Posts by Bodo Franks

    Es nützt auch nichts, dass ein paar gute Ärzte Gutes bewirkt haben.

    Wem sollen die hier in diesem Thread gesammelten "Fakten" etwas nützen? Mir erschließt sich das leider nicht. Wer will da sein Gewissen reinwaschen?


    Hallo zusammen,


    als ich das Thema damals gestartet hatte, wusste ich nicht viel darüber, hatte auch wenig Quellenmaterial.

    Ich hatte auch keine Ahnung, was die historische Forschung bisher dazu erbracht hatte.

    Ich dachte, in einem Forum wie diesem müsste es doch Leute geben, die sich auch für die medizinische Versorgung in den besetzten Gebieten der Sowjetunion interessieren. Von Roy, Tobias und einigen anderen sind über die Jahre teils sehr aussagekräftige Dokumenten- und Aktenfunde eingestellt worden. Dafür nochmals ein großes Dankeschön von meiner Seite!


    Und Chris hat doch zuletzt noch einmal gezeigt, dass die Wehrmacht auf die Kooperation bzw. Kollaboration der einheimischen Zivilbevölkerung dringend angewiesen war (siehe den Befehl des GenKdo VIII. Armeekorps zur ,,Versorgung der für Zwecke der Wehrmacht eingesetzten Landeseinwohner und ihrer Hinterbliebenen aus den besetzten Ostgebieten" vom 15.10.1942").


    Eine gute oder zumindest ausreichende medizinische Betreuung war dabei natürlich eine wichtige Voraussetzung. Bekanntlich waren Hitler und die anderen obersten Nazi-Führer wie Himmler aber gegen eine ausreichende medizinische Versorgung.


    Die deutsche Heeresführung und örtliche Wehrmachtsstellen entwickelten also auch dabei eine Art "Eigeninitiative", nicht nur bei der Aufstellung einer russischen Freiwilligenarmee seit 1941 ("Osttruppen"),

    https://de.wikipedia.org/wiki/Osttruppen

    die seit 1944 dann "Russische Befreiungsarmee" genannt wurde:


    Quote

    "Die Russische Befreiungsarmee (russisch Русская освободительная армия – РОА Russkaja oswoboditel'naja armija – ROA), nach ihrem ersten Kommandeur auch Wlassow-Armee genannt, war ein russischer Freiwilligenverband, der auf der deutschen Seite im Zweiten Weltkrieg kämpfte. Die Aufstellung wurde Ende 1944 von Adolf Hitler ermöglicht, während Freiwillige nichtrussischer Völker der Sowjetunion schon drei Jahre früher in den Ostlegionen organisiert wurden.

    Die ROA wurde von dem früheren Generalleutnant der Roten Armee Andrei Wlassow organisiert, der alle Russen im Kampf gegen die Sowjetunion vereinen wollte. Unter den Freiwilligen waren Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und russische Emigranten. Die ROA erhielt den Status der Armee eines verbündeten Staates und war der Wehrmacht in operativen Fragen unterstellt."

    https://de.wikipedia.org/wiki/Russische_Befreiungsarmee


    Weil die deutsche Unterstützung für die Aufstellung seiner Befreiungsarmee zu langsam voranging, äußerte General Wlassow dann
    1944:

    "Rußland kann nur von Russen besiegt werden". Hitler soll deswegen vor Wut getobt haben. Weitaus schlimmer als bei der Frage der medizinischen Versorgung im besetzten Osteuropa zu Beginn des Jahres 1942 (er wollte den Wehrmachtsärzten sogar "Gewalt antun" wegen ihrer seiner Meinung nach zu umfangreichen Gesundheitsvorsorge-Maßnahmen in Russland):


    Quote

    "Die Russen werden nicht alt, 50 bis 60 Jahre. Warum sollen wir sie impfen? Man muß da wirklich unseren Juristen und Ärzten Gewalt antun: nicht impfen, nicht waschen!

    Schnaps sollen sie haben und Tabak, soviel sie wollen. Selbst bei uns hat es Impfgegner gegeben."


    (Henry Picker, Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier, Frankfurt/Main, Berlin 1989, S. 107-108.)


    Also, warum sollte man unter diesem Thread keine Quellen, Darstellungen und Kriegserinnerungen sammeln, bei denen die von der

    NS-Führung unerwünschte medizinische Versorgung in den besetzten Gebieten deutlich wird?


    Wie wenig dazu anscheinend selbst unter Wissenschaftlern bekannt ist, zeigt z.B. der Interviewband der Sozialwissenschaftlerin Bruni Adler.

    (Bruni Adler, Zerrissene Leben. Hitler, Stalin und die Folgen. Russisch-deutsche Lebensläufe, Tübingen 2010)


    Dort kommt auch ein ehemaliger Truppenarzt der deutschen Wehrmacht zu Wort. Frau Adler reagierte überrascht, als der Arzt vom friedlichen Zusammenleben und der medizinischen Betreuung der örtlichen Zivilbevölkerung sprach.


    Dr. G. hatte seine medizinische Ausbildung im Krieg bei der militärärztlichen Akademie begonnen und kam im Herbst 1941 als Hilfsarzt an die Wolchow-Front. Im Gespräch mit Bruni Adler erzählte er u.a. auch von der selbstverständlichen medizinischen Betreuung der russischen Zivilbevölkerung:


    Quote

    "Meinen ersten Einsatz hatte ich im Sumpfgebiet des Wolchow, südlich des Ladogasees. Damals operierte unsere Einheit noch mit Pferden. Durch das Sumpfgebiet zog sich ein kilometerlanger matschiger Weg.

    [...]

    In diesem Moorgebiet konnten wir uns nicht tiefer als 50 Zentimeter eingraben. Wir legten Bäume über unsere Gruben und konstruierten einen Kamin, denn es war schon kalt.

    "Was konnten Sie in Ihrem Erdloch als Arzt ausrichten?"

    "Nichts, außer Verwundetenzettel für diejenigen ausstellen, die ins Lazarett gebracht werden mussten. Zum Glück wurden wir bald an die Mag verlegt, wo wir in russischen Katen wohnten. Wo sich die Bewohner tagsüber aufhielten, weiß ich nicht, aber nachts schliefen sie auf ihrem großen Ofen. Der zuständige Truppenarzt, Dr. Albertsen, hatte nichts dagegen. Es gab keinerlei Probleme. Erstaunlicherweise funktionierte sogar die Feldpost. Ich bat Gertrud um ein Thermometer und Erlanger Bier. Beides kam an! Das Bier allerdings gefroren. In diesem schrecklich kalten Winter war unsere Ausrüstung vollkommen unzureichend."


    Dann fragte Frau Adler ihn nach seinen Eindrücken vom Krieg in Russland:


    "Helfen Sie mir, besser zu verstehen, wie das damals für Sie in Russland war."


    Es sind keine freundlichen Orte, die er in seiner Erinnerung besucht. Dr. G. stützt den Kopf in seine Hände und blickt mich traurig an:


    "Sie meinen wirklich, es hat einen Sinn, darüber zu sprechen? Wir lebten in einer Art friedlichen Koexistenz mit der einheimischen Bevölkerung. Wir Ärzte betreuten nicht nur deutsche Soldaten, sondern auch die Dorfbewohner. Es waren ja Menschen wie Sie und ich. Zu Weihnachten luden sie uns zu Kascha ein, einem Brei aus Getreide, wie Buchweizen, Hirse oder Haferflocken, während die Rote Armee von der anderen Seite der Newa herüberschoss."


    Seine folgenden Worte verblüfften mich noch mehr:

    "Aus dieser grauenhaften Zeit habe ich mir die schönste Erinnerung meines Lebens bewahrt."

    Noch leiser erzählt er: "Wir hatten minus 30 Grad. Der Raureif hing armdick an den Zäunen. Die aufgehende Sonne überzog das ganze weite Land mit einem zartrosa Schimmer. Zwei Tage lang fiel kein einziger Schuss! Alles war vollkommen still, wie in einem Märchen."


    Murmelnd fährt er fort: "Ab dem 7. Lebensjahr lernten dort alle Kinder Deutsch. Damals war ich das erste Mal in einer russischen Banja. Die Benutzung dieses Sauna ähnlichen Badehauses, das mit einem Holzofen beheizt wurde, war mit den Dorfbewohnern klar abgesprochen und hat prima funktioniert. Anschließend rollten wir uns im Schnee."


    "Das klingt so anders als das, was man normalerweise über den Krieg in Russland hört."


    "Was Sie in Filmen gesehen oder in Büchern gelesen haben, wird wohl auch stimmen. Und was ich erlebt habe ebenfalls.

    Nach einem halben Jahr, im März 1942, kam ich nach Deutschland zurück und lag wegen einer Nierenentzündung erst mal ein Vierteljahr in der Heidelberger Uniklinik." [...]"


    (Dr. G. Ein Militärarzt über einen Massenselbstmord bei Berlin, in: Bruni Adler, Zerrissene Leben. Hitler, Stalin und die Folgen. Russisch-deutsche Lebensläufe, Tübingen 2010, S. 35-37.)



    Daran kann man meiner Meinung nach gut erkennen, dass selbst in Forscherkreisen solche Quellensammlungen, wie wir sie hier in diesem Thread bisher vorliegen haben, wenig bis gar nicht bekannt sind. Warum sonst die offenkundige Überraschung bei Frau Adler angesichts der Zeitzeugen-Schilderung?


    Hier noch zum Buch die Einschätzung des bekannten Osteuropahistoriker Prof. Jörg Baberowski auf der Seite von Bruni Adler:

    https://bruniadler.de/

    Quote

    »Bruni Adler möchte das Leiden und Sterben von Opfern beschreiben, deren Stimmen bislang weder in Russland noch in Deutschland zu hören waren: deutsche Soldaten und Kriegsgefangene, Opfer von Vergewaltigungen, ehemalige ›Ostarbeiter‹ und ›Angehörige nationaler Minderheiten‹. Denn wer wissen will, wie Menschen die Schrecken des Krieges und der Diktaturen des 20. Jahrhunderts erlebt haben, muß sich den Erinnerungen jener zuwenden, die in der inszenierten und veröffentlichten Meinung keinen Platz gefunden haben. In ihren Miniaturen des Schreckens gelingt es der Autorin auf eindrucksvolle Weise, die Erfahrungen der Zeitgenossen so zur Sprache zu bringen, dass die Stereotypen von Tätern, Opfern, Helden und Verrätern verblassen.«

    Prof. Dr. Jörg Baberowski, Humboldt-Universität Berlin

    https://bruniadler.de/


    Vielleicht beantworten diese Erkenntnisse und Einschätzungen die Fragen der kritischen Mitglieder.

    Dr. G. hat doch im Interview betont: "Was Sie in Filmen gesehen oder in Büchern gelesen haben, wird wohl auch stimmen.

    Und was ich erlebt habe ebenfalls."
    Denn es sollte doch darum gehen, alle Seiten der schrecklichen Kriegsgeschichte zu beleuchten, die dunklen wie die hellen. Zu den vielfältigen Verbrechen von NS-Medizinern gibt es im Forum ja bereits ein eigenes Thema.


    Grüße,

    Bodo

    Hallo zusammen,


    und weiter traktierst Du uns mit Zitaten. Diesmal sogar mit den Erinnerungen eines Stuka-Piloten und auch noch mit Goebbels. Die Zitate haben, soweit ich erkennen kann, nichts mit dem hiesigen Thema zu tun.


    Wenn Du frühere Beiträge genauer lesen würdest, wüßtest Du, dass Chris danach gefragt hatte. Außerdem fragte er nach der politischen Gesinnung der Mehrheit der Wehrmachtssoldaten. Aus der kritischen Sicht des NS-Regimes. Darauf habe ich einfach nur geantwortet, nicht aus dem Stehgreif, sondern mit Zitaten der obersten Nazi-Führer.


    Doch zur Sache. Es ist zweifelsohne so, dass die Sanitätsdienste der Wehrmacht der sowjetischen Zivilbevölkerung medizinische Hilfe leisteten. Dies ist unbestritten.

    Ob diese medizinische Hilfe, in der Regel akzidentiell, den Umfang einer Versorgung annahm bezweifele ich.


    Gut Paul, dann bist Du in den vergangenen Jahren bei der Quellen-Rezeption schon wesentlich weiter fortgeschritten als Stalins Geheimpolizei NKWD/KGB. Erinnerst Du Dich an meinen Eingangspost mit dem Wehrmachtsarzt Dr. Fritz Heppner?


    Die NKWD-Offiziere wollten ihn unbedingt als Spitzel im Gefangenenlager anwerben, aber Dr. Heppner weigerte sich und berief sich auf seinen hippokratischen Eid, wonach er Menschen schon immer nur helfen und keinesfalls schaden wollte:


    "Wissen Sie, ich bin Arzt, und meine Lebensaufgabe besteht darin, Menschen zu helfen, und nicht, sie ans Messer zu liefern.
    So habe ich es auch im Krieg gehalten und nicht nur Deutsche behandelt, sondern genauso verwundete Rotarmisten operiert und auch Zivilisten versorgt."

    [Die russischen Geheimpolizisten lachten ihn deswegen aus, weil sie offenbar nichts über den Umfang der medizinischen Versorgung durch die deutsche Wehrmacht im Krieg wussten oder wissen durften:]


    "Sie? Zivilisten behandelt? Welche denn?"

    "Nun, russische und ukrainische. Die hatten ja keine Ärzte mehr."

    Da brachen die beiden in Gelächter aus.

    "Also, Doktor. Sie können uns alles mögliche erzählen, aber das denn doch nicht!

    Wir verstehen, daß Sie in Ihrer Lage Gutpunkte produzieren wollen, aber das geht zu weit.
    Und Sie haben es ja nicht nötig, sich auf so plumpe Weise herauszulügen.

    Aber lassen wir das. Warum wollen Sie in Wirklichkeit für uns keine verdächtigen Personen namhaft machen?" [...]."


    (Fritz Heppner, Nimmer sich beugen. Geschichte einer Flucht aus russischer Gefangenschaft, Graz, Stuttgart 2001, S. 148-151.)



    Um noch einmal meine letzten Bespiele zum Thema der medizinischen Versorgung zusammenzufassen:


    • Ich hatte zuletzt besondere Behandlungskonstellationen vorgestellt, wie die Hausbesuche bei schwerkranken Zivilisten oder schwangeren Frauen im Winter. Auch der Transport einer kranken Schwangeren aus dem Partisanendorf durch Leutnant Hans Schäufler oder eines kranken russischen Kindes mit einem deutschen mittleren Panzerkampfwagen IV ins Ortslazarett, veranlasst von Hauptmann Karl Herzog waren ganz sicher Sonderfälle. Ich wollte sie halt nur der Vollständigkeit halber vorstellen.
    • In aller Regel mussten sich kranke oder verwundete Menschen aus der sowjetischen Zivilbevölkerung selbst und aus eigener Kraft in die medizinische Behandlung deutscher Wehrmachtsärzte begeben. Öfters kamen auch Menschen mit chronischen Krankheiten vertrauensvoll in die angebotenen zivilen Sprechstunden der Ärzte.


    Das konnte dann sogar dazu führen, dass sich russische Patienten mit lange zurückliegenden Erkrankungen beim deutschen Sanitätsdienst vorstellten. Der Medizinstudent und Widerstandskämpfer der Weißen Rose, Willi Graf, hat u.a. solch einen Fall im deutschen Feldlazarett erlebt.


    Zur Person:

    Willi Graf (* 2. Januar 1918 in Euskirchen-Kuchenheim; † 12. Oktober 1943 in München-Stadelheim) war Mitglied der Widerstandsgruppe Weiße Rose....Nach dem Abitur am Ludwigsgymnasium Saarbrücken 1937 absolvierte Graf von April bis Oktober 1937 in Dillingen an der Saar den Reichsarbeitsdienst und begann danach in Bonn ein Medizinstudium. 1938 wurde er mit anderen Mitgliedern des Grauen Ordens inhaftiert und wegen bündischer Umtriebe angeklagt.


    1940 bis 1942 nahm Graf als Sanitäter an verschiedenen Kriegseinsätzen teil."

    https://de.wikipedia.org/wiki/Willi_Graf


    Willi Graf war erschüttert, dass einem alten russischen Bauern mit einer weit fortgeschrittenen Krebserkrankung nicht mehr geholfen werden konnte:


    Quote

    "11. 1. 1942

    Der erste Sonntag hier im Feldlazarett, in einem Lagerschuppen feiert ein Priester die Messe.

    Ins Ambulatorium kommt ein russischer Bauer mit silberweißen Haaren, der zwischen Unterkiefer und Hals ein Karzinom hat, dagegen gibt es mit den zur Verfügung stehenden Mitteln keine Abhilfe. So wird er seinem Tode rasch entgegensehen müssen. Was soll man diesem Mann sagen? Ich muß oft an sein Geschick denken. Man kann ihm nur gut sein und doch nicht helfen.

    Mittags schlafe ich, bin aber danach nicht ausgeruht. Ein kurzer Gang in den Abend und die Dunkelheit."

    (Inge Jens, Anneliese Knoop-Graf (Hrsg.), Willi Graf. Briefe und Aufzeichnungen, Frankfurt 1994, S. 65.)


    Die von Willi Graf beschriebene ärztliche Sprechstunde im "Ambulatorium" ist wohl mit einer heutigen "Anlaufpraxis für Akutfälle" in Kliniken vergleichbar. Der sehr bekannte Mediziner Dr. Werner Forßmann hat die Entwicklung von regelmäßiger medizinischer Hilfe für die russische Zivilbevölkerung bis hin zum extra eingerichteten medizinischen Stützpunkt neben dem deutschen Lazarett der 123. Infanterie-Division eingehend beschrieben.


    Zur Person:

    Werner Forßmannn

    Werner Otto Theodor Forßmann (geboren am 29. August 1904 in Berlin; gestorben am 1. Juni 1979 in Schopfheim) war ein deutscher Mediziner, der 1929 an sich selbst die erste publizierte und über ein Röntgenbild dokumentierte Rechtsherzkatheterisierung beim Menschen durchführte. Wenige Jahre später zeigte er, dass Kontrastmittel im Herzen des Menschen gefahrlos angewendet werden können. Vor allem in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg griffen André Frédéric Cournand und andere Mediziner seine Arbeiten auf; sie bilden die Basis der modernen Herzdiagnostik.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Werner_For%C3%9Fmann



    Die beim Hauptverbandsplatz der 123. Infanterie-Division im Winter 1941/42 erfolgte medizinische Versorgung für deutsche Soldaten und die russischen Einwohner sah laut Dr. Forßmann so aus:


    "Der strenge Befehl, jede Berührung mit der russischen Bevölkerung zu vermeiden und ihre unversehrten Häuser rücksichtslos zu räumen, wurde unter stillschweigender Duldung unseres Divisionsarztes und des Divisionskommandeurs niemals befolgt.

    Wo hätten wir auch diese Menschen mit ihrer armseligen Habe hinschicken sollen. Und wenn sie auf ihren Öfen schliefen, störten sie uns nicht.

    Nur für die Verwundeten und den Operationsbetrieb ließ ich jeweils Häuser freimachen."


    Quote

    "Da unsere Feldküchen ihre Reste immer an die Zivilisten ausgaben und unsere Leute ihnen von ihrer kalten Verpflegung oder von dem jetzt im Winter reichlich zugeteilten Wodka zusteckten, faßten sie schnell Vertrauen und nahmen auch unsere ärztliche Hilfe in Anspruch, denn sämtliche russischen Ärzte waren evakuiert worden. Bis zu zwanzig Kilometer kamen sie zu Fuß mit ihren Gebrechen. Sie waren sehr dankbar.

    Ein alter Mann, bei dem ich eine schwere Hohlhandphlegmone operiert hatte, kam nach vierzehn Tagen zur Wiedervorstellung und legte mir drei eisbedeckte Stöcke, wie ich dachte, auf den Tisch. Mein Bursche warf sie auf unser Feuerholz. Als wir zu Abend aßen, fing es dort plötzlich an zu platschen, und was sahen wir? Drei prachtvolle aufgetaute Hechte!"


    (Werner Forßmann, Selbstversuch. Erinnerungen eines Chirurgen, Stuttgart o.J., S. 278-279.)


    Die von Dr. Forßmann erwähnte Erkrankung "Hohlhandphlegmone" (schwere Handinfektion) des alten russischen Mannes wird im folgenden Lexikoneintrag ausführlich behandelt (d.h. ohne die Operation wäre die Hand nicht zu retten gewesen, deshalb die besondere Dankbarkeit des Patienten):


    Quote

    "Panaritium; Hohlhandphlegmone; Sehnenscheidenphlegmone; V-Phlegmone

    In der Hand lokalisierte Infektionen, die entweder im Sinne einer Phlegmone diffus das Gewebe durchsetzen oder im Sinne eines Empyems die Sehnenscheiden ausfüllen können."

    Engelhardt Lexikon Orthopädie und Unfallchirurgie


    Im Verlauf des Kriegsjahrs 1942 musste dann wegen der vielen Zivilpatienten (aus 20 km Umkreis) ein Haus für die stationäre Behandlung erkrankter russischer Zivilisten eingerichtet werden (für Wundbehandlungen, Infektionskrankheiten oder Pflege nach größeren Operationen). Dafür wurden auch einheimische Frauen als Krankpflegerinnen eingestellt.


    Dr. Forßmann hat die Art und den Umfang der medizinischen Behandlung ziemlich genau beschrieben:


    Quote

    "Als Ärzte wurden wir auch zunehmend von der russischen Zivilbevölkerung in Anspruch genommen. Auf meinen Vorschlag ließ Gesche [Divisionsarzt der 123. ID] von den Starosten ein Haus für kranke Zivilisten einrichten und einige junge Russinnen als Krankenpflegerinnen verpflichten. Wir waren nicht nur aus menschlicher Anteilnahme, sondern auch im Hinblick auf die Truppe an der Gesunderhaltung der Bevölkerung interessiert.

    Ich betreute die chirurgischen Fälle dieser "Privatklinik" und operierte sie auf dem HVP. Darunter waren viele Splitterverletzungen von Granaten oder Fliegerbomben, die schwersten allerdings die von Minen, auf die die Leute bei der Frühjahrsbestellung ihrer Äcker gelaufen waren.

    Dazu kam eine Friedenschirurgie: Blinddärme, eingeklemmte Hernien, zwei Strumen, ein Ovarialkystom, ein Uterus myomatosus und sogar ein Kaiserschnitt."

    (Werner Forßmann, Selbstversuch. Erinnerungen eines Chirurgen, Stuttgart o.J., S. 289.)


    Es gab also auch eine "Friedensmedizin" im Krieg, die die deutschen Ärzte nicht "nur aus menschlicher Anteilnahme, sondern auch im Hinblick auf die Truppe" praktizierten, da sie "an der Gesunderhaltung der Bevölkerung interessiert" waren.


    Ganz besonders gefährlich waren die Verletzungen durch Minen, die noch vom Rückzug der Roten Armee auf den Äckern und Wiesen verblieben waren. Deren Lage war den deutschen Soldaten wie den sowjetischen Zivilisten völlig unbekannt. Dr. Forßmann hatte davon geschrieben, dass das die schlimmsten Splitterverletzungen bei Zivilisten waren. Immer wieder liest man davon in der Erinnerungsliteratur aus dem ehemaligen deutschen Sanitätsdienst.


    Hier noch ein Beispiel eines katholischen Geistlichen, der als Priestersoldat und Sanitäter bei einem Feldlazarett der Wehrmacht Dienst tat:




    Zum Abschluss meines heutigen Beitrags möchte ich noch einmal auf Pauls zitierte Aussage am Anfang zurückkommen:


    Doch zur Sache. Es ist zweifelsohne so, dass die Sanitätsdienste der Wehrmacht der sowjetischen Zivilbevölkerung medizinische Hilfe leisteten. Dies ist unbestritten.

    Ob diese medizinische Hilfe, in der Regel akzidentiell, den Umfang einer Versorgung annahm bezweifele ich.


    Mit "akzidentiell" meinst Du laut Duden "zufällig", "unwesentlich" oder auch "unwichtig". Nun ja, zum Glück sagt die Quellenlage etwas anderes.

    Wie die Schilderungen des Freundeskreis Hagen-Smolensk, von Hweni neulich eingestellt

    http://www.freundeskreis-hagen…im-krieg/nggallery/page/1

    (bitte bis zum Ende der Seite unten lesen)


    oder wie die Erinnerungen an Dr. Kurt Reuber in Wolgograd zeigen,

    http://www.kulturportal-russla…-weg-nach-stalingrad.perm


    gibt es noch genug andere Menschen, die das Thema nicht als "unwesentlich" oder "unwichtig" ansehen.


    Und zur Frage der "medizinischen Versorgung", die Du rundweg bezweifelst:


    Der Stabsarzt Dr. Hans Dibold, der in Stalingrad in sowjetische Gefangenschaft ging, hat seine medizinische Tätigkeit (neben dem militärischen Sanitätsdienst) in den besetzten Gebieten der Sowjetunion exakt so beschrieben: als Versorgung der einheimischen Zivilbevölkerung:


    Quote

    "Während des Vormarsches lagen die vorgeschobenen Hauptverbandplätze meist zwischen Regiments- und Divisionsgefechtsstand und das Feldlazarett nahe oder etwas abgesetzt vom Divisionsgefechtsstand - abhängig von Lage, Wetter, Wegverhältnissen.

