Posts by Bodo Franks

    Hallo zusammen,


    ich möchte zum Teilaspekt des Themas "Wehrmachtsgottesdienst in Russland unter Teilnahme der russischen Zivilbevölkerung" noch einen Bericht des bekannten militärhistorischen Autors Hans Schäufler einstellen (unten im Anhang sein Buch zum Panzerregiment 35,

    außerdem ein Foto des Autors in Panzeruniform von einer polnischen Geschichtsseite).


    Schäufler war als früherer Offizier selbst Kriegsveteran und hatte Weihnachten 1941 ein besonderes Erlebnis.

    Nach dem Zusammenbruch der deutschen Ostfront und dem Rückzug in Eis und Schnee von Moskau nach Orel

    hatte Schäufler mit dem Rest seiner Panzerabteilung ohne Panzer (Panzerregiment 35) der 4. Panzer-Division

    Ende Dezember 1941 die russische Stadt Kromy erreicht.


    Laut Wikipedia ist "Kromy (russisch Кро́мы) eine Siedlung städtischen Typs und nun eine ehemalige Stadt in der Oblast Orjol in Russland mit 6733 Einwohnern (Stand 14. Oktober 2010)."

    https://de.wikipedia.org/wiki/Kromy_(Orjol)


    Ein als Zivilisten getarnter Kampftrupp der Roten Armee (vermutlich Kosaken) hatte sich unter die Gottesdienstgemeinde in der Stadt Kromy gemischt und sollte die abgekämpften deutschen Truppenreste aus dem Hinterhalt angreifen. Das war sogar von Schäuflers Vorgesetztem per Funk mitgeteilt worden. Aber es kam glücklicherweise anders. Das gemeinsam mit den russischen Zivilisten und Soldaten erfahrene Christentum rettete den deutschen Soldaten in dieser schwierigen Situation das Leben. Man könnte (wegen der zelebrierten Weihnachtsmesse) sogar von einem “Weihnachtswaffenstillstand“ zwischen deutschen und russischen Soldaten sprechen:

    Christnacht von Kromy

    Alle Jahre wieder, wenn es Weihnachten wird und ich ein paar Tage Zeit für mich selbst habe, blättere ich in einem Stoß vergilbter Schulhefte. Es sind meine Tagebuchaufzeichnungen aus dem Zweiten Weltkrieg. Immer wieder erlebe ich dann jene seltsame Christnacht, die erfüllt war vom geheimnisvollen Zauber des Weihnachtsevangeliums.


    Ich war damals Nachrichtenoffizier einer Panzerabteilung. Nach wochenlangen, verlustreichen Kämpfen wurde diese von der Übermacht sibirischer Truppen, die die Kälte gewohnt waren, vor den Toren Moskaus aufgerieben.

    Nur etwa 100 Mann unserer Einheit hatten diesen erbarmungslosen Winterkrieg lebend und gesund überstanden.

    Wir, die wir übrig geblieben waren, hatten den Auftrag, uns zu unserer Ausgangsstellung zurückzukämpfen und uns in Kromy, einem Städtchen südwestlich von Orel, zu sammeln.


    Hier erwartete uns die Feldpost. Die Päckchen und die Briefe von zu Hause, die uns in den Wochen zuvor nicht erreicht hatten, wurden verteilt. Hier sollten wir unser erstes Weihnachten in Russland feiern. Der Divisionspfarrer war bei uns, um das Fest der Geburt des Herrn mit uns zu gestalten.


    Abseits des tief verschneiten Städtchens stand auf einem flachen Hügel eine halb verfallene russische Kirche. Es war ein orientalisch anmutender Bau, mit fünf seltsam gewundenen Zwiebeltürmen. Die Kommunisten hatten 1917 bei der Oktoberrevolution das Gewölbe gesprengt. Später wurde das Gotteshaus als Getreidespeicher verwendet.


    Der Schnee lag kniehoch im Innenraum, Eiszapfen hingen aus den leeren Fensterhöhlen und Raureif bedeckte die zerschundenen Wände. Wir stellten in dem verschneiten Kirchenrund, direkt unter dem grauen Schneehimmel von Russland, zwei Fichten auf und schmückten sie mit Kerzen und Lametta aus den Weihnachtspäckchen von unseren Lieben. Aus rohen Brettern zimmerten begeisterte junge Soldaten einen klobigen Altar und eine primitive Kommunionbank. Während wir hämmerten und sägten, kam ein aufgeregter Melder und händigte mir einen “dringenden Funkspruch” aus.


    Dieser lautete: “Kosakenregimenter im Anmarsch auf Kromy - rege Partisanentätigkeit in der Stadt - laut Agentenmeldung bereiten reguläre russische Truppen, in Zivil verkleidet, Angriff vor und leiten ihn von hier aus.”


    Hart und doch irgendwie feierlich hallten die dumpfen Hammerschläge durch das zum Himmel geöffnete Kirchenschiff. Sollten alle diese Vorbereitungen umsonst gewesen sein? Wenn ich den Funkspruch jetzt an meinen Kommandeur weitergab, dann mussten wir unverzüglich die Stellungen vor der Stadt besetzen, um den angekündigten Angriff in der Heiligen Nacht abzuwehren. Nein! Ich wollte, ich konnte nicht glauben, dass die Russen gerade in den nächsten zwei Stunden kommen sollten. Das durfte ich meinen Kameraden, die sich mit mir so sehr auf diese eine besinnliche Stunde freuten, nicht antun. So drängte ich alle Bedenken zurück und steckte wortlos den Funkspruch ein. Mein ehemaliger Kommandeur möge mir heute verzeihen.


    Früh kam die Nacht. Wir stellten Posten rund um die Kirche auf, um vor Überraschungen sicher zu sein. Die übrig gebliebenen 80 Mann verloren sich in dem weiten rund der russischen Kirche. Andächtig lauschten wir der Heiligen Messe. Es bot sich uns ein eigenartiges Bild.

    Angestrahlt von den flackernden Kerzen der beiden Christbäume stand unser Feldgeistlicher am schmucklosen Altar. Lautlos schwebten die Schneeflocken durch das zerrissene Kirchengewölbe und legten sich behutsam auf die Schultern der feldgrauen Ministranten, auf das Messgewand des Priesters und auf die Zweige der geschmückten Fichten. Als ich mich einmal umdrehte, um in die Gesichter der wenigen Soldaten zu schauen, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen.


    Kopf an Kopf standen die Einwohner von Kromy hinter uns. Es waren bärtige Männer mit Rindensandalen an den mit Lumpen umwickelten Beinen, Frauen in abgeschabten Schafpelzen und dunklen Kopftüchern. Aber noch nie in meinem Leben hatte so schöne, so gläubig verklärte Gesichter gesehen. Wie lange mochte es schon her sein, dass diese gequälten Menschen an einem Gottesdienst hatten teilnehmen können?


    Diese Männer und Frauen von Kromy konnten die Worte des Weihnachtsevangeliums, das von einem Kameraden mit fester Stimme vorgetragen wurde, wohl kaum verstehen. Dennoch hörten sie die frohe Botschaft heraus. Tränen rannen über ihre besorgten, von Hunger und Krieg gezeichneten Gesichter.


    Das “Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden” leuchtete aus ihren Augen. Mein Blick glitt von Gesicht zu Gesicht.

    Da entdeckte ich plötzlich in einer dunklen Ecke eine Gruppe von jungen russischen Männern. Sie hatten trotzig die Pelzmützen auf dem Kopf und lehnten, ohne Teilnahme an dem heiligen Ritual, an der Wand. Ich sah in Augen voll unheimlichen Hasses, Augen, wie man sie nie mehr vergisst.

    Ich bemerkte eine hohe, schlanke Gestalt mit scharf geschnittenem Gesicht und intelligentem Blick. Wie ein Blitz fuhr es mir durch den Kopf - der Funkspruch!

    Glühend heiß rann es mir den Rücken hinunter. Unentwegt musste ich den auffälligen Mann inmitten der Gruppe, die nicht zu dieser Stunde passte, ansehen. Er musste der Anführer dieser Leute sein.


    Ein Mütterlein mit schneeweißem Haar, den Rücken von der Last der Jahre gebeugt, kniete bei der Wandlung aufschluchzend im Schnee und schlug mit zittriger Hand das Kreuzzeichen. Die jungen Russen standen immer noch im Halbdunkel, aber mir schien es fast, als blickten die Gesichter nicht mehr so teilnahmslos. Als wir dann paarweise von der Kommunionbank zurückschritten, sah ich auch das spöttische Lächeln nicht mehr. Dann geschah etwas Seltsames. Der Feldgeistliche erteilte den Segen. Er schlug das Kreuz des Erlösers mit klammen Händen über die im Schnee kniende Schar, über Russen und Deutsche, über Freunde und Feinde.


    Da nahm der auffallende Mann in der Mitte der Gruppe (da alle knieten, konnte ich jetzt sehen, dass er gut geschnittene Offiziersstiefel unter dem unförmigen Pelzmantel trug), umständlich die Pelzmütze ab und senkte den stolzen Kopf. All die jungen Männer folgten seinem Beispiel, zwar zögernd, doch ohne Ausnahme.


    Zwei Mundharmonikas stimmten das Weihnachtslied an. “Stille Nacht, Heilige Nacht” hallte es wider von den schneeglitzernden Wänden. Der Wind trug die innige Melodie durch das offene Kirchengewölbe hinaus zu den Kameraden, die dort auf Wache standen. Eine Wolke weißen Atems stand über der festlichen Menge und verlor sich im dunklen Gewölbe. Langsam leerte sich das Gotteshaus. Ich verließ es als letzter.


    Draußen trat mir der Mann mit den Offiziersstiefeln entgegen. Er war allein. Er sah mir lange schweigend in die Augen. In seinem Blick war ein eigenartiger Glanz. Dann sprach er in holprigem Deutsch, mehr zu sich selbst als zu mir, feierlich und bedächtig, wie man einen Eid spricht: “Christ ist geboren!”


    Dann küsste er mich, wie es im alten Russland Weihnachtsbrauch war, auf beide Wangen. Wir drückten uns fest und lange die Hand. Ich verstand ihn, obwohl er kein Wort mehr sagte. Dann ging er sicheren Schrittes hinaus in die Nacht. Er nahm nicht den ausgetretenen Pfad zum Ort, nein, er ging mitten durch den knietiefen Schnee. Er bahnte sich einen eigenen Weg. Schritt für Schritt stapfte er geradeaus, ohne sich umzuschauen, hinein in das Dunkle, einem Licht entgegen.”

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    (Quelle: Hans Schäufler, Christnacht von Kromy, in: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. (Hrsg.), Stille Nacht, Heilige Nacht. Weihnachtsgeschichten aus schwerer Zeit, Kassel o.J., S. 58-61.)



    Grüße,

    Bodo

    Hallo,


    man sollte nicht vergessen, welche Bedeutung die unterschiedlichen christlichen Konfessionen gerade auch in der Sowjetunion hatten.

    In der deutschen Wehrmacht gab es doch kaum orthodoxe Gläubige, ganz zu schweigen von orthodoxen Geistlichen.

    Die römisch-katholischen Christen, Mennoniten und evangelischen Gläubigen waren unter Stalins Herrschaft gnadenlos verfolgt worden.

    Sie waren zum Zeitpunkt des Russlandfeldzugs kaum noch anzutreffen.


    Die russischen und ukrainischen christlich-orthodoxen Kirchen hatten demgegenüber im Untergrund und in manchen ländlichen Gebieten rudimentär weiterexistieren können. In den russischen Großstädten unter strenger staatlicher Kontrolle mit wenigen geöffneten Kirchen.

    Hierzu die damalige Einschätzung eines Religionsfachmanns, dem auch heute in Russland (durch Ausstellungen) sehr bekannten Arzt und Theologen Kurt Reuber, der als Maler der Madonna von Stalingrad bekannt geworden ist.


    Er war neben seiner medizinischen Tätigkeit auch evangelischer Pfarrer.


    Quote


    Zunächst seine Lebensdaten aus der Wikipedia:

    Kurt Reuber (* 26. Mai 1906 in Kassel; † 20. Januar 1944 im Kriegsgefangenenlager Jelabuga) war ein deutscher Arzt, evangelischer Pfarrer und bildender Künstler, der durch die Stalingradmadonna bekannt wurde.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Reuber


    In der überlieferten Briefkorrespondenz mit dem Religionswissenschaftler Friedrich Heiler wird seine Verzweiflung über die unerwartet schlimme Christenverfolgung in der Sowjetunion deutlich, hier ein Brief vom Spätsommer 1941:



    Kurt Reuber hat dem Religionswissenschaftler Friedrich Heiler auch persönliche Erlebnisse mit Gläubigen und Popen berichtet:


    "Neulich wurde ich in eine Elendshütte an das Krankenbett einer Russin gerufen. Ich bekam heraus, daß ich mich im "Versteck der Gläubigen" befand, in dem sich die übriggebliebenen Gläubigen gegenseitig halfen. Ein alter, verkommener Pope, den man

    [d.h. Stalins Geheimpolizei NKWD] "vergessen" hatte, war zugegen.


    Kaum zu schildern, was ich dort an Leid erfuhr. Eine anwesende deutschstämmige Katholikin gab mir über alles Aufschluß.

    Die Gläubigen schauten pessimistisch auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

    Sie sprachen überzeugt von der Schuld der Kirche:

    (man hört es immer wieder), übelstes, geldgieriges, genuß- und trunksüchtiges Popentum, primitivster Aberglaube.

    Man erkennt das Gottesgericht an der Kirche als zutreffend an.

    So ist die breite Masse, namentlich der jüngeren Generation, für die Religion verloren…

    Anzeichen für eine wirkliche Erneuerung sind nicht vorhanden.


    (Erich Wiegand, Kurt Reuber. Pfarrer, Arzt und Maler, Kassel 2004, S. 96.)


    Reuber glaubte auch nicht an eine wirkliche Erneuerung des Christentums in Russland und der Ukraine, solange Stalin seinen Einfluß auf alle Lebensbereiche behielt (Zitat "die Straße ist deutsch, die Macht sowjetisch", Sebastian Stopper):


    Quote

    "Man hat in Deutschland viel von einer Katakombenkirche Redens gemacht. Auch hinter der angeblichen russischen Mystik soll nicht viel stecken. Hier und da, wo wir das Land besetzt haben, öffnen sich Kirchen und füllen sich wieder. Sogar Jüngere kommen, teils aus Neugier für das nie Gekannte. In den abseits liegenden Bauernhäusern hängen die Ikonen noch oder wieder, früher hatte man sie verbrannt oder versteckt, um gut kommunistisch zu erscheinen. Heute hängt man sie wieder auf, um nicht als Jude oder Bolschewist zu gelten…"

    (Erich Wiegand, Kurt Reuber. Pfarrer, Arzt und Maler, Kassel 2004, S. 96.)


    Als Überblick zur Religionspolitik der Bolschwiki seit Lenin und deren Folgen bietet sich Wikipedia an.

    Hier zunächst ein Lenin-Zitat, das die von der Staatsspitze betriebene Religionsverfolgung gut illustriert:


    „Je mehr Vertreter des reaktionären Priesterstands und der reaktionären Bourgeoisie an die Wand gestellt werden, desto besser für uns. Wir müssen all diesen Leuten unverzüglich eine solche Lektion erteilen, daß sie auf Jahrzehnte hinaus nicht mehr an irgendwelchen Widerstand denken werden“.

    https://de.wikipedia.org/wiki/…ch_Lenin#Religionspolitik

    Quote

    "Dieses Vorgehen führte im ganzen sowjetischen Staatsgebiet zu staatlich gelenkten Pogromen gegen Gläubige, Priester und religiöse Einrichtungen. Die Zahl der geöffneten orthodoxen Gotteshäuser fiel von rund 80.000 auf 11.525. Über 14.000 orthodoxe Geistliche, Nonnen und Laien wurden dabei von staatlichen Organen erschossen. Auch die katholischen, jüdischen und muslimischen Minderheiten des Staates waren davon betroffen. Auf Lenins Initiative wurde der einflussreiche Patriarch von Moskau, Tichon, per Politbürobeschluss inhaftiert."

    https://de.wikipedia.org/wiki/…ch_Lenin#Religionspolitik


    So kann es nicht überraschen, daß vor allem ältere Einheimische die unter der Herrschaft der Wehrmacht erlaubten orthodoxen Gottesdienste besuchten. Reuber schreibt, diese neue alte Kultausübung sei "eine seelische Befreiung" für die alten Russen und Ukrainer gewesen:


    "Was ich bisher an “Restaurierung” der Kirche beobachtete, hat nichts mit Erneuerung zu tun, ist mechanische Fortführung der unterbrochenen Tradition des Alten - so, wie man freudig vom Kollektivwesen wieder zum Privateigentum übergeht. Nach allem Terror aber bedeutet die neue, alte Kultausübung für die Alten eine seelische Befreiung, der man auch materielle Opfer bringt….


    Die Ostkirche hat mich in ihrer Praxis auf dem Balkan und hier sehr enttäuscht.

    Primitivster Paganismus und Versagen der Geistlichkeit (Entsittung, Unbildung usw.) stehen im Vordergrund. “An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.” Die Ostkirche sei die Kirche der Auferstehung. Aber man sucht nach Auferstehungskräften vergeblich.”

    [...]"

    (Erich Wiegand, Kurt Reuber. Pfarrer, Arzt und Maler, Kassel 2004, S. 96.)


    Grüße,

    Bodo

    Hallo zusammen,


    ich denke es ist noch zu früh für ein Fazit. Manche Aspekte des Themas wurden hier noch gar nicht oder nur kurz angesprochen,

    z.B. wenn von der Wehrmacht mühsam aufgebaute Zivilkrankenhäuser von SS-Truppen wieder aufgelöst und die einheimischen Ärzte davongejagt worden sind. Oder in welchem Umfang sich die Sanitätseinheiten um verwundete Kriegsgefangene gekümmert haben.

    Daher ist es besonders schade, daß viele der letzten Meinungsposts keinen direkten Bezug zum Thema haben.


    Wie die seit Jahren hier eingestellten Beiträge gezeigt haben, denkt die historische Forschung gewöhnlich an kranke oder verletzte sowjetische Zivilisten, die deutsche Ortskrankenstuben oder Feldlazarette aufgesucht haben und dort medizinisch versorgt worden sind.

    Das war natürlich auch die häufigste anzutreffende Konstellation in den besetzten Gebieten Osteuropas:

    Quote

    Anmerkung 197, Seite 346

    ...Infolge des ausgesprochenen Mangels an ärztlichen Versorgungsmöglichkeiten für die Zivilbevölkerung suchten Einheimische immer wieder Hilfe auch bei Militärärzten. Von Seiten der Armee wurde diese Hilfe erheblich eingeschränkt, weil man fürchtete, die unterversorgten Krimbewohner könnten die Truppe über die Ärzte mit Krankheiten infizieren; Befh Krim QU. 1.8.1943, BA-MA, RH24-72/57


    Der vor und nach dem Krieg recht bekannte deutsche Schriftsteller Horst Lange hat als "schreibender Soldat" mit offiziellem Auftrag eine solche Beobachtung in seinem Tagebuch notiert.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Horst_Lange

    Kurz nach seinem Eintreffen an der Ende September 1941 weitgehend stehengebliebenen mittleren Ostfront sah er wartende russische Zivilisten vor der örtlichen Sanitätsstube des Heeres (wie in meinem allerersten Post erwähnt):



    Aber auch schlecht ausgerüstete, von der Frontruppe abgeschnittene Wehrmachtsärzte ließen sich gerne von der

    einheimischen russischen Zivilbevölkerung in die medizinische Versorgungspflicht nehmen. Hier z.B. drei Einträge aus dem Tagebuch

    von Stabsarzt Dr. Eugen Fritze, Truppenarzt bei der 6. Panzer-Division.


    Ebenso wie Horst Lange im Herbst 1941 war Dr. Fritze im März 1942 Richtung Front unterwegs gewesen. Allerdings blieb er aufgrund der katastrophalen Transport- und Versorgungslage des Ostheeres wochenlang im rückwärtigen Armeegebiet hängen. Dabei war er medizinisch ganz auf sich allein gestellt, umzingelt von sowjetischen Partisanen, die nachts häufig das Dorf angriffen:


    Quote

    "[Kaspelja, 13. März 1942]

    [...] In tiefer Nacht kam ich in das mir zugewiesene "Quartier", einer elenden Hütte, in der ich zusammen mit Wachtmeister Vaupel einen durch Latten abgetrennten Verschlag bewohne. In diesem windschiefen Holzhaus sind drei Räume abgeteilt, die teilweise mit Zeitungen tapeziert sind. Davon einen bewohne ich mit dem Wachtmeister. In den Türöffnungen gibt es keine Türen, ein Ofen mit Kamin heizt das ganze Häuschen. Eine kleine Ziege fristet unter dem Ofen ihr Dasein. Das "Mobiliar" besteht aus einem uralten wackeligen Schrank, einem groben Tisch, ein paar Kisten als Sitzgelegenheiten, einem verschlissenen Sofa und einer Pritsche, die ich beziehe.

