Posts by Bodo Franks

    Hallo zusammen,


    warum kommt mir die Geschichte so bekannt vor? Ach ja, bereits 2014 hatte Guido Knopp bei ZDF-History eine Doku

    über Hans Kammler und dessen wahrscheinliche geheime Post-War-Tätigkeit für den Geheimdienst in den USA produziert.


    Hier der Clip bei Youtube:

    Hitlers Geheimwaffenchef https://www.youtube.com/watch?v=c8Fv9ctnGKo



    Die Geschichtsexperten bei der WELT hatten daraufhin mit dem Historiker Rainer Karlsch gesprochen und ebenfalls einen Artikel dazu geschrieben:

    Quote

    In der ZDF-Sendung „History“ spekuliert jetzt Rainer Karlsch darüber, dass Kammler längst seinen Seitenwechsel vorbereitet haben könnte. Jedenfalls stellt der Berliner Autor eine weitgehende These auf: Kammler hätte möglicherweise seinen Selbstmord bei Prag am 9. Mai 1945 bloß inszeniert und sich in Wirklichkeit in den Schutz eines US-Geheimdienstes begeben.

    ...

    Schützten die USA wissentlich einen der schlimmsten Nazi-Kriegsverbrecher? Denn das war Hans Kammler, der unter anderem mitverantwortlich war für den Bau der großen Krematorien von Auschwitz-Birkenau, aber auch für die „Vernichtung durch Arbeit“ bei der Verlagerung von Rüstungsfabriken unter die Erde. Er war der Chefingenieur der SS und gehörte ab 1944 zu den mächtigsten Männer des NS-Regimes.

    https://www.welt.de/geschichte…hef-Ingenieur-der-SS.html


    Also, ich hab das alles schon mal gehört. Trotzdem sind genauere Einzelheiten und Hintergründe manchmal hilfreich.


    Gruß,

    Bodo

    Bei dem von Dir geschilderten Unfall wurde die Ladetätigkeit falsch durchgeführt: Auf Kommando des Gruppenführers Laden entnimmt der Schütze 2 dem Munitionskasten (Einzelschuss) bzw. den nach befohlener Anzahl bereitgelegten Granate eine Granate, führt sie ins Rohr ein und nimmt sofort seine Hand von der Mündung. Er meldet Feuerbereit

    Der Abzug wird aufs Kommando Feuer vom Schützen 2 betätigt, während Schütze 1 den Werfer am Kipptrieb mit beiden Händen umgreift und nach kräftig unten drückt, um zu verhindern daß sich der vordere Teil der Bodenplatte beim Schuss anhebt.


    Hallo Thilo,


    das hört sich sehr einleuchtend an. Offenbar fehlte der Granatwerferbedienung doch ein Mann, wenn diese nur zu zweit im Einsatz war?

    Bertold Elzer hat jedenfalls nichts von einem Gruppenführer erwähnt. Nur den "erfahrenen Obergefreiten" mit seinem "Helfer" (vielleicht schon ein unerfahrener Ersatzmann?).

    Mein Vater berichtete von der 25. Infanterie-Division (mot.) u.a. von einem Maschinengewehrtrupp mit MG 34, der im Winter 1941/42

    anfangs mit 4 Mann in die Verteidigungsstellung kam und später (nach Ausfällen durch Verwundung und Erfrierung) nur noch 2 Mann hatte.

    Deshalb mußten sie alle 2 Stunden bei manchmal unter Minus 40 Grad die Wachen wechseln. Die Flaksoldaten dagegen alle 4 Stunden.

    Könnte es bei dem von Elzer geschilderten Unfall ähnlich gewesen sein, wenn sie nur zu zweit waren?


    Grüße,

    Bodo

    Hallo zusammen,


    sehr interessante technische Details, die ihr hier zuletzt eingestellt habt, vielen Dank. So kann man die Kriegserlebnisse der Veteranen

    besser einordnen und für sich anschaulich machen.


    Bei den amerik. Werfern im II. WK wurde die Wurfgranate einfach ins Rohr geschoben und der Führungsring presste sich erst nach der Zündung durch Druck in die Züge und Felder. Also insofern schneller und problemlos zu laden, wie bei einem Granatwerfer mit glattem Rohr. Zusätzlich dann die Sperre bei geladenem Rohr.


    Karl, waren denn die deutschen und alliierten Granatwerfer im II. Weltkrieg nicht sehr ähnlich, gerade was die Feuergeschwindigkeit angeht?

    Oder brauchten die Amis beim Einsatz des Granatwerfers keinen Abzug mehr zu betätigen?


    Ich bin im Buch "Todeszone Orelbogen" von Bertold Elzer auf die Schilderung eines tödlichen Unfalls beim Granatwerfereinsatz an der Ostront gestoßen. Ursache für den Unfall im Sommer 1942 war wohl die schnelle Schußfolge von 6 Granaten in kurzen Abständen.

    Bertold Elzer war damals Zugführer und Offiziersanwärter beim Infanterie-Regiment 35 (mot.) und seit 22. Juni 1941 im Fronteinsatz.

    Das Regiment gehörte zur 25. Infanterie-Division (mot.).


    Hier der Link zum sehr lesenswerten Buch:

    https://www.amazon.de/Todeszone-Orelbogen-Erlebnisse-Ostfront-1941-1944


    "Im Sommer 1942 hatten wir eine gut ausgebaute Stellung in einer Mulde.

    Der Kompanieführer hatte in einer Seitenmulde sein Zelt aufgeschlagen, in dem er bequemer wohnen konnte als in einem Unterstand. Mein Stellvertreter im Zugabschnitt, Oberfeldwebel Schulz, genannt der Baureschulz, hatte damit begonnen, seine Kleider nach Flöhen abzusuchen. Voll Stolz zeigte er mir vier Flöhe, die er gefangen und in einem mit Wasser gefüllten Granatunterteil ertränkt hatte.


    Da hörten wir in unserer Nähe eine Explosion und danach lautes Rufen, das wir uns nicht erklären konnten. Ich ging hinüber zum Zelt des Kompanieführers. In dessen Nähe war die Abschussstelle für den leichten Granatwerfer. Unser Werfertrupp schickte von hier aus in Abständen seine Granaten zu einem russischen Beobachtungsstand auf dem hohen Damm der Rollbahn, der uns sehr störte. Munition hatte man uns reichlich gegeben, weil wir sehr nahe am Russen waren.


    Immer wenn der Russe einige Granaten herübergeschickt hatte, die meistens keinen Schaden anrichteten, schickte unser Trupp sechs Granaten als Antwort hinüber. Unser Trupp, ein erfahrener Obergefreiter und sein Helfer, bemühte sich, die sechs Granaten so schnell wie möglich abzuschicken. Der Helfer schob die 5-cm-Granate in das kurze Rohr und der Obergefreite betätigte den Abzug.


    Aus einem Grund, den wir nicht wissen, hat der Obergefreite etwas zu spät abgezogen oder der Helfer die nächste Granate zu früh über das Rohr gehalten. Als die Granate das Rohr verließ, war der Zünder scharf und traf auf die neue Granate.

    Die Explosion tötete beide Männer. Als ich dazu kam, sah ich zu meinem Schrecken ein menschliches Gehirn im Sand rollen."


    (Quelle: Bertold Elzer, Todeszone Orelbogen. Meine Erlebnisse an der Ostfront 1941-1944, Bergisch Gladbach o.J, S. 105-106.)



    Ich erinnerte mich beim Lesen von Elzers Text an historische Filmaufnahmen, die ich vor Jahrzehnten in Fernsehdokus gesehen hatte.

    Dort konnte man ebenfalls eine sehr rapide Schußfolge bei deutschen Granatwerfern erkennen.


    Auf die Schnelle habe ich bei Youtube ein Vido gefunden, wo der Einsatz eines deutschen Granatwerfers 34 in einer Stellung inmitten von Häuserruinen gezeigt wird.

    Sobald eine Granate das Rohr verlassen hat, wird schon die nächste darin versenkt (die nervige propagandistische Musikuntermalung dabei bitte ignorieren). Man beachte auch die anscheinend (wie bei Elzers Frontabschnitt) reichlich vorhandene Munition in den Kisten:

    Link:

    Granatwerfer 34

    https://www.youtube.com/watch? Granatwerfer 34


    Zur näheren Beschreibung des Mörsers noch der Link zu Wikipedia:

    "Der Granatwerfer 34 war ein Standardgranatwerfer der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg."

    https://de.wikipedia.org/wiki/Granatwerfer_34



    Außerdem gibt es bei Youtube noch ein weiteres Video, wo jemand Filmsequenzen mit feuernden Granatwerfern aus deutschen Wochenschauen zusammengestellt hat:

    Link:

    https://www.youtube.com/watch? Deutsche Granatwerfer 1940/45


    Vielleicht kennt jemand auch noch einen Link zu ähnlichen zeitgenössischen Filmen mit sowjetischen Granatwerfern?


    Beste Grüße,

    Bodo

    Hallo,


    bei den Baumkrepierern handelt es sich um Granaten mit Aufschlagzünder, die bei Berührung der Äste sofort detonieren.


    Hallo Karl,


    ich kenne mich mit der Werfermunition nicht aus, aber verfügten die bei der Vorhut vorhandenen leichten Einheiten der Roten Armee über unterschiedliche Granaten je nach Einsatzgebiet?
    Bisher hatte ich gedacht, daß alle mit Granatwerfern oder Mörsern abgefeuerten Granaten so eine Art Standard-Aufschlagzünder besaßen

    und dadurch immer gefährlich waren. Eben auch bei Baumtreffern, weil hier kein Deckungsloch ausreichend Schutz bot. Normalerweise, bei einem Einschlag auf dem Erdboden, sollen die Granatsplitter flach über den Boden geflogen sein. Sehr gefährlich, wenn ein Soldat den Kopf nicht tief genug im Deckungsloch hielt.


    Ich vergaß noch zu erwähnen, daß mein Vater nach dem Rückzug vom Narew im Spätsommer 1944 am Ende seine Krupp-Protze wegen der sowjetischen Granatwerfer verloren hat. Das Fahrzeug hatte eine Reifenpanne, aber weil die verfolgenden Russen bei jedem Halt sofort mit Granatwerfern schossen, konnte der Fahrer keinen Reifenwechsel machen.

    Für die bessere Anschaulichkeit der Situation des Kfz hier noch der Link zu Wikipedia:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Krupp-Protze


    Durch die stundenlange Verfolgungsfahrt auf der Felge bekam die Krupp-Protze schließlich einen Achsenbruch und mußte gesprengt werden. Für den weiteren Rückzug erhielt er dann einen kleinen Panjewagen mit Pferd zugewiesen. Der Vorteil war, daß er dadurch keine Nachhut mehr machen mußte. Er erzählte auch vom gutmütigen Spott der ebenfalls zurückmarschierenden Infanterie, die sie mit dem Panjewagen überholten:

    "Na, Ihr habt wohl auch schon abgerüstet?", bekamen die beiden Flaksoldaten auf dem Pferdewagen zu hören.


    Beste Grüße,

    Bodo

    Hallo Thilo,


    Danke für die Informationen zur hergestellten Stückzahl und der eher geringen Wirkung des sowjetischen Spatengranatwerfers.

    Ich möchte aber noch ergänzen, daß die großen personellen Ausfälle der leichten Flak (wie mein Vater sie zu seinem Schrecken persönlich erleben mußte, das hat ihn noch lange beschäftigt) durch indirektes Granatwerferfeuer (Baumkrepierer) eingetreten sind.

    Wäre der Spatengranatwerfer mit seiner schnellen Schußfolge dafür immerhin geeignet gewesen?


    Mein Vater war im Sommer 1941 gerade erst Geschützführer geworden und fühlte sich natürlich für seine sieben Kameraden (inklusive Fahrer der Krupp-Protze) besonders verantwortlich.

    Weil er noch wenig Kriegserfahrung hatte, war er mit seinem 2-cm-Geschütz vor einer Baumgruppe in Stellung gegangen. Zusammen mit dem Kanonier 1 (der Leuchtspursalven in Richtung der sowjetischen Stellungen feuerte) war er am Geschütz.

    Die anderen fünf Kanoniere befanden sich in Deckungslöchern vor den Bäumen, etwa 10 m entfernt.


    Die sowjetischen Werfergranaten schlugen dann in den Baumkronen ein und ein mörderischer Splitterregen traf die fünf Kameraden in den Deckungslöchern. Zwei waren sofort tot, die beiden anderen starben auf dem Weg zum Verbandplatz, in den Armen meines Vaters

    (Leutnant Schmidt hatte ihm befohlen, sie schnellstmöglich mit dem Kfz dorthin zu bringen).

    Der Truppenarzt schüttelte nur den Kopf, als sie ankamen und fragte: "Was ist denn bei Euch los? Wir hatten heute schon so viele Verwundete von der Flak."