    [...] Zu den Aufgaben gehörte auch die Versorgung der Zivilbevölkerung, an der sich besonders dank seiner Einrichtungen und Stetigkeit das Feldlazarett beteiligte - von Entbindungen bis zu schwierigen Operationen.

    Die Ortslazarette hatten seltener Gelegenheit, ergriffen sie aber, soweit sie sich bot."


    (Stabsarzt Dr. Hans Dibold, 2. Sanitätskompanie der 44. Infanterie-Division, in: Reinhold Busch (Hrsg.) Rotes Kreuz über Stalingrad. Die Ärzte von Stalingrad - Teil 1 - Der Untergang der Sanitätsdienste. Überlebende berichten (Band 1/2), S. 244-248.)


    Und hier noch einmal ein Auszug aus dem Tätigkeitsbericht des deutschen Sanitätsdienstes zur Gesundheitsfürsorge für die Zivilbevölkerung der besetzten Gebiete (Oberstarzt a.D. Prof. Dr. Hornung) von 1945, wo ein medizinischer Großeinsatz gegen eine Choleraepidemie in der südlichen Sowjetunion beschrieben wird:


    "Bei einer im Herbst 1942 im Gebiet von Stalino und bei Woroshilovgrad aufgetretenen Choleraepidemie wurden sofort mehrere Hygieniker, ein Feldlaboratorium und der Eisenbahnlaborzug des Oberkommandos des Heeres eingesetzt sowie Krankenhäuser für die Zivilisten errichtet und ausgedehnte bakteriologische Umgebungsuntersuchungen durchgeführt. In den gefährdeten Orten konnte die gesamte Zivilbevölkerung durchgeimpft werden.

    In Mogilev ist am 15. Mai 1943 ein Institut zur Ausbildung russischer Ärztinnen und Ärzte eröffnet worden, da es in größerer Zahl russische Medizinstudenten gab."


    Quelle: H. Fischer, Gesundheitsfürsorge für die Zivilbevölkerung besetzter Gebiete, in: Wehrmedizinische Monatsschrift 21. Jahrgang 1977, München 1977, S. 246-248.



    Über die Zusammenarbeit mit russischen Ärztinnen und Ärzten in den von der Wehrmacht eingerichteten Zivilkrankenhäusern muss ich mich erst noch genauer einlesen. Das wäre noch ein weiterer wichtiger Aspekt beim Thema der medizinischen Versorgung.


    Grüße,

    Bodo

    Hallo zusammen,


    die vielen Beiträge gehen ja munter durcheinander, manchmal würde ich mir schon etwas mehr themenbezogene Sachlichkeit wünschen.

    Aber auf jeden Fall interessante Wortmeldungen.


    Apropos, interessant, dass Chris ("großes Eigeninteresse der Wehrmacht an guter ziviler Medizinversorgung") und Paul Spohn "Medizinversorgung kaum der Rede wert") genau entgegengesetzte Ansichten vertreten. Übereinstimmend scheinen beide aber die Glaubwürdigkeit deutscher Zeitzeugen grundsätzlich in Zweifel zu ziehen. Das Problem der wenigen, bislang bekannten aussagekräftigen Aktenbestände hatten wir hier aber schon ausführlich behandelt.


    Auch wenn es ab und zu nerven sollte, ein vernünftiges Maß an persönlichen Tagebüchern und Nachkriegserinnerungen scheint mir für die angemessene Behandlung des Themas unabdingbar.


    Um zunächst auf Chris' Fragen zu antworten:

    kannst du dazu auch darlegen warum keine Wehrmachtsoffiziere Zutritt zu diesen Nobel-Kasinos der Parteivertreter hatten?

    Diese Information ist doch gerade für eine unvoreingenommene Berurteilung notwendig.


    Warum? Gute Frage. Liest Du Forschungsliteratur? Ich kann auch nur mutmaßen, bin keiner der vielen professionellen NSDAP-Erforscher, die etwa u.a. die Machenschaften der obersten NS-Mordbuben ergründen wollen

    https://www.faz.net/aktuell/fe…unbedingten-11324357.html



    Fakt ist (Achtung, schon wieder ein auf Tagebüchern gründendes Erinnerungsbuch), was der

    Leutnant und Ritterkreuzträger Erhard Jähnert 1943 in der Ukraine erlebte:


    "Ab Mai 1943 flog er an der Ostfront und wurde hier als Leutnant am 18. Mai 1943 mit dem Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes ausgezeichnet. Anschließend wurde er am 1. August 1943 Staffelkapitän der 9. Staffel des Stukageschwaders 3."

    http://www.lexikon-der-wehrmac…nregister/J/JaehnertE.htm


    Quote

    "Der 12. September 1943 diente der Überholung der Maschinen. Mir diente er zu einem Bummel durch Dnepropetrowsk. Da sah ich doch ein Lokal mit dem Hinweis "für die Wehrmacht verboten". Was sollte das nun wieder sein? Na, ich hin und rein.

    Lauter Parteileute saßen da, sogenannte Goldfasane. Unmissverständlich gab man mir zu verstehen, dass auch für Ritterkreuzträger der Zutritt nicht gestattet sei.

    Oh, là, là!, dachte ich, mit diesen Zuständen kann aber kein Krieg gewonnen werden. Am liebsten hätte ich das Lokal mit einer Bombe umgepustet, und man kann mir glauben, ich hätte getroffen. Für mich waren das Verräter an der Sache. Verräterische Kräfte machten sich aber auch sonst manchmal bemerkbar. Nur können die, die es getroffen hat, nicht aufstehen und anklagend ihre Finger heben."


    (Erhard Jähnert, Mit dem Stukageschwader 3 an der Ostfront. Mal oben - mal unten, Teil II, 1943-1945, Würzburg 2010, S. 52.)


    Vielleicht reicht ja der Hinweis, dass die NS-Parteivertreter bzw. "Goldfasane" im Osten sich als ideologische "Elite" verstanden und die Wehrmacht als "schwarze bzw. feldgraue Reichswehr" als längst überholt und "ewiggestrig" ansahen (auch ein Nazi-Unwort).



    Jetzt ist es schon die fehlende Gesinnungstreue der meisten Wehrmachtsverbände?


    Wieso erst jetzt? Ich dachte Du hast den Thread Christen gegen Nazis in der Wehrmacht bis zu seinem abrupten Ende penibel verfolgt?


    Hast Du denn das von mir wiederholt eingestellte Zitat von Goebbels über Hitlers Verachtung gegenüber den Generälen und Heer und Luftwaffe als "meiste Truppenverbände" überlesen? Nur die "politische Haltung" der Marine, weil nationalsozialistisch, fand Hitlers wie Goebbels Zustimmung.

    Heer und Luftwaffe sollten nach dem Krieg dagegen durch Massenerschießungen von Offizieren politisch "gesäubert" werden:


    Quote

    "4. März 1944

    [...] Die Generalität insgesamt hält der Führer, wie er mir schon häufiger gesagt hat, für denkbar ekelhaft. Die Generäle haben kein inneres Verhältnis zu ihm; sie stehen in Reserve [= sind reserviert] und möchten zum großen Teil lieber heute als morgen Schwierigkeiten machen. Stalin tut sich da leichter. Er hat die Generäle, die uns heute im Wege stehen, rechtzeitig erschießen lassen, sie können ihm deshalb heute nicht mehr in die Quere kommen. [...]

    Auch die Pfaffenfrage hat Stalin auf diese Weise gelöst. Er kann es sich heute leisten, eine Kirche wieder zu genehmigen, die absolut in seinen Diensten steht. Die Metropoliten fressen ihm aus der Hand, weil sie Angst vor ihm haben und genau wissen, daß sie, sobald sie gegen ihn opponieren, den Genickschuß bekommen.

    Wir haben auf diesem Gebiet noch einiges nachzuholen. Aber der Krieg ist dazu die ungeeignetste Zeit. Nach dem Kriege werden wir uns sowohl der Frage der Offiziere als auch der Frage der Pfaffen annehmen. Heute müssen wir gute Miene zum bösen Spiel machen.

    (Ralf Georg Reuth (Hrsg.), Joseph Goebbels. Tagebücher Band 5: 1943-1945, München 2003, S. 2009-2011.)


    Und zur "NS-korrekten Haltung" respektive Gesinnung der Marine:

    Quote

    "Sehr zufrieden ist der Führer mit der politischen Haltung der Marine. Nicht nur Dönitz sorgt hier für einwandfreie politische Ausrichtung, auch Raeder hat das früher getan. Raeder war gar nicht so bigott, wie allgemein angenommen wurde. Er huldigte einem konfessionslosen Christentum, war aber von einer ausgesprochenen Treue und Anhänglichkeit. Dasselbe kann von Dönitz gesagt werden."

    (Ralf Georg Reuth (Hrsg.), Joseph Goebbels. Tagebücher Band 5: 1943-1945, München 2003, S. 2009-2011.)



    Und jetzt der wichtige Quellenhinweis, wonach Hitler die bisherige Gesinnung von Heer und Luftwaffe strikt ablehnte:


    Quote

    "Die Luftwaffe ist auch [wie das Heer] in keiner Weise als nationalsozialistisch anzusprechen, was in der Hauptsache darauf zurückgeführt werden muß, daß sie einen großen Teil ihrer Offiziere, vor allem ihrer älteren, aus dem Heer übernommen hat.

    Der Führer will [Generaloberst] Schörner zum NS-Führungsoffizier für das Heer machen. Das tut mir eigentlich etwas leid. Ich hätte mir Schörner als Nachfolger für Fromm für das Ersatzheer gedacht. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. [...]"


    (Ralf Georg Reuth (Hrsg.), Joseph Goebbels. Tagebücher Band 5: 1943-1945, München 2003, S. 2009-2011.)


    Das noch einmal zur Erinnerung an meine Erkenntnisse aus obigem von euch damals sehr ausführlich kommentierten Thread.


    Zur Güte schlage ich vor die Überschrift so zu relativieren, dass der fatale Eindruck verschwindet, dass das Sanitätswesen der Wehrmacht sich umfassend und ohne Eigeninteresse um die Kranken und Verwundeten sowjetischen Bürger gekümmert hat.


    Warum das? Der Titel ist doch in seiner jetzigen Form weitgehend neutral gehalten. In großen Lazarettstandorten der besetzten Gebiete wird die medizinische Versorgung eher "umfassend" gewesen sein, während sie in einsam gelegenen Dörfern und mitten in Partisanengebieten gering bis nicht vorhanden gewesen sein dürfte. Der jetzige Titel deckt doch eigentlich alle diese Möglichkeiten guter und schlechter Versorgung ab.


    Nun, da würde ich mal Herrn Dr. J. Mengele als Beispiel anführen, Truppenarzt der SS-Division "Wiking". Es wäre grotesk anzunehmen, dass er die jüdische Zivilbevölkerung erst Heilbehandlungen zugeführt und anschließend exekutiert hätte.


    Justus, wenn Du Mengeles Werdegang bei Wikipedia verfolgst, kannst Du doch sehen, dass er eine medizinische Tätigkeit gerade bei der Wehrmacht strikt abgelehnt und sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet hat.

    Damit wäre er für mich streng genommen kein richtiger "Militärarzt", weil die SS eine Organisation der NSDAP und damit eigentlich eine schwerbewaffnete Polizeieinheit des "Chefs der deutschen Polizei und SS" Heinrich Himmler war (ursprünglich "SS-Verfügungstruppe").

    Also eine politische Formation, während in der Wehrmacht für alle Soldaten das politische Neutralitätsgebot galt (d.h. Ruhen einer möglichen NSDAP-Mitgliedschaft).


    Ich habe deshalb den Thread damals ganz bewusst "Medizinische Versorgung durch die deutsche Wehrmacht" überschrieben, weil mich die Tätigkeit des medizinischen Personals der Waffen-SS nicht besonders interessierte. Außerdem sollte das Thema durch die Beschränkung auf die Wehrmacht eingegrenzt werden.


    Grüße,

    Bodo

    Darin wurde beispielsweise auch die Heilfürsorge für Landeseinwohner geregelt.

    So heisst es dort u.A. : ,,Soweit und solange im Bereich des Reichskommissars Ukraine und in den Heeresgruppen und Armeegebieten Zivilärzte und Privatkrankenhäuser zur Behandlung nicht zur Verfügung stehen,

    können die Sanitätseinrichtungen der Wehrmacht in Anspruch genommen werden."


    Hallo Chris,


    ich habe Deinen Post eben erst gesehen. Danke für den Text zu den Regelungen des VIII. Armeekorps bezüglich der "hilfswilligen" Sowjetbürger und deren Angehörigen, falls erstere im Dienst der Wehrmacht ums Leben gekommen waren. Bezieht sich denn die Passage über "Sanitätseinrichtungen der Wehrmacht" auf alle Landeseinwohner oder nur auf die genannten "Hilfswilligen" bei der Wehrmacht?


    Warum ist es dir denn eigentlich so wichtig diese Passage nocheinmal hervorzuheben?

    Diese hat doch schließlich nichts mit dem eigentlichen Thema zu tun.

    Es scheint als ob du jede Situation hier im Forum nutzen willst um die weit überwiegende Mehrheit der deutschen Soldaten als "Hitlergegner" und "Widerstandskämpfer" darzustellen.


    Also das habe ich doch nie behauptet. Es ging mir bei dem gesperrten Thread "Christen gegen Nazis in der Wehrmacht" um die Militäropposition und ihre (meist schweigenden) Sympathisanten als Nazi-Gegner, nicht als "Widerstandskämpfer". Dafür hätte die Mehrheit schon aktiver werden müssen.

    Aber dessen ungeachtet: Die Meinung der obersten NS-Führung (Hitler, Goebbels usw.) über die fehlende Gesinnungstreue der meisten Wehrmachtsverbände hatte ich doch mehrmals zitiert. Wenn mir dazu wieder etwas auffällt, wie bei Prof. Horst-Eberhard Richter über seine gefallenen Kameraden, dann kann ich das doch nochmals betonen? Er stand doch als Nazi-Gegner bei seiner Artillerieeinheit nicht allein auf weiter Flur, ganz im Gegenteil.


    Du hattest doch neulich auch die NSDAP-Gesinnung bei Dr. Horst Rocholl betont, den Hweni vorgestellt hatte?


    Der von Hweni eingestellte Feldpostauszug des ehemaligen NSDAP-Ortsgruppenleiters und Arztes Horst Rocholl gibt dazu gerade ein sehr gutes Beispiel ab,dass der Bevölkerung gezeigt werden sollte

    daß die Deutschen anständiger sind als die Juden und Bolchewisten.


    Ich fände es sehr interessant, wenn jemand einen NS-gesinnten Militärarzt zitieren könnte, der jede medizinische Behandlung der sowjetischen Zivilbevölkerung strikt abgelehnt hat. Im Sinne der neulich zitierten Äußerungen Hitlers zur Versorgung von Kolonialvölkern unter Kaiser Wilhelm II. und über den Einsatz deutscher Ärzte in der Sowjetunion unter seiner Herrschaft vom 19. 2. 1942

    (Post #165).


    Wie sieht es zudem mit der weit verbreiteten Auffassung aus den Bolschewismus in einem reinen Verteidigungskrieg abwehren zu müssen(Kampf zweier Weltanschauungen)?

    War dies deiner Meinung nach etwa nur ein Produkt der NS Propaganda oder hat man dies damals tatsächlich so empfunden?


    Das sind ja zwei unterschiedliche Dinge. Der "Weltanschauungskrieg" zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus war doch überall bekannt. Schon auf deutschem Boden seit den 1920er Jahren. Ein "Verteidigungskrieg" konnte es aus NS-Sicht eher nicht sein, weil Hitler seine Kolonialpläne in den besetzten Gebieten der Sowjetunion immer weiter verbreiten ließ.

    Das hatte ich neulich schon am Beispiel der Heeresgruppe Mitte zitiert:


    "Was jedoch die beiden Sonderbeauftragten [Feldmarschall von] Bock während des Essens erzählten, war so erschütternd, daß er geneigt war, an ihrer Zurechnungsfähigkeit zu zweifeln. Er sagte uns das in aller Offenheit. [...]"

    (Wilfried Strik-Strikfeldt, Gegen Stalin und Hitler. General Wlassow und die russische Freiheitsbewegung, Mainz, 1970, S. 32.)


    Hitlers Parteivertreter, die "Goldfasane" führten sich doch wie abgehalfterte Kolonialherren auf. In ihren Nobel-Kasinos in den besetzen Gebieten hatten manchmal auch keine Wehrmachtsoffiziere Zutritt. Das habe ich vor kurzem erst gelesen.


    Grüße,

    Bodo

    so sah die Hilfe der Stabsarzt Dr. Hubert Krenkel aus Österreich:


    Hallo Hweni,


    es gibt ja auch ein eigenes Erinnerungsbuch von Dr. Hubert Krenkel von 2002 mit dem Titel:

    "Krieg und Gefangenschaft in Russland und Heimkehr nach Zwettl".

    Besitzt Du das Buch zufällig? Ich hatte es vor drei Jahren auf meinem Merkzettel bei Booklooker, es gab nur gut 30 Exemplare überhaupt,

    und dann waren plötzlich alle ausverkauft. Der Arzt soll nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft eine sehr angesehene Landpraxis geführt haben. Vielleicht haben vor allem ehemalige Patienten die Bücher gekauft?


    Auch können wir Dr. Ruge (19. Panzer-Division) und Dr. Kohler (79. Infanterie-Division) neu in die Liste der behandelnden Truppenärzte aufnehmen.

    Fundort jeweils der Podzun-Bildband, Fortsetzung folgt.


    Interessante Hinweise, an Truppengeschichten und Divisions-Bildbände hatte ich bisher noch gar nicht gedacht. Meist kosten die Originalausgaben ja auch Unsummen, da hülfe wohl nur eine BW-Bibliothek in der Nähe, wenn man Näheres aus vielen solcher Bände erfahren wollte.


    Um den Aspekt der "Hausbesuche" deutscher Militärärzte und Sanitäter in der Sowjetunion aus meiner Sicht abzuschließen:


    Mein Einstieg in den Thread 2015 war ja die Frage nach den vor deutschen Krankenstuben und Lazaretten wartenden zivilen Patienten. Das war der Regelfall der ärztlichen Versorgung.

    Wenn die medizinische Behandlung bei den sowjetischen Patienten zu Hause erfolgte, mussten die Erkrankungen also entweder so schwer sein, dass ein normaler Transport mit Pferdewagen o.ä. nicht möglich war oder eine persönliche Fürsprache von Angehörigen bzw. deutschen Quartiersoldaten erfolgen.


    Die häufigsten solcher Fälle waren wahrscheinlich die ärztlichen Geburtshilfen bei Schwangerschaftskomplikationen.

    Weite Wege bis zu einem deutschen Lazarett oder Zivilkrankenhaus zurückzulegen war gerade im Winter nicht möglich.

    Aber auch wenn das Lazarett im selben Ort lag, konnten die Frauen es bei starkem Frost und hohem Schnee nicht immer erreichen.

    In solchen Situationen gab es dann anscheinend häufigere Hausbesuche.


    Der spätere Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe Klaus Gaydoul hat im Südosten der Sowjetunion bei Artemowsk einen solchen Hausbesuch durch den Assistenzarzt eines Hauptverbandplatzes miterlebt. Gaydoul war damals einfacher Sanitätsgefreiter:



    Gaydoul schildert dann, wie die medizinische Geburtshilfe durch den Assistenzarzt und die Nachkontrolle durch ihn selbst erfolgten:


    "Als dann der wirklich kalte Winter 1941 einsetzte mit bis zu -42°C Kälte bei uns, wurde es ruhiger. Dafür kamen wieder Flugzeuge, vor allem nachts.

    [...]

    Die schweren Maschinen machten entsprechend Lärm und bei den tiefen Temperaturen und einem ganz klaren Himmel konnten wir ohne Fernglas deutlich erkennen, wie bei offener Ladeluke aus ca. 500 m Höhe 2 Mann die Bomben herausgehoben haben.


    Aber es gab in dieser winterlichen Einsamkeit auch erfreuliche Erlebnisse, wenn auch unter den gegebenen Umständen seltsam anmutend.


    Wir hatten ganz selten mal einige alte Leute vermummt bei ihren kleinen Häusern gesehen. Als dann eines Nachts - es war bitterkalt - unser Assistenzarzt mich holen ließ, war natürlich meine Spannung riesengroß. Er hatte eine Notfalltasche bei sich und wir gingen beide in Begleitung eines älteren Mannes in ein Haus, nicht weit entfernt von unserem.


    Dort begrüßte er uns mit Handkuss (wohl in der Zarenzeit noch üblich) ebenso wie eine ältere Frau und führte uns in einen Raum mit einer Öllampe. Dort lag auf einer Pritsche die Tochter und hatte Wehen.


    Es dauerte nicht lange und ein prächtiger, sich laut meldender Knabe war geboren. Auch wenn der Kindsvater als Offizier [der Roten Armee] bei seinem ersten Kind nicht dabei war, bestand doch allseits große Freude durch die Geburt des Kindes.

    Zur Nachkontrolle innerhalb der nächsten Tage wurde ich beauftragt und konnte erleben, wie eine Säuglingsnahrung bereitet wurde.


    Im Moerser wurden Maiskörner klein gemahlen und kurz aufgekocht. Dem Neugeborenen hat es offenbar geschmeckt, denn die Muttermilch kam erst in den nächsten Tagen dazu. Das war mal eine erfreuliche Seite des Krieges.

    [...]"

    (Dr. Klaus Gaydoul, Vom Sanitätsgefreiten zum Facharzt. Lebenserinnerungen eines Facharztes für Frauenheilkunde und Geburtshilfe im beruflichen und privaten Leben, Friedberg 2015, S. 12-14.)



    Vor längerer Zeit hatte ich aus der Biographie über den Wehrmachtsarzt Kurt Reuber Textauszüge eingestellt (Post #116)

    Der Autor Erich Wiegand hatte über Reubers medizinische Tätigkeit aber auch als Maler der berühmten "Stalingrad-Madonna" berichtet.

    Hier finden sich ebenfalls die Schwerpunkte Geburtshilfe und kranke Kinder und Senioren sowie viele Hausbesuche:


    Quote

    "Reubers Dienst führt ihn immer wieder in die Behausungen der Zivilisten, die auf dem Lande in den wenigen unzerstörten Hütten oder in Erdlöchern dahinvegetieren. Viele, besonders Alte und Kinder, sind krank. Der ständige Hunger und die durch die Kriegsschrecken erlittenen Wunden haben die Menschen geschwächt und für Krankheiten anfällig gemacht. Wo immer Reuber auf Kranke trifft, behandelt er sie und hilft, so gut er kann.


    Schwangeren Frauen wird er zum Geburtshelfer. Die Väter der Neugeborenen kämpfen auf der anderen Seite der Front, und während ein solcher Vater im Kampf fällt, hilft ein deutscher Truppenarzt bei der Geburt von dessen Kind - grausame Absurdität des Krieges, zugleich aber doch auch ein Protest des Lebens gegen den Tod. Das Weinen und Wimmern der hungernden Mütter und ihrer Kinder geht Reuber besonders nahe. Er teilt mit ihnen seine Verpflegung, dabei von vielen seiner Soldaten unterstützt."

    (Erich Wiegand, Kurt Reuber. Pfarrer, Arzt und Maler, Kassel 2004, S. 93-94.)


    Neben seiner medizinischen Tätigkeit hatte Dr. Reuber aber noch Gelegenheit, 150 Porträtzeichnungen von Menschen aus der Zivilbevölkerung anzufertigen. Wegen dieser Zeichnungen und aufgrund seiner medizinischen Behandlung der Zivilbevölkerung ist er in Wolgograd bis heute hoch angesehen. Darauf weist die Seite "Kulturportal Russland" hin. 2015 waren die Zeichnungen Reubers Gegenstand einer deutsch-russischen Ausstellung in Berlin, Halle, Magdeburg und Wittenberg:


    Quote

    "Deutsch-Russische Veranstaltungen

    Kultur Berlin

    Kurt Reuber wurde durch sein Bild »Die Madonna von Stalingrad« weltbekannt. 1906 in Kassel geboren, starb er 1944 im Gefangenenlager Jelabuga (UdSSR). Er war Pfarrer, Künstler und Arzt und als solcher Soldat der VI. Armee. Im Verlauf des Russland-Feldzugs fertigte Kurt Reuber ca. 150 Porträtskizzen von russischen Menschen - Kindern, Frauen, Männern - an, denen er v.a. in seiner Eigenschaft als Arzt begegnete. In ihrer einfühlsamen und eindringlichen Art sind sie nicht allein Zeugnisse künstlerischen Schaffens, sondern Protokolle menschlicher Begegnungen in hasserfüllter Zeit und insofern ein frühes Dokument der Versöhnung. Eben deshalb genießt Kurt Reuber bis heute in Wolgograd hohes Ansehen."

    http://www.kulturportal-russla…-weg-nach-stalingrad.perm


    Quote

    Die Schirmherrschaft für die Ausstellung haben der Landtags Präsident des Landes Sachsen- Anhalt, Detlef Gürth und der Direktor des Russischen Hauses für Wissenschaft und Kultur und Botschaftsrat der Russischen Föderation in Deutschland, Oleg Ksenofontov übernommen.


