    Quote

    „Das aus dem Umsturz hervorgehende Kabinett war zu keinem Zeitpunkt durch eine Übermacht der Offiziere charakterisiert, sondern verkörperte eine denkbar große Koalition -von Wilhelm Leuschner und Julius Leber auf der einen bis zu Carl Friedrich Goerdeler und Ulrich von Hassell auf der anderen Seite.
    In der Zusammensetzung der Regierung, die mit der Operation Walküre politische Verantwortung übernehmen sollte, wird eine Zivilität sichtbar, die den 20 Juli 1944 zu einem Wendepunkt in der Geschichte des Verhältnisses von bewaffneter Macht und politischer Führung gemacht hätte.“


    (Peter Steinbach: Der 20. Juli 1944. Gesichter des Widerstands, München (Siedler) 2004, Zitat S. 16.)


    Also „Zivilität“ war das übergeordnete Ziel und gerade kein „reaktionärer“ monarchischer Ständestaat, der vielleicht einzelnen Adligen vorschweben mochte (Stauffenbergs Ansichten sollten nicht isoliert betrachtet werden, obgleich er der zunächst wichtigste Ausführende war.)


    Die am gescheiterten Hitler-Attentat beteiligten Wehrmachtsoffiziere wollten also keinesfalls dauerhaft politische Macht übernehmen. Sie hatten ja auch kein eigenes Regierungsprogramm. Die gemeinsam mit anderen Widerständlern entworfenen Regierungspläne wurden von Carl Goerdeler und dem ehemaligen Generalstabschef Ludwig Beck in einer vorbereiteten Regierungserklärung zusammengefasst.
    Diese kann man sich übrigens hier bei der Gedenkstätte Deutscher Widerstand als pdf ansehen:
    http://www.gdw-berlin.de/b13/pdf/13_3_Faksimile_d.pdf


    Professor Michael Stürmer hat zum geplanten Vorgehen der Verschwörer im oben zitierten WELT-Artikel geschrieben:
    „Die Verhaftung der SS- und Gestapo-Schergen in Paris durch die Wehrmacht zeigte indes die Richtung: Rechtsstaat, gestützt auf die Truppe, Abrechnung mit dem Unrechtsstaat.“


    Mit Hilfe des deutschen Heeres sollte also das Nazi-Regime gestürzt, die Verbrecher verhaftet und die Herrschaft des Rechts wiederhergestellt werden. Vor der rechtsstaatlichen Anklage der NS-Verbrecher mussten deren Untaten völlig offengelegt werden, um dem deutschen Volk die Augen über Hitler und seine kriminellen Paladine zu öffnen. Schließlich war die Presse von den Nazis seit vielen Jahren gleichgeschaltet. Das musste ebenfalls vorher beendet werden.


    Erst danach hätte überhaupt eine Re-demokratisierung Deutschlands beginnen können. So viel Realitätssinn sollte man den militärischen Verschwörern doch auch aus heutiger, zunehmend wehrmachtsfeindlicher Sicht zutrauen.


    Gruß, Bodo

    Hallo,


    es ist hier im Forum vielleicht ein wenig untergegangen, doch Demjanjuks Strafverteidiger hat wiederholt versucht, auch die Wehrmacht ins Spiel zu bringen. Ende März erschien im FOCUS ein längerer Artikel über die Strategie von Ulrich Busch.
    Der Verteidiger unterhält demnach zu vielen Ukrainern persönliche Kontakte und soll Zeugen und Gutachter der Staatsanwaltschaft stark verunsichert haben. Insgesamt wurde in dem Artikel Buschs Vorgehen vor Gericht als Erfolg dargestellt.
    Zitat: „Ulrich Busch verteidigt einen mutmaßlichen NS-Schergen. Und er verteidigt laut, aggressiv und ziemlich kaltschnäuzig“


    Nun steht es dem Verteidiger natürlich frei, alles zu versuchen, um seinen Mandanten vor einer Verurteilung zu bewahren. Mir fiel dabei aber auf, dass die Wehrmacht mal wieder als Sündenbock für die Verteidigung des als „Trawniki“ angeklagten Demjanjuk herhalten soll:


    Quote

    Zitat: „Busch scheut sich nicht, Kriegsgefangene, die in dem SS-Ausbildungslager Trawniki zu Hilfskräften für die KZ-Wachmannschaften ausgebildet wurden, mit jüdischen Opfern des Holocausts zu vergleichen. Die provokante These des Juristen: „Als einstige Soldaten in der Roten Armee haben sie sich aus Todesnot im deutschen Kriegsgefangenenlager in den Dienst der Waffen-SS geflüchtet, um zu überleben.“ Weil er so den millionenfachen Judenmord mit dem Massensterben der Gefangenen gleichzusetzen schien, löste Busch gleich zu Beginn des Prozesses eine Empörungswelle aus.“
    (FOCUS Nr. 12/10 vom 22. März 2010, S. 59.)


    Hier der Link zum Artikel:
    http://www.focus.de/politik/de…f-angriff_aid_491703.html
    Die Waffen-SS demnach also eine Retterin für ukrainische Kriegsgefangene? Dass Demjanjuk sich „aus Todesnot“ bei der SS verpflichtet haben könnte, hatten ja auch schon einige Forumsmitglieder vermutet. Ich könnte jedenfalls verstehen, wenn die Staatsanwaltschaft an dieser Darstellung des Verteidigers Zweifel anmeldete. Unter dem Thema „Dulag 203“ hatte ich bereits einige neuere Literaturzitate gesammelt.
    Hier der entsprechende Link:
    http://www.forum-der-wehrmacht.de/thread.php?threadid=16228


    Die neuere Forschung hatte doch gerade gezeigt, dass das bis dahin verbreitete Bild vom Umgang der Wehrmacht mit den sowjetischen Gefangenen korrigiert werden muss (z.B. das von Wolfram Wette propagierte, angebliche „rassenideologische Vernichtungsprogramm“ der Wehrmacht)


    Ferner wäre zu bedenken, dass auf Anweisung Hitlers im Herbst 1941 bereits mehr als 800.000 Ukrainer, Balten und Weißrussen aus den Gefangenenlagern nach Hause entlassen worden waren.
    Das geschah aus politischen Gründen (die Propagandaplakate vom „Befreier Hitler“ wurden an der Ostfront überall verbreitet) und weil Arbeitskräfte für die lebensnotwendige Einbringung der Ernte fehlten. Zehntausende weitere Rotarmisten, darunter viele Russen, waren ohnedies gleich nach ihrer Gefangennahme 1941 als Hilfswillige in die deutsche Wehrmacht eingetreten. Die Waffen-SS und SS-Polizeiverbände suchten wohl erst weit im Hinterland der Front nach einheimischen Helfern, die sie dann auch für Mordaktionen einsetzten.


    Demjanjuk selbst hat in seiner Stellungnahme ein etwas anderes Bild als sein Verteidiger gezeichnet. Das war in einer weiteren Focus-Ausgabe zu lesen:


    Quote

    „Es folgten heftige Vorwürfe. Deutschland sei Schuld, dass er in der Kriegsgefangenschaft zum „Arbeitssklaven“ gemacht wurde, dass Abertausende seiner ukrainischen Landsleute „zur Mitarbeit in perversen Massenvernichtungslagern durch Gewalt und Todesdrohungen gezwungen und Hunderte, die sich weigerten, getötet wurden“. Ob der Angeklagte diesen Hinweis auf sogenannte Hilfswillige in den Konzentrationslagern auch auf sich bezog, blieb offen. Der gebürtige Ukrainer ist angeklagt, 1943 bei der Ermordung von 27 900 Juden in den Gaskammern des Lagers Sobibor geholfen zu haben.“


    http://www.focus.de/politik/de…utschland_aid_498168.html


    Für die bislang ungeklärte Frage, was Demjanjuk getan und was ihn (wenn er wirklich Trawniki war) und andere osteuropäische Täter unter der Anleitung deutscher Kriegsverbrecher motiviert haben könnte, habe ich in einem Buch einen Auszug aus einem früheren Gerichtsverfahren entdeckt. Der am 29.10.1962 Vernommene Roman P. war laut Überschrift „seit 1941 im SS-Lager Trawniki Ausbilder von ukrainischen Hilfswilligen, die die Wachmannschaften der Vernichtungslager stellten und bei Ghettoliquidierungen eingesetzt wurden.“