    Vermutlich starben die beiden Kameraden an Kreislaufversagen, denn die Splitterwunden selbst waren vergleichsweise klein aber zahlreich.

    Nur ein Kamerad (ich glaube es war der K5) hat seine Verwundung überlebt, mit stark blutender Schulter und schmerzendem Armgelenk.

    Er machte sich noch Sorgen, jemals wieder als Landwirt auf seinem Hof in Bayern voll arbeiten zu können.


    Mein Vater ist danach nie wieder selbstständig vor Baumgruppen oder am Waldrand in Stellung gegangen.

    Denn im Sommer 1944 als Nachhut beim Rückzug in Polen hinter der Narewbrücke war es wieder indirektes Granatwerferfeuer, was die großen Verluste verursachte. Der dabei ebenfalls gefallene Geschützführer mit dem Spanienkreuz wollte nicht auf meinen Vater hören, der noch vor der Gefahr durch Baumkrepierer gewarnt hatte.
    Die anrückenden Soldaten der sowjetischen Vorhut schossen nämlich sofort mit Granatwerfern auf die erkannte Baumgruppe, weil sie dort eine Stellung vermuteten. Zwei Tote und zwei Verwundete beim Nachbargeschütz waren dann die Folge der Baumkrepierer.


    Als verantwortlicher Obergefreiter hat mein Vater dann gleich den schnellen Rückzug der beiden 2-cm-Geschütze befohlen. Ein Zweimanntrupp von Heerespionieren war schon vorher vorbeimarschiert mit den Hinweis, sie hätten die Narewbrücke gerade eben mitsamt darauf fahrenden Sowjetpanzern gesprengt. Leider seien zwischen bzw. unter den T-34 Panzern auch noch versprengte deutsche Soldaten gewesen. Schlimm genug, davon auch nur zu hören. Jeder Soldat hat wohl gedacht, was wäre, wenn ich dort gerade noch gelaufen wäre?


    Später, im Frühjahr 1945, ist mein Vater dann ebenfalls durch Baumkrepierer sowjetischer Granatwerfer verwundet worden. Hier war er als Vertretung für einen bereits vorher verwundeten Geschützführer bei der Verteidigung von Gdingen/Gotenhafen eingesetzt. Die Stellung lag auf höheren Befehl hin auf einer bewaldeten Anhöhe.


    Soviel noch als Ergänzung zu den verheerenden Auswirkungen indirekten Granatwerferfeuers an der Ostfront.

    Ich hoffe, Karl kann diese Einzelheiten für seine Ausgangsfragestellung verwerten.


    Auf dieser englischsprachigen Forenseite werden übrigens viele Einzelheiten zu sowjetischen Granatwerfern vorgestellt, darunter auch der Spatengranatwerfer. Abgesehen von den Texten sind auch die eingestellten Bilder interessant:

    Russian WWII Mortars

    https://forum.axishistory.com/viewtopic.php?p=137777


    Grüße,

    Bodo

    Hallo Karl,


    um zunächst ein Lob anzubringen, ein wirklich hochinteressantes Thema hast Du hier eröffnet, daß wahrscheinlich viele deutsche Frontsoldaten ein Leben lang beschäftigt hat. Nach Berichten meines Vaters (der übrigens in wenigen Tagen 100 Jahre alt geworden wäre)

    waren neben den russischen Scharfschützen besonders die Granatwerfer eine ständige Bedrohung für Leib und Leben.


    Irgendwo habe ich mal den russischen Spruch gelesen:

    "Jeder zweite deutsche Soldat hat ein Eisernes Kreuz, jeder zweite russische Soldat einen Granatwerfer"


    Von diesem russischen Spruch hat mein Vater auch erzählt. Er hatte ihn im letzten Kriegswinter 1944/45 an der deutschen Verteidigungsstellung am Narew immer wieder gehört. Der Spruch war Teil einer Lautsprecherpropaganda der Roten Armee.

    Wenn ich den Spruch einmal im Zusammenhang zitieren darf, wie ihn die Wehrmachtssoldaten damals gehört haben:


    "Kommt rüber Kameraden! Hier gibt es am Tag dreimal warmes Essen und ihr werdet gut behandelt.

    Der Krieg ist verloren! Jeder zweite deutsche Soldat hat das Eiserne Kreuz, aber jeder zweite russische Soldat hat einen Granatwerfer."


    Das ging dann noch einige Zeit weiter. Dann wurde als Abschluß der Propagandadurchsage als Musik immer das Lied "Frühling in Wien" von Robert Stolz gespielt. Von möglichen deutschen Überläufern hat er in diesem Frontabschnitt allerdings nichts erfahren.



    Insbesondere die Rote Armee hat durch den erfolgreichen und für die Deutsche Wehrmacht verlustreichen Einsatz von Granatwerfern der verschiedensten Kaliber oftmals auf dem Gefechtsfeld, teils bedeutende Erfolge erlangt.

    Dies lag vor allem daran, dass diese Waffe einfach zu produzieren und für die RA in Massen - jährlich etwa 100.000 Stück - in den Kalibern 50mm, 82 mm, 120mm und 160 mm hergestellt wurden.

    "Das Granatwerferfeuer erlangte während des Krieges immer größere Bedeutung. So erhöhte sich das Gewicht einer Granatwerfersalve einer Schützdendivision auf mehr als das 7fache ( Juli 1941: 199,8 kg, 1945: 1406 kg." *

    Soweit die RA betreffend.


    Mein Vater hat ja von den insgesamt rund 47 Monaten Ostkrieg gegen die Sowjetunion etwa die Hälfte dieser Zeit an der Front erlebt.

    Besonders beim Vormarsch oder den Rückzugskämpfen mußte seine leichte Batterie oftmals ganze Frontabschnitte alleine sichern und gegen angreifende Schützenbataillone der Roten Armee verteidigen.

    Die ständige Bedrohung der Flaksoldaten (2-cm-Flak) durch sowjetische Granatwerfer, die er immer wieder schilderte, war sowohl 1941/42 als auch 1944/45 auffällig. Zweimal wurde er durch Splitter von Granatwerfern verwundet, einmal auf dem Vormarsch 1941 nur leicht, dann 1945 bei den Abwehrkämpfen an der Weichsel mittelschwer (die Narben an seinem Rücken waren auch 70 Jahre nach der Verwundung immer noch sichtbar).


    Manchmal hatte er auch einfach nur Glück, einer solchen Verwundung zu entgehen. Oder eine Vorahnung (sechster Sinn), wie beim kleineren Brückenkopf an der Desna im Sommer 1941. Dieser wurde nur von der II. Flakregiment 11 gehalten, nachdem die Infanterie der

    10. Infanteriedivision (mot.) hier durch überlegene Gegenangriffe der Roten Armee überrannt und versprengt worden war.


    Der Zugführer Leutnant Schmidt (gefallen in Orel 1943) hatte ihn als Melder nach hinten geschickt, als ihn ein sowjetischer Granatwerfer aufs Korn nahm. Nur durch ständiges Hakenschlagen und auf den Boden werfen konnte er den Granaten entgehen. Einmal schlug eine Granate genau vor ihm in einer Mulde ein, in welche er ursprünglich hatte springen wollen. Als hätte er die Gefahr geahnt, hatte er sich neben die vermeintlich rettende Deckungsmulde hingeworfen. Sonst wäre es aus gewesen. Das waren seine Worte.


    Jedenfalls hatte er sich oft gefragt, wie der Gegner überhaupt soviele Granatwerfer aufbieten konnte. Und vor allem so schnell.

    Er erzählte, sobald sie als Nachhut oder auf dem Vormarsch in Stellung gegangen waren, schossen die Russen innerhalb kürzester Zeit mit Granatwerfern. Im Juli 1941 hatte er dadurch einmal fast seine gesamte Bedienungsmannschaft verloren (4 Tote, 1 Verwundeter), im Sommer 1944 geschah genau dasselbe beim Nachbargeschütz, mit dem er die Nachhut bilden mußte. Der dort ebenfalls gefallene Geschützführer (auch ein Obergefreiter wie er) hatte schon das "Spanienkreuz" der Legion Condor getragen, war also sehr erfahren.



    Noch kurz vor seinem Tod vor vier Jahren glaubte er, eine Erklärung gefunden zu haben: den Spatengranatwerfer der Roten Armee.

    Dieser wurde in einer Zeitschrift beschrieben: schnell, effektiv und bei jeder sowjetischen Schützendivision reichlich vorhanden.

    Bezog sich darauf vielleicht der oben zitierte Satz "jeder zweite russische Soldat hat einen Granatwerfer"?


    Leider gibt es nur in der englischsprachigen Wikipedia eine Beschreibung des sowjetischen Spatengranatwerfers

    ("spade mortar"):

    Quote

    The 37mm spade mortar is a Soviet 37 mm light infantry mortar used in the Second World War. The mortar was produced from 1939 until the end of 1941.

    The German Army designated the weapon the 3.7 cm Spatengranatwerfer 161(r), although the true Soviet designation was simply "37mm mortar" (Russian: 37-мм Миномет). It is likely that the weapon was an attempt to boost the firepower of Soviet rifle units. Although a rifle grenade-launcher (which the Red Army also had) can fire shells of similar weight, they are slower to load and cannot serve as rifles while firing grenades. The spade mortar was used during the Winter War with Finland, where the weapon was found ineffective in the heavy snow. Initially used on the Eastern Front in World War II, the spade mortar fell into disuse after 1942.

    https://en.wikipedia.org/wiki/37mm_spade_mortar


    Hier stellt sich gleich eine weitere Frage: wenn die Produktion des 37mm Spatengranatwerfers Ende 1941 eingestellt wurde und die Verwendung ab 1943 auslief, konnte es dann 1944 noch wesentliche Restbestände bei der Roten Armee geben?


    In einem schweizer Forum hat ein Mitglied einen Text aus deutschen Kriegserinnerungen zitiert. Dort war beim Kampf um Belgrad 1944 noch vom Einsatz sowjetischer Spatengranatwerfer durch die Rote Armee die Rede (leider ohne Quellenangabe):


    Quote

    Hallo, bin beim Lesen eines Berichtes eines Teilnehmers der Schlacht um Belgrad von 1944 auf folgende Textpassage gestoßen:

    QUOTE

    Nun rannten wir, was die Lungen hergaben, bis wir an den bewaldeten Hängen des Kalvarienberges etwas Deckung fanden. Die Russen nahmen uns unter höllisches Granatwerferfeuer. Zu dieser Zeit führte der russische Soldat einen Schanzspaten bei sich, den man mit einem Griff in einen Granatwerfer umfunktionieren konnte. Klappte man das Spatenblatt weg, dann bildete dieses die Bodenplatte. Der Spatenstiel war hohl und diente auf diese Weise als Geschützrohr. Die Russen hatten in ihrer Waffenausrüstung überhaupt mächtig aufgeholt. Allein die Tatsache, daß jeder von ihnen über eine Maschinenpistole verfügte, ließ uns beten, daß der Krieg bald zu Ende sein möge.


    Hier noch einige technische Daten zum sowjetischen Spatengranatwerfer aus der WAFFEN REVUE Nr. 11 DEZ. 1973:

    (siehe auch unten angehängte Datenblätter)


    "Russischer Spatengranatwerfer 3,7 cm (Deutsche Bezeichnung 3,7 cm Spatengranatwerfer 161)


    Feuerbereitschaft in 1 bis 2 Minuten


    Schußfolge 20-25 pro Minute


    Größte Schußweite 300 Meter"



    Diese technischen Daten würden doch die schnelle Verfügbarkeit (max. 2 Minuten) und Schußfolge (mind. 20 / Minute) gegen deutsche Stellungen erklären?

    Oder kennt jemand noch eine andere Erklärung für die Kriegserlebnisse deutscher Soldaten mit schnellen und sofort verfügbaren sowjetischen Granatwerfern?


    Beste Grüße,

    Bodo

    Hallo Joseph


    Nun, das mit den Unbelehrbaren ist kaum eine Überraschung, auch in den baltischen Staaten ist man nach meiner persönlichen Erfahrung mitunter sehr unkritisch bei der Erinnerung an die nationalistischen Kräfte.


    Hallo Marc und Joseph,


    man sollte sich meiner Meinung nach eingestehen, daß echte mulitperspektivische Geschichtsbetrachtungen fast überall Mangelware sind.

    Ich erinnere mich an den Seufzer eines altgedienten Didaktikprofessors für Geschichte, der in einer Vorlesung meinte, die Deutschen hätten ja nun endlich ihre Nationalgeschichte zugunsten einer europäischen Geschichtsschreibung aufgegeben, aber vergleichbare Perspektivwechsel anderer Nationen seien bislang (leider) ausgeblieben. Der Prof selber hatte u.a. an internationalen Schulbuchprojekten mitgewirkt, die ausschließlich mit deutschen Geldern finanziert wurden.