    Als weiteres Beispiel für einen spontanen Hausbesuch durch einen deutschen Truppenarzt bei einer russischen Familie möchte ich jetzt noch aus dem bekannten Buch "Endstation Moskau 1941/1942" von Dr. Heinrich Haape zitieren.

    Dr. Haape musste im Sommer 1941 auch ein neu eingerichtetes Kriegsgefangenenlager bei der 9. Armee medizinisch betreuen und wurde auf der Rückfahrt zu seinem Quartier von einem älteren Russen angehalten. Dieser bat ihn darum, nach einer seiner Töchter zu sehen, die schwer an Grippe erkrankt war. Gemeinsam fuhren mit sie dem Dienstwagen zum 5 km entfernten Haus der russischen Familie:



    Nach der Untersuchung und Diagnose erhält der Vater der jungen Frau noch Medikamente und es entwickelt sich ein kurzes Gespräch zur politischen Situation in Sowjetrussland:


    "Hier leben nur meine drei Töchter und ich. Meine Frau ist vor vierzehn Jahren im Kindbett gestorben!", sagte der alte Mann, als wir ins Haus traten. Dies hatte ein Wohnzimmer und ein Schlafzimmer und wich dadurch von den üblichen russischen Häusern ab.

    Auf einem Bett lag das etwa zwanzig Jahre alte kranke Mädchen. Ihre beiden Schwestern von etwa fünfzehn und siebzehn Jahren grüßten höflich und verließen unaufgefordert den Raum. Ich untersuchte die Kranke und stellte eine schwere Grippe fest. Sie atmete mühsam und hatte hohes Fieber.


    "Ihre Tochter ist wirklich sehr krank!", sagte ich zu dem alten Mann, als wir in das Wohnzimmer zurückgingen. "Zuerst müssen wir das Fieber herunterbringen. Machen Sie nachmittags und abends kalte Umschläge und geben Sie ihr dreimal täglich zwei Pyramidontabletten und Cardiazol zur Herzstärkung. Die Medizin erhalten Sie von mir. Nächste Woche komme ich wieder vorbei!"


    "Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Doktor!"

    Der Russe neigte seinen Kopf. "Möchten Sie nicht eine Tasse Tee? Greta!"

    Das ältere Mädchen brachte den Tee in einem Samowar. Wir setzten uns auf geschnitzte Eichenstühle, die noch aus anderen Zeiten stammten, und der Alte erzählte mir aus seinem Leben. Er hatte vor der kommunistischen Revolution in Paris und Wien Sprachen studiert und dann eine Zeit in Berlin, London und Monte Carlo gelebt.


    "Wie haben Sie die Revolution überstanden?", fragte ich.

    "Meine verstorbene Frau war Schwedin. Während der Unruhen zogen wir uns aufs Land zurück und versteckten uns, bis das schlimmste Blutvergießen vorbei war. Dann brauchten die Bolschewisten Menschen mit Fremdsprachenkenntnissen. So lebten wir einige Jahre in Moskau und ich übersetzte deutsche und französische wissenschaftliche Abhandlungen und Zeitungsartikel ins Russische."


    Er lächelte. "Ich glaube, damals wußte ich weit mehr über Deutschland und Frankreich als Ihre Landsleute über Rußland!"

    "Und heute? Lassen die Bolschewisten Sie jetzt in Ruhe?"

    "Ich bin froh, meine Töchter hier großziehen zu können. Wir kümmern uns um unsere eigenen Angelegenheiten. Aber, Herr Doktor, wenn Sie den Bolschewismus richtig verstehen wollen, müssen Sie die westliche Spielart des Kommunismus vergessen! In der Praxis haben die deutschen oder französischen Kommunisten mit den russischen wenig gemein, was diese aber selbst nicht wissen! Hier hat niemand Menschenrechte, man ist nichts als eine Arbeitseinheit. Ein Mensch existiert für die Partei nur solange, wie er produzieren kann.


    Bedenken Sie, die 200 Millionen Einwohner Rußlands waren im Anfang das einzige Rohmaterial, das den Bolschewisten zur Verfügung stand! Nun ist die Partei zu einem Gott geworden!"

    "Und doch haben Sie Ihre heilige Ikone noch in der Ecke?"

    "Ja, das haben wir, wie auch viele andere russische Bauern. Aber in einer bolschewistischen Wohnung werden Sie in einer Wohnzimmerecke kein heiliges Bild mehr finden, sondern ein Bild Stalins. Er und Lenin sind an die Stelle von Gott getreten!"

    Ich mußte gehen.

    "Erzählen Sie dies aber bitte keinem anderen!", bat er.

    [...]"

    (Heinrich Haape, Endstation Moskau 1941/1942. Tagebuch eines Frontarztes, Stuttgart 1980, S. 120-121.)



    Grüße,

    Bodo

    Hallo zusammen,


    ich wollte als Ergänzung zu meinem vorigen Beitrag noch ein ähnliches medizinisches Notfallereignis wie bei Hweni ("Freundeskreis Hagen-Smolensk") und Dr. Aufmesser erwähnen. Ebenfalls Diphtherie bei einem russischen Kind in einem lebensgefährlichen Stadium.


    So weiß der Freundeskreis Hagen Smolensk zu berichten:

    Als ich Weihnachten 2012 mit unserer Smolensker Freundin Tamara F. sprach und ihr von den Neuigkeiten berichtete, erzählte sie mir eine weitere schöne Geschichte. Sie lebte mit ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester im Krieg in einem kleinen Haus bei Smolensk. Ihre Schwester war sterbenskrank und niemand konnte Hilfe leisten. In dieser Zeit wurden einige deutsche Offiziere in ihrem Haus einquartiert. Es stellte sich heraus, dass einer der Männer Arzt war. Er erkannte sofort die schwere Erkrankung des kleinen Mädchens und behandelte sie hingebungsvoll über viele Tage – bis die Soldaten weiter ziehen mussten. Die Schwester konnte durch den Arzt von der Krankheit genesen und immer wieder ist über das Handeln des Arztes in der Familie erzählt worden und die Dankbarkeit hält bis heute an – den Namen des Mannes kennt Tamara leider nicht mehr


    Das Beispiel finde ich deshalb bemerkenswert, weil im russischen Jahrhundertwinter 1941/42 wegen Frost unter Minus 30 Grad Celsius und meterhohen Schneeverwehungen zeitweise nur noch Kettenfahrzeuge fahren konnten. Deshalb erfolgten Transporte zum Verbandsplatz oder Lazarett häufig mit Schlittenkolonnen.

    Das schwerkranke etwa dreijährige russische Mädchen musste aber (zusammen mit seiner Mutter und dem Truppenarzt) etwa 2 km in einem deutschen Panzer zum Ortslazarett transportiert werden.


    Zur besseren Einordnung: Im vorliegenden Fall handelte es sich um einen deutschen Panzerkampfwagen IV, damals 1941/42 als "mittlerer Panzer" der stärkste und größte deutsche Kampfwagen:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Panzerkampfwagen_IV


    Allerdings musste er mit seiner sogenannten "Stummelkanone" auf unter 100 m Entfernung an den sowjetischen mittleren Panzer T-34 herankommen, um überhaupt eine Schusswirkung zu erzielen. Der T-34 hingegen konnte mit seiner Langkanone den deutschen Panzer IV bereits aus 500 m mühelos zerstören. Das gleiche gilt übrigens für den häufigeren deutschen Panzer III. Die meisten deutschen Panzer mussten in diesem Winterrückzug jedoch wegen Spritmangel oder Frostschäden ohne Feindeinwirkung gesprengt werden. Deshalb in diesem Fall der einzelne vor der Hütte parkende Panzer

    (Quelle: Wolfgang Fleischer, Deutsche Panzer 1935-1945. Technik, Gliederung und Einsatzgrundsätze der deutschen Panzertruppe, Wölfersheim-Berstadt 1995, S. 80.).


    Die medizinische Notfallbehandlung ereignete sich zwischen dem 18. und 20. Dezember 1941 im Mittelabschnitt der Ostfront bei einer deutschen Panzerdivision. Der berichtende Soldat Karl Herzog war Kompaniechef bei den Panzerpionieren und erinnerte sich noch Jahrzehnte danach an alle Einzelheiten, weil ihm die dankbare Mutter des russischen Kindes eine ihrer Ikonen geschenkt hatte (wie auch dem Truppenarzt und einem Transporthelfer). Diese Ikone hatte der Soldat auch nach dem Krieg in Ehren gehalten und in seiner Wohnung immer vor Augen, als er von diesem Kriegserlebnis berichtete:




    Ein erster Behandlungsversuch des Truppenarztes mit Medikamenten schlägt fehl, da die Krankheit zu weit fortgeschritten ist:


    "Mit mir ist der Bataillonsarzt ins Haus eingezogen. Ich sage zu ihm: "Sieh doch nach, Doktor! Denk an unsere beiden Mädchen!"

    Der Doktor steht schon bei dem Kind und bedeutet der weinenden Mutter, daß er ein "Wratsch", ein Arzt sei. Die Frau blickt ihn ungläubig an. Er wickelt das Mädchen aus Decken und Hüllen und schaut mich an: "Es fiebert stark!"

    Er beugt sich tief über das röchelnde Kind, tastet das Hälschen ab, schüttelt den Kopf und holt seine Arzttasche. Die leise vor sich hin jammernde Mutter verfolgt jede Bewegung des Arztes mit angstvollen Blicken. Ich knie bei dem Kind nieder und murmle beruhigende Worte. Nun flößt der Doktor dem Mädchen eine Medizin ein; es jammert aber immer noch mit stoßweise gehendem Atem. Dann sitzen wir am Tisch vor der Ikonenecke, ich schreibe bei Kerzenlicht eine Meldung. Die Pioniere schnarchen ihren melodischen Chor, einige rauchen. Der Doktor geht zu ihnen: "Bitte nicht! Das Kind kann kaum mehr atmen!" Sie verstehen ihn sofort.


    Der Doktor flüstert mir zu: "Das Kind hat Diphtherie im letzten Stadium."

    Ich frage ihn: "Kannst du helfen?"

    Er antwortet nur: "Ich nicht. Hier nicht!"

    Das arme Würmchen ist auf die Medizin hin wohl etwas ruhiger geworden, aber immer noch geht der Atem rasselnd. Die Mutter kommt an den Tisch, kniet nieder und verbeugt sich, immer wieder bekreuzigend, tief, immer tiefer; aber sicher nicht vor uns, sondern vor den Bildern in der Ikonenecke, vor der wir sitzen.

    Nur der schwere Atem des Kindes ist zu hören und das orgelnde, leise Schnarchen der erschöpften Pioniere. Der Doktor und ich schauen uns an. Ich mache eine fragende Bewegung mit Händen und Schultern, doch er schüttelt den Kopf, senkt den Blick und schweigt."


    (Karl Herzog, Deutsche Panzerpioniere retten ein russisches Kind, in: Helmut Karschkes (Hrsg.), Menschlichkeit im Krieg. Soldaten der Deutschen Wehrmacht und ihre Gegner berichten, Graz, Stuttgart 2000, S. 54-56.)



    Der lebensrettende Zufall ergibt sich dann aus dem Eintreffen der deutschen Panzerbesatzung, die Schutz vor dem gefährlichen Frost sucht (die deutschen Panzer hatten keine eingebaute Heizung). Zum Glück konnte der Fahrer von Hauptmann Herzog fließend russisch sprechen, so dass er der Mutter sagen konnte, wie die deutschen Soldaten das kranke Kind ins nahe Lazarett zur Notoperation bringen wollten:



    "Ohne den Panzer ginge es nicht: er allein kommt durch" ist vielleicht der entscheidende Satz in diesem Abschnitt. Nachdem die Besatzung den Bataillonsarzt, die Patientin und ihre Mutter zum Lazarett gebracht hatte, ist sie wahrscheinlich ebenfalls dort geblieben. Falls der Truppenarzt wegen eines Notfalls schnell zu seiner Truppe zurückkehren musste, könnte ich mir vorstellen.


    Nach der zum Glück gut verlaufenden Operation kann der Arzt am nächsten Tag zusammen mit der Mutter in ihr Haus, das vorübergehend als Kompaniegefechtsstand diente, zurückkehren:


    "19. Dezember 1941: Die Kompanie wartet auf den Befehl zum Weitermarsch in den neuen Einsatzraum der Division. Die Pioniere können noch ruhen. Aber immer wieder kommen sie und fragen:

    “Wie geht’s der Kloan?” Alle Landsmannschaften der Kompanie bangen um das kleine russische Mädchen!

    Die Funkverbindung ist wieder klar, sogar die Fernmelder haben eine Strippe gezogen - ohne Befehl!


    Um 10.00 Uhr ruft unser Doktor an. Hell klingt seine Stimme. “Alles gutgegangen. Dr. X hat die Kleine operiert. Ich komme mit der Mutter heute nachmittag zur Kompanie zurück. Mensch, da haben wir Glück gehabt. Gerade noch!”

    Ich antworte: “Gratuliere! Denke auch an deine Mon und meine Uta!”


    Dann berichte ich den Pionieren. Sie freuen sich, und manchen sehe ich, wie er sich vor der Ikonenecke bekreuzigt.

    Am Abend kommt der Doktor mit der Mutter zurück. Sie will mir unter Tränen die Hand küssen, dann auch dem Panzerfeldwebel. Ich drücke ihm ganz fest die Hand, und der Koch bringt den beiden eine Riesenportion dicke Fleischsuppe.

    Der immer fröhliche Doktor strahlt übers ganze Gesicht. Er hat auch erwirkt, daß die Mutter, wenn die Kompanie abrückt, mit ins Lazarett gebracht wird und bei ihrem Kind bleiben kann.


    Den Männern der Kompanie haben die “Ruhetage” gutgetan. Irgendwo findet sich ein Rest Marketenderware. Der Doktor und ich gehen in die anderen Hütten, und er muß erzählen. Die Pioniere feiern die Rettung des kleinen Mädchens so, als wäre es eines ihrer Kinder, ein Schwesterchen oder ein Nachbarskind."


    (Karl Herzog, Deutsche Panzerpioniere retten ein russisches Kind, in: Helmut Karschkes (Hrsg.), Menschlichkeit im Krieg. Soldaten der Deutschen Wehrmacht und ihre Gegner berichten, Graz, Stuttgart 2000, S. 54-56.)



    Am letzten "Ruhetag" seiner Kompanie erleben Karl Herzog und seine Kameraden nochmals die Dankbarkeit der Mutter, von der sie sich respektvoll verabschieden. Die weitere medizinische Behandlung ihres Kindes im Ortslazarett dürfte mindestens noch eine Woche gedauert haben, wenn man die Wikipedia-Infos zur Diphtherie nachliest:


    Quote

    "20. Dezember 1941: In der Nacht kommt der erwartete Abmarschbefehl, auch für den Panzer IV und seinen tüchtigen Kommandanten. Um 7.00 Uhr muß abgerückt werden.

    Die Hausfrau hat das Hin und Her und die Aufbruchstimmung verstanden. Unser Feldwebel Strauß erhält den Auftrag, sie ins Lazarett zu fahren. Er packt ihre Sachen zusammen und hilft ihr, wo er kann.


    Als dann die Pioniere zu den Fahrzeugen gehen, tritt die Frau an den Tisch unter der Ikonenecke. Da stehe ich mit dem Doktor. Sie verbeugt sich, bekreuzigt sich mehrmals und geht um den Tisch herum. Dann nimmt sie die Ikone ab und überreicht sie mir mit einer tiefen Verbeugung, will meine Hand küssen und sagt: “Dank! Bald nach Hause!”

    Die nächste Ikone überreicht sie unserem Doktor mit denselben Worten, und auch der Feldwebel Strauß erhält ein solches Geschenk. Wir sind tief bewegt und verbeugen uns vor dieser Frau und Mutter. - So fahren wir dem vierten Adventsonntag entgegen.


    Am Ende seines Berichts muss Karl Herzog dann noch feststellen, dass er der einzige von den drei mit Ikonen beschenkten Offizieren ist, der den Krieg überlebt hat:


    "Der gute, fröhliche Doktor und der lebensfrohe Feldwebel, später Leutnant Strauß ruhen in Rußlands Erde. Mir hat der Dank der russischen Mutter mit dem “bald nach Hause” Glück gebracht. Jeden Tag beim Aufstehen und beim Schlafengehen stehe ich vor der Ikone und denke an die russische Mutter und ihr Kind.”


    (Karl Herzog, Deutsche Panzerpioniere retten ein russisches Kind, in: Helmut Karschkes (Hrsg.), Menschlichkeit im Krieg. Soldaten der Deutschen Wehrmacht und ihre Gegner berichten, Graz, Stuttgart 2000, S. 54-56.)



    Grüße,

    Bodo

    Hallo Hweni,


    vielen Dank für die eindrucksvollen Literatur- und Netzfunde! Gut, dass Du soviel Zeit für diese Recherche investiert hast. Zwei Deiner Berichte aus den Büchern von Reinhold Busch sind mir auch schon begegnet, aber besonders die Reiseberichte aus dem Freundeskreis Hagen-Smolensk haben mich sehr beeindruckt:


    Dort sieht man es als Selbstverständlicheit an, jeden neuen Fund an Menschlichkeit und ärztlichem Ethos mit seinen deutschen Gästen zu teilen.

    So weiß der Freundeskreis Hagen Smolensk zu berichten:

    ...

    In dieser Zeit wurden einige deutsche Offiziere in ihrem Haus einquartiert. Es stellte sich heraus, dass einer der Männer Arzt war. Er erkannte sofort die schwere Erkrankung des kleinen Mädchens und behandelte sie hingebungsvoll über viele Tage – bis die Soldaten weiter ziehen mussten. Die Schwester konnte durch den Arzt von der Krankheit genesen und immer wieder ist über das Handeln des Arztes in der Familie erzählt worden und die Dankbarkeit hält bis heute an – den Namen des Mannes kennt Tamara leider nicht mehr.


    Ich vermute fast, es könnte sich bei der schweren Kinderkrankheit um Diphtherie gehandelt haben. Diese scheint in Osteuropa weit verbreitet gewesen zu sein. Auch der bekannte Psychoanalytiker und Friedensaktivist Horst-Eberhard Richter berichtete davon, wie er einen kranken russischen Jungen mit dieser Krankheit zuhause untersucht hat (als eingezogener Artillerist, der bereits Medizinvorlesungen besucht hatte) und dass er dann selbst an Diphtherie erkrankt ist.

    Deshalb musste er nicht mit nach Stalingrad marschieren und konnte nach seiner Genesung in eine Sanitätskompanie wechseln.


    "Horst-Eberhard Richter (* 28. April 1923 in Berlin; † 19. Dezember 2011 in Gießen[1]) war ein deutscher Psychoanalytiker, Psychosomatiker und Sozialphilosoph. Der Autor zahlreicher Bücher galt vielen auch als der „große alte Mann“ der bundesdeutschen Friedensbewegung."

    https://de.wikipedia.org/wiki/Horst-Eberhard_Richter



    Man beachte seinen fairen Hinweis auf seine Frontkameraden, die den Weg in den Untergang nach Stalingrad antreten mussten:

    "Die allermeisten, die ich an der Front näher kennen gelernt hatte, waren genauso wenig gesinnungstreue Hitlersoldaten wie ich."

    (Horst-Eberhard Richter, Wanderer zwischen den Fronten. Gedanken und Erinnerungen, Köln 2000, S. 23.)


    PS: Luftwaffenärzte gehören nicht zum Thema?


    Doch, ganz bestimmt gehören Luftwaffenärzte dazu, schließlich waren sie Teil der deutschen Wehrmacht und ebenfalls an der Ostfront eingesetzt.


    Guten Abend,


    immer wieder die Zahnärzte, ganz anders als meine Dentistin


    Über die Behandlung durch deutsche Zahnärzte habe ich in den letzten Jahren leider kaum etwas finden können.

    Nur den Hinweis bei Dr. Max Aufmesser, den ich neulich schon zitiert hatte, wie schlecht der Zustand der Gebisse bei der russischen Landbevölkerung war. Die deutschen Militärärzte hatte damit offenbar häufig zu tun, also auch die "normalen" Chirurgen:


    Quote

    "Ein sehr wichtiges Kapitel waren die Zahnerkrankungen. Die Leute kamen mit oft unglaublich verwahrlosten Gebissen, Kieferphlegmonen und dementsprechenden Schmerzen zu mir. Da halfen häufig sowieso nur Extraktionen und Inzisionen, ganz abgesehen davon, dass ich, was Ausrüstung und Ausbildung anbelangt, zu etwas Anderem gar nicht im Stande gewesen wäre."

    (Max Aufmesser, Ein Leben zwischen Ende und Anfang, Neckenmarkt, Wien, München 2007, S. 183-184.)


    Und dann auch wieder schwere Fälle von Diphtherie bei russischen Kindern, die Dr. Aufmesser in der Sowjetunion begegnet sind. Im konkreten Fall sogar eine lebensnotwendige Hausoperation in einer "kleinen Kate":


    Quote

    "Mein schönster und spektakulärster Erfolg war die Rettung eines diphteriekranken Kindes vor dem Erstickungstod. Ich habe auf dem Küchentisch der kleinen Kate eine Tracheotomie gemacht, von der der bewusstlose Bub schon nichts mehr spürte. Als ich nach einigen Tagen das Röhrchen wieder aus der Luftröhre entfernte, konnte er wie vorher normal atmen. Die glücklichen Eltern kündigten mir an, sie würden ihren Sohn, der natürlich schon einen Vornamen hatte, von nun an nach mir nennen: Maxim."

    (Max Aufmesser, Ein Leben zwischen Ende und Anfang, Neckenmarkt, Wien, München 2007, S. 183-184.)


    Grüße,

    Bodo

    Hallo zusammen,


    um nochmals auf die Partisanengebiete zu sprechen zu kommen. Im Verlauf des Krieges wurden diese natürlich immer größer,

    kein deutscher Militärarzt oder Sanitäter konnte sich dort blicken lassen.


    Der Sanitätssoldat Wolfgang Knuth hat das bei seinen ersten Einsätzen sogar für Polen festgestellt:

    "Zamosc, 24. 4. 1944

    [...] Für uns sind die Dörfer unbetretbares Gebiet. Wir kennen nur Städte und Bahnlinien. Vergleichbar mit den berühmten Gefrierfleischadern: in der Mitte die Rollbahn, rechts und links ein schmaler Streifen, den die Deutschen beherrschen, das breite Rot die Partisanen. Die Auslegung scheint passend zu werden. [...]"


    (Hermann Deeters, Herwig Knuth (Hrsg.), Wolfgang Knuth. Briefe an Anna 1944 bis 1945. Briefe des Sanitätssoldaten und Pfarrers Wolfgang Knuth an seine Frau und Kinder, Rödingen 2002, S. 41.)



    Wolfgang Knuth dachte dabei wohl an den "Gefrierfleischorden" zur Winterschlacht 1941/42, im Lexikon der Wehrmacht so beschrieben:

    Quote

    Medaille "Winterschlacht im Osten 1941/42"

    genannt "Ostmedaille"

    Das Band, der von den "Landsern" als "Gefrierfleischorden" genannten Medaille, mit den Worten "In der Mitte die Straße, außen der Schnee, und um uns herum die Rote Armee." umschrieben.

    http://www.lexikon-der-wehrmacht.de/Orden/mwio.html


    Manchmal wurden deutsche Fronteinheiten aber dennoch in Partisanengebiete abseits der Rollbahnen geschickt und konnten dort auf medizinische Notfälle bei der Zivilbevölkerung treffen.


    Es gibt eine Schilderung derartiger Ereignisse von Hans Schäufler, den ich ebenfalls im Thread zum Thema "Christen gegen Nazis in der Wehrmacht" schon einmal mit einem Bericht zu einem deutsch-russischen Weihnachtsgottesdienst 1941 zitiert hatte.


    Schäufler hat mehrere bekannte militärhistorische Bücher verfasst, u.a. "So lebten und so starben sie. Das Buch vom Panzer-Regiment 35" und "1945 - Panzer an der Weichsel. Soldaten der letzten Stunde".

    Das Buch "Der Weg war weit... Panzer zwischen Weichsel und Wolga" hat er auch herausgegeben. Daraus stammt der Bericht zum Überleben in einem Partisanendorf, den ich hier gern auszugsweise zitieren möchte:

    "Partisanen. Die Geschichte einer Koexistenz"

    Als Offizier der 4. Panzer-Division sollte Schäufler im Mai 1943 mit 14 Mann neue Halbkettenfahrzeuge in Bobruisk abholen. Weil sich der Transport verzögerte, wurde sein Nachrichtentrupp in ein 15 km entferntes gefährliches Partisanengebiet geschickt, um dort Präsenz zu zeigen. Das Dorf gibt er nur mit der Endsilbe "...witschi" an; vermutlich sollte die Nachkriegs-Identifikation der Partisanenführer wegen der späteren wochenlangen "Koexistenz mit den Faschisten" erschwert werden:


    Quote

    "Mai 1943 - In den großen Wäldern um Trubschewsk machten wir zum erstenmal Bekanntschaft mit russischen Partisanen-Großverbänden. Mitten in diesem schmutzigen Krieg bekam ich Auftrag, mit 14 Mann, einer Funkstelle und einem Kübelwagen in Bobruisk 5 Halbkettenfahrzeuge abzuholen, die für unsere Nachrichtenabteilung angekündigt waren.