    Die Russen, Großmutter, Mutter und zwei Mädels von zwölf und fünfzehn Jahren schlafen in einem Raum, im anderen wird gekocht, gewaschen und zusammen mit der Ziege gewohnt. [...]

    In den Wäldern sitzen die Partisanen, nachts greifen sie Häuser am Ortsrand an, besorgen sich Verpflegung und nehmen die noch hier gebliebenen Männer mit."

    (Eugen Fritze, Unter dem Zeichen des Äskulap, Tagebuch 1940-1945 eines Soldatenarztes bei der 6. Panzer-Division (Bochumer Universitätsverlag 2004-2006), Berlin, Bochum, London u.a., S. 26-28.)


    Dr. Fritze war also anfangs geradezu erschüttert über das schlechte Quartier, daß ihm in dem Dorf zugewiesen wurde.

    Aber auch die Ortskrankenstube nannte er dürftig, genauso wie die karge Lebensmittelversorgung, welche in diesem Jahrhundertwinter fast zum Erliegen kam. Trotz seiner schlechten Sanitätsausrüstung suchten ihn auch die russischen Dorfbewohner auf:


    Quote

    [Kaspelja, 13. März 1942]

    "Noch ist unklar, was mit mir geschieht. Der Funkspruch, der meine Anwesenheit der Division meldete, wurde noch nicht beantwortet. Von meiner Versetzung hierher war zunächst nichts bekannt. Nach "vorne" geht's vorläufig nicht, jeder Verkehr durch die tiefen Schneeverwehungen ist im Augenblick unmöglich. Der Sturm bläst mit unverminderter Heftigkeit.

    Mein Krankenrevier ist mehr als dürftig eingerichtet, auch die Dorfbewohner besuchen mich. Die Verpflegung ist sehr schlecht. Mittags gab's eine dünne Kohlsuppe, zwei einsame Fleischstückchen darin, der Kohl fast noch roh. Ohne vier Scheiben Brot dazu wäre ich nicht satt geworden. [...]"


    (Eugen Fritze, Unter dem Zeichen des Äskulap, Tagebuch 1940-1945 eines Soldatenarztes bei der 6. Panzer-Division (Bochumer Universitätsverlag 2004-2006), Berlin, Bochum, London u.a., S. 26-28.)


    Drei Wochen später hat sich der Truppenarzt offenbar notgedrungen mit den für Soldaten und Zivilisten insgesamt schlechten Verhältnissen des Winterkriegs abgefunden. Jetzt registriert er mit Befriedigung, daß viele verschiedene Menschen ihn brauchen,

    daß "Landser, Offiziere und Russen" ihn aufsuchen und seine ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen:



    In der zweiten Aprilhälfte 1942 folgt dann ein Tagebuch-Eintrag von Dr. Fritze, an dem man merkt, daß er aufgrund der vielen

    russischen Zivilpatienten als "medizinischer Einzelkämpfer" zunehmend überfordert ist:



    Fotos, die die medizinische Versorgung der Zivilbevölkerung in solchen kleinen Ortskrankenstuben zeigen, hatte Tac ja dankenswerterweise neulich (1. Januar) zur Verfügung gestellt. Vielleicht kann sich jeder Interessierte dadurch eine Vorstellung von den Verhältnissen machen, die der Stabsarzt Dr. Eugen Fritze in Russland angetroffen und in seinem Tagebuch festgehalten hat.

    Auf der unten angezeigten Buchseite zum Kriegstagebuch von Dr. Hermann Türk (Hrsg. von Axel Urbanke),

    "Als Sanitätsoffizier im Rußlandfeldzug: Mit der 3. Panzer-Division bis vor Moskaus Tore" aus Sommer und Herbst 1941

    steht als Bildbeschreibung oben zu lesen:


    "Immer wieder wird von Autoren behauptet, die Wehrmacht hätte sich in keiner Weise um die russische Bevölkerung gekümmert.

    Viele Fotos belegen aber, daß es sehr wohl soziale Kontakte zwischen Wehrmacht und Bevölkerung gab.

    Auch die Sanitätsoffiziere der Wehrmacht nahmen sich, soweit möglich, zwischendurch immer wieder erkrankter Zivilisten und

    hier vor allem Kindern an. Auf dem Foto behandelt Dr. Türk bei Rjuchowo ein russisches Mädchen am Auge."


    Auf dem Foto unten links sieht man dann Zivilisten vor der von Dr. Türk eingerichteten Ortskrankenstube am 5. August 1941 in dem kleinen Dorf Palitzkaja, wo das I. Bataillon des Infanterieregiments 394 zur Auffrischung nach den wochenlangen schweren Verlusten des Vormarschs untergebracht war.


    Grüße,

    Bodo

    Hallo zusammen,


    ich würde an Tacs Stelle den Tenor des Zeitungsartikels nicht überbewerten. Es handelt sich doch um einen Text

    aus einer Regionalzeitung für Forchheim und Umgebung (Nordbayerische Nachrichten). Außerdem ist der Inhalt

    (ohne die reichlich überspitzte Einleitung) sehr interessant und aufschlußreich.


    An den im Artikel geschilderten Fällen läßt sich auch gut illustrieren, was der britische Historiker Martin Middlebrook

    über die unterschiedlichen Arten der Konfrontation zwischen Deutschen und gelandeten alliierten Fliegern geschrieben hat.


    Entscheidend für die Frage nach den Tätern sind ja zunächst die letzten beiden Sätze des Artikels:


    Quote

    An den Lynchmorden beteiligt waren nur selten aufgebrachte Zivilisten, meist stammten die Täter aus den Reihen der Gestapo, des Sicherheitsdienstes, der SS, SA, Polizei oder Wehrmacht. Bei Zivilisten waren es fast immer fanatische Nazi-Funktionäre.


    http://www.nordbayern.de/regio…hartes-schicksal-1.177032


    Diese Tatsache ("fast immer fanatische Nazi-Funktionäre") hatten wir ja auch schon mehrmals festgestellt. Bei der Tatbeteiligung von deutschen Zivilisten muß man also gerechterweise von einer kleinen Minderheit ausgehen.


    Die Formulierung von den "entfesselten Volksgenossen" ist wohl dem davor geschilderten Fall der "aufgebrachten Menschenmenge" in Nürnberg geschuldet. Aber wieviele Menschen waren nur Schaulustige und wieviele wollten den englischen Funker tatsächlich aufhängen? Waren die Lynchwilligen nur ausgebombte Bürger ("aufgebrachte Zivilisten") oder auch NSDAP-Funktionäre in Zivil, von denen bei Mordtaten an Gefangenen schon öfter die Rede war?

    Oder hatten sich aus beiden Personengruppen Fanatiker zum Lynchen eingefunden? Das bleibt völlig offen.

    Hier haben schließlich die deutschen Wachsoldaten schlimmeres verhindert.


    Auf jeden Fall wurde das "Paradieren" von kriegsgefangenen Fliegern durch vom Bombenkrieg getroffene Städte

    manchmal absichtlich von den Wachen unternommen, wie Middlebrook schreibt. Dort kam es dann ja meist

    zu den schlimmsten Angriffen und Fliegermorden. Im von Thilo genannten Fall "Rüsselsheim" war es eine

    aufgebrachte Menschenmenge wie in Nürnberg, beides nach schweren Bombenangriffen.


    Die Gewalttaten gingen zum einen von manchen Hinterbliebenen der Bombenopfer aus,

    während örtliche "Nazi Party officials" für weitere Mißhandlungen verantwortlich zu machen sind:


    Quote

    "There were few cases of ill-treatment and deliberate humiliation of prisoners, the first probably at the hands of civilians who had lost relations in the bombing of cities, the humiliation usually the result of action by minor local Nazi Party officials.

    Prisoners captured in Germany were sometimes paraded under the gaze of local people."


    (Martin Middlebrook, The Schweinfurt-Regensburg Mission. American Raids On 17 August 1943, London 1983, S. 301-302.)

    Nürnberg als von den Nazis ausgerufene "Stadt der Reichsparteitage" und Wirtschaftszentrum wurde besonders oft bombardiert:

    https://museen.nuernberg.de/do…adt-der-reichsparteitage/


    Middlebrook hat dann noch vier besonders negative Berichte zitiert, wo unangenehme Begegnungen ("encounters")

    mit deutschen Zivilisten und Soldaten am 17. August 1943 geschildert werden.


    Im ersten Fall raucht Staff Sergeant Elmer C. Smith nach der Landung auf einem Getreidefeld seelenruhig eine Zigarette mit einem älteren Bauern. Dieser hatte ihn zuerst erreicht aber konnte kein Englisch, Smith kein Deutsch.

    Der erste benachrichtigte Offizielle aus der nächsten Stadt zog sofort ein Messer aus der Tasche und drohte Smith

    auf English, daß er ihm die Kehle durchschneiden sollte ("he ought to cut my throat"). Nach Smith' Einschätzung war das aber nur Angeberei ("he was just showing off") eines höheren NS-Funktionsträgers in Zivil:



    Im zweiten geschilderten Fall geht es um deutsche Frauen bewaffnet mit langen Küchenmessern, die 2nd Lt. Ronald Delany

    nach seiner Fallschirmlandung bedrohten. Bei seiner Durchsuchung stießen sie auf einen Brief seiner Mutter, den eine der Frauen übersetzen konnte. Als sie dann erfuhren, daß Delaneys Ehefrau hochschwanger war, änderte sich ihre Haltung sofort und sie reagierten verständnisvoller auf seine Situation als Kriegsgefangener (eventuell lag auch ein Foto seiner Frau im Brief):


    Quote

    "In Germany, Second Lieutenant Ronald Delany was being threatened by women armed with long kitchen knives until someone translated a letter which had been brought out to his aircraft just before take-off.

    The letter was from Delaney's mother and described how well his wife was looking in her pregnancy.

    The German women immediately became more sympathetic."

    (Martin Middlebrook, The Schweinfurt-Regensburg Mission. American Raids On 17 August 1943, London 1983, S. 301-302.)


    Die letzten beiden Fälle, die Middlebrook in sein Buch aufgenommen hat, lassen sich unter der Überschrift

    "Gewaltausbrüche nach dem Absprung" für diesen speziellen Tag (17. August 1943) zusammenfassen.


    Der erste Fall wurde von einem anderen US-Kameraden beobachtet. Ein B-17 Pilot hatte nach dem Absprung

    offenbar seine Dienstwaffe gezogen und versucht, sich der Gefangennahme durch eine wilde Flucht zu entziehen.

    Für den Entschluß, sich niemals gefangen zu geben, war er anscheinend im Geschwader schon bekannt.

    Der Kamerad sah, wie die verfolgenden deutschen Soldaten auf den Piloten schossen. Dabei soll dieser getötet worden sein:


    Quote

    "It should be stressed that ill-treatment of Americans shot down on this day was not frequent and usually ceased when the prisoners came under any sort of military control.

    There is one case of a B-17 pilot who was almost certainly shot and killed on the ground, but only after being observed by a fellow crew member running hard to escape from German soldiers. This American was definitely armed with a pistol and was known to be the type of man who would probably have preferred to shoot it out rather than surrender."


    (Martin Middlebrook, The Schweinfurt-Regensburg Mission. American Raids On 17 August 1943, London 1983, S. 302.)


    Im zweiten und letzten Fall handelt es sich eindeutig um einen Mordversuch durch einen deutschen Wachsoldaten.

    Er schoß dem amerikanischen Gefangenen "casually" in den Bauch und ließ ihn als vermeintlich Sterbenden einfach liegen.

    Der US-Soldat überlebte aber (er muß von deutschen Ärzten zeitnah operiert worden sein) und meldete vier weitere

    Crew-Mitglieder als vermißt. Deren Schicksal blieb trotz umfangreicher Nachforschungen, ob sie möglicherweise ermordet wurden, ungeklärt:


    "In another case an American was casually shot in the stomach by a German soldier and left for dead, but he managed to survive. The bodies of four other men in this crew were not recovered after the war and much investigation took place into the possibility that these men had also been shot on the ground, but there was not enough evidence for this to be proved."


    (Martin Middlebrook, The Schweinfurt-Regensburg Mission. American Raids On 17 August 1943, London 1983, S. 302.)



    Dieser Fall mit einem gesicherten Mordversuch an einem US-Flieger und vier weiteren ungeklärten Fliegerschicksalen

    zeigt auch, warum viele alliierte Soldaten am Boden lieber unentdeckt bleiben wollten.

    Der britische Offizier Lionel Jeffries hatte ja in dem von Tac kritisierten Artikel betont, daß er nach seiner Landung und Gefangennahme durch deutsche Zivilisten eine viel schlechtere Behandlung erwartet hatte:


    Quote

    Aus einem zeitlichen Abstand von 60 Jahren heraus betrachtet der Offizier Lionel Jeffries die Geschehnisse nach dem Absturz pragmatisch: „Sie haben mich besser behandelt, als man es von einem Feind erwarten kann, den man bombardiert hatte. Ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, wenn die Deutschen meinen Heimatort Rockhampton bombardierten.“

    http://www.nordbayern.de/regio…hartes-schicksal-1.177032


    Grüße,

    Bodo

    Hallo zusammen,


    Servus,

    ich fand da im Internet ein Foto von Soldatengräbern, deren Grabzeichen aber nicht zu entziffern sind. Das ist jedoch häufig so.

    Aber auf der Rückseite steht der Satz: "Gräber von Soldaten, die etwas auf dem Kerbholz hatten".

    So, jetzt kann man spekulieren. Nach Umgangssprache heißt "etwas auf dem Kerbholz haben", dass die Person etwas angestellt hat, etwas Unerlaubtes gemacht hat, mit den Gesetz in Kopnflikt gekommen ist. Bei Soldaten kann das nur sein, dass sie gegen die Dienstvorschriften der Wehrmacht verstoßen haben.


    Mein Vater hat aus der Kriegszeit an der Ostfront immer von zwei verschiedenen Gruppen "Strafsoldaten" erzählt.

    Die eine, besonders leidende Gruppe waren die zu einer Strafkompanie verurteilten Soldaten.

    Von ihnen versuchten viele, zu desertieren und zu den Partisanen zu gelangen. Das hat er einmal am Stadtrand von Minsk selbst beobachtet. Die begleitenden Wachen sollen dabei absichtlich vorbeigeschossen haben.


    Die zweite Gruppe waren die von Eumex genannten Soldaten aus Bewährungseinheiten.

    Bei den Gräbern auf dem Foto müßte es sich um sogenannte "Bewährungsmänner" handeln,

    deren Dienst als "Ehrendienst wie jeder andere Wehrdienst" gewertet wurde.


    Im Lexikon der Wehrmacht ist deren Aufstellung und Einsatz anschaulich beschrieben:

    Zitat:

    "Im Laufe des Krieges wurden die Voraussetzungen für die Bewährung in einer Bewährungseinheit immer weiter herabgesetzt. Schließlich mußte ein Soldat nur noch körperlich und geistig für den infanteristischen Einsatz geeignet sein. Bewährungstruppen waren somit weder Erziehungs- noch Strafeinrichtungen. Im Gegensatz zu verurteilten Soldaten im Strafvollzug (also in Straf- und Verwahrungsanstalten, Feldstrafgefangenenabteilungen, Strafvollstreckungszügen´, Straf- bzw. Feldstraflagern) waren die sog. "Bewährungsmänner" verurteilte Soldaten, bei denen durch Richterspruch bzw. Gerichtsbeschluss als Gnadennachweis die Strafvollstreckung ausgesetzt war.


    Als erste Bewährungseinheit wurde am 1. April 1941 durch das Wehrkreiskommando IX in Meiningen das Infanterie-Bataillon z.b.V. 500 aufgestellt. Die Angehörigen des Bataillons trugen die weißen Kragenspiegel der Infanterie.

    In der grundlegenden Führung vom 21. Dezember 1940 war ausdrücklich festgestellt worden, dass der Dienst in der Bewährungstruppe "Ehrendienst wie jeder andere Wehrdienst" sei. Die Einheit habe " in keiner Weise den Charakter einer Straftruppe"."

    http://www.lexikon-der-wehrmac…seinheiten/Gliederung.htm


    Die Soldaten dieser Bewährungsbataillone hatten oft noch höhere Verluste als andere Einheiten,

    da sie über keinerlei Fronterfahrung verfügten und sogar von U-Booten oder rückwärtigen Dienststellen an die Front kamen.


    Diesen gefährlichen Einsatz zeigt z. B. das Kriegstagebuch des Gefreiten Kurt Klusmeier von der 28. Jägerdivision,

    der zeitweise zur Unterstützung des Bewährungsbataillons 561 am Wolchow eingesetzt war:



    Also bei den von Klusmeier erwähnten "ehemalige U-Boot-Leute, Ganoven und Männer aus dem Wehrmachtszuchthaus Torgau" würde man im Wehrmachtsjargon durchaus von "Kameraden, die etwas auf dem Kerbholz hatten" sprechen.


    Grüße,

    Bodo

    Hallo zusammen,


    ich bin in einem Buch des britischen Militärhistorikers und Luftkriegsexperten Martin Middlebrook

    auf einige Zeitzeugenberichte von mit Fallschirmen abgesprungenen US-Bombersoldaten gestoßen.

    Middlebrook hat für seine wissenschaftliche Analyse wohl noch weitaus mehr Berichte von in deutsche Kriegsgefangenschaft geratenen alliierten Fliegern ausgewertet.

    In dem Buch geht es hauptsächlich um die US-Bombenangriffe auf Schweinfurt und Regensburg am 17. August 1943,

    die sogenannte "Schweinfurt-Regensburg-Mission" mit 376 schweren B-17 "Flying Fortress" Bombern.


    Ich möchte Middlebrooks Erkenntnisse zum Schicksal der abgesprungenen US-Flieger hier kurz vorstellen, da sie die bisherigen Ausführungen von Tac und mir unterstützen.


    Middlebrook nennt fast 400 abgesprungene US-Bombenflieger über 7 verschiedenen Ländern Europas bis hin zu Notlandungen in Nordafrika. In Holland, Belgien und Frankreich gelandete US-Flieger konnten zum großen Teil

    mit Hilfe der örtlichen Fluchtorganisationen untertauchen oder sogar nach Großbritannien zurückkehren.


    In Deutschland konnten die US-Soldaten allein schon wegen der im August gerade laufenden Getreideernte

    nicht so einfach untertauchen. Middlebrook betont, daß die deutsche Landbevölkerung im Allgemeinen gutmütig war

    und daß er zahlreiche Berichte über die sehr freundliche Behandlung gefunden hat, besonders wenn es um verwundete

    US-Flieger ging:

    Quote

    "It was harvest time and few of the men who came down by parachute did so without being spotted. Most were quickly met by farm workers in the fields, but country people are usually good-natured and there are numerous stories of Americans being kindly treated, especially the wounded ones. There were some interesting encounters."

    (Martin Middlebrook, The Schweinfurt-Regensburg Mission. American Raids On 17 August 1943, London 1983, S. 299.)


    Middlebrook zitiert in seinem Buch also nur "interessante Begegnungen" ("interesting encounters") zwischen Fliegern und der neugierigen Zivilbevölkerung. Die große Masse der positiven Berichte ist vielleicht in Werken zu den jeweiligen Geschwadergeschichten zu finden.


    Ich möchte hier einmal drei Beispiele für positive alliierte Zeitzeugenberichte nennen, jeweils kurz übersetzt und dann im englischen Original.

    Zunächst berichtet John Collins, ein Technical Sergeant der 92nd Bomb Group, wie ihn nach der Fallschirmlandung ein zufällig vorbeikommendes älteres deutsches Ehepaar auf den möglichen Fluchtweg nach Luxemburg hinweist

    (dort gab es bestimmt auch eine geheime "Escape Organisation").


    Auf dem Weg zur Grenze trifft Collins noch einen seiner US-Kameraden, dann allerdings werden beide von einem deutschen Uniformierten (einem Polizisten?) mit Fahrrad gefangengenommen.

    Er erinnert sich, daß dieser wild in die Pedale trat und er sehr erheitert darüber war, von einem Fahrradfahrer

    in Gewahrsam genommen zu werden; er hätte mindestens ein schnelles Auto erwartet.


