Posts by Bodo Franks

    Hallo Wirbelwind und Chattius,


    Danke für eure Beiträge, sehr interessante Aspekte, besonders über Chattius' Großvater im I. Weltkriegs-Soldatenmantel.


    Mein Grossvater sagte er sei vom Eisernen Heinrich beschossen worden als er Kindersärge nach einer Epidemie zu einer Sammelstelle brachte. Sein Pferd scheute und der Wagen kippte um. Der Pilot hat dann die offenen Särge gesehen und ist abgedreht. Mein Opa sagte: Alter Weltkriegs 1 Mantel, selbstgezimmerte Särge die wie Munitionskisten aussahen, konnte dem Piloten keine Absicht vorwerfen.

    Die offenen Särge könnten eine Erklärung sein, vielleicht hatte der Pilot aber auch Angst vor "friendly fire"? Könnte er den Mann im altmodischen Militärmantel womöglich für einen alliierten Kriegsgefangenen gehalten haben? Der mit dem Leichentransport beauftragt war?

    Ich habe schon mehrmals gelesen, daß angloamerikanische Kampfflieger eigene Kriegsgefangene zu Fuß oder im Zugtransport beschossen und nicht selten auch getötet haben.

    Neulich erst in der Forschungsarbeit von Theodor Seidel (Kriegsverbrechen in Sachsen. Die vergessenen Toten von April /Mai 1945, Leipzig (4. Auflage) 2016) konnte man ja allein in Westsachsen von fünf getöteten französischen Kriegsgefangenen lesen:


    Seidel weist auch hier an Hand von Zeugenaussagen und den Kirchenbüchern Sachsens
    für den Zeitraum vom 1. bis 25. April 1945 nach, dass es mindestens vierundzwanzig gezielte Angriffe
    auf Einzelpersonen sowie neun auf Busse und Personenzüge gegeben hat. Viele konnten unverletzt entkommen,
    unter den insgesamt knapp 100 recherchierten Toten in Westsachsen waren neben Frauen und Kindern auch 5 französische Kriegsgefangene."

    http://gedenkbibliothek.de/dow…3._erw._Ausgabe_2013_.pdf


    Wo wir gerade beim Thema der zivilen Opfer sind, möchte ich noch aus dem Tagebuch der Krankenschwester Helene Mierisch zitieren.

    Dort geht es an einer Stelle auch um den tragischen Tod eines betagten Großvaters (Selbstbezeichnung "Mummelgreis") durch einen US-Tieffliegerangriff auf eine Fläche mit Gartengrundstücken (kriegswichtige Produktion?).

    Zitat des späteren Opfers:

    ""Lächerlicher Kram", brummelte der Alte, "bin ich alter Mummelgreis vielleicht noch kriegswichtig, he?""

    Am selben Tag gab es im Bereich der Privatgärten zahlreiche weitere Opfer, wie sich später abends herausstellte.


    Helene Mierisch leistete im Krieg jahrelang freiwilligen Lazarettdienst und hat auch die Folgen der alliierten Tieffliegerangriffe ausführlich geschildert. Schon im I. Weltkrieg war sie als Kriegskrankenschwester an der West- und Ostfront eingesetzt und hatte darüber ein bekanntes Buch "Kamerad Schwester 1914-1918" veröffentlicht. Einige verwundete Soldaten sprachen sie darauf an, gelegentlich gab es sogar ein trauriges Wiedersehen mit bereits im I. Weltkrieg verwundeten älteren Heeressoldaten.


    Zum Lebenslauf von Helene Mierisch findet man unter dem Rot-Kreuz-Museum Beierfeld recht ausführliche Informationen.

    Im Anhang unten ein Foto des Buchtitels als Exponat des Monats im RK-Museum.

    Link:

    http://www.drk-beierfeld.de/ex…at_des_monats_august.html


    Im März 1945 befand sie sich im Südwesten Deutschlands in einem Lazarett für Schwerverwundete im Raum Mannheim-Ludwigshafen.


    Quote

    "21. 3. 1945.

    Die Luftnot wird immer beängstigender in der "Einzeljagd". In keiner Straßenbahn ist man mehr sicher davor, sogar unser "hochstrategisches" Bimmelbähnchen nach Weinheim hatte am Sonntag Tote. Zum Lazarett laufe ich daher lieber die halbe Stunde durch die feldmäßig angelegten Gärten.

    Die Bauern können nur nachts arbeiten, sogar Mondschein ist sehr unbeliebt. Aber auch da gibt es Schocks, seit unverantwortliche Kommandos den Sieg noch retten wollen, indem sie "zum Abschrecken" für Deserteure an den Stadtzugängen erschossene Soldaten an Bäume aufhingen."

    (Helene Mierisch, Ärzte, Schwestern und Soldaten. Erlebtes aus zwei Weltkriegen, Biberach/Riß, S. 354-355.)


    Auf dem Weg zum Lazarett begegnete sie dem alten Großvater, der bei der Gartenarbeit war, und sie hat darüber geschrieben:


    "Heute früh zogen nur zwei silberschimmernde Jabos ruhige Schleifen über den Gärten.

    Ich setzte aber doch vorsichtshalber die weiße Haube ab, zog den blauen Mantel über,

    obwohl er mir viel zu warm wurde und pirschte mich so von Baum zu Baum meinem Arbeitsziel zu;

    denn schließlich wartete man ja dort.


    Ein alter, weißhaariger Großvater ließ sich dagegen im Bodenumgraben nicht stören, im Gegenteil, ihn belustigte meine Vorsicht, wegen eines Jabos unter einem Baum Wurzeln zu schlagen, offenbar sehr.

    "Sie hawwe wohl Aengscht?", rief er mich foppend an. -


    "Wenn ich die hätte, würde ich zu Hause geblieben sein", lachte ich zurück, "aber was nützt dem Lazarett eine tote Schwester? Doch ich würde Ihnen dringend raten, erst dann weiter umzugraben, wenn die Jabos abgebraust sind." -


    "Lächerlicher Kram", brummelte der Alte, "bin ich alter Mummelgreis vielleicht noch kriegswichtig, he?"


    Als ich nachmittags denselben Weg müde und abgespannt heimwärts ging, zogen ein paar alte, ebenso müde Männer

    vor mir einen Karren her, von dem so merkwürdige Stiefel an steifen Beinen unter Säcken hervorschauten.

    Und an der Gartenecke, wo der Großvater morgens noch seinen Scherz mit mir getrieben hatte, hielten sie an.

    Die Beete waren fast fertig, die erste Saat aber war der von oben abgeknallte alte Mann.


    Auf dem Karren lag bereits die weitere Beute der Jabo-Treibjagd vom halben Tag.

    "Noch lange nicht alle", sagten ungefragt die Männer, steckten die neue Last unter die Säcke und zockelten weiter.

    Die Achtung vor dem Menschenleben, die Liebe überhaupt, scheint gestorben zu sein.


    22. 3. 1945.

    Welch' ein Glück haben die Patienten unserer Abteilung, daß sie jetzt gerade der alteingewohnte Oberarzt O. führt,

    mit seiner klassischen Ruhe, Zuverlässigkeit und bei aller Inanspruchnahme doch gütigem Herzen.

    Chirurgische und menschliche Belastungen ohnegleichen bürdet die Gesamtlage jetzt den Ärzten auf,

    daß man kaum noch weiß, wann sie überhaupt einmal zum Schlafen kommen."


    (Helene Mierisch, Ärzte, Schwestern und Soldaten. Erlebtes aus zwei Weltkriegen, Biberach/Riß, S. 354-355.)


    Soviel an dieser Stelle vielleicht über die persönlichen Erfahrungen einer seit langem mit den Schrecken des Krieges vertrauten Krankenschwester im sogenannten "Heimatkriegsgebiet".


    Gruß

    Bodo

    Moin Jürgen,

    das sind ja schlimme Erfahrungen, die Du mit den Besatzungstruppen gemacht hast. Der Vater eines meiner Klassenkameraden war als BW-Standortkommandant lange mit US-Truppen in einer Kaserne und hat damals (Mitte der 1980er Jahre) auch kein gutes Haar an ihnen gelassen. Er meinte, im Vergleich mit der Bundeswehr seien das überhaupt keine brauchbaren Soldaten. Nur die US-Spezialeinheiten wären im Verteidigungsfall wirklich einsatzbereit gewesen. Inzwischen hat die BW ja wohl auch weitgehend "abgerüstet", wenn man die Presseberichte über vielfältige Mängel verfolgt.


    Moin Bodo,


    die Briten waren genauso wenig "ritterlich" wie alle anderen Alliierten. Wie man oben offiziell nachlesen kann, waren das - ich sags jetzt einfach so - "die letzten Drecksäcke"! Sie wollten und konnten mit den von ihnen selbst aufgestellten Regeln mit uns machen, was sie wollten. Und das taten sie ja auch zur Genüge ...

    Und den Amis in Deinem Beispiel kam doch jeder, noch so absurde (da nicht im voraus beweisbarer) Verdacht gerade recht, um mit ihren deutschen Opfern umgehen zu können, wie es ihnen beliebte.

    Ja, das wiederholt völkerrechtswidrige Verhalten britischer Soldaten kann ich nach meiner Kenntnis zeitgenössischer Berichte bestätigen.

    Als mein Vater einige Tage nach dem 8. Mai 1945 in Neustadt/Holstein mit anderen Soldaten an Land ging, warteten bereits britische Infanteristen darauf, den Deutschen die Armbanduhren gewaltsam abzunehmen.


    Das erlebten auch deutsche Zivilisten beim Einmarsch der Briten in Hamburg. Richard Tüngel, Mitbegründer und Chefredakteur der Wochenzeitung Die Zeit (damals noch ein sehr angesehenes Blatt), wartete an der Straße mit einem Freund (der von den Nazis verfolgt worden war) auf die Ankunft der Briten und mußte als erstes die Armbanduhr aushändigen (wahrscheinlich in britischen Augen gefährliches kriegsverwendbares Gut):


    "So war es also. Da war ich vierzehn Tage vorher aus Berlin mit Müh und Not vor den Russen geflüchtet und freute mich auf eine gute Zusammenarbeit mit unseren demokratischen Siegern, und dies war die erste Begegnung. Robert und ich setzten uns in sein Wohnzimmer, entkorkten die letzte Flasche französischen Kognak, mit der wir eigentlich unsere Befreier hatten begrüßen wollen, und sahen uns ziemlich verzweifelt an.

    Er war von den Nazis ins Zuchthaus geworfen und später in ein Arbeitslager gesteckt worden; mich hatten sie 1933 von meinem Posten beim Hamburger Staat davongejagt, und ich hatte in Berlin ein ziemlich verwegenes Leben führen müssen.


    Unsere Enttäuschung war eine heilsame Vorbereitung für vieles, das in den nächsten Jahren kommen sollte. [...]"


    (Richard Tüngel, Hans Rudolf Berndorff, Auf dem Bauche sollst du kriechen. Deutschland unter den Besatzungsmächten, Hamburg 1958, S. 9.)

    Link zum sehr interessanten Buch, das 2004 als "Stunde Null" neu veröffentlicht wurde:

    Auf dem Bauche sollst du kriechen. Deutschland unter den Besatzungsmächten


    "Auf dem Bauche sollst du kriechen" ist glaube ich ein Zitat aus der Bibel.

    Unter dem Thread über "US-Tieffliegerangriffe" hatte ich eine Notiz von Churchills Privatsekretär John Colville zitiert, wonach Feldmarschall Montgomery seinem Stab sogar allgemeine "Beutezüge" im verbündeten Frankreich erlaubt hatte.


    Der spätere Brigadegeneral Leopold Oliver Russell war u.a. deswegen (aber auch wegen unnötiger Bombenangriffe auf französischer Städte) aus Montgomerys Stab zurückgetreten. Und weil Montgomery (Zitat) "im Inneren "ein Faschist" sei":


    "Dienstag, 3. Oktober [1944]

    Der zäher werdende Widerstand der Deutschen wirkt dämpfend auf alle vorschnellen Erwartungen und hat unvermeidlicherweise Einfluß auf unsere weitere Strategie.


    Beim Dinner mit Lady Ampthill waren Guy, Leo und Phyllis Russell anwesend. Leo erzählte mir, er sei aus Montgomerys Stab in Frankreich ausgetreten,

    a) weil er nicht mit der Bombardierung französischer Städte einverstanden war, die vom militärischen Standpunkt aus zum großen Teil unnütz gewesen sei,

    b) weil Monty seinem Stab erlaubt habe, Beute zu machen, und Leos Proteste dagegen zurückwies, und

    c) weil Monty im Inneren "ein Faschist" sei."


    (John Colville, Downing Street Tagebücher 1939-1945, Berlin 1988, S. 374.)


    Beste Grüße

    Bodo

    Hallo zusammen,


    um noch einmal einen Nachtrag zur neulich angesprochenen Doktorarbeit von Klaus Jochen Arnold (Untertitel "Kriegführung und Radikalisierung im Unternehmen Barbarossa") anzubringen; es passt gerade so gut zu Arnds Lektüre:

    Ich lese zur Zeit

    Kalkulierte Morde von Christian Gerlach

    Ca.1200 Seiten anstrengend zu lesen!

    Bin noch am Anfang !


    Warum wurde Arnold in Rezensionen von Kühne, Dieckmann, Pohl und Gerlach angegriffen, aber von Peter Hoeres viel und Christian Hartmann teilweise gelobt?


    Hoeres hat das aus dem Forschungshauptstrom Hervorragende an Arnolds Arbeit in seiner Rezension klar benannt:


    "Dies liegt zum einen an der äußerst umfangreichen Auswertung der Quellen, vornehmlich aus dem Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg. Zum anderen an der mit großer Sorgfalt betriebenen Quellenkritik und an dem multifaktoriellen Zugriff auf das Thema.

    Damit überwindet Arnold die in der Forschung zu Recht beklagte perspektivische Verengung auf die Wehrmacht im „Unternehmen Barbarossa“. Anders ausgedrückt, Arnold gibt dem Feldzug gegen die Sowjetunion den Charakter eines sich reziprok brutalisierenden und radikalisierenden Krieges zurück."

    https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-5647


    Am Beispiel Christian Gerlachs läßt sich zeigen, welche wunden Punkte Arnold in seiner eingehenden Quellenanalyse getroffen hatte.

    Gerlach hat zu Arnolds Buch geschrieben:


    Gerlachs letztgenannter Kritikpunkt, das Fehlen sowjetischer Sekundärliteratur, hat wohl den Grund der oftmals geringen Verlässlichkeit.

    Das hat z.B. Bernd Bonwetsch, der Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Instituts Moskau, nach der erstmaligen Öffnung der russischen Archive hervorgehoben:


    "Wenn in der gegenwärtigen Geschichtsdebatte der Sowjetunion wie überhaupt im öffentlichen Bewußtsein der Krieg eine große Rolle spielt, so ist das kein Wunder. Viele derjenigen, die sich an dieser Debatte beteiligen, sind Kriegsteilnehmer. Sie sind immer noch auf der Suche nach 'ihrem' Krieg.


    Derjenige die die Historiker "erschrieben" haben, habe mit demjenigen, an dem er teilgenommen habe, wie der Schriftsteller Viktor Astaf'ev es formulierte, "nicht das geringste zu tun".

    Das rührt vor allem von der sattsam bekannten Praxis der "Beschönigung" (priukrasivanie) her, die die sowjetische Geschichtswissenschaft alles aus den Darstellungen hat entfernen lassen, was einen Schatten auf die Sowjetvergangenheit hätte werfen können. [...] Jeglicher Realismus war aus der dargestellten Realität verbannt worden."


    Bernd Bonwetsch, Der "Große Vaterländische Krieg" und seine Geschichte, In: Dietrich Geyer (Hrsg.), Die Umwertung der sowjetischen Geschichte, Göttingen 1991, S. 167 f.


    Ein Beispiel für einen strittigen Punkt in Gerlachs Buch sind die Opfer des Partisanenkrieges im Jahr 1941.

    Hoeres hat dazu geschrieben:

    Quote

    [2] Arnold wagt für den Partisanenkrieg im mittleren Bereich der Ostfront den Versuch einer Quantifizierung (zwischen Juni 1941 und Mai 1942 3.248 Verluste auf deutscher Seite und 17-23.000 getötete Partisanen oder Rotarmisten, zwischen Juni 1942 und Juni 1944 25.130 deutsche Verluste und 77.191 auf sowjetischer Seite). Weitere Quantifizierungen werden Aufgabe für die Zukunft sein.

    https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-5647

    Arnold widerlegt damit Gerlachs Behauptung, alle gefangenen Partisanen seien von der Wehrmacht erschossen worden.

    Wobei sich Gerlach in seinem Buch später selbst widerspricht, wenn er von 63.000 gefangenen Partisanen die Zahl von 23.000 als in Gefangenenlager eingebrachte nennt:


    "So Gerlach, S. 875 f. und 879. Er behauptet, daß sich deren Tod "aus anderen Quellen ergebe" und meint, daß nur entflohene und wiederaufgegriffene Gefangene nicht "generell" umgebracht worden seien. Belege werden nicht angeführt. Auf S. 879 widerspricht er eigenen Thesen, indem er anführt, daß sich unter den zuvor als Todesliste interpretierten Zahlen Zehntausende befanden, die an Dulags [Durchgangslager] abgegeben worden seien. Er führt deshalb "nur" 40 000 aus dieser Zahl (63 000) als Erschossene an. [...]"

    (Klaus Jochen Arnold, Die Wehrmacht und die Besatzungspolitik in den besetzten Gebieten der Sowjetunion. Kriegführung und Radikalisierung im „Unternehmen Barbarossa“, Berlin 2005, S. 475, Anmerkung 371.)