    In der Etappenstadt an der Beresina meldete ich mich ordnungsgemäß mit meinem zusammengewürfelten Haufen bei der Ortskommandantur, mit dem verständlichen Wunsch im Herzen, nach dem harten Winterkrieg und all dem Klamauk jetzt für ein paar Tage eine ruhige Kugel mit Frontkino und Soldatenheim schieben zu können.

    - "Prima, eine Funkstelle haben Sie auch dabei", stellte der dickliche Etappenoberst bei Durchsicht meiner Marschpapiere fest. - "Da habe ich ein feines Quartier für Sie!"

    - Der Traum von der ruhigen Kugel war ausgeträumt, eher er beginnen konnte. Ich wurde mit meinen wirklich ruhebedürftigen Männern in ein Dorf mitten im Wald - es war so etwas mit ...witschi - geschickt, weil es dort von Partisanen nur gerade so wimmeln sollte. Zum Schutz der Rollbahn, meinte der "Etappenkönig", da die Genossen dort jede Nacht Minen legten, Brücken sprengten, kleinere Gruppen von Soldaten überfielen. Man gönnte uns armen Frontschweinen die paar Tage Ruhe nicht, obwohl die Stadt an der Beresina von Soldaten der rückwärtigen Dienste geradezu überquoll."


    Durch Partisanenangriffe in der Nacht und heimlich verlegte Minen auf dem Weg hat Schäuflers Trupp gleich am ersten Tag zwei schwerverwundete Soldaten (und einen kaputten Kübelwagen) zu beklagen:


    "So zogen wir also mit einer Mordswut im Bauch in unser ...witschi. Dort glaubten wir in unserer Sorglosigkeit mit einem nächtlichen Doppelposten auszukommen. Das war leider ein Trugschluß. Die ganze Nacht geisterte es um unsere Häuser herum, und die Posten wurden aus dem Hinterhalt beschossen. Ein blutjunger Gefreiter mußte dran glauben. Mit einem Lungensteckschuß blieb er liegen.

    Wir hatten nicht einmal einen Sanitäter bei uns. So mußten wir den armen Kerl unversorgt bei Nacht und Nebel, bei Partisanen und verminten Straßen, nach dem 15 Kilometer entfernten Bobruisk bringen.


    Rumms!- wir rasselten schon nach 500 Metern auf so eine verfluchte Mine und hatten nochmals einen Schwerverletzten.

    Überall huschten Gestalten durch das Gebüsch. Mit einem organisierten Panjewagen versuchten wir es ein zweitesmal, mogelten uns diesmal querfeldein mit einem mächtigen Groll im Bauch und dem Wunsch im Herzen, die Brüder möchten sich doch offen zum Kampf stellen. Den Gefallen taten sie uns allerdings nicht."

    (Hans Schäufler, Partisanen. Die Geschichte einer Koexistenz, in: Derselbe (Hrsg.), Der Weg war weit... Panzer zwischen Weichsel und Wolga, Neckargemünd 1973, S. 145-148.)


    Quote

    "Bei der Rückfahrt am hellichten Tag sahen wir da und dort Zivilisten, die uns hämisch grinsend grüßten. Kaum waren wir zweihundert Meter weiter, erhielten wir von hinten Feuer. Wir konnten die Kerle einfach nicht fassen, wollten wir nicht Unschuldige mitbestrafen. -


    Gab es hier überhaupt Unschuldige? Wir bezweifelten es fast. Aber ich hatte auch nicht den Ehrgeiz, im Kampf mit Partisanen zweifelhafte Lorbeeren zu ernten. Ich wollte nur die mir anvertrauten Männer heil und gesund aus diesem Schlamassel bringen."


    Und jetzt kommt der Teil mit der medizinischen Behandlung, der stark an das Anfang Mai von mir eingestellte Beispiel mit dem von Partisanen bedrohten Verbandsplatz erinnert, wo die Versorgung allerdings vor Ort erfolgte:


    "[...] Eines Nachts tauchten auf dem Verbandsplatz berittene Partisanen auf, verschwanden aber dann wieder. Am nächsten Tag wurde uns gesagt, der geplante Überfall wäre von den Dorfbewohnern verhindert worden; sie wollten sich für die ärztliche Versorgung dankbar erweisen."

    (Albrecht Schübel, 300 Jahre evangelische Soldatenseelsorge, München 1964, S. 220.)



    Schäufler beschreibt das Erkennen eines medizinischen Notfalls bei einer russischen Frau durch die deutschen Soldaten so:


    "Aber aus dem wenigen Schlaf wurde nach einigen Tagen auch nichts mehr, denn just in unserer Bude lag eine junge Frau in den Wehen. Sie brüllte in Intervallen wie am Spieß, eine ganze Nacht lang, einen ganzen Tag lang.

    Zuerst hatten wir kein Mitleid mit ihr, wir glaubten sogar, es wäre ein Teil des Nervenkrieges gegen uns. Allmählich mußten wir doch einsehen, daß die Arme unheimliche Schmerzen haben mußte. Sie schaute uns mit stummem Blick bittend an. Aber was konnten wir schon tun? Sollten wir uns einfach ein anderes Quartier suchen? So etwas wie eine Hebamme war ja bei ihr. Einen russischen Arzt aber gab es weit und breit nicht. Doch man konnte die Arme doch nicht verenden lassen, wie ein Tier!


    Ich erinnerte mich, daß der Arzt, der im Lazarett zu Bobruisk unsere beiden Verwundeten versorgt hatte, im zivilen Leben Frauenarzt und Geburtshelfer war. Ob man sie nach Bobruisk bringen konnte?


    - Als ich mit meinen Kameraden darüber sprach, lehnten einige es strikt ab: "Sollen vielleicht wir das Partisanenweib zum Arzt fahren und dabei als Dank dafür hochgejagt werden?"

    - "Die gemeinen Brüder schießen aus dem Hinterhalt unsere Kameraden ab wie die Hasen - und wir sollen ihre Weiber durch den Wald in die Stadt zu einem deutschen Arzt fahren, damit sie neue Partisanen zur Welt bringen können!"

    - Ich konnte es ihnen bei Gott nicht verdenken. So wartete ich noch eine Weile, zudem die Russen gar keine Anstalten machten, irgend etwas zu unternehmen. Sie wird sterben, meinten sie lakonisch - und der Fall war für sie erledigt."

    (Hans Schäufler, Partisanen. Die Geschichte einer Koexistenz, in: Derselbe (Hrsg.), Der Weg war weit... Panzer zwischen Weichsel und Wolga, Neckargemünd 1973, S. 145-148.)



    Dann fasste Schäufler aber einen Entschluss, der für das Leben der Frau und das Überleben seiner Kameraden im Partisanengebiet entscheidend sein sollte:


    Quote

    "Wer fährt mit?", fragte ich meine Soldaten. Otto, mein Fahrer, erklärte sich spontan bereit. Der Vater der jungen Frau besorgte einen Pferdewagen und wir machten uns auf den Weg. Als wir wieder querfeldein fahren wollten, bedeutete er uns ganz entschieden, daß uns auf der Straße keine Gefahr drohe. Also steckten die Halunken alle unter einer Decke!

    Ohne Zwischenfall erreichten wir die Stadt. Nur die Feldgendarmerie machte uns Schwierigkeiten. Aber als Offizier konnte ich mich am Ende doch durchsetzen, handelte mir aber ein hämisches Grinsen ein.

    Ich nahm es den Männern nicht krumm; denn es ist gewiß nicht alltäglich, daß ein junger deutscher Leutnant eine russische Frau, die in den Wehen liegt, quer durch die Landschaft schaukelt.

    Der Arzt war sehr nett. Ohne irgend eine Formalität versprach er zu helfen. Wir gondelten wieder quer durch das Partisanenland ...witschiwärts."


    Wahrscheinlich dachten die Feldpolizisten ("hämisches Grinsen"), die schwangere Frau auf dem Wagen sei die Freundin des deutschen Offiziers. In der weiteren Umgebung von Bobruisk gab es viele deutsch-russische Kinder von deutschen Soldaten der Etappeneinheiten,

    vgl. den Tagebucheintrag des Wehrmachtspfarrers Josef Perau:


    Quote

    "Rudobelka, den 13. 2. 1944

    Im Auffrischungsraum konnten wir noch Gottesdienst halten bei unseren Pionieren und beim Feldersatzbataillon und dem neu aufgestellten Füsilierbataillon. Zwischendurch mußte ich mit Fieber zu Bett liegen nach Typhus- und Choleraimpfung, war auch durch Erkältung geschwächt.

    Beim F.E.B. [Feldersatzbataillon] habe ich ein Kind getauft, das von einem deutschen Landser stammt. Der Kommandeur übernahm die Ehrenpatenschaft, während Stabsarzt Ell der eigentliche Pate war. Im Zimmer der Wöchnerin war ein großer Wasserbottich aufgestellt. Man erwartete offenbar Submersionstaufe. Das Kind wurde ganz ausgekleidet. Als ich beim Taufkaffee fragte, ob ich alles richtig gemacht habe, hieß es, ich hätte nur versäumt, die Haare abzuschneiden. Ob ein Tonsurritus zu orthodoxen Taufe gehört?"

    (Josef Perau, Priester im Heere Hitlers. Erinnerungen 1940-1945, Essen 1962, S. 157.)


    Kaum war die russische Frau mit dem neugeborenen Jungen aus dem Lazarett gesund ins Dorf zurückgekehrt, gab es keine Partisanenüberfälle auf den Nachrichtentrupp von Leutnant Schäufler mehr:


    Quote

    "Unsere Fahrzeuge waren auch dann noch nicht in Bobruisk angekommen, als nach einer Woche die junge Mutter wohlauf mit einem kräftigen Söhnchen wieder ins Dorf zurückgebracht wurde. Nun tauten unsere Partisanenkrieger inkognito auf, die uns in der Zwischenzeit zwar auf Schritt und Tritt beobachtet, aber nichts mehr gegen uns unternommen hatten. Wir wurden mit Wodka und Fladen bewirtet. Es genügte fürderhin wieder ein nächtlicher Doppelposten."


    (Hans Schäufler, Partisanen. Die Geschichte einer Koexistenz, in: Derselbe (Hrsg.), Der Weg war weit... Panzer zwischen Weichsel und Wolga, Neckargemünd 1973, S. 145-148.)


    Was sich dann während des Aufenthalts der deutschen Soldaten im Dorf weiter ereignete, ist ebenfalls sehr interessant, würde aber hier in allen Einzelheiten den Rahmen sprengen.

    Hier vielleicht nur einmal als kurzer Überblick:

    • Weil das Kind zur Ernährung dringend Milch braucht, stehlen Schäuflers Männer aus einem Nachbarort eine Kuh von einer deutschen Nachschubeinheit. Während ein Zahlmeister mit der Feldgendarmerie ins Dorf kommt, um die Kuh zu suchen, entfernen Schäuflers Soldaten im letzten Moment noch die farbliche Kennzeichnung der Kuh:


    Quote

    "Schon am anderen Tag erschien ein Zahlmeister mit einem Trupp Feldgendarmen, um das Dorf nach der Kuh abzusuchen, die ausgerechnet dem Ortskommandanten gestohlen worden war.

    [...]

    Unsere Fahrzeuge kamen und kamen nicht. Sehr böse waren wir nicht deswegen, denn das Leben in ...witschi fing an, recht angenehm zu werden. Die Einwohner waren ohne Ausnahme sehr herzlich zu uns. Ein schwungvoller Handel blühte. Wir tauschten Salz gegen Eier, Tabak gegen Hühner."


    • Kurz bevor die erwarteten Halbkettenfahrzeuge in Bobruisk eintreffen, erhält Hans Schäufler einen nächtlichen Besuch des Partisanenkommandeurs, der sich bei ihm und seinen Soldaten für ihr humanes Verhalten bedanken will:

    "Eines Nachts, Otto war auf Wache, schlief ich allein in der Bude. Da stubste mich etwas und ich glaubte Licht zu sehen. Mechanisch griff ich unter den Mantel, der mir als Kopfkissen diente, zur Pistole.

    Die aufgeregte Stimmer Lolas, der etwa 14jährigen Tochter meiner Gastgeber, flüsterte mir zu: "Leutnant nicht schießen, Mann will sprechen." Mir war gar nicht wohl in meiner Haut. Ein rascher Blick auf die Armbanduhr sagte mir, daß Otto nicht vor einer Stunde abgelöst wurde.


    Aus der Dunkelheit heraus hörte ich eine männliche Stimme, die Russisch sprach. Und Lola übersetzte:

    "Du unseren Menschen helfen. Deine Soldaten nicht unsere Feinde. Wir nicht Deine Feinde. Eure Autos morgen in Bobruisk und Ihr fortgehen. Dankeschön für alles! Ich Chef von Partisanen".

    Mir rieselte es ein wenig kalt den Rücken herunter. Ich versuchte ihm, dem Mann, den ich nicht sah, klar zu machen, daß sein und seiner Männer Krieg ein hundsgemeiner sei.

    "Wir kämpfen mit Waffen, die wir haben", ließ er Lola sagen. Sollte ich hier nutzlos den wilden Mann spielen und mich lächerlich machen?


    Als er mir zum Abschied die Hand drückte, ließ er Lola vorher die Kerze löschen, damit ich sein Gesicht nicht sehen konnte. In meiner Hand knisterte ein Zettel:

    "Wenn Du einmal hast Begegnung mit Partisanen oder Du kommst in unsere Gefangenschaft - und gut merken: Parole Moskwa dwa! - Moskwa dwa!" ließ er Lola sagen.


    Plötzlich war der ärmliche Raum wieder leer. Lautlos, wie er gekommen war, verschwand er wieder, mein unheimlicher nächtlicher Gast. Fast glaubte ich, geträumt zu haben. Aber ich hatte ja noch den Zettel in der Hand. Ich konnte die Schrift nicht lesen. Ich habe ihn auch nie jemandem gezeigt. Jedenfalls trug er eine Unterschrift, ja sogar einen Stempel."


    (Hans Schäufler, Partisanen. Die Geschichte einer Koexistenz, in: Derselbe (Hrsg.), Der Weg war weit... Panzer zwischen Weichsel und Wolga, Neckargemünd 1973, S. 145-148.)



    • Monate später, an einem anderen Frontabschnitt, kann Leutnant Schäufler nach einem Partisanenüberfall auf sein Fahrzeug durch die genannte Parole "Moskwa dwa" die Angreifer dazu bewegen, ihn und seinen verletzten Fahrer ziehen zu lassen. Das überreichte Dokument hat er nicht gebraucht, weil er vor Kriegsende die eingeschlossene Armee Ostpreußen Richtung Westen verlassen konnte.


    Aus heutiger Sicht ist bemerkenswert, dass die Partisanen (und die Dorfbewohner) einen Tag früher als die Deutschen von der erwarteten Ankunft der neuen Funkpanzer wussten:


    "Was ich nicht glaubte, geschah. Zuerst verabschiedeten sich alle Bewohner des Dorfes sehr herzlich von uns. Dann erst kam der Funkspruch aus Bobruisk, unsere Fahrzeuge seien am Bahnhof eingetroffen."


    Hier noch die Schilderung Schäuflers über den Abschied seiner Nachrichteneinheit aus dem von Partisanen beherrschten Dorf:


    Quote

    "Die Leute von unserem ...witschi standen vor ihren Häusern, als wir uns zur Abfahrt fertig machten. Ich durfte, nein, ich mußte sogar "unseren Sohn" noch auf den Arm nehmen. Ab ging es über Minenstraße, Ortskommandantur, Bahnhof zurück zu unserer Kompanie, die jetzt in Narischkino bei Orel lag. Wir waren etwas reicher geworden an Lebensweisheit und Lebenserfahrung. Das Wort Partisanen hatte nicht mehr den strengen Klang in unserem Ohr.

    [...]"

    (Hans Schäufler, Partisanen. Die Geschichte einer Koexistenz, in: Derselbe (Hrsg.), Der Weg war weit... Panzer zwischen Weichsel und Wolga, Neckargemünd 1973, S. 148.)



    Unten habe ich noch einmal das Foto des Autors von einer polnischen Geschichtsseite angehängt.


    Grüße,

    Bodo

    Hallo Chris,


    Danke für Deine kurzen Anmerkungen.


    hier muss ich dir allerdings widersprechen!

    Von Anbeginn wurde doch klargestellt ,dass der Krieg allein gegen die jüdisch-bolschewistische Sowjetregierung und nicht gegen die friedlichen Völker der Sowjetunion gerichtet war.

    So war doch gerade diese friedliche Zivilbevölkerung durch korrekte Behandlung auf die Seite der Deutschen zu ziehen.


    Ja, das stimmt schon, aber die sowjetische Propaganda war auch nicht untätig. Überall in den besetzten Gebieten waren doch Stalin-Agenten zurückgeblieben und konterten die deutschen Propagandamaßnahmen. Die von Dir erwähnten "Weisungen für die Handhabung der Propaganda im Falle 'Barbarossa'" waren zwar aussagekräftig, konnten aber in der Umsetzung keinen bleibenden Eindruck bei der Mehrheit der Zivilbevölkerung hinterlassen. Hier mal der entsprechende Auszug:


    "Dem Auftrag des General Jodl entsprechend erarbeitete die Abteilung Wehrmachtpropaganda grundlegende Propaganda-Richtlinien für den Krieg gegen die Sowjetunion. Sie wurden in der ersten Junihälfte 1941 unter der Bezeichnung "Weisungen für die Handhabung der Propaganda im Falle 'Barbarossa'" an alle im Osten eingesetzten Heeresgruppen, Armeen, Panzergruppen, Propaganda-Kompanien und an viele andere militärische Dienststellen verschickt.

    [...]

    Der "psychopolitische Teil" formulierte die Grundsätze der deutschen Propagandalinie gegen die Sowjetunion:


    1. Gegner Deutschlands sind nicht die "Völker der Sowjetunion", sondern nur "die jüdisch-bolschewistische Sowjetregierung mit ihren Funktionären und der kommunistischen Partei".


    2. Die deutsche Wehrmacht kommt nicht als "Feind der Bevölkerung" ins Land. Sie will vielmehr die Bevölkerung "von der Tyrannei der Sowjets erlösen".


    3. Jeder Widerstand wird rücksichtslos gebrochen.


    4. Die Propaganda darf nicht mit dem Klischee eines Vielvölkerstaates ("Zerfall der Sowjetunion in Einzelstaaten") agitieren.


    5. Aus "wirtschaftlichen Gründen" ist die Abschaffung der Kolchosen ("Zerschlagung der Kollektivbetriebe") vorerst noch nicht geplant."


    (Quelle: Ortwin Buchbender, Das tönende Erz. Deutsche Propaganda gegen die Rote Armee im Zweiten Weltkrieg, Stuttgart 1978, S. 54.)


    Weil gerade von Generaloberst Jodl (Chef Wehrmachtführungsstab im OKW) die Rede war, vergleiche im Kontrast zur Propaganda auch seine Aufzeichnungen über Äußerungen Hitlers ihm gegenüber im März 1941 (Auszug):



    Was Hitler am Ende mit den besetzten Gebieten der Sowjetunion wirklich vorhatte, war aber selbst einem Stab wie dem der Heeresgruppe Mitte lange Zeit unbekannt. Das hat zum Beispiel der Hauptmann im Generalstab der Heeresgruppe Mitte, Wilfried Strik-Strikfeldt (später Verbindungsoffizier zum russischen General Wlassow), schon 1944 aufgeschrieben. Er war Augenzeuge bei Generalfeldmarschall von Bock:


    Quote

    "Heute sind die "politischen" Ziele Hitlers allgemein bekannt. Doch damals war sogar der Stab eines Feldmarschalls nur über die strategischen, nicht aber über die politischen Ziele der Reichsführung im Bilde.

    Daraus folgte zwingend, daß alle weiteren Erfolge der deutschen militärischen Führung und der Truppe von der Verwirklichung einer politischen Konzeption der deutschen politischen Führung hinsichtlich des Schicksals der Völker der Sowjetunion abhing. Gerade darüber machte sich auch Bock Gedanken. Immer wieder kam er auf seinen Vetter, den ehemaligen kaiserlich-russischen Marineattaché in Berlin, zu sprechen, der ihm viel über Rußland berichtet hatte. Der russische Bock hatte noch vor dem Ersten Weltkrieg immer wieder gewarnt: Rußland kann nicht 'im Handgriff' genommen werden!" (Rosiju rukámi ne vozmés).

    Wir erfuhren keine Einzelheiten über die Pläne Hitlers oder des OKH."

    (Wilfried Strik-Strikfeldt, Gegen Stalin und Hitler. General Wlassow und die russische Freiheitsbewegung, Mainz, 1970, S. 31-32.)


    Als dann plötzlich ein Sonderbeauftragter des Ostministers Rosenberg zusammen mit einem hohen NSDAP-Funktionär bei Feldmarschall von Bock auftauchte und beide Hitlers Pläne kolportierten, war der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte erschüttert:



    Hier ist der englische Wikipedia-Eintrag zu Hauptmann Strik-Strikfeldt:


    "Wilfried Karl Strik-Strikfeldt (Russian: Вильфрид Карлович Штрик-Штрикфельдт; 23 July 1896 – 7 September 1977) was a Baltic German officer involved with General Andrey Vlasov and the German-sponsored Russian Liberation Army during World War II."

    https://en.wikipedia.org/wiki/Wilfried_Strik-Strikfeldt


    Das Buch gibt es auch in englischer Übersetzung, in jedem Fall mit sehr interessanten Ausführungen von 1944:

    AGAINST STALIN AND HITLER 1941-1945 Hardcover – 1970

    by Wilfred Strik-Strikfeldt (Author)

    https://www.amazon.ca/AGAINST-STALIN-1941-1945-Wilfried-Strik-Strikfeldt/



    Die von Strik-Strikfeldt erwähnten russischsprachigen deutschen Propagandaplakate mit einem Bild Hitlers als "Befreier" haben alle Soldaten im Osteinsatz 1941 gesehen, also auch die Truppenärzte der Wehrmacht:

    "Daher konnte angenommen werden, daß angesichts der Größe der Gesamtaufgabe der gesunde Menschenverstand siegen würde (denn auf den Plakaten, an die ich hier nochmals erinnere, hieß es doch immer wieder: "Hitler, der Befreier")."(Strik-Strikfeldt, S. 32.)


    Darüber hinaus muss doch ganz klar zwischen der Behandlung der friedlichen und der feindlichen Zivilbevölkerung unterschieden werden.

    Wie die letztere behandelt wurde muss hier sicherlich nicht weiter erläutert werden.


    Aber wer war friedlich und wer feindlich gesinnt? Das konnten die deutschen Besatzungssoldaten doch nur äußerst schwer feststellen.

    Ich hatte schon mehrmals den britischen Historiker Alexander Hill zum Partisanenkrieg zitiert

    (The War Behind the Eastern Front. The Soviet Partisan Movement in North-West Russia, 1941-44, London 2004).

    Hier nochmals ein Auszug aus der deutschsprachigen Rezension, der erklärt, warum auch so viele unbeteiligte Zivilisten bei Anti-Partisanen-Unternehmen getötet wurden:

    Quote

    "Hill kommt zu teilweise spektakulären Ergebnissen: Er kann zeigen, dass sich die Deutschen tatsächlich von militärischen Überlegungen leiten ließen, ihre Einsätze also tatsächlich in Gegenden durchführten, in denen verstärkt Partisanen aufgetaucht waren. Opfer dieser deutschen Operationen waren dennoch mehrheitlich unbeteiligte Zivilisten, was Hill allerdings nicht mit ideologischen, sondern mit situativen Faktoren erklärt.

    Die Partisanen waren mobil und konnten sich, wenn Gefahr in Verzug war, schnell absetzen, während die übrige Bevölkerung zurückblieb und so den Deutschen in die Hände fiel, die wiederum wegen der mangelnden Kennzeichnung der Partisanen insbesondere in der ersten Zeit Partisanen und Nicht-Partisanen nicht voneinander unterscheiden konnten."

    http://hsozkult.geschichte.hu-…de/rezensionen/2005-3-171


    Ich habe bei mehreren Wehrmachtsärzten (u.a. Dr. Heinrich Haape) davon gelesen, dass sie glaubten, ab und zu auch verwundete Partisanen bei der medizinischen Behandlung von Zivilisten gesehen zu haben. Ohne darüber Meldung zu machen. Who knows? Besonders wenn die Partisanengruppen gerade keine eigenen Ärzte zur Verfügung hatten. Das kam wohl öfter vor.


    Grüße,

    Bodo

    Hallo zusammen,


    wie das "mitunter" aussehen konnte, schildert der abtrünnige NSDAP-Ortsgruppenleiter und Arzt Horst Rocholl(1) in seinen Feldpostbriefen:

    Aus einem Brief an die eigenen Kinder auf dem Weg nach Stalingrad:


    Danke H.W., für die interessanten Quellenhinweise. Das Buch über Horst Rocholl (ein abtrünniger Nazi?) kannte ich noch nicht, aber das Werk des Nazi-Gegners Franz Kraus habe ich auch gelesen. Nur seine Hausbesuche bei einheimischen Zivilisten waren mir bisher unbekannt.


    inwiefern mussten denn Wehrmachts-Ärzte und Sanitäter deiner Meinung nach überhaupt die medizinische Versorgung der Zivilbevölkerung im Osten begründen?