    Vor Jahren gab es anläßlich des Kriegsendes einen aufschlußreichen Artikel in der WELT über die historischen Befindlichkeiten der baltischen Länder angesichts der Konfrontation mit Rußland und den seit der Stalin-Zeit starken russischen Minderheiten im Baltikum:


    Quote

    Russlands Siegesfeier erregt im Baltikum Ärger

    Moskau erinnert an den 66. Jahrestag des Kriegsendes und verärgert damit seine Nachbarn. Denn im Baltikum haben Sowjetsoldaten auch brutal gewütet.

    [...]

    Der litauische Historiker Saulius Suziedelis sieht in der Erinnerung an den Krieg zweierlei. "Die Erfahrung der Litauer ist, dass etwa 5000 ihrer Landsleute von den Nazis umgebracht wurden, aber etwa zehnmal mehr unter den Sowjets, vor allem in den ersten Nachkriegsjahren.

    https://www.welt.de/politik/au…t-im-Baltikum-Aerger.html


    Interessant finde ich auch die neueren Forschungen des polnischen Historikers Marcin Zaremba, der u.a. herausgefunden hat, daß durch polnische Aktionen in den von Deutschland besetzten Gebieten mehr jüdische Landsleute getötet wurden als im selben Zeitraum Angehörige der deutschen Besatzungstruppen. Diese Erkenntnisse zur Holocaust-Geschichte haben laut MDR-Interview in Polen für ziemliche Aufregung gesorgt:


    Interview "Die vierte Phase des Holocausts"


    Der polnische Historiker Marcin Zaremba hat mit seinen Forschungsergebnissen im April 2017 für Aufregung gesorgt, weil sie so wenig ins bisherige Geschichtsbild der Polen passen. Er untersuchte, wie seine Landsleute im Zweiten Weltkrieg und kurz danach ihre jüdischen Nachbarn und Mitmenschen behandelten.

    [...]

    Quote

    Laut Dokumenten, die Sie veröffentlicht haben, haben die Polen während der deutschen Besatzung mehr Juden als Deutsche getötet. Um welche Zahlen handelt es sich?


    Deutsche Berichte aus dem damaligen "Generalgouvernement" belegen, dass in der Zeit zwischen Oktober 1939 und Sommer 1944 ungefähr 1.300 Deutsche getötet wurden. Dazu muss man noch 900 Mithelfer vor allem aus den Reihen der polnischen und ukrainischen Polizei rechnen. Wir reden über die Zeit nach dem Angriff im September 1939 auf Polen, bei dem es 17.000 deutsche Opfer gab – und vor August 1944, als der Aufstand im besetzten Warschau ausbrach, in dem wiederum zwischen 2.000 und 9.000 Deutsche getötet wurden. In derselben Zeit – also zwischen Oktober 1939 und Sommer 1944 - wurden mehr als 10.000 Juden an die Deutschen ausgeliefert oder von Polen ermordet.

    https://www.mdr.de/heute-im-os…en-und-holocaust-100.html


    Doch zurück zum Thema Wilna 1944.

    Ich habe in der mir zur Verfügung stehenden Literatur mehrere Auszüge gefunden, die vielleicht helfen könnten, die Hintergründe der gescheiterten Kooperation zwischen der AK und den Sowjets einerseits und der zwischen AK und deutschen Wehrmachtsstellen andererseits aufzuhellen.


    Den Ausführungen des polnischen Historikers Wlodzimierz Borodziej zufolge sollte die Eroberung Wilnas durch Einheiten der AK die Generalprobe für den Warschauer Aufstand sein. Borodziej überschreibt den Abschnitt wo Wilna behandelt wird, daher mit

    "Die Generalprobe" (für die geplante Rückeroberung Warschaus):



    Der schon von Euch erwähnte deutsche Historiker Bernhard Chiari hat in dem Buch "Alltag hinter der Front" über die vergeblichen Versuche der AK, Wilna kampflos von den Deutschen zu übernehmen, geschrieben:


    "Bis zum deutschen Rückzug blieb der Wahrheitsgehalt dieser und weiterer Berichte über lokale Bündnisse zwischen der Wehrmacht und der [polnischen] Heimatarmee sowie die tatsächliche Haltung der Londoner Exilregierung ungeklärt.

    Ideen von einem deutsch-polnischen Bündnis gegen die Sowjetunion spukten durch die Köpfe der deutschen militärischen Führung in Weißrußland.

    Noch am 3. Juli erhielt die Heeresgruppe Mitte eine Nachricht vom Militärkommandanten in Wilna, nach der das polnische Oberkommando den Deutschen ein Ultimatum gestellt habe. Die Armia Krajowa bot zum letzten Mal das Zusammengehen mit der Wehrmacht an und drohte, andernfalls die Stadt zu stürmen.


    Etwa 5 500 Soldaten der Armia Krajowa waren schließlich, beginnend mit dem 6. Juli, an den Kämpfen um Wilna beteiligt. Unter dem Kommando von Oberst Krzyzanowski unterstützten diese polnischen Brigaden die Angriffsoperationen der sowjetischen 3. belorussischen Front. [...]"

    (Bernhard Chiari, Alltag hinter der Front. Besatzung, Kollaboration und Widerstand in Weißrußland 1941-1944, Düsseldorf 1998, S. 299.)



    Aus Sicht der deutschen Besatzungstruppen stellte sich das Angebot der Armia Krajowa zur "Übernahme Wilnas" aber weniger als "Zusammengehen mit der Wehrmacht" denn als deutsche Teilkapitulation dar.

    Der Verleger, Kriegsveteran und Jurist Dr. Rolf Hinze hat in seinem Standardwerk "Das Ostfrontdrama 1944. Rückzugskämpfe der Heeresgruppe Mitte" auf das Mißtrauen der örtlichen deutschen Kommandobehörden (und Hitlers hirnverbrannte "Führerbefehle") hingewiesen:


    Quote

    „Die Sowjets bereiteten diesen Vorstoß auf ihre Art vor. Beim Kommandanten des „Festen Platzes“ Wilna erschienen eines Tages polnische Unterhändler mit dem Angebot, rings um Wilna herum liegende polnische Banden in Stärke von etwa 10 000 bis 12 000 Mann zur Verteidigung dieses Landesbereiches gegen die Sowjets einzusetzen, allerdings unter der Bedingung, daß die deutsche Führung die Stadt Wilna kampflos übergäbe. Solches widersprach jedoch bestehendem Führerbefehl, so daß die Heeresgruppe hierzu ihre Zustimmung nicht erteilen konnte.

    Später stellte sich dieser Verhandlungsversuch als - wahrscheinliches - Ergebnis sowjetischer Aufweichungsbemühungen heraus. Nach dem Infiltrationssystem hätte man dann sowjetische Banden oder Rotarmisten durch die deutsche HKL einschleusen können und Wilna kampflos gewonnen.“

    (Rolf Hinze, Das Ostfrontdrama 1944. Rückzugskämpfe der Heeresgruppe Mitte, Stuttgart 1988, S. 92.)


    Im offiziellen militärhistorischen Geschichtswerk Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 8, Die Ostfront - Der Krieg im Osten und an den Nebenfronten, München 2007, wird auf Seite 565 im Anmerkungsapparat auf Hinzes Ostfrontdrama hingewiesen:


    “Zur Sekundärliteratur vgl. Hinze, Das Ostfrontdrama 1944, S. 103 ff. und 120 f.”



    Wie wir bei Wlodzimierz Borodziej gelesen haben, war das deutsche Mißtrauen auch durchaus begründet, wie die länger andauernden und schließlich erfolgreichen Verhandlungen der AK-Führer mit den Sowjettruppen über einen gemeinsamen Vormarsch zeigen:


    "Erst Anfang Juli 1944 gelang es "Wilk", in Verhandlungen mit den Sowjets einen Waffenstillstand und eine partielle Kooperation für den kommenden Kampf gegen die Deutschen zu vereinbaren."

    (Wlodzimierz Borodziej, Der Warschauer Aufstand 1944, Frankfurt a. M. 2001, S. 84.)


    Aus den Erfahrungen beim Wilna-Aufstand "Burza" ("Ostra Brama") bez. einer möglichen echten Kooperation mit der Roten Armee hätte man bez. Warschau lernen können: Die Auslösung des Warschauer Aufstandes war, nach milit. Gesichtspunkten, eine Fehlleistung der AK-Führung - das sehen inzwischen auch seriöse poln. Historiker in ähnlicher Weise.


    Wie die "echte Kooperation mit der Roten Armee" aussah, ist doch am Beispiel Wilnas genau dargestellt worden.

    Wlodzimierz Borodziej hat doch beschrieben, wie nach dem gemeinsamen Einmarsch von AK und Roter Armee Stalins Befehle zur Zerschlagung der bewaffneten "Nationalpolnischen Gruppierungen" in Litauen wie vorher in Wolhynien durchgeführt wurden.

    Insgesamt fielen am Ende 20.000 Kämpfer der Armia Krajowa den sowjetischen Truppen zum Opfer.

    Unter Stalins Herrschaft konnte es ebensowenig andauernde Freiheit geben wie unter Hitler.


    Vgl. das Zitat aus Wikipedia:


    "Die A.K.-Angehörigen wurden am 15. Juli von NKWD-Truppen unter dem Befehl von Iwan Serow entwaffnet und ihre Offiziere einschließlich des Befehlshabers Krzyżanowski verhaftet. Einheiten der A.K., die sich dem Befehl zur Entwaffnung widersetzten, wurden von den sowjetischen Truppen zerschlagen, wobei viele A.K.-Angehörige getötet wurden."

    http://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Bagration


    Es wurden nur noch Verbände mit kommunistischer Ausrichtung unter sowjetischer Führung geduldet.

    Schließlich hatte Stalin nach Aufdeckung einiger sowjetischer Massenmorde an polnischen Staatsbürgern 1943 bereits jegliche Beziehungen zur polnischen Exilregierung in London abgebrochen:


    Quote

    Trotz der Bitten von Roosevelt und Churchill, es nicht zu tun, erklärte Stalin am 25. April 1943 den Abbruch der Beziehungen zu Polen. Damit isolierte er Polens Exilregierung in der Anti-Hitler-Koalition und stellte die Weichen für ein kommunistisches Nachkriegspolen ohne Rücksicht auf westliche Interessen.[5]

    https://de.wikipedia.org/wiki/…In_England_(ab_Juni_1940)


    Trotzdem hatte die der polnischen Exilregierung unterstehende AK tapfer an der Seite der Roten Armee die Einnahme Wilnas unterstützt:


    Quote

    "Die AK, mittlerweile etwa 6000 Soldaten stark, kämpfte vom 7. Juli bis zur Kapitulation der Reste der deutschen Garnison am 13. Juli auf sowjetischer Seite.

    [...]

    Am 14. Juli meldete einer der Untergebenen Krzyzanowskis nach London: "Wilna erobert unter großer Beteiligung der AK, die in der Stadt ist. Große Vernichtungen und Verluste. Beziehungen zur Sowjetarmee augenblicklich korrekt. Gespräche werden geführt. Wilna hat einen sehr kurzen, aber wie erfreulichen Augenblick der Freiheit erlebt. 14 VII - das Polentum der Stadt ist augenfällig."

    Der "Augenblick der Freiheit" sollte in der Tat "sehr kurz" bleiben. [...]"

    (Wlodzimierz Borodziej, Der Warschauer Aufstand 1944, Frankfurt a. M. 2001, S. 86-87.)


    "Das Polentum der Stadt" war laut Borodziej natürlich auch deshalb augenfällig, weil im Juli 1944 fast nur noch polnische Einwohner in Wilna zurückgeblieben waren:


    "Am 3. Juli erging an die AK-Einheiten der Bezirke Wilna und Nowogródek der Befehl, für den 7. Juli kurz vor Mitternacht in Angriffsstellung vor der Stadt bereitzustehen.

    Die Operation Ostra Brama entpuppte sich allerdings als Fehlschlag.

    [...]

    Der wichtigste Grund für den Mißerfolg bestand vermutlich jedoch in den Veränderungen in der Stadt selbst. Zwar verließen bis zum 4. Juli litauische Kollaborateure, deutsche Beamte und Zivilisten beider Nationalitäten oftmals fluchtartig die Stadt; sie soll in der zweiten Juliwoche von nicht mehr als 70 000 bis 80 000 Menschen, hauptsächlich Polen, bewohnt gewesen sein."

    (Borodziej, Der Warschauer Aufstand 1944, S. 84-86.)



    Leider imaginiert Borodziej dann eine deutsche Truppenstärke von über 17 000 Soldaten in Wilna (eine typische sowjetische Übertreibung), wo doch in den maßgeblichen deutschen Darstellungen von nicht mehr als 4000 Mann Kampftruppen in der Stadt ausgegangen wird:

    "Insgesamt 4000 deutsche Soldaten saßen in der Falle.”