    Interessant ist Gerlachs Behauptung, die Wehrmacht hätte eine Verschwörung inszeniert, indem sie Erschossene nur als Gefangene ausgewiesen habe. Das knüpft an die Darstellung des am Ende abgesetzten Leiters der 1. Wehrmachtsausstellung (an der Gerlach prominent beteiligt war) Hannes Heer ("Verwischung der Spuren") an, den dieser in der Rezension als "einschlägigen Autor" empfiehlt.


    Dabei ist Heer mehrfach der Geschichtsfälschung überführt worden, z.B. hier

    "Um die angebliche Gesamtschuld der Wehrmacht zu belegen, fälschte Reemtsmas Mitarbeiter Heer die Geschichte des Massenmordes im Ghetto von Nieswicz...

    In seinem parallel zur Ausstellung erschienenen Buch „Vernichtungskrieg“ geht Heer bei seiner Fälschung ins Detail."

    https://www.focus.de/politik/d…ustration_aid_163935.html


    oder hier dargestellt von Roman Töppel: Wehrmacht in der NS-Diktatur (Rezension):


    Quote

    Wie Peter Lieb in der Nachbemerkung zu seinem Beitrag (303f.) festhält, hat Hannes Heer Stellen im Tagebuch des Kommandeurs des Infanterieregiments 747, Oberst Carl von Andrian, sogar erfunden (!), um zu belegen, dass Andrian über Judenerschießungen im Voraus informiert gewesen sei. So etwas bezeichnet man im Allgemeinen als Geschichtsfälschung.

    http://www.sehepunkte.de/2010/07/17107.html

    Weiter schreibt Toeppel:

    "Im Gegensatz zu den holzschnittartigen und einseitigen Aussagen der "Wehrmachtausstellung" und der in ihrem Umfeld entstandenen tendenziösen Veröffentlichungen zeigen die Publikationen des Projekts "Wehrmacht in der NS-Diktatur", dass der Krieg im Osten sehr facettenreich war und dass es "die Wehrmacht" so gar nicht gab. Es handelte sich um ein sehr heterogenes und vielschichtiges Gebilde mit immerhin 18 Millionen Angehörigen, das sich jeder pauschalisierenden Aussage entzieht. Dies gilt nicht nur hinsichtlich ihrer Struktur, ihrer Weltanschauung und ihrer Einsätze, sondern auch ihrer Verbrechen."

    http://www.sehepunkte.de/2010/07/17107.html


    Klaus Jochen Arnold hat mit seiner Dissertation also mehrere "tendenziöse" Veröffentlichungen widerlegt und z.B. auch fehlerhafte Schlussfolgerungen des ebenfalls an der Wehrmachtsausstellung (und der "Überprüfungskommission") beteiligten Christian Streit offengelegt.

    Deshalb ist es auch kein Wunder, dass viele Forscher (wie eben auch Christian Gerlach) Arnold lieber nicht positiv rezipieren wollten.


    Gruß

    Bodo

    * Wagnis und Fügung: Anfänge einer theologischen Biographie
    von Heinz Eduard Tödt


    Hallo Rüdiger,


    das Werk von Heinz Eduard Tödt kenne ich auch, ein sehr interessantes Buch mit sehr vielen Einzelheiten zu seinen Kriegserfahrungen.

    Gerade auch über die schlimmen Kämpfe um den Kessel von Demjansk.


    Ich habe aber noch eine spätere Erfahrung (1944) eines Wehrmachtsoffiziers mit unsicheren Luftwaffen-Felddivisionen gefunden.

    In dem Sammelband "Krieg. Erzählungen aus dem Schweigen. Deutsche Soldaten über den Zweiten Weltkrieg" von Carl Schüddekopf berichtet Heinrich Asmussen aus Flensburg über seinen letzten Einsatz als Kompaniechef, bevor er schwer verwundet wurde.

    Schuld war ein befohlener Gegenstoß, um in die Stellung der LW-Felddision eingebrochene Sowjetkompanien zurückzuschlagen.


    Mit 20 Jahren war Asmussen Reserveoffizier geworden. Sein Einsatz beginnt im November 1943 bei der 30. Infanteriedivision (seine frühere Einheit, der er als einfacher Soldat Jahre angehört hatte) südlich von Staraja Russa. Im Januar/Februar 1944 lag seine Kompanie neben einer Einheit der 21. Luftwaffenfelddivision.


    Der Kompaniechef der benachbarten Luftwaffensoldaten war vorher "Wetterfrosch" (Wetterdienstleiter), der hilflose Zugführer, mit dem Asmussen vor dem russischen Angriff sprechen konnte, 14 Jahre Berufsmusiker in der Militärmusik (Oboe) gewesen.

    War das schon das letzte Aufgebot der 21. Luftwaffen-Felddivision, wenn solche Soldaten an verantwortliche Stellen versetzt wurden?


    Seltsamerweise hatte der unerfahrene LW-Kompanieführer die von Asmussen angebotene Hilfe durch kriegserfahrene Heeressoldaten beim Stellungsbau brüsk abgelehnt.

    Vielleicht wähnte er sich durch die nominelle Feuerkraft seiner Truppe (viele MG) auf der sicheren Seite?


    Zu den Umständen des unqualifizierten Stellungsbaus dieser Nachbareinheit von der Luftwaffe berichtet er weiter:


    "Als ich ankam, sah ich, wie sie gerade ein leichtes Maschinengewehr aufbauten. Ich fragte, "was macht ihr denn hier? Hier habt ihr doch gar kein Schußfeld."

    Einer von denen kam auf mich zu und sagte, "kann ich Sie mal alleine sprechen?"

    Wir gingen also ein gutes Stück zur Seite, und dann sagte er, "ich bin hier der Zugführer, aber ich habe die vierzehn Jahre zuvor die Oboe in der Regimentsmusik geblasen."

    Solche Leute holte man nun an die Front, und auf Grund seines Dienstgrads hatten sie ihm einen Zug angedreht. Er hatte keine Ahnung.

    Ich sagte, "wo ist denn Ihr Kompanieführer, der muß doch nach rechts Verbindung aufnehmen?" - "Ja", sagte er, "das ist ein Oberinspektor von den Wetterfröschen."


    Eine Kompanie unter der Führung eines Wetterfroschs, und vielleicht hatte nicht nur einer der Zugführer die letzten vierzehn Jahre die Oboe geblasen!

    Ich hab gesagt, "ich schick Ihnen paar Obergefreite rüber, alte Hasen, die euch das hier einrichten."


    Die kamen aber zurück, dieser Oberinspektor hatte sie weggeschickt. Es dauerte nur zwei Tage, dann hatte der Russe spitz, wer ihm gegenüberlag, er trommelte ganz kurz auf dieses Stück, und dann schmiß er sie raus."


    (Carl Schüddekopf, Krieg. Erzählungen aus dem Schweigen. Deutsche Soldaten über den Zweiten Weltkrieg, Reinbek 1997, S. 242-245.)


    Asmussens Urteil ist natürlich ziemlich hart, aber er mußte ja auch einen hohen Preis für diese stümperhaften Einsatzbefehle der obersten Führung zahlen. Das wird deutlich, wenn Asmussen die Umstände seiner mehrfachen schweren Verwundung beim Gegenstoß schildert, bei dem die Luftwaffen-Feldsoldaten seine Kompanie erneut im Stich lassen (u.a. als Folgen für ihn selbst: gelähmter Arm, Beinamputation):


    "Wir hatten also die Hauptkampflinie wieder hergestellt, aber die Russen saßen auf beiden Seiten.

    Die Luftwaffe hätte sie rausdrücken sollen, aber es passierte nichts."



    Übrigens steht ja zur Ausgangsfrage auch im Lexikon der Wehrmacht: Die Divisionen wurden bevorzugt mit neuen Waffen und Material ausgestattet und ohne Ausbildung an die Front verlegt. Dort erlitten sie schwere Verluste.

    http://www.lexikon-der-wehrmac…divisionen/Gliederung.htm


    Diese Erfahrung mußte dann leider auch Heinrich Asmussen als direkter Nachbar der 21. Luftwaffen-Felddivision machen.


    Grüße

    Bodo

    Hallo Alexander,


    Rüdiger hat ja schon einiges geschrieben. Ich möchte Dir noch das Buch des Historikers Bogdan Musial empfehlen, "Konterrevolutionäre Elemente sind zu erschießen." Die Brutalisierung des deutsch-sowjetischen Krieges im Sommer 1941.


    Dort werden auch die Inhalte und Wirkungen von Feldpostbriefen zu den sowjetischen Rückzugsverbrechen (wie in dem Brief von Deinem Großvater) beschrieben. Allein im sowjetisch besetzten Ostpolen wurden im Sommer 1941 vor und während des Rückzugs der Roten Armee bis zu 24 000 politische Gefangene ermordet.

    Hier der Link zum Buch bei Amazon:

    https://www.amazon.de/Konterre…volution%C3%A4re+elemente


    Zum Inhalt hier einmal der Umschlagtext des Buches:

    Quote

    Der 22. Juni 1941 ist ein zentrales Datum in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs. An diesem Tag begann der Feldzug der deutschen Wehrmacht gegen die Sowjetunion, der an Brutalität alles Bekannte übertraf. zeitgleich setzte in den eroberten Gebieten die systematische Ausrottung von Juden ein. Die bisherige Forschung konzentrierte sich auf die deutsche Seite dieser Verbrechen. Weitgehend unberücksichtig blieb die Tatsache, dass die Sowjets auf ihrem Rückzug zahlreiche Massenverbrechen begingen, an politischen Gefangenen wie auch an der polnisch-ukrainischen Zivilbevölkerung.


    Bogdan Musial hat die bisher unzugänglichen osteuropäischen Quellen erstmals systematisch erschlossen. Minutiös rekonstruiert er die Ereignisse jener Wochen und weist nach, dass zwischen den vom sowjetischen Geheimdienst NKWD verübten Massenmorden und der Brutalisierung des Krieges im Osten eine fatale Wechselwirkung bestand. Nicht selten waren Wehrmachtsverbrechen eine direkte Antwort auf die NKWD-Gräuel. Auch die immer noch umstrittenen Anfänge des Holocaust erscheinen in neuem Licht.

    Mehrere Fotos der durch deutsche Soldaten aufgefundenen NKWD-Opfer konnte man dann ausgerechnet in der ersten sogenannten Wehrmachtsausstellung als Beispiele für Wehrmachtsverbrechen sehen:


    Quote

    "Jetzt steht fest: Reemtsma und sein Ausstellungsleiter Hannes Heer deklarierten etliche Opfer der sowjetischen Terrortruppe NKWD als Wehrmachtsopfer. Jetzt steht fest: Die Ausstellung übernahm Bilder mit irgendwelchen Bildlegenden aus irgendwelchen Archiven – massenhaft und ungeprüft. Heer und Reemtsma, zwei unerschrockene Heroen der Volksaufklärung, sind entzaubert als Schlamper und Stümper. Für den Berliner Historiker Jörg Friedrich ist die Schau nur noch eine „primitive Tendenzveranstaltung“."


    https://www.focus.de/politik/d…lettanten_aid_178493.html

    Ausgerechnet diese Fotos hatten dann auch besonders emotionale Reaktionen der Besucher hervorgerufen.

    Der SPIEGEL schrieb damals kritisch über "Landser vor Leichenbergen", welche die Ausstellungsthesen beweisen sollten.

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-17817453.html


    Ich habe hier einen kurzen Auszug zum Thema Feldpostbriefe, um einige Kernpunkte bei Musial zu nennen:


    "Reaktionen deutscher Soldaten


    Im Reich stützten Feldpostbriefe die Glaubwürdigkeit der Propaganda. Daher ist die Frage von Bedeutung, wie die deutschen Soldaten die sowjetischen Verbrechen wahrnahmen und auf sie reagierten. Sie waren schließlich unmittelbar mit ihnen konfrontiert, und nicht selten gehörten Kameraden von ihnen zu den Opfern.


    Deutsche Soldaten als Augenzeugen


    Grundlage für die folgenden Überlegungen sind zeitgenössische Aussagen, vor allem Feldpostbriefe deutscher Soldaten.

    [...]

    Die Nachrichten über die sowjetischen Verbrechen verbreiteten sich blitzschnell in der Truppe. Manchmal waren deutsche Soldaten diejenigen, die sie entdeckten, wie zum Beispiel in Luck.

    Die Wehrmachtsführung hatte gegen die Besichtigung der Mordstätten nichts einzuwenden. Im Gegenteil, der Anblick von Leichenbergen schürte bei den Soldaten den Haß auf die Sowjets und motivierte sie für den Kampf gegen die Sowjetunion.

    Auf die Nachricht über das Massaker in Lemberg wurden die 1. und 4. Gebirgsdivision angewiesen, "ihre Wort- und Bildberichter auf diese Greueltat anzusetzen". Der Führer des III. Bataillons der 1. Gebirgsdivision empfahl seinen Soldaten, sich die Gefängnisse in Lemberg anzusehen, "um die Notwendigkeit des Kampfes gegen die 'jüdisch-kommunistische Verbrecherbande' - die Rote Armee - zu erkennen".

    Tausende von deutschen Soldaten besuchten in diesen Wochen Gefängnisse und andere Orte, an denen Massengräber entdeckt worden waren. Im ehemaligen Ostpolen gab es Hunderte solcher Stätten.

    [...]

    Abgesehen von den Fotos, schrieben deutsche Soldaten Tausende von Feldpostbriefen an Angehörige, Freunde und Arbeitskollegen in der Heimat, in denen sie diese Ereignisse schilderten. Viele der Briefe sind heute der Forschung zugänglich. Aus ihnen und aus Nachkriegserinnerungen läßt sich rekonstruieren, wie die deutschen Soldaten auf die Verbrechen reagierten."


    (Bogdan Musial, "Konterrevolutionäre Elemente sind zu erschießen."

    Die Brutalisierung des deutsch-sowjetischen Krieges im Sommer 1941, Berlin 2000, S. 210f.)



    Der britische Historiker Donald Rayfield geht in seinem Buch "Stalin und seine Henker", München 2004, (S. 474)

    sogar von bis zu 100.000 NKWD-Mordopfern im weiteren Gebiet von Lemberg aus.


    Daß Dein Großvater am 3. Juli 1941 schrieb "Was sagst Du nun zu Rußland?Sind das noch Menschen oder sind es keine?"

    bezog sich sehr wahrscheinlich auf die Tatsache, daß viele Opfer vor ihrem Tod von den Sowjets gefoltert, verstümmelt und vergewaltigt worden waren (siehe dazu die Quellenbelege bei Musial).


    Donald Rayfield hat passend dazu in den Archiven ein in sowjetischen Folterkreisen beliebtes, sehr makabres "Gedicht"

    von Stalins NKWD-Schergen gefunden:

    "Es gibt keine größere Freude, keine schönere Musik / als das Krachen gebrochener Leben und Knochen. / . . .

    Und deshalb will ich auf dein Urteil eine unerschütterliche Sache / schreiben: An die Wand! Feuer!"

    Quelle:

    https://www.perlentaucher.de/b…lin-und-seine-henker.html


    Unter dem Link auch die Beschreibung des insgesamt sehr lesenswerten Buches zur Stalin-Zeit:

    "Ein Genozid unvorstellbaren Ausmaßes.

    Nachdem vor einigen Jahren Archive des Politbüros, des KGB und anderer Institutionen des untergegangenen Sowjetreichs für Wissenschaftler geöffnet wurden, konnte Donald Rayfield neue Erkenntnisse über Stalin und seine Henker - Dserschinski, Menschinski, Jagoda, Jeschow, Berija und ihre wichtigsten Komplizen - gewinnen. So entstand das beklemmende Porträt einer Epoche - vom Vorabend der Oktoberrevolution bis zur Exekution Berijas im Dezember 1953 -, in der ein skrupelloses Regime gegen das eigene Volk wütete.

    Stalin und seine Henker werden mit kurzen, prägnanten Biografien vorgestellt - eine Chronologie des Terrors.

    Der Autor aber beschreibt nicht nur das brutale wie banale, das ausschweifende wie zwielichtige Leben der Täter, sondern bringt immer wieder auch ausführliche Exkurse zur Geschichte der UdSSR. Dabei werden die Hungersnöte, die Zerschlagung des Bauernstandes, die Ermordung der alten Herrscherschicht, die Schauprozesse, die Enthauptung der Roten Armee (34.000 Offiziere wurden erschossen), die Deportation von Dissidenten und die Ausrottung ethnischer Minderheiten mit einer Fülle konkreten Materials geschildert."


    Beste Grüße

    Bodo

    Hallo zusammen,


    heute möchte ich ein weiteres Mal wichtige Erkenntnisse aus Forschungsarbeiten zum Thema "Tieffliegerangriffe durch US Air Force" zusammenfassen.


    In einer früheren Phase dieses Threads hatte ein Mitglied bereits das Buch des ehemaligen Lehrers und Historikers Helmut Schnatz "Tiefflieger über Dresden?" erwähnt. Soweit ich weiß, ist es das einzige Werk, dass sich schon relativ früh (2000) und mit wissenschaftlichem Ansatz mit diesem Aspekt des Luftkrieges beschäftigt hat.


    Hier zuerst ein Auszug, in dem Schnatz einen Überblick über die US-Luftkriegsstrategie von 1944 bis zum Kriegsende gibt:



    Im Wesentlichen bestätigt Schnatz also die Darstellungen der von mir bereits zitierten angloamerikanischen Autoren.