    Weißt Du Chris, dafür gibt es meiner Meinung nach zwei wichtige Gründe.

    Der erste Grund scheint die Tatsache zu sein, dass es für die sowjetische Landbevölkerung unter Stalins Herrschaft nur selten eine lokale medizinische Versorgung gab (etwa Ärzte im Ruhestand).

    Wer schwer krank wurde, musste in der Regel mit dem Panjewagen in die nächstgelegene Distrikts-Poliklinik gebracht werden.


    Das wurde sogar nach der Besetzung und Annektion des Baltikums 1940 dort bereits vom Sowjetregime eingeführt, wie ein Bericht von Oberleutnant Dr. Stahl nach dem deutschen Einmarsch zeigt, den Cabron 2014 eingestellt hatte (siehe auch den Anhang unten):


    Quote

    "[...] [Lettland:]

    Lettland ist schon ein wesentlich weiteres Stück auf dem Weg zum roten Glück gegangen. Die Enteignung ist restlos durchgeführt. Der bäuerliche Grundbesitz ist in Kolchosen zusammengefaßt, also den sowjetischen Genossenschaftsbetrieben. Die Geschäfte in den Ortschaften sind cooperativa geworden. Die ehemaligen Inhaber nun Angestellte dieses Gemeinschaftsbetriebes.

    Der selbstständige Arzt ist ersetzt durch die Distrikspoliklinik [sic!]. Hier sind praktische Ärzte und Fachärzte als Angestellte tätig. Jeder Bewohner des zugehörigen Gebietes muß und kann nur hier behandelt werden. Die Geistlichkeit ist verdrängt, die Pfarrer leben in den Wäldern.

    [...]"

    https://www.forum-der-wehrmacht.de/Verhältnis der Wehrmacht/SS/Polizei zur Landbevölkerung an der Ostfront


    Die deutschen Ortslazarette und -krankenstuben stellten somit eine zusätzliche Versorgungsmöglichkeit der Bevölkerung dar.

    Dortige Militärärzte oder Sanitäter hätten die zivilen Patienten einfach weiter zu den in größerer Entfernung eingerichteten Zivilkrankenhäusern schicken können. Wenn ihnen die einheimische Bevölkerung egal gewesen wäre.


    Der zweite, wichtigere Grund liegt dann doch eigentlich auf der Hand: Hitler und der NS-Führung war das Wohlergehen der einheimischen Bevölkerung jahrelang ziemlich gleichgültig (später mit den zunehmenden Niederlagen 1943/44 änderte sich das graduell, siehe etwa die kurz vor dem Rückzug eingeleiteten Selbstverwaltungsbestrebungen in Weißrussland).


    Hitler selbst schimpfte sogar auf die Wehrmachtsärzte, die die russische Zivilbevölkerung medizinisch betreuten.

    Im Februar 1942 im Führerhauptquartier Wolfsschanze kritisierte er die kaiserlich-deutsche Kolonialpolitik vor dem I. Weltkrieg in Afrika

    ("Krankenhäuser für die Eingeborenen"), bevor er auf die Bemühungen der deutschen Militärärzte in Russland aktuell zu sprechen kam:


    "Die Russen werden nicht alt, 50 bis 60 Jahre. Warum sollen wir sie impfen? Man muß da wirklich unseren Juristen und Ärzten Gewalt antun: nicht impfen, nicht waschen!

    Schnaps sollen sie haben und Tabak, soviel sie wollen. Selbst bei uns hat es Impfgegner gegeben."


    (Henry Picker, Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier, Frankfurt/Main, Berlin 1989, S. 107-108.)



    Dazu muss man wissen, dass Hitler pedantischer Nichtraucher und Nichttrinker war. Er wünschte "den Russen" also genau die Genussmittel reichlich zur Verfügung zu stellen, die er selbst nie angerührt hätte. Aber eben keine anspruchsvolle medizinische Versorgung, die demnach auch die Völkerrechtsjuristen ("unsere Juristen") vertreten haben. Gleichzeitig ließ er seiner Wut auf die verhassten Wehrmachtspfarrer freien Lauf, deren missionarische Tätigkeit er als "Schweinerei" niedermachte.


    Hier noch einmal der Quellenauszug aus Hitlers Tischgesprächen im Textzusammenhang mit den Verbindungen I. und II. Weltkrieg:



    Die folgende Frage verstehe ich nicht:

    Wie kommst du zudem auf die Schlussfolgerung ,dass es der Verdienst des deutschen Sanitätsdienstes gewesen ist, welcher zum Befehl des OKH über die medizinische Versorgung der Zivilbevölkerung geführt hat?


    Die Anordnungen kamen doch vom Heeresarzt, der seinen untergebenen Ärzten damit eine Befehlsgrundlage in ihrer Tätigkeit gab:

    ("Bes.Ano.f.d. Versorgung Nr. 144, Berück Süd, Qu, 31.7.1942 (Bezug auf Ano. Heeresarzt vom 25.7.1942).")


    Manche Ärzte werden Bedenken gehabt haben, begrenzte deutsche Medizinvorräte an kranke Einheimische auszugeben.

    Dieter Pohl hatte doch einen einschlägigen Befehl genannt: "Sanitätsmaterial der Wehrmacht durfte nur in äußersten Notfällen ausgegeben werden." (Herrschaft der Wehrmacht, S. 195.)

    Die abschließende Klärung, wann deutsches Sanitätsmaterial doch regulär ausgegeben werden durfte, war zweifellos ein Verdienst der nachfragenden Ärzte.


    Vergleiche dazu den Auszug aus dem oben zitierten Bericht aus dem Jahre 1945 von Oberstarzt Prof. Hornung:


    Quote

    "Bei besonderen Notständen der Zivilbevölkerung erfolgte eine zusätzliche Hilfe deutscher Sanitätsdienststellen. [...]

    Durch die Errichtung von Apothekenbasislagern wurde der Mangel an Arzneimitteln, Verbandstoffen und ärztlichem Instrumentarium gesteuert und die Anforderungen der zivilen [russischen] Ärzte nach Möglichkeit erfüllt.

    Verbandmittel sind in örtlichen Fabriken hergestellt worden und bildeten eine wesentliche Erleichterung für die Versorgung der russischen Krankenhäuser und Apotheken. Reichten die Apothekenvorräte des Landes nicht mehr aus, wurden Bestände der Wehrmacht verabreicht."

    (H. Fischer, Gesundheitsfürsorge für die Zivilbevölkerung besetzter Gebiete, in: Wehrmedizinische Monatsschrift 21. Jahrgang 1977, München 1977, S. 246-248.)


    Ein Beispiel für die beschriebene medizinische Tätigkeit in den besetzten Gebieten der Sowjetunion (die Hitler strikt ablehnte) war der österreichische Wehrmachtsarzt Dr. med. Max Aufmesser (siehe das Titelfoto unten im Anhang mit russischen Patienten):


    "Max Aufmesser geboren 1916 in Salzburg, 1940 promovierte er als Doctor medicinae an der medizinischen Fakultät der Universität Wien. Zu Kriegsbeginn wurde er zum Dienst in der Deutschen Wehrmacht eingezogen."


    Er war 1941/42 Bataillonsarzt in einem Sicherungsbataillon des Heeres in der Ukraine. Als Truppenarzt öffnete er seine Sprechstunde im Winterquartier auch für einheimische Zivilisten, ähnlich wie Dr. Eugen Fritze, der Truppenarzt bei der 6. Panzer-Division, in Kaspelja im Mittelabschnitt der Ostfront (vgl. meinen Post von Januar):



    Um das noch einmal hervorzuheben: Diesen Absatz meinte ich neulich mit der Verpflichtung der deutschen Militärärzte zur Behandlung von Zivilisten in besetzten Gebieten durch das Kriegsvölkerrecht:


    "Dafür hatte ich mit meinen Sanitätsdienstgraden noch einen großen Vorteil allen anderen voraus. Damit man uns finden konnte, war vor meinem Quartier, wir schliefen immer in einem Gebäude oder in benachbarten Häusern, eine Flagge mit dem roten Kreuz aufgestellt.

    Diese Flagge wurde natürlich auch von der Zivilbevölkerung bemerkt und richtig interpretiert; dies auch insofern, als ich gerne bereit war, auch die Einheimischen zu behandeln.

    Dazu war ich nicht nur berechtigt, sondern gemäß Ausbildung als Sanitätsoffizier nach Kriegsrecht und ärztlicher Ethik sogar verpflichtet."


    (Max Aufmesser, Ein Leben zwischen Ende und Anfang, Neckenmarkt, Wien, München 2007, S. 179.)


    Dr. Aufmesser machte auch (wie Sanitätsfeldwebel Bernhard Häring) die von mir neulich erwähnten Hausbesuche bei erkrankten Zivilisten:



    Offenbar kannten viele einheimische Zivilisten keine "Hausbesuche" durch medizinisches Personal mehr (wegen der sowjetischen Polikliniken). So mussten bei ihnen einquartierte deutsche Soldaten den Truppenarzt herbeirufen, wie Dr. Aufmesser schreibt:

    "Gelegentlich wurde ich auch in die Häuser zu Kranken gerufen, oft auch von unseren eigenen Leuten, die sich ihren Quartiergebern erkenntlich zeigen wollten."

    Das waren dann Hausbesuche ohne Anweisungen von oberen Dienststellen, die z.B. Ärzte wegen Impfungen in die zivilen Häuser schickten. Das war nicht ungefährlich, wie ja auch Dr. Aufmesser beschrieben hatte ("Bei solchen Besuchen traf ich dann nicht selten auf Fälle von Typhus und Flecktyphus").


    Der Offiziersanwärter Bertold Elzer hatte als Verwundeter bei Orel in einem Ortslazarett die Folgen einer Flecktyphus-Infektion von Arzt und Sanitäter nach "Hausbesuchen" im Frühjahr 1942 am eigenen Leib erfahren:


    1942:

    "[...] Nach einer Woche werden noch Splitter aus der Wunde entfernt.


    1. 3.: In zwei Wochen kann ich entlassen werden. Die Hand bleibt beweglich.


    9. 3.: Flecktyphusgefahr! Arzt und Sanitäter hatten Russen in den umliegenden Häusern geimpft und sich dabei infiziert. Sie erkrankten schwer und wurden zurücktransportiert. Wir waren alle in Gefahr.

    Unsere Kleider wurden entlaust, die Strohsäcke verbrannt, Betten und Zimmer desinfiziert. Auf neuen Strohsäcken und in Trainingsanzügen lagen wir da und warteten, ob sich Zeichen der Krankheit zeigten.

    Die Haare hatte man uns ganz geschoren wegen der Nissen. Die Krankheit wird von infizierten Läusen übertragen. Heimlich beobachteten wir einander, ob sich Fieber einstellte. Aus meiner Stube wurden nacheinander zwei herausgeholt, die es gepackt hatte. Nach einigen Tagen begannen wir anderen zu hoffen. [...]"


    (Bertold Elzer, Todeszone Orelbogen. Meine Erlebnisse an der Ostfront 1941-1944, Bergisch Gladbach o.J.,

    S. 47-48.)



    Zum Abschluss möchte ich noch einen weiteren österreichischen Wehrmachtsarzt erwähnen, der auf eigenen Wunsch mit seiner Sanitätsgruppe "Hausbesuche" bei Einheimischen machte: Dr. med. Josef Artner, später im Kessel von Stalingrad eingesetzt:



    Grüße,

    Bodo

    Hallo zusammen,


    wie ich Ende Januar zuletzt geschrieben hatte, haben die wenigen Historiker (die das Thema ansatzweise in ihre Standardwerke aufgenommen haben) ein bestimmtes Bild vermittelt, wenn es um die medizinische Versorgung durch die deutsche Wehrmacht in der Sowjetunion geht:


    Wie die seit Jahren hier eingestellten Beiträge gezeigt haben, denkt die historische Forschung gewöhnlich an kranke oder verletzte sowjetische Zivilisten, die deutsche Ortskrankenstuben oder Feldlazarette aufgesucht haben und dort medizinisch versorgt worden sind.


    Das war natürlich auch die häufigste anzutreffende Konstellation in den besetzten Gebieten Osteuropas:


    Das neueste Standardwerk ist das von Christian Hartmann (Wehrmacht im Ostkrieg. Front und militärisches Hinterland 1941/42, München 2010). Er hat zwar erwähnt, daß "mitunter [...] sogar Zivilisten medizinisch versorgt [wurden], aber offen gelassen, wie die "Privat-Praxis" bei der 4. Panzer-Division in Rußland organisiert war :

    ("Hans Luther, fr. San. Ofw. I./Pz.Rgt. 35, Bericht "Privat-Praxis"", Hartmann, Wehrmacht im Ostkrieg, S. 712, Anmerkung 79.)


    Wie diese "Privat-Praxis" für russische Zivilisten ausgesehen haben könnte, möchte ich hier gerne noch in nächster Zeit quellengestützt aufgreifen.

    Im bereits früher zitierten medizinischen Tätigkeitsbericht aus dem Jahr 1945 hat Oberstarzt a.D. Prof. Dr. med. Heinrich Hornung betont, daß die einheimische Zivilbevölkerung generell großes Vertrauen zu den deutschen Militärärzten und Sanitätsdienstgraden gehabt habe:


    Quote

    "Die Zivilbevölkerung hatte überall zum deutschen Arzt und Sanitätsoffizier das größte Vertrauen, und der deutsche Sanitätsoffizier besorgte nicht nur die selbstverständliche Erste Hilfe bei Unglücksfällen oder Schäden durch Feindeinwirkung wie Bombenangriffe, sondern wurde auch bei Krankheiten und Geburten von der Zivilbevölkerung um ärztlichen Rat angegangen. Ebenfalls ist dem Wunsch nach deutschen Heilmitteln nach Möglichkeit entsprochen worden."


    (Quelle: H. Fischer, Gesundheitsfürsorge für die Zivilbevölkerung besetzter Gebiete, in: Wehrmedizinische Monatsschrift 21. Jahrgang 1977, München 1977, S. 246-248, hier S. 246.)


    Der Autor des Artikels in der Wehrmedizinischen Monatsschrift, offenbar der bekannte Hubert Fischer, war selbst als Sanitätsoffizier der deutschen Wehrmacht in den besetzten Gebieten Osteuropas eingesetzt und hat den Bericht aus der Bibliothek der Bundeswehr vorgestellt.


    Rußland bzw. die Sowjetunion ist dort nur eines der überblicksartig vorgestellten Besatzungsgebiete:

    Oberstarzt a.D. Prof. Dr. med. Heinrich Hornung, Gesundheitsfürsorge durch die deutsche Wehrmacht für die Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten (Manuskript 1945, Bibliothek SanAkBw Nr. 2150).


    Das im Artikel beschriebene "große Vertrauen" der russischen Bevölkerung zeigte sich auch in Tagebucheinträgen beteiligter deutscher Sanitätsdienstgrade.


    Der Philologe und Nazi-Gegner Herbert Wiegandt war im Krieg gegen die Sowjetunion seit 1941 Sanitätsunteroffizier beim Heer.

    Das Titelfoto im Anhang zeigt ihn inmitten einer russischen Schneelandschaft im Jahrhundertwinter 1941/42:


    Quote

    Herbert Wiegandt (* 20. September 1914 in Ulm; † 15. November 2003[1]) war ein deutscher Philologe und Bibliothekar. Er ist als „Wieland“ in den Eugen-Rapp-Büchern des Schriftstellers Hermann Lenz bekannt geworden.[2]

    [...]

    Während des Zweiten Weltkrieges diente er als Soldat im Sanitätseinsatz. Im September 1942 heiratete Wiegandt Helga Sindlinger aus Stuttgart. Die kirchliche Trauung fand im Ulmer Münster statt.[6]

    1944 wurde Wiegandt in Litauen verwundet. [...]

    https://de.wikipedia.org/wiki/Herbert_Wiegandt


    Bereits am Ende meines Threads "Christen gegen Nazis in der Wehrmacht" hatte ich Wiegandt als kritischen Tagebuchautor vorgestellt:

    https://www.forum-der-wehrmacht.de/index.php?thread/50499-Christen gegen Nazis in der Wehrmacht: was berichten Helmut Schmidt, Dr. Manfred Schick, Theodor Groppe und andere Soldaten dazu?


    Ende August 1941 war seine Teileinheit einer Sanitätskompanie als Ortslazarett in einem russischen Dorf eingesetzt.

    Die örtliche Zivilbevölkerung wandte sich dort nicht nur mit medizinischen, sondern auch mit weiteren persönlichen Problemen an die deutschen Sanitätsdienstgrade. Gleichzeitig waren auch Partisanen mit Überfällen und Angriffen in der ganzen Umgebung aktiv, was eine allgemeine Ausgangssperre bei Nacht erforderlich machte:


    "26. August. Michailow Pog.

    Als Unteroffizier bekomme ich ein Gehalt, von einer Zahlstelle in [der deutschen Stadt] Münsingen.

    [...]

    Von unseren Verwundeten können nun immer mehr auf Tragen liegend in ihren weißen Kopf- und Beinverbänden in die Sanitätsfahrzeuge verladen und nach rückwärts transportiert werden, so daß unser Haus sich langsam leert. Auf dem Friedhof kamen freilich noch einige Gräber hinzu. So wird wohl unser Idyll nicht mehr allzu lange dauern, da die anderen auf unser Nachkommen drängen. Doch suchen wir's hinauszuziehen.

    [...]

    Mit Einheimischen haben wir zunehmend Kontakt. Täglich kommt eine immer größere Kundschaft mit allen möglichen Leiden, um sich behandeln zu lassen, wir tun, was eben geht. Es sind oft ganz altrussische Figuren wie aus Tolstois "Volkserzählungen", vor allem unter den alten Männern großartige Charakterköpfe. Ich habe manche photographiert.


    Auch sonst kommen sie vertrauensvoll mit Problemen, denen meistens ich mich widmen muß. Zum Glück haben wir einen Dolmetscher, einen gefangenen Volksdeutschen aus der Ukraine. Ein wenig kann man doch manchmal für sie tun.


    Dennoch ist es nicht so ganz friedlich in der Gegend, es gibt Partisanen und Überfälle auf einzelne Einheiten. Neulich brachte uns ein alter Bauer auf seinem Pferdewagen einen Haufen gefundener Waffen und Munition, von wo und wem war unklar. So ist es notwendig, nachts Wachen aufzustellen. Abends läute ich bei Dunkelwerden eine Glocke, die etwa in der Mitte der weit verstreuten Siedlung an einer hohen Stange hängt (von früher schon natürlich), das ist das Zeichen, daß die Einwohner sich nicht mehr blicken lassen dürfen."


    (Herbert Wiegandt, Inselexistenz. Vorkrieg und Krieg 1935-1945. Briefe und Aufzeichnungen, Weißenhorn 2002, S. 127.)



    An dieser Stelle möchte ich ein Beispiel nennen, wo wegen der Partisanengefahr (siehe oben) deutsche Wehrmachtsärzte erst von einem Wehrmachtspfarrer überredet werden mußten, bevor sie die örtliche russische Bevölkerung medizinisch versorgen wollten.

    Im Gegenzug verhinderten die Dorfbewohner dann später einen größeren Partisanenüberfall auf den Verbandsplatz.


    Albrecht Schübel, im Krieg selbst evangelischer Wehrmachtspfarrer, hat in seinem Buch über die Geschichte der evangelischen Soldatenseelsorge den folgenden Erlebnisbericht aufgenommen:


    Quote

    "Als wir längere Zeit am I. lagen, konnte ich die Sanitätsoffiziere dazu bewegen, Sprechstunden für die russische Zivilbevölkerung abzuhalten und sie ärztlich zu versorgen. Das rief erst Ablehnung hervor, wurde dann aber doch akzeptiert. Eines Nachts tauchten auf dem Verbandsplatz berittene Partisanen auf, verschwanden aber dann wieder. Am nächsten Tag wurde uns gesagt, der geplante Überfall wäre von den Dorfbewohnern verhindert worden; sie wollten sich für die ärztliche Versorgung dankbar erweisen."


    (Albrecht Schübel, 300 Jahre evangelische Soldatenseelsorge, München 1964, S. 220.)


    Interessant ist an dieser Darstellung, daß die deutschen Ärzte im Partisanengebiet erst überredet werden mußten, bevor sie russische Zivilisten behandelten. Andere Ärzte und Sanitäter beriefen sich dagegen u.a. auf das internationale Kriegsvölkerrecht, um ihre andauernde medizinische Versorgung der einheimischen Zivilbevölkerung zu begründen. Nach der Haager Landkriegsordnung durfte die Bevölkerung eines militärisch besetzten Gebietes in ihrer Lebenssituation nicht schlechter als vor der Besetzung gestellt werden. Dem versuchte der deutsche Sanitätsdienst anscheinend Rechnung zu tragen und später in entsprechende Befehle der Heeresführung zu fassen

    (siehe die weiter oben zitierte "Anordnung Heeresarzt vom 25.7.1942" und "Befehl des OKH zur medizinischen Versorgung der Zivilbevölkerung vom 29.7.1942" nach Dieter Pohl, Herrschaft der Wehrmacht, S. 196).


    Ein im Thread bereits bekanntes Beispiel dafür ist der katholische Priestersoldat Bernhard Häring.


    "Bernhard Häring CSsR (* 10. November 1912 in Böttingen bei Spaichingen; † 3. Juli 1998 in Haag in Oberbayern)

    war römisch-katholischer Moraltheologe und Geistlicher des Redemptoristenordens."

    https://de.wikipedia.org/wiki/Bernhard_H%C3%A4ring


    Quote

    "Immer und überall habe ich bei den Russen, sowohl bei den Soldaten wie bei der Zivilbevölkerung, eine erstaunlich Dankbarkeit gefunden für die Dienstleistungen, die nicht nur absolut geschuldet waren, sondern auch als selbstverständlich hätten angesehen werden müssen. Ich versuchte meine radikale Ablehnung des Krieges gerade dadurch auszudrücken, daß ich mich der russischen Verwundeten ebenso annahm wie der Männer meines eigenen Volkes."


    (Bernhard Häring, Als es um's Überleben ging. Kriegserinnerungen eines Priesters. Styria Verlag, Graz, Wien, Köln 1977, S. 28-29.)


    Beim Priestersoldaten und Sanitätsfeldwebel Bernhard Häring bin ich auch zum ersten Mal auf die Frage der medizinischen "Hausbesuche" in der Sowjetunion gestoßen. An so etwas hatte ich vorher nie gedacht. Bei Zivilisten einquartierte deutsche Wehrmachtssoldaten machten die Militärärzte und Sanitäter regelmäßig auf medizinische Notfälle oder Krankheitsfälle der Bevölkerung aufmerksam.

    Häring war damals Sanitätsfeldwebel in einem Infanteriebataillon:


    Quote

    "Zumeist kam ich mit der Bevölkerung schon bald nach meiner Ankunft in Kontakt, und zwar durch meine Freunde in der Armee. Wo immer sie großes Leid sahen, seien es Krankheiten oder Verwundungen, verwiesen sie die Leute an mich mit der Versicherung, daß ich als Priester ihnen sicher auch gern in ihrer Krankheit beistände. So fehlte es mir nie an Arbeit und an Gelegenheit, meinen Dienst auszuüben.

    (Bernhard Häring, Als es um's Überleben ging. Kriegserinnerungen eines Priesters. Styria Verlag, Graz, Wien, Köln 1977, S. 34)


    Für diese "Hausbesuche" gab es hier im Thread bereits ein weiteres Beispiel, nämlich den Franziskanerpater Gereon Goldmann, der als Sanitätsunteroffizier 1944 auch im Widerstand gegen das NS-Regime aktiv war:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Gereon_Goldmann


    Quote

    "Dazu kam die Versetzung von der Infanterie zum Stab einer Artillerieabteilung. Die lag einige Kilometer hinter der Front. Ich hatte täglich ein großes Gebiet zu versorgen. Da der Arzt der Abteilung auf Urlaub war, hatte ich eine herrliche Freiheit. Oft mußte ich in die rückwärtigen Lazarette, um Verwundete oder Kranke dorthin zu bringen. Ich fand fast überall Priester, die dort als Sanitäter Dienst taten. Von ihnen empfing ich die hl. Kommunion.

    Nicht selten wurde ich von den Einheimischen gerufen, zu Kranken und auch einige Male zu Verwundeten, die von Geschoßsplittern getroffen worden waren. Dort bekam ich von den dankbaren Leuten manche Leckerbissen, oft mir ganz unbekannte Speisen."

    (Gereon Goldmann, Tödliche Schatten - Tröstendes Licht. Ein Franziskaner in Uniform. Erinnerungen von Pater Gereon Goldmann, Sankt Ottilien 2004, S. 77-79.)


    Soviel fürs erste diese Quellenbeispiele als Rückblick und Ausblick auf die Fragen, die mich in diesem Thread weiterhin interessieren würden.


    Grüße,

    Bodo

    Bei dem von Dir geschilderten Unfall wurde die Ladetätigkeit falsch durchgeführt: Auf Kommando des Gruppenführers Laden entnimmt der Schütze 2 dem Munitionskasten (Einzelschuss) bzw. den nach befohlener Anzahl bereitgelegten Granate eine Granate, führt sie ins Rohr ein und nimmt sofort seine Hand von der Mündung. Er meldet Feuerbereit

    Der Abzug wird aufs Kommando Feuer vom Schützen 2 betätigt, während Schütze 1 den Werfer am Kipptrieb mit beiden Händen umgreift und nach kräftig unten drückt, um zu verhindern daß sich der vordere Teil der Bodenplatte beim Schuss anhebt.