    (Karl-Heinz Frieser, Der Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte im Sommer 1944, in: Karl-Heinz Frieser, Klaus Schmider, Klaus Schönherr (Hrsg.),Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd.8, Die Ostfront - Der Krieg im Osten und an den Nebenfronten, München 2007, S. 563.)


    Selbst die 3. Panzerarmee ohne Panzer und mit wenig KfZ von Generaloberst Reinhardt verfügte in den anhaltenden Rückzugskämpfen nur noch über maximal 4000 Soldaten (anstelle von Kampfpanzern verfügte sie aber Anfang Juni 1944 über 60.000 Pferde, war also eher als

    3. Pferdearmee anzusehen (ebenda, S. 532)).


    Wo sollten da die angeblich weiteren 13.000 kampfbereiten deutschen Soldaten in Wilna hergekommen sein, wie Borodziej meint.

    Aus polnischer Sicht hört es sich so aber vermutlich besser an, als wenn wie realiter 4000 angreifende AK-Kämpfer von 4000 deutschen Soldaten schnell abgewehrt werden konnten:


    "Der Angriff der AK auf Wilna begann am 7. Juli nach Mitternacht und blieb nahezu sofort im Sperrfeuer der Verteidigung liegen. Nach wenigen Stunden zogen sich die Partisanen morgens und am Vormittag auf ihre Ausgangspositionen zurück.

    Am selben Tag erschienen die ersten sowjetischen Panzereinheiten der 3. Belorussischen Front vor der Stadt."

    (Borodziej, a.a.O.)



    Zum Abschluß möchte ich noch einmal die jüdische Partisanin Rachel Margolis zitieren, die hier früher schon erwähnt wurde. Sie berichtet über die Begegnung ihrer sowjetischen Partisanen mit einigen beim Angriff auf Wilna zurückgeschlagenen AK-Soldaten:


    "Wir stoppten junge Burschen, AK-Leute, abgerissen und schmutzig. Einer erzählte:

    "Wir haben eine Position neben dem Friedhof in Rossa eingenommen, neben einer steinernen Brücke über die Bahngleise. Wir träumten davon, in die Stadt einzudringen und das Zentrum einzunehmen.

    Schließlich ist das unsere Stadt, eine polnische Stadt! Und schließlich haben uns die Sowjets erlaubt, um sie zu kämpfen."


    Der Junge weinte und konnte nur mit Mühe weitersprechen.

    "Es war ein furchtbarer Kampf. Die Deutschen setzten Panzer und Kanonen gegen uns ein. Alle sind gefallen. Nur die, die es schafften, in Deckung zu gehen, haben überlebt. Alle sind tot! Wir haben verloren!"


    Im Wald waren sie unsere Feinde gewesen, aber jetzt taten sie mir leid. Die Unseren hatten gesiegt. Vom Flugplatz aus starteten weiter Flugzeuge, bombardierten die Stadt, und die Lautsprecher riefen fortwährend zur Kapitulation auf.

    Mitglieder unserer Partisaneneinheit kamen, um uns abzulösen. Wir konnten uns ausruhen."


    (Rachel Margolis, Als Partisanin in Wilna. Erinnerungen an den jüdischen Widerstand in Litauen, Frankfurt 2008, S. 218 f.)



    Grüße,

    Bodo

    Es ging allein um die Tatsache ,dass der Deutsche Gruß schon lange vor dem Attentat des 20.Juli 1944 als Ehrenbezeigung ohne Kopfbedeckung bei der Wehrmacht vorgeschrieben war.


    Hallo Chris,


    ich interpretiere Deinen Hinweis so, daß Du meinst, der "Hitlergruß" sei auch vor 1944 innerhalb der Wehrmacht "ohne Kopfbedeckung" überall angewendet worden. Die Frage ist doch, wer hat die Dienstvorschrift kontrolliert bzw. durchgesetzt. Wer außer den Nazis hätte ein Interesse daran gehabt? Warum sprachen Hitler, Goebbels und Bormann denn von den "nichtnationalsozialistischen" Wehrmachtteilen Heer und Luftwaffe? Nur die Marine fand ihr Gesinnungslob. Wegen des flächendeckenden "Hitlergrußes" dort?


    Quote

    "[4. März 1944] Sehr zufrieden ist der Führer mit der politischen Haltung der Marine. Nicht nur Dönitz sorgt hier für einwandfreie politische Ausrichtung, auch Raeder hat das früher getan. Raeder war gar nicht so bigott, wie allgemein angenommen wurde. Er huldigte einem konfessionslosen Christentum, war aber von einer ausgesprochenen Treue und Anhänglichkeit. Dasselbe kann von Dönitz gesagt werden.

    Die Luftwaffe ist auch [wie das Heer] in keiner Weise als nationalsozialistisch anzusprechen, was in der Hauptsache darauf zurückgeführt werden muß, daß sie einen großen Teil ihrer Offiziere, vor allem ihrer älteren, aus dem Heer übernommen hat."

    (Ralf Georg Reuth (Hrsg.), Joseph Goebbels. Tagebücher Band 5: 1943-1945, München 2003, S. 2011.)


    Wie Du weißt gibt es das deutsche Sprichwort "Papier ist geduldig". Genauso sieht es bei unbeliebten Vorschriften aus.


    Mein Vater war als Wehrpflichtiger fünf Jahre Mannschaftssoldat in der Wehrmacht. Er hat immer betont, während seines Kriegsdienstes nie den "Deutschen Gruß" verwendet zu haben. Auch nach dem 20. Juli 1944 hat er seine Vorgesetzten wie vorher mit der Hand an der Mütze gegrüßt. Keiner hat das beanstandet. Aber das war eben die unmittelbare Ostfront.

    Bei Leutnant Kurt Werner Andres war es das besetzte "friedliche" Dänemark, bei Leutnant Wolfgang Fuchs die Fliegerleitzentrale weit hinter der Front. Da war die politische Überwachung nach dem 20. Juli 1944 viel größer.


    Der Historiker Tilman Allert hat in seiner Studie zur Geschichte des "Deutschen Grußes" festgestellt, daß die Wehrmacht insgesamt gar kein Interesse an einer flächendeckenden Einführung vor 1944 haben konnte. Denn die Wehrmacht kam doch aus der Reichswehr und sollte Deutschland dienen, nicht einem Polithasardeur wie Hitler. Beides ging nicht zusammen:


    Quote

    "Vor diesem Hintergrund eines eigenlogischen Bereichs militärischen Handelns erscheint im übrigen plausibel, daß die deutsche Wehrmacht trotz und auch nach ihrer Vereidigung auf Hitler in dessen Doppelfunktion von Reichskanzler und Reichspräsident [...] ihre eigenen Grußformeln bis 1944 gepflegt und erkannt hatte, daß die Einführung des "Hitlergrußes" zwei unvereinbare Ansprüche auf einschränkungslose Einsatzbereitschaft heraufbeschwörte."


    (Tilman Allert, Der deutsche Gruß. Geschichte einer unheilvollen Geste, Frankfurt 2005, S. 69.)


    Deswegen fiel den meisten Soldaten unangenehm auf, daß der "Hitlergruß" nach dem 20. Juli 1944 verbindlich und flächendeckend eingeführt wurde. Vorher schon die NSFOs als Politoffiziere eingeführt. Von da an sollten die Landser nicht mehr Deutschland, sondern nur noch dem "Gröfaz" Hitler dienen.


    Ich habe noch einen weiteren Soldaten entdeckt, der sich am 20. Juli 1944 unter anscheinend "Hitlertreuen" Kameraden im Lazarett einsam und verlassen vorkam.

    Es handelt sich um den Philologen und Nazi-Gegner Herbert Wiegandt, im Krieg Sanitätssoldat beim Heer:


    Quote

    Herbert Wiegandt (* 20. September 1914 in Ulm; † 15. November 2003[1]) war ein deutscher Philologe und Bibliothekar. Er ist als „Wieland“ in den Eugen-Rapp-Büchern des Schriftstellers Hermann Lenz bekannt geworden.[2]

    [...]

    Während des Zweiten Weltkrieges diente er als Soldat im Sanitätseinsatz. Im September 1942 heiratete Wiegandt Helga Sindlinger aus Stuttgart. Die kirchliche Trauung fand im Ulmer Münster statt.[6]

    1944 wurde Wiegandt in Litauen verwundet. [...]

    https://de.wikipedia.org/wiki/Herbert_Wiegandt


    Nach Hitlers Rundfunkrede vom 21. Juli 1944 (siehe meinen Post vom 31. Januar 2019) gab es in seinem Verwundetensaal (30 Soldaten) im Lazarett Memel einen hysterischen Ausbruch der Verwundeten. Wiegandt führt das u.a. auf die Hilflosigkeit der zum Teil sehr schwer verwundeten Soldaten nahe der Ostfront zurück:

    "Der latente Haß auf das, was man Dumpf als etwas "Höheres" empfand, besonders im Zustand des Herausgerissenseins aus den gewohnten Ordnungen sowie die unterschwellige Angst vor dem Kommenden, verstärkt in dieser Lazarettsituation [...]

    (Herbert Wiegandt, Inselexistenz. Vorkrieg und Krieg 1935-1945. Briefe und Aufzeichnungen, Weißenhorn 2002, S. 171.)


    Quote

    "Es entstand eine ungeheure Erregung. Von dem geretteten Hitler war dabei gar nicht die Rede, aber fast jeder hatte etwas zu erzählen von angeblichen "Sabotage"-Akten, von denen er gehört oder die er selbst erlebt haben wollte, schon im Frankreich-Feldzug seien Granaten mit falschen Zündern geliefert oder sei Treibstoffnachschub verhindert worden usw. usw. - alles wurde geglaubt, jede Vernunft verschwand, auch normalerweise und von Mensch zu Mensch sonst ordentliche und umgängliche Leute steigerten sich wie in einen Rausch hinein und mit dem Tenor:

    wir hätten längst gesiegt ohne diese Generalslumpen und adligen Schweinehunde, diese Verräter sind an allem schuld."

    (Herbert Wiegandt, Inselexistenz. Vorkrieg und Krieg 1935-1945. Briefe und Aufzeichnungen, Weißenhorn 2002, S. 171.)


    Es ging den erregten Verwundeten also gar nicht in erster Linie um den "geretteten Hitler", sondern mehr um ihre persönlich hoffnungslose Situation. Keine Zukunft mit Hitler an der Macht, aber auch (vermeintlich) keine rosigen Aussichten ohne Hitlers Herrschaft.

    Daraus folgte spontaner Haß auf die Attentäter.


    Herbert Wiegandt ist dann in einer Genesungskompanie in Rothenburg Ende Juli 1944 auch die neue verbindliche Einführung des "Hitlergrußes" unangenehm aufgefallen:


    Quote

    "Aber es gab auch anderes, z.B. am Sonntagvormittag, nur für Soldaten, eine "Feierstunde", die der "Betreuungsoffizier" [NSFO] abhielt - solche gibt es jetzt bei allen Einheiten, seit Himmler Befehlshaber des Ersatzheeres ist und nun auch der "Deutsche Gruß", der bisher der SS vorbehalten war, allgemein eingeführt wurde, das ruckartige Ausstrecken des ganzen rechten Armes anstelle des traditionellen "Anlegens der rechten Hand an die Kopfbedeckung", das als erstes vom Rekruten auf dem Kasernenhof zu lernen war.

    "Politruks" gab es ja einst bei den Russen, die 1941 als besonders gefährlich vordringlich ausgemerzt werden sollten. Gefährlich war nun der Mann, der sich da vor uns aufbaute, sicher nicht, ein Hauptmann, der da einen ruhigen Posten ergattert hatte, gläubig natürlich sein mußte. Er hatte über den "totalen Krieg" zu tönen und vollzog das mit Geschrei, verzerrtem Gesicht und vernunftlosem Geschwätz, wir würden siegen, denn wir müßten siegen, [...]".

    (Herbert Wiegandt, Inselexistenz. Vorkrieg und Krieg 1935-1945. Briefe und Aufzeichnungen, Weißenhorn 2002, S. 173.)


    Wenn Du Kurt Werner Andres aus meinem vorigen Post erinnerst, dieser hatte auch vom "Deutschen Gruß" als Merkmal der SS ("wie bei der SS") geschrieben. Und Wiegandt schreibt, dieser Gruß sei "bisher der SS vorbehalten" gewesen.


    Demnach war die "Standortdienst-Vorschrift, H. Dv. 131 vom 24. 10. 39, Nachdruck 1942" (Vorschrift "Deutscher Gruß" ohne Kopfbedeckung) den meisten einfachen Soldaten doch gar nicht in allen Einzelheiten bekannt.


    Wer als Soldat oder Offizier zusätzlich bei der SS war (siehe den Kompaniechef des katholischen Studenten Alfred Bengsch), verfolgte die genannte Dienstvorschrift natürlich auch vor dem 20. Juli 1944 ganz anders. Oder wer sich der SS ideologisch verbunden fühlte. Da mußte der "Deutsche Gruß" auch vor 1944 gezeigt werden. Zum Glück war das nach den bisherigen Erkenntnissen in diesem Thread offenbar eine Minderheit von Vorgesetzten.