    Was er bezweifelt, ist die bewusste Terrorisierung der deutschen Zivilbevölkerung. Nicht wegen der deutschen Presse- und Augenzeugenberichte, sondern weil er nichts davon in den von ihm gesichteten alliierten Einsatzakten gefunden hat.


    Schnatz beschreibt seine Erkenntnisse in einer fast schon metaphorischen Sprache ("Sie schossen auf alles, was sie überraschen konnten):

    [Meine Frage dazu wäre: wer ist von einem Angriff aus heiterem Himmel eigentlich nicht überrascht?!]


    "An dieser Stelle sei bereits auf ein Stereotyp hingewiesen, daß bei den Erzählungen von Tieffliegern immer wieder auftauchte:

    "Sie schossen auf alles, was sich bewegte..."

    Tatsächlich war die Regel, daß wenn Tiefflieger in Sichtweite auftauchten, jede Bewegung sofort erstarrte bzw. Insassen sofort Züge und Fahrzeuge verließen. Richtig müßte es daher heißen: "Sie schossen auf alles, was sie überraschen konnten."


    Der generelle Auftrag der Jäger- und Jagdbomberpiloten der 9. Air Force war die Lahmlegung des gesamten Verkehrs im rückwärtigen deutschen Frontgebiet - also das, was heute als Interdiction bezeichnet wird -, nicht dagegen die Terrorisierung der Bevölkerung."

    (Helmut Schnatz, Tiefflieger über Dresden? Legenden und Wirklichkeit, Köln u.a. 2000, S. 70-72.)



    Der Jurist und ehemalige Vorsitzende Richter am Berliner Landgericht Theodor Seidel hat diese US-freundlichen Annahmen von Helmut Schnatz in einer eigenen, regionalen Untersuchtung für Westsachsen widerlegt.


    Zur Person Seidels:

    "Theodor Seidel (* 29. Juli 1931 in Bischofswerda) ist ein deutscher Jurist, Richter und ehemaliger Fluchthelfer. Er war Vorsitzender Richter der Großen Strafkammer des Landgerichts Berlin und wurde als Vorsitzender Richter im ersten Mauerschützenprozess und im Prozess gegen den ehemaligen Stasi-Chef Erich Mielke bundesweit bekannt."

    https://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_Seidel


    Hier wurde die ergänzte Neuauflage von Seidels Buch von der Landeszentrale für politische Bildung Brandenburg vorgestellt:


    Theodor Seidel hat die Beweggründe für seine Zusatzforschungen zum Thema "Tieffliegerangriffe auf Zivilpersonen"

    so erläutert:


    "Tieffliegerangriffe


    Als in Dresden Geborener und in der Nähe der Stadt Aufgewachsener habe ich mit Interesse die Untersuchungen verfolgt, welche die Streitfrage klären sollen, ob am 13. bzw. 14. Februar 1945 in Dresden Angriffe amerikanischer Jagdflugzeuge auf die Elbwiesen geflogen worden sind. Dabei ist mir allmählich bewußt geworden, daß die Fälle von Tieffliegerangriffen auf Zivilpersonen, auf die ich bei meine Recherchen gestoßen bin, eigentlich zu meiner Thematik gehören.

    Nachdem ich bei Schnatz in dessen Buch "Tiefflieger über Dresden? Legenden und Wirklichkeit" einige Erwägungen gelesen habe - ich gehe später darauf ein - die sich nach den von mir festgestellten Tatsachen als nicht tragfähig erweisen, habe ich mich entschlossen, meine Erkenntnisse über Angriffe von Tieffliegern auf Zivilpersonen zu veröffentlichen. Mit einer Ausnahme (Zeugenaussage Plessa) haben alle Angriffe in einem Gebiet mit einer Ausdehnung von etwa 22 x 25 Kilometern stattgefunden."


    (Theodor Seidel, Kriegsverbrechen in Sachsen. Die vergessenen Toten von April /Mai 1945, Leipzig (4. Auflage) 2016, S. 234.)


    Aus den örtlichen Begräbnisbüchern folgen dann die Orte Reinersdorf, Riesa, Bloßwitz, Prausitz, Naundorf, Lommatsch und Plessa mit Angaben von zivilen Opfern durch Tieffliegerangriffe mit Bordwaffenbeschuß. Später folgen weitere 30 Orte mit amtlich berichteten Tieffliegerangriffen auf Zivilpersonen durch die zitierten Begräbnisbücher.


    Seidel zieht folgende Schlüsse aus seinen Nachforschungen, gerade auch im Hinblick auf Schnatz' ältere Angaben:



    Zur Dimension der von Theodor Seidel dokumentierten Fälle findet man in der folgenden Rezension eine gute Zusammenfassung:


    "[...] In der 2013 nun 3. erweiterten Ausgabe des Buchs ist das letzte Kapitel zum immer noch

    stark umstrittenen Thema der alliierten Tieffliegerangriffe auf Zivilpersonen angefügt.

    Seidel weist auch hier an Hand von Zeugenaussagen und den Kirchenbüchern Sachsens

    für den Zeitraum vom 1. bis 25. April 1945 nach, dass es mindestens vierundzwanzig gezielte Angriffe

    auf Einzelpersonen sowie neun auf Busse und Personenzüge gegeben hat. Viele konnten unverletzt entkommen,

    unter den insgesamt knapp 100 recherchierten Toten in Westsachsen waren neben Frauen und Kindern auch 5 französische Kriegsgefangene."

    http://gedenkbibliothek.de/dow…3._erw._Ausgabe_2013_.pdf



    Warum die Erkenntnisse von Schnatz und Seidel über gezielte Tieffliegerangriffe auf Zivilisten so unterschiedlich ausgefallen sind,

    darauf könnte wiederum der von mir neulich zitierte Dresden-Experte Götz Bergander ("Dresden im Luftkrieg") schon Jahre vorher eine Antwort gegeben haben:


    Quote

    "Noch etwas fällt auf. Im Wehrmachtbericht wurde wiederholt Mitteilung gemacht von Tiefangriffen auf die Zivilbevölkerung, sogar mit Angabe der betroffenen Gebiete.

    Voraussetzung dafür war offensichtlich, daß Tiefflieger in großer Zahl erhebliche Verluste verursacht hatten. Die sich beim Heimflug routinemäßig entwickelnde Jagd auf "Gelegenheitsziele" fand kaum Erwähnung, Namen bombardierter Städte wurden ebenfalls nur genannt, wenn die Schwere des Personen- und Sachschadens dies unvermeidlich erscheinen ließ."


    (Götz Bergander, Dresden im Luftkrieg. Vorgeschichte, Zerstörung, Folgen, Würzburg 1998, S. 205.)


    Nun hatte Götz Bergander zwar das Vorwort im zwei Jahre danach erschienenen Buch von Helmut Schnatz "Tiefflieger über Dresden?" verfasst. Anscheinend hat er ihn aber nicht auf die genannte Voraussetzung "erhebliche Verluste" aufmerksam gemacht. Warum sollten einzelne Opfer von Tieffliegerangriffen in die deutschen Luftlagemeldungen aufgenommen werden, wenn sie ebensowenig im Wehrmachtbericht auftauchen?

    Dasselbe kann man doch für die alliierten Luftkriegsakten voraussetzen. Warum sollte ein US-Jagdflieger über einzelne von ihm gejagte Zivilpersonen berichten, wo doch in erster Linie die Anzahl zerstörter feindlicher Flugzeuge, Lokomotiven und Militärtransporte für Orden und Beförderungen ausschlaggebend waren?


    Beide amtlichen deutsch/amerikanischen Quellenbestände hatte Schnatz für seine historischen Abhandlungen (später auch für das Gutachten zum Fall Dresden) herangezogen. Er hat aber (folgt man Theodor Seidels Analyse sowie Berganders Ausführungen) nicht berücksichtigt, was aus den genannten Gründen meistens nicht in die herangezogenen Berichte aufgenommen wurde. Nämlich die Tieffliegerangriffe auf einzelne Zivilpersonen. Soviel vielleicht zu dieser Forschungskontroverse.


    Grüße

    Bodo

    PS

    Die von Dir abgebildete sowjetische Sanitäterin trägt allerdings keine Rot-Kreuz-Armbinde, sondern eine Sanitätstasche mit Rotem-Kreuz darauf

    Moin Jürgen,


    stimmt, ich hatte leider vergessen, auf die mit dem Roten Kreuz markierte Sanitätstasche hinzuweisen. Deine Überlegungen, warum nur die Russische Sowjetrepublik (RSFSR) dem Abkommen beitreten durfte, finde ich sehr überzeugend.


    Zu Beginn des Ostfeldzugs trug das gesamte Sanitätspersonal vorschriftsmäßig seine Armbinden! Das wurde jedoch, nach entsprechend rasch schon in den ersten Tagen und Wochen mit den sowjetischen Gegnern gemachten, grundsätzlich üblen Erfahrungen abgestellt.


    Ja, von diesen üblen Erfahrungen der deutschen Fronttruppe habe ich auch schon oft gelesen. Wenn mein Vater (Flakabteilung II./11, Panzergruppe Guderian) von seinen Kriegserlebnissen an der Ostfront berichtet hat, war das Massaker auf einem frontnahen Verbandsplatz kurz nach Kriegsbeginn im Sommer 1941 meist an erster Stelle. Dort waren etwa 50 deutsche Verwundete von einer (laut Berichten) usbekischen Einheit der Roten Armee erschlagen, der Arzt und mehrere Sanitäter (mit Rotkreuzbinden!) erschossen worden. Er kam mit seinen Kameraden vom leichten Flakzug gerade vorbei, als die Opfer geborgen wurden.


    Neulich hattest Du auf den insgesamt willkürlichen Umgang der Alliierten mit deutschen Kriegsgefangenen hingewiesen:


    nein, lt. den Genfer Konventionen war das selbstverständlich untersagt.

    Aber wen, vor allem wen von den westalliierten Siegermächten, hat das damals interessiert?

    Die hat auch nicht interessiert, daß Kriegsgefangene bspw. wie eigenen Soldaten zu behandeln und zu ernähren waren - sie (insbesondere die Amis) haben daher die deutschen Soldaten kurzerhand von geschützten "Prisoners Of War" in "Disarmed Enemy Forces" bzw. "Surrendered Enemy Forces" umdeklariert, um sie außerhalb der gültigen Konventionen entsprechend be- bzw. mißhandeln zu können (Verhungernlassen in den Rheinwiesenlagern, Minensuche, Menschenüberlassungen an andere Staaten wie z. B. an Frankreich, Belgien und die Niederlande, zur Ausbeutung der Arbeitskraft der Gefangenen, usw., usw.)


    Und die Sowjetunion hatte die Genfer Konventionen ohnehin nie anerkannt, da sie noch in vorkommunistischer Zeit vom Zaren ratifiziert worden waren.


    Heute wird ja meist verschwiegen, daß kriegsgefangene deutsche Soldaten und Zivilisten, aber auch Ausländer die auf deutscher Seite gekämpft hatten, für die alliierten Siegermächte völlig rechtlos waren. In einem Buch zum Kriegsgefangenenwesen habe ich dazu eine offizielle Mitteilung des Armeestabs des britischen Feldmarschalls Harold Alexander (ca. 7 Wochen nach der Kapitulation) gefunden.

    https://de.wikipedia.org/wiki/…._Earl_Alexander_of_Tunis


    Auf eine Anfrage des Generals des Deutschen Hauptquartiers Bellaria/Italien” teilte der britische Stab Alexanders am 28. 06. 1945 mit:


    “1. Sie haben keinen rechtlichen “Status”.


    2. Der Ausdruck “bedingungslose Kapitulation” meint genau, was er sagt, nämlich daß deutsche Staatsangehörige, Soldaten wie Zivilisten eingeschlossen, alle, die für Deutschland kämpften oder am Kriege teilgenommen haben, keinerlei Rechte oder irgendwelche Ansprüche haben.


    3. Es steht ganz im Belieben der Alliierten, ob Sie als Kriegsgefangene oder als Angehörige der Truppenteile behandelt werden, die die Waffen streckten, und ihre rechtliche Stellung kann sich je nach Wunsch der Alliierten von Zeit zu Zeit ändern.


    4. Die Genfer Konvention kommt nicht in Anwendung, noch steht ihnen irgendeine schützende Macht zu, noch erfreuen Sie sich der normalen Vorrechte eines Kriegsgefangenen.


    5. Das Alliierte Hauptquartier hat obiges bestätigt.


    gez.: Lloyd Lowles, Lt.Col.”


    (Quelle: Verband der Heimkehrer Deutschlands e.V. (Hrsg.), Die deutschen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges. Ein geschichtlicher Abriß in Fakten, Bonn-Bad Godesberg 1989, S. 8;

    übernommen aus: Helmut Wolff, Die deutschen Kriegsgefangenen in britischer Hand - Ein Überblick (Maschke, Zur Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen, Bd. XI/1), Bielefeld 1974), S. 81.)



    Zum Schluß habe ich noch eine interessante Bemerkung von US-amerikanischen Soldaten in den Tagebuchaufzeichnungen der Berliner Journalistin Ursula von Kardorff gelesen. Diese könnte zum Thema "Sonnen" passen, weil nach Ansicht der Amis höhere (?) deutsche Offiziere unter dem Symbol des Roten Kreuzes zu fliehen versuchten.


    Die Journalistin hielt sich im April 1945 ebenfalls in Bayern auf, bei Günzburg (westlich von München, während Sonnen östlich liegt) und traf dort auf die amerikanische Panzerspitze. Übrigens ganz bewußt, weil sie durch enge Kontakte zu den 20. Juli-Verschwörern bei der Gestapo bereits in Verdacht geraten war und auf die Befreiung durch die Amis hoffte...


    "Ursula von Kardorff (* 10. Januar 1911 in Berlin; † 25. Januar 1988 in München) war eine deutsche Journalistin und Publizistin.

    [...]

    Wie praktisch ihr gesamter Freundes- und Bekanntenkreis seit längerem regimekritisch eingestellt, wurde sie vor allem nach dem Tode ihres jüngeren Bruders Jürgen von Kardorff (1943) eine glühende Gegnerin der Nazis. Allerdings blieb sie weiterhin als Journalistin im angeblich unpolitischen Feuilleton tätig.

    Durch ihre nähere Bekanntschaft mit Mitgliedern des Widerstands, vor allem mit Werner von Haeften, Carl-Hans Graf von Hardenberg, Fritz-Dietlof von der Schulenburg sowie der Frau von Julius Leber geriet sie nach dem 20. Juli 1944 selbst in Verdacht und wurde zweimal von der Gestapo verhört, konnte sich aber geschickt herausreden.


    Im März 1945 wurde sie von der DAZ auf ihr Gesuch hin entlassen und floh vor der herannahenden Roten Armee nach Jettingen in Bayerisch Schwaben."

    https://de.wikipedia.org/wiki/Ursula_von_Kardorff


    Ursula von Kardorff hat wohl beobachtet, wie die US-Truppen auf deutsche Sanitätskraftwagen schossen, denn nun, wie Kardorff schreibt, "behaupteten die Amerikaner, in den Rot-Kreuz-Wagen säßen fliehende Offiziere.

    "Verwundete", protestierte ich. Nein, sie seien nicht verwundet, deshalb schössen sie auch auf die DRK-Sankas."

    (Eintrag vom 25. April 1945)


    Aber wie wollten die US-Soldaten eigentlich von weitem erkennen, wer in den Sankras fuhr? Und ob im hinteren Transportraum nicht doch Verwundete lagen? Hier noch einmal der ganze Eintrag zum 25. April für den historischen Zusammenhang (Bürklin ist übrigens ein befreundeter (desertierter) Wehrmachtsoffizier mit Beinprothese, der seine Truppe aus Reichenhall nach Hause geschickt hat und sich als Zivilist tarnt):


    Beste Grüße

    Bodo

    Moin Jürgen,


    Danke für die klärende Einordnung. Ich wundere mich nur, dass auf der Seite des IKRK (icrc) nur die "Russische Föderation"

    mit dem Datum 1931 verzeichnet ist und die Sowjetunion dort nicht erwähnt wird. Und warum hat Stalin diese "landesrechtliche Beschränkung" auf Russland arrangiert?


    Quote

    Convention for the Amelioration of the Condition of the Wounded and Sick in Armies in the Field. Geneva, 27 July 1929.

    Russian Federation

    Ratification / Accession 26.09.1931

    Reservation / Declaration 26.09.1931

    Dann stellt sich mir noch die Frage, ob die Sowjetunion während der gesamten Kriegszeit Mitglied des Roten Kreuzes war.

    Immerhin steht ja unter Kapitel 24 der Konvention, dass nur Sanitätsformationen und -einrichtungen das Zeichen des Roten Kreuzes verwenden durften, welche unter dem Schutz der Konvention standen. Aber wenn die UdSSR diese gar nicht anerkannte, durfte sie ihre Einheiten damit überhaupt den ganzen Krieg durchgehend ausstatten?


    Quote

    Art. 24. The emblem of the red cross on a white ground and the words "Red Cross" or "Geneva Cross" shall not be used either in time of peace or in time of war, except to protect or to indicate the medical formations and establishments and the personnel and material protected by the Convention.

    https://ihl-databases.icrc.org…T/300-420033?OpenDocument


    Ich hatte neulich bei Hans Jürgen Hartmann (Zwischen Nichts und Niemandsland. Tagebuch eines deutschen Soldaten im zweiten Weltkrieg, Norderstedt 2017) von einer sowjetischen Sanitäterin gelesen, die bei der Gefangennahme einen Rot-Kreuz-Ausweis vorzeigte.