    Hallo Thilo,


    das hört sich sehr einleuchtend an. Offenbar fehlte der Granatwerferbedienung doch ein Mann, wenn diese nur zu zweit im Einsatz war?

    Bertold Elzer hat jedenfalls nichts von einem Gruppenführer erwähnt. Nur den "erfahrenen Obergefreiten" mit seinem "Helfer" (vielleicht schon ein unerfahrener Ersatzmann?).

    Mein Vater berichtete von der 25. Infanterie-Division (mot.) u.a. von einem Maschinengewehrtrupp mit MG 34, der im Winter 1941/42

    anfangs mit 4 Mann in die Verteidigungsstellung kam und später (nach Ausfällen durch Verwundung und Erfrierung) nur noch 2 Mann hatte.

    Deshalb mußten sie alle 2 Stunden bei manchmal unter Minus 40 Grad die Wachen wechseln. Die Flaksoldaten dagegen alle 4 Stunden.

    Könnte es bei dem von Elzer geschilderten Unfall ähnlich gewesen sein, wenn sie nur zu zweit waren?


    Grüße,

    Bodo

    Hallo zusammen,


    sehr interessante technische Details, die ihr hier zuletzt eingestellt habt, vielen Dank. So kann man die Kriegserlebnisse der Veteranen

    besser einordnen und für sich anschaulich machen.


    Bei den amerik. Werfern im II. WK wurde die Wurfgranate einfach ins Rohr geschoben und der Führungsring presste sich erst nach der Zündung durch Druck in die Züge und Felder. Also insofern schneller und problemlos zu laden, wie bei einem Granatwerfer mit glattem Rohr. Zusätzlich dann die Sperre bei geladenem Rohr.


    Karl, waren denn die deutschen und alliierten Granatwerfer im II. Weltkrieg nicht sehr ähnlich, gerade was die Feuergeschwindigkeit angeht?

    Oder brauchten die Amis beim Einsatz des Granatwerfers keinen Abzug mehr zu betätigen?


    Ich bin im Buch "Todeszone Orelbogen" von Bertold Elzer auf die Schilderung eines tödlichen Unfalls beim Granatwerfereinsatz an der Ostront gestoßen. Ursache für den Unfall im Sommer 1942 war wohl die schnelle Schußfolge von 6 Granaten in kurzen Abständen.

    Bertold Elzer war damals Zugführer und Offiziersanwärter beim Infanterie-Regiment 35 (mot.) und seit 22. Juni 1941 im Fronteinsatz.

    Das Regiment gehörte zur 25. Infanterie-Division (mot.).


    Hier der Link zum sehr lesenswerten Buch:

    https://www.amazon.de/Todeszone-Orelbogen-Erlebnisse-Ostfront-1941-1944


    "Im Sommer 1942 hatten wir eine gut ausgebaute Stellung in einer Mulde.

    Der Kompanieführer hatte in einer Seitenmulde sein Zelt aufgeschlagen, in dem er bequemer wohnen konnte als in einem Unterstand. Mein Stellvertreter im Zugabschnitt, Oberfeldwebel Schulz, genannt der Baureschulz, hatte damit begonnen, seine Kleider nach Flöhen abzusuchen. Voll Stolz zeigte er mir vier Flöhe, die er gefangen und in einem mit Wasser gefüllten Granatunterteil ertränkt hatte.


    Da hörten wir in unserer Nähe eine Explosion und danach lautes Rufen, das wir uns nicht erklären konnten. Ich ging hinüber zum Zelt des Kompanieführers. In dessen Nähe war die Abschussstelle für den leichten Granatwerfer. Unser Werfertrupp schickte von hier aus in Abständen seine Granaten zu einem russischen Beobachtungsstand auf dem hohen Damm der Rollbahn, der uns sehr störte. Munition hatte man uns reichlich gegeben, weil wir sehr nahe am Russen waren.


    Immer wenn der Russe einige Granaten herübergeschickt hatte, die meistens keinen Schaden anrichteten, schickte unser Trupp sechs Granaten als Antwort hinüber. Unser Trupp, ein erfahrener Obergefreiter und sein Helfer, bemühte sich, die sechs Granaten so schnell wie möglich abzuschicken. Der Helfer schob die 5-cm-Granate in das kurze Rohr und der Obergefreite betätigte den Abzug.


    Aus einem Grund, den wir nicht wissen, hat der Obergefreite etwas zu spät abgezogen oder der Helfer die nächste Granate zu früh über das Rohr gehalten. Als die Granate das Rohr verließ, war der Zünder scharf und traf auf die neue Granate.

    Die Explosion tötete beide Männer. Als ich dazu kam, sah ich zu meinem Schrecken ein menschliches Gehirn im Sand rollen."


    (Quelle: Bertold Elzer, Todeszone Orelbogen. Meine Erlebnisse an der Ostfront 1941-1944, Bergisch Gladbach o.J, S. 105-106.)



    Ich erinnerte mich beim Lesen von Elzers Text an historische Filmaufnahmen, die ich vor Jahrzehnten in Fernsehdokus gesehen hatte.

    Dort konnte man ebenfalls eine sehr rapide Schußfolge bei deutschen Granatwerfern erkennen.


    Auf die Schnelle habe ich bei Youtube ein Vido gefunden, wo der Einsatz eines deutschen Granatwerfers 34 in einer Stellung inmitten von Häuserruinen gezeigt wird.

    Sobald eine Granate das Rohr verlassen hat, wird schon die nächste darin versenkt (die nervige propagandistische Musikuntermalung dabei bitte ignorieren). Man beachte auch die anscheinend (wie bei Elzers Frontabschnitt) reichlich vorhandene Munition in den Kisten:

    Link:

    Granatwerfer 34

    https://www.youtube.com/watch? Granatwerfer 34


    Zur näheren Beschreibung des Mörsers noch der Link zu Wikipedia:

    "Der Granatwerfer 34 war ein Standardgranatwerfer der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg."

    https://de.wikipedia.org/wiki/Granatwerfer_34



    Außerdem gibt es bei Youtube noch ein weiteres Video, wo jemand Filmsequenzen mit feuernden Granatwerfern aus deutschen Wochenschauen zusammengestellt hat:

    Link:

    https://www.youtube.com/watch? Deutsche Granatwerfer 1940/45


    Vielleicht kennt jemand auch noch einen Link zu ähnlichen zeitgenössischen Filmen mit sowjetischen Granatwerfern?


    Beste Grüße,

    Bodo

    Hallo,


    bei den Baumkrepierern handelt es sich um Granaten mit Aufschlagzünder, die bei Berührung der Äste sofort detonieren.


    Hallo Karl,


    ich kenne mich mit der Werfermunition nicht aus, aber verfügten die bei der Vorhut vorhandenen leichten Einheiten der Roten Armee über unterschiedliche Granaten je nach Einsatzgebiet?
    Bisher hatte ich gedacht, daß alle mit Granatwerfern oder Mörsern abgefeuerten Granaten so eine Art Standard-Aufschlagzünder besaßen

    und dadurch immer gefährlich waren. Eben auch bei Baumtreffern, weil hier kein Deckungsloch ausreichend Schutz bot. Normalerweise, bei einem Einschlag auf dem Erdboden, sollen die Granatsplitter flach über den Boden geflogen sein. Sehr gefährlich, wenn ein Soldat den Kopf nicht tief genug im Deckungsloch hielt.


    Ich vergaß noch zu erwähnen, daß mein Vater nach dem Rückzug vom Narew im Spätsommer 1944 am Ende seine Krupp-Protze wegen der sowjetischen Granatwerfer verloren hat. Das Fahrzeug hatte eine Reifenpanne, aber weil die verfolgenden Russen bei jedem Halt sofort mit Granatwerfern schossen, konnte der Fahrer keinen Reifenwechsel machen.

    Für die bessere Anschaulichkeit der Situation des Kfz hier noch der Link zu Wikipedia:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Krupp-Protze


    Durch die stundenlange Verfolgungsfahrt auf der Felge bekam die Krupp-Protze schließlich einen Achsenbruch und mußte gesprengt werden. Für den weiteren Rückzug erhielt er dann einen kleinen Panjewagen mit Pferd zugewiesen. Der Vorteil war, daß er dadurch keine Nachhut mehr machen mußte. Er erzählte auch vom gutmütigen Spott der ebenfalls zurückmarschierenden Infanterie, die sie mit dem Panjewagen überholten:

    "Na, Ihr habt wohl auch schon abgerüstet?", bekamen die beiden Flaksoldaten auf dem Pferdewagen zu hören.


    Beste Grüße,

    Bodo

    Hallo Thilo,


    Danke für die Informationen zur hergestellten Stückzahl und der eher geringen Wirkung des sowjetischen Spatengranatwerfers.

    Ich möchte aber noch ergänzen, daß die großen personellen Ausfälle der leichten Flak (wie mein Vater sie zu seinem Schrecken persönlich erleben mußte, das hat ihn noch lange beschäftigt) durch indirektes Granatwerferfeuer (Baumkrepierer) eingetreten sind.

    Wäre der Spatengranatwerfer mit seiner schnellen Schußfolge dafür immerhin geeignet gewesen?


    Mein Vater war im Sommer 1941 gerade erst Geschützführer geworden und fühlte sich natürlich für seine sieben Kameraden (inklusive Fahrer der Krupp-Protze) besonders verantwortlich.

    Weil er noch wenig Kriegserfahrung hatte, war er mit seinem 2-cm-Geschütz vor einer Baumgruppe in Stellung gegangen. Zusammen mit dem Kanonier 1 (der Leuchtspursalven in Richtung der sowjetischen Stellungen feuerte) war er am Geschütz.

    Die anderen fünf Kanoniere befanden sich in Deckungslöchern vor den Bäumen, etwa 10 m entfernt.


    Die sowjetischen Werfergranaten schlugen dann in den Baumkronen ein und ein mörderischer Splitterregen traf die fünf Kameraden in den Deckungslöchern. Zwei waren sofort tot, die beiden anderen starben auf dem Weg zum Verbandplatz, in den Armen meines Vaters

    (Leutnant Schmidt hatte ihm befohlen, sie schnellstmöglich mit dem Kfz dorthin zu bringen).

    Der Truppenarzt schüttelte nur den Kopf, als sie ankamen und fragte: "Was ist denn bei Euch los? Wir hatten heute schon so viele Verwundete von der Flak."

    Vermutlich starben die beiden Kameraden an Kreislaufversagen, denn die Splitterwunden selbst waren vergleichsweise klein aber zahlreich.

    Nur ein Kamerad (ich glaube es war der K5) hat seine Verwundung überlebt, mit stark blutender Schulter und schmerzendem Armgelenk.

    Er machte sich noch Sorgen, jemals wieder als Landwirt auf seinem Hof in Bayern voll arbeiten zu können.


    Mein Vater ist danach nie wieder selbstständig vor Baumgruppen oder am Waldrand in Stellung gegangen.

    Denn im Sommer 1944 als Nachhut beim Rückzug in Polen hinter der Narewbrücke war es wieder indirektes Granatwerferfeuer, was die großen Verluste verursachte. Der dabei ebenfalls gefallene Geschützführer mit dem Spanienkreuz wollte nicht auf meinen Vater hören, der noch vor der Gefahr durch Baumkrepierer gewarnt hatte.
    Die anrückenden Soldaten der sowjetischen Vorhut schossen nämlich sofort mit Granatwerfern auf die erkannte Baumgruppe, weil sie dort eine Stellung vermuteten. Zwei Tote und zwei Verwundete beim Nachbargeschütz waren dann die Folge der Baumkrepierer.


    Als verantwortlicher Obergefreiter hat mein Vater dann gleich den schnellen Rückzug der beiden 2-cm-Geschütze befohlen. Ein Zweimanntrupp von Heerespionieren war schon vorher vorbeimarschiert mit den Hinweis, sie hätten die Narewbrücke gerade eben mitsamt darauf fahrenden Sowjetpanzern gesprengt. Leider seien zwischen bzw. unter den T-34 Panzern auch noch versprengte deutsche Soldaten gewesen. Schlimm genug, davon auch nur zu hören. Jeder Soldat hat wohl gedacht, was wäre, wenn ich dort gerade noch gelaufen wäre?


    Später, im Frühjahr 1945, ist mein Vater dann ebenfalls durch Baumkrepierer sowjetischer Granatwerfer verwundet worden. Hier war er als Vertretung für einen bereits vorher verwundeten Geschützführer bei der Verteidigung von Gdingen/Gotenhafen eingesetzt. Die Stellung lag auf höheren Befehl hin auf einer bewaldeten Anhöhe.


    Soviel noch als Ergänzung zu den verheerenden Auswirkungen indirekten Granatwerferfeuers an der Ostfront.

    Ich hoffe, Karl kann diese Einzelheiten für seine Ausgangsfragestellung verwerten.


    Auf dieser englischsprachigen Forenseite werden übrigens viele Einzelheiten zu sowjetischen Granatwerfern vorgestellt, darunter auch der Spatengranatwerfer. Abgesehen von den Texten sind auch die eingestellten Bilder interessant:

    Russian WWII Mortars

    https://forum.axishistory.com/viewtopic.php?p=137777


    Grüße,

    Bodo

    Hallo Karl,


    um zunächst ein Lob anzubringen, ein wirklich hochinteressantes Thema hast Du hier eröffnet, daß wahrscheinlich viele deutsche Frontsoldaten ein Leben lang beschäftigt hat. Nach Berichten meines Vaters (der übrigens in wenigen Tagen 100 Jahre alt geworden wäre)

    waren neben den russischen Scharfschützen besonders die Granatwerfer eine ständige Bedrohung für Leib und Leben.


    Irgendwo habe ich mal den russischen Spruch gelesen:

    "Jeder zweite deutsche Soldat hat ein Eisernes Kreuz, jeder zweite russische Soldat einen Granatwerfer"


    Von diesem russischen Spruch hat mein Vater auch erzählt. Er hatte ihn im letzten Kriegswinter 1944/45 an der deutschen Verteidigungsstellung am Narew immer wieder gehört. Der Spruch war Teil einer Lautsprecherpropaganda der Roten Armee.

    Wenn ich den Spruch einmal im Zusammenhang zitieren darf, wie ihn die Wehrmachtssoldaten damals gehört haben:


    "Kommt rüber Kameraden! Hier gibt es am Tag dreimal warmes Essen und ihr werdet gut behandelt.

    Der Krieg ist verloren! Jeder zweite deutsche Soldat hat das Eiserne Kreuz, aber jeder zweite russische Soldat hat einen Granatwerfer."


    Das ging dann noch einige Zeit weiter. Dann wurde als Abschluß der Propagandadurchsage als Musik immer das Lied "Frühling in Wien" von Robert Stolz gespielt. Von möglichen deutschen Überläufern hat er in diesem Frontabschnitt allerdings nichts erfahren.



    Insbesondere die Rote Armee hat durch den erfolgreichen und für die Deutsche Wehrmacht verlustreichen Einsatz von Granatwerfern der verschiedensten Kaliber oftmals auf dem Gefechtsfeld, teils bedeutende Erfolge erlangt.

    Dies lag vor allem daran, dass diese Waffe einfach zu produzieren und für die RA in Massen - jährlich etwa 100.000 Stück - in den Kalibern 50mm, 82 mm, 120mm und 160 mm hergestellt wurden.

    "Das Granatwerferfeuer erlangte während des Krieges immer größere Bedeutung. So erhöhte sich das Gewicht einer Granatwerfersalve einer Schützdendivision auf mehr als das 7fache ( Juli 1941: 199,8 kg, 1945: 1406 kg." *

    Soweit die RA betreffend.


    Mein Vater hat ja von den insgesamt rund 47 Monaten Ostkrieg gegen die Sowjetunion etwa die Hälfte dieser Zeit an der Front erlebt.

    Besonders beim Vormarsch oder den Rückzugskämpfen mußte seine leichte Batterie oftmals ganze Frontabschnitte alleine sichern und gegen angreifende Schützenbataillone der Roten Armee verteidigen.

    Die ständige Bedrohung der Flaksoldaten (2-cm-Flak) durch sowjetische Granatwerfer, die er immer wieder schilderte, war sowohl 1941/42 als auch 1944/45 auffällig. Zweimal wurde er durch Splitter von Granatwerfern verwundet, einmal auf dem Vormarsch 1941 nur leicht, dann 1945 bei den Abwehrkämpfen an der Weichsel mittelschwer (die Narben an seinem Rücken waren auch 70 Jahre nach der Verwundung immer noch sichtbar).


    Manchmal hatte er auch einfach nur Glück, einer solchen Verwundung zu entgehen. Oder eine Vorahnung (sechster Sinn), wie beim kleineren Brückenkopf an der Desna im Sommer 1941. Dieser wurde nur von der II. Flakregiment 11 gehalten, nachdem die Infanterie der

    10. Infanteriedivision (mot.) hier durch überlegene Gegenangriffe der Roten Armee überrannt und versprengt worden war.


    Der Zugführer Leutnant Schmidt (gefallen in Orel 1943) hatte ihn als Melder nach hinten geschickt, als ihn ein sowjetischer Granatwerfer aufs Korn nahm. Nur durch ständiges Hakenschlagen und auf den Boden werfen konnte er den Granaten entgehen. Einmal schlug eine Granate genau vor ihm in einer Mulde ein, in welche er ursprünglich hatte springen wollen. Als hätte er die Gefahr geahnt, hatte er sich neben die vermeintlich rettende Deckungsmulde hingeworfen. Sonst wäre es aus gewesen. Das waren seine Worte.


    Jedenfalls hatte er sich oft gefragt, wie der Gegner überhaupt soviele Granatwerfer aufbieten konnte. Und vor allem so schnell.

    Er erzählte, sobald sie als Nachhut oder auf dem Vormarsch in Stellung gegangen waren, schossen die Russen innerhalb kürzester Zeit mit Granatwerfern. Im Juli 1941 hatte er dadurch einmal fast seine gesamte Bedienungsmannschaft verloren (4 Tote, 1 Verwundeter), im Sommer 1944 geschah genau dasselbe beim Nachbargeschütz, mit dem er die Nachhut bilden mußte. Der dort ebenfalls gefallene Geschützführer (auch ein Obergefreiter wie er) hatte schon das "Spanienkreuz" der Legion Condor getragen, war also sehr erfahren.



    Noch kurz vor seinem Tod vor vier Jahren glaubte er, eine Erklärung gefunden zu haben: den Spatengranatwerfer der Roten Armee.

    Dieser wurde in einer Zeitschrift beschrieben: schnell, effektiv und bei jeder sowjetischen Schützendivision reichlich vorhanden.

    Bezog sich darauf vielleicht der oben zitierte Satz "jeder zweite russische Soldat hat einen Granatwerfer"?


    Leider gibt es nur in der englischsprachigen Wikipedia eine Beschreibung des sowjetischen Spatengranatwerfers

    ("spade mortar"):

    Quote

    The 37mm spade mortar is a Soviet 37 mm light infantry mortar used in the Second World War. The mortar was produced from 1939 until the end of 1941.

    The German Army designated the weapon the 3.7 cm Spatengranatwerfer 161(r), although the true Soviet designation was simply "37mm mortar" (Russian: 37-мм Миномет). It is likely that the weapon was an attempt to boost the firepower of Soviet rifle units. Although a rifle grenade-launcher (which the Red Army also had) can fire shells of similar weight, they are slower to load and cannot serve as rifles while firing grenades. The spade mortar was used during the Winter War with Finland, where the weapon was found ineffective in the heavy snow. Initially used on the Eastern Front in World War II, the spade mortar fell into disuse after 1942.

    https://en.wikipedia.org/wiki/37mm_spade_mortar


    Hier stellt sich gleich eine weitere Frage: wenn die Produktion des 37mm Spatengranatwerfers Ende 1941 eingestellt wurde und die Verwendung ab 1943 auslief, konnte es dann 1944 noch wesentliche Restbestände bei der Roten Armee geben?


    In einem schweizer Forum hat ein Mitglied einen Text aus deutschen Kriegserinnerungen zitiert. Dort war beim Kampf um Belgrad 1944 noch vom Einsatz sowjetischer Spatengranatwerfer durch die Rote Armee die Rede (leider ohne Quellenangabe):


    Quote

    Hallo, bin beim Lesen eines Berichtes eines Teilnehmers der Schlacht um Belgrad von 1944 auf folgende Textpassage gestoßen:

    QUOTE

    Nun rannten wir, was die Lungen hergaben, bis wir an den bewaldeten Hängen des Kalvarienberges etwas Deckung fanden. Die Russen nahmen uns unter höllisches Granatwerferfeuer. Zu dieser Zeit führte der russische Soldat einen Schanzspaten bei sich, den man mit einem Griff in einen Granatwerfer umfunktionieren konnte. Klappte man das Spatenblatt weg, dann bildete dieses die Bodenplatte. Der Spatenstiel war hohl und diente auf diese Weise als Geschützrohr. Die Russen hatten in ihrer Waffenausrüstung überhaupt mächtig aufgeholt. Allein die Tatsache, daß jeder von ihnen über eine Maschinenpistole verfügte, ließ uns beten, daß der Krieg bald zu Ende sein möge.


    Hier noch einige technische Daten zum sowjetischen Spatengranatwerfer aus der WAFFEN REVUE Nr. 11 DEZ. 1973:

    (siehe auch unten angehängte Datenblätter)


    "Russischer Spatengranatwerfer 3,7 cm (Deutsche Bezeichnung 3,7 cm Spatengranatwerfer 161)


    Feuerbereitschaft in 1 bis 2 Minuten


    Schußfolge 20-25 pro Minute


    Größte Schußweite 300 Meter"



    Diese technischen Daten würden doch die schnelle Verfügbarkeit (max. 2 Minuten) und Schußfolge (mind. 20 / Minute) gegen deutsche Stellungen erklären?

    Oder kennt jemand noch eine andere Erklärung für die Kriegserlebnisse deutscher Soldaten mit schnellen und sofort verfügbaren sowjetischen Granatwerfern?


    Beste Grüße,

    Bodo

    Hallo Joseph


    Nun, das mit den Unbelehrbaren ist kaum eine Überraschung, auch in den baltischen Staaten ist man nach meiner persönlichen Erfahrung mitunter sehr unkritisch bei der Erinnerung an die nationalistischen Kräfte.


    Hallo Marc und Joseph,


    man sollte sich meiner Meinung nach eingestehen, daß echte mulitperspektivische Geschichtsbetrachtungen fast überall Mangelware sind.

    Ich erinnere mich an den Seufzer eines altgedienten Didaktikprofessors für Geschichte, der in einer Vorlesung meinte, die Deutschen hätten ja nun endlich ihre Nationalgeschichte zugunsten einer europäischen Geschichtsschreibung aufgegeben, aber vergleichbare Perspektivwechsel anderer Nationen seien bislang (leider) ausgeblieben. Der Prof selber hatte u.a. an internationalen Schulbuchprojekten mitgewirkt, die ausschließlich mit deutschen Geldern finanziert wurden.


    Vor Jahren gab es anläßlich des Kriegsendes einen aufschlußreichen Artikel in der WELT über die historischen Befindlichkeiten der baltischen Länder angesichts der Konfrontation mit Rußland und den seit der Stalin-Zeit starken russischen Minderheiten im Baltikum:


    Quote

    Russlands Siegesfeier erregt im Baltikum Ärger

    Moskau erinnert an den 66. Jahrestag des Kriegsendes und verärgert damit seine Nachbarn. Denn im Baltikum haben Sowjetsoldaten auch brutal gewütet.

    [...]

    Der litauische Historiker Saulius Suziedelis sieht in der Erinnerung an den Krieg zweierlei. "Die Erfahrung der Litauer ist, dass etwa 5000 ihrer Landsleute von den Nazis umgebracht wurden, aber etwa zehnmal mehr unter den Sowjets, vor allem in den ersten Nachkriegsjahren.

    https://www.welt.de/politik/au…t-im-Baltikum-Aerger.html


    Interessant finde ich auch die neueren Forschungen des polnischen Historikers Marcin Zaremba, der u.a. herausgefunden hat, daß durch polnische Aktionen in den von Deutschland besetzten Gebieten mehr jüdische Landsleute getötet wurden als im selben Zeitraum Angehörige der deutschen Besatzungstruppen. Diese Erkenntnisse zur Holocaust-Geschichte haben laut MDR-Interview in Polen für ziemliche Aufregung gesorgt:


    Interview "Die vierte Phase des Holocausts"


    Der polnische Historiker Marcin Zaremba hat mit seinen Forschungsergebnissen im April 2017 für Aufregung gesorgt, weil sie so wenig ins bisherige Geschichtsbild der Polen passen. Er untersuchte, wie seine Landsleute im Zweiten Weltkrieg und kurz danach ihre jüdischen Nachbarn und Mitmenschen behandelten.

    [...]

    Quote

    Laut Dokumenten, die Sie veröffentlicht haben, haben die Polen während der deutschen Besatzung mehr Juden als Deutsche getötet. Um welche Zahlen handelt es sich?