    Die Aussage ist abgedruckt in dem Quellenband „Deutscher Osten 1939-1945. Der Weltanschauungskrieg in Photos und Texten“, herausgegeben von Klaus-Michael Mallman, Volker Rieß und Wolfram Pyta (Darmstadt 2003), S. 29-30.
    Hier die für das Thema interessantesten Textpassagen:


    Über den Gegenstand und die Entwicklung des Gerichtsverfahrens von 1962 schreiben die herausgebenden Fachleute sonst weiter nichts. Offenbar halten sie aber die zitierte Aussage von Roman P. über die Motive der am Holocaust beteiligten Ukrainer für glaubwürdig.


    Gruß, Bodo

    Hallo Vladimir,


    nochmals Danke für die an manchen Stellen etwas zähe Übersetzung aus dem Russischen. ;)
    Meltuchow schreibt nichts über die schwierige Lage der deutschen Truppen bei Lemberg (Lwow). In deinem Textauszug geht es ja vor allem um die plötzlichen Schusswechsel zwischen Wehrmacht und Roter Armee und die Übergabe der Stadt durch die polnischen Streitkräfte


    Ich glaube trotzdem, dass Sergej Slutsch näher an der Wahrheit ist. Die von Meltuchow erwähnten Scharmützel hat Slutsch nämlich ebenfalls beschrieben. Seine deutschen, polnischen und russischen Quellen waren bestimmt überzeugend und keine Fälschungen, ebenso die Zeitzeugenaussagen im deutschen Fernsehen von 2009. Das Institut für Zeitgeschichte (gehört zur Universität München) hätte Slutschs Arbeit sonst wohl kaum angenommen.


    Ich frage mich nur:
    Wenn Meltuchow eine der größten russischen Autoritäten in diesen Fragen ist, wie du schreibst, warum gibt es dann keines seiner Werke in deutscher oder englischer Übersetzung? Ich konnte keine einzige seiner Publikationen in diesen Sprachen finden. Wichtige Autoren aus Russland werden doch sonst wenigstens mit einem Buch ins Deutsche oder Englische übertragen?


    Das einzige, was ich über Michail Meltuchow gelesen habe, ist ausgerechnet eine vernichtende Kritik durch die russischen Militärhistoriker Andrey N. Merzalow und Ljudmila A. Merzalowa.
    Sie kritisieren Meltuchow, weil er mit schlechten Artikeln die Bücher von Wladimir Resun unterstützt habe:


    Quote

    "In unserem Buch "Stalinizm i vojna" kritisierten wir die grauen und monotonen Artikel von M. Meltuchow, die zur Unterstützung Resuns geschrieben worden waren."


    (Andrey N. Merzalow, Ljudmila A. Merzalowa: Antoine-Henri Jomini - der Begründer der wissenschaftlichen Militärtheorie: Eine Bewertung aus russischer Sicht, Zürich 2004, Zitat Seite 316.)


    Hier findest du den Link zum Zitat (click!)


    Wladimir Resun ist unter dem Pseudonym „Viktor Suworow“ bekannt und hat u.a. die Werke „Stalins verhinderter Erstschlag. Hitler erstickt die Weltrevolution“ und „Der Eisbrecher. Hitler in Stalins Kalkül“ verfasst. Merzalow und Merzalowa bezeichnen Resun sogar noch als bösen Agenten des Westens.


    http://de.wikipedia.org/wiki/Viktor_Suworow


    Quote

    Original von Kosmos
    es arbeiten sehr viele ausländische Geschichtswissentschaftler in russischen Archiven.
    Etwas anderes ist das es unter den Geschichtswissentschaftlern einige gibt denen es um Ideologie geht, nicht um die Wahrheit. Wenn sie in den Archiven keine Bestätigung ihrer Thesen finden dann kommt sofort: man halte die "richtigen" Akten unter Verschluß oder habe sie vernichtet...


    Was Kosmos schreibt, habe mir auch schon russische Bekannte erzählt, die regelmäßig nach Moskau reisen. Angeblich können sie dort in den Archiven alle Dokumente einsehen, die sie anfordern. Was soll man dazu sagen?