    Schließlich hatten die deutschen Amtsträger neun US-Flieger auf einem kleinen Bauernhof versammelt,

    demnach eine improvisierte Gefangenensammelstelle.

    Dort auf dem Bauernhof kümmerten sich die ebenfalls schon älteren Bauersleute fürsorglich um die

    abgesprungenen alliierten Flieger. Laut Collins waren sie mitfühlend und hilfsbereit, besonders "the old lady",

    die sich wie eine "Glucke" um die feindlichen Flieger bemühte und ihnen Essen und Trinken anbot:



    Der nächste Bericht stammt von Wayne L. Wentworth, Second Lieutenant der 348th Bomb Group.

    Wentworth verletzte sich bei der Landung schwer und versuchte vergeblich in Deckung zu kriechen.

    Er wurde schnell von einer Gruppe von bis zu fünfzehn deutschen Kindern in Begleitung mehrerer

    Erwachsener umringt. Die Kinder waren anscheinend besonders neugierig, einen alliierten Piloten zu sehen.


    Dann bekam Wentworth einen großen Schreck, als ein freundlicher Mann ihm die Hand gab und ihn perfekt

    in seiner englischen Muttersprache nach seinem Befinden fragte. Dieser Deutsche war Bürgermeister im nahegelegenen Dorf und lebte bis zum Kriegsausbruch als Gemüsehändler und US-Büger mit eigenem Shop in den USA. Nach der Aufforderung der NS-Regierung, daß Auslandsdeutsche zurückkehren sollten, hatte er seine Heimat Cleveland/Ohio verlassen. Jetzt fragte er Wentworth sogar, "How do you like it here?":



    Der dritte Bericht ist von Staff Sergeant John Wasche, einem Bordschützen, den Middlebrook als Beispiel für eine unglaubliche 'medizinische' Verwechslungsgeschichte nennt.

    Wasche hatte vor dem Ausstieg Kerosin geschluckt und landete nach seinem Fallschirmsprung mitten in Bonn.

    Zuerst war er orientierungslos. Er dachte, er wäre wieder in New York, weil alle Autos rechts fuhren und das erste Auto was er sah ein US-Fabrikat von Chrysler war.

    Eine blonde junge Frau gab ihm einen Apfel und versicherte ihm, daß er in Bonn und der Krieg bald vorbei wäre.

    Dann näherten sich auch schon andere US-Gefangene unter der Bewachung deutscher Soldaten:



    Im Internet ist eine Gedenkseite für den im Jahr 2009 verstorbenen US-Veteranen aufrufbar, wo auch sein Lebenslauf und seine militärischen Auszeichnungen aufgeführt sind (u.a. hatte er drei deutsche Jagdflugzeuge abgeschossen):


    "John Wasche was awarded the Air Metal and three Oak clusters for shooting down three German planes on July 13, 1943. He also received the Purple Heart and Prisoner of War medals."

    https://www.legacy.com/obituar…he-obituary?pid=126430491


    Martin Middlebrook kommt jedenfalls zu dem Schluß, daß die verwundeten US-Flieger in der Regel

    gute, manchmal sogar exzellente medizinische Versorgung durch die Wehrmacht erhielten:


    "Wounded men were usually given proper - sometimes excellent - treatment." (Middlebrook, a.a.O.)


    Wie es dennoch zu gewalttätigen Übergriffen und sogar Lynchmorden von Seiten einzelner deutscher Zivilisten

    und Soldaten gekommen ist, dieser Frage ist Middlebrook in seinem Buch auch nachgegangen.

    Diese Erkenntnisse möchte ich noch in einem weiteren Beitrag verarbeiten.

    Für heute ging es mir erstmal um die genannten positiven Begegnungen als kleiner Teil von vielen anderen "friendly encounters" mit Deutschen, die Middlebrook lediglich erwähnt hat.


    Grüße,

    Bodo

    Hallo zusammen,


    in den letzten Jahren hatten wir viel über die medizinische Versorgung der Zivilbevölkerung in Wehrmachtslazaretten, Ortskrankenstuben oder von der Wehrmacht eingerichteten Zivilkrankenhäusern geschrieben.

    Heute möchte ich einmal (als Einschub in das Thema) einen anderen Aspekt aufgreifen. Bisher hatte ich die frontnahe medizinische Hilfe für verletzte oder kranke sowjetische Zivilisten durch den deutschen Sanitätsdienst ein wenig vernachlässigt.


    Schon beim Vormarsch der deutschen Wehrmacht 1941 war es üblich, daß der Sanitätsdienst der Wehrmacht

    russische Zivilisten mitversorgt hat. Auch ohne die neulich zitierten Befehle höherer Kommandobehörden, die

    vermutlich im Herbst 1941 erstmals erlassen wurden, wie das Tagebuch des Unteroffiziers Wolfgang Buff gezeigt hat

    (ein Beispielfoto aus dem Sommer 1941 war ja vor dreieinhalb Jahren in meinem Eingangspost zu sehen:

    "Unser Stabsarzt behandelt kranke Kinder, dahinter Oblt. Wörner, rechts San. Fw. Seiler. Rußland, Sommer 1941").


    Neben den allgemeinen, oft schon länger bestehenden Krankheiten gab es natürlich auch die schlimmen Folgen

    von Kampfhandlungen, bei denen unzählige Zivilisten verletzt oder getötet wurden.

    Die deutschen Soldaten machten immer wieder die Erfahrung, daß die sowjetische Landbevölkerung

    auch bei schwersten, wechselnden Gefechtslagen ihre Häuser und Hütten nicht freiwillig verlassen wollte.

    Gerade im ersten, schlimmen Jahrhundertwinter 1941/42 (bis Minus 50 Grad unter Null) führte das zu vielen Opfern,

    da die selbst gegrabenen Erdbunker die Menschen nicht vor Erfrierungen schützten. Und in den Häusern waren weder die Zivilisten noch die Soldaten vor den wiederkehrenden sowjetischen Luftangriffen sicher.


    Herbert Kästner, an der Ostfront Kradschütze in der 7. Panzer-Division, hat z.B. in sein Kriegstagebuch Anfang Dezember 1941 folgendes eingetragen:


    "[...] Der Himmel ist klar und es herrscht eine grimmige Kälte. Nachmittags kam wieder

    ein russisches Schlachtflugzeug über uns hinweg gebraust und warf eine Bombe in ein Haus.

    Das Haus stand sofort in hellen Flammen.

    Zwei Zivilisten und drei Soldaten mussten wieder ihr Leben lassen. Fenster wurden wieder mit Pappe

    dicht gemacht und rein ging es in die demolierten Buden. [...]


    Freitag, den 05. Dezember [1941].

    Unser Dorf, in dem wir liegen, ist auf einer Höhe, dadurch wird es von den feindlichen Fliegern sehr in Mitleidenschaft gezogen. Die zahlreichen Bomberangriffe machten unsere Nerven mit der Zeit mürbe.


    Bei der Zivilbevölkerung war es ganz schlimm. Jeder Abschuss und Einschlag der Ari,

    war für sie ein Schreck und sie wurden kreideweiß vor Angst. Wenn es ganz schlimm wurde,

    gingen sie trotz grimmiger Kälte in ihre Erdbunker.

    Bei 37 Grad Celsius Kälte tobte der Kampf, in 3 Wellen griff der Feind an, um einen Durchbruch zu erzwingen.

    Etwa 19.00 kreist wieder ein Doppeldecker über uns. Er flog so tief, dass man ihn erkennen konnte.

    Es rauscht, wir springen in Deckung. Auf einmal steht die ganze Umgebung im Schein der Brandbomben,

    die der Flieger abgeworfen hatte. An einem Haus fing es an zu brennen.

    [...]

    Nach einer Zeit wiederholte der Flieger seinen Angriff. Diesmal musste unser Nachbarhaus daran glauben.

    Der Teich war zugefroren, mit 2 Handgranaten schufen wir eine Öffnung und schöpften

    gemeinsam mit der Bevölkerung Wasser, um die anderen Häuser zu retten.


    Nach Mitternacht belegte es uns noch einmal mit 3 Sprengbomben.

    Wir waren noch beim Löschen, da hörten wir es rauschen.

    In Deckung gehen, schon krachte es in unserer Nähe.

    Die Splitter pfiffen über uns hinweg, dann war es wieder ruhig.

    Zum Glück hatten wir keine Verluste. Nur eine Frau hatte Splitter abbekommen.

    Blut überströmt lief sie über die Straße und suchte einen Sanitäter.

    Es ist 3.00, an schlafen war kein denken mehr.

    In unserer Nähe vom Dorf stand unsere Ari, deshalb der ständige Angriff. [...]"


    (Herbert Kästner, Mein Kriegstagebuch als Kradschütze in der 7. Panzer-Division vom 17. November 1938 bis 15. Mai 1945, Bad Langensalza 2012, S. 249-250.)


    Der Tagebuchauszug zeigt glaube ich ganz gut, wie deutsche Soldaten und russische Zivilisten in Frontnähe

    durch die Kampfhandlungen mit Tod oder Verwundung bedroht waren. Die Truppensanitäter (und Ärzte) versorgten

    beide Gruppen in der Regel in gleicher Weise. Im Vergleich zu Verbandplätzen oder Lazaretten waren die medizinischen Möglichkeiten so dicht an der Front aber natürlich sehr eingeschränkt, Operationen z.B. kaum durchfürbar.


    Welche Anforderungen an die deutschen Truppenärzte in Rußland gestellt wurden, zeigt ganz gut der Bericht

    des Stabsarztes Hans Paul Wacker. Er war beim Vormarsch 1941/42 Truppenarzt bei einem Artillerieregiment

    und mußte auch immer wieder um zum Teil schwer verletzte russische Zivilisten kümmern.

    Dafür wurde er sogar von seinen Kameraden gesucht:


    Quote

    "Ich stieß auf meinen Haufen in einem Dorf, das tags zuvor heftig umkämpft gewesen war und in dem noch zahlreiche verwundete Zivilisten in Ruinen und Bunkern herumlagen und der ärztlichen Hilfe bedurften.

    Man hatte mich gesucht, aber in der Dunkelheit nicht gefunden und angenommen, daß ich mich dem allgemeinen Verfolgungstrend folgend bereits ans andere Ufer abgesetzt habe."


    (Hans Paul Wacker, Die Watte-Pistole. Lebensstufen eines ärztlichen Zeitgenossen 1903-1986, Wien 1986, S. 154.)


    Interessant ist vielleicht noch, daß Hans Paul Wacker der Schwiegervater des bekannten Künstlers Alfred Hrdlicka war. Dieser hat daher die Illustrationen im autobiographischen Buch Wackers angefertigt.


    In einem weiteren Abschnitt seiner Kriegserlebnisse berichtet der Stabsarzt dann von den näheren Umständen,

    wenn eine größere Anzahl von verletzten Zivilisten, hier meist aus den russischen Großstädten Moskau und Leningrad evakuierte Frauen und Kinder, bei einer kurzen Marschpause medizinisch behandelt werden mußten.

    Gestern hatte ich ja den Bericht des Oberstarztes Hornung zitiert, der sich wohl auf solche Notfälle bezog:


    "Bei besonderen Notständen der Zivilbevölkerung erfolgte eine zusätzliche Hilfe deutscher Sanitätsdienststellen."


    Mehrere Wehrmachtsärzte der erschöpften Truppe bemühten sich hier, die Verletzten im Rahmen ihrer Möglichkeiten und mit Hilfe der Familienangehörigen zu behandeln. Bei einem akuten Notfall eines Kindes erfolgte sogar eine schnelle Operation auf dem nächsten Hauptverbandsplatz:


    "Kurzes Zwischenspiel in Tarussa.

    In Tarussa an der Oka, einem Nebenfluß der oberen Wolga, waren wir nach mühseligem, verlustreichem Vorwärtskriechen durch Dreck und Morast für einige Tage zur Erholung und Auffrischung der Truppe einquartiert. Tarussa war ein bekannter, romantisch inmitten ausgedehnter Birkenwälder gelegener Kurort, in den sich viele aus Moskau und Leningrad geflüchtete Angehörige der intellektuellen Oberschicht, vorwiegend Frauen und Kinder von Künstlern und Wissenschaftlern begeben hatten.

    Die verwundeten Zivilisten wurden von ihren Angehörigen unter Beistand der deutschen Truppenärzte notdürftig versorgt, ich sah ein zehnjähriges Mädchen, dem ein fingerdicker Holzsplitter den rechten Brustkorb durchbohrt hatte, vorne und hinten schauten die Enden des Fremdkörpers heraus. Die Kleine konnte auf dem Hauptverbandsplatz operiert und gerettet werden."

    (Hans Paul Wacker, Die Watte-Pistole. Lebensstufen eines ärztlichen Zeitgenossen 1903-1986, Wien 1986, S. 156.)



    Im Gegenzug wurden die Offiziere der für kurze in Tarussa rastenden deutschen Truppen von den russischen Familien der sowjetischen Oberschicht zum Tee eingeladen. Wackers Erkenntnisse aus den zahlreichen deutsch-russischen Gesprächen und Diskussionen über den Krieg und seine Folgen finde ich ebenfalls interessant, deswegen noch ein kurzer Auszug:



    Zum Abschluß noch die Darstellung bei Wikipedia zu dem bis heute wichtigen russischen kulturellen Zentrum Tarussa:


    Tarussa (russisch Таруса, deutsch auch Tarusa) ist eine Kleinstadt in Russland und das Verwaltungszentrum des gleichnamigen Rajons in der Oblast Kaluga. Tarussa liegt an der Mündung des Flusses Tarussa in die Oka, etwa 70 km von der Gebietshauptstadt Kaluga entfernt, und hat 9660 Einwohner (Stand 14. Oktober 2010).


    Tarussa ist ein wichtiges russisches Kulturzentrum, das nicht nur wegen seiner landschaftlich schönen Lage am hohen Ufer der Oka immer wieder Künstler, Dichter, Schriftsteller und andere Kulturschaffende angezogen hat, sondern auch, weil es knapp mehr als die 100 Kilometer von Moskau entfernt war; dies war während der Sowjetzeit die Distanz, welche Personen, die aus politischen Gründen verurteilt worden waren, zu den Metropolen einzuhalten hatten.


    https://de.wikipedia.org/wiki/Tarussa


    Grüße,

    Bodo

    Hallo Tac,


    In ähnlicher Art und Weise ist es auch in den Tagebuchaufzeichnungen des Sanitätsoffiziers Dr. Türk* niedergeschrieben, dazu noch mit seinen außergewöhnlichen Farbbildern illustriert. Am Anfang waren es nur neugierige Blicke der Bewohner, wenn irgendwo die Ortskrankenstube eröffnet wurde. Schon nach wenigen Tagen sprach sich die Anwesenheit eines "echten" Doktors bis zu 50 Kilometer weit herum, jede Scheu war verloren und das Bauernvolk brachte ihre Kranken herbei, weil im gesamten ländlichen Raum kaum eine ärztliche Versorgung existierte.


    danke für den Hinweis auf das Buch von Axel Urbanke "Als Sanitätsoffizier im Rußlandfeldzug", das die Aufzeichnungen von Dr. Hermann Türk enthält. Ich hatte es schon vor längerer Zeit gelesen, aber noch nicht im Hinblick auf das Thema

    "medizinische Versorgung der Zivilbevölkerung durch die Wehrmacht".

    Das Buch ist ja aufgrund von Größe und Gewicht ein "schwerer Brocken", schön daß Du dennoch einen anschaulichen Scan machen konntest. Leider ist Dr. Türk noch Ende 1941 so schwer erkrankt bzw. verwundet worden, daß er die weitere Entwicklung der "Winterschlacht im Osten" aus Sicht der 3. Panzer-Division nicht mehr beschreiben konnte.


    Ich bin neulich auf die veröffentlichten Tagebücher und Fotografien von Karl Gögele gestoßen, der im ersten Weltkrieg an der Ostfront zum Einsatz kam.

    Ganz erstaunlich, was dieser außergewöhnliche Feldkaplan speziell in Galizien in preußischer Manier "rockte". Die Zivilbevölkerung wurde im Spital mitbehandelt,

    es existieren Fotos von stationär liegenden jüdischen Patientinnen, die in Krankenzimmern neben den Soldaten liegen. Auch war die Beschilderung des Spitals und der Brunnen


    jeweils viersprachig, neben deutsch, russsich und polnisch auch hebräisch(!).

    Ich bin schon mehrmals auf Quellen gestoßen, die das Verhältnis zwischen deutschem Ostheer und der Zivilbevölkerung in Rußland im Ersten Weltkrieg zeigen. Offenbar waren nicht wenige deutsche Besatzungstruppen auf Lebensmittellieferungen durch jüdische Kaufleute angewiesen.


    Herr Hill fällt eigentlich positiv durch seinen neutralen angelsächsischen Blickwinkel auf den Partisanenkrieg der Ostfront auf,

    bei H/SOZ/KULT* ist der Reszenent Brakel voll des Lobes über die aufgestellten Thesen (u.a. geringe Bedeutung der NS-Ideologie beim Partisanenkampf)

    Ich stimme Dir zu, allerdings hat Alexander Hill ausführliche sowjetische Partisanenberichte verarbeitet, die

    (wie wir seit Sebastian Stoppers Analysen wissen) oftmals auch falsche Propagandabehauptungen enthalten.

    Manches taucht dann als angebliche Tatsache in historischen Abhandlungen wieder auf.

    (Siehe hierzu auch Sebastian Stopper, "Die Straße ist deutsch". Der sowjetische Partisanenkrieg und seine militärische Effizienz, in: VfZ 59 (2011) Heft 3).

    So zitiert Hill aus einem Partisanenbericht, wonach die Wehrmacht die russischen Zivilisten eines Gebietes aufgefordert hätte, Medikamente bei der deutschen Kommandantur abzuliefern. Er läßt das unkommentiert. Aber was sollten das für Medikamente gewesen sein, aus deutschen oder russischen Beständen? Dabei war der deutsche Sanitätsdienst doch im Allgemeinen ganz froh, wenn die Einheimischen selbst über medizinische Hilfsmittel verfügten!?


    Neulich hatte ich noch vergessen, daß Alexander Hill ja auch eine amtliche Wehrmachtsquelle zur medizinischen Versorgung der russischen Zivilbevölkerung angegeben hatte (hatte ich vor Jahren bereits einmal genannt).

    Es handelt sich dabei um einen Befehl der Heeresgruppe Nord. Dieser Befehl zur Regelung der Versorgung von einheimischen Zivilisten datiert (erstaunlicherweise) noch elf Tage vor dem bei Dieter Pohl genannten Befehl des Oberkommandos des Heeres vom 29. 7. 1942 (nach Anordnungen Heeresarzt vom 25. 7. 1942) :


    Quote

    Hill weist nämlich auf einen Heeresgruppenbefehl hin, wonach bei Bedarf sehr wohl Arzneimittel und Sanitätsgerät aus deutschen Beständen für die russische Zivilbevölkerung ausgegeben werden mussten.


    Es handelt sich um die Anweisung des Generalquartiermeisters der Heeresgruppe Nord vom 18. Juli 1942 für die rückwärtigen Armee- und Heeresgruppengebiete:

    "Verwaltungsanordnungen Nr. 7. Versorgung der russischen Zivilbevölkerung mit Arzneimitteln und Sanitätsgerät".

    (Alexander Hill, The War behind the Eastern Front. The Soviet Partisan Movement in North-West Russia 1941-1944, London, New York 2005, S. 98-99 und S. 109 Anm. 46.)


    Nochmals zum Vergleich die Quellenangabe bei Dieter Pohl:


    "Ein Befehl des OKH, GenQu, Kr.verw. II/9370/42 vom 29.7.1942 zur medizinischen Versorgung der Bevölkerung konnte bisher nicht aufgefunden werden [...],

    Monatsbericht Berück Nord, 15.8.1942, [...], Bes.Ano.f.d. Versorgung Nr. 144, Berück Süd, Qu, 31.7.1942

    (Bezug auf Ano. Heeresarzt vom 25.7.1942)."


    (Dieter Pohl, Die Herrschaft der Wehrmacht. Deutsche Militärbesatzung und einheimische Bevölkerung in der Sowjetunion 1941-1944, München 2009, S. 196, Anm. 61.)



    Für heute möchte ich mit einem Beitrag von Hubert Fischer schließen, dem Autor des Mammutwerkes

    "Der deutsche Sanitätsdienst 1921 - 1945". Fischer war ja selber als Wehrmachtsarzt im Fronteinsatz und hat 1977 in der

    Wehrmedizinischen Monatsschrift den offiziellen Bericht eines deutschen Oberstarztes von 1945 ausgewertet.

    Dort steht als Autor allerdings nur "H. Fischer". Ich hoffe, es ist der Hubert Fischer.