    Deutsche Berichte aus dem damaligen "Generalgouvernement" belegen, dass in der Zeit zwischen Oktober 1939 und Sommer 1944 ungefähr 1.300 Deutsche getötet wurden. Dazu muss man noch 900 Mithelfer vor allem aus den Reihen der polnischen und ukrainischen Polizei rechnen. Wir reden über die Zeit nach dem Angriff im September 1939 auf Polen, bei dem es 17.000 deutsche Opfer gab – und vor August 1944, als der Aufstand im besetzten Warschau ausbrach, in dem wiederum zwischen 2.000 und 9.000 Deutsche getötet wurden. In derselben Zeit – also zwischen Oktober 1939 und Sommer 1944 - wurden mehr als 10.000 Juden an die Deutschen ausgeliefert oder von Polen ermordet.

    https://www.mdr.de/heute-im-os…en-und-holocaust-100.html


    Doch zurück zum Thema Wilna 1944.

    Ich habe in der mir zur Verfügung stehenden Literatur mehrere Auszüge gefunden, die vielleicht helfen könnten, die Hintergründe der gescheiterten Kooperation zwischen der AK und den Sowjets einerseits und der zwischen AK und deutschen Wehrmachtsstellen andererseits aufzuhellen.


    Den Ausführungen des polnischen Historikers Wlodzimierz Borodziej zufolge sollte die Eroberung Wilnas durch Einheiten der AK die Generalprobe für den Warschauer Aufstand sein. Borodziej überschreibt den Abschnitt wo Wilna behandelt wird, daher mit

    "Die Generalprobe" (für die geplante Rückeroberung Warschaus):



    Der schon von Euch erwähnte deutsche Historiker Bernhard Chiari hat in dem Buch "Alltag hinter der Front" über die vergeblichen Versuche der AK, Wilna kampflos von den Deutschen zu übernehmen, geschrieben:


    "Bis zum deutschen Rückzug blieb der Wahrheitsgehalt dieser und weiterer Berichte über lokale Bündnisse zwischen der Wehrmacht und der [polnischen] Heimatarmee sowie die tatsächliche Haltung der Londoner Exilregierung ungeklärt.

    Ideen von einem deutsch-polnischen Bündnis gegen die Sowjetunion spukten durch die Köpfe der deutschen militärischen Führung in Weißrußland.

    Noch am 3. Juli erhielt die Heeresgruppe Mitte eine Nachricht vom Militärkommandanten in Wilna, nach der das polnische Oberkommando den Deutschen ein Ultimatum gestellt habe. Die Armia Krajowa bot zum letzten Mal das Zusammengehen mit der Wehrmacht an und drohte, andernfalls die Stadt zu stürmen.


    Etwa 5 500 Soldaten der Armia Krajowa waren schließlich, beginnend mit dem 6. Juli, an den Kämpfen um Wilna beteiligt. Unter dem Kommando von Oberst Krzyzanowski unterstützten diese polnischen Brigaden die Angriffsoperationen der sowjetischen 3. belorussischen Front. [...]"

    (Bernhard Chiari, Alltag hinter der Front. Besatzung, Kollaboration und Widerstand in Weißrußland 1941-1944, Düsseldorf 1998, S. 299.)



    Aus Sicht der deutschen Besatzungstruppen stellte sich das Angebot der Armia Krajowa zur "Übernahme Wilnas" aber weniger als "Zusammengehen mit der Wehrmacht" denn als deutsche Teilkapitulation dar.

    Der Verleger, Kriegsveteran und Jurist Dr. Rolf Hinze hat in seinem Standardwerk "Das Ostfrontdrama 1944. Rückzugskämpfe der Heeresgruppe Mitte" auf das Mißtrauen der örtlichen deutschen Kommandobehörden (und Hitlers hirnverbrannte "Führerbefehle") hingewiesen:


    Quote

    „Die Sowjets bereiteten diesen Vorstoß auf ihre Art vor. Beim Kommandanten des „Festen Platzes“ Wilna erschienen eines Tages polnische Unterhändler mit dem Angebot, rings um Wilna herum liegende polnische Banden in Stärke von etwa 10 000 bis 12 000 Mann zur Verteidigung dieses Landesbereiches gegen die Sowjets einzusetzen, allerdings unter der Bedingung, daß die deutsche Führung die Stadt Wilna kampflos übergäbe. Solches widersprach jedoch bestehendem Führerbefehl, so daß die Heeresgruppe hierzu ihre Zustimmung nicht erteilen konnte.

    Später stellte sich dieser Verhandlungsversuch als - wahrscheinliches - Ergebnis sowjetischer Aufweichungsbemühungen heraus. Nach dem Infiltrationssystem hätte man dann sowjetische Banden oder Rotarmisten durch die deutsche HKL einschleusen können und Wilna kampflos gewonnen.“

    (Rolf Hinze, Das Ostfrontdrama 1944. Rückzugskämpfe der Heeresgruppe Mitte, Stuttgart 1988, S. 92.)


    Im offiziellen militärhistorischen Geschichtswerk Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 8, Die Ostfront - Der Krieg im Osten und an den Nebenfronten, München 2007, wird auf Seite 565 im Anmerkungsapparat auf Hinzes Ostfrontdrama hingewiesen:


    “Zur Sekundärliteratur vgl. Hinze, Das Ostfrontdrama 1944, S. 103 ff. und 120 f.”



    Wie wir bei Wlodzimierz Borodziej gelesen haben, war das deutsche Mißtrauen auch durchaus begründet, wie die länger andauernden und schließlich erfolgreichen Verhandlungen der AK-Führer mit den Sowjettruppen über einen gemeinsamen Vormarsch zeigen:


    "Erst Anfang Juli 1944 gelang es "Wilk", in Verhandlungen mit den Sowjets einen Waffenstillstand und eine partielle Kooperation für den kommenden Kampf gegen die Deutschen zu vereinbaren."

    (Wlodzimierz Borodziej, Der Warschauer Aufstand 1944, Frankfurt a. M. 2001, S. 84.)


    Aus den Erfahrungen beim Wilna-Aufstand "Burza" ("Ostra Brama") bez. einer möglichen echten Kooperation mit der Roten Armee hätte man bez. Warschau lernen können: Die Auslösung des Warschauer Aufstandes war, nach milit. Gesichtspunkten, eine Fehlleistung der AK-Führung - das sehen inzwischen auch seriöse poln. Historiker in ähnlicher Weise.


    Wie die "echte Kooperation mit der Roten Armee" aussah, ist doch am Beispiel Wilnas genau dargestellt worden.

    Wlodzimierz Borodziej hat doch beschrieben, wie nach dem gemeinsamen Einmarsch von AK und Roter Armee Stalins Befehle zur Zerschlagung der bewaffneten "Nationalpolnischen Gruppierungen" in Litauen wie vorher in Wolhynien durchgeführt wurden.

    Insgesamt fielen am Ende 20.000 Kämpfer der Armia Krajowa den sowjetischen Truppen zum Opfer.

    Unter Stalins Herrschaft konnte es ebensowenig andauernde Freiheit geben wie unter Hitler.


    Vgl. das Zitat aus Wikipedia:


    "Die A.K.-Angehörigen wurden am 15. Juli von NKWD-Truppen unter dem Befehl von Iwan Serow entwaffnet und ihre Offiziere einschließlich des Befehlshabers Krzyżanowski verhaftet. Einheiten der A.K., die sich dem Befehl zur Entwaffnung widersetzten, wurden von den sowjetischen Truppen zerschlagen, wobei viele A.K.-Angehörige getötet wurden."

    http://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Bagration


    Es wurden nur noch Verbände mit kommunistischer Ausrichtung unter sowjetischer Führung geduldet.

    Schließlich hatte Stalin nach Aufdeckung einiger sowjetischer Massenmorde an polnischen Staatsbürgern 1943 bereits jegliche Beziehungen zur polnischen Exilregierung in London abgebrochen:


    Quote

    Trotz der Bitten von Roosevelt und Churchill, es nicht zu tun, erklärte Stalin am 25. April 1943 den Abbruch der Beziehungen zu Polen. Damit isolierte er Polens Exilregierung in der Anti-Hitler-Koalition und stellte die Weichen für ein kommunistisches Nachkriegspolen ohne Rücksicht auf westliche Interessen.[5]

    https://de.wikipedia.org/wiki/…In_England_(ab_Juni_1940)


    Trotzdem hatte die der polnischen Exilregierung unterstehende AK tapfer an der Seite der Roten Armee die Einnahme Wilnas unterstützt:


    Quote

    "Die AK, mittlerweile etwa 6000 Soldaten stark, kämpfte vom 7. Juli bis zur Kapitulation der Reste der deutschen Garnison am 13. Juli auf sowjetischer Seite.

    [...]

    Am 14. Juli meldete einer der Untergebenen Krzyzanowskis nach London: "Wilna erobert unter großer Beteiligung der AK, die in der Stadt ist. Große Vernichtungen und Verluste. Beziehungen zur Sowjetarmee augenblicklich korrekt. Gespräche werden geführt. Wilna hat einen sehr kurzen, aber wie erfreulichen Augenblick der Freiheit erlebt. 14 VII - das Polentum der Stadt ist augenfällig."

    Der "Augenblick der Freiheit" sollte in der Tat "sehr kurz" bleiben. [...]"

    (Wlodzimierz Borodziej, Der Warschauer Aufstand 1944, Frankfurt a. M. 2001, S. 86-87.)


    "Das Polentum der Stadt" war laut Borodziej natürlich auch deshalb augenfällig, weil im Juli 1944 fast nur noch polnische Einwohner in Wilna zurückgeblieben waren:


    "Am 3. Juli erging an die AK-Einheiten der Bezirke Wilna und Nowogródek der Befehl, für den 7. Juli kurz vor Mitternacht in Angriffsstellung vor der Stadt bereitzustehen.

    Die Operation Ostra Brama entpuppte sich allerdings als Fehlschlag.

    [...]

    Der wichtigste Grund für den Mißerfolg bestand vermutlich jedoch in den Veränderungen in der Stadt selbst. Zwar verließen bis zum 4. Juli litauische Kollaborateure, deutsche Beamte und Zivilisten beider Nationalitäten oftmals fluchtartig die Stadt; sie soll in der zweiten Juliwoche von nicht mehr als 70 000 bis 80 000 Menschen, hauptsächlich Polen, bewohnt gewesen sein."

    (Borodziej, Der Warschauer Aufstand 1944, S. 84-86.)



    Leider imaginiert Borodziej dann eine deutsche Truppenstärke von über 17 000 Soldaten in Wilna (eine typische sowjetische Übertreibung), wo doch in den maßgeblichen deutschen Darstellungen von nicht mehr als 4000 Mann Kampftruppen in der Stadt ausgegangen wird:

    "Insgesamt 4000 deutsche Soldaten saßen in der Falle.”

    (Karl-Heinz Frieser, Der Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte im Sommer 1944, in: Karl-Heinz Frieser, Klaus Schmider, Klaus Schönherr (Hrsg.),Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd.8, Die Ostfront - Der Krieg im Osten und an den Nebenfronten, München 2007, S. 563.)


    Selbst die 3. Panzerarmee ohne Panzer und mit wenig KfZ von Generaloberst Reinhardt verfügte in den anhaltenden Rückzugskämpfen nur noch über maximal 4000 Soldaten (anstelle von Kampfpanzern verfügte sie aber Anfang Juni 1944 über 60.000 Pferde, war also eher als

    3. Pferdearmee anzusehen (ebenda, S. 532)).


    Wo sollten da die angeblich weiteren 13.000 kampfbereiten deutschen Soldaten in Wilna hergekommen sein, wie Borodziej meint.

    Aus polnischer Sicht hört es sich so aber vermutlich besser an, als wenn wie realiter 4000 angreifende AK-Kämpfer von 4000 deutschen Soldaten schnell abgewehrt werden konnten:


    "Der Angriff der AK auf Wilna begann am 7. Juli nach Mitternacht und blieb nahezu sofort im Sperrfeuer der Verteidigung liegen. Nach wenigen Stunden zogen sich die Partisanen morgens und am Vormittag auf ihre Ausgangspositionen zurück.

    Am selben Tag erschienen die ersten sowjetischen Panzereinheiten der 3. Belorussischen Front vor der Stadt."

    (Borodziej, a.a.O.)



    Zum Abschluß möchte ich noch einmal die jüdische Partisanin Rachel Margolis zitieren, die hier früher schon erwähnt wurde. Sie berichtet über die Begegnung ihrer sowjetischen Partisanen mit einigen beim Angriff auf Wilna zurückgeschlagenen AK-Soldaten:


    "Wir stoppten junge Burschen, AK-Leute, abgerissen und schmutzig. Einer erzählte:

    "Wir haben eine Position neben dem Friedhof in Rossa eingenommen, neben einer steinernen Brücke über die Bahngleise. Wir träumten davon, in die Stadt einzudringen und das Zentrum einzunehmen.

    Schließlich ist das unsere Stadt, eine polnische Stadt! Und schließlich haben uns die Sowjets erlaubt, um sie zu kämpfen."


    Der Junge weinte und konnte nur mit Mühe weitersprechen.

    "Es war ein furchtbarer Kampf. Die Deutschen setzten Panzer und Kanonen gegen uns ein. Alle sind gefallen. Nur die, die es schafften, in Deckung zu gehen, haben überlebt. Alle sind tot! Wir haben verloren!"


    Im Wald waren sie unsere Feinde gewesen, aber jetzt taten sie mir leid. Die Unseren hatten gesiegt. Vom Flugplatz aus starteten weiter Flugzeuge, bombardierten die Stadt, und die Lautsprecher riefen fortwährend zur Kapitulation auf.

    Mitglieder unserer Partisaneneinheit kamen, um uns abzulösen. Wir konnten uns ausruhen."


    (Rachel Margolis, Als Partisanin in Wilna. Erinnerungen an den jüdischen Widerstand in Litauen, Frankfurt 2008, S. 218 f.)



    Grüße,

    Bodo

    Es ging allein um die Tatsache ,dass der Deutsche Gruß schon lange vor dem Attentat des 20.Juli 1944 als Ehrenbezeigung ohne Kopfbedeckung bei der Wehrmacht vorgeschrieben war.


    Hallo Chris,


    ich interpretiere Deinen Hinweis so, daß Du meinst, der "Hitlergruß" sei auch vor 1944 innerhalb der Wehrmacht "ohne Kopfbedeckung" überall angewendet worden. Die Frage ist doch, wer hat die Dienstvorschrift kontrolliert bzw. durchgesetzt. Wer außer den Nazis hätte ein Interesse daran gehabt? Warum sprachen Hitler, Goebbels und Bormann denn von den "nichtnationalsozialistischen" Wehrmachtteilen Heer und Luftwaffe? Nur die Marine fand ihr Gesinnungslob. Wegen des flächendeckenden "Hitlergrußes" dort?


    Quote

    "[4. März 1944] Sehr zufrieden ist der Führer mit der politischen Haltung der Marine. Nicht nur Dönitz sorgt hier für einwandfreie politische Ausrichtung, auch Raeder hat das früher getan. Raeder war gar nicht so bigott, wie allgemein angenommen wurde. Er huldigte einem konfessionslosen Christentum, war aber von einer ausgesprochenen Treue und Anhänglichkeit. Dasselbe kann von Dönitz gesagt werden.

    Die Luftwaffe ist auch [wie das Heer] in keiner Weise als nationalsozialistisch anzusprechen, was in der Hauptsache darauf zurückgeführt werden muß, daß sie einen großen Teil ihrer Offiziere, vor allem ihrer älteren, aus dem Heer übernommen hat."

    (Ralf Georg Reuth (Hrsg.), Joseph Goebbels. Tagebücher Band 5: 1943-1945, München 2003, S. 2011.)


    Wie Du weißt gibt es das deutsche Sprichwort "Papier ist geduldig". Genauso sieht es bei unbeliebten Vorschriften aus.


    Mein Vater war als Wehrpflichtiger fünf Jahre Mannschaftssoldat in der Wehrmacht. Er hat immer betont, während seines Kriegsdienstes nie den "Deutschen Gruß" verwendet zu haben. Auch nach dem 20. Juli 1944 hat er seine Vorgesetzten wie vorher mit der Hand an der Mütze gegrüßt. Keiner hat das beanstandet. Aber das war eben die unmittelbare Ostfront.

    Bei Leutnant Kurt Werner Andres war es das besetzte "friedliche" Dänemark, bei Leutnant Wolfgang Fuchs die Fliegerleitzentrale weit hinter der Front. Da war die politische Überwachung nach dem 20. Juli 1944 viel größer.


    Der Historiker Tilman Allert hat in seiner Studie zur Geschichte des "Deutschen Grußes" festgestellt, daß die Wehrmacht insgesamt gar kein Interesse an einer flächendeckenden Einführung vor 1944 haben konnte. Denn die Wehrmacht kam doch aus der Reichswehr und sollte Deutschland dienen, nicht einem Polithasardeur wie Hitler. Beides ging nicht zusammen:


    Quote

    "Vor diesem Hintergrund eines eigenlogischen Bereichs militärischen Handelns erscheint im übrigen plausibel, daß die deutsche Wehrmacht trotz und auch nach ihrer Vereidigung auf Hitler in dessen Doppelfunktion von Reichskanzler und Reichspräsident [...] ihre eigenen Grußformeln bis 1944 gepflegt und erkannt hatte, daß die Einführung des "Hitlergrußes" zwei unvereinbare Ansprüche auf einschränkungslose Einsatzbereitschaft heraufbeschwörte."


    (Tilman Allert, Der deutsche Gruß. Geschichte einer unheilvollen Geste, Frankfurt 2005, S. 69.)


    Deswegen fiel den meisten Soldaten unangenehm auf, daß der "Hitlergruß" nach dem 20. Juli 1944 verbindlich und flächendeckend eingeführt wurde. Vorher schon die NSFOs als Politoffiziere eingeführt. Von da an sollten die Landser nicht mehr Deutschland, sondern nur noch dem "Gröfaz" Hitler dienen.


    Ich habe noch einen weiteren Soldaten entdeckt, der sich am 20. Juli 1944 unter anscheinend "Hitlertreuen" Kameraden im Lazarett einsam und verlassen vorkam.

    Es handelt sich um den Philologen und Nazi-Gegner Herbert Wiegandt, im Krieg Sanitätssoldat beim Heer:


    Quote

    Herbert Wiegandt (* 20. September 1914 in Ulm; † 15. November 2003[1]) war ein deutscher Philologe und Bibliothekar. Er ist als „Wieland“ in den Eugen-Rapp-Büchern des Schriftstellers Hermann Lenz bekannt geworden.[2]

    [...]

    Während des Zweiten Weltkrieges diente er als Soldat im Sanitätseinsatz. Im September 1942 heiratete Wiegandt Helga Sindlinger aus Stuttgart. Die kirchliche Trauung fand im Ulmer Münster statt.[6]

    1944 wurde Wiegandt in Litauen verwundet. [...]

    https://de.wikipedia.org/wiki/Herbert_Wiegandt


    Nach Hitlers Rundfunkrede vom 21. Juli 1944 (siehe meinen Post vom 31. Januar 2019) gab es in seinem Verwundetensaal (30 Soldaten) im Lazarett Memel einen hysterischen Ausbruch der Verwundeten. Wiegandt führt das u.a. auf die Hilflosigkeit der zum Teil sehr schwer verwundeten Soldaten nahe der Ostfront zurück:

    "Der latente Haß auf das, was man Dumpf als etwas "Höheres" empfand, besonders im Zustand des Herausgerissenseins aus den gewohnten Ordnungen sowie die unterschwellige Angst vor dem Kommenden, verstärkt in dieser Lazarettsituation [...]

    (Herbert Wiegandt, Inselexistenz. Vorkrieg und Krieg 1935-1945. Briefe und Aufzeichnungen, Weißenhorn 2002, S. 171.)


    Quote

    "Es entstand eine ungeheure Erregung. Von dem geretteten Hitler war dabei gar nicht die Rede, aber fast jeder hatte etwas zu erzählen von angeblichen "Sabotage"-Akten, von denen er gehört oder die er selbst erlebt haben wollte, schon im Frankreich-Feldzug seien Granaten mit falschen Zündern geliefert oder sei Treibstoffnachschub verhindert worden usw. usw. - alles wurde geglaubt, jede Vernunft verschwand, auch normalerweise und von Mensch zu Mensch sonst ordentliche und umgängliche Leute steigerten sich wie in einen Rausch hinein und mit dem Tenor:

    wir hätten längst gesiegt ohne diese Generalslumpen und adligen Schweinehunde, diese Verräter sind an allem schuld."

    (Herbert Wiegandt, Inselexistenz. Vorkrieg und Krieg 1935-1945. Briefe und Aufzeichnungen, Weißenhorn 2002, S. 171.)


    Es ging den erregten Verwundeten also gar nicht in erster Linie um den "geretteten Hitler", sondern mehr um ihre persönlich hoffnungslose Situation. Keine Zukunft mit Hitler an der Macht, aber auch (vermeintlich) keine rosigen Aussichten ohne Hitlers Herrschaft.

    Daraus folgte spontaner Haß auf die Attentäter.


    Herbert Wiegandt ist dann in einer Genesungskompanie in Rothenburg Ende Juli 1944 auch die neue verbindliche Einführung des "Hitlergrußes" unangenehm aufgefallen:


    Quote

    "Aber es gab auch anderes, z.B. am Sonntagvormittag, nur für Soldaten, eine "Feierstunde", die der "Betreuungsoffizier" [NSFO] abhielt - solche gibt es jetzt bei allen Einheiten, seit Himmler Befehlshaber des Ersatzheeres ist und nun auch der "Deutsche Gruß", der bisher der SS vorbehalten war, allgemein eingeführt wurde, das ruckartige Ausstrecken des ganzen rechten Armes anstelle des traditionellen "Anlegens der rechten Hand an die Kopfbedeckung", das als erstes vom Rekruten auf dem Kasernenhof zu lernen war.

    "Politruks" gab es ja einst bei den Russen, die 1941 als besonders gefährlich vordringlich ausgemerzt werden sollten. Gefährlich war nun der Mann, der sich da vor uns aufbaute, sicher nicht, ein Hauptmann, der da einen ruhigen Posten ergattert hatte, gläubig natürlich sein mußte. Er hatte über den "totalen Krieg" zu tönen und vollzog das mit Geschrei, verzerrtem Gesicht und vernunftlosem Geschwätz, wir würden siegen, denn wir müßten siegen, [...]".

    (Herbert Wiegandt, Inselexistenz. Vorkrieg und Krieg 1935-1945. Briefe und Aufzeichnungen, Weißenhorn 2002, S. 173.)


    Wenn Du Kurt Werner Andres aus meinem vorigen Post erinnerst, dieser hatte auch vom "Deutschen Gruß" als Merkmal der SS ("wie bei der SS") geschrieben. Und Wiegandt schreibt, dieser Gruß sei "bisher der SS vorbehalten" gewesen.


    Demnach war die "Standortdienst-Vorschrift, H. Dv. 131 vom 24. 10. 39, Nachdruck 1942" (Vorschrift "Deutscher Gruß" ohne Kopfbedeckung) den meisten einfachen Soldaten doch gar nicht in allen Einzelheiten bekannt.


    Wer als Soldat oder Offizier zusätzlich bei der SS war (siehe den Kompaniechef des katholischen Studenten Alfred Bengsch), verfolgte die genannte Dienstvorschrift natürlich auch vor dem 20. Juli 1944 ganz anders. Oder wer sich der SS ideologisch verbunden fühlte. Da mußte der "Deutsche Gruß" auch vor 1944 gezeigt werden. Zum Glück war das nach den bisherigen Erkenntnissen in diesem Thread offenbar eine Minderheit von Vorgesetzten.


    Gruß,

    Bodo

    Hallo zusammen,


    leider wurden mal wieder historische Fragen zu politischen umgemünzt. Sind das schon umsichgreifende Vorfrühlingsgefühle?

    Solch eine lieblose Behandlung eines so wichtigen Themas liegt mir fern.

    Andererseits kann man die Behauptungen von Chris, beim sogenannten "Deutschen Gruß" in der Wehrmacht sei alles geklärt,

    nicht so stehen lassen.


    Die von Bodo erwähnte Behauptung des Stauffenberg-Biographen Peter Hoffmann


    wurde doch ganz klar wiederlegt!

    Da gibt es auch wirklich überhaupt nichts zu diskutieren!


    Warum stört dich diese Sache mit dem Hitler Gruß in der Wehrmacht denn überhaupt so sehr und warum versuchst du

    diesen Fakt irgendwie zu relativieren?


    Aufmerksamen Lesern dieses Threads wird nicht entgangen sein, daß ich bisher nur andersdenkende Nicht-Nazi-Soldaten als Quellenbeispiele genannt hatte. Eben "christlich und oder humanistisch gesinnte Soldaten konfrontiert mit Nazi-Ideologen".


    Jetzt habe ich hier mal ein Gegenbeispiel anzubieten, was die Diskussion vielleicht (hoffentlich) versachlichen könnte. Der Leutnant Kurt Werner Andres war zum Zeitpunkt des Hitler-Attentats als Besatzungssoldat in Dänemark. Er schrieb regelmäßig Briefe an seine Verlobte in der Heimat.

    Leutnant Andres reagiert empört auf das Attentat durch die Verschwörer und hielt "Säuberungsmaßnahmen" in der Wehrmacht für sinnvoll.