    Leider weiß ich nicht mehr die genaue Textseite. Hartmann und seine Kameraden wollten sich eigentlich darum kümmern, dass die Sanitäterin in der Gefangenensammelstelle besonders gut untergebracht würde, mussten dann aber mit ihrem Panzerabwehrgeschütz schneller als gedacht weiterfahren. Das war 1941. Anscheinend war sie ohne Armbinde, wie auf dem Beispielfoto im Anhang.

    Ich kenne aber auch ein anderes Foto vom Sommer 1941, wo eine sowjetische Sanitäterin mit Rot-Kreuz-Armbinde an einer Sammelstelle fotographiert wurde. Weißt Du, warum es da so große Unterschiede gab?


    Interessant ist vielleicht noch der Bericht des deutschen Sanitätssoldaten Karl Klinkhammer, wonach es den Deutschen verboten gewesen sei, in Russland Rot-Kreuz-Armbinden anzulegen:


    Rotkreuzbinde gezeigt


    "Zunächst aber war Klinkhammer als Sanitätssoldat gefordert. Alle drei bis vier Wochen kam es zwischen Deutschen und den Russen zu einem wechselseitigen Großangriff. Die Aufgabe des Sanitätssoldaten war es, nach dem Artilleriefeuer die Verwundeten aus den vorderen Linien zurückzuholen, was von ihm großen körperlichen Einsatz erforderte und wegen des Beschusses nur unter Lebensgefahr geschehen konnte. So kam es vor, daß Verwundete mit einem Schußbruch des Knochens gehunfähig wurden und dann auf einer Plane, über die Schultern Klinkhammers festgebunden, von ihm mühsam aus der Kampflinie herausgeschleppt wurden. Dies konnte oft Stunden dauern.


    Später tat er das, was dem Sanitätssoldaten streng verboten war: Er hielt die in der Tasche befindliche Rot-Kreuz-Binde hoch und bewirkte bei den Russen, daß sie aufhörten zu schießen. Deshalb galt er bei den Kameraden als "unverwundbar".


    "Ich habe immer gemeint, man muß auch mal gegenüber dem Gesetz, das gerade gilt, dagegen sein; das habe ich bei den Nazis getan, das habe ich hinterher beim Militär auch getan, sonst lebte ich gar nicht mehr."


    Wegen des Vergehens, die Rot-Kreuz-Binde gezeigt zu haben, wollten ihn einige Nazi-Soldaten anzeigen. Er konnte sie aber durch das Geschenk seiner gesammelten Zigaretten davon zurückhalten.

    Aufgrund seines Einsatzes bekam Klinkhammer das Eiserne Kreuz verliehen und wurde zum Sanitätsunteroffizier befördert."


    (Bruno Kammann, Carl Klinkhammer: Ruhrkaplan, Sanitätssoldat und Bunkerpastor 1903 - 1997 (Düsseldorfer Schriften zur neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens, Band 55), Essen 1997, S. 148-149.)


    Grüße

    Bodo

    Moin Jürgen,


    man sollte vielleicht noch ergänzen, was im "Genfer Abkommen zur Verbesserung des Loses der Verwundeten und Kranken der Streitkräfte im Felde“ von 1929 über die Erlaubnis zum Selbstschutz und Fremdschutz von Sanitätsformationen festgehalten wurde.


    Nachtrag:

    Sofern hier die der San.Kp. nicht angehörenden Soldaten sich allerdings "sach- und fachfremd", also nicht als Patienten, vielleicht sogar bewaffnet und anders, also militärisch, ausgerüstet, bei der San.Kp. befanden, hatte die San.Kp. ihren Schutz durch die Genfer Konventionen verloren und galt als normale Einheit des Gegners. Ob der Chef der San.Kp. dies allerdings, im Wissen um diesen Rechtsschutzverlust, zugelassen hatte, ist sehr fraglich - es sei denn, er wurde dazu gezwungen.


    Im Genfer Abkommen von 1929 steht unter anderem in Kapitel II:

    - Nach dem damals gültigen internationalen Recht durfte das Personal von Sanitätsformationen, Verbandsplätzen und Feldlazaretten bewaffnet sein.

    - Das Personal durfte außerdem die Waffen zum Selbstschutz oder zum Schutz seiner Verwundeten und Kranken einsetzen.

    - Die Einheiten und Lazarette durfte sogar "in Ermangelung bewaffneten Krankenpflegepersonals von einer militärischen Abteilung oder von Wachtposten bewacht" werden.

    Konnten sich die "Begleitoffiziere" im Fall Sonnen eigentlich nicht zu einer solchen "militärischen Abteilung" erklären?



    Hier zunächst der Wortlaut von Artikel 8 aus der Heeresdienstvorschrift 38/2, in der das Genfer Abkommen wörtlich wiedergegeben wurde:


    "Artikel 8

    Als geeignet, um für eine Sanitätsformation oder -anstalt den Verlust des durch Artikel 6 gewährleisteten Schutzes zu begründen, gelten nicht:

    1. die Tatsache, daß das Personal der Formation oder Anstalt bewaffnet ist und sich seiner Waffen zum Selbstschutz oder zum Schutz seiner Verwundeten und Kranken bedient,

    2. die Tatsache, daß die Formation oder die Anstalt in Ermangelung bewaffneten Krankenpflegepersonals von einer militärischen Abteilung oder von Wachtposten bewacht wird,

    [...]

    (Quelle: H.Dv. 38/2...Vorschrift für das Kriegsgefangenenwesen Teil 2, Berlin 1940, S. 51.)



    Hier dann nochmals der Wortlaut in englischer Sprache und der Link zum Internetdokument:



    Da Du auch die Sowjetunion erwähnt hattest... Nachdem das "Genfer Abkommen zur Verbesserung des Loses der Verwundeten und Kranken der Streitkräfte im Felde“ 1929 beschlossen worden war, hat es zumindest "Die Russische Föderative Sowjetrepublik" im September 1931 ratifiziert. Allerdings nicht die Sowjetunion als Ganzes.

    Theoretisch hätten also zumindest die Soldaten aus der Russischen Sowjetrepublik deutsche Verwundete und das Sanitätspersonal verschonen müssen. Was sie ja leider viel zu oft nicht getan haben.


    An der Ostfront war der militärische Schutz der deutschen Sanitätseinrichtungen daher mehr als geboten, wenn auch schwierig umzusetzen, so dass Frontärzte sich zeitweise selbst gegen russische Überraschungsangriffe zur Wehr setzen mussten (siehe z.B die Schilderungen von Heinrich Haape, Endstation Moskau 1941/42).



    Als Beispiel für die Bewaffnung einer Sanitätsformation an der Ostfront möchte ich aus einem Feldpostbrief zitieren.

    Von einer Sanitätskompanie der 25. Infanteriedivision (mot.) gibt es dort eine Aufzählung, welche Waffen zum Selbstschutz an der Ostfront Mitte Januar 1942 vorhanden waren. Aus dem Feldpostbrief eines Oberarztes der Kompanie vom Januar 1942:


    "[...] Für unseren eigenen Schutz ([der Sanitäts-]Kompanie) haben wir zwei Maschinengewehre, Maschinenpistolen, Karabiner, Handgranaten und Armeepistolen! Das gibt zusammen schon eine ordentliche Feuerkraft!!"

    (Ingo Stader (Hrsg.), Ihr daheim und wir hier draußen. Ein Briefwechsel zwischen Ostfront und Heimat Juni 1941-März 1943, Köln u.a. 2006, S. 87.)


    Das vielleicht nur als Ergänzung, um das in den vorigen Beiträgen vollkommen richtig Dargestellte abzurunden.


    Beste Grüße

    Bodo

    Hallo zusammen,


    heute möchte ich noch einmal an das Thema Nazi-Vorgesetzte von katholischen Theologen anknüpfen.

    Diesmal, um den Unterschied deutlich zu machen, zuerst mit einer rückschauenden Betrachtung des Wehrdienstes.


    Im Gegensatz zum damaligen Studenten Alfred Bengsch war Paul Nordhues, der spätere Weihbischof im Erzbistum Paderborn, im Krieg bereits Priester und daher als Sanitätssoldat im Einsatz gewesen. Dort lernte er u.a. Hans Scholl und Alexander Schmorell (Widerstandsbewegung Weiße Rose) kennen.


    Zum Hintergrund des Bischofs hier auf Wikipedia:

    "Paul Heinrich Nordhues (* 8. Februar 1915 in Dortmund; † 30. Juni 2004 in Paderborn) war ein katholischer Theologe und Weihbischof im Erzbistum Paderborn."

    https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Nordhues


    Quote

    "Obschon unser Kompaniechef mit seiner Nazi-Gesinnung in der Ärzteschaft, ebenso in der Kompanie, ziemlich allein dastand, schuf er fortwährend Konflikte."


    (Paul Nordhues ,"Es ging für alle um das Überleben", in: Katholisches Militärbischofsamt (Hrsg.), Hans Jürgen Brandt (Hrsg.), Priester in Uniform. Seelsorger, Ordensleute und Theologen als Soldaten im Zweiten Weltkrieg, Augsburg 1994, S. 318-324, hier S. 320.)


    Leider hat Bischof Nordhues meines Wissens nach keine Einzelheiten zu den Konflikten mit dem Nazi-gesinnten Kompaniechef geschildert. Und das dieser Chef "ziemlich allein" dastand bedeutet ja auch, dass es wie bei Kardinal Bengsch mindestens noch einen Nazi-Gesinnungsgenossen in der Sanitätskompanie gegeben haben muss.


    Ein gegenteiliges Beispiel hat jedoch der frühere Sanitätsunteroffizier Georg Braunbeck in seinem Bericht über das Feldlazarett in Smolensk genannt. Hier war der Chef ein besonders fürsorglicher Arzt, während ein neu hinzugekommener Sanitäter den übrigen Soldaten durch Nazi-Äußerungen auffiel. Deshalb wurde dieser baldmöglichst "Heim ins Reich" wegversetzt:


    "Ein weiterer Sanitäter des Feldlazaretts war Georg Braunbeck.

    "Ich war Sanitätsunteroffizier bei der Einheit 606 und kam als Kurierfahrer viel in der Stadt Smolensk herum. Ich musste für die Abteilung Befehle und die Post holen. Sonst war ich Sanitäter z.b.V. und brauchbar für jeden Einsatz, auch auf Station. Im Winter 1941/42 wurde ich eine Zeitlang auf der Station festgehalten, weil wir Fleckfieberverdächtige hatten und außer mir nur zwei Leute die entsprechende Impfung hatten. Ich arbeitete dort gern mit Stabsarzt Dr. Höhr zusammen, einem sehr gewissenhaften Arzt. [...]"


    Quote

    "Dr. Theisinger war ein menschlicher Chef, ein guter Organisator, wirklich beispielhaft, eine Autoritätsperson. Wie sollte er sonst so eine Einheit führen?

    Nazis gab es bei uns auch nicht: Da kam z. B. ein Sanitäter, der war vielleicht ein Nazi. Als der Winter vorbei war, kam ein Befehl, von allen Einheiten solle 1 Prozent aus Russland herausgezogen werden. Da haben wir natürlich zuerst den Nazi-Verdächtigen fortgeschickt, weil wir ihn deshalb nicht behalten wollten, so dass er nicht lange bei uns war."


    (Reinhold Busch (Hrsg.), Elsi Eichenberger. Als Rotkreuzschwester in Lazaretten der Ostfront. Schweizer Ärztemissionen im II. Weltkrieg - Teil 3. Smolensk, Kriegswinter 1941/42, ein Erlebnisbericht, Berlin 2004, S. 187-191.)


    Paul Nordhues gehörte zu den von mir neulich bereits erwähnten Priestersoldaten, die in vielen Wehrmachtseinheiten Gottesdienste halten durften. Offiziell war das aber nur im Notfall, z.B. bei einer Erkrankung des amtlichen Divisionspfarrers, erlaubt.


    Generell waren die Feldgottesdienste innerhalb der Wehrmacht den NS-Behörden wie der Gestapo und dem Sicherheitsdienst der SS ein Dorn im Auge. Vielleicht wird der verbale Konflikt zwischen Alfred Bengsch und seinen Nazi-Vorgesetzten (meine vorherigen Posts) dadurch etwas nachvollziehbarer.


    Der bekannte Wissenschaftler Johannes Güsgen hat in seinem Standardwerk "Die Katholische Militärseelsorge in Deutschland zwischen 1920 und 1945, Köln 1989", dazu folgendes eindrucksvolles Beispiel gleich vom ersten Kriegsjahr zitiert:


    “”Die Meldungen aus dem Reich” vom 11. Dezember 1939 verzeichneten “verstärkte Bemühungen der Kirche um die Frontsoldaten”.

    [...]

    Der von der GeStaPo [Geheime Staatspolizei] zitierte Feldpostbrief stellt die Wirksamkeit der Feldseelsorge in den ersten Kriegsmonaten eindeutig dar:


    “Es ist betrüblich sagen zu müssen, daß die Partei [NSDAP] und unsere Weltanschauung schwer ins Hintertreffen geraten! Wenn das so weitergeht, verlieren wir täglich an Boden und die Vertreter der Kirchen, die als beamtete Divisionsgeistliche den Rang von Stabsoffizieren einnehmen, können allein den Acker bestellen.


    Die Vertreter der Kirchen überschwemmen die Truppenteile mit Flugschriften, die sehr geschickt auf die Psyche der Frontsoldaten eingehen. Schon die ganzen Umstände der Front schaffen den katholischen und evangelischen Divisionspfarrern vor.

    Die Predigten in den Feldgottesdiensten, die außerordentlich gut besucht werden, tun die Hauptsache. Den Feldpfarrern stehen Autos zur Verfügung, mit denen sie täglich zu den Truppenteilen hinauseilen und jeden einzelnen Mann bearbeiten können.


    Man unterschätze diese Dinge nicht in ihrer Auswirkung!

    Der Gegenstoß gegen unsere Weltanschauung ist mit aller Macht und mit zweifellosem Erfolg eingeleitet worden. Was tut die Partei dagegen?”"


    (Johannes Güsgen, Die Katholische Militärseelsorge in Deutschland zwischen 1920 und 1945, Köln 1989, S. 442-443.)



    Auch der von mir die letzten Male schon zitierte spätere Kardinal Alfred Bengsch hat so einen Feldgottesdienst an der Front in Russland in seinem Tagebuch beschrieben (eigentlich waren es zwei, erst evangelisch, dann der katholische Gottesdienst zu Ostern 1942):



    Der Historiker Johannes Güsgen hat zu diesen ökomenischen Erfahrungen von geistlichen und anderen Soldaten geschrieben:


    "Waren auch an der Schwelle des Krieges die Entwicklungsmöglichkeiten der Militärseelsorge so gut wie abgeschnitten und ging es in der Tag bestenfalls noch um die Erhaltung eines nirgendwo genau definierten “status quo”, so zeigten sich unter den Bedingungen der Front neue Möglichkeiten, weil Religion und Kirche manchem Soldaten in neuem Licht erschienen.”


    "Johannes Güsgen, Die Katholische Militärseelsorge in Deutschland zwischen 1920 und 1945, Köln 1989, S. 443.)


    Gruß

    Bodo

    Hallo Paul,


    leider kann ich Deiner Kritik nicht ganz folgen.


    Als Anekdoten von Kriegsteilnehmern erzählt, habe ich solche oder ähnliche Vorkommnisse zig-mal gehört, aber daraus im Nachhinein (1981) so etwas wie christlichen Widerstand gegen "Nazi-Offiziere" zu drechseln besitzt schon so etwas wie die Charakteristik des verhöhnten "salbungsvollen Priester"-s

    ...

    Bei allen Lebenserinnerungen ehemaliger Kriegsteilnehmer ist es immer ratsam, deren zum Zeitpunkt der Niederschrift gesellschaftlich-politische Position und ihre gesellschaftliche Akzeptanz bzw. die Suche danach, zu berücksichtigen.


    Ein Tagebuch ist doch eben schlicht und einfach ein Tagebuch. Aus der Kriegszeit. Zeitgenössisch. Hatte ich alles bereits geschrieben. Der damalige Student und spätere Kardinal Bengsch hat meines Wissens nach keine "Lebenserinnerungen" hinterlassen. Ich habe jedenfalls ansonsten nur religiöse Glaubensschriften gesehen (siehe auch verlinkten Wikipedia-Artikel).


    Das von mir in Auszügen zitierte Tagebuch wurde aus dem Nachlass heraus veröffentlicht (Todesjahr 1979, Tagebuch erschien 1981, Herausgeber Leo Bernhard).

    Hier kann ich nichts Retrospektivisches oder "im Nachhinein" Erdichtetes erkennen (siehe Wikipedia-Artikel "Quellenkritik":


    https://de.wikipedia.org/wiki/Quellenkritik

    "Die Quellenkritik versucht festzustellen, unter welchen Umständen eine Geschichtsquelle entstanden ist, insbesondere wer sie wann hergestellt hat und mit welcher Motivation. Damit ist sie eine zentrale Aufgabe von Historikern."


    Aus dem bereits neulich von mir zitierten Umschlagtext:

    Quote

    "Tagebuchaufzeichnungen des verstorbenen Berliner Kardinals Alfred Bengsch aus dem bewegten Jahrzehnt, in dem er sich als Student und Soldat auf seine Dienst als Priester vorbereitete.

    [...]

    Über ihren geistlichen Gehalt hinaus sind diese Tagebuchnotizen eine Kostbarkeit von zeitgeschichtlicher Bedeutung."