    Dieser Bericht stammt aus der Bibliothek der Sanitätsakademie der Bundeswehr, der Titel lautet:


    Oberstarzt a.D. Prof. Dr. med. Heinrich Hornung, Gesundheitsfürsorge durch die deutsche Wehrmacht für die Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten (Manuskript 1945, Bibliothek SanAkBw Nr. 2150)


    Es geht um die von deutschen Truppen besetzten Länder Niederlande, Belgien, Frankreich, Jugoslawien, Griechenland, Italien (ab September 1943), Albanien und Rußland (gemeint sind hier die besetzten Gebiete der Sowjetunion):


    "Einen Einblick in die Erfordernisse und Möglichkeiten der sanitären und ärztlichen Unterstützung der Zivilbevölkerung besetzter Gebiete gibt ein Bericht von Hornung über die Gesundheitsfürsorge in den im Zweiten Weltkrieg von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten."

    (Quelle: H. Fischer, Gesundheitsfürsorge für die Zivilbevölkerung besetzter Gebiete, in: Wehrmedizinische Monatsschrift 21. Jahrgang 1977, München 1977, S. 246-248.)


    Hubert Fischer hat den Bericht des Oberstarztes Hornung zur medizinischen Versorgung in den besetzten Gebieten der Sowjetunion so zusammengefaßt:



    Dieser Bericht von 1945 ist als Überblicksdarstellung vielleicht ganz anschaulich. Für das Thema passend finde ich vor allem die Sätze "Bei besonderen Notständen der Zivilbevölkerung erfolgte eine zusätzliche Hilfe deutscher Sanitätsdienststellen" und

    "Verbandmittel sind in örtlichen Fabriken hergestellt worden und bildeten eine wesentliche Erleichterung für die Versorgung der russischen Krankenhäuser und Apotheken. Reichten die Apothekenvorräte des Landes nicht mehr aus, wurden Bestände der Wehrmacht verabreicht."


    Anscheinend war man "weiter oben" (hier: Oberstarzt) nicht richtig im Bilde, wie schlecht der Gesundheitszustand vieler Zivilisten gerade auch in Frontnähe gewesen ist. Die von Hornung genannten "Besonderen Notstände", die eine medizinische Hilfe durch deutsche Truppenärzte erforderlich machten, gab es dort zuhauf. Soviel konnten wir durch die vielen in den letzten Jahren zitierten Quellenhinweise vielleicht schon deutlich machen.

    Zur medizinischen Versorgung in Frontnähe beim nächsten Mal mehr.


    Beste Grüße,

    Bodo

    Hallo zusammen,


    Die Reden Goebbels über die "Terrorflieger" kamen bei der Bevölkerung an. Es entwickelte sich ein (fast) gnadenloser Hass der Zivilbevölkerung gegenüber den Bomberbesatzungen. Es kam während des Krieges auf deutschen Boden immer wieder

    zu einer Lynchjustiz an diesen Luftwaffenangehörigen der Alliierten, sofern sie von ihren abgeschossenen Bombern mit Fallschirmen abspringen konnten.


    Ja, dem letzten Satz in Berts Eingangspost kann ich folgen, aber daß er davor von "gnadenlosem Hass der Zivilbevölkerung gegenüber den Bomberbesatzungen" schreibt, finde ich nicht angemessen und viel zu pauschal.

    Gleichzeitig werden damit die Verbrechen von mordenden NS-Parteigenossen verharmlost.

    Denn wie kann man eigentlich NSDAP-Funktionäre im materiell oder geistig uniformierten Braunhemd als normale "Zivilbevölkerung" verstehen?


    Zitat aus Berts angehängtem Geheimbefehl vom 27.2.1944 (da steht doch schon einiges drin):


    "Fernmündlicher Befehl des Gauleiters [Reichsgau Oberdonau] ... vom 27. 2. 1944

    "Nur für die Kreisführer (streng vertraulich)"

    Betrifft: Information.


    Gegen die Lynchjustiz an abgesprungenen Feindfliegern seitens der Bevölkerung

    (besonders durch Angehörige der NSDAP) ist von der Gendarmerie nicht einzuschreiten.


    Die unterstehenden Dienststellen gelegentlich mündlich unterweisen.

    Diese Information streng "geheim" halten."
    ................................................................................................................................


    Die Nazi-Führer gingen demzufolge selbst davon aus, daß in der Regel ihre NSDAP-Genossen

    die Lynchmorde an alliierten Fliegern verüben würden. Und meistens eben nicht "Durchschnittsdeutsche"

    oder "der kleine Mann" von der Straße.

    Außerdem sollte die Normalbevölkerung nichts von diesem Mordunterstützungsbefehl an die Polizei wissen.

    Jedenfalls noch nicht ("Diese Information streng "geheim" halten.").


    Tac hat doch schon auf entsprechende Forschungen zu Österreich bzw. damals noch "Ostmark" hingewiesen:


    ich bin erstaunt über den Artikel, gerade für Österreich ist der Mythos der "lynchenden Hausfrauen" doch seit Jahren längst wissenschaftlich aufgeklärt.

    In akribischer Feinarbeit konnte der Historiker Helmut Konrad in seinem Buch "Fliegerlynchjustiz" belegen, dass die Mordtaten zu 99% von örtlichen SA-Funktionären ausgeführt oder initiiert wurden. Der mordende Bauer mit Mistgabel eher der Propaganda und Nachkriegsphantasie entspricht.


    Denselben Befund habe auch neuere Forschungsergebnisse aus Deutschland ergeben.

    Hier zwei Beispiele von eingehenden Darstellungen, zuerst eine Rezension für den von Dietmar Süß

    herausgegebenen Sammelband "Deutschland im Luftkrieg":


    Quote

    "Der zweite Block widmet sich dem Thema Krieg, Gewalt und dem Ende der "Volksgemeinschaft".

    Barbara Grimm thematisiert in einem instruktiven Beitrag die insgesamt etwa 350 Lynchmorde an alliierten Fliegern; diese seien überwiegend nationalsozialistischen Funktionsträgern und nur in "wenigen Fällen tatsächlich [der] 'Volksjustiz'" zum Opfer gefallen (83 f.)."

    (Rüdiger Hachtmann: Rezension von: Dietmar Süß (Hg.): Deutschland im Luftkrieg. Geschichte und Erinnerung, München: Oldenbourg 2007, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 5.)


    Denselben Befund hat sogar der alte SPIEGEL aufgrund verschiedener lokalhistorischer Forschungen

    einst in einem Artikel des Historikers Dr. Hans Michael Kloth 2001 veröffentlicht:


    "Systematischer Mord

    Im Zweiten Weltkrieg gab es in Deutschland weit mehr Lynchmorde an alliierten Fliegern

    als bisher bekannt. Täter waren meist nicht empörte Bombenopfer, sondern NS-Schergen.

    [...]

    „Zu den Lynchmorden kam es denn auch

    „weit weniger durch betroffene Zivilisten“,

    hat Wachholz festgestellt, die meisten Täter

    stammten aus den Reihen der Gestapo,

    des Sicherheitsdienstes, der SS, SA, Polizei

    oder Wehrmacht.

    Wo es sich um Zivilisten handelte, waren es fast immer

    fanatische Nazi-Funktionäre.“

    Im bayerischen Attenkirchen etwa erschlug der

    stellvertretende NSDAP-Kreisleiter von Freising

    einen gefangenen US-Piloten in dessen Arrestzelle

    mit einem Hammer, während sein Chef

    vor dem Fenster den Motor auf hohen Touren

    laufen ließ. Einen zweiten Flieger hatte

    er kurz zuvor im Wald erschossen. [...]"

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-20794719.html


    In dem Artikel steht auch noch, daß Heinrich Himmler als "Reichsführer SS" allen Deutschen KZ-Haft angedroht hatte für den Fall, daß sie abgesprungenen alliierten Fliegern Hilfe oder Unterstützung zukommen ließen:


    Quote

    "Schon zuvor hatte SS-Chef Himmler dekretiert, Deutsche, "die sich aus böser Absicht oder falsch verstandenem Mitleid gegenüber gefangenen Fliegern würdelos verhalten", mit "Einweisung in ein Konzentrationslager", zumindest aber mit "Schutzhaft nicht unter 14 Tagen" zu bestrafen - ihm war zu Ohren gekommen, dass mancherorts gefangene Piloten von der Zivilbevölkerung freundlich behandelt würden."


    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-20794719.html


    Grüße,

    Bodo

    Hallo zusammen,


    ich wünschte ich könnte sagen, die letzten Beiträge von Tac und Paul sind allesamt zutreffend.

    Trotz allem enthalten sie leider auch unrichtige Annahmen (aber Danke an Tac für die anschaulichen Bilder).

    Zunächst muß ich sagen, wir waren doch am Anfang des Themas schon mal weiter.


    Ich hatte doch vor rund zwei Jahren bereits einen Aktenhinweis des Holocaustforschers Dieter Pohl zitiert.

    Der Befehl des Oberkommandos des Heeres (Heeresarzt) zur medizinischen Versorgung hat existiert, nur der Wortlaut ist bislang nicht bekannt:


    Quote

    So erwähnt z.B. Dieter Pohl in seiner Habilitationsschrift "Die Herrschaft der Wehrmacht. Deutsche Militärbesatzung und einheimische Bevölkerung in der Sowjetunion 1941-1944" einen (leider verschollenen) Befehl des Oberkommandos des Heeres vom 29. 7. 1942 über die medizinische Versorgung der sowjetischen Zivilbevölkerung in Russland und der Ukraine:


    "Ein Befehl des OKH, GenQu, Kr.verw. II/9370/42 vom 29.7.1942 zur medizinischen Versorgung der Bevölkerung konnte bisher nicht aufgefunden werden [...], Monatsbericht Berück Nord, 15.8.1942, [...], Bes.Ano.f.d. Versorgung Nr. 144, Berück Süd, Qu, 31.7.1942 (Bezug auf Ano. Heeresarzt vom 25.7.1942)."


    (Dieter Pohl, Die Herrschaft der Wehrmacht. Deutsche Militärbesatzung und einheimische Bevölkerung in der Sowjetunion 1941-1944, München 2009, S. 196, Anm. 61.)


    Und dann noch die (unrichtige) Vermutung des britischen Historikers Alexander Hill, Wehrmachtsärzte selbst hätten

    "nur in Ausnahmefällen" die russische Zivilbevölkerung medizinisch versorgt:


    "In exceptional cases it seems [Vermutung!] that the local population received treatment from German doctors."

    (Alexander Hill, The War behind the Eastern Front. The Soviet Partisan Movement in North-West Russia 1941-1944, London, New York 2005, S. 99.)


    Ich habe inzwischen weitere Literatur gefunden, aus der hervorgeht, daß die medizinische Versorgung der sowjetischen Zivilbevölkerung auf höheren Befehl geordnet und systematisch d.h. flächendeckend organisiert worden ist.


    Als erstes möchte ich auf das neuere Werk von Otmar Jung hinweisen, der die Briefe seines Vaters von der Ostfront ausgewertet hat. Zitat Umschlagtext:


    "Wie die meisten Soldaten schrieb Dr. Walther Jung eifrig Feldpostbriefe an seine alte Familie und seine junge Frau in der Heimat. Diese Briefe sind verloren.

    Überraschend tauchte aber nach mehr als einem halben Jahrhundert ein Bestand von 114 Briefen auf, die er an seinen älteren Schwager, den Gymnasiallehrer und Kunstmaler Josef Reichardt, geschrieben hatte. Diese Briefe sind besonders. Dr. Jung berichtete, was er sah - nicht als "Soldaten-Kämpfer", sondern aus der Perspektive eines jungen Arztes in Uniform, der nach der Schlacht schauen muß, wo man noch helfen kann, und er schilderte dies ohne Schonung, die gegenüber einem Teilnehmer des Ersten Weltkriegs nicht nötig war. Ferner reflektierte Dr. Jung die Situation an der Ostfront - als bemerkenswert unabhängiger Kopf: kritisch, empirisch, und dies gerichtet an einen Empfänger, der vier Monate in Schutzhaft verbracht hatte.

    Eine vorangestellte Teilbiographie (1913-1945) versucht zu erklären, wie Walther Jung nach den Jahren der Diktatur und Gleichschaltung der öffentlichen Meinung sich noch seine geistig-moralische Unabhängigkeit bewahren konnte. Nach der Edition der Briefe werden die wichtigsten Themen erörtert, die Dr. Jung damals ansprach, und die Probleme analysiert, die einzelne Briefe heute aufwerfen."


    Hier der Link zum Buch:

    https://www.amazon.de/Als-Truppenarzt-Ostfront-Feldpostbriefe-Reichardt


    Das entsprechende Kapitel enthält folgende Informationen zu unserem Thema:


    Quote

    "IV. Ärztliche Behandlung russischer Zivilisten

    Besonders interessant erscheint, daß Walther Jung auch russische Zivilisten ärztlich behandelte. Vor Sewastopol wurde er einmal "zu einer Tatarenfrau gerufen, um ein gebrochenes Schlüsselbein wieder einzurichten und zu bandagieren".

    Der alte russische Kollege, den er, wie erwähnt, mit zwei russischen Kolleginnen behandelte, war vermutlich ein ziviler Patient.

    In einem Streitgespräch mit anderen Offizieren - die Causa wurde schon erwähnt - verwies der Truppenarzt auf seine "tatarischen Patientinnen"; konkret berichtet die Oral history von einer Entbindung und einer Lungenpunktion.

    Ende August 1942 resümierte er: "Was ich für die Zivilbevölkerung ärztlich tun konnte, habe ich getan, für die armen Hascherln!"

    (Otmar Jung, Als Truppenarzt an der Ostfront. Feldpostbriefe von Dr. Walther Jung an seinen älteren Schwager Josef Reichardt, 1941-1944, Würzburg 2017, S. 568.)


    Otmar Jung versucht dann, die Informationen seines Vaters in die vorhandene Forschungsliteratur einzuordnen.

    Dabei nennt er auch weitere Anordnungen für die medizinische Versorgung, die er im Bundesarchiv gefunden hat:


    "Unerhört war diese Praxis nicht

    [Anm. 779: "Medizinische Versorgung der Zivilbevölkerung durch Wehrmachtseinheiten erwähnt auch Hartmann: Wehrmacht im Ostkrieg, S. 728 Fn. 189.].


    Für die 72. I.D. ergingen im November 1942 besondere Anordnungen für die ärztliche Versorgung der Zivilbevölkerung. Demnach waren für diese Versorgung in 17 namentlich aufgeführten Ortschaften sowie für "sämtliche Ortschaften im rückwärtigen Abstellraum der Division" sieben mit Namen und ihren Einheiten genannte Wehrmachtsärzte (von Unter- bis zu Oberärzten) zuständig.

    [Anm. 780: "Besondere Anordnungen für die Versorgung (Rußland) Nr. 89, Anlage 292 v. 21. 11. 1942, BA/MA Freiburg, RH 26-72/167 (o.S.).]


    Kurz darauf wurde noch eine weitere Versorgungsform eingeführt: Im Standortbezirk Polosy wurde ein russischer Zivilarzt "dauernd" eingesetzt und einem Wehrmachtsarzt unterstellt. Der Standortbezirkskommandant hatte wöchentlich über die Tätigkeit dieses russischen Zivilarztes Bericht zu erstatten."

    [Anm. 781: "Besondere Anordnungen für die Versorgung (Rußland) Nr. 89, Anlage 296 v. 22. 11. 1942, BA/MA Freiburg, RH 26-72/167 (o.S.).]


    Otmar Jung, Als Truppenarzt an der Ostfront. Feldpostbriefe von Dr. Walther Jung an seinen älteren Schwager Josef Reichardt, 1941-1944, Würzburg 2017, S. 568-569.


    Der Vollständigkeit halber hier noch einmal die von Otmar Jung erwähnte Feststellung von Christian Hartmann:


    Quote

    "Statt dessen zeigte sich diese of "sehr freundlich" und "zutraulich", begann sofort zu handeln, brachte "Blumensträußchen" oder "Salz und Brot".

    Es kam sogar vor, dass die einmarschierenden Panzersoldaten "von der Bevölkerung auch geküßt" wurden: "Sie halten uns offenbar für Befreier".
    Es spricht für die 4er, wenn sie diese Chancen in der Regel nützten; mitunter wurden sogar Zivilisten medizinisch versorgt. [...]

    [Anmerkung] 79 [...] Hans Luther, fr. San. Ofw. I./Pz.Rgt. 35, Bericht "Privat-Praxis"."


    (Christian Hartmann, Wehrmacht im Ostkrieg: Front und militärisches Hinterland 1941/42, München 2010, S. 712.)


    Hier noch ein weiterer zeitgenössischer Hinweis, aus dem hervorgeht, daß die medizinische Versorgung der sowjetischen Zivilbevölkerung schon frühzeitig und auf höheren Befehl geordnet und systematisch d.h. flächendeckend organisiert worden ist.


    Es handelt sich um einen Eintrag des Unteroffiziers Wolfgang Buff in sein "Kriegstagebuch Ost", das er bis zu seinem Tod in Rußland geführt hat. Das Tagebuch hat der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge herausgegeben,

    das Buchcover habe ich unten im Anhang, und hier ist noch der Link zum Buch:


    https://www.amazon.de/Vor-Leni…tember-1941/dp/B008NRJOFE


    “7. November 1941


    Die Nacht brachte ein wenig Schießerei, aber ich brauchte nicht heraus. Die Telefonanlage, die ich neuerdings im Bunker habe, tat mir bei der Übermittlung der Feuerkommandos gute Dienste.


    Laut höherem Befehl sollen Truppenärzte auch der hiesigen Bevölkerung behilflich sein. An unserem Truppenverbandsplatz hat unser Stabsarzt, der glücklicherweise mit uns nicht allzu viel zu tun hat, ein Schild anbringen lassen, das auf russisch seine Sprechstunden anzeigt. Als Bezahlung ist Kleinholz mitzubringen, was die Patienten reichlich besitzen.

    Wie man hört, wird von dem Angebot reger Gebrauch gemacht.


    Leider gab es heute wieder keine Post. Wie es heißt, sei die Bahnlinie bombardiert, aber es sollen nun LKWs eingesetzt werden zur Postbeförderung. Hoffentlich ist das möglich.”


    (Vor Leningrad. Kriegstagebuch Ost 29. September 1941-1. September 1942 von Wolfgang Buff (Unteroffizier im Artillerie-Regiment 227), Kassel, (Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge) 2000, S. 26.)


    Das bedeutet also, daß erste Anordnungen bzw. Befehle zur medizinischen Versorgung der sowjetischen Zivilbevölkerung von den zuständigen Stellen des deutschen Ostheeres bereits im Herbst 1941 erlassen wurden.

    Also nicht erst im Sommer 1942 (wie bei Dieter Pohl erwähnt) oder im Herbst 1942 (wie bei Otmar Jung genannt).


    Im nächsten Beitrag kann ich vielleicht noch auf die frontnahe medizinische Hilfe durch deutsche Militärärzte und Sanitäter eingehen. Denn gerade in den umkämpften Gebieten in der Nähe des Gefechtsfelds benötigten viele Menschen medizinischen Beistand, der auch wann immer möglich geleistet wurde. Soviel kann ich vielleicht schon einmal vorwegnehmen.


    Grüße,

    Bodo

    Hallo zusammen,


    passend zum vorigen Beitrag über den "Entsatzangriff in Richtung Wilna" und die zugehörigen Bilder habe ich in der

    Autobiographie des bekannten Schauspielers Horst Naumann (Jahrgang 1925) seine Zusammenfassung des Ausbruchs

    der eingeschlossenen Kampfgruppe gefunden. Naumann war wohl der beliebteste "Schiffsarzt" auf dem ZDF-Traumschiff,

    eine Rolle, die er von 1986 bis 2010 (ganze 24 Jahre lang) verkörperte.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Horst_Naumann


    Naumanns Darstellung ist zu entnehmen, daß er (als Gefreiter) wohl selbst nicht bis Wilna gekommen ist, sondern als vom Genesungsurlaub zurückkehrender Soldat (dessen vorige Einheit bereits untergegangen war) zur neu aufgestellten "Gruppe Tolsdorff" kommandiert worden war:


    "Die Front brauchte "Menschenmaterial", also ging es wieder nach Russland. Diesmal wurde ich in den nördlichen Teil gesandt. Der Krieg war so weit vorangeschritten, dass wir, die deutschen Truppen, uns nur noch, mit wenigen Frontabschnitten, in westliche Richtung bewegten.