    Gruß,

    Bodo

    Hallo zusammen,


    leider wurden mal wieder historische Fragen zu politischen umgemünzt. Sind das schon umsichgreifende Vorfrühlingsgefühle?

    Solch eine lieblose Behandlung eines so wichtigen Themas liegt mir fern.

    Andererseits kann man die Behauptungen von Chris, beim sogenannten "Deutschen Gruß" in der Wehrmacht sei alles geklärt,

    nicht so stehen lassen.


    Die von Bodo erwähnte Behauptung des Stauffenberg-Biographen Peter Hoffmann


    wurde doch ganz klar wiederlegt!

    Da gibt es auch wirklich überhaupt nichts zu diskutieren!


    Warum stört dich diese Sache mit dem Hitler Gruß in der Wehrmacht denn überhaupt so sehr und warum versuchst du

    diesen Fakt irgendwie zu relativieren?


    Aufmerksamen Lesern dieses Threads wird nicht entgangen sein, daß ich bisher nur andersdenkende Nicht-Nazi-Soldaten als Quellenbeispiele genannt hatte. Eben "christlich und oder humanistisch gesinnte Soldaten konfrontiert mit Nazi-Ideologen".


    Jetzt habe ich hier mal ein Gegenbeispiel anzubieten, was die Diskussion vielleicht (hoffentlich) versachlichen könnte. Der Leutnant Kurt Werner Andres war zum Zeitpunkt des Hitler-Attentats als Besatzungssoldat in Dänemark. Er schrieb regelmäßig Briefe an seine Verlobte in der Heimat.

    Leutnant Andres reagiert empört auf das Attentat durch die Verschwörer und hielt "Säuberungsmaßnahmen" in der Wehrmacht für sinnvoll.


    Außerdem (Chris bitte aufpassen) begrüßte Leutnant Andres ausdrücklich die ab sofort verbindliche Einführung des "Hitler-Grußes" in der Wehrmacht:


    "24. Juli 1944

    In der neueren Geschichte hat es solch ein Attentat noch nicht gegeben. In der Stunde der größten Gefahr für unsere geliebte Heimat wagen es hohe Offiziere, die Waffen gegen ihren obersten Kriegsherrn, dem sie einen Eid geschworen haben, zu erheben, ist das nicht mehr als gemein? Es sind wie immer die Adligen, die nach wie vor unseren Führer nicht anerkennen, weil er im Ersten Weltkrieg nur Gefreiter war und dazu noch Sohn eines armen Zollbeamten.


    Hoffentlich weht nach der Säuberung ein anderer Wind. Heute kam schon der Befehl, daß ab sofort der alte "Kaiser-Wilhelm-Gruß" wegfällt und wie bei der SS mit erhobener Hand und "Heil Hitler" zu grüßen ist. Himmler wird als Befehlshaber des Ersatzheeres in der Heimat für Ordnung sorgen, darüber bin ich mir im klaren.

    50.000 Offiziere haben bis jetzt ihr Leben im Kampf geopfert und auch ich bin, getreu meinem Eid, bereit, für den Endsieg zu sterben.


    Die Dänen glaubten, nun sei es aus und jubilierten. Du glaubst nicht wie schnell der Streik in Kopenhagen vorüber war. Er sollte zunächst vier Wochen dauern, innerhalb von zwei Tagen waren alle wieder an ihrem Arbeitsplatz.

    [...]

    Ich bin umgezogen und wohne jetzt bei einer Familie, dänische Nationalsozialisten; ich habe drei Zimmer, die fabelhaft eingerichtet sind. Die Quartierleute sind sehr freundlich und ich fühle mich in meiner neuen Unterkunft wohl."


    (Kurt Werner Andres, Vergangenheit - Bewältigung oder Verdrängung? Briefe 1940 bis 1949 im Rückblick, Frankfurt 1995,

    S. 306-307.)


    Später, ab Herbst 1944 wieder an der Ostfront, denkt Leutnant Angres dann schon anders über die gescheiterten Attentäter.

    Hier freut er sich, keinen "Parteisoldaten" (der NSDAP) als Vorgesetzten zu haben:


    Quote

    "Auch wir subalternen Offiziere stellten an der Ostfront Ende 1944/Anfang 1945 Überlegungen an, wie der Krieg zu Ende zu führen wäre. Alle Gedankenspiele scheiterten an der von den Alliierten aufgestellten Forderung nach bedingungsloser Kapitulation, so daß es in dieser Zwangslage keinen anderen Ausweg gab, als den Kampf bis zum bitteren Ende weiterzuführen.

    In den letzten Monaten des Krieges hatte ich das Glück, Vorgesetzte zu haben, die nicht zu den sogenannten "Parteisoldaten" zählten. Mein letzter Kompaniechef, Oberleutnant Joachim von Studnitz, entstammte einem alten schlesischen Adelsgeschlecht, und allein die Tatsache, daß er mit 25 Jahren noch Oberleutnant war, beweist, daß er fürs "Heldentum" nicht viel übrig hatte.

    Bei der sowjetischen Weichseloffensive im Januar 1945 wurde die 4. (Pz.) Panzerjägerabteilung 87 aufgerieben, und von Studnitz gilt seit dem 17. Januar 1945 als vermißt."

    (Kurt Werner Andres, Vergangenheit - Bewältigung oder Verdrängung? Briefe 1940 bis 1949 im Rückblick, Frankfurt 1995,

    S. 327.)


    Der nächste vorgesetzte Offizier von Andres, der Oberstleutnant und Eichenlaub-Ritterkreuzträger Eberhard Zahn,

    weigerte sich nach dem 20. Juli-Attentat standhaft, den jetzt verbindlich eingeführten "Hitler-Gruß" anzuwenden:


    "Nach meiner Versetzung zum Stab des Panzerregiments 9 als Führer des Aufklärungszuges und der Regimentskampfstaffel lernte ich in Oberstleutnant Dr. Eberhard Zahn, Träger des Eichenlaubs zum Ritterkreuz, einen von uns allen verehrten militärischen Führer kennen, der in den letzten Monaten des Krieges die Parole ausgab, bei den Einsätzen vor allen Dingen Menschenleben zu schonen.


    Er weigerte sich, mit "Heil Hitler" und ausgestrecktem Arm zu grüßen. Nach dem Krieg, in seiner letzten beruflichen Aufgabe, hatte der Jurist Dr. Eberhard Zahn als Vorstandsvorsitzender der Ruhr-Stickstoff AG in Bochum eine bedeutende Position in der deutschen Industrie inne.

    Das mißglückte Attentat des Obersten Graf Schenk von Stauffenberg (1907-1944) zog vom Juli 1944 bis April 1945 rund 7.000 Verhaftungen nach sich, etwa 5.000 Personen wurden hingerichtet."


    (Kurt Werner Andres, Vergangenheit- Bewältigung oder Verdrängung? Briefe 1940 bis 1949 im Rückblick, Frankfurt 1995, S. 327.)



    Deswegen hat der Professor Hoffmann doch vollkommen recht, wenn er darauf besteht, daß der "Hitler-Gruß" in der Wehrmacht wenig verbreitet war. Und nach der von Göring veranlaßten verbindlichen Einführung im Sommer 1944 immer noch unbeliebt war.


    Das zeigt z.B. auch der Tagebucheintrag des Leutnants der Nachrichtentruppe der Luftwaffe, Wolfgang Fuchs. Er war Freiwilliger.

    Leutnant Fuchs war zeitweise verantwortlich für die gesamte Jagdführung an der mittleren Ostfront 1944/45:


    Quote

    "19. September 1944.

    Ich befinde mich auf dem Weg zu meiner neuen Dienststelle auf der Straße nach Lodz/Litzmannstadt. Unterwegs fällt mir ein:

    Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli mit weitreichenden Folgen für unsere Wehrmacht wurde am 23. Juli anstelle des militärischen Grußes der "deutsche Gruß" bei uns eingeführt. Unter Offizierskameraden nahmen wir das nicht so ernst. Es genügt, wie meist auch intern gehandhabt, den Arm zu heben und die Worte "Drei Liter" zu murmeln, um der Vorschrift zu genügen. Für einen unvermittelt dazukommenden Außenstehenden ist das von "Heil Hitler" kaum zu unterscheiden. Jetzt beim Wechsel in eine neue Umgebung muss ich natürlich vorsichtig sein beim Treffen auf einen 150%iger Anhänger."

    (Wolfgang Fuchs, Nochmal Schwein gehabt! Aus dem Tagebuch eines Etappenhasen [Etappenhengstes] (1938-1945), Berlin o.J., S. 135.)


    Die Offiziere seiner Dienststelle murmelten also "Drei Liter" statt "Heil Hitler". Dennoch mußte Leutnant Fuchs vor dem möglichen Treffen mit einem "150%igen Anhänger" Hitlers auf der Hut sein. Ein Treffen weit weg von der Front in Dänemark wie z.B. bei Leutnant Angres hätte ihn wohl auch zur Vorsicht geraten.


    Hier noch der Hinweis auf die Tagebuch-Quelle von Wolfgang Fuchs:


    Quote

    "Drei Offiziere der neuen deutschen Luftwaffe betreten im November 1938 das Abiturientenklassenzimmer, in dem auch Wolfgang Fuchs sitzt, und werben für einen Besuch ihres Fliegerhorstes.

    Am 1. Dezember unterschreibt der 18-Jährige seine Freiwilligenmeldung zur Luftwaffe. Aufgrund eines Augenfehlers wird er aber der Luftnachrichtentruppe zugeteilt. Mit dem Krieg beginnen für ihn sechs Jahre im Funkbetrieb, die er durch Tagebucheinträge und Fotos dokumentiert. Er kommt in Berührung mit fremden Ländern und Städten, geprägt von Schönheit, später von Zerstörung. Er begegnet der Gefahr und dem Tod, sieht Flugzeuge abstürzen, steht unter Beschuss und kommt in brenzligen Situationen nur knapp mit dem Leben davon. Kurze Tagebucheinträge sowie zahlreiche Dokumente und Fotos zeigen sorglose Augenblicke, aber auch harte, angespannte Momente im Soldatenleben. Mit seinem Zeitzeugnis liefert der Autor einen authentischen Rückblick auf die Zeit des Zweiten Weltkrieges."

    https://www.amazon.de/Nochmal-…TF8&qid=1550346654&sr=1-1


    Grüße,

    Bodo

    Hallo zusammen,


    um mal etwas zur Größenordnung der alliierten Luftkriegsverluste im Einsatz und später am Boden durch Fliegerlynchmorde festzuhalten:

    die wichtigste und mächtigste alliierte Luftflotte auf dem europäischen Kriegsschauplatz war ja die 8. US Army Air Force.


    Diese verfügte laut Wikipedia Mitte 1944 über rund 2000 schwere Bomber und 1000 Jagdflugzeuge und hatte eine

    Personalstärke von etwa 200.000 Mann:



    Die Hälfte aller US-Luftkriegsverluste der Army Air Force im Zweiten Weltkrieg erlitt die 8. US Army Air Force, das sind laut der englischen Seite 26.000 tote und 47.000 verwundete Besatzungsmitglieder.

    https://en.wikipedia.org/wiki/…rce#Casualties_and_awards


    Jetzt noch zur Größenordnung der angenommenen Fliegerlynchmorde auf deutschem Boden:

    Quote

    Von der 8. US Army Air Force gerieten insgesamt 21.000 Besatzungsmitglieder in deutsche Kriegsgefangenschaft.

    10.999 Kriegsgefangene in deutschen Lagern waren vom britischen Bomber Command.

    Insgesamt befanden sich 1945 "weit über 40.000 Gefangene der alliierten Luftflotten in deutschem Gewahrsam. Mehr als 15.000 von ihnen dienten als Offiziere."

    (Martin Albrecht, Helga Radau, Stalag Luft I in Barth. Britische und amerikanische Kriegsgefangene in Pommern 1940 bis 1945, Schwerin 2012, S. 41.)


    21 gefangene britische Bomberpiloten konnten aus deutschen POW-Camps fliehen und erfolgreich die eigene Truppe erreichen. Mit ihrer Hilfe gewannen die alliierten Einsatzstrategen wertvolle Erkenntnisse über die deutschen Verhörmethoden im Dulag Oberursel und die Zustände bei der Unterbringung in den deutschen Stalags (Quelle ebenda).


    Wenn man jetzt die bis heute vermutete Zahl von Fliegerlynchmorden an alliierten Soldaten heranzieht, ergibt sich folgendes Bild über die Dimension dieser Kriegsverbrechen in Deutschland:


    "Tatsächlich, so haben Historiker und Heimatforscher herausgefunden, wurden vermutlich Hunderte von wehrlosen kriegsgefangenen Fliegern auf Befehl der Nazis systematisch massakriert.