    Außerdem weiß ich nicht, warum Du dem Kompaniechef, einem "alten SS-Mann" (d.h. vor 1933 in die SS eingetreten),

    und dann noch mit "Beziehungen zu allen möglichen Stellen" (gemeint sind wohl NSDAP-Parteistellen)

    unbedingt die Nazi-Gesinnung absprechen willst. Wenn man den Tagebuch-Auszug liest:

    "Noch etwas macht mir Sorge. Der Chef ist ein alter SS-Mann (aber nicht in der Waffen-SS!), hat Beziehungen zu allen möglichen Stellen - und kennt sich auf religiösem Gebiet sehr gut aus. Über die übliche Polemik ist er erhaben. Was er kritisiert, sind tatsächliche Fehler. Er ist mir an Allgemeinbildung und dialektischem Können überlegen (er ist 15 Jahre älter als ich).

    Ein ernstzunehmender Mann, trotz seiner Vorliebe für Äußerliches und militärisches Gehabe. -

    [...]"

    (Leo Bernhard (Hrsg.), Alfred Bengsch: Die Hoffnung darf nicht sterben. Tagebuch 1940-1950, München 1981, S. 48-51.)

    Der zweite Kompaniechef, der Leutnant der Nachbarkompanie, ist doch eindeutig ein Gesinnungsgenosse.

    Beide wohnen in einer Unterkunft (Gefechtsstand). Eigentlich ungewöhnlich, aber hier eindeutig "Gleich und gleich gesellt sich gern".


    Seine "Deutschland-Religion" ist doch ein häufiges NS-Topoi ("Du bist nichts, Dein Volk ist alles" usw.)

    Dann verlangt der Leutnant auch noch von Bengsch, die holzsammelnde Frau zu erschießen (ohne jede Untersuchung),

    weil er weiß, dass der angehende Priester an das Gebot "Du sollst nicht töten" glaubt.


    Das folgende verstehe ich auch nicht so ganz:

    Als Anekdoten von Kriegsteilnehmern erzählt, habe ich solche oder ähnliche Vorkommnisse zig-mal gehört, aber daraus im Nachhinein (1981) so etwas wie christlichen Widerstand gegen "Nazi-Offiziere" zu drechseln besitzt schon so etwas wie die Charakteristik des verhöhnten "salbungsvollen Priester"-s


    Es geht doch im Fall Alfred Bengsch nicht um "Widerstand". Es geht, wie ich mehrfach geschrieben habe, zunächst

    um eine vom Nazi-Glauben abweichende Gesinnung. Egal ob christlich, humanistisch, atheistisch, oder was auch immer.

    Alle Abweichler waren für die Nazis eine Provokation. Nach dem Krieg wollten sie auch unter den deutschen "Volksgenossen"

    gründlich aufräumen, wie ich schon mehrfach zitiert hatte. KZ, Hinrichtung, Arbeitslager, alles war für die oberste NS-Führung denkbar.


    Wenn man die TAGEBUCHNOTIZEN liest, erkennt man jedenfalls, dass die beiden Offiziere Bengsch demütigen wollten

    (ständige Ermahnungen des Vorgesetzten, er musste sogar noch den Putzer für den Burschen des Leutnants machen!)


    Schlimmer geht es doch eigentlich nicht.


    Gruß

    Bodo

    Hallo Rüdiger,


    vielen Dank für den Link zum Cicero-Kommentar. Da ist dem guten Dr. Mai wohl zum ersten Mal der Kragen geplatzt.

    Ich kenne ihn aus seinen Artikeln sonst nur als ruhigen, besonnenen Menschen. Auch im DLF-Interview vor einigen Wochen

    (als sein neues Buch "Geht der Kirche der Glaube aus? besprochen wurde). Vermutlich hat sich bei ihm inzwischen einiger Frust angestaut.

    Allerdings können wir das Thema "Geschichte als politische Wissenschaft" mit Rücksicht auf die Forumsregeln (keine Beiträge zur aktuellen Politik) nicht weiter verfolgen. Seltsam ist jedoch, als ich vor 20 Jahren in Hamburg wohnte, hatte die dortige Regierung an vielen Schulen

    die Fächer Geschichte und Politik einfach zusammengelegt. Damals noch zum Ärger der meisten Universitätslehrstuhlinhaber.


    Den Historiker Jörg Friedrich muss man fast schon als Dissidenten bezeichnen, so wie er sich dem unbequemen Thema Luftkrieg gewidmet hat. (In demokratiefreien Ländern wäre er sicherlich ein Fall für die Knochensäge).

    20.000 Ziviltote in Frankreich nach wenigen Tagen D-Day sind ein Zeugnis dieser "Schonung", wenn man das mit den 7.000 englischen Ziviltoten durch Vergeltungswaffen im Jahre 1944 vergleicht. Kein Wunder, dass bei der späteren Geschichtsschreibung etwas aufgehübscht werden musste, was blumenschenkende und freudentaumelnde Zivilisten beim Einmarsch der US-Soldaten in französischen Städte angeht. Da war in der Normandie eher eine Mischung aus Zorn und Furcht wegen der reichlichen sexuellen Übergriffe


    Ich hatte hier vor Jahren bereits einen interessanten Artikel von Ilja Trojanow aus der Berliner tageszeitung verlinkt.

    Die gesamte Luftkriegsbilanz für die Opfer der befreiten Franzosen war demnach noch düsterer:


    Quote

    "Insgesamt wurden im Sommer 1944 mehr französische Zivilisten (rund 70.000) durch Bomben der Alliierten getötet als britische Zivilisten durch deutsche Bomben (rund 50.000). Wie pervers klingt in diesem Zusammenhang der Begriff "friendly fire".

    Dieser Tage hat der angesehene britische Historiker Anthony Beevor, von dem auf Deutsch zuletzt die umfangreiche Monografie "Der Spanische Bürgerkrieg" erschienen ist, eine Darstellung der Invasion veröffentlicht, in dem er die Bombardierungen der französischen Küstenstädte fast als Kriegsverbrechen bezeichnet, vor allem weil sie seiner Analyse nach nicht notwendig, ja sogar kontraproduktiv waren. Von der Verhältnismäßigkeit der Mittel ganz zu schweigen.

    Es bedarf des Mutes, tief eingefräste moralische Mythen in Frage zu stellen, so wie es auch der amerikanische Autor Nicholson Baker letztes Jahr getan hat mit seiner provozierenden Collage "Menschenrauch: Wie der Zweite Weltkrieg begann und die Zivilisation endete". [...]"

    (Ilja Trojanow, Der D-Day als Sinnbild eines gerechten, moralisch unangreifbaren Krieges
    ist ein Mythos, mit dem wir aufgewachsen sind und der jedes Jahr feierlich begangen wird.)


    Von Gewicht ist wohl auch Trojanows folgende Einschätzung, die z.B. auch das Thema "Tieffliegerangriffe" einschließt:


    "Mit einem Abstand von mehr als 60 Jahren wird auch der Zweite Weltkrieg zunehmend als ein Höllenfeuer angesehen, aus dem keine Seite moralisch unbeschadet herausgekommen und der mit dem Persilschein des "gerechten Krieges" nicht reinzuwaschen ist. Die Sieger drucken solche Exkulpationen inflationär, und die Mächtigen lassen sie sich in vorauseilender Ethik bescheinigen. [...]"

    http://www.taz.de/Kolumne/!35857/

    Im Kriegstagebuch von Sir John Rupert Colville, der von 1940 bis 1945 Privatsekretär von Premierminister Winston Churchill war,

    findet sich dazu ein interessanter Eintrag gut vier Monate nach dem D-Day 1944.


    Ein ethisch integrer britischer Stabsoffizier (der später noch Brigadegeneral wurde) aus einer bekannten Adelsfamilie,

    nämlich Leopold Oliver Russell (26 January 1907 – 1988), war vor allem aus Protest gegen die unnötigen alliierten Bombenangriffe

    in Frankreich aus dem Armeestab Feldmarschall Montgomerys zurückgetreten; aber auch wegen der Erlaubnis zu plündern und

    - Achtung, starker Tobak- "Monty im Inneren "ein Faschist" sei". Hier das Gespräch zwischen Colville und dem Offizier:



    In diesem Zusammenhang wäre zu fragen, welchen militärischen Nutzen die Tieffliegerangriffe auf eindeutig erkennbare deutsche Zivilisten gehabt haben sollen (Bauern, Schulkinder, Marktfrauen). Außer vielleicht, wenn, wie Winston Churchill 1945 in einem Memorandum nach Dresden anmerkte, "nur um den Terror zu verstärken, wenn auch unter anderen Vorwänden."


    Als Churchills Sekretär John Colville Luftmarschall Arthur Harris (Bomber Command) fragte, wie es denn unmittelbar nach den Angriffen von RAF Bomber Command und USAAF in der Stadt Dresden ("turned... into hell on earth") aussehe, antwortete Harris lapidar: "Dresden? There is no such place as Dresden." ("Es gibt keinen Ort namens Dresden (mehr)."

    (Zitiert nach John Colville, The Churchillians, London 1981, S. 150.)


    Gruß

    Bodo

    Hallo zusammen,


    heute möchte ich noch einmal auf das Tagebuch des späteren Berliner Kardinals Alfred Bengsch zurückkommen.

    Er ist (nach dem bedrohlichen Stabsarzt als Rekrut bei der Eingangsuntersuchung) in seinem mehr als einjährigen Ostfronteinsatz noch ein weiteres Mal mit Nazi-Ideologie konfrontiert worden und das gleich in doppelter Ausführung (zwei Kompaniechefs seines Bataillons).


    Bei Interesse findet man unter diesem Link näheres zur Person des damaligen Theologiestudenten Bengsch:


    "Alfred Kardinal Bengsch (* 10. September 1921 in Berlin-Schöneberg; † 13. Dezember 1979 in Ost-Berlin) war römisch-katholischer Bischof von Berlin.

    [...] Bengsch studierte nach dem Besuch des Gymnasiums 1940/1941 Katholische Theologie in Fulda.

    1941 wurde er Soldat der Wehrmacht und war 1944–1946 in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. [...]"

    Link:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Bengsch


    "Unterschiede zum SS- und Polizeipersonal sind deutlich erkennbar.
    In den Kernbereichen existierte bei letzterem eine homogene Rekrutierungspolitik,
    die Extremisten, die in der Wehrmacht von Fall zu Fall an den entscheidenden Stellen zu finden waren,
    dominierten bei SS und Polizei durchweg."

    (Dieter Pohl, Die Herrschaft der Wehrmacht. Deutsche Militärbesatzung und einheimische Bevölkerung in der Sowjetunion 1941-1944, München 2009, S. 115.)
    Diese von Pohl erwähnten "Extremisten" an wichtigen Befehlsstellen der Wehrmacht interpretiere ich als überzeugte, teils fanatische Nazis.


    Die von mir und anderen Mitgliedern bisher zitierten christlich und/oder humanistisch gesinnten Soldaten trafen in der Wehrmacht

    ja nicht nur auf die oben genannten Nazi-"Extremisten" mit bedrohlichem Einfluss, sondern weit häufiger auf "Gesinnungsnazis".

    Diese anscheinend weniger fanatischen Nazis hofften wohl, die übrigen "andersgläubigen" Kameraden erziehen oder wenigstens im Sinne ihres "Nazi-Geistes" beeinflussen zu können.


    Noch einmal der Lothringer Albert Schoeb: "Ich hatte überhaupt den Eindruck, daß in der ganzen Wehrmacht ein anderer Geist war, nicht der Nazigeist. Es war der Geist vom Vaterland." (Zitat aus Steinhoff u.a. (Hrsg.), Deutsche im Zweiten Weltkrieg. Zeitzeugen sprechen, S. 187.)


    Dieser "Nazigeist" trat aber punktuell bei vorgesetzten Offizieren durchaus in Erscheinung, wie eine Reihe von Tagebucheinträgen bei Alfred Bengsch zeigt.


    Bei seinen Kameraden ist Bengsch von Anfang an beliebt ("Ich habe den Eindruck, daß ich gern gelitten bin"), sein Gruppenführer nennt ihn später in einer dienstlichen Beurteilung nach den ersten acht Monaten an der Ostfront einen "sehr guten Kameraden", der sogar Reserveoffizier werden könnte:



    Einige Wochen später erlebt "Schütze Bengsch" (er wurde bewusst viel später als die Kameraden zum Gefreiten befördert) schwere Abwehrkämpfe.

    Das zeigt das Tagebuch auch:



    Und dann lernt er die Nazi-Gesinnung seines Kompaniechefs kennen, der ihn als Burschen (eine Art Leibdiener des Offiziers) zu seiner Verfügung

    kommandiert. Der Oberleutnant und Kompaniechef "ist ein alter SS-Mann", "(aber nicht in der Waffen-SS!)".

    Wahrscheinlich (das ist meine Vermutung) war er ihm als plichtbewusster Soldat aufgefallen, und er wollte ihn nun in seiner

    christlichen Überzeugung auf die Probe stellen (Studenten sind noch leichter zu beeinflussen als etwa fertige Priester):


    "Seit dem 3. 5. bin ich Bursche beim Kompaniechef. Was hat den bewogen, mich dazu auszuwählen? Ich weiß es nicht. Für mich ist das kein Leben.

    Er wohnt noch mit einem anderen Offizier in der Behausung. Dessen Bursche ist das Muster eines "Organisationstalents", sonst aber ein reichlich ungehobelter Patron. Die Lage hat sich in der einen Woche so verschoben, daß ich fast noch den Putzer dieses Burschen mache.


    Der Chef pflegt sich zackig zu geben. Das verlangt er (ausgerechnet!) auch von mir. Forschheit, Strammheit, das zeige den inneren Wert usw.

    Ich habe schon einige Belehrungen von ihm erhalten. Diese kastenmäßige Beschränktheit, aus der er wohl nicht herauskann. Es scheint ihn zu befriedigen, wenn man sich wie ein Mensch zweiter Güte vorkommt. Ich bin außerordentlich unzufrieden und glaube, daß er es merkt (was ihn aber nicht zu stören scheint).


    Schlimmer: Ich kann das noch nicht einmal aus christlicher Sicht zur Selbstverleugnung, zur Demut zuordnen. Hilf mir, Herr, der Du so gedemütigt wurdest und Dein Kreuz zur Richtstätte tragen mußtest! -


    Noch etwas macht mir Sorge. Der Chef ist ein alter SS-Mann (aber nicht in der Waffen-SS!), hat Beziehungen zu allen möglichen Stellen - und kennt sich auf religiösem Gebiet sehr gut aus. Über die übliche Polemik ist er erhaben. Was er kritisiert, sind tatsächliche Fehler. Er ist mir an Allgemeinbildung und dialektischem Können überlegen (er ist 15 Jahre älter als ich).

    Ein ernstzunehmender Mann, trotz seiner Vorliebe für Äußerliches und militärisches Gehabe. -

    [...]"

    (Leo Bernhard (Hrsg.), Alfred Bengsch: Die Hoffnung darf nicht sterben. Tagebuch 1940-1950, München 1981, S. 48-51.)


    Danach wird Bengsch auch noch mit der Nazi-Gesinnung des zweiten Offiziers, einem Leutnant und Chef der Nachbarkompanie,

    konfrontiert. Dieser Leutnant lebt mit Bengschs Oberleutnant in derselben Unterkunft.

    Nachdem eine ältere russische Frau beim Reisigsammeln in der deutschen Stellung unter Spionageverdacht festgenommen wurde,

    bekommt Bengsch von diesem zweiten Nazi-Offizier den Befehl, die Frau zu erschießen:



    Drei Tage später lassen die beiden Nazi-Offiziere auch Bengsch wieder gehen; seine Kommandierung als "Putzer" und Bursche ist beendet.

    Allerdings bekommt Bengsch in der letzten Nacht vor seiner erneuten Frontversetzung noch eine Belehrung im "Nazi-Glauben".

    Die Einzelheiten hat er im Tagebuch festgehalten:


    "16. 5. 42


    Schluß der Kommandierung. Heute gehe ich wieder in die Stellung zurück. Darüber bin ich froh. -

    Gestern saßen wir - einschließlich Leutnant - bis nachts um 1/2 2 zusammen.

    Thema dann auch: Theologiestudent in unserer Zeit.


    Leutnant: "Sie können mir leid tun!"

    Ich: "Weshalb, Herr Leutnant?"

    Leutnant: "Deutschland ist unsere Religion! Sehen Sie, was Japan mit einer volksgebundenen Religion leistet. Das Christentum hat abgewirtschaftet, seine salbungsvollen Priester haben jede Führungsberechtigung verscherzt.

    Jesus - hat nicht mehr geleistet, als ein deutscher Soldat heute leistet, der unter Schmerzen für sein Volk stirbt. Heiraten Sie, schaffen Sie Nachkommen, alles andere ist Unsinn!"


    Für ein tieferes Gespräch, für ein Eindringen in die religiösen Bereiche gab es keine Möglichkeit. Er wiederholte sich und verkündete seine "Religion". -


    [...]

    Was mich traurig stimmt: Vieles an der Gestalt der Kirche kann mit Recht kritisiert werden. Die Gegner lügen durchaus nicht immer. Sie sehen nun einmal das Menschliche. Und nur danach vermögen sie zur urteilen.

    Das sind keineswegs nur solche Phrasendrescher wie der Leutnant mit seiner "Deutschland-Religion"."


    (Leo Bernhard (Hrsg.), Alfred Bengsch: Die Hoffnung darf nicht sterben. Tagebuch 1940-1950, München 1981, S. 48-51.)


    Diese Tagebucheinträge sind vielleicht ganz interessant um nachzuvollziehen, wie die Auseinandersetzung zwischen Nazis und Nicht-Nazis

    innerhalb der Wehrmacht auch aussehen konnte.