    Da oben, bei Wilna, überholte uns die russische Front sogar und wir wurden in deren Rücken eingeschlossen. Eine Gewissheit, die uns mit Angst erfüllte; entweder wir werden herausgeholt oder der Transport nach Sibirien besiegelt unser Schicksal.

    Die Panzerdivision "Großdeutschland" hatte schließlich die feindlichen Linien durchbrochen und schleuste uns durch die Russen hindurch wieder aus der Gefahrenzone heraus. Erleichterung und Jubel brachen aus uns heraus. Man kann das heute alles nicht mehr erklären, was uns damals in solchen Momenten bewegt hat. Da gibt es keine Wahl mehr, da ist einem das Los zugefallen. Auch dieser Hölle bin ich entronnen."


    (Horst Naumann, Zwischen Leuchtfeuer und Traumschiff. Die Autobiografie, Leipzig 2005, S. 28-29.)



    Weiter schreibt Naumann auch von den schweren Verlusten, die durch die haushohe Überlegenheit der sowjetischen Panzerbrigaden bedingt war (Generaloberst Reinhardts 3. "Panzerarmee" hatte ja bekanntlich schon seit Monaten keinen einzigen Kampfpanzer mehr gehabt, weil Hitler fast alle beweglichen Einheiten in die Ukraine kommandiert hatte).


    Der Militärhistoriker Karl-Heinz Frieser hat zu diesem Panzermangel der Wehrmacht geschrieben:

    "Das größte Problem der Heeresgruppe Mitte bestand jedoch im Defizit an Panzern. Bezeichnenderweise war auch die Bezeichnung "3. Panzerarmee" völlig irreführend. Dieser Großverband besaß schon längst keinen einzigen Kampfpanzer mehr, sondern nur 76 Sturmgeschütze.

    So schwer vorstellbar es erscheinen mag: In der gesamten Nordhälfte der Ostfront befand sich Anfang Juni lediglich ein größerer Panzerverband, nämlich die zur Heeresgruppe Nord gehörende 12. Panzerdivision."

    (Karl-Heinz Frieser, Der Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte im Sommer 1944, in: Karl-Heinz Frieser, Klaus Schmider, Klaus Schönherr (Hrsg.), Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 8, Die Ostfront - Der Krieg im Osten und an den Nebenfronten, München 2007, S. 526-531.)


    Und obwohl unmittelbar vor Beginn der sowjetischen Offensive am 22. Juni 1944 die 20. Panzerdivision der Heeresgruppe Mitte zugeführt wurde, erhöhten deren 56 Kampfwagen die Gesamtzahl lediglich auf 118 Panzer (und insgesamt 377 Sturmgeschütze ohne beweglichen Geschützturm):

    "Dies [495 Stück] war nicht gerade eine imponierende Zahl von Kampfwagen angesichts der mehr als 6000 Panzer und Sturmgeschütze, die die Rote Armee dagegen einsetzte." (Zitat Frieser, a.a.O.)


    Und der Standardpanzer dieser wenigen Panzerdivisionen des Ostheeres war 1944 immer noch der veraltete Panzer IV.

    Der Einsatz der I./Pz.Rgt.GD mit Panther-Panzern an der Spitze der angreifenden deutschen Entsatzgruppe war also damals eine Aktion mit Seltenheitswert. Deshalb nahm Generaloberst Reinhardt wohl auch selbst daran teil, um die Erfolgschancen mit seiner Autorität nach den wochenlangen Rückzügen seiner dezimierten Armee (nur noch 2-3 übrig gebliebene Infanteriedivisionen) zu erhöhen.


    Am zweiten Operationstag schossen die zahllosen Sowjetpanzer aber aus mehreren Richtungen direkt in den Rückzugskorridor der deutschen Entsatztruppen und trafen auch immer wieder Mannschaftstransport-Lkws.

    Naumann schreibt von "vielen Verlusten".

    Er erwähnt allerdings auch entlastende Luftangriffe durch Flugzeuge des Sturzkampfgeschwaders bzw. Schlachtgeschwaders 2 (Immelmann). Neben den seltenen Panzern V (Panther) der GD-Abteilung waren diese ebenfalls seltenen unterstützenden Luftangriffe wohl ein wichtiges moralisches Aufputschmittel für die aus den Kesseln entkommenen übermüdeten deutschen Soldaten:


    Quote

    "Die Russen hatten auf beiden Seiten der Rollbahn, auf der wir von der Panzerdivision eskortiert nach Westen fuhren, ihrerseits Panzer auffahren lassen, die unentwegt in unsere Kolonnen hinein schossen. Es gab viele Verluste, aber wir waren noch einmal davongekommen.


    Das hatte die Truppe auch einem verwegenen Offizier zu verdanken, der mit seinem Kampfflugzeug, an das er sich zwei Panzerkanonen hatte anbauen lassen, auf die russischen Panzer herabstürzte und sie, mit tödlicher Sicherheit treffend, ausschaltete. Dieser Oberst Rudel löste damit einen unglaublichen Jubel bei den Soldaten aus, waren sie doch dadurch dem Tod oder der Gefangenschaft entronnen."


    (Horst Naumann, Zwischen Leuchtfeuer und Traumschiff. Die Autobiografie, Leipzig 2005, S. 28-29.)


    Zum Abschluß dieser Schilderung würdigt Horst Naumann auch noch den deutschen militärischen Widerstand gegen Hitler und die Nazis, der mit dem mißglückten Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 seinen Höhepunkt erreichte. Die Hoffnung vieler Soldaten auf ein schnelles Ende des Krieges war mit dem Scheitern der Verschwörer ebenfalls begraben worden:


    "Der Wahnsinn des Krieges war trotzdem nicht zu stoppen, auch nicht durch den heldenhaft verzweifelten Versuch der deutschen Widerstandskämpfer um Klaus Graf Schenk von Stauffenberg. Er und viele andere mit ihm hatten den letzten Versuch unternommen, den endgültigen Untergang Deutschlands abzuwenden und haben mit ihrem Leben bezahlt.


    An der Front hatten wir von dem versuchten Attentat erst nach dem Scheitern erfahren. Die Nachricht hatte, wie ein Lauffeuer durch alle Frontabschnitte gehend, die Hoffnung aufkeimen lassen, dass dadurch das Grauen beendet werden könnte, dass Deutschland vielleicht frei von fremden Truppen bleiben würde.

    Welch ein Trugschluss! Es wurde weiter umgebracht, verbrannt, zerstört, unschuldige Menschen vertrieben, geschunden und entehrt."

    (Horst Naumann, Zwischen Leuchtfeuer und Traumschiff. Die Autobiografie, Leipzig 2005, S. 28-29.)



    Grüße,

    Bodo

    Hallo Marc, hallo Tac,


    Danke, daß ihr ausführlich auf meinen Beitrag zur Forschungsarbeit von Sebastian Stopper und meine Kritik an der - leider -

    recht einseitigen Darstellung des Bundesarchivs geantwortet habt. Eigentlich müßte doch jede Darstellung deutscher Kriegsverbrechen zunächst die historischen Gegebenheiten vor Ort miteinbeziehen (z.B. Wehrmacht am Abgrund, 3000 neue, ostunerfahrene Soldaten als "Ersatz" bei der frontunfähigen 56. Division, Hitlers radikale Mordbefehle, seine regelmäßige Aufhebung von Militärgerichtsurteilen gegen deutsche Kriegsverbrecher und nicht zuletzt ein gedemütigter Nazi-General von Oven) wie auch die tatsächlich gut erforschte gegnerische Kriegsführung (regulär und Guerilla-Taktik). Was wäre eine (noch) völkerrechtskonforme Repressalie gewesen, ohne diesen schwer faßbaren Mordbefehl? (Stichwort Handlungsspielräume der verantwortlichen Offiziere?)


    Hallo Bodo


    Ich kenne Stoppers Arbeit (wenn auch nicht bis in jedes Detail), bin aber bei etlichen Punkten seiner Darstellung anderer Ansicht als er. Das zeigt sich exemplarisch schon bei den hier besprochenen Fällen. Es scheint mir gewagt, wie bei ihm geschehen die These aufzustellen, der Angriff, der den Vorwand/Anlass für das erste Massaker lieferte, sei vielleicht gezielt mit der Absicht durchgeführt worden, deutsche Repressionsmaßnahmen hervorzurufen. Das ist doch wirklich nur geraten, und es wundert mich schon, dass so eine eben auf reiner Hypothese basierende weitreichende Unterstellung keinen Widerspruch provoziert.


    Ja, das könnte man denken, aber ich habe von dieser sowjetischen Strategie in den letzten Jahren mehrmals gelesen.

    Stalin soll schon früh befürchtet haben, daß sich große Teile der Bevölkerung in den von Deutschland besetzten Gebieten der Sowjetunion gegen sein Regime wenden könnten.

    Vgl. dazu die Zusammenfassung des Stalinismusexperten und Berliner Professors Jörg Baberowski:


    "Hitlers Soldaten marschierten in einen Gewaltraum, dessen Bewohner das Grauen schon gesehen und erlebt hatten. Viele Menschen empfanden die Terrorherrschaft der Nationalsozialisten als Fortsetzung einer Leidensgeschichte, die für sie schon zehn Jahre vorher begonnen hatte. So sahen es auch die stalinistischen Funktionäre, Tschekisten und Kommissare, die ihre Fähigkeiten nunmehr in den Dienst des Vernichtungskrieges stellen konnten. Immer schon hatten sie Krieg geführt, aber jetzt erst entfalteten die Praktiken des terroristischen und gewalttätigen Kampagnenstaates ihre eigentliche Wirkung."

    (Jörg Baberowski, Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt, München 2012, S. 396.)



    Konkret hat der niederländische Osteuropahistoriker Marius Broekmeyer in seinem herausragenden Werk "Stalin, the Russians, and Their War 1941-1944" (2004) dazu russische Quellen ausgewertet. Demnach haben viele sowjetische Partisaneneinheiten wiederholt deutsche Militäreinrichtungen nur deshalb angegriffen, um harte Repressalien der Besatzungstruppen gegen unschuldige Zivilisten zu provozieren. Dies sei ein unmenschlicher, aber aus russischer Sicht auch "genialer" Plan Stalins gewesen:


    Quote

    "If the Bolshevik regime is supported by a cruel system of punitive measures, then it loses its former significance for the population of the occupied areas," wrote Nikolai Yonyayev. "Prompt measures were therefore taken to intensify to the extreme hostile relations between the population and the occupiers.

    Numerous partisan units carried out sabotage sometimes simply with the aim of provoking counter-repression and thus depriving the Russian population of possibly looking to the Germans as allies rather than enemies.

    If one discounts the remarkable inhumanity of this plan, it can be seen as one of Stalin's most ingenious inventions."


    (Marius Broekmeyer, Stalin, the Russians, and Their War 1941-1945, Madison 2004, S. 164-165.)


    Der britische Wissenschaftler Alexander Hill ist in seiner Studie zum Partisanenkrieg hinter der deutschen Heeresgruppe Nord zu ähnlichen Erkenntnissen gelangt ("The War Behind the Eastern Front. The Soviet Partisan Movement in North-West Russia, 1941-44", London 2004). Die häufigen Überfälle durch Partisanen führten zu schweren Kriegsverbrechen deutscher und einheimischer Anti-Partisanen-Einheiten, denen immer wieder unschuldige Zivilisten zum Opfer fielen.

    Da das Buch nicht auf Deutsch erschienen ist, hier aus der Rezension des Holocaustexperten Alexander Brakel:

    Quote

    "Hill kommt zu teilweise spektakulären Ergebnissen: Er kann zeigen, dass sich die Deutschen tatsächlich von militärischen Überlegungen leiten ließen, ihre Einsätze also tatsächlich in Gegenden durchführten, in denen verstärkt Partisanen aufgetaucht waren. Opfer dieser deutschen Operationen waren dennoch mehrheitlich unbeteiligte Zivilisten, was Hill allerdings nicht mit ideologischen, sondern mit situativen Faktoren erklärt.

    Die Partisanen waren mobil und konnten sich, wenn Gefahr in Verzug war, schnell absetzen, während die übrige Bevölkerung zurückblieb und so den Deutschen in die Hände fiel, die wiederum wegen der mangelnden Kennzeichnung der Partisanen insbesondere in der ersten Zeit Partisanen und Nicht-Partisanen nicht voneinander unterscheiden konnten. Hill dokumentiert jedoch auch, dass die Einsätze der Besatzer dennoch nicht vergeblich waren, sondern der Partisanenbewegung starke Schläge versetzten."

    (Alexander Brakel: Rezension zu: Hill, Alexander: The War Behind the Eastern Front. The Soviet Partisan Movement in North-West Russia, 1941-44. London 2004, in: H-Soz-u-Kult, 19.09.2005)

    http://hsozkult.geschichte.hu-…de/rezensionen/2005-3-171


    Deutsche und sowjetische Berichte zeigen aber auch, daß der Übergang von versprengten regulären Einheiten der Roten Armee zur sowjetischen Partisanenbewegung 1941 und dann 1944 wieder zurück zur regulären Armee unter in Moskau geschulten Kommissaren und Kommandeuren fließend sein konnte (Siehe dazu Bogdan Musial, Sowjetische Partisanen 1941-1944. Mythos und Wirklichkeit, Paderborn u.a. 2009, S. 60 f.):


    "Offensichtlich auf der Grundlage der Erfahrungen an der Nordwest-Front ordnete Lev Mechlis am 19. August 1941 an, bei den politischen Verwaltungen der einzelnen Fronten Abteilungen einzurichten, die sich mit der parteipolitischen Arbeit unter der Bevölkerung und den Truppen der Roten Armee, die in den besetzten Gebieten zurückgeblieben waren, befassen sollten. Sie erhielten u.a. den Auftrag, die Partsanenbewegung zu organisieren und zu führen. Diese Abteilungen wurden in den darauf folgenden Monaten nach und nach eingerichtet."

    http://www.deutschlandradiokul…ml?dram:article_id=191138

    Von geringer Gefahr für die Partisanen/Versprengten zu sprechen, insbesondere dort wo diese nicht einfach nur den Kopf einzogen sondern aktiv kämpften, ist in meinen Augen deshalb problematisch.
    Stopper berücksichtigt hier zudem meiner persönlichen Ansicht nach die Motive (soweit überhaupt nachvollziehbar) und die sehr gefahrvolle Situation der Versprengten/Partisanen zu wenig bzw. mit zu wenig Empathie in ihre Situation.


    Den deutschen Gefechtsberichten (im Bundesarchiv) zufolge handelte es sich am Ort des späteren Massakers von Chosum um eine größere bewaffnete Kampfgruppe, teils mit aber vielfach auch ohne Uniformen.

    Gleichzeitig hatte der überfallene deutsche Spähtrupp von 5 Reitern anscheinend rund 30 uniformierte sowjetische Kriegsgefangene in seinem Gewahrsam. Wie haben diese Rotarmisten auf den Angriff reagiert? Anscheinend sind diese doch ihren angeschlagenen deutschen Begleitern nicht in den Rücken gefallen? Sonst hätten die entkommenen deutschen Soldaten doch keinesfalls Bericht erstatten können. Wollten die im Dorf befindlichen bewaffneten Sowjetsoldaten ihre gefangenen Kameraden vielleicht sogar befreien?


    Der von Tac bereits zitierte Christian Hartmann hält die Einschätzung, daß in Zivil gekleidete bewaffnete Soldaten von den Besatzungstruppen als Freischärler angesehen wurden, für völkerrechtlich konform.

    Andererseits sieht man auf Fotos von sowjetischen Gefangenenkolonnen 1941 zwischen Uniformierten immer wieder zivil gekleidete Sowjetsoldaten. Viele Wehrmachtssoldaten zeigten für deren Schicksal Verständnis, solange keine versteckten Waffen gefunden wurden.

    Bei Klaus Jochen Arnold ("Wehrmacht und Besatzungspolitik") sind Beschwerden vorgesetzter Stellen verzeichnet, denen es nicht in den Kram paßte, daß diese zivil-militärischen Gefangenen nach Ablauf der allgemeinen Meldefrist als "normale Kriegsgefangene" behandelt wurden. Siehe als Beispiel den Bildanhang unten, "Ljudinowo, sowjetische Kriegsgefangene im Sommer 1941", wo man die unterschiedliche Bekleidung "Zivil, Militär" erkennen kann.


    Hartmann hat zum Aspekt der versprengten oder umzingelten Rotarmisten im deutschen Hinterland geschrieben:



    Abschließend möchte ich noch auf einen meist wenig beachteten Faktor hinweisen: die sich vom ersten Kriegstag an manifestierende materielle und personelle Unterlegenheit der Wehrmacht gegenüber der Roten Armee. Hartmann schreibt von einer seit Sommer 1941 quantitativen und zunehmend auch waffentechnisch qualitativen Unterlegenheit der deutschen Seite, die bei entsprechend ideologisch verblendeten Kommandeuren zu Greueltaten führen konnte.

    Heinrich Himmlers ("Reichsführer SS") Polizei- und Mordkommandos (SS-Einsatzgruppen) hatten ja darüber hinaus bereits seit den ersten Tagen des "Unternehmens Barbarossa" immer neue erschreckende Maßstäbe bei Kriegsverbrechen bis hin zum systematischen Judenmord gesetzt.

    Dazu passend ein Link zur Frage: Haben Sie davon gewußt? Mit lesenswerten Antworten deutscher Soldaten und Zivilisten:

    (Walter Kempowski: Haben Sie davon gewußt? Deutsche Antworten.)


    "Das deutsche Ostheer mochte gewaltig sein, verglichen mit der Roten Armee war es schwach.

    Dass ausgerechnet der Angreifer dem Verteidiger quantitativ (und wie sich bald herausstellen sollte,

    auch qualitativ) unterlegen war, widersprach jeder militärischen Doktrin.

    Angesichts dieser Voraussetzungen war es unausweichlich, dass das Ostheer für die militärische Sicherung der riesigen rückwärtigen Räume zunächst kaum Kräfte übrig hatte. Neben Himmlers Hilfstruppen sollten anfangs nicht mehr als neun Sicherungsdivisionen das gesamte Rückwärtige Heeresgebiet kontrollieren."

    (Christian Hartmann, Wehrmacht im Ostkrieg: Front und militärisches Hinterland 1941/42, München 2010, S. 701.)


    Grüße

    Bodo

    Hallo zusammen,


    in den Tagebuchaufzeichnungen der Krankenschwester Helene Mierisch bin ich noch auf eine Schilderung des

    Luftkriegsalltags für die deutsche Bevölkerung wenige Monate vor Kriegsende gestoßen. Der Luftkriegsforscher und Historiker Helmut Schnatz hatte ja geschrieben, daß "im Drahtfunk oder in der stündlichen Luftlagemeldung des Reichsrundfunks Hinweise auf "feindliche Kampfverbände" durchgesagt wurden":


    Quote

    "Die amerikanische Luftwaffe hat sowohl mit Flugzeugen, die den strategischen Luftstreitkräften, also der 8. und der 15. Air Force, zugeteilt waren, als auch mit denjenigen ihrer taktischen Luftstreitkräfte, also der 1. Provisorischen Taktischen, der 9. und der 12. Air Force über Deutschland zwischen dem April 1944 und dem Kriegsende fast täglich im Tiefflug eine große Zahl an Zielen angegriffen.

    [...]

    Als die US-Jäger im Frühjahr 1944 die Luftüberlegenheit erkämpft hatten, wurde es in der US-Air Force üblich, während des Rückfluges einen Teil der Begleitjäger für selbstständige Tiefangriffe über Deutschland zu detachieren. Diese operierten dann in kleinen Gruppen von zwei bis zu acht Maschinen in Höhen zwischen 1000 und 1500 Metern und hielten Ausschau nach Zielen. In einigen Fällen wurden die Jägerkräfte von der 8. Air Force ausschließlich für weiträumige Tiefflüge und -angriffe eingesetzt, so zum Beispiel am 29. und 31. Mai 1944.

    Im Sommer 1944 war die Tieffliegergefahr so allgegenwärtig, daß praktisch jeder große Rückflug von US-Bomberverbänden aus Mitteldeutschland von Tiefangriffen längs der Rückflugroute begleitet war. Ostwärts einer Linie, die etwa 50 Kilometer parallel zum Rhein verlief, war deshalb Vorsicht auf Straßen und Bahnlinien angebracht, solange im Drahtfunk oder in der stündlichen Luftlagemeldung des Reichsrundfunks Hinweise auf "feindliche Kampfverbände" durchgesagt wurden."

    (Helmut Schnatz, Tiefflieger über Dresden? Legenden und Wirklichkeit, Köln u.a. 2000, S. 70-72.)