    Der US-Historiker Jonathan Brent hatte nach dem Ende der UdSSR (1990er Jahre) für die Yale University Press die Moskauer Archive des Kreml aufgesucht. Daraus entstanden viele Bände der „Annals of Communism“, die Brent herausgegeben hat. Den restriktiven Umgang von russischer Regierung und Geheimdienst mit den wichtigen Dokumenten-Quellen beschreibt Brent in seinem neueren Buch „Inside the Stalin Archives“ (New York 2008). Obwohl es dort Millionen von Dokumenten gibt, sind viele wichtige Stalin¬-Befehle nicht aufgeschrieben oder, wenn sie doch vorhanden waren, in der Zwischenzeit vernichtet worden:


    Quote

    „Answers were, inevitably, not easy to produce. The Central Party Archive alone held some 250 million documents, very few of which might be considered “smoking guns.” Many essential high-level decisions were never written down; some documents had been destroyed.”


    (Jonathan Brent, Inside the Stalin Archives. Discovering the New Russia, New York (Atlas) 2008, Zitat S. 5-6.)


    Außerdem muss vor jeder geplanten Publikation der Inlandsgeheimdienst zustimmen.
    Tatsache ist jedenfalls, dass die Moskauer Archive noch nie vollständig geöffnet waren. Seit der Machtübernahme durch die Putin-Regierung ist sogar eine gegenläufige Bewegung festzustellen: Die Archive werden wieder zunehmend geschlossen.
    „Die meisten von ihnen haben ihre biographischen Wurzeln im KGB, was nach eigenem Bekenntnis das Leben prägt: „Einmal Tschekist – immer Tschekist.“ Putin und seine Mitstreiter sind jeglicher demokratischen Kontrolle entzogen.“ (Dirk Sager: Pulverfass Russland. Wohin steuert die Großmacht?, Berlin (Rowohlt) 2008, Zitat S. 12.)


    Zu den Erfahrungen, die deutsche Wissenschaftler mit der Herrschaft ehemaliger KGB-Agenten machen, möchte ich hier als Beispiel nur die Dissertation von Ulrike Goeken-Haidl zitieren:


    Quote

    „Wie eine Vielzahl anderer Akten zur Stalinismus-Geschichte sind die für das Buch 1996/97 eingesehenen Akten seit dem Machtantritt Putins nicht mehr zugänglich. So gelang gleichsam ein Blick hinter den Eisernen Vorhang, der in dieser Form heute nicht mehr möglich ist.“


    (Ulrike Goeken-Haidl: Der Weg zurück. Die Repatriierung sowjetischer Zwangsarbeiter und Kriegsgefangener während und nach dem Zweiten Weltkrieg, Essen (Klartext) 2006, Zitat aus dem Umschlagtext.)


    Tatsache ist außerdem, dass heute wieder russische Wissenschaftler und Privatpersonen, die über die sowjetischen Verbrechen unter Stalin aufklären wollen, von Behörden und Geheimdienst in Russland verfolgt und unterdrückt werden. Jedes noch so bescheidene Museum oder Gedenken steht unter staatlichem Repressionsdruck. Zum Beispiel in Archangelsk.


    Siehe dazu das Nachrichtenmagazin STERN 20/2010 vom 12. 5. 2010, S. 54-66. „Ein Tyrann kehrt zurück“
    http://www.stern.de/magazin/he…-zahlmeister-1565416.html


    Der Historiker Michail Suprun und der Polizeioberst Alexander Durdajew hatten an der Universität Archangelsk daran gearbeitet, auf Bitten des Suchdienstes des DRK die Schicksale von deutschen Opfern des Stalinismus aufzuklären. Jetzt hat der Geheimdienst beide Forscher kaltgestellt. Sie müssen sich vor Gericht verantworten, und es drohen ihnen hohe Geldstrafen und mehrere Jahre Gefängnis:


    „Manchmal seien ihm gleich zwei Wagen des Geheimdienstes gefolgt, sagt Suprun, so auffällig wie früher.
    „Warum diese Willkür? Der Geheimdienst will die Kontrolle über die Vergangenheit behalten“, sagt Suprun. „Und hier in der Provinz kann man ein Exempel statuieren. Welches Polizeiarchiv wird Wissenschaftlern denn jetzt noch freien Zugang gewähren? Es braucht ja gar nicht viel, einen Fall nur oder zwei, und wir haben verstanden. Dies ist Stalins schreckliche Hinterlassenschaft.““

    (STERN 20/2010 vom 12. 5. 2010, Zitat S. 66.)