    Gruß

    Bodo

    Hallo Georg,


    Danke für Dein Feedback. Leider findet man in der (deutschen) Forschungsliteratur meist nur wenig Aussagekräftiges zu den genauen Umständen

    der alliierten Tieffliegerangriffe. MarcBartuschka hatte als Wissenschaftler darauf verwiesen und damit u.a. seine Zweifel an Umfang und Zielsetzung

    dieser alliierten Angriffsoperationen begründet.

    Sehr wahrscheinlich gibt es da auch eine gewisse "Beißhemmung" der deutschen Geschichtsprofis, auf die vor Jahren bereits der leitende wissenschaftliche Direktor des Militärgeschichtlichen Forschungsamts der Bundeswehr (MGFA), Rolf-Dieter Müller, hingewiesen hat.


    Prof. Müller spricht von "Blindstellen einer Zeitgeschichtsforschung, die sich bemühte, die "geistigen Reparationsforderungen der Siegermächte" zu erfüllen und im Sinne einer positiv verstandenen 'Volkspädagogik' Westdeutschland zu demokratisieren."

    (Quelle: Rolf-Dieter Müller, 1945: Der Tiefpunkt in der deutschen Geschichte. Gedanken zu Problemen und Perspektiven der historischen Forschung,

    in: Jörg Hillmann (Hrsg.), John Zimmermann (Hrsg.), Kriegsende 1945 in Deutschland, München 2002, S. 318-329, Zitat S. 320).


    Oder anders ausgedrückt: eine allzu tiefgehende Beschäftigung mit alliierten Völkerrechtsverstößen war und ist weder erwünscht noch karrierefördernd.

    Ganz besonders dann, wenn das Nazi-Regime auch noch versucht hat, alliierte Kriegshandlungen für die eigene Propaganda auszunutzen.

    Wie wir inzwischen nicht nur seit dem letzten Historikertag wissen, ist der genannte Demokratisierungsprozess in einem (laut UN-Charta) "besiegten Feindstaat" ja eigentlich niemals beendet

    (https://www.n-tv.de/politik/De…staat-article7267441.html).


    Einen Eindruck von diesem Zwiespalt vermittelte bereits der Eingangspost von U-69 aus dem Jahr 2010:

    Dies soll keine Gegenüberstellung von Kriegsverbrechen sein!!!!!


    Meine Oma hat mir erzählt, dass sie ab 44 in Bayern evakuiert war. Sie erzählte mir auch dass sie sich daran erinnern kann, dass es ab 45 dazu kam, dass amerikanische Jagdflieger im Tiefflug Jagd auf Vieh und auch auf Zivilisten machten. In dem Dorf wo sie war, gab es mehrere Opfer, die keinerlei "militärischen Wert" haben konnten, da es sich um Frauen und Kinder handelte, die mehr oder weniger "aus Spass" von den P51 abgeschossen wurden.

    Ich möchte zunächst wie versprochen wissenschaftliche Darstellungen nennen, die diese Realität ("die Jagdflugzeuge schossen auf alles, was sich bewegte")

    anerkannt haben.


    Der erste wissenschaftliche Autor, den ich zitieren möchte, ist Holger Piening von der Westküste Schleswig-Holsteins.

    Piening hat mehrere Standardwerke zur Nordseeküste im Krieg verfasst. Im letzten Buch zum Jahr 1945 beschreibt er ausführlich

    die alliierten Tieffliegerangriffe gegen die örtliche Zivilbevölkerung, die ich vor Jahren schon einmal kurz erwähnt hatte:

    Zitat: "z.B. haben englische Jagdflieger regelmäßig im Tiefflug Schulkinder auf dem Weg zur Dorfschule beschossen. Das sei hier nur am Rande erwähnt."


    "Terror durch Tiefflieger


    Von Februar 1945 an steigerte sich eine besonders gefürchtete Erscheinung des Luftkrieges über der Westküste: der Terror durch Tiefflieger.

    Da er sich nicht auf das Kampfgebiet und militärische Ziele beschränkte, sondern wehrlose Zivilisten in die "Jagd" einbezog, war diese Art der Kampfführung völkerrechtswidrig.


    Mit ihren Bordfeuerwaffen schossen die Besatzungen der alliierten Flugzeuge - häufig urplötzlich auftauchend - auf den Straßenverkehr oder auch auf einzelne Personen.



    Selbst auf dem flachen Lande wurde es für die Bevölkerung lebensgefährlich, mit Fahrrad oder gar Auto eine längere Strecke zurückzulegen. Fußgänger konnte sich im Fall der Fälle schneller mit einem Sprung in den Straßengraben retten.


    Angst und Schrecken erreichten in den letzten Kriegswochen, ab April, ihren Höhepunkt. "Die englischen Jagdbomber fanden keine Gegenwehr mehr und wurden übermütig. Siegesgewiß beschossen sie nun sogar pflügende Bauern auf den Feldern mit Maschinengewehren", steht in einer Brunsbütteler Schulchronik.


    Der Süderheistedter Schulleiter resümiert: "Ununterbrochen waren feindliche Flugzeuge, meistens Jäger, in der Luft. Sie griffen Einzelfahrzeuge, ja einzelne Fußgänger an."

    Zuletzt wurde zum Beispiel bei Friedrichstadt auch auf spielende Kinder gezielt und "auf alles geschossen, was sich bewegte".


    Die Kinder waren zunehmend auf ihrem Schulweg gefährdet. Die Lehrer belehrten sie, bei einem Tieffliegerangriff sofort die Straßen zu verlassen und Luftschutzräume aufzusuchen. Ausgerechnet in der flachen und baumlosen Marsch, die keine natürlichen Schutzmöglichkeiten bietet, waren Schutzräume jedoch selten.

    Manche Schulen stellten den Unterricht ein; an der Büsumer Volksschule fiel er in der Woche vom 23. bis 28. April aus. Am 26. April wurden alle Schulen in Husum geschlossen."






    (Holger Piening, Westküste 1945. Nordfriesland und Dithmarschen am Ende des Zweiten Weltkrieges, Heide 2000, S. 31.)



    Der nächste Hinweis ist aus einem wissenschaftlich orientierten Internetforum in Oberösterreich, wo auch der Luftkrieg beschrieben wird.

    In dem Artikel über den Luftkrieg erwähnen Josef Goldberger und Cornelia Sulzbacher

    (beide vom Oberösterreichischen Landesarchiv) auch die Tieffliegerangriffe in den letzten Kriegsmonaten.


    Link:

    http://www.ooegeschichte.at/ep…s-krieges/bombenangriffe/


    "Der Luftkrieg


    1942 begann die englische Luftoffensive gegen Deutschland. Nach dem Abfall Italiens vom Bündnis mit Deutschland (Achse Rom – Berlin) im September 1943 verlagerten die Alliierten ihre Luftstreitkräfte zunehmend von Tunis nach Italien (Foggia in Apulien), was die Angriffe gegen Süddeutschland und die Ostmarkgaue erleichterte.

    [...]

    Ab Oktober 1944 nahm die Anzahl der Angriffe auf oberösterreichisches Gebiet stark zu. Insbesondere Linz wurde im Winter 1944/45 schwer angegriffen. Die Flugabwehr erlahmte zunehmend. Am 20. März 1945 erfolgten zwei schwere Angriffe auf Wels, bei denen unter anderem der Rangierbahnhof restlos zerstört wurde.

    In der letzten Kriegsphase gingen die Bombenangriffe auf Oberdonau etwas zurück, dafür nahmen Tieffliegerangriffe stark zu. Mit dem Nahen der Landfront und den einmarschierenden amerikanischen Truppen war der Luftkrieg gegen Ende April 1945 im Wesentlichen abgeschlossen.

    Es gab drei Ausnahmen: Am 21. April wurde der Eisenbahnknotenpunkt Attnang-Puchheim vernichtend angegriffen und am 25. April erfolgten abermals schwere Luftangriffe auf die Bahnhöfe in Wels und Linz. [...]"


    Es ist auch noch interessant, in die Suchmaske "Tiefflieger" einzugeben, was aktuell 9 Treffer ergibt (Darstellungen von Historikern und Zeitzeugenberichte).

    Ein Zeitzeugenbericht stammt von Aloisia Linimair (aufgeschrieben von Reinhard Gantner vom Museumsverein Marchtrenk - Welser Heide):


    Aloisia Linimair. Wieviel Leid kann ein Mensch ertragen?


    "[...] Auch gab es eine Situation, die von einem Mann herbeigeführt worden ist, der sich der damaligen Besatzungsmacht, den Amerikanern, in völlig unpassender Uniform gezeigt hat und daraufhin geflohen ist.

    Die Amerikaner ließen alle zum Haus gehörenden Leute mitsamt Kindern antreten und fragten immer wieder, wo der Gegner sich versteckt. Da es niemand wusste, drohten sie, dass die Baracke gesprengt wird. Dass dies nicht geschah, ist einzig einem Nachbarn namens Wartinger (Vorname leider unbekannt) zu verdanken, der der englischen Sprache mächtig war und somit die Amerikaner beruhigen konnte, sodass sie von ihrem Vorhaben abließen und weiter fuhren.


    Wie auch andere ältere Marchtrenker öfters erzählen, war es auch für die damaligen Kinder der Kriegsgeneration nicht ungefährlich, in die Schule zu gehen oder im Freien zu spielen, da amerikanische Tiefflieger auf alles schossen, was sich bewegte."


    http://www.ooegeschichte.at/th…-frauen/aloisia-linimair/



    Als nächstes möchte ich noch einmal den Luftkriegshistoriker Jörg Friedrich zitieren. Er hat nicht nur das tatsächliche Geschehen bei den alliierten Luftangriffen geschildert, sondern auch die Zielsetzungen der Alliierten:


    "Die Amerikaner, die noch zwei Jahre zuvor ihre "Präzisionsangriffe" nicht mit der britischen Brandstiftung verwechselt wissen wollten, hatten nun [1944] ein Heer im Feld. Seine Schonung ist eine Ethik für sich. Sie gebot den Luftstreitkräften, im Hinterland einer gestürmten Landfront den zivilen Widerstandswillen zu brechen. Das spart Blut, dies ist human, die Doktrin datiert zurück auf Billy Mitchell, den Schöpfer der US-Luftwaffe.

    General Spaatz hat daraus die Idee des Tieffliegerangriffs entwickelt.




    Die Zivilbevölkerung wird sich ihrer Lage schneller bewußt, wenn Jagdbomber beliebige Fußgänger, Radfahrer, Bahnreisende, Bauern auf dem Acker unter MG-Beschuß nehmen. Diese als "strafing" vom Herbst 1944 bis Kriegsende geübte Praxis zählte gleichfalls zur Verkehrsoffensive, weil Zivilisten außer Hause zumeist unterwegs sind, in Fahrzeugen auf Straßen und Wegen.


    Eine Variante davon jagte Bahnangestellte, um diesen Beruf gefährlicher zu machen. Dissidenten wie Brigadier General Charles Cabell, der Planungsdirektor des Luftwaffenstabs, äußerten ihr Mißvergnügen, "this is the same old baby killing plan of the get-rich-quick psychological boys", doch wurde das "strafing" zum ständigen Brauch des späteren Luftkriegs.

    Man war mit der Psychologie nicht besonders reich geworden, führte dies indes darauf zurück, daß man zu ärmlich gestartet war. Der jetzigen Maschinenstärke, die USA produzierten 1944 35.000 Bomber und 38.000 Jäger, würde keine Psyche standhalten können."


    (Jörg Friedrich, Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1939-1945, S. 149f.)


    Die von Friedrich geschilderten Fakten entsprechen dem, was ich neulich über die alliierte Luftkriegspraxis der "Interdiction" geschrieben hatte.

    Nicht nur dem deutschen Militär, sondern auch der Zivilbevölkerung sollte jede Bewegung im öffentlichen Raum per Todesdrohung aus der Luft unterbunden werden. Für den Historiker Holger Piening ist dieses Verhalten der alliierten Jagdbomber eindeutig völkerrechtswidrig gewesen.


    Interessant ist nun, wie die Nazis darauf reagiert haben und wie die alliierten Jagdflieger selbst darüber dachten.

    Zum ersteren hatte der bekannte Journalist und Dresden-Experte Götz Bergander ("Dresden im Luftkrieg") geschrieben:



    Auf die Selbsteinschätzung dieser Luftkriegsaktionen durch alliierte Piloten kann ich vielleicht im nächsten Beitrag noch eingehen.


    Beste Grüße

    Bodo

    Hallo zusammen,


    zum vorigen vielleicht noch einmal die (übereinstimmende) Einschätzung zum geplanten verschärften "Kirchenkampf" der Nazis nach Kriegsende

    durch den bekannten Schweizer Historiker Walther Hofer (1920-2013, zuletzt Universität Bern):


    "Der Kirchenkampf ging in diesen heftigen Formen weiter, bis der von Hitler entfesselte Krieg ihm wenigstens äußerlich ein Ende machte.

    Der deutsche Diktator hatte jetzt kein Interesse mehr an dieser Auseinandersetzung und trachtete danach, alles zu vermeiden, was geeignet war,

    die geschlossene Kampfgemeinschaft des deutschen Volkes zu gefährden.


    Nach siegreicher Beendigung des Krieges gegen die äußeren Feinde gedachte Hitler dann mit den inneren Feinden endgültig abzurechnen,

    und da standen die christlichen Kirchen an der Spitze.

    Im Stillen ging der Kampf jedoch weiter. Die einschränkenden Maßnahmen konnten jetzt sehr bequem mit Kriegsnotwendigkeiten begründet werden.


    In der Reichskanzlei wurden Pläne vorbereitet, um den Kampf nach Kriegsende verschärft weiterzuführen. Im Schatten Hitlers wuchs jetzt die Figur Martin Bormanns empor, der wohl der schärfste Antichrist unter den Führern des Regimes gewesen ist.

    Die Kirchen hatten auch während des Krieges genügend Anlaß, dem Regime entgegenzutreten; denn die Herrschaft Hitlers entpuppte sich ja erst jetzt in ihrer ganzen Brutalität und Unmenschlichkeit. [...]"


    (Der Nationalsozialismus. Dokumente 1933–1945. Hrsg., eingeleitet und dargestellt von Walther Hofer. Fischer Bücherei, Frankfurt am Main 1957; überarbeitete Neuausgabe, Frankfurt am Main 1982, S. 125.)


    Ich hatte ja neulich schon einmal Martin Bormann, Hitlers einflussreichsten Staatsminister und graue Eminenz der NSDAP, mit einem Brief vom Februar 1940 an Rosenberg zitiert, Stichwort "Überwindung der Kirchen durch die NS-Weltanschauung".


    Im Buch von Walther Hofer ist als Dokument ein geheimes Rundschreiben Bormanns vom 6. Juni 1941 enthalten (Dokument [88], S. 160)

    (an NS-Parteifunktionäre, Gauleiter etc.?).


    Darin schreibt Bormann gleich als ersten Satz:


    "Nationalsozialistische und christliche Auffassungen sind unvereinbar.

    [...]

    Zum ersten Male in der deutschen Geschichte hat der Führer bewußt und vollständig die Volksführung selbst in der Hand.

    Mit der Partei, ihren Gliederungen und angeschlossenen Verbänden hat der Führer sich und damit der deutschen

    Reichsführung ein Instrument geschaffen, das ihn von der Kirche unabhängig macht.

    Alle Einflüsse, die die durch den Führer mit Hilfe der NSDAP ausgeübte Volksführung beeinträchtigen oder gar schädigen könnten,

    müssen ausgeschaltet werden. Immer mehr muß das Volk den Kirchen und ihren Organen, den Pfarrern, entwunden werden. [...]"


    Gut möglich, dass die hier im Thema bisher aufgetauchten radikalen Nazis in der Wehrmacht (der Kompaniechef im Tagebuch von Pfarrer Hans Steffens, der Stabsarzt beim damaligen Theologiestudenten und angehenden Pfarrer Alfred Bengsch) diese Auffassung der NS-Parteiführung kannten und in ihren Vernichtungsphantasien gegen Andersgläubige radikalisiert wurden. Bis hin zur Androhung von Gewalt nach Kriegsende. Das wäre meine Vermutung.


    Beste Grüße

    Bodo

    Hallo Bert,


    ich stimme Dir vollauf zu, wenn Du schreibst, dass es auf den jeweiligen Einzelfall ankam (welcher vorgesetzte Offizier, welcher Bürgermeister usw. vor Ort war

    und seine schützende Hand über christliche Priester halten konnte).


    In dem von mir neulich genannten Buch "Priester aus dem Bistum Münster im KZ. 38 Biographien" von Christian Frieling werden auch u.a. katholische Hilfspolizisten

    und Dorfpolizisten genannt, die aus Solidarität Strafprozesse gegen Priester erfolgreich verzögern konnten. Auch Richter weigerten sich anfangs öfters, von der Exekutive konstruierte Anklagen weiterzuverfolgen.


    Die "Christenverfolgung" im NS-Staat hatte also zahlreiche Facetten und in einigen Bereichen gab es sie eigentlich gar nicht.

    Insgesamt kann Frieling für das Bistum Münster sehr plausibel verschiedene Verfolgungswellen der Nazis gegen katholische Würdenträger rekonstruieren.

    Vieles lässt sich dann auch auf das übrige Reichsgebiet übertragen.

    Fasst man Frielings Analyse zusammen, kann man sagen, immer dann, wenn das NS-Regime sich in seiner Machtvollkommenheit sicher fühlte, ging es radikaler gegen die Priester vor (man denke z.B. an die reichsweite Auflösung und Beschlagnahmung von Klöstern 1941).