    Helene Mierisch schildert unter dem 4. März 1945 sehr ausführlich, wie bei einer kirchlichen Konfirmation ständig die Luftlage

    für die anwesende Gemeinde abgefragt werden mußte. Um zu wissen, ob jemand wegen der Gefahr schnell nach Hause gehen sollte

    oder ob ein für den Luftschutz dienstverpflichteter Mensch sich für Löschmaßnahmen oder ähnliches wappnen mußte:



    Und jetzt folgt die Prozedur der ständig wechselnden Luftlageberichte für die Kirchengemeinde, inklusive drohender Tieffliegerangriffe.

    An der Neckartalsperre gab es sogar einen "täglichen Tiefflieger", der fast schon "routinemäßig" angriff:


    "Der eine Pfarrer amtierte am Altar, der andere pendelte laufend zum Radio in die Sakristei und meldete ihm schriftlich die jeweilige "Luftlage". -

    Als ein Kind gerade eingesegnet wurde mit dem Spruch: "Sei getreu bis in den Tod", mußte der Pfarrer unterbrechen und nach einem Blick auf den gereichten Zettel zur Gemeinde sagen:

    "Kampfverbände z. Zt. Bodenseegebiet." Also es konnte weitergehen. Dann hörten wir wieder: "Ich bin bei Dir alle Tage" -, sich unterbrechend:

    "Einzelne Jagdflieger im Angriff auf unseren Raum." -

    Selig sind, die da Leid tragen" - , "das Lied der Gemeinde fällt aus." Die Sprüche wurden immer kürzer, immer mehr Angehörige verließen die Feier, aber der "Posaunenchor" intonierte furchtlos noch das Gelernte. Einst füllten seine Töne in voller Stärke jubelnd den Raum, heute gaben drei Buben, 11-14 Jahre alt, in einer geradezu erschütternd guten Haltung und Treue wenigstens eine Andeutung vom schönen Einst. Im Schutz der Häusermauern strebte alles eiligst und möglichst einzeln heim in die Keller.

    [...]

    Auf der Neckartalsperre hatte der tägliche Tiefflieger den Ausfall des 17-Uhr-Zuges zur Folge; der D-Zug um 23 Uhr auf der Hauptstrecke hatte dasselbe Schicksal, weil der Bruchsaler Bahnhof anscheinend noch nicht wieder betriebsfähig war.

    Irgendwie rutschten sie doch einmal durch, brauchten aber zwei Tage statt sonst 3 bis 4 Stunden bis Göppingen. Inzwischen hatte die Stadt auch ihren Denkzettel abbekommen: 719 Häuser erledigt, 239 Tote, 30 Vermißte bis jetzt, von den Verletzten ganz zu schweigen. Und das alles in 1 1/2 Minuten von 26 Flugzeugen!


    Wir haben auch Bahnhofflak bekommen; das Gebelfer geht den ganzen Tag. Die feindlichen Flieger schwirren zum Greifen nahe über unsere Dächer, und in den Lazaretten liegen massenhaft unsere Untransportfähigen!"


    (Helene Mierisch, Ärzte, Schwestern und Soldaten. Erlebtes aus zwei Weltkriegen, Biberach/Riß 1957, S. 353-354.)


    Jetzt möchte ich noch einmal aus einer wissenschaftlich begründeten Veröffentlichung zitieren. In dem bekannten Sammelband "Kriegsverbrechen in Europa und im Nahen Osten im 20. Jahrhundert" hat auch der oben genannte Helmut Schnatz einen Aufsatz verfaßt. Er wiederholt darin im wesentlichen seine Darstellung aus dem Buch "Tiefflieger über Dresden?"


    Interessanter für das Thema hier ist der Beitrag von Edgar Dehler "Alliierte Bordwaffenangriffe auf deutsche Zivilisten".

    Dehler geht dabei auch auf die Frage ein, ob die Tieffliegerangriffe auf Zivilisten und Rot-Kreuz-Einrichtungen in Deutschland "von oben"

    befohlen waren oder im eigenen Ermessen der alliierten Jagdpiloten lagen:


    Quote

    "Alliierte Bordwaffenangriffe auf deutsche Zivilisten


    Die Frage, ob die während des Zweiten Weltkriegs häufigen gezielten Angriffe mit Bordwaffen auf Zivilpersonen und andere bewegliche Ziele eindeutig zivilen Charakters, ferner auch auf durch das Rote Kreuz gekennzeichnete Sanitätsfahrzeuge auf Befehl erfolgte oder ob die erteilten Befehle es in das eigene Ermessen der Piloten stellten, sich das Recht zu solchen Übergriffen zu nehmen, ist nur schwer zu beantworten.

    In den letzten Kriegsmonaten nahm die Häufigkeit der alliierten Angriffe auf Zivilisten allerdings in solchem Ausmaß zu, dass zu vermuten ist, sie seien von den Befehlshabern zumindest stillschweigend geduldet worden."

    (Edgar Dehler, Alliierte Bordwaffenangriffe auf deutsche Zivilisten, in: Franz W. Seidler (Hrsg.), Alfred M. de Zayas (Hrsg.), Kriegsverbrechen in Europa und im Nahen Osten im 20. Jahrhundert, Hamburg, Berlin u.a. 2002, S. 104-109, hier S. 105.)

    Dann nennt Dehler noch ein Zitat von John Colville (Churchills Privatsekretär), den ich auch schon zitiert hatte.

    Was Dehler bei ihm gefunden hat, nämlich eine Anordnung oder Billigung Churchills, bis kurz vor Kriegsende die britischen Jagdflieger deutsche Einzelpersonen angreifen zu lassen, konnte ich allerdings quellenmäßig noch nicht nachvollziehen:


    Quote

    "Es gibt aber auch Zeugnisse dafür, dass die militärischen Befehlshaber dieses Geschehen bewusst ausgelöst haben. Churchills Privatsekretär John Colville bestätigt, Churchill habe die britischen Jagdflieger noch Angriffe auf Einzelpersonen machen lassen, als der Krieg vor seinem Ende stand.

    Die amerikanischen Luftstreitkräfte schlossen sich dem Vorgehen der Royal Air Force an und wirkten zum Beispiel an der zweitägigen Operation Clarion mit, in der unter Einsatz von 9.000 Flugzeugen vom 22. bis 23. 2. 1945 die aus niedrigen Höhen vorzunehmende Bombardierung von Kleinstädten und Dörfern, die kaum verteidigt waren, befohlen wurde. Sie umfasste Angriffe auf Straßenkreuzungen, Brücken, Bahnanlagen, fahrende Züge, Motorfahrzeuge, Schiffe usw. und verfolgte das Ziel, das deutsche Verkehrs- und Fernmeldenetz lahmzulegen."


    Edgar Dehler, Alliierte Bordwaffenangriffe auf deutsche Zivilisten, in: Franz W. Seidler (Hrsg.), Alfred M. de Zayas (Hrsg.), Kriegsverbrechen in Europa und im Nahen Osten im 20. Jahrhundert, Hamburg, Berlin u.a. 2002, S. 104-109, hier S. 105.

    Anschließend bringt Dehler noch ein Zitat des bekannten US-Jagdfliegers Chuck Yeager (später General), der in seiner Autobiographie von bewußt befohlenen Tieffliegerangriffen berichtet:


    "Gräueltaten wurden auf beiden Seiten begangen. In diesem Herbst (1944) erhielt unser Jagdgeschwader einen Befehl der 8. Luftflotte für einen maximalen Einsatz. Unseren 75 Mustangs wurde ein Bereich von 50 auf 75 Quadratmeilen innerhalb Deutschlands zugeteilt und der Befehl gegeben, auf alles zu schießen, was sich bewegt.

    Die Absicht war, die deutsche Bevölkerung zu demoralisieren. Niemand fragte uns um unsere Meinung, ob wir wirklich die Überlebenden demoralisieren oder sie vielleicht in solchen Zorn versetzten, dass sie sich danach maximal für den Krieg der Nazis einsetzen würden. Wir wurden nicht gefragt, wie wir uns fühlten, Menschen abzuknallen. Es war eine elende, schmutzige Angelegenheit, aber wir sind alle pünktlich gestartet und taten es. Niemand kam auf den Gedanken, sich zu weigern mitzumachen."


    Bei Wikipedia (Deutschland) ist diese Äußerung Yeagers ebenfalls verzeichnet:


    Quote

    In seiner Autobiografie beschreibt Yeager, dass er einen Befehl zum Beschuss von "allem, was sich bewegte" („strafe anything that moved“) in einem festgelegten Gebiet auf deutschem Boden erhielt. Ziel dieser Tieffliegerangriffe sei die Demoralisierung der Bevölkerung gewesen. Yeager schrieb, dass er beim Briefing seinem Nachbarn sagte, dass es besser sei, auf der Siegerseite zu stehen, wenn er an diesen Einsätzen teilnehme.[1]


    https://de.wikipedia.org/wiki/Chuck_Yeager


    Auf der englischen Wikipedia-Seite ist das ganze ausführlicher dargestellt, wie bei Edgar Dehler zitiert, der feststellt:


    "Diese Äußerung eines hochdekorierten Jagdfliegers lässt moralische Skrupel erkennen, die dem Hauptinitiator des Luftkriegs, dem britischen Premierminister Winston Churchill, vollkommen fremd geblieben sind."


    Ganz zum Schluß seiner Zusammenfassung nennt Dehler noch die Typen der alliierten Jagdmaschinen, mit denen der größte Teil des deutschen Reichsgebiets überflogen und angegriffen werden konnte:


    Quote

    "Nach der allgemeinen Situation der Jahre 1944/45 lässt sich feststellen, dass die angreifenden Flugzeuge zu den einmotorigen Typen Mustang und Thunderbolt oder den zweimotorigen Mosquitos und Lightnings gehörten, deren großer Aktionsradius das gesamte deutsche Reichsgebiet erfasste.

    Wie im Folgenden für eine Reihe einzelner Fälle gezeigt werden soll, sind bei den Angriffen auf Bahnanlagen auch winzige Nebenbahnstrecken häufig als Ziele ausgewählt worden, und die Schüsse auf Einzelpersonen sind bis in die letzten Kriegstage hinein bezeugt, wie die Todesfälle durch Eintragungen in den Kirchenbüchern der zuständigen Pfarrgemeinden ausweisen. [...]"


    (Edgar Dehler, Alliierte Bordwaffenangriffe auf deutsche Zivilisten, in: Franz W. Seidler (Hrsg.), Alfred M. de Zayas (Hrsg.), Kriegsverbrechen in Europa und im Nahen Osten im 20. Jahrhundert, Hamburg, Berlin u.a. 2002, S. 104-109, hier S. 107.)


    Interessant ist vielleicht noch der Hinweis, daß Theodor Seidel in seinem Buch "Kriegsverbrechen in Sachsen" geschrieben hat,

    daß selbst die Anwesenheit einzelner Soldaten in zivilen Personenzügen völkerrechtlich keinen Luftangriff erlaubt habe.

    Denn sonst würde es nirgendwo Schutz für Zivilisten geben, wenn sich rein zufällig einzelne Militärangehörige in ihrer Nähe aufhalten.


    In einem Buch zur US-amerikanischen Luftkriegsgeschichte bin ich auf den Auszug aus einer Einheitsgeschichte gestoßen, wo diese Unterscheidung Zivil/Militär in der ersten Phase der alliierten Tieffliegerangriffe auf deutsche Züge noch eine Rolle spielte. Das kann ich vielleicht ein anderes Mal noch ergänzen.


    Grüße

    Bodo

    Hallo zusammen,


    in der Dissertation von Sebastian Stopper an der Humboldt-Uni in Berlin geht der Autor auch sehr ausführlich

    auf das unfassbare Kriegsverbrechen in Chosum ein, dort heißt das Dorf aber Chacun'.


    Gleich in der Einleitung zitiert Stopper russische Augenzeugenberichte zu den Ereignissen:



    Eigentlich war ich ganz froh, dass mit Marc Bartuschka ein ausgewiesener Experte für den Partisanenkrieg im Forum aktiv ist.

    Von Krisztián Ungváry, der auch einmal hier Beiträge verfasst hat und dessen Bücher ich mit großem Interesse rezipiert hatte, habe ich schon länger nichts mehr gelesen.


    Was ich allerdings bislang vermisse, gerade auch bei der Darstellung des Bundesarchivs, sind die völkerrechtlichen Rahmenbedingungen im Partisanenkrieg sowie den Hinweis auf den Ausnahmecharakter dieses Kriegsverbrechens (unterschiedslose massenhafte Ermordung von kleinen Kindern) durch die Wehrmacht im Brjansker Gebiet.


    In derselben Akte werden auch andere Vorgänge erwähnt, z. B. um den 20.11.1941 waren es Soldaten des AR 156 (mit Unterstützung 1./Pi 156, zwei Flak und Soldaten der 14./IR 192), die insgesamt 21 Personen wegen (angeblicher oder tatsächlicher) Unterstützung von Partisanengruppen umbrachten (darunter auch mehrere Kinder, drei Ehefrauen von Verdächtigen bzw. die Mutter eines der Verdächtigen). Ort der Erscahießungen war "Shurinitschi" (falls das KTB das korrekt transkribierte).


    Sebastian Stopper geht in seiner Arbeit auch auf die Ereignisse in Žuriniči ein, wo die zu Vergeltungsmaßnahmen für fünf ermordete deutsche Soldaten eingerückte Wehrmachtstruppe ganz anders als im Fall Chosum vorging, hier nach russischen Augenzeugen geschildert:



    Zusammenfassend schreibt Stopper zu den Vorgängen in Žuriniči im Vergleich zum Massaker von Chosum:


    "Insgesamt wurden 21 Personen hingerichtet.

    Ein ehemaliger Kolchosvorsteher war ebenfalls von den Dorfbewohnern verdächtigt worden,

    wurde jedoch durch für die Deutschen arbeitende Informanten entlastet. Er kam mit einer eindringlichen Verwarnung davon.

    Auch die Bevölkerung wurde nochmals ermahnt und man verteilte Flugblätter.


    Nachdem vertrauenswürdige Personen des Ortes registriert worden waren

    und ein neuer Bürgermeister bestimmt werden konnte, zogen die Landser wieder ab.

    Die aufgegriffenen Ortsfremden wurden anschließend einer Gefangenensammelstelle überantwortet.


    Obwohl auf den ersten Blick alle notwendigen Voraussetzungen gegeben scheinen,

    war die Situation nicht eskaliert und es hatte kein Massaker stattgefunden bzw. wurde dieses auf die

    Familien der durch die Dorfgemeinschaft als schuldig Identifizierten beschränkt. Wenn dies

    einerseits der Besonnenheit des vor Ort eingesetzten Offiziers zu verdanken war, so mag auch die

    Tatsache, dass die zwei getöteten deutschen Soldaten keine engeren Kameraden aus dem Artillerie-

    Regiment 156 gewesen waren, eine gewisse Rolle dabei gespielt haben, dass keine Emotionen die

    Durchführung der „Vergeltungsmaßnahme“ zu einem blutrauschartigen Racheakt wie in Chacun'

    werden ließen."

    (Sebastian Stopper, Das Brjansker Gebiet unter der Besatzungsherrschaft der Wehrmacht 1941 bis 1943, S. 164.)

    Link:

    https://edoc.hu-berlin.de/bits…df?sequence=1&isAllowed=y



    In der Akte findet sich neben dem oben zitierten Bericht zu der Massenerschießung am 25.10. auch der Eintrag im KTB vom 26.10.1941, bereffs eines Fernspruchs an die Infanterie- und das Art. Rgt., in dem es unter anderem heißt:

    "Div.Kdr. ist mit dieser Maßnahme durchaus einverstanden. In Zukunft ist in ähnlichen Fällen ebenso zu verfahren. Befehl hierzu kann schon der Btl.-Kdr. erteilen."


    Vielleicht kennt Marc die Arbeit von Stopper nicht genau, aber sehr aufschlussreich ist übrigens der Hintergrund der sehr kurzfristig als Sicherungsverband eingesetzten 56. Infanteriedivision. Diese hatte während der harten Vormarschkämpfe im Sommer und Herbst bereits 5500 Soldaten verloren und galt als "nicht mehr voll einsatzfähig". Immer wieder fielen einzelne Soldaten sowjetischen Überfällen aus dem Hinterhalt zum Opfer.

    Ihr Kommandeur von Oven war überdies ein außerordentlich rücksichtsloser General, der bedingunslosen Gehorsam verlangte. Schon vor dem Massaker in Chosum hatte er einen deutschen Soldaten für das bloße Ohrfeigen eines Unteroffiziers zum "Tod durch Erschießen" verurteilt:


    "Der 1888 geborene Kommandeur der 56. Infanterie-Division Karl von Oven war als dekorierter

    Veteran des Ersten Weltkrieges der Meinung, dass hier scharf eingeschritten werden müsse.

    [...]

    Dies war keine leere Drohung: weil ein deutscher

    Mannschaftsdienstgrad im Streit einen Unteroffizier ohrfeigte, hatte von Oven

    über den deutschen Soldaten die Todesstrafe verfügt und als Exempel auch tatsächlich vollstrecken lassen.


    Die Führung der 56. Infanterie-Division zeigte sich äußerst hart sowohl gegenüber Verfehlungen eigener

    Soldaten, als auch gegenüber Widersetzlichkeiten aus der Zivilbevölkerung. Exempel wurden

    statuiert und auf Abschreckung gesetzt.

    Dieser schon sehr strapazierte Verband wurde nun durch den ihm übertragenen Auftrag der

    Sicherung des Brjansker Gebietes eindeutig überfordert.

    Die zwei Infanterie-Regimenter 192 un d234 der Division sowie Artillerie-Regiment 156,

    Panzer-Jäger -Abteilung 156 und Aufklärungs-Abteilung 156 mussten wie andere zeitweise unterstellte Verbände

    zerrissen und mit Schwerpunkten in Brjansk und Karačev über das ganze überantwortete Brjansker Gebiet verteilt

    werden."

    (Sebastian Stopper, Das Brjansker Gebiet unter der Besatzungsherrschaft der Wehrmacht 1941 bis 1943, S. 151.)



    Zum Schluss vielleicht noch ein Hinweis auf die Verluste eines unterstellten Verbandes der 56. ID

    im Kampf mit sowjetischen Partisanengruppen. Ein Nachrichtenregiment verlor dabei in vier Tagen 100 Soldaten:



    Die ganze Gemengelage - eine erschöpfte, ausgeblutete Truppe, Partisanenangriffe aus dem Hinterhalt, ein rücksichtsloser Kommandeur, Flüsternachrichten über SS-Massenerschießungen von Juden und Verständigungsprobleme mit der Zivilbevölkerung durch fehlende Dolmetscher - kann in keiner Weise eine Entschuldigung für dieses Kriegsverbrechen in Chosum sein.

    Sie zeigt aber (nach meiner Meinung) wie solch ein Massaker an unschuldigen Frauen und Kindern durch eine reguläre Artillerieeinheit der Wehrmacht überhaupt möglich wurde. Diese Hintergründe lässt die Darstellung des Bundesarchivs leider ausgeblendet.


    Grüße

    Bodo

    Hallo Wirbelwind und Chattius,


    Danke für eure Beiträge, sehr interessante Aspekte, besonders über Chattius' Großvater im I. Weltkriegs-Soldatenmantel.


    Mein Grossvater sagte er sei vom Eisernen Heinrich beschossen worden als er Kindersärge nach einer Epidemie zu einer Sammelstelle brachte. Sein Pferd scheute und der Wagen kippte um. Der Pilot hat dann die offenen Särge gesehen und ist abgedreht. Mein Opa sagte: Alter Weltkriegs 1 Mantel, selbstgezimmerte Särge die wie Munitionskisten aussahen, konnte dem Piloten keine Absicht vorwerfen.

    Die offenen Särge könnten eine Erklärung sein, vielleicht hatte der Pilot aber auch Angst vor "friendly fire"? Könnte er den Mann im altmodischen Militärmantel womöglich für einen alliierten Kriegsgefangenen gehalten haben? Der mit dem Leichentransport beauftragt war?

    Ich habe schon mehrmals gelesen, daß angloamerikanische Kampfflieger eigene Kriegsgefangene zu Fuß oder im Zugtransport beschossen und nicht selten auch getötet haben.

    Neulich erst in der Forschungsarbeit von Theodor Seidel (Kriegsverbrechen in Sachsen. Die vergessenen Toten von April /Mai 1945, Leipzig (4. Auflage) 2016) konnte man ja allein in Westsachsen von fünf getöteten französischen Kriegsgefangenen lesen:


    Seidel weist auch hier an Hand von Zeugenaussagen und den Kirchenbüchern Sachsens
    für den Zeitraum vom 1. bis 25. April 1945 nach, dass es mindestens vierundzwanzig gezielte Angriffe
    auf Einzelpersonen sowie neun auf Busse und Personenzüge gegeben hat. Viele konnten unverletzt entkommen,
    unter den insgesamt knapp 100 recherchierten Toten in Westsachsen waren neben Frauen und Kindern auch 5 französische Kriegsgefangene."

    http://gedenkbibliothek.de/dow…3._erw._Ausgabe_2013_.pdf


    Wo wir gerade beim Thema der zivilen Opfer sind, möchte ich noch aus dem Tagebuch der Krankenschwester Helene Mierisch zitieren.