    Außerdem (Chris bitte aufpassen) begrüßte Leutnant Andres ausdrücklich die ab sofort verbindliche Einführung des "Hitler-Grußes" in der Wehrmacht:


    "24. Juli 1944

    In der neueren Geschichte hat es solch ein Attentat noch nicht gegeben. In der Stunde der größten Gefahr für unsere geliebte Heimat wagen es hohe Offiziere, die Waffen gegen ihren obersten Kriegsherrn, dem sie einen Eid geschworen haben, zu erheben, ist das nicht mehr als gemein? Es sind wie immer die Adligen, die nach wie vor unseren Führer nicht anerkennen, weil er im Ersten Weltkrieg nur Gefreiter war und dazu noch Sohn eines armen Zollbeamten.


    Hoffentlich weht nach der Säuberung ein anderer Wind. Heute kam schon der Befehl, daß ab sofort der alte "Kaiser-Wilhelm-Gruß" wegfällt und wie bei der SS mit erhobener Hand und "Heil Hitler" zu grüßen ist. Himmler wird als Befehlshaber des Ersatzheeres in der Heimat für Ordnung sorgen, darüber bin ich mir im klaren.

    50.000 Offiziere haben bis jetzt ihr Leben im Kampf geopfert und auch ich bin, getreu meinem Eid, bereit, für den Endsieg zu sterben.


    Die Dänen glaubten, nun sei es aus und jubilierten. Du glaubst nicht wie schnell der Streik in Kopenhagen vorüber war. Er sollte zunächst vier Wochen dauern, innerhalb von zwei Tagen waren alle wieder an ihrem Arbeitsplatz.

    [...]

    Ich bin umgezogen und wohne jetzt bei einer Familie, dänische Nationalsozialisten; ich habe drei Zimmer, die fabelhaft eingerichtet sind. Die Quartierleute sind sehr freundlich und ich fühle mich in meiner neuen Unterkunft wohl."


    (Kurt Werner Andres, Vergangenheit - Bewältigung oder Verdrängung? Briefe 1940 bis 1949 im Rückblick, Frankfurt 1995,

    S. 306-307.)


    Später, ab Herbst 1944 wieder an der Ostfront, denkt Leutnant Angres dann schon anders über die gescheiterten Attentäter.

    Hier freut er sich, keinen "Parteisoldaten" (der NSDAP) als Vorgesetzten zu haben:


    Quote

    "Auch wir subalternen Offiziere stellten an der Ostfront Ende 1944/Anfang 1945 Überlegungen an, wie der Krieg zu Ende zu führen wäre. Alle Gedankenspiele scheiterten an der von den Alliierten aufgestellten Forderung nach bedingungsloser Kapitulation, so daß es in dieser Zwangslage keinen anderen Ausweg gab, als den Kampf bis zum bitteren Ende weiterzuführen.

    In den letzten Monaten des Krieges hatte ich das Glück, Vorgesetzte zu haben, die nicht zu den sogenannten "Parteisoldaten" zählten. Mein letzter Kompaniechef, Oberleutnant Joachim von Studnitz, entstammte einem alten schlesischen Adelsgeschlecht, und allein die Tatsache, daß er mit 25 Jahren noch Oberleutnant war, beweist, daß er fürs "Heldentum" nicht viel übrig hatte.

    Bei der sowjetischen Weichseloffensive im Januar 1945 wurde die 4. (Pz.) Panzerjägerabteilung 87 aufgerieben, und von Studnitz gilt seit dem 17. Januar 1945 als vermißt."

    (Kurt Werner Andres, Vergangenheit - Bewältigung oder Verdrängung? Briefe 1940 bis 1949 im Rückblick, Frankfurt 1995,

    S. 327.)


    Der nächste vorgesetzte Offizier von Andres, der Oberstleutnant und Eichenlaub-Ritterkreuzträger Eberhard Zahn,

    weigerte sich nach dem 20. Juli-Attentat standhaft, den jetzt verbindlich eingeführten "Hitler-Gruß" anzuwenden:


    "Nach meiner Versetzung zum Stab des Panzerregiments 9 als Führer des Aufklärungszuges und der Regimentskampfstaffel lernte ich in Oberstleutnant Dr. Eberhard Zahn, Träger des Eichenlaubs zum Ritterkreuz, einen von uns allen verehrten militärischen Führer kennen, der in den letzten Monaten des Krieges die Parole ausgab, bei den Einsätzen vor allen Dingen Menschenleben zu schonen.


    Er weigerte sich, mit "Heil Hitler" und ausgestrecktem Arm zu grüßen. Nach dem Krieg, in seiner letzten beruflichen Aufgabe, hatte der Jurist Dr. Eberhard Zahn als Vorstandsvorsitzender der Ruhr-Stickstoff AG in Bochum eine bedeutende Position in der deutschen Industrie inne.

    Das mißglückte Attentat des Obersten Graf Schenk von Stauffenberg (1907-1944) zog vom Juli 1944 bis April 1945 rund 7.000 Verhaftungen nach sich, etwa 5.000 Personen wurden hingerichtet."


    (Kurt Werner Andres, Vergangenheit- Bewältigung oder Verdrängung? Briefe 1940 bis 1949 im Rückblick, Frankfurt 1995, S. 327.)



    Deswegen hat der Professor Hoffmann doch vollkommen recht, wenn er darauf besteht, daß der "Hitler-Gruß" in der Wehrmacht wenig verbreitet war. Und nach der von Göring veranlaßten verbindlichen Einführung im Sommer 1944 immer noch unbeliebt war.


    Das zeigt z.B. auch der Tagebucheintrag des Leutnants der Nachrichtentruppe der Luftwaffe, Wolfgang Fuchs. Er war Freiwilliger.

    Leutnant Fuchs war zeitweise verantwortlich für die gesamte Jagdführung an der mittleren Ostfront 1944/45:


    Quote

    "19. September 1944.

    Ich befinde mich auf dem Weg zu meiner neuen Dienststelle auf der Straße nach Lodz/Litzmannstadt. Unterwegs fällt mir ein:

    Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli mit weitreichenden Folgen für unsere Wehrmacht wurde am 23. Juli anstelle des militärischen Grußes der "deutsche Gruß" bei uns eingeführt. Unter Offizierskameraden nahmen wir das nicht so ernst. Es genügt, wie meist auch intern gehandhabt, den Arm zu heben und die Worte "Drei Liter" zu murmeln, um der Vorschrift zu genügen. Für einen unvermittelt dazukommenden Außenstehenden ist das von "Heil Hitler" kaum zu unterscheiden. Jetzt beim Wechsel in eine neue Umgebung muss ich natürlich vorsichtig sein beim Treffen auf einen 150%iger Anhänger."

    (Wolfgang Fuchs, Nochmal Schwein gehabt! Aus dem Tagebuch eines Etappenhasen [Etappenhengstes] (1938-1945), Berlin o.J., S. 135.)


    Die Offiziere seiner Dienststelle murmelten also "Drei Liter" statt "Heil Hitler". Dennoch mußte Leutnant Fuchs vor dem möglichen Treffen mit einem "150%igen Anhänger" Hitlers auf der Hut sein. Ein Treffen weit weg von der Front in Dänemark wie z.B. bei Leutnant Angres hätte ihn wohl auch zur Vorsicht geraten.


    Hier noch der Hinweis auf die Tagebuch-Quelle von Wolfgang Fuchs:


    Quote

    "Drei Offiziere der neuen deutschen Luftwaffe betreten im November 1938 das Abiturientenklassenzimmer, in dem auch Wolfgang Fuchs sitzt, und werben für einen Besuch ihres Fliegerhorstes.

    Am 1. Dezember unterschreibt der 18-Jährige seine Freiwilligenmeldung zur Luftwaffe. Aufgrund eines Augenfehlers wird er aber der Luftnachrichtentruppe zugeteilt. Mit dem Krieg beginnen für ihn sechs Jahre im Funkbetrieb, die er durch Tagebucheinträge und Fotos dokumentiert. Er kommt in Berührung mit fremden Ländern und Städten, geprägt von Schönheit, später von Zerstörung. Er begegnet der Gefahr und dem Tod, sieht Flugzeuge abstürzen, steht unter Beschuss und kommt in brenzligen Situationen nur knapp mit dem Leben davon. Kurze Tagebucheinträge sowie zahlreiche Dokumente und Fotos zeigen sorglose Augenblicke, aber auch harte, angespannte Momente im Soldatenleben. Mit seinem Zeitzeugnis liefert der Autor einen authentischen Rückblick auf die Zeit des Zweiten Weltkrieges."

    https://www.amazon.de/Nochmal-…TF8&qid=1550346654&sr=1-1


    Grüße,

    Bodo

    Hallo zusammen,


    um mal etwas zur Größenordnung der alliierten Luftkriegsverluste im Einsatz und später am Boden durch Fliegerlynchmorde festzuhalten:

    die wichtigste und mächtigste alliierte Luftflotte auf dem europäischen Kriegsschauplatz war ja die 8. US Army Air Force.


    Diese verfügte laut Wikipedia Mitte 1944 über rund 2000 schwere Bomber und 1000 Jagdflugzeuge und hatte eine

    Personalstärke von etwa 200.000 Mann:



    Die Hälfte aller US-Luftkriegsverluste der Army Air Force im Zweiten Weltkrieg erlitt die 8. US Army Air Force, das sind laut der englischen Seite 26.000 tote und 47.000 verwundete Besatzungsmitglieder.

    https://en.wikipedia.org/wiki/…rce#Casualties_and_awards


    Jetzt noch zur Größenordnung der angenommenen Fliegerlynchmorde auf deutschem Boden:

    Quote

    Von der 8. US Army Air Force gerieten insgesamt 21.000 Besatzungsmitglieder in deutsche Kriegsgefangenschaft.

    10.999 Kriegsgefangene in deutschen Lagern waren vom britischen Bomber Command.

    Insgesamt befanden sich 1945 "weit über 40.000 Gefangene der alliierten Luftflotten in deutschem Gewahrsam. Mehr als 15.000 von ihnen dienten als Offiziere."

    (Martin Albrecht, Helga Radau, Stalag Luft I in Barth. Britische und amerikanische Kriegsgefangene in Pommern 1940 bis 1945, Schwerin 2012, S. 41.)


    21 gefangene britische Bomberpiloten konnten aus deutschen POW-Camps fliehen und erfolgreich die eigene Truppe erreichen. Mit ihrer Hilfe gewannen die alliierten Einsatzstrategen wertvolle Erkenntnisse über die deutschen Verhörmethoden im Dulag Oberursel und die Zustände bei der Unterbringung in den deutschen Stalags (Quelle ebenda).


    Wenn man jetzt die bis heute vermutete Zahl von Fliegerlynchmorden an alliierten Soldaten heranzieht, ergibt sich folgendes Bild über die Dimension dieser Kriegsverbrechen in Deutschland:


    "Tatsächlich, so haben Historiker und Heimatforscher herausgefunden, wurden vermutlich Hunderte von wehrlosen kriegsgefangenen Fliegern auf Befehl der Nazis systematisch massakriert.

    [...]

    Der Archivar Thomas Adam vom Stadtarchiv Bruchsal hält sogar "deutlich über 500 Fälle" für belegt. Bisher gingen Fachleute von nur gut 100 Fällen aus. [...]

    Wo es sich um Zivilisten handelte, waren es fast immer fanatische Nazi-Funktionäre." (SPIEGEL 34/2001).

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-20794719.html


    Barbara Grimm ging 2007 in einem Sammelband zum Luftkrieg dagegen von etwa 350 Lynchmorden an alliierten Fliegern ebenfalls überwiegend durch nationalsozialistische Funktionsträger aus. Dies ist meines Wissens nach die neueste publizierte Opferzahl.

    (Dietmar Süß (Hrsg.), Deutschland im Luftkrieg. Geschichte und Erinnerung, München 2007, S. 83 f.)



    Nach der (inzwischen veralteten) Zahl von 100 Fliegermordopfern, die Experten ursprünglich vermuteten (das entspricht etwa 0,25 % der angegebenen Gesamtzahl von 40.000 allierten Luftkriegsgefangenen), geht man demnach heute von etwa 350 Opfern der Fliegerlynchmorde aus.

    Das entspräche dann einem Anteil von unter einem Prozent der rund 40.000 Kriegsgefangenen in Lagern der deutschen Luftwaffe.


    Dem realen Risiko für abgesprungene oder notgelandete alliierte Flieger, in Deutschland einem Lynchmord durch fanatische Nazis zum Opfer zu fallen, standen also bei der 2001 angenommenen Maximalzahl von 500 Mordtaten die 40.000 nach der Genfer Konvention ordnungsgemäß in Kriegsgefangenschaft überführten alliierten Flieger gegenüber.


    Diese vielen, nach hunderten zählenden Einzelfälle grausamer Lynchmorde sollten sich daher vergleichsweise schlüssig der hauptsächlich tatverdächtigen Gruppe von NS-Funktionsträgern zuordnen lassen. Dies ist z.B. in Mecklenburg durch umfangreiche Nachkriegsermittlungen der britischen und amerikanischen Besatzungsbehörden geschehen. Auslöser der Ermittlungen waren Angaben von Einwohnern.


    Der Historiker Bernd Kasten hat darüber im Rahmen des Vereins "Geschichtswerkstatt Rostock" 2004 einen Beitrag geschrieben:

    (Bernd Kasten, "Auf der Flucht erschossen". Die Ermordung abgesprungener amerikanischer Flieger in Mecklenburg 1944, in: Geschichtswerkstatt Rostock e.V. (Hrsg.), Zeitgeschichte regional, 8. Jahrgang, Heft 1 (2004), S. 18-21.)


    Seine Schlußfolgerungen sind interessant, denn sie bestätigen das, was wir hier in vorigen Beiträgen festgestellt hatten:

    Mordbefehle und Ausführung gingen von allen Ebenen der NSDAP-Parteihierarchie und auch der Polizei aus:


    Quote

    "[...] Außer den schweren Bombenangriffen auf Rostock und Wismar erregten vor allem die 1944 einsetzenden Tieffliegerangriffe in Mecklenburg die Bevölkerung. Seit Januar 1944 stand es den Begleitjägern der großen Bomberverbände frei, auf ihrem Rückweg militärische Ziele im Tiefflug anzugreifen, wobei zum Beispiel ein Zug automatisch als militärisches Ziel galt. Im Frühling 1944 wurde so zwischen Schwerin und Ludwigslust ein Personenzug beschossen. Die meisten Toten waren Zivilisten, unter ihnen viele Frauen und Kinder.

    Der mecklenburgische Gauleiter Hildebrandt - ohnehin ein leicht erregbarer Mensch - geriet wegen dieser Angriffe in maßlose Wut. Auf einer großen Versammlung von Kreisleitern, Landräten und hohen Regierungsbeamten in der Turnhalle der Gauschule in Schwerin forderte er, daß ein solcher "Terrorflieger" nicht der Wehrmacht übergeben werden sollte:

    "Nach meinem Willen soll er eben nicht ausgeliefert, sondern sogleich kassiert oder umgelegt werden. [...] Abgeschossene Flieger sind dem nächsten Hoheitsträger der NSDAP auszuliefern. Der wird schon wissen, wie er ihn zu behandeln hat."

    [...] Wiederholt forderte er auf Versammlungen der Kreis- und Ortsgruppenleiter dazu auf, die abgeschossenen Flieger zu "erledigen", denn: je mehr Witwen in England, desto besser für Deutschland"."

    (Bernd Kasten, "Auf der Flucht erschossen". Die Ermordung abgesprungener amerikanischer Flieger in Mecklenburg 1944, in: Geschichtswerkstatt Rostock e.V. (Hrsg.), Zeitgeschichte regional, 8. Jahrgang, Heft 1 (2004), S. 18-21.)


    Bernd Kasten berichtet auch darüber, wie es im Sommer 1944 anläßlich eines Besuchs des SS-Obergruppenführers und Chefs des Reichssicherheitshauptamtes Ernst Kaltenbrunner zum endgültigen Mordbefehl des Gauleiters Hildebrandt kam:


    "Nach der Invasion vom 6. Juni 1944 verschärfte sich Hildebrandts Rhetorik noch, da es jetzt um "Sein oder Nichtsein" ginge.

    Trotzdem wurden nun keineswegs täglich in Mecklenburg abgesprungene Flieger getötet. Es bedurfte noch eines besonderen Anlasses, um Hildebrandts Haßtiraden in einen direkten Mordbefehl zu verwandeln.

    Dieser bot sich am 21. Juni 1944, dem von den Nationalsozialisten besonders gefeierten Sonnenwendfest, als sich Ernst Kaltenbrunner, der Chef des Reichssicherheitshauptamtes, zum Besuch der Polizeischule in Fürstenberg im damaligen mecklenburgischen Kreis Stargard ankündigte. Hildebrandt wollte ihn hier am Nachmittag treffen, anschließend war ein längeres geselliges Beisammensein vorgesehen.


    Ausgerechnet an diesem Tag stürzten gegen 11 Uhr vormittags zwei viermotorige Liberator-Bomber über Mecklenburg ab, die von einem großen Bombenangriff auf Berlin zurückkehrten. Eine Maschine stürzte in die Müritz, die andere machte in der Nähe von Groß Trebbow bei Schwerin eine Bruchlandung.

    Aus dem einen Flugzeug konnten sich neun, aus dem anderen sieben Besatzungsmitglieder mittels Fallschirm retten.

    Über die Lautsprecherverbindung des Luftwarnnetzes gab Hildebrandt von seinem Befehlsbunker in Schwerin-Paulshöhe den Befehl an die betroffenen NSDAP-Kreisleitungen, die abgesprungenen Flieger zu "erledigen".


    Die telefonische Meldung über den Vollzug erwartete er ebenfalls bis zum Abend. Offensichtlich sollte ihn diese Aktion Kaltenbrunner gegenüber in ein vorteilhaftes Licht rücken.

    Der befehlsgewohnte Parteiapparat reagierte prompt und zuverlässig. Der diensthabende Kreisamtsleiter des Kreises Schwerin-Land Karl Grönwald rief den Ortsgruppenleiter von Passow Kurt Müller an und gab Hildebrandts Anweisung an ihn weiter."

    (Bernd Kasten, "Auf der Flucht erschossen". Die Ermordung abgesprungener amerikanischer Flieger in Mecklenburg 1944, in: Geschichtswerkstatt Rostock e.V. (Hrsg.), Zeitgeschichte regional, 8. Jahrgang, Heft 1 (2004), S. 18-21.)



    Eine ganze Reihe der mit Fallschirmen abgesprungenen Flieger wurde zunächst korrekt in Gewahrsam genommen, während der schwerverletzte Flight Lieutenant Holwet vom Roten Kreuz wegen eines beim Absprung in Moltenow erlittenen Schädelbruchs "sofort ins Schweriner Standortlazarett gebracht wurde". Alle anderen US-Flieger wurden von NSDAP-Funktionären und Polizisten nach und nach ermordet.

    Kasten zählt die Morde anhand der Ermittlungsakten auf:

    Quote

    "[Ortsgruppenleiter] Müller bat den Ortsbauernführer Fritz Schröder, ihn zu begleiten, und stieß auf der Landstraße bei Goddin auf einen Kaugummi kauenden amerikanischen Flieger, der bereits von einem deutschen Soldaten ergriffen worden war. Er übernahm den Gefangenen, ließ ihn ca. 1 km, Zigarette rauchend, auf der Straße neben dem Auto marschieren und schoß ihm dann bei Veelböken am Rand eines Rapsfeldes mit seiner Dienstpistole zweimal in den Rücken."

    Quote

    "Außer Müller hatte Grönwald auch seinen Chef, den Kreisleiter Bollow, angerufen, der nun das Weitere in die Hand nahm. Gemeinsam mit Grönwald und dem Ortsgruppenleiter von Groß Trebbow, dem Förster Ewald Haselow, fuhr der Kreisleiter nach Mühlen Eichsen, wo sie auf der Gendarmeriestation die Sergeants Grubisa und Vinsen vorfanden.

    Als die beiden Polizisten die Gefangenen nicht ausliefern wollten, telefonierte Bollow mit dem vorgesetzten Polizeihauptmann Manske, der die Herausgabe genehmigte. Dann verabschiedete der Kreisleiter seine beiden Gefolgsleute mit dem Auftrag:

    "Fahrt ein klein bißchen weg und schießt sie tot.""

    Quote

    "Auch von den drei im Kreis Schönberg gelandeten Soldaten war am Abend des 21. Juni keiner mehr am Leben. Kreisleiter Koepcke und zwei SA-Männer töteten einen bei Rüting, einen bei Wüstenmarck sowie den letzten bei Rambeel und veranlaßten dann ihre Beerdigung auf dem Friedhof von Diedrichshagen. Als offizielle Todesursache wurde stets gemeldet: "auf der Flucht erschossen"."


    Aus dem zweiten in der Müritz abgestürzten US-Bomber hatte die deutsche Marine neun Besatzungsmitglieder gerettet.

    Diese wurden von Angehörigen der Polizei und Partei übernommen und ermordet, die meisten in einem Wald bei Poppentin:


    "Auch die neun von der deutschen Marine aus der Müritz geretteten Flieger wurden sämtlich ermordet. Polizeihauptmann Kuhr, Polizeimeister Jürss, Hilfspolizist Brüggmann, SA-Sturmführer Schippmann aus Waren und Ortsgruppenleiter Gross aus Eldenurg erschossen sieben Männer im Wald bei Poppentin.

    Da es sich hier um ein gemeinsames Exekutionskommando von Polizei und Partei handelte, dürfte hier außer Hildebrandt der mit ihm gut bekannte Leiter der Sicherheitspolizeischule in Drögen bei Fürstenberg, SS-Standartenführer Dr. Hans Trümmler, maßgeblich beteiligt gewesen sein.


    Die beiden amerikanischen Leutnants Ludka und Helton übergab die Schutzpolizei in Waren an Trümmlers Beauftragten, den SS-Untersturmführer und Kriminalkommissar Stempel von der Sicherheitspolizeischule in Drögen, wo sie dann ermordet und auch beerdigt wurden. Trümmler selbst wurde für diese Tat nach dem Krieg von den Amerikanern zum Tode verurteilt und 1948 in Landsberg hingerichtet."

    (Bernd Kasten, "Auf der Flucht erschossen". Die Ermordung abgesprungener amerikanischer Flieger in Mecklenburg 1944, in: Geschichtswerkstatt Rostock e.V. (Hrsg.), Zeitgeschichte regional, 8. Jahrgang, Heft 1 (2004), S. 18-21.)


    Quote

    "Für Mecklenburg war mit diesen Ereignissen eindeutig ein Damm gebrochen. Alliierte Flieger, die das Pech hatten, an einem Tag in der Region zu landen, an dem der Gauleiter schlechte Laune hatte, konnten nicht mehr auf den Schutz der Genfer Konvention rechnen. Wiederholt gab Hildebrandt in den folgenden Monaten über das Luftwarnnetz Exekutionsbefehle an die Kreisleiter, nach Aussage von Grönwaldt "immer, wenn er aufgeregt war und über die Lautsprecheranlage gebrüllt hat."


    Im Sommer 1944 wurden einige Flieger in der Nähe von Sternberg ermordet. In Kloster Wulfshagen bei Ribnitz erschoß der als Nationalsozialist bekannte Gutsverwalter mehrere abgesprungene britische Bomberpiloten. Ende August 1944 holte der Gadebuscher Ortsgruppenleiter Brusch zusammen mit drei anderen lokalen Parteiführern zwei Flieger bei der Gendarmerie in Meetzen ab und erschoß sie in der Nähe von Möllin."

    (Bernd Kasten, "Auf der Flucht erschossen". Die Ermordung abgesprungener amerikanischer Flieger in Mecklenburg 1944, in: Geschichtswerkstatt Rostock e.V. (Hrsg.), Zeitgeschichte regional, 8. Jahrgang, Heft 1 (2004), S. 18-21.)


    Bernd Kasten glaubt nicht, daß nach diesen vielen Fliegerlynchmorden durch Partei und Polizei im Sommer 1944 bis Kriegsende noch weitere Verbrechen dieser Art verübt wurden:

    "Nach der Art und Weise, wie schnell sich die bekannten Morde herumsprachen und wie rege sie von den Bewohnern der umliegenden Dörfer und Kleinstädte diskutiert wurden, erscheint es unwahrscheinlich, daß solche Geschehnisse unbemerkt blieben.

    Eben diese weit verbreitete Kenntnis von Tat und Tätern wurde den Mördern nach der Kapitulation zum Verhängnis."


    Der für Nazi-Deutschland katastrophale Verlauf des Krieges und die per Flugblattabwurf verbreiteten alliierten Warnungen, wonach deutsche Kriegsverbrecher mit gnadenloser Verfolgung zu rechnen hätten, wirkten auf viele NSDAP-Vertreter bestimmt abschreckend.

    Ein Hinweis aus der Bevölkerung genügte für eine Verhaftung.


    Bis auf den Ortsbauernführer Schröder, der von den Alliierten zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt wurde, erhielten sechs weitere Beteiligte die Todesstrafe, alles Funktionäre der NSDAP, darunter der Gauleiter Hildebrandt. Sie wurden am 5. November 1948 in Landsberg hingerichtet.


    Grüße,

    Bodo