    Ich zitiere mal aus seinem Verfolgungsüberblick

    "Das NS-Regime, die Katholiken und ihre Priester im Bistum Münster 1930-1945":


    Quote

    Die im KZ Dachau inhaftierten Priester waren Opfer der Auseinandersetzungen zwischen Nationalsozialismus, Katholiken und Kirche, die um 1930 begannen und 1945 mit dem Zusammenbruch des 'Tausendjährigen Reiches' endeten.


    Dieser Konflikt verlief nicht gleichförmig, sondern in sehr unterschiedlichen Phasen, wobei die äußeren Bedingungen, Formen und Inhalte wechselten. Wird diese Entwicklung nicht beachtet, fällt der Zugang zu den Ereignissen oft schwer.


    "In der Tat begannen Partei, Justiz und Gestapo, nachdem sie freie Hand erhalten hatten, seit dem Sommer 1935 verstärkt Material gegen Geistliche zu sammeln und eine Vielzahl von Strafverfahren einzuleiten - und doch kam es bis zum Kriegsausbruch im Jahre 1939 zwar zu zahlreichen Verhören, Haussuchungen, Verwarnungen und Verboten, Religionsunterricht zu erteilen, aber nur zu einer deutlich niedrigeren Anzahl von Verurteilungen vor Gericht, meist mit geringeren (Geld)strafen.

    [...]

    Für die Tatsache, daß es dennoch bis 1939 - gemessen an der Zahl der eingeleiteten Verfahren - nur wenige Verurteilungen gab, sind zwei Gründe ausschlaggebend: Erstens hatte schon der Göring-Erlaß betont, es müsse zwar hart vorgegangen, aber gleichzeitig durch sorgfältige Vorbereitung vermieden werden, Märtyrer zu schaffen.

    [...]

    Zweitens blieb die Zahl der Verurteilungen relativ gering, weil das Justizministerium am 13. 7. 1936 aus innen- und außenpolitischen Gründen (Olympiade) anordnete, Strafverfahren mit 'religionspolitischem' Hintergrund oder gegen Geistliche einzustellen. Diese Anordnung wurde am 7. 4. 1937 wieder aufgehoben - als Reaktion auf die Enzyklika 'Mit brennender Sorge" Papst Pius. XI., die eine massive Verurteilung des Nationalsozialismus enthalten hatte -, aber schon im Juli 1937 wieder erneuert.

    Hitler bereitete sich von nun an auf das Ausgreifen nach Osteuropa [Sudetenland und Tschechei] und damit auf einen militärischen Konflikt vor - innenpolitisch war deshalb Ruhe geboten, einer offenen Konfrontation mit den Katholiken und der Kirche ging man möglichst aus dem Wege.

    Das Problem sollte in Zukunft geräuscharm gelöst werden.

    [...]

    Die Abfolge der Einlieferung der münsterischen Priester ins KZ entspricht in etwa der Intensität des 'Kirchenkampfes' während des Krieges.

    Wenige Monate vor Ausbruch des Krieges war am 3. 5. 1939 das seit Juli 1937 bestehende Verbot aufgehoben worden, Verfahren gegen Geistliche und Ordensangehörige durchzuführen - freilich auch weiterhin unter Berücksichtigung des Grundsatzes, eine Beunruhigung der Bevölkerung zu vermeiden.

    Damit war klargestellt, daß die Sicherheitsorgane wieder verstärkt gegen Priester durchgreifen konnten.


    Wurden nun 1940 erst vier münsterische Priester im KZ inhaftiert, so schnellte die Zahl 1941 auf fünfzehn hoch, 1942 kamen nochmals zwölf hinzu, 1943 zwei, 1944/45 folgten noch fünf.

    Tatsächlich hielt sich die NS-Führung 1939/40 mit Maßnahmen gegen die Katholiken und ihre Kirche zurück, im Jahre 1941 aber, auf dem Höhepunkt der äußeren Machtentfaltung des Dritten Reiches, verschärfte sich der Druck erneut, als überall Klöster beschlagnahmt wurden."


    (Christian Frieling, Priester aus dem Bistum Münster im KZ. 38 Biographien, Münster 1993, S. 5-9.)


    Quote

    "Parallel erreichte das Verhältnis von Katholiken und NS-Regime einen absoluten Tiefpunkt, als Clemens August Graf v. Galen mit seinem Protest gegen die Euthanasie an die Öffentlichkeit ging. Bekanntlich wurde die Abrechnung mit dem münsterischen Bischof von der nationalsozialistischen Führung auf die Zeit nach dem Kriege verschoben.

    In welchem Umfang die hohe Zahl der KZ-Deportationen des Jahres 1941 eine Reaktion auf seine Predigten war, ist nur schwer abzuschätzen. Sie nahmen im ganzen Reich zu, und die Verfolgung im Bistum Münster wurde bereits in der ersten Jahreshälfte intensiviert, um nach den Predigten ihren Höhepunkt zu erreichen."


    (Christian Frieling, Priester aus dem Bistum Münster im KZ. 38 Biographien, Münster 1993, S. 9-10.)


    Bischof von Galen war für die NS-Führung eine Hassfigur, weil sie auch wegen seiner öffentlichen Verurteilung der Euthanasie ihr Mordprogramm vorerst aussetzen musste. Wichtig finde ich den wiederholten Hinweis auf die "Abrechnung mit dem münsterischen Bischof...nach dem Kriege"

    oder "Das Problem sollte in Zukunft geräuscharm gelöst werden."


    Das entspricht dem, was ich bisher zu den Erfahrungen einiger geistlicher Soldaten mit NS-gesinnten Vorgesetzten in der Wehrmacht geschrieben hatte.

    Größere Mordaktionen gegen "Volksgenossen" wollten die Nazis demnach überwiegend auf die Zeit nach einem (für sie) erfolgreichen Kriegsende verschieben.


    Ganz im Sinne der bekannnten Äußerungen von Propagandaminister Goebbels am 4. März 1944:
    "Nach dem Kriege werden wir uns sowohl der Frage der Offiziere als auch der Frage der Pfaffen annehmen.

    Heute müssen wir gute Miene zum bösen Spiel machen."

    Ralf Georg Reuth (Hrsg.), Joseph Goebbels. Tagebücher Band 5: 1943-1945, München 2003, S. 2009-2010.


    Diese "gute Miene [der Nazis] zum bösen Spiel [des gesellschaftlichen Widerstands in Deutschland]" hat Bert in seiner Aufzählung wohl gemeint.

    Nach dem Krieg wollten Hitlers Gefolgsleute dann ihre "Biedermann-Maske" fallenlassen zu einem "Röhm-Putsch" hoch Zehn.


    Gruß

    Bodo

    Hallo Rüdiger, sehr interessante Literaturauszüge (einen kritischen Zeitungsartikel von Martin Röw können wir vielleicht ein andernmal besprechen).


    Hallo Bert,


    danke für Deinen Beitrag zu den Glaubensfragen auf beiden Seiten der Ostfront. Ich glaube aber, Du meinst die Priestersoldaten in der Wehrmacht,

    die nicht "verheizt" werden sollten (bei Stalin gab es ja keinerlei Geistliche in der Armee, die meisten Kirchen waren bis 1941 als Lager oder KfZ-Schuppen zweckentfremdet). Hier vielleicht noch ein Zitat aus einer wissenschaftlichen Gesamtdarstellung von Professor Norman Davies.


    Quote

    "In der UdSSR verhinderte der Einmarsch der Deutschen 1941, dass die russisch-orthodoxe Kirche vollständig ausgelöscht wurde. Nach zwei Jahrzehnten der Verfolgung und Unterdrückung waren auf sowjetischem Gebiet nur noch ganz wenige Kirchen in Betrieb.

    Stalin wurde jedoch dazu gezwungen, nachzugeben.

    Kirchenführer kamen aus dem Untergrund, und in den von den Deutschen besetzten Gegenden blühten die russisch-orthodoxe und die ukrainische Kirche wieder merklich auf. Im Jahre 1943 stellte Stalin das orthodoxe Patriarchat von Moskau wieder her."


    (Norman Davies, Die große Katastrophe. Europa im Krieg 1939-1945, München 2009, S. 616.)


    Es stimmt schon, die Priestersoldaten durften laut Kirchenvereinbarung zwischen NS-Staat und Vatikan nur im Sanitätsdienst verwendet werden.

    Sie konnten sich aber bei entsprechender Empfehlung ihres militärischen Vorgesetzten zu Militärseelsorgern bzw. Kriegspfarrern mit Offiziersrang ausbilden lassen.


    Dagegen waren die Theologiestudenten überall einsetzbar. Der von mir zuletzt genannte Kardinal Alfred Bengsch war ja im Krieg noch Student.

    In seiner Frontdienstzeit bis kurz vor Stalingrad (ungefähr 16 Monate bis er schwer erkrankte) wurde er als Meldegänger bei der Infanterie

    oft in den schlimmsten Kugel- und Granatenregen eingesetzt. Im Lazarett traf er dann ganze 7 Priestersoldaten (alles Kapläne) als Sanitäter an.

    Diese gefährlichen Einsätze waren offenbar keine Seltenheit.


    Es gibt eine anschauliche Schilderung aus der Sicht eines katholischen Priesters, der 1941 als Student sogar eine Offiziersausbildung absolvierte.

    Er berichtet von zahlreichen "ganz vorn" gefallenen katholischen Theologiestudenten.


    Mitten in seinem Lehrgang kam die Anweisung der NS-Führung, dass katholische Theologiestudenten keine Offiziere mehr werden durften:


    "Studiendirektor i.R. Ludwig Petz erinnert sich an den Rußlandfeldzug

    Eine Rückschau nach 50 Jahren


    "Auf einem Vorbereitungskurs für die Offiziersschule in Jüterbog - das war Januar 1941, ich wurde auch dazu abgestellt - fragte uns ein hoher Offizier nach Namen und Beruf. "Meine Herren", sagte er, "Sie haben gehört, daß zwei Theologiestudenten dabei sind, ein evangelischer und ein katholischer. Ich komme vom Rußlandfeldzug zurück, ich habe nur gute Erfahrungen mit den Theologiestudenten gemacht."


    Es war ja Nazizeit. Dies mußten wir Theologiestudenten auf der Waffenschule in Jüterbog bald spüren. Von höchster Stelle war die Weisung gekommen, daß katholische Theologiestudenten nicht mehr Offizier werden konnten. Wenn wir unterschrieben hätten, daß wir nach dem Krieg nicht mehr Theologie studieren würden, hätten wir dabeibleiben können.


    Keiner unterschrieb. Viele unter uns waren in einer großen Gewissensnot. Wir ahnten, wohin uns der Nationalsozialismus unter Hitler führen würde. [...]"

    (Eine Rückschau nach 50 Jahren. Studiendirektor i.R. Ludwig Petz erinnert sich an den Rußlandfeldzug, in: Hermann Mors, Priesterweihe im Wehrmachts-Sonderurlaub Heiligabend 1940 im St. Antoniushaus in Augsburg. Der ungewöhnliche Weg von Sanitäts-Soldaten im 2. Weltkrieg, Dillingen 1991, S. 30.)


    Und weiter:


    Wäre der Kampf Christen gegen Nazis

    besonders ausgeprägt gewesen, hätte es bis Kriegsende keine Geistlichen bei den Stäben der Divisionen mehr gegeben.


    Aber Bert, das war doch gerade das langfristige Ziel des NS-Regimes! Im Hintergrund wurden schon die ideologischen Messer gewetzt von Gestapo, SS, SD.

    Der Historiker Ulrich von Hehl hat in seinem Standardwerk "Priester unter Hitlers Terror" über den bedrohlichen Kirchenkampf im Nazi-beherrschten Deutschland einleitend geschrieben:


    "Den Bischöfen entging denn auch nicht, daß es nur eine Frage der Zeit, der politischen Taktik war, bis das Regime darangehen würde,

    "alle Machtmittel des totalitären Staates zur Durchführung seines christentumsfeindlichen Programmes" einzusetzen.

    Seit Beginn seiner Herrschaft sucht es den kirchlichen Wirkungsbereich durch eine aus Terror und administrativer Unterdrückung gespeiste Politik

    zu begrenzen. In diesem Kirchenkampf war die Kirche die Angegriffene, nicht der Angreifer, und sie wurde - diese Erhebung zeigt es tausendfach - vor allem dort angegriffen, wo sie am verwundbarsten war, nämlich in ihren Dienern."

    (Ulrich von Hehl, Priester unter Hitlers Terror. Eine biographische und statistische Erhebung, Mainz 1985, S. LXI-LXII.)


    Und weiter heißt es:


    Wenn ich das Buch richtig in Erinnerung habe, gerieten Tausende Priester in die Fänge der Gestapo oder mussten sogar im KZ um ihr Leben fürchten.

    (Siehe dazu u.a. das Buch von Christian Frieling Priester aus dem Bistum Münster im KZ. 38 Biographien)


    Abschließend möchte ich noch einen Blick auf die Seite der Katholischen Militärseelsorge empfehlen.

    Dort gibt es einen kurzen, aber anschaulichen Artikel von Monica Sinderhauf über die Anweisungen der NS-Führung, um die christlichen Militärseelsorger

    nach und nach zu marginalisieren und schließlich ganz abzuschaffen:



    Und abschließend schreibt Frau Dr. Sinderhauf:


    "Seit Oktober 1942 schließlich wurden keine weiteren Militärgeistlichen mehr eingestellt (Verbot weiterer Neuernennungen von Kriegspfarrern). Eine Verfügung Heinrich Himmlers aus dem Jahre 1944 bestimmte, dass die Planstellen für Kriegspfarrer bei den Volksgrenadierdivisionen aus „Einsparungsgründen“ nicht mehr besetzt werden sollten. Es bestand die Absicht, allmählich alle Infanteriedivisionen in Volksgrenadierdivisionen umzuwandeln. Für die Militärseelsorge hätte die konsequente Durchführung dieser Absicht über kurz oder lang deren Wegfall bedeutet. Soweit ist es dann jedoch nicht mehr gekommen.

    [...]

    Manche der Kriegspfarrer teilten mit den Mannschaften das Schicksal der Kriegsgefangenschaft, die in den Verhältnissen und der Dauer ganz unterschiedlich sein konnte. Andere konnten auf Grund der Beachtung der Genfer Konventionen durch einen Teil der Siegermächte sehr bald wieder in ihre Heimatdiözesen zurückkehren, wo sie sich allerdings erst wieder in die Zivilseelsorge einfinden mussten."

    https://www.katholische-milita…hichte/zweiter-weltkrieg/


    Also nochmals Danke für eure kritischen Anmerkungen und Ergänzungen. Leider ist meine Antwort wieder länger geworden, als ich gewollt hatte.

    Ich hoffe, meine Fundstellen können bei offenen Fragen zum Thema ein wenig weiterhelfen.


    Beste Grüße

    Bodo

    Hallo zusammen,


    ich war nun wirklich der Meinung, im allerersten Beitrag alles Wichtige geschrieben zu haben.

    Die Überschrift lautet doch "Christen gegen Nazis in der Wehrmacht: was berichten Helmut Schmidt, Dr. Manfred Schick, Theodor Groppe und andere Soldaten dazu?"

    Helmut Schmidt und Theodor Groppe als Beispiele für Berufssoldaten, Manfred Schick und mein Vater als eingezogene Wehrpflichtige.


    Also, um etwas weiter auszuholen: während man sich früher zumindest in Westdeutschland dagegen verwahrte, Wehrmacht und SS auf die gleiche Anklagestufe zu stellen, was den Holocaust und Kriegsverbrechen betrifft, sieht das heute gänzlich anders aus. In dem erwähnten Buch "Kameraden" von Felix Römer wird ja als ein typisches Beispiel für die "Wehrmacht von Innen" sinnigerweise der SS-Kriegverbrecher Fritz Swoboda lang und breit mit seinen selbst geschilderten Untaten "gewürdigt". Dabei war Swoboda als Scharführer der Waffen-SS nie Angehöriger einer Wehrmachtseinheit.


    Als Beispiel für früher siehe z.B. hier:

    Ges. f. christl.-jüd. Zusammenarbeit u. a. (Hrsg.) Die SS - Ein 4. Wehrmachtsteil? 1979, Vorwort von Gerhard Schröder


    Der Zeithistoriker Thomas Kühne hat in einer Rezension für H-Soz-Kult zum Römer-Werk "Kameraden" 2013 offen zugegeben, dass er und andere einflussreiche Forscher (inklusive Römer) die Wehrmacht von oben bis unten durchgehend als eine NS-Kriegsverbrechertruppe mit Völkermordambitionen ansehen:

    "Kontrovers diskutiert wird hingegen, in welchem Größenverhältnis sich diese unterschiedlichen Gruppen gegenüberstanden, und vor allem der Stellenwert von Genozid und Kriegsverbrechen für das Gesamtbild der Wehrmacht."

    Das entspricht seltsamerweise exakt den Ausführungen des von Stalin nach Nürnberg entsandten sowjetischen Chefanklägers General Rudenko

    (der laut Wikipedia selbst an "zahlreichen Todesurteilen während des Großen Terrors 1937" in der SU und Nachkriegs KZ beteiligt war).


    Der bekannte Holocaust-Forscher Dieter Pohl hatte im Unterschied dazu in seiner Habilitationsschrift festgestellt:


    "Unterschiede zum SS- und Polizeipersonal sind deutlich erkennbar.