    Dort geht es an einer Stelle auch um den tragischen Tod eines betagten Großvaters (Selbstbezeichnung "Mummelgreis") durch einen US-Tieffliegerangriff auf eine Fläche mit Gartengrundstücken (kriegswichtige Produktion?).

    Zitat des späteren Opfers:

    ""Lächerlicher Kram", brummelte der Alte, "bin ich alter Mummelgreis vielleicht noch kriegswichtig, he?""

    Am selben Tag gab es im Bereich der Privatgärten zahlreiche weitere Opfer, wie sich später abends herausstellte.


    Helene Mierisch leistete im Krieg jahrelang freiwilligen Lazarettdienst und hat auch die Folgen der alliierten Tieffliegerangriffe ausführlich geschildert. Schon im I. Weltkrieg war sie als Kriegskrankenschwester an der West- und Ostfront eingesetzt und hatte darüber ein bekanntes Buch "Kamerad Schwester 1914-1918" veröffentlicht. Einige verwundete Soldaten sprachen sie darauf an, gelegentlich gab es sogar ein trauriges Wiedersehen mit bereits im I. Weltkrieg verwundeten älteren Heeressoldaten.


    Zum Lebenslauf von Helene Mierisch findet man unter dem Rot-Kreuz-Museum Beierfeld recht ausführliche Informationen.

    Im Anhang unten ein Foto des Buchtitels als Exponat des Monats im RK-Museum.

    Link:

    http://www.drk-beierfeld.de/ex…at_des_monats_august.html


    Im März 1945 befand sie sich im Südwesten Deutschlands in einem Lazarett für Schwerverwundete im Raum Mannheim-Ludwigshafen.


    Quote

    "21. 3. 1945.

    Die Luftnot wird immer beängstigender in der "Einzeljagd". In keiner Straßenbahn ist man mehr sicher davor, sogar unser "hochstrategisches" Bimmelbähnchen nach Weinheim hatte am Sonntag Tote. Zum Lazarett laufe ich daher lieber die halbe Stunde durch die feldmäßig angelegten Gärten.

    Die Bauern können nur nachts arbeiten, sogar Mondschein ist sehr unbeliebt. Aber auch da gibt es Schocks, seit unverantwortliche Kommandos den Sieg noch retten wollen, indem sie "zum Abschrecken" für Deserteure an den Stadtzugängen erschossene Soldaten an Bäume aufhingen."

    (Helene Mierisch, Ärzte, Schwestern und Soldaten. Erlebtes aus zwei Weltkriegen, Biberach/Riß, S. 354-355.)


    Auf dem Weg zum Lazarett begegnete sie dem alten Großvater, der bei der Gartenarbeit war, und sie hat darüber geschrieben:


    "Heute früh zogen nur zwei silberschimmernde Jabos ruhige Schleifen über den Gärten.

    Ich setzte aber doch vorsichtshalber die weiße Haube ab, zog den blauen Mantel über,

    obwohl er mir viel zu warm wurde und pirschte mich so von Baum zu Baum meinem Arbeitsziel zu;

    denn schließlich wartete man ja dort.


    Ein alter, weißhaariger Großvater ließ sich dagegen im Bodenumgraben nicht stören, im Gegenteil, ihn belustigte meine Vorsicht, wegen eines Jabos unter einem Baum Wurzeln zu schlagen, offenbar sehr.

    "Sie hawwe wohl Aengscht?", rief er mich foppend an. -


    "Wenn ich die hätte, würde ich zu Hause geblieben sein", lachte ich zurück, "aber was nützt dem Lazarett eine tote Schwester? Doch ich würde Ihnen dringend raten, erst dann weiter umzugraben, wenn die Jabos abgebraust sind." -


    "Lächerlicher Kram", brummelte der Alte, "bin ich alter Mummelgreis vielleicht noch kriegswichtig, he?"


    Als ich nachmittags denselben Weg müde und abgespannt heimwärts ging, zogen ein paar alte, ebenso müde Männer

    vor mir einen Karren her, von dem so merkwürdige Stiefel an steifen Beinen unter Säcken hervorschauten.

    Und an der Gartenecke, wo der Großvater morgens noch seinen Scherz mit mir getrieben hatte, hielten sie an.

    Die Beete waren fast fertig, die erste Saat aber war der von oben abgeknallte alte Mann.


    Auf dem Karren lag bereits die weitere Beute der Jabo-Treibjagd vom halben Tag.

    "Noch lange nicht alle", sagten ungefragt die Männer, steckten die neue Last unter die Säcke und zockelten weiter.

    Die Achtung vor dem Menschenleben, die Liebe überhaupt, scheint gestorben zu sein.


    22. 3. 1945.

    Welch' ein Glück haben die Patienten unserer Abteilung, daß sie jetzt gerade der alteingewohnte Oberarzt O. führt,

    mit seiner klassischen Ruhe, Zuverlässigkeit und bei aller Inanspruchnahme doch gütigem Herzen.

    Chirurgische und menschliche Belastungen ohnegleichen bürdet die Gesamtlage jetzt den Ärzten auf,

    daß man kaum noch weiß, wann sie überhaupt einmal zum Schlafen kommen."


    (Helene Mierisch, Ärzte, Schwestern und Soldaten. Erlebtes aus zwei Weltkriegen, Biberach/Riß, S. 354-355.)


    Soviel an dieser Stelle vielleicht über die persönlichen Erfahrungen einer seit langem mit den Schrecken des Krieges vertrauten Krankenschwester im sogenannten "Heimatkriegsgebiet".


    Gruß

    Bodo

    Moin Jürgen,

    das sind ja schlimme Erfahrungen, die Du mit den Besatzungstruppen gemacht hast. Der Vater eines meiner Klassenkameraden war als BW-Standortkommandant lange mit US-Truppen in einer Kaserne und hat damals (Mitte der 1980er Jahre) auch kein gutes Haar an ihnen gelassen. Er meinte, im Vergleich mit der Bundeswehr seien das überhaupt keine brauchbaren Soldaten. Nur die US-Spezialeinheiten wären im Verteidigungsfall wirklich einsatzbereit gewesen. Inzwischen hat die BW ja wohl auch weitgehend "abgerüstet", wenn man die Presseberichte über vielfältige Mängel verfolgt.


    Moin Bodo,


    die Briten waren genauso wenig "ritterlich" wie alle anderen Alliierten. Wie man oben offiziell nachlesen kann, waren das - ich sags jetzt einfach so - "die letzten Drecksäcke"! Sie wollten und konnten mit den von ihnen selbst aufgestellten Regeln mit uns machen, was sie wollten. Und das taten sie ja auch zur Genüge ...

    Und den Amis in Deinem Beispiel kam doch jeder, noch so absurde (da nicht im voraus beweisbarer) Verdacht gerade recht, um mit ihren deutschen Opfern umgehen zu können, wie es ihnen beliebte.

    Ja, das wiederholt völkerrechtswidrige Verhalten britischer Soldaten kann ich nach meiner Kenntnis zeitgenössischer Berichte bestätigen.

    Als mein Vater einige Tage nach dem 8. Mai 1945 in Neustadt/Holstein mit anderen Soldaten an Land ging, warteten bereits britische Infanteristen darauf, den Deutschen die Armbanduhren gewaltsam abzunehmen.


    Das erlebten auch deutsche Zivilisten beim Einmarsch der Briten in Hamburg. Richard Tüngel, Mitbegründer und Chefredakteur der Wochenzeitung Die Zeit (damals noch ein sehr angesehenes Blatt), wartete an der Straße mit einem Freund (der von den Nazis verfolgt worden war) auf die Ankunft der Briten und mußte als erstes die Armbanduhr aushändigen (wahrscheinlich in britischen Augen gefährliches kriegsverwendbares Gut):


    "So war es also. Da war ich vierzehn Tage vorher aus Berlin mit Müh und Not vor den Russen geflüchtet und freute mich auf eine gute Zusammenarbeit mit unseren demokratischen Siegern, und dies war die erste Begegnung. Robert und ich setzten uns in sein Wohnzimmer, entkorkten die letzte Flasche französischen Kognak, mit der wir eigentlich unsere Befreier hatten begrüßen wollen, und sahen uns ziemlich verzweifelt an.

    Er war von den Nazis ins Zuchthaus geworfen und später in ein Arbeitslager gesteckt worden; mich hatten sie 1933 von meinem Posten beim Hamburger Staat davongejagt, und ich hatte in Berlin ein ziemlich verwegenes Leben führen müssen.


    Unsere Enttäuschung war eine heilsame Vorbereitung für vieles, das in den nächsten Jahren kommen sollte. [...]"


    (Richard Tüngel, Hans Rudolf Berndorff, Auf dem Bauche sollst du kriechen. Deutschland unter den Besatzungsmächten, Hamburg 1958, S. 9.)

    Link zum sehr interessanten Buch, das 2004 als "Stunde Null" neu veröffentlicht wurde:

    Auf dem Bauche sollst du kriechen. Deutschland unter den Besatzungsmächten


    "Auf dem Bauche sollst du kriechen" ist glaube ich ein Zitat aus der Bibel.

    Unter dem Thread über "US-Tieffliegerangriffe" hatte ich eine Notiz von Churchills Privatsekretär John Colville zitiert, wonach Feldmarschall Montgomery seinem Stab sogar allgemeine "Beutezüge" im verbündeten Frankreich erlaubt hatte.


    Der spätere Brigadegeneral Leopold Oliver Russell war u.a. deswegen (aber auch wegen unnötiger Bombenangriffe auf französischer Städte) aus Montgomerys Stab zurückgetreten. Und weil Montgomery (Zitat) "im Inneren "ein Faschist" sei":


    "Dienstag, 3. Oktober [1944]

    Der zäher werdende Widerstand der Deutschen wirkt dämpfend auf alle vorschnellen Erwartungen und hat unvermeidlicherweise Einfluß auf unsere weitere Strategie.


    Beim Dinner mit Lady Ampthill waren Guy, Leo und Phyllis Russell anwesend. Leo erzählte mir, er sei aus Montgomerys Stab in Frankreich ausgetreten,

    a) weil er nicht mit der Bombardierung französischer Städte einverstanden war, die vom militärischen Standpunkt aus zum großen Teil unnütz gewesen sei,

    b) weil Monty seinem Stab erlaubt habe, Beute zu machen, und Leos Proteste dagegen zurückwies, und

    c) weil Monty im Inneren "ein Faschist" sei."


    (John Colville, Downing Street Tagebücher 1939-1945, Berlin 1988, S. 374.)


    Beste Grüße

    Bodo

    Hallo zusammen,


    um noch einmal einen Nachtrag zur neulich angesprochenen Doktorarbeit von Klaus Jochen Arnold (Untertitel "Kriegführung und Radikalisierung im Unternehmen Barbarossa") anzubringen; es passt gerade so gut zu Arnds Lektüre:

    Ich lese zur Zeit

    Kalkulierte Morde von Christian Gerlach

    Ca.1200 Seiten anstrengend zu lesen!

    Bin noch am Anfang !


    Warum wurde Arnold in Rezensionen von Kühne, Dieckmann, Pohl und Gerlach angegriffen, aber von Peter Hoeres viel und Christian Hartmann teilweise gelobt?


    Hoeres hat das aus dem Forschungshauptstrom Hervorragende an Arnolds Arbeit in seiner Rezension klar benannt:


    "Dies liegt zum einen an der äußerst umfangreichen Auswertung der Quellen, vornehmlich aus dem Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg. Zum anderen an der mit großer Sorgfalt betriebenen Quellenkritik und an dem multifaktoriellen Zugriff auf das Thema.

    Damit überwindet Arnold die in der Forschung zu Recht beklagte perspektivische Verengung auf die Wehrmacht im „Unternehmen Barbarossa“. Anders ausgedrückt, Arnold gibt dem Feldzug gegen die Sowjetunion den Charakter eines sich reziprok brutalisierenden und radikalisierenden Krieges zurück."

    https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-5647


    Am Beispiel Christian Gerlachs läßt sich zeigen, welche wunden Punkte Arnold in seiner eingehenden Quellenanalyse getroffen hatte.

    Gerlach hat zu Arnolds Buch geschrieben:


    Gerlachs letztgenannter Kritikpunkt, das Fehlen sowjetischer Sekundärliteratur, hat wohl den Grund der oftmals geringen Verlässlichkeit.

    Das hat z.B. Bernd Bonwetsch, der Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Instituts Moskau, nach der erstmaligen Öffnung der russischen Archive hervorgehoben:


    "Wenn in der gegenwärtigen Geschichtsdebatte der Sowjetunion wie überhaupt im öffentlichen Bewußtsein der Krieg eine große Rolle spielt, so ist das kein Wunder. Viele derjenigen, die sich an dieser Debatte beteiligen, sind Kriegsteilnehmer. Sie sind immer noch auf der Suche nach 'ihrem' Krieg.


    Derjenige die die Historiker "erschrieben" haben, habe mit demjenigen, an dem er teilgenommen habe, wie der Schriftsteller Viktor Astaf'ev es formulierte, "nicht das geringste zu tun".

    Das rührt vor allem von der sattsam bekannten Praxis der "Beschönigung" (priukrasivanie) her, die die sowjetische Geschichtswissenschaft alles aus den Darstellungen hat entfernen lassen, was einen Schatten auf die Sowjetvergangenheit hätte werfen können. [...] Jeglicher Realismus war aus der dargestellten Realität verbannt worden."


    Bernd Bonwetsch, Der "Große Vaterländische Krieg" und seine Geschichte, In: Dietrich Geyer (Hrsg.), Die Umwertung der sowjetischen Geschichte, Göttingen 1991, S. 167 f.


    Ein Beispiel für einen strittigen Punkt in Gerlachs Buch sind die Opfer des Partisanenkrieges im Jahr 1941.

    Hoeres hat dazu geschrieben:

    Quote

    [2] Arnold wagt für den Partisanenkrieg im mittleren Bereich der Ostfront den Versuch einer Quantifizierung (zwischen Juni 1941 und Mai 1942 3.248 Verluste auf deutscher Seite und 17-23.000 getötete Partisanen oder Rotarmisten, zwischen Juni 1942 und Juni 1944 25.130 deutsche Verluste und 77.191 auf sowjetischer Seite). Weitere Quantifizierungen werden Aufgabe für die Zukunft sein.

    https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-5647

    Arnold widerlegt damit Gerlachs Behauptung, alle gefangenen Partisanen seien von der Wehrmacht erschossen worden.

    Wobei sich Gerlach in seinem Buch später selbst widerspricht, wenn er von 63.000 gefangenen Partisanen die Zahl von 23.000 als in Gefangenenlager eingebrachte nennt:


    "So Gerlach, S. 875 f. und 879. Er behauptet, daß sich deren Tod "aus anderen Quellen ergebe" und meint, daß nur entflohene und wiederaufgegriffene Gefangene nicht "generell" umgebracht worden seien. Belege werden nicht angeführt. Auf S. 879 widerspricht er eigenen Thesen, indem er anführt, daß sich unter den zuvor als Todesliste interpretierten Zahlen Zehntausende befanden, die an Dulags [Durchgangslager] abgegeben worden seien. Er führt deshalb "nur" 40 000 aus dieser Zahl (63 000) als Erschossene an. [...]"

    (Klaus Jochen Arnold, Die Wehrmacht und die Besatzungspolitik in den besetzten Gebieten der Sowjetunion. Kriegführung und Radikalisierung im „Unternehmen Barbarossa“, Berlin 2005, S. 475, Anmerkung 371.)


    Interessant ist Gerlachs Behauptung, die Wehrmacht hätte eine Verschwörung inszeniert, indem sie Erschossene nur als Gefangene ausgewiesen habe. Das knüpft an die Darstellung des am Ende abgesetzten Leiters der 1. Wehrmachtsausstellung (an der Gerlach prominent beteiligt war) Hannes Heer ("Verwischung der Spuren") an, den dieser in der Rezension als "einschlägigen Autor" empfiehlt.


    Dabei ist Heer mehrfach der Geschichtsfälschung überführt worden, z.B. hier

    "Um die angebliche Gesamtschuld der Wehrmacht zu belegen, fälschte Reemtsmas Mitarbeiter Heer die Geschichte des Massenmordes im Ghetto von Nieswicz...

    In seinem parallel zur Ausstellung erschienenen Buch „Vernichtungskrieg“ geht Heer bei seiner Fälschung ins Detail."

    https://www.focus.de/politik/d…ustration_aid_163935.html


    oder hier dargestellt von Roman Töppel: Wehrmacht in der NS-Diktatur (Rezension):


    Quote

    Wie Peter Lieb in der Nachbemerkung zu seinem Beitrag (303f.) festhält, hat Hannes Heer Stellen im Tagebuch des Kommandeurs des Infanterieregiments 747, Oberst Carl von Andrian, sogar erfunden (!), um zu belegen, dass Andrian über Judenerschießungen im Voraus informiert gewesen sei. So etwas bezeichnet man im Allgemeinen als Geschichtsfälschung.

    http://www.sehepunkte.de/2010/07/17107.html

    Weiter schreibt Toeppel:

    "Im Gegensatz zu den holzschnittartigen und einseitigen Aussagen der "Wehrmachtausstellung" und der in ihrem Umfeld entstandenen tendenziösen Veröffentlichungen zeigen die Publikationen des Projekts "Wehrmacht in der NS-Diktatur", dass der Krieg im Osten sehr facettenreich war und dass es "die Wehrmacht" so gar nicht gab. Es handelte sich um ein sehr heterogenes und vielschichtiges Gebilde mit immerhin 18 Millionen Angehörigen, das sich jeder pauschalisierenden Aussage entzieht. Dies gilt nicht nur hinsichtlich ihrer Struktur, ihrer Weltanschauung und ihrer Einsätze, sondern auch ihrer Verbrechen."

    http://www.sehepunkte.de/2010/07/17107.html


    Klaus Jochen Arnold hat mit seiner Dissertation also mehrere "tendenziöse" Veröffentlichungen widerlegt und z.B. auch fehlerhafte Schlussfolgerungen des ebenfalls an der Wehrmachtsausstellung (und der "Überprüfungskommission") beteiligten Christian Streit offengelegt.

    Deshalb ist es auch kein Wunder, dass viele Forscher (wie eben auch Christian Gerlach) Arnold lieber nicht positiv rezipieren wollten.


    Gruß

    Bodo

    * Wagnis und Fügung: Anfänge einer theologischen Biographie
    von Heinz Eduard Tödt


    Hallo Rüdiger,


    das Werk von Heinz Eduard Tödt kenne ich auch, ein sehr interessantes Buch mit sehr vielen Einzelheiten zu seinen Kriegserfahrungen.

    Gerade auch über die schlimmen Kämpfe um den Kessel von Demjansk.


    Ich habe aber noch eine spätere Erfahrung (1944) eines Wehrmachtsoffiziers mit unsicheren Luftwaffen-Felddivisionen gefunden.

    In dem Sammelband "Krieg. Erzählungen aus dem Schweigen. Deutsche Soldaten über den Zweiten Weltkrieg" von Carl Schüddekopf berichtet Heinrich Asmussen aus Flensburg über seinen letzten Einsatz als Kompaniechef, bevor er schwer verwundet wurde.

    Schuld war ein befohlener Gegenstoß, um in die Stellung der LW-Felddision eingebrochene Sowjetkompanien zurückzuschlagen.


    Mit 20 Jahren war Asmussen Reserveoffizier geworden. Sein Einsatz beginnt im November 1943 bei der 30. Infanteriedivision (seine frühere Einheit, der er als einfacher Soldat Jahre angehört hatte) südlich von Staraja Russa. Im Januar/Februar 1944 lag seine Kompanie neben einer Einheit der 21. Luftwaffenfelddivision.


    Der Kompaniechef der benachbarten Luftwaffensoldaten war vorher "Wetterfrosch" (Wetterdienstleiter), der hilflose Zugführer, mit dem Asmussen vor dem russischen Angriff sprechen konnte, 14 Jahre Berufsmusiker in der Militärmusik (Oboe) gewesen.

    War das schon das letzte Aufgebot der 21. Luftwaffen-Felddivision, wenn solche Soldaten an verantwortliche Stellen versetzt wurden?