    [...]

    Der Archivar Thomas Adam vom Stadtarchiv Bruchsal hält sogar "deutlich über 500 Fälle" für belegt. Bisher gingen Fachleute von nur gut 100 Fällen aus. [...]

    Wo es sich um Zivilisten handelte, waren es fast immer fanatische Nazi-Funktionäre." (SPIEGEL 34/2001).

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-20794719.html


    Barbara Grimm ging 2007 in einem Sammelband zum Luftkrieg dagegen von etwa 350 Lynchmorden an alliierten Fliegern ebenfalls überwiegend durch nationalsozialistische Funktionsträger aus. Dies ist meines Wissens nach die neueste publizierte Opferzahl.

    (Dietmar Süß (Hrsg.), Deutschland im Luftkrieg. Geschichte und Erinnerung, München 2007, S. 83 f.)



    Nach der (inzwischen veralteten) Zahl von 100 Fliegermordopfern, die Experten ursprünglich vermuteten (das entspricht etwa 0,25 % der angegebenen Gesamtzahl von 40.000 allierten Luftkriegsgefangenen), geht man demnach heute von etwa 350 Opfern der Fliegerlynchmorde aus.

    Das entspräche dann einem Anteil von unter einem Prozent der rund 40.000 Kriegsgefangenen in Lagern der deutschen Luftwaffe.


    Dem realen Risiko für abgesprungene oder notgelandete alliierte Flieger, in Deutschland einem Lynchmord durch fanatische Nazis zum Opfer zu fallen, standen also bei der 2001 angenommenen Maximalzahl von 500 Mordtaten die 40.000 nach der Genfer Konvention ordnungsgemäß in Kriegsgefangenschaft überführten alliierten Flieger gegenüber.


    Diese vielen, nach hunderten zählenden Einzelfälle grausamer Lynchmorde sollten sich daher vergleichsweise schlüssig der hauptsächlich tatverdächtigen Gruppe von NS-Funktionsträgern zuordnen lassen. Dies ist z.B. in Mecklenburg durch umfangreiche Nachkriegsermittlungen der britischen und amerikanischen Besatzungsbehörden geschehen. Auslöser der Ermittlungen waren Angaben von Einwohnern.


    Der Historiker Bernd Kasten hat darüber im Rahmen des Vereins "Geschichtswerkstatt Rostock" 2004 einen Beitrag geschrieben:

    (Bernd Kasten, "Auf der Flucht erschossen". Die Ermordung abgesprungener amerikanischer Flieger in Mecklenburg 1944, in: Geschichtswerkstatt Rostock e.V. (Hrsg.), Zeitgeschichte regional, 8. Jahrgang, Heft 1 (2004), S. 18-21.)


    Seine Schlußfolgerungen sind interessant, denn sie bestätigen das, was wir hier in vorigen Beiträgen festgestellt hatten:

    Mordbefehle und Ausführung gingen von allen Ebenen der NSDAP-Parteihierarchie und auch der Polizei aus:


    Quote

    "[...] Außer den schweren Bombenangriffen auf Rostock und Wismar erregten vor allem die 1944 einsetzenden Tieffliegerangriffe in Mecklenburg die Bevölkerung. Seit Januar 1944 stand es den Begleitjägern der großen Bomberverbände frei, auf ihrem Rückweg militärische Ziele im Tiefflug anzugreifen, wobei zum Beispiel ein Zug automatisch als militärisches Ziel galt. Im Frühling 1944 wurde so zwischen Schwerin und Ludwigslust ein Personenzug beschossen. Die meisten Toten waren Zivilisten, unter ihnen viele Frauen und Kinder.

    Der mecklenburgische Gauleiter Hildebrandt - ohnehin ein leicht erregbarer Mensch - geriet wegen dieser Angriffe in maßlose Wut. Auf einer großen Versammlung von Kreisleitern, Landräten und hohen Regierungsbeamten in der Turnhalle der Gauschule in Schwerin forderte er, daß ein solcher "Terrorflieger" nicht der Wehrmacht übergeben werden sollte:

    "Nach meinem Willen soll er eben nicht ausgeliefert, sondern sogleich kassiert oder umgelegt werden. [...] Abgeschossene Flieger sind dem nächsten Hoheitsträger der NSDAP auszuliefern. Der wird schon wissen, wie er ihn zu behandeln hat."

    [...] Wiederholt forderte er auf Versammlungen der Kreis- und Ortsgruppenleiter dazu auf, die abgeschossenen Flieger zu "erledigen", denn: je mehr Witwen in England, desto besser für Deutschland"."

    (Bernd Kasten, "Auf der Flucht erschossen". Die Ermordung abgesprungener amerikanischer Flieger in Mecklenburg 1944, in: Geschichtswerkstatt Rostock e.V. (Hrsg.), Zeitgeschichte regional, 8. Jahrgang, Heft 1 (2004), S. 18-21.)


    Bernd Kasten berichtet auch darüber, wie es im Sommer 1944 anläßlich eines Besuchs des SS-Obergruppenführers und Chefs des Reichssicherheitshauptamtes Ernst Kaltenbrunner zum endgültigen Mordbefehl des Gauleiters Hildebrandt kam:


    "Nach der Invasion vom 6. Juni 1944 verschärfte sich Hildebrandts Rhetorik noch, da es jetzt um "Sein oder Nichtsein" ginge.

    Trotzdem wurden nun keineswegs täglich in Mecklenburg abgesprungene Flieger getötet. Es bedurfte noch eines besonderen Anlasses, um Hildebrandts Haßtiraden in einen direkten Mordbefehl zu verwandeln.

    Dieser bot sich am 21. Juni 1944, dem von den Nationalsozialisten besonders gefeierten Sonnenwendfest, als sich Ernst Kaltenbrunner, der Chef des Reichssicherheitshauptamtes, zum Besuch der Polizeischule in Fürstenberg im damaligen mecklenburgischen Kreis Stargard ankündigte. Hildebrandt wollte ihn hier am Nachmittag treffen, anschließend war ein längeres geselliges Beisammensein vorgesehen.


    Ausgerechnet an diesem Tag stürzten gegen 11 Uhr vormittags zwei viermotorige Liberator-Bomber über Mecklenburg ab, die von einem großen Bombenangriff auf Berlin zurückkehrten. Eine Maschine stürzte in die Müritz, die andere machte in der Nähe von Groß Trebbow bei Schwerin eine Bruchlandung.

    Aus dem einen Flugzeug konnten sich neun, aus dem anderen sieben Besatzungsmitglieder mittels Fallschirm retten.

    Über die Lautsprecherverbindung des Luftwarnnetzes gab Hildebrandt von seinem Befehlsbunker in Schwerin-Paulshöhe den Befehl an die betroffenen NSDAP-Kreisleitungen, die abgesprungenen Flieger zu "erledigen".


    Die telefonische Meldung über den Vollzug erwartete er ebenfalls bis zum Abend. Offensichtlich sollte ihn diese Aktion Kaltenbrunner gegenüber in ein vorteilhaftes Licht rücken.

    Der befehlsgewohnte Parteiapparat reagierte prompt und zuverlässig. Der diensthabende Kreisamtsleiter des Kreises Schwerin-Land Karl Grönwald rief den Ortsgruppenleiter von Passow Kurt Müller an und gab Hildebrandts Anweisung an ihn weiter."

    (Bernd Kasten, "Auf der Flucht erschossen". Die Ermordung abgesprungener amerikanischer Flieger in Mecklenburg 1944, in: Geschichtswerkstatt Rostock e.V. (Hrsg.), Zeitgeschichte regional, 8. Jahrgang, Heft 1 (2004), S. 18-21.)



    Eine ganze Reihe der mit Fallschirmen abgesprungenen Flieger wurde zunächst korrekt in Gewahrsam genommen, während der schwerverletzte Flight Lieutenant Holwet vom Roten Kreuz wegen eines beim Absprung in Moltenow erlittenen Schädelbruchs "sofort ins Schweriner Standortlazarett gebracht wurde". Alle anderen US-Flieger wurden von NSDAP-Funktionären und Polizisten nach und nach ermordet.

    Kasten zählt die Morde anhand der Ermittlungsakten auf:

    Quote

    "[Ortsgruppenleiter] Müller bat den Ortsbauernführer Fritz Schröder, ihn zu begleiten, und stieß auf der Landstraße bei Goddin auf einen Kaugummi kauenden amerikanischen Flieger, der bereits von einem deutschen Soldaten ergriffen worden war. Er übernahm den Gefangenen, ließ ihn ca. 1 km, Zigarette rauchend, auf der Straße neben dem Auto marschieren und schoß ihm dann bei Veelböken am Rand eines Rapsfeldes mit seiner Dienstpistole zweimal in den Rücken."

    Quote

    "Außer Müller hatte Grönwald auch seinen Chef, den Kreisleiter Bollow, angerufen, der nun das Weitere in die Hand nahm. Gemeinsam mit Grönwald und dem Ortsgruppenleiter von Groß Trebbow, dem Förster Ewald Haselow, fuhr der Kreisleiter nach Mühlen Eichsen, wo sie auf der Gendarmeriestation die Sergeants Grubisa und Vinsen vorfanden.

    Als die beiden Polizisten die Gefangenen nicht ausliefern wollten, telefonierte Bollow mit dem vorgesetzten Polizeihauptmann Manske, der die Herausgabe genehmigte. Dann verabschiedete der Kreisleiter seine beiden Gefolgsleute mit dem Auftrag:

    "Fahrt ein klein bißchen weg und schießt sie tot.""

    Quote

    "Auch von den drei im Kreis Schönberg gelandeten Soldaten war am Abend des 21. Juni keiner mehr am Leben. Kreisleiter Koepcke und zwei SA-Männer töteten einen bei Rüting, einen bei Wüstenmarck sowie den letzten bei Rambeel und veranlaßten dann ihre Beerdigung auf dem Friedhof von Diedrichshagen. Als offizielle Todesursache wurde stets gemeldet: "auf der Flucht erschossen"."


    Aus dem zweiten in der Müritz abgestürzten US-Bomber hatte die deutsche Marine neun Besatzungsmitglieder gerettet.

    Diese wurden von Angehörigen der Polizei und Partei übernommen und ermordet, die meisten in einem Wald bei Poppentin:


    "Auch die neun von der deutschen Marine aus der Müritz geretteten Flieger wurden sämtlich ermordet. Polizeihauptmann Kuhr, Polizeimeister Jürss, Hilfspolizist Brüggmann, SA-Sturmführer Schippmann aus Waren und Ortsgruppenleiter Gross aus Eldenurg erschossen sieben Männer im Wald bei Poppentin.

    Da es sich hier um ein gemeinsames Exekutionskommando von Polizei und Partei handelte, dürfte hier außer Hildebrandt der mit ihm gut bekannte Leiter der Sicherheitspolizeischule in Drögen bei Fürstenberg, SS-Standartenführer Dr. Hans Trümmler, maßgeblich beteiligt gewesen sein.


    Die beiden amerikanischen Leutnants Ludka und Helton übergab die Schutzpolizei in Waren an Trümmlers Beauftragten, den SS-Untersturmführer und Kriminalkommissar Stempel von der Sicherheitspolizeischule in Drögen, wo sie dann ermordet und auch beerdigt wurden. Trümmler selbst wurde für diese Tat nach dem Krieg von den Amerikanern zum Tode verurteilt und 1948 in Landsberg hingerichtet."

    (Bernd Kasten, "Auf der Flucht erschossen". Die Ermordung abgesprungener amerikanischer Flieger in Mecklenburg 1944, in: Geschichtswerkstatt Rostock e.V. (Hrsg.), Zeitgeschichte regional, 8. Jahrgang, Heft 1 (2004), S. 18-21.)


    Quote

    "Für Mecklenburg war mit diesen Ereignissen eindeutig ein Damm gebrochen. Alliierte Flieger, die das Pech hatten, an einem Tag in der Region zu landen, an dem der Gauleiter schlechte Laune hatte, konnten nicht mehr auf den Schutz der Genfer Konvention rechnen. Wiederholt gab Hildebrandt in den folgenden Monaten über das Luftwarnnetz Exekutionsbefehle an die Kreisleiter, nach Aussage von Grönwaldt "immer, wenn er aufgeregt war und über die Lautsprecheranlage gebrüllt hat."


    Im Sommer 1944 wurden einige Flieger in der Nähe von Sternberg ermordet. In Kloster Wulfshagen bei Ribnitz erschoß der als Nationalsozialist bekannte Gutsverwalter mehrere abgesprungene britische Bomberpiloten. Ende August 1944 holte der Gadebuscher Ortsgruppenleiter Brusch zusammen mit drei anderen lokalen Parteiführern zwei Flieger bei der Gendarmerie in Meetzen ab und erschoß sie in der Nähe von Möllin."