    In den Kernbereichen existierte bei letzterem eine homogene Rekrutierungspolitik,

    die Extremisten, die in der Wehrmacht von Fall zu Fall an den entscheidenden Stellen zu finden waren,

    dominierten bei SS und Polizei durchweg."

    (Dieter Pohl, Die Herrschaft der Wehrmacht. Deutsche Militärbesatzung und einheimische Bevölkerung in der Sowjetunion 1941-1944, München 2009, S. 115.)


    Diese von Pohl erwähnten "Extremisten" an wichtigen Befehlsstellen der Wehrmacht interpretiere ich als überzeugte, teils fanatische Nazis.

    Ein Knackpunkt ist dann meiner Ansicht nach das (gescheiterte) Attentat auf Adolf Hitler 1944. Welcher Soldat traute sich, etwas Positives dazu zu äußern

    und wer hatte davor und/oder danach unter Nachstellungen bzw. Denunziationen durch gläubige Hitler-Gefolgsleute zu leiden?

    Zitat aus dem Eingangspost:

    Ich würde gerne wissen, wie prominente und weniger prominente deutsche Soldaten die Nachricht vom Putschversuch 1944 erlebt und für sich eingeordnet haben.
    Und welche Konflikte es vorher und danach mit überzeugten Nazis in Wehrmachtsuniform gab.

    Wenn ihr dem Verlauf des Themas bis hierhin gefolgt seid, habt ihr sicher bemerkt, dass ich mich zuletzt mit Büchern zu Priestersoldaten und anderen Geistlichen in der Wehrmacht beschäftigt hatte. Ganz einfach, weil diese, wie ich feststellen musste, in einigen Fällen von Anfang an bei ihren

    Vorgesetzten, die Nazis waren, verdächtig erschienen.

    Dass einige Soldaten mit katholischem Berufsethos (Studenten, Theologen, Priester) aber sogar für die fernere Zukunft mit Verfolgung und Mord bedroht wurden

    (ganz im Sinne von Goebbels bedrohlichem Tagebucheintrag vom 4. März 1944), hatte ich nicht erwartet zu lesen:


    "Auch die Pfaffenfrage hat Stalin auf diese Weise gelöst. Er kann es sich heute leisten, eine Kirche wieder zu genehmigen,

    die absolut in seinen Diensten steht. Die Metropoliten fressen ihm aus der Hand, weil sie Angst vor ihm haben und genau wissen,

    daß sie, sobald sie gegen ihn opponieren, den Genickschuß bekommen.



    Wir haben auf diesem Gebiet noch einiges nachzuholen. Aber der Krieg ist dazu die ungeeignetste Zeit.

    Nach dem Kriege werden wir uns sowohl der Frage der Offiziere als auch der Frage der Pfaffen annehmen.

    Heute müssen wir gute Miene zum bösen Spiel machen."

    Ralf Georg Reuth (Hrsg.), Joseph Goebbels. Tagebücher Band 5: 1943-1945, München 2003, S. 2009-2010.


    Diese Ansicht war unter fanatischen Parteigenossen offenbar verbreitet.

    Martin Bormann, Hitlers einflussreichster Staatsminister und Leiter der NSDAP-Parteikanzlei, schrieb schon am 22. Februar 1940

    an den NS-Chefideologen Alfred Rosenberg:

    “[...] Nicht durch einen Kompromiß zwischen Nationalsozialismus und christlicher Lehre werden die Kirchen überwunden,

    sondern nur durch eine neue Weltanschauung”.

    (Zitiert nach Johannes Güsgen, Die Katholische Militärseelsorge in Deutschland zwischen 1920 und 1945, Köln 1989, S. 427.)


    Im Tagebuch des späteren Berliner Kardinals Alfred Bengsch bin ich vor kurzem auf ein weiteres Beispiel für eine solche lokale

    NS-Verfolgungsdrohung gestoßen.


    Quote

    "Tagebuchaufzeichnungen des verstorbenen Berliner Kardinals Alfred Bengsch aus dem bewegten Jahrzehnt, in dem er sich als Student und Soldat auf seinen Dienst als Priester vorbereitete. Eine Erinnerung an den großen Bischof und Kardinal der Weltkirche, vor allem aber ein Zeugnis dafür, daß die Hoffnung und das Leben stärker sind als Tod und Vernichtung. Diese Hoffnung war die Kraftquelle des angehenden Priesters, sie war Leitmotiv seines Lebens als Christ und Bischof. Über ihren geistlichen Gehalt hinaus sind diese Tagebuchnotizen eine Kostbarkeit von zeitgeschichtlicher Bedeutung."


    Leo Bernhard (Hrsg.), Alfred Bengsch: Die Hoffnung darf nicht sterben. Tagebuch 1940-1950, München 1981.


    Nach der Einberufung zur Wehrmacht erhielt Alfred Bengsch seine militärische Grundausbildung im Infanterie-Ersatz-Bataillon 71 in Erfurt.

    Dort wurde er bei der medizinischen Hauptuntersuchung vom Stabsarzt gleich mit einer Verfolgung durch die Nazis nach einem möglichen Kriegsende bedroht.

    Bengsch hat das Gespräch anschließend Wort für Wort in seinem Tagebuch notiert:


    "(Erfurt) 13. 3. 41






    Hauptuntersuchung.



    Stabsarzt: "Sie sind Theologe?"



    "Ja." (Das militärisch richtige "Jawohl" war mir noch nicht so geläufig; er sah es mir nach.)



    "Welcher Konfession?"



    "Katholisch."



    "Ich hörte letztens einen Vortrag in Gießen. Da behauptete der Redner, daß nach dem Kriege die Konfessionsfrage gelöst werden sollte.

    Entweder ist man dann guter Christ oder guter Nationalsozialist. Beides zusammen wird es dann nicht geben.

    Der Staat aber kann nur gute Nationalsozialisten gebrauchen.



    Na, das sind Zukunftsfragen..."


    Später der Unteroffizier auf der Stube:

    "Was sind Sie von Beruf?"

    "Theologiestudent."

    "Katholisch?"

    "Jawohl, Herr Unteroffizier!"

    "Woher stammen Sie?"

    "Aus Berlin."

    "Ich hätte nicht gedacht, daß von dort noch ein Theologe kommt, dazu noch ein katholischer!" -

    Aber keiner auf der Stube hat "gelästert"."


    Leo Bernhard (Hrsg.), Alfred Bengsch: Die Hoffnung darf nicht sterben. Tagebuch 1940-1950, München 1981, S. 22.

    Vermutlich meinte der Arzt mit seiner Drohung Einweisung ins KZ oder sogar die Ermordung nach Kriegsende, die der Parteiredner ansprach?

    “Der Staat aber kann nur gute Nationalsozialisten gebrauchen. Na, das sind Zukunftsfragen...”


    Zum Schluss muss ich noch auf einen Schreibfehler hinweisen, der mir letztes Mal beim Stauffenberg-Zitat unterlaufen ist.
    Stauffenberg hat natürlich über Hitler 1938 gesagt "der Narr macht Krieg", vielleicht könnte ein netter Moderator oder Moderatorin

    das Zitat noch korrigieren. geändert...Huba


    Beste Grüße

    Bodo

    Hallo Bodo,


    einige kritische Anmerkungen:

    die zur Beweisführung herangezogenen Zitate stammen alle aus ex-post Veröffentlichungen der Kriegsteilnehmer. Diese Tatsache solltest Du kritisch würdigen. So sind die Publikationen von H. Schmidt zum Thema Drittes Reich und Wehrmacht durchaus mit Bedacht auf sein Image geschrieben worden.

    Hallo Paul,


    wenn Du meine bisherige Quellenübersicht genau gelesen hast, wirst Du gesehen haben, dass wir es sowohl mit einigen Nachkriegstexten zu tun haben

    (z.B. die Kriegserinnerungen von Helmut Schmidt und Erich Mende), aber dass auch damals zeitgenössische Kriegsaufzeichnungen darunter sind

    (z.B. Manfred Schicks Feldbriefe an seine Eltern, die von den örtlichen NS-Funktionären bedroht wurden; sein Vater saß bereits zeitweise in "Schutzhaft").


    Desweiteren waren ja auch Tagebuchauszüge des Priesterkollegen von Hans Steffens dabei, der als Priestersoldat zur Wehrmacht eingezogen wurde.

    Noch vor Kriegsende ist der Tagebuchschreiber in Italien gefallen, als er in einem Dorf verwundete Menschen verbinden wollte. Bis dahin hatte er das Tagebuch akribisch geführt.

    Wenn Du Tagebuchveröffentlichungen ex ante verlangst, also vor Kriegsende in NS-Deutschland erschienen, wird man in der Regel auf propagandistische, regierungskonforme Texte stoßen. Ich kenne auch dafür einige Beispiele. Für dieses Thema absolut unergiebig.


    Die Kriegserinnerungen von Zeitzeugen hatte ich bislang mit der Maßgabe zitiert, dass die Personen bekanntermaßen NS-kritisch eingestellt waren.

    Helmut Schmidt hatte beispielsweise wegen seiner jüdischen Familienangehörigen wenig gutes bei einem Endsieg der Nazis zu erwarten.


    Und zu dem wie Erich Mende im nationalkonservativen Milieu verorteten Hitler-Attentäter Stauffenberg hat etwa der bekannte Historiker Joachim Fest

    in der Studie "Staatsstreich. Der lange Weg zum 20. Juli" folgendes geschrieben:


    "[....] Wie viele junge Offiziere hatte er [Stauffenberg] 1933 Hitlers Kanzlerschaft begrüßt

    und wohl auch einige Programmpunkte der Partei, zumindest der Idee nach, bejaht,

    gewiß jedoch die Wendung gegen Versailles und die Vereinigung mit Österreich.


    Aber schon im Verlauf der Affären um Blomberg und Fritsch waren grundsätzliche Zweifel

    in ihm wach geworden, die sich durch Hitlers riskante Politik während der Sudetenkrise noch verstärkten;

    "der Narr macht Krieg", hatte er damals gesagt. Und als es schließlich dazu kam, war er wie viele leidenschaftliche Soldaten

    ganz in den Anforderungen seines Metiers aufgegangen und den immer neuen Anlässen zur Empörung

    mit dem verbreiteten Vorsatz begegnet, nach dem Krieg die "braune Pest" zu beseitigen."


    (Joachim Fest, Staatsstreich. Der lange Weg zum 20. Juli, Berlin 1994, S. 219f.)


    Außerdem möchte ich noch betonen, dass in den meisten militärhistorischen Abhandlungen anderer Länder und Armeen

    die Kriegserinnerungen von beteiligen Soldaten wie selbstverständlich herangezogen wurden und werden.


    Grüße

    Bodo

    Hallo zusammen,


    ich möchte mich anschließen und einige Erkenntnisse aus der mir zur Verfügung stehenden Literatur beisteuern.


    Zunächst bin ich schon vor Jahren auf einen Eintrag im Tagebuch von Udo von Alvensleben gestoßen, der das Thema berührt.

    Es ist unter dem Titel "Lauter Abschiede.Tagebuch im Kriege" erschienen, war rein privat und ist erst nach seinem Tod von einem befreundeten Gelehrten veröffentlicht worden. Alvensleben war Generalstabsoffizier in der 16. Panzerdivision. Seine Division konnte durch den schnellen Vormarsch im Oktober 1941 mehrere Tausend sowjetische Deutsche vor der Deportation bewahren.


    Interessant ist vielleicht noch, dass sein jüngster Bruder Wichard von Alvensleben als Offizier durch die Rettung prominenter Geiseln aus den Händen der SS in Südtirol bekannt wurde, während der ältere Bruder Ludolf selbst ein hoher SS- und Polizeiführer in Italien war.


    "Udo August Ernst von Alvensleben (* 23. Januar 1897 in Wittenmoor; † 22. August 1962 in Bodelschwingh) war ein deutscher Kunsthistoriker.

    ...

    Im Zweiten Weltkrieg war er in Polen, Frankreich, Russland, auf dem Balkan, in Italien und schließlich in Norwegen eingesetzt.

    1941 bis 1943 Generalstabsoffizier in der 16. Panzerdivision unter General Hube."

    ...

    https://de.wikipedia.org/wiki/…nsleben_(Kunsthistoriker)


    Weil die erste Phase des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion bereits Diskussionsthema war, zitiere ich Alvenslebens Eintrag

    zum 22. Juni 1941 hier ebenfalls:



    Die Tagebucheinträge vom 12. und 13. Oktober 1941, wo die Division im Verlauf der Kämpfe die von Stalins Truppen verschleppten deutschen Zivilisten retten konnte, folgen anschließend:


    Quote

    "12. Oktober 1941


    Das Industriegebiet des Donez-Beckens zur Linken, das Asowsche Meer zu Rechten lassend, treten wir den Weitermarsch in Richtung auf Rostow am Don an. Es gibt kleine Zusammenstöße mit Südsicherungen der Donez-Armee. Da die Karten nicht mehr stimmen, wird jetzt mit Kompaß geführt. Viel wanderndes Volk, Nachkommen von Nomaden, sieht man überallher, überallhin unterwegs, zu Fuß, mit Panjewagen, manchmal mit Traktoren davor, die von Frauen gesteuert werden, hinten Kinder und Großeltern darauf. Unter grauem Himmel und trüben Nebeln sinkt das Land in stumpfen, gebrochenen Farben in den Winter.

    Flauschröcke und Pelzmützen gleichen die Bevölkerung der fernen mongolischen an. Die Fenster der Lehmhütten, ohnehin nicht zum Öffnen konstruiert, sind jetzt zugemauert, damit für acht Monate weder Kälte, Licht noch Luft eindringen können. Darin eingesargt gehen die Familien zur Ruhe über. Nur die nimmermüde Mutter füttert die hungrigen Schnäbel von Mensch und Vieh, kocht, heizt und paßt auf, daß kein Unglück geschieht.


    13. Oktober 1941


    Am Bahnhof (in Karanj) steht eine Schar von einigen Tausend volksdeutscher Frauen und Kinder zusammengetrieben, die nach Sibirien verfrachtet werden sollten. Zum Glück kamen wir dem Abtransport gerade noch zuvor. Die Freude ist groß.

    Die zu den Frauen gehörenden Männer, die von den Russen zum Schanzen deportiert waren, sind ebenfalls befreit, und so wird wenigstens die Hälfte der getrennten Familien bald wieder zusammen sein.


    Hier am Kalmius-Fluß werfen sich uns russische Verbände mit Panzern und Artillerie entgegen. Wir bauen unsere Geschütze auf den Höhen am Westufer auf. Ein Artillerieduell setzt ein, das uns auf den Leib rückt. Wir schlagen den Gefechtsstand in einem Schulgebäude am westlichen Stadtrand auf, beobachten von hier aus Feindangriffe aus verschiedenen Richtungen, russisches Panzerfeuer und Gegenangriffe unserer Panzerwagen. Wir sitzen wie bei Leonardos Abendmahl, [Generalmajor] Hube in der Mitte, vor breitem Tisch am Fenster. Um uns schlagen Granaten ein. In der folgenden Nacht setzt sich der Russe ab und verschwindet."


    Udo von Alvensleben, Lauter Abschiede, Tagebuch im Kriege, Herausgegeben von Harald von Koenigswald, Propyläen Verlag, Berlin 1971, S. 204-205.



    Der Militärhistoriker Christian Hartmann hat übrigens in seinem Buch "Unternehmen Barbarossa. Der deutsche Krieg im Osten 1941-1945" den Hintergrund der Deportationen von Millionen Sowjetbürgern aus vielen Volksgruppen ganz anschaulich erläutert. Hier mal ein Auszug zur besseren Einordnung des Geschehens:



    Und jetzt zur Kriegszeit ab dem Sommer 1941, wo vor allem die deutsche Volksgruppe betroffen war:


    "Mit Kriegsbeginn kam es zu einer zweiten Deportationswelle, die nun die Finnen (50 000 Menschen) traf, vor allem aber die Russlanddeutschen. "Raus mit ihnen, dass die Fetzen fliegen", befahl Stalin im August 1941. Daraufhin verschwand die Autonome Sowjetrepublik der Wolgadeutschen, von den insgesamt 1,4 Millionen Russlanddeutschen wurde ein Großteil deportiert, die Schätzungen bewegen sich zwischen 700 000 und 1,2 Millionen.


    Schon bei diesen Transporten, meist in Viehwaggons, manchmal aber auch zu Fuß, starben sie "wie die Fliegen" - so ein Augenzeuge, sei es an Hunger, Durst oder auch an Luftmangel. Auch in ihren Zielgebieten in Sibirien, Kasachstan oder Usbekistan waren die Lebensbedingungen hart. So lag die Sterblichkeitsrate unter den "Sondersiedlern" in den ersten vier Jahren nach ihrer Deportation bei insgesamt 20 bis 25 Prozent."


    (Christian Hartmann, Unternehmen Barbarossa. Der deutsche Krieg im Osten 1941-1945, München 2011, S. 94-96.)



    Hartmann zieht dann folgendes Fazit aus diesem Kapitel:


    "Die Bilanz dieser ethnischen "Flurbereinigung" ist erschütternd. Eigentlich standen alle nichtrussischen Völker der UdSSR unter dem kollektiven Generalverdacht der "Sabotage, Spionage und Kollaboration".

    Letzteres traf zuweilen auch zu. Häufiger aber war, dass völlig Unbeteiligte so klassifiziert wurden. An einer Klärung ihrer pauschalen Vorwürfe aber waren die Verfolger nicht im Geringsten interessiert, von einer Verhältnismäßigkeit ihrer Reaktionen einmal ganz abgesehen." (Ebd., S. 96.)


    Grüße

    Bodo