    Seltsamerweise hatte der unerfahrene LW-Kompanieführer die von Asmussen angebotene Hilfe durch kriegserfahrene Heeressoldaten beim Stellungsbau brüsk abgelehnt.

    Vielleicht wähnte er sich durch die nominelle Feuerkraft seiner Truppe (viele MG) auf der sicheren Seite?


    Zu den Umständen des unqualifizierten Stellungsbaus dieser Nachbareinheit von der Luftwaffe berichtet er weiter:


    "Als ich ankam, sah ich, wie sie gerade ein leichtes Maschinengewehr aufbauten. Ich fragte, "was macht ihr denn hier? Hier habt ihr doch gar kein Schußfeld."

    Einer von denen kam auf mich zu und sagte, "kann ich Sie mal alleine sprechen?"

    Wir gingen also ein gutes Stück zur Seite, und dann sagte er, "ich bin hier der Zugführer, aber ich habe die vierzehn Jahre zuvor die Oboe in der Regimentsmusik geblasen."

    Solche Leute holte man nun an die Front, und auf Grund seines Dienstgrads hatten sie ihm einen Zug angedreht. Er hatte keine Ahnung.

    Ich sagte, "wo ist denn Ihr Kompanieführer, der muß doch nach rechts Verbindung aufnehmen?" - "Ja", sagte er, "das ist ein Oberinspektor von den Wetterfröschen."


    Eine Kompanie unter der Führung eines Wetterfroschs, und vielleicht hatte nicht nur einer der Zugführer die letzten vierzehn Jahre die Oboe geblasen!

    Ich hab gesagt, "ich schick Ihnen paar Obergefreite rüber, alte Hasen, die euch das hier einrichten."


    Die kamen aber zurück, dieser Oberinspektor hatte sie weggeschickt. Es dauerte nur zwei Tage, dann hatte der Russe spitz, wer ihm gegenüberlag, er trommelte ganz kurz auf dieses Stück, und dann schmiß er sie raus."


    (Carl Schüddekopf, Krieg. Erzählungen aus dem Schweigen. Deutsche Soldaten über den Zweiten Weltkrieg, Reinbek 1997, S. 242-245.)


    Asmussens Urteil ist natürlich ziemlich hart, aber er mußte ja auch einen hohen Preis für diese stümperhaften Einsatzbefehle der obersten Führung zahlen. Das wird deutlich, wenn Asmussen die Umstände seiner mehrfachen schweren Verwundung beim Gegenstoß schildert, bei dem die Luftwaffen-Feldsoldaten seine Kompanie erneut im Stich lassen (u.a. als Folgen für ihn selbst: gelähmter Arm, Beinamputation):


    "Wir hatten also die Hauptkampflinie wieder hergestellt, aber die Russen saßen auf beiden Seiten.

    Die Luftwaffe hätte sie rausdrücken sollen, aber es passierte nichts."



    Übrigens steht ja zur Ausgangsfrage auch im Lexikon der Wehrmacht: Die Divisionen wurden bevorzugt mit neuen Waffen und Material ausgestattet und ohne Ausbildung an die Front verlegt. Dort erlitten sie schwere Verluste.

    http://www.lexikon-der-wehrmac…divisionen/Gliederung.htm


    Diese Erfahrung mußte dann leider auch Heinrich Asmussen als direkter Nachbar der 21. Luftwaffen-Felddivision machen.


    Grüße

    Bodo

    Hallo Alexander,


    Rüdiger hat ja schon einiges geschrieben. Ich möchte Dir noch das Buch des Historikers Bogdan Musial empfehlen, "Konterrevolutionäre Elemente sind zu erschießen." Die Brutalisierung des deutsch-sowjetischen Krieges im Sommer 1941.


    Dort werden auch die Inhalte und Wirkungen von Feldpostbriefen zu den sowjetischen Rückzugsverbrechen (wie in dem Brief von Deinem Großvater) beschrieben. Allein im sowjetisch besetzten Ostpolen wurden im Sommer 1941 vor und während des Rückzugs der Roten Armee bis zu 24 000 politische Gefangene ermordet.

    Hier der Link zum Buch bei Amazon:

    https://www.amazon.de/Konterre…volution%C3%A4re+elemente


    Zum Inhalt hier einmal der Umschlagtext des Buches:

    Quote

    Der 22. Juni 1941 ist ein zentrales Datum in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs. An diesem Tag begann der Feldzug der deutschen Wehrmacht gegen die Sowjetunion, der an Brutalität alles Bekannte übertraf. zeitgleich setzte in den eroberten Gebieten die systematische Ausrottung von Juden ein. Die bisherige Forschung konzentrierte sich auf die deutsche Seite dieser Verbrechen. Weitgehend unberücksichtig blieb die Tatsache, dass die Sowjets auf ihrem Rückzug zahlreiche Massenverbrechen begingen, an politischen Gefangenen wie auch an der polnisch-ukrainischen Zivilbevölkerung.


    Bogdan Musial hat die bisher unzugänglichen osteuropäischen Quellen erstmals systematisch erschlossen. Minutiös rekonstruiert er die Ereignisse jener Wochen und weist nach, dass zwischen den vom sowjetischen Geheimdienst NKWD verübten Massenmorden und der Brutalisierung des Krieges im Osten eine fatale Wechselwirkung bestand. Nicht selten waren Wehrmachtsverbrechen eine direkte Antwort auf die NKWD-Gräuel. Auch die immer noch umstrittenen Anfänge des Holocaust erscheinen in neuem Licht.

    Mehrere Fotos der durch deutsche Soldaten aufgefundenen NKWD-Opfer konnte man dann ausgerechnet in der ersten sogenannten Wehrmachtsausstellung als Beispiele für Wehrmachtsverbrechen sehen:


    Quote

    "Jetzt steht fest: Reemtsma und sein Ausstellungsleiter Hannes Heer deklarierten etliche Opfer der sowjetischen Terrortruppe NKWD als Wehrmachtsopfer. Jetzt steht fest: Die Ausstellung übernahm Bilder mit irgendwelchen Bildlegenden aus irgendwelchen Archiven – massenhaft und ungeprüft. Heer und Reemtsma, zwei unerschrockene Heroen der Volksaufklärung, sind entzaubert als Schlamper und Stümper. Für den Berliner Historiker Jörg Friedrich ist die Schau nur noch eine „primitive Tendenzveranstaltung“."


    https://www.focus.de/politik/d…lettanten_aid_178493.html

    Ausgerechnet diese Fotos hatten dann auch besonders emotionale Reaktionen der Besucher hervorgerufen.

    Der SPIEGEL schrieb damals kritisch über "Landser vor Leichenbergen", welche die Ausstellungsthesen beweisen sollten.

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-17817453.html


    Ich habe hier einen kurzen Auszug zum Thema Feldpostbriefe, um einige Kernpunkte bei Musial zu nennen:


    "Reaktionen deutscher Soldaten


    Im Reich stützten Feldpostbriefe die Glaubwürdigkeit der Propaganda. Daher ist die Frage von Bedeutung, wie die deutschen Soldaten die sowjetischen Verbrechen wahrnahmen und auf sie reagierten. Sie waren schließlich unmittelbar mit ihnen konfrontiert, und nicht selten gehörten Kameraden von ihnen zu den Opfern.


    Deutsche Soldaten als Augenzeugen


    Grundlage für die folgenden Überlegungen sind zeitgenössische Aussagen, vor allem Feldpostbriefe deutscher Soldaten.

    [...]

    Die Nachrichten über die sowjetischen Verbrechen verbreiteten sich blitzschnell in der Truppe. Manchmal waren deutsche Soldaten diejenigen, die sie entdeckten, wie zum Beispiel in Luck.

    Die Wehrmachtsführung hatte gegen die Besichtigung der Mordstätten nichts einzuwenden. Im Gegenteil, der Anblick von Leichenbergen schürte bei den Soldaten den Haß auf die Sowjets und motivierte sie für den Kampf gegen die Sowjetunion.

    Auf die Nachricht über das Massaker in Lemberg wurden die 1. und 4. Gebirgsdivision angewiesen, "ihre Wort- und Bildberichter auf diese Greueltat anzusetzen". Der Führer des III. Bataillons der 1. Gebirgsdivision empfahl seinen Soldaten, sich die Gefängnisse in Lemberg anzusehen, "um die Notwendigkeit des Kampfes gegen die 'jüdisch-kommunistische Verbrecherbande' - die Rote Armee - zu erkennen".

    Tausende von deutschen Soldaten besuchten in diesen Wochen Gefängnisse und andere Orte, an denen Massengräber entdeckt worden waren. Im ehemaligen Ostpolen gab es Hunderte solcher Stätten.

    [...]

    Abgesehen von den Fotos, schrieben deutsche Soldaten Tausende von Feldpostbriefen an Angehörige, Freunde und Arbeitskollegen in der Heimat, in denen sie diese Ereignisse schilderten. Viele der Briefe sind heute der Forschung zugänglich. Aus ihnen und aus Nachkriegserinnerungen läßt sich rekonstruieren, wie die deutschen Soldaten auf die Verbrechen reagierten."


    (Bogdan Musial, "Konterrevolutionäre Elemente sind zu erschießen."

    Die Brutalisierung des deutsch-sowjetischen Krieges im Sommer 1941, Berlin 2000, S. 210f.)



    Der britische Historiker Donald Rayfield geht in seinem Buch "Stalin und seine Henker", München 2004, (S. 474)

    sogar von bis zu 100.000 NKWD-Mordopfern im weiteren Gebiet von Lemberg aus.


    Daß Dein Großvater am 3. Juli 1941 schrieb "Was sagst Du nun zu Rußland?Sind das noch Menschen oder sind es keine?"

    bezog sich sehr wahrscheinlich auf die Tatsache, daß viele Opfer vor ihrem Tod von den Sowjets gefoltert, verstümmelt und vergewaltigt worden waren (siehe dazu die Quellenbelege bei Musial).


    Donald Rayfield hat passend dazu in den Archiven ein in sowjetischen Folterkreisen beliebtes, sehr makabres "Gedicht"

    von Stalins NKWD-Schergen gefunden:

    "Es gibt keine größere Freude, keine schönere Musik / als das Krachen gebrochener Leben und Knochen. / . . .

    Und deshalb will ich auf dein Urteil eine unerschütterliche Sache / schreiben: An die Wand! Feuer!"

    Quelle:

    https://www.perlentaucher.de/b…lin-und-seine-henker.html


    Unter dem Link auch die Beschreibung des insgesamt sehr lesenswerten Buches zur Stalin-Zeit:

    "Ein Genozid unvorstellbaren Ausmaßes.

    Nachdem vor einigen Jahren Archive des Politbüros, des KGB und anderer Institutionen des untergegangenen Sowjetreichs für Wissenschaftler geöffnet wurden, konnte Donald Rayfield neue Erkenntnisse über Stalin und seine Henker - Dserschinski, Menschinski, Jagoda, Jeschow, Berija und ihre wichtigsten Komplizen - gewinnen. So entstand das beklemmende Porträt einer Epoche - vom Vorabend der Oktoberrevolution bis zur Exekution Berijas im Dezember 1953 -, in der ein skrupelloses Regime gegen das eigene Volk wütete.

    Stalin und seine Henker werden mit kurzen, prägnanten Biografien vorgestellt - eine Chronologie des Terrors.

    Der Autor aber beschreibt nicht nur das brutale wie banale, das ausschweifende wie zwielichtige Leben der Täter, sondern bringt immer wieder auch ausführliche Exkurse zur Geschichte der UdSSR. Dabei werden die Hungersnöte, die Zerschlagung des Bauernstandes, die Ermordung der alten Herrscherschicht, die Schauprozesse, die Enthauptung der Roten Armee (34.000 Offiziere wurden erschossen), die Deportation von Dissidenten und die Ausrottung ethnischer Minderheiten mit einer Fülle konkreten Materials geschildert."


    Beste Grüße

    Bodo

    Hallo zusammen,


    heute möchte ich ein weiteres Mal wichtige Erkenntnisse aus Forschungsarbeiten zum Thema "Tieffliegerangriffe durch US Air Force" zusammenfassen.


    In einer früheren Phase dieses Threads hatte ein Mitglied bereits das Buch des ehemaligen Lehrers und Historikers Helmut Schnatz "Tiefflieger über Dresden?" erwähnt. Soweit ich weiß, ist es das einzige Werk, dass sich schon relativ früh (2000) und mit wissenschaftlichem Ansatz mit diesem Aspekt des Luftkrieges beschäftigt hat.


    Hier zuerst ein Auszug, in dem Schnatz einen Überblick über die US-Luftkriegsstrategie von 1944 bis zum Kriegsende gibt:



    Im Wesentlichen bestätigt Schnatz also die Darstellungen der von mir bereits zitierten angloamerikanischen Autoren.

    Was er bezweifelt, ist die bewusste Terrorisierung der deutschen Zivilbevölkerung. Nicht wegen der deutschen Presse- und Augenzeugenberichte, sondern weil er nichts davon in den von ihm gesichteten alliierten Einsatzakten gefunden hat.


    Schnatz beschreibt seine Erkenntnisse in einer fast schon metaphorischen Sprache ("Sie schossen auf alles, was sie überraschen konnten):

    [Meine Frage dazu wäre: wer ist von einem Angriff aus heiterem Himmel eigentlich nicht überrascht?!]


    "An dieser Stelle sei bereits auf ein Stereotyp hingewiesen, daß bei den Erzählungen von Tieffliegern immer wieder auftauchte:

    "Sie schossen auf alles, was sich bewegte..."

    Tatsächlich war die Regel, daß wenn Tiefflieger in Sichtweite auftauchten, jede Bewegung sofort erstarrte bzw. Insassen sofort Züge und Fahrzeuge verließen. Richtig müßte es daher heißen: "Sie schossen auf alles, was sie überraschen konnten."


    Der generelle Auftrag der Jäger- und Jagdbomberpiloten der 9. Air Force war die Lahmlegung des gesamten Verkehrs im rückwärtigen deutschen Frontgebiet - also das, was heute als Interdiction bezeichnet wird -, nicht dagegen die Terrorisierung der Bevölkerung."

    (Helmut Schnatz, Tiefflieger über Dresden? Legenden und Wirklichkeit, Köln u.a. 2000, S. 70-72.)



    Der Jurist und ehemalige Vorsitzende Richter am Berliner Landgericht Theodor Seidel hat diese US-freundlichen Annahmen von Helmut Schnatz in einer eigenen, regionalen Untersuchtung für Westsachsen widerlegt.


    Zur Person Seidels:

    "Theodor Seidel (* 29. Juli 1931 in Bischofswerda) ist ein deutscher Jurist, Richter und ehemaliger Fluchthelfer. Er war Vorsitzender Richter der Großen Strafkammer des Landgerichts Berlin und wurde als Vorsitzender Richter im ersten Mauerschützenprozess und im Prozess gegen den ehemaligen Stasi-Chef Erich Mielke bundesweit bekannt."

    https://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_Seidel


    Hier wurde die ergänzte Neuauflage von Seidels Buch von der Landeszentrale für politische Bildung Brandenburg vorgestellt:


    Theodor Seidel hat die Beweggründe für seine Zusatzforschungen zum Thema "Tieffliegerangriffe auf Zivilpersonen"

    so erläutert:


    "Tieffliegerangriffe


    Als in Dresden Geborener und in der Nähe der Stadt Aufgewachsener habe ich mit Interesse die Untersuchungen verfolgt, welche die Streitfrage klären sollen, ob am 13. bzw. 14. Februar 1945 in Dresden Angriffe amerikanischer Jagdflugzeuge auf die Elbwiesen geflogen worden sind. Dabei ist mir allmählich bewußt geworden, daß die Fälle von Tieffliegerangriffen auf Zivilpersonen, auf die ich bei meine Recherchen gestoßen bin, eigentlich zu meiner Thematik gehören.

    Nachdem ich bei Schnatz in dessen Buch "Tiefflieger über Dresden? Legenden und Wirklichkeit" einige Erwägungen gelesen habe - ich gehe später darauf ein - die sich nach den von mir festgestellten Tatsachen als nicht tragfähig erweisen, habe ich mich entschlossen, meine Erkenntnisse über Angriffe von Tieffliegern auf Zivilpersonen zu veröffentlichen. Mit einer Ausnahme (Zeugenaussage Plessa) haben alle Angriffe in einem Gebiet mit einer Ausdehnung von etwa 22 x 25 Kilometern stattgefunden."


    (Theodor Seidel, Kriegsverbrechen in Sachsen. Die vergessenen Toten von April /Mai 1945, Leipzig (4. Auflage) 2016, S. 234.)


    Aus den örtlichen Begräbnisbüchern folgen dann die Orte Reinersdorf, Riesa, Bloßwitz, Prausitz, Naundorf, Lommatsch und Plessa mit Angaben von zivilen Opfern durch Tieffliegerangriffe mit Bordwaffenbeschuß. Später folgen weitere 30 Orte mit amtlich berichteten Tieffliegerangriffen auf Zivilpersonen durch die zitierten Begräbnisbücher.


    Seidel zieht folgende Schlüsse aus seinen Nachforschungen, gerade auch im Hinblick auf Schnatz' ältere Angaben:



    Zur Dimension der von Theodor Seidel dokumentierten Fälle findet man in der folgenden Rezension eine gute Zusammenfassung:


    "[...] In der 2013 nun 3. erweiterten Ausgabe des Buchs ist das letzte Kapitel zum immer noch

    stark umstrittenen Thema der alliierten Tieffliegerangriffe auf Zivilpersonen angefügt.

    Seidel weist auch hier an Hand von Zeugenaussagen und den Kirchenbüchern Sachsens

    für den Zeitraum vom 1. bis 25. April 1945 nach, dass es mindestens vierundzwanzig gezielte Angriffe

    auf Einzelpersonen sowie neun auf Busse und Personenzüge gegeben hat. Viele konnten unverletzt entkommen,

    unter den insgesamt knapp 100 recherchierten Toten in Westsachsen waren neben Frauen und Kindern auch 5 französische Kriegsgefangene."

    http://gedenkbibliothek.de/dow…3._erw._Ausgabe_2013_.pdf



    Warum die Erkenntnisse von Schnatz und Seidel über gezielte Tieffliegerangriffe auf Zivilisten so unterschiedlich ausgefallen sind,

    darauf könnte wiederum der von mir neulich zitierte Dresden-Experte Götz Bergander ("Dresden im Luftkrieg") schon Jahre vorher eine Antwort gegeben haben:


    Quote

    "Noch etwas fällt auf. Im Wehrmachtbericht wurde wiederholt Mitteilung gemacht von Tiefangriffen auf die Zivilbevölkerung, sogar mit Angabe der betroffenen Gebiete.

    Voraussetzung dafür war offensichtlich, daß Tiefflieger in großer Zahl erhebliche Verluste verursacht hatten. Die sich beim Heimflug routinemäßig entwickelnde Jagd auf "Gelegenheitsziele" fand kaum Erwähnung, Namen bombardierter Städte wurden ebenfalls nur genannt, wenn die Schwere des Personen- und Sachschadens dies unvermeidlich erscheinen ließ."


    (Götz Bergander, Dresden im Luftkrieg. Vorgeschichte, Zerstörung, Folgen, Würzburg 1998, S. 205.)


    Nun hatte Götz Bergander zwar das Vorwort im zwei Jahre danach erschienenen Buch von Helmut Schnatz "Tiefflieger über Dresden?" verfasst. Anscheinend hat er ihn aber nicht auf die genannte Voraussetzung "erhebliche Verluste" aufmerksam gemacht. Warum sollten einzelne Opfer von Tieffliegerangriffen in die deutschen Luftlagemeldungen aufgenommen werden, wenn sie ebensowenig im Wehrmachtbericht auftauchen?

    Dasselbe kann man doch für die alliierten Luftkriegsakten voraussetzen. Warum sollte ein US-Jagdflieger über einzelne von ihm gejagte Zivilpersonen berichten, wo doch in erster Linie die Anzahl zerstörter feindlicher Flugzeuge, Lokomotiven und Militärtransporte für Orden und Beförderungen ausschlaggebend waren?


    Beide amtlichen deutsch/amerikanischen Quellenbestände hatte Schnatz für seine historischen Abhandlungen (später auch für das Gutachten zum Fall Dresden) herangezogen. Er hat aber (folgt man Theodor Seidels Analyse sowie Berganders Ausführungen) nicht berücksichtigt, was aus den genannten Gründen meistens nicht in die herangezogenen Berichte aufgenommen wurde. Nämlich die Tieffliegerangriffe auf einzelne Zivilpersonen. Soviel vielleicht zu dieser Forschungskontroverse.


    Grüße

    Bodo