    Insgesamt ist das für die Wissenschaft in Russland (und Europa) eine sehr besorgniserregende Entwicklung, wie ich finde.


    Beste Grüße, Bodo

    Hallo,


    Danke für den Zuspruch und auch für die kritischen Fragen! Ich habe aber nie behauptet, ich hätte Stalins Angriffspläne gefunden, wie Vladimir meint:


    Quote


    Hallo Bodo,


    na bin ja gespannt wo hast Du die Pläne gefunden :) ?



    Der schlechte Zustand betraf also die Panzerdivisionen und einen Teil der Infanteriedivisionen. Der Generalstab des Heeres zögerte deshalb, Warschau und andere verteidigte Städte wie Modlin mit Bodenoffensiven einzunehmen. Die Folgen (verheerende Luftangriffe auf Warschau) sind bekannt. Die Partisanenangriffe dauerten ebenfalls an und sorgten für weitere Unsicherheit in den rückwärtigen Gebieten. Auch Modlin mit 90.000 Verteidigern wurde bis zur polnischen Kapitulation Anfang Oktober nicht eingenommen.
    Ich vermute, dass der doppelte Schock, sowohl von den westlichen Alliierten als auch von der vertraglich gebundenen Roten Armee verraten worden zu sein, die polnischen Streitkräfte und ihre Kommandeure zusätzlich entmutigte.


    Ohne den Einmarsch der Roten Armee in Polen hätten sich Hitler und die Wehrmacht wahrscheinlich in größeren politischen und militärischen Schwierigkeiten (Zweifrontenkrieg) befunden. Ob Stalins Griff nach den ostpolnischen Gebieten 1939 kriegsentscheidend war, weiß ich nicht. Aber er gab zumindest Frankreich Gelegenheit, sich gegen die Einlösung der Bündnispflichten für Polen zu entscheiden.


    Gruß, Bodo

    Hallo zusammen,


    weil mein PC streikte, kann ich erst heute einen weiteren Beitrag einstellen. Die Berichte über den „Tag des Sieges“ in Moskau (inklusive Bundeskanzlerin Angela Merkels Dankesbesuch am 9. Mai) haben dem Thema jedoch aktuelle Brisanz verliehen. Am 5. Mai sendete NDR-Info einen wichtigen Beitrag zu den heute noch populären russischen Geschichtsmythen des 2. Weltkriegs
    (Das Forum vom 05.05. 2010: Im Mythos gefangen – Russland 65 Jahre nach Kriegsende).


    Dazu der Link:
    http://www1.ndr.de/podcast/podcast2990.xml


    Und der Download der Sendung:
    AU-20100505-1155-1301.mp3


    Nach den Stellungnahmen der vom NDR interviewten russischen Wissenschaftler gehört der 17. 9. 1939 zu den großen Tabus der russischen Geschichtsschreibung.
    Zitat des Soziologen und Meinungsforschers Lew Gudkow:
    „Das Geschichtsbewusstsein der Menschen in Russland wird erneut nach Legenden und Mythen der Sowjetmacht gestaltet. Der Krieg dient als Rechtfertigung des Stalin-Systems.“


    Und der russische Historiker Jury Afanasjew, Mitbegründer der staatlichen humanistischen Universität, konstatiert:


    Quote

    „Alle Sowjetbürger hatten diesen Krieg als Vaterländischen Krieg wahrgenommen. Alle waren überzeugt, dass dieser Krieg am 22. Juni 1941 begann und am 9. Mai 1945 endete. Und dass die Sowjetunion gegen Deutschland gekämpft hat.
    [...]
    Die Ursachen dieses Krieges sind immer noch tabuisiert, mit Propaganda zugedeckt, falsch verstanden im Bewusstsein der Massen. Sehr viele Menschen wissen nicht, dass die Sowjetunion nicht am 22. Juni 1941 in den Zweiten Weltkrieg eintrat, sondern am 17. September 1939 und zwar an der Seite von Hitler. Das verschiebt die Verantwortung und die Schuld der Sowjetunion.“