    (Bernd Kasten, "Auf der Flucht erschossen". Die Ermordung abgesprungener amerikanischer Flieger in Mecklenburg 1944, in: Geschichtswerkstatt Rostock e.V. (Hrsg.), Zeitgeschichte regional, 8. Jahrgang, Heft 1 (2004), S. 18-21.)


    Bernd Kasten glaubt nicht, daß nach diesen vielen Fliegerlynchmorden durch Partei und Polizei im Sommer 1944 bis Kriegsende noch weitere Verbrechen dieser Art verübt wurden:

    "Nach der Art und Weise, wie schnell sich die bekannten Morde herumsprachen und wie rege sie von den Bewohnern der umliegenden Dörfer und Kleinstädte diskutiert wurden, erscheint es unwahrscheinlich, daß solche Geschehnisse unbemerkt blieben.

    Eben diese weit verbreitete Kenntnis von Tat und Tätern wurde den Mördern nach der Kapitulation zum Verhängnis."


    Der für Nazi-Deutschland katastrophale Verlauf des Krieges und die per Flugblattabwurf verbreiteten alliierten Warnungen, wonach deutsche Kriegsverbrecher mit gnadenloser Verfolgung zu rechnen hätten, wirkten auf viele NSDAP-Vertreter bestimmt abschreckend.

    Ein Hinweis aus der Bevölkerung genügte für eine Verhaftung.


    Bis auf den Ortsbauernführer Schröder, der von den Alliierten zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt wurde, erhielten sechs weitere Beteiligte die Todesstrafe, alles Funktionäre der NSDAP, darunter der Gauleiter Hildebrandt. Sie wurden am 5. November 1948 in Landsberg hingerichtet.


    Grüße,

    Bodo

    Hallo Chris und Justus,


    schon Schade, mit euren letzten Beiträgen habt ihr also jetzt klargemacht, daß ihr euch nicht wirklich auf das Thema und die Fragestellung einlassen wollt oder könnt. Meist kommen Einwände und Unterstellungen, aber wenig Substanzielles zum Thema.

    Wo findet man denn die Tagebucheinträge über Nazi-Horden in der Wehrmacht, die abweichende Meinungen gnadenlos unterdrückt und Hitler, Goebbels und Co. zu Jubelstürmen über die Nazi-Gesinnung der Truppe inspiriert haben? Bisher sprechen doch die Quellen und Darstellungen vom genauen Gegenteil. Außerdem relativiert die in Hitlers Augen mangelhafte Gesinnung der Truppe in keiner Weise die auch von Wehrmachtssoldaten verübten Kriegsverbrechen.


    Ich jedenfalls schildere doch nur die Eindrücke, wie sie andersdenkende deutsche Soldaten in der Wehrmacht erlebt und in Tagebüchern und persönlichen Erinnerungen hinterlassen haben.


    Daß Hitler über die Verweigerungshaltung weiter Teile der Truppe bezüglich der Nazi-Gesinnung informiert war, zeigt z.B. der Tagebucheintrag des Majors Gerhard Engel vom 18. 10. 1942. Der spätere Generalmajor Engel musste als Heeresadjutant bei Hitler dessen Ein- und Ausfälle ertragen, bis er es 1943 nicht mehr aushielt und sich zur Fronttruppe versetzen ließ:


    Quote

    „Zum Schluß harte Worte von F.[ührer] über Lauheit der Truppe gegenüber Abschreckungsmaßnahmen. Er wisse genau, daß man im Heer die gegebenen Befehle, wie zum Beispiel den Kommissarbefehl, gar nicht oder nur zögernd befolgt habe. Schuld habe das Oberkommando [des Heeres], das aus dem Soldatenberuf möglichst einen Pastorenstand machen wolle. Wenn er seine SS nicht hätte, was wäre dann noch alles unterblieben!“

    (Heeresadjutant bei Hitler 1938-1943. Aufzeichnungen des Majors Engel, herausgegeben und kommentiert von Hildegard von Kotze, Stuttgart 1974, Zitat S. 131.)

    Warum ist es denn so schwer, derartige Einsichten einfach mal hinzunehmen und als Tatsachen anzuerkennen?

    NS-Extremisten, die für einen Großteil der NS-Verbrechen verantwortlich waren, gab es natürlich nicht nur in der SS, sondern auch zum Teil in der Wehrmacht. Sogar einige an entscheidenden Stellen. Aber eben doch auch ganz anders als im nationalsozialistischen SS- und Polizeiapparat.


    Diesen Befund hatte doch schon der Holocaust-Forscher Dieter Pohl in seiner Habilitationsschrift festgehalten:


    Quote

    "Unterschiede zum SS- und Polizeipersonal sind deutlich erkennbar. In den Kernbereichen existierte bei letzterem eine homogene Rekrutierungspolitik, die Extremisten, die in der Wehrmacht von Fall zu Fall an den entscheidenden Stellen zu finden waren, dominierten bei SS und Polizei durchweg."

    (Dieter Pohl, Die Herrschaft der Wehrmacht. Deutsche Militärbesatzung und einheimische Bevölkerung in der Sowjetunion 1941-1944, München 2009, S. 115.)


    Hitler selbst charakterisierte sein Verhältnis zur militärischen Führungsebene bei einem Frontbesuch im Osten so:


    „Als ich noch nicht Reichskanzler war, habe ich gemeint, der Generalstab gleiche einem Fleischerhund, den man fest am Halsband haben müsse, weil er sonst jeden anderen Menschen anzufallen drohe. Nachdem ich Reichskanzler geworden war, habe ich feststellen müssen, dass der deutsche Generalstab nichts weniger als ein Fleischerhund ist. Dieser Generalstab hat mich immer gehindert, das zu tun, was ich für nötig halte. Ich bin es, der diesen Fleischerhund immer erst antreiben muss.“

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-42645161.html


    Habe ich das richtig verstanden, dass nach Eurer Meinung, Verzeihung, nach Eurer Recherche, selbst die NSDAP nicht wirklich nationalsozialistisch war,


    Wie kommst Du denn auf so eine Gedanken-Konstruktion? "Märzgefallene" Parteigenossen, wenn auch Hunderttausende, standen doch keinesfalls für die NS-glaubensfeste Parteimehrheit, soviel sollte man doch eigentlich nachprüfen können.

    Ich habe doch nur von einfachen Parteigenossen (aus karrieretaktischen Gründen) geschrieben, die einem bekannten Nazi-Gegner wie Generalleutnant Theodor Groppe wohlwollend gegenüberstanden.

    Reine Opportunisten, die Hitler auch in seinem politischen Testament von 1945 als nicht überzeugte Parteianhänger charakterisiert hat, mit denen er zum Teil Vorlieb nehmen mußte.

    Während die NSDAP-Funktionäre und die Parteiführung Generalleutnant Groppe voller Hass und Verachtung begegneten. Im übrigen auch die fanatischen Nazis in der Wehrmacht, die spitzelten, Material sammelten und exponierte Abweichler denunzierten (im Fall Groppe die Feldgendarmerie). Von solchen Konflikten hätte ich hier gerne mehr gelesen. Hätte ja sein können, daß jemand dazu auch etwas gelesen hat.

    Zum Schluß einmal die Einschätzung einer hochangesehen amerikanischen Zeitzeugin, deren Mann als kritischer Journalist vom NS-Regime ausgewiesen wurde.

    Link:

    http://en.wikipedia.org/wiki/Edgar_Ansel_Mowrer


    Lilian Mowrer, die Frau des US-Journalisten und Pulitzer-Preisträgers Edgar Ansel Mowrer, befand sich 1933 noch acht Monate nach Hitlers Machtübernahme in Berlin. Nach der Bedrohung und Ausweisung durch die Nazi-Behörden (ihr Mann hatte Hitler-kritische Artikel geschrieben) zog sie folgendes Fazit:


    Quote

    "Die Deutschen gehören zu den liebenswertesten Völkern Europas und haben sicher nicht mehr Schläger und Sadisten als irgendein anderes Land zu verzeichnen. Der Unterschied besteht darin, dass Hitlers Regime bis zur Spitze hinauf auf Sadisten und Schlägern errichtet war - je höher, desto schlimmer."

    (Quelle: Nicholson Baker, Menschenrauch. Wie der Zweite Weltkrieg begann und die Zivilisation endete, Reinbek 2009, S. 45.)


    Grüße,

    Bodo

    Hallo zusammen,


    ich möchte noch einmal auf mein Anliegen zu Beginn dieses Threads zurückkommen. Es sollte im Kern eigentlich nicht um den Geist der Militärseelsorge, die Auseinandersetzungen zwischen Wehrmachtsoffizieren und nicht zur Truppe gehörenden SS-Führern oder ähnliches gehen.

    Das Thema sollte nicht in diese Richtungen ausufern. Ich hatte darum gebeten, Beispiele für die Konfrontation zwischen Nichtnazis und Nazis innerhalb der Wehrmacht einzustellen. Oder Beobachtungen von NS-gesinnten Soldaten durch andere, "normale" Soldaten.

    Wenn jemand etwas dementsprechendes finden sollte, wäre das schön. Ich hatte seit damals 19 Beispiele von Soldaten der Wehrmacht genannt.

    "Wie dachte er über den 20. Juli 1944?" als Zuspitzung und lebensgefährlicher Konfliktgrund zwischen fanatischen Hitler-Anhängern und den Hitler-Gegnern ist darunter nur ein Aspekt im größeren Rahmen.


    Ich hatte Altbundeskanzler Helmut Schmidt anfangs mehrfach als Zeitzeugen und Kriegsveteranen zitiert. Ende Februar wird mit einem Staatsakt in der Elbphilharmonie Hamburg an seinen 100. Geburtstag erinnert. Das kann man u.a. hier nachlesen:


    Quote

    Über die Stiftung

    Die Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung erinnert an einen der bedeutendsten deutschen Staatsmänner des 20. Jahrhunderts. Mit ihrer Arbeit will die Stiftung die historischen Verdienste Helmut Schmidts würdigen und darüber hinaus die Themen, die den Vordenker bewegten, in die Zukunft tragen.

    https://www.helmut-schmidt.de/


    Man sollte seine Einschätzung zu den realen Verhältnissen innerhalb der Wehrmacht aus den 1980er Jahren also bitte nicht kleinreden. Seine Aussagen betreffen nicht nur die einfachen Landser, sondern natürlich auch die meisten Wehrmachtspfarrer und -ärzte, von denen zuletzt hier geschrieben wurde:


    „Die meisten Soldaten unter Hitlers Oberkommando waren keine Nazis. Aber sowohl Herkommen und Erziehung als auch die Allmacht des Staates hatten ihnen zur Pflicht gemacht, dem Vaterland zu dienen - auch und gerade im Kriege.


    Viele derjenigen, die 1933 schon erwachsen waren oder die an der Schwelle des Erwachsenseins standen, waren in den ersten Jahren der Nazi-Zeit der suggestiven Kraft Hitlers und seines großen Erfolges in der Beseitigung der ungeheuren, deprimierenden Arbeitslosigkeit erlegen; aber spätestens seit dem Einmarsch in die Sowjetunion war die Begeisterung verflogen; denn alle, auch die Volksschüler, hatten von Napoleons Zug nach Moskau und von dessen katastrophalem Ausgang eine Vorstellung, die für die meisten ein Menetekel war.


    Gleichwohl: die allermeisten waren überzeugt von ihrer Pflicht, für das eigene Land zu kämpfen. Diese Überzeugung teilten auch die Mehrzahl der Frauen und Männer im Widerstand. Sie waren bereit zum Hochverrat, das heißt zur Beseitigung Hitlers und der Nazi-Diktatur; aber sie waren nicht bereit zum Landesverrat, das heißt zur Auslieferung des Vaterlandes an den Kriegsgegner. Sie waren Patrioten. [...]

    Man kann als Deutscher den Zweiten Weltkrieg eine Tragödie unseres Pflichtbewußtseins nennen. [...]

    Hitler hat unser Pflichtbewußtsein benutzt und mißbraucht.“

    (Geleitwort von Helmut Schmidt, in: Johannes Steinhoff, Pechel, P. / Showalter, D. (Hrsg.): Deutsche im Zweiten Weltkrieg. Zeitzeugen sprechen, München 1989, S. 9-10.)



    Also von der Nazi-Führung mißbrauchtes Pflichtbewußtsein als Handlungsmotiv der meisten Soldaten. NS-Ideologie war nur bei einer Minderheit der Wehrmachtsangehörigen festzustellen (siehe dazu die von mir mehrfach zitierten Goebbels- und Hitler-Urteile über die kaum nationalsozialistisch anzusprechende Wehrmacht).


    Was bisher auch nicht angesprochen wurde ist die Tatsache, daß viele einfache Parteigenossen der NSDAP nicht unbedingt fanatische Nazis sein mußten. Viele waren nur pro forma Parteimitglieder, weil sie sich davon berufliche oder wirtschaftliche Vorteile erwarteten.