    Weder die Staatsführung noch die Mehrheit der Bevölkerung will akzeptieren, dass Sowjetrussland und Nazi-Deutschland gemeinsam den Angriffskrieg vorbereiteten (Stichwort „Geheimes Zusatzprotokoll“ des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes vom 23. 8. 1939). Der über Jahrzehnte gepflegte Mythos von Stalin als Opfer im „Großen Vaterländischen Krieg“ soll auch heute noch erhalten bleiben, wie der russische Schriftsteller Boris Schumatsky im Politischen Feuilleton des Deutschlandradios festgestellt hat:


    Quote

    „Aus der Leugnung eigener Kriegsverbrechen zieht in Russland vor allem der Kreml Nutzen. Der Mythos des gerechten GVK wurde bereits während des Tschetschenien-Krieges wieder gesellschaftsfähig. Heute lernen die russischen Schüler, dass es keine sowjetische Besatzung Polens und Baltikums gab. Sie lernen auch, dass Stalin ein erfolgreicher Manager war. Es entsteht eine stickige Atmosphäre des Nationalstolzes, in der ich es einst nicht ausgehalten habe.“


    Quelle: Die Verstaatlichung der Kriegserinnerung, 31.08.2009, unter:
    http://www.dradio.de/dkultur/s…ischesfeuilleton/1025067/


    Auch Angela Merkel hätte sich vor ihrem Dankesbesuch in Moskau am 9. Mai darüber informieren können, dass sogar der sowjetische Außenminister W. Molotow großen Wert auf das gemeinsame deutsch-sowjetische Vorgehen legte, z.B. in einer Rede vor dem Obersten Sowjet am 31. Oktober 1939. Zur Zerschlagung Polens führte Molotow aus:


    „Ein schneller Schlag der deutschen Wehrmacht und der Roten Armee – und nichts blieb übrig von diesem scheußlichen Gebilde des Versailler Vertrages.“
    (Zitiert nach Henryk Ochorowicz, Zwischen den Mahlsteinen. September 1939, in: Viktor Karelin, Der längste Marsch. Ein Kampf um Freiheit, 1976, S. 22-38, hier S. 22)


    • Das NS-Regime begrüßte die Rede Molotows mit großer Genugtuung. Molotow hatte darin England und Frankreich als Kriegstreiber dargestellt, während er Deutschland als friedenswillig bezeichnete. Joseph Goebbels notierte daher am 2. 11. 1939 in sein Tagebuch: „Molotow hat gesprochen. Sehr stark für uns… Wir können mit dieser Rede zufrieden sein.“ Eine gute Woche später ließ Goebbels bereits 2 Millionen Flugblätter mit Molotows Rede über Frankreich abwerfen.


    Am 30. 11. 1939, dem Tag des sowjetischen Angriffs auf Finnland, erschien in der wichtigsten sowjetischen Zeitung Prawda außerdem eine Stellungnahme Stalins, nach der „nicht Deutschland England und Frankreich angegriffen“ habe, sondern diese hätten vielmehr „Deutschland angegriffen und damit die Verantwortung für den gegenwärtigen Krieg auf sich genommen“. Hitlers Nazi-Regime freute sich auch über Stalins weitere Ausführungen in der Prawda:


    „Die herrschenden Kreise Frankreichs und Englands haben beide Friedensvorschläge Deutschlands und die Bemühungen der Sowjetunion um eine rasche Beendigung des Krieges in gröblichster Weise zurückgewiesen.“
    (Zitiert nach Sergej Slutsch, 17. September 1939: Der Eintritt der Sowjetunion in den Zweiten Weltkrieg, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 48 (2000), S. 238.)

    • Berlin hatte von Anfang an auf die schnelle Unterstützung der sowjetischen Invasionsarmee gedrungen, da die Wehrmacht nach dem Einfall in Polen auf größere Probleme stieß als sie vorher erwartete hatte. Die polnische Militärregierung kannte Hitlers Pläne, außerdem hatte Deutschland ja den Nichtangriffsvertrag vorher aufgekündigt. In dem Buch „Blitzkrieg. Eine Strategie macht Geschichte“ zitiert der britische Historiker Charles Messenger einen polnischen Stabsoffizier, der die Verteidigungsmaßnahmen der polnischen Luftwaffe mehrere Tage vor dem deutschen Angriff beschreibt:


    Quote

    „Die deutsche Luftwaffe tat genau das, was wir erwartet hatten. Sie griff unsere Flugplätze an und versuchte, unsere Maschinen am Boden zu vernichten. In der Rückschau erscheint es ziemlich naiv, daß die Deutschen geglaubt haben, daß wir nach den Tagen der politischen Hochspannung und ihren eigenen offensichtlich aggressiven Absichten unsere Einheiten an ihren Friedensflugplätzen hätten sitzen lassen.
    Tatsache ist, daß am 31. August keine einzige dienstfähige Maschine dort geblieben ist. In den vorausgehenden 48 Stunden waren wir alle auf Notflugplätze verlegt worden. Als Ergebnis schlug der einleitende deutsche Luftangriff völlig fehl.“
    (Zitiert nach Charles Messenger: Blitzkrieg. Eine Strategie macht Geschichte, Herrsching 1989, S. 173f.)


    Einen vergleichbaren Fehlschlag gab es auch beim tragischen Luftangriff auf die Grenzstadt Wielun. Die von der Wehrmacht dort vor dem Angriff festgestellten Truppen, eine polnische Division und eine Kavalleriebrigade, hatten die Stadt am 1. September bereits wieder verlassen. Die deutschen Bomben trafen daher in dichtem Nebel nicht die vorgesehenen militärischen Ziele, sondern forderten zahlreiche Opfer unter der Zivilbevölkerung. Trotz der heutigen moralischen Verurteilung stellte dieser fehlgeschlagene Luftangriff damals keinen Verstoß gegen das Kriegsvölkerrecht dar
    (vgl. Horst Boog, Bombardierung der polnischen Grenzstadt Wielun am 1.9.1939, in: Franz W. Seidler / Alfred M. de Zayas (Hrsg.), Kriegsverbrechen in Europa und im Nahen Osten im 20. Jahrhundert, Hamburg u.a. 2002, S. 136).


    Im Gegensatz zur Wehrmacht stieß die Rote Armee nur auf geringen Widerstand der völlig überraschten polnischen Truppen. Die sowjetischen Verluste betrugen lediglich 1139 Gefallene, die Wehrmacht hatte 10.572 (und 3404 Vermisste). Man kann hier tatsächlich von einem sowjetischen „Überfall“ sprechen, da nach den gültigen Verträgen Polen sogar eine massive sowjetische Unterstützung gegen Deutschland erwarten konnte. Und keinesfalls den plötzlichen Angriff. Denn außer dem gegenseitigen Nichtangriffsvertrag bestand nach wie vor auch der genannte Unterstützungsvertrag zwischen beiden Staaten.


    Bekanntlich war der polnisch-sowjetische Nichtangriffspakt erst im November 1938 für sieben Jahre erneuert worden, außerdem hatte der stellvertretende sowjetische Außenminister Potemkin im Frühjahr 1939 in Warschau Waffenlieferungen für den Fall eines Krieges gegen Deutschland zugesagt. Nach der Invasion dachten viele Polen deshalb anfangs noch an eine sowjetische Militärhilfe.
    (Quelle: Sergej Slutsch, 17. September 1939: Der Eintritt der Sowjetunion in den Zweiten Weltkrieg, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 48 (2000), S. 249f.)


    So ist es nur allzu verständlich, dass Stalin die deutsch-sowjetische Zusammenarbeit bei der Zerschlagung des polnischen Staates als eine „mit Blut besiegelte Freundschaft“ bezeichnete
    (Aus Stalins Telegramm an den deutschen Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop laut Prawda vom 25. 12. 1939, zitiert nach Slutsch, S. 254).


    Beste Grüße, Bodo