    Z.B. durften Medizinstudenten kein Staatsexamen ablegen, wenn sie nicht einer NS-Parteigliederung angehörten.

    Anders war die ideologische Ausrichtung natürlich bei NSDAP-Funktionsträgern mit Parteiämtern.


    Hier zwei prominente Beispiele von Deutschen, die Mitglieder der NSDAP waren und trotzdem wegen ihrer erfolgreichen Rettungsaktionen für verfolgte Juden als "Gerechte unter den Völkern" geehrt wurden. Darunter der Wehrmachtsmajor Karl Plagge:


    https://de.wikipedia.org/wiki/Oskar_Schindler


    https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Plagge


    Bei der Mehrheit von Parteimitgliedern innerhalb der Wehrmacht muß man wohl lediglich von sogenannten "Märzgefallenen" ausgehen.

    Ob sie fanatisch der NS-Ideologie anhingen oder nur pro forma Mitglied der Partei waren ("Mitläufertum"), konnte nur durch die genaue Beobachtung ihres Verhaltens gegenüber Freund und Feind festgestellt werden:



    Der von mir neulich zitierte Generalleutnant Theodor Groppe hatte ja ständig schwere Konflikte mit Kreisleitern und Spitzeln in seinem Kommandoumfeld. Er wurde dauernd von ihnen angezeigt und denunziert. Einfache Parteileute begegneten Groppe dagegen häufig wohlwollend, wie er schreibt:


    Quote

    "Wenn die Hanauer Parteileute mich mit Haß verfolgten, so muß ich auf der anderen Seite feststellen, daß viele Pg's mir wohlwollend gegenüberstanden. Erklärlich ist das durch die Tatsache, daß sehr viele Beamte, Ärzte, Rechtsanwälte, Gewerbetreibende, Industrielle, Arbeiter und Landwirte einfach gezwungen waren, der Partei beizutreten, wenn sie nicht schwere wirtschaftliche Schädigung erleiden oder gar brotlos werden wollten."


    (Thomas Marin (Hrsg.), Theodor Groppe - der "Schwarze General". Ein katholischer Soldat im Kampf für Recht und Sitte, Bad Schussenried 2008, S. 12.)



    Abschließend möchte ich den Schriftsteller und Nazi-Gegner Rudolf Krämer-Badoni zitieren. Er war im Krieg Sanitätsfeldwebel in einer Lazarett-Transportkompanie an der Ostfront.


    Quote

    Rudolf Krämer-Badoni (* 22. Dezember 1913 in Rüdesheim als Rudolf Krämer; † 18. September 1989 in Wiesbaden) war ein deutscher Schriftsteller.

    ...

    Am Zweiten Weltkrieg nahm er als Mitglied einer Sanitätseinheit teil. Sein erster Roman Jacobs Jahr, der bereits gedruckt war und 1943 erscheinen sollte, wurde wegen vermuteter versteckter Kritik am nationalsozialistischen Regime nicht ausgeliefert und erschien erst in den 1970er-Jahren in einer regulären Ausgabe.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Kr%C3%A4mer-Badoni


    Krämer-Badoni berichtet vom einzigen überzeugten Nazi in der Kompanie, einem als Bankdirektor unmilitärisch wirkenden Mannschaftssoldaten. Krämer-Badoni hatte harte Diskussionen mit dem Nazi-Gefreiten, wurde aber nicht von ihm denunziert:


    "Dieser Gefreite W. war der einzige Nazi in der Kompanie und ein unglücklicher Intellektueller dazu.

    Statt die Hacken zusammenzuschlagen, trat er sich selbst auf die Füße, beim Grüßen fand er den Mützenrand nicht, und wenn er Meldung machen mußte, verhedderte er sich unfehlbar.

    Mir hielt er Vorträge über das Bedürfnis Rußlands nach eisfreien Häfen, "und das muß verhindert werden".

    Zweimal las er die "Wahlverwandtschaften", und als er mein "Jacobs Jahr" gelesen hatte, nannte er es ein schlechtes Buch - es hatte zu wenig Ähnlichkeit mit den Wahlverwandtschaften.


    Wir hatten harte politische Diskussionen, aber er kam nie auf den Gedanken, mich zu denunzieren.


    Ich gab ihm, er war Bankdirektor, Unterricht im Grüßen und Stillstehen und machte ihm klar, das sei das einzige, was man beim Militär können müsse. Tatsächlich machte er ein bißchen Fortschritte. Nach dem Krieg besuchte er mich einige Male und langweilte mich sehr mit seinen "Wahlverwandtschaften", und ich war froh, als er es aufgab. Ein Mensch mit mehreren Webfehlern."


    (Rudolf Krämer-Badoni, Zwischen allen Stühlen. Erinnerungen eines Literaten, München, Berlin 1985, S. 82.)



    Interessant, daß Krämer-Badoni mit keinem Wort den "Hitlergruß" erwähnt. Im Gegensatz zum militärischen Gruß müßte dieser überzeugte Nazi-Gefreite den "Hitlergruß" doch im Schlaf beherrscht haben? Anscheinend spielte der Nazigruß bis zum 20. Juli 1944 keine große Rolle innerhalb der Wehrmacht. Das hat auch der Historiker und Stauffenberg-Biograph Peter Hoffmann gesagt:


    Quote

    Interview mit dem Stauffenberg-Biografen Peter Hoffmann

    [...]

    Sie haben sich nachträglich von dem deutschen Film "Stauffenberg" aus dem Jahr 2004, bei dem Sie als historischer Berater mitgewirkt haben, distanziert. Warum?

    Peter Hoffmann: Weil mein Rat nicht angenommen wurde. Man hat Stauffenberg in die Nähe der Nazis gerückt. Z. B. hat er sich nicht während einer Wagneroper in Anwesenheit Hitlers mit seiner späteren Frau verlobt. Die Offiziere haben in dem Film ständig mit dem Hitlergruß gegrüßt. Das hat es vor dem 20. Juli 1944 aber nicht gegeben.

    https://www.heise.de/tp/featur…e-Geschichte-3421542.html


    Grüße,

    Bodo

    Hallo zusammen,


    um noch einmal die militärische Funktion des evangelischen Theologen und Tagebuchschreibers Konrad Jarausch richtigzustellen:

    Auch die Feldpostbriefe des schmächtigen Dulag-Kommandanten Konrad Jarausch sprechen für sich, wie konventionell es hinter der Front zugehen konnte.


    Konrad Jarausch war doch vom Dienstgrad her nur Feldwebel und leitete die Küche des Kriegsgefangenenlagers bis zu seiner tödlichen Fleckfiebererkrankung im Januar 1942.



    Schade Justus, daß Du den Gedankengängen von Joachim Fest so wenig folgen magst. Wenn man Geschichte erörtern will, muß man doch von den damaligen Verhältnissen und nicht von unserem heutigen, umfassenden Nachwissen über das begangene Unrecht ausgehen.


    Fest hat doch ursprünglich den November 1938 als kritische Attentats-Phase gemeint. Noch vor der von der NS-Führung angeordneten Reichspogromnacht am 9./10. November 1938. Davor gab es die "Septemberverschwörung" durch hohe Wehrmachtsoffiziere und das gescheiterte Attentat eines Schweizers (Georg Elsers Attentat war ein Jahr später):


    Quote

    28. September 1938 Während der so genannten Septemberverschwörung soll Hitler in der Reichskanzlei durch einen Stoßtrupp unter der Führung von Hauptmann Friedrich Wilhelm Heinz und Korvettenkapitän Franz-Maria Liedig erschossen werden. Als Hitler jedoch auf der Münchner Konferenz einer friedlichen Lösung der Sudetenfrage zustimmt, entfällt der Hauptgrund für den Umsturz für die Verschwörer.

    9. November 1938 Der Schweizer Maurice Bavaud will Hitler beim Gedenkmarsch zur Münchner Feldherrnhalle erschießen. Das Attentat scheitert, weil er nicht nah genug an Hitler herankommt.


    https://de.wikipedia.org/wiki/…ttentate_auf_Adolf_Hitler


    Also (nach einem erfolgreichen Hitler-Attentat) hätte es keine forcierte Judenverfolgung 1938 gegeben. Erst hätten die Nazi-Nachfolger Goebbels, Himmler, Heydrich, Göring, Hess etc. ihre Machtkämpfe austragen müssen. Außerdem hatten Teile der Heeresführung (OKH) und Abwehr einen Umsturz zur Wiederherstellung rechtsstaatlicher Verhältnisse geplant:


    "Während sich die Verschwörer darin einig waren, den 1938 während der Sudetenkrise drohenden Krieg durch eine Beseitigung Hitlers verhindern zu wollen, blieb offen, ob Hitler verhaftet oder getötet werden sollte. Mit der diplomatischen Lösung der Krise auf der Münchner Konferenz entfielen die Voraussetzungen für den Putsch. Im Anschluss daran zerfiel der Kreis der Verschwörer."

    https://de.wikipedia.org/wiki/Septemberverschw%C3%B6rung



    Die Verfolgung von Kommunisten und Sozialisten hatte in den Augen vieler Deutscher keine Berechtigung. Aber der Blick der Presseöffentlichkeit lag auf den unheimlichen Vorgängen in der Sowjetunion (Schauprozesse, Holodomor in der Ukraine). Die Repressalien der NS-Organe bildeten sich erst nach und nach öffentlich wahrnehmbar heraus (sogen. "Röhm-Putsch" und anschließende Mordwelle).


    Gerade Militärs und Reservisten hatten nicht vergessen, daß Stalin erst 1923 die Anweisung zur kommunistischen Machtergreifung in Deutschland (und Westeuropa) gegeben hatte:


    "Der "deutsche Oktober" 1923

    Die Ruhrbesetzung [französischer Einmarsch mit 60 000 Soldaten], separatistische Unruhen im Rheinland sowie die Auflehnung in Bayern gegen das Reich ließen die Weimarer Republik im Herbst 1923 in politischem Chaos versinken. Auf Anordnung von Reichspräsident Friedrich Ebert wurde der Ausnahmezustand über das Deutsche Reich verhängt. Die vollziehende Gewalt lag bei Reichswehrminister Otto Geßler.


    Die KPD versuchte daraufhin auf Drängen Moskaus, die Staatskrise zu einem bewaffneten Umsturz auszunutzen. Als die KPD unter der Losung einer linken "Einheitsfront" im Oktober 1923 mit der SPD in Thüringen und Sachsen Regierungsbündnisse einging, schien sie eine günstige Ausgangsbasis für eine Erhebung erhalten zu haben.


    Nach Vorbild der russischen Oktoberrevolution von 1917 wollten die Kommunisten in einem "deutschen Oktober" die Macht in Deutschland an sich reißen und damit das Signal zur Revolution in Mitteleuropa geben. Zur Durchführung der Erhebung begannen KPD und linke Sozialdemokraten in Sachsen und Thüringen mit der Aufstellung von paramilitärischen Kampfverbänden revolutionär gesinnter Arbeiter, den sogenannten Proletarischen Hundertschaften.

    Als die sächsische Regierung Anordnungen aus Berlin ignorierte, die bewaffneten Einheiten aufzulösen und die kommunistischen Minister zu entlassen, verhängte die Reichsregierung die Reichsexekution über das Land."

    https://www.dhm.de/lemo/kapite…utscher-oktober-1923.html



    Die Weltwirtschaftskrise seit 1929 hatte Deutschland und viele andere Länder in große wirtschaftliche Not gestürzt.

    Hitler hat davon unberechtigterweise profitiert, weil er die leichte wirtschaftliche Besserung der Lage, die vor seiner Machtübernahme einsetzte, als sein alleiniges Verdienst als neuer Reichskanzler verkaufen konnte.


    Sogar der spätere britische Premierminister Winston Churchill zollte ihm dafür in einem Artikel von 1937 seinen (unverdienten) Respekt:


    Quote

    "Den [Optimismus] trägt er zum letzten Mal in einem Beitrag für den Londoner „Evening Standard“ vor, vom 17. September 1937, unter der Überschrift „Friendship with Germany“.

    Jedermann würde auf die Frage, ob England nicht die ausgestreckte Hand der Freundschaft mit den Deutschen ergreifen würde, so führt Churchill aus, selbstverständlich mit Ja antworten – „auch wenn wir nicht vorgeben können, eure neuen Institutionen zu mögen; wir haben uns vor langer Zeit schon befreit von rassistischer und religiöser Intoleranz“.

    Dann aber zählt er auf, was alles dagegen spräche, mit dem gegenwärtigen Deutschland unter seinem Diktator in engere Beziehungen zu treten, schließt jedoch den Gedankengang mit diesem Aufsehen erregenden Satz:

    „Man mag Hitlers System nicht mögen und dennoch seine patriotische Leistung bewundern. Wenn unser Land einmal geschlagen wäre, hoffe ich doch, wir würden einen ähnlich unbezwingbaren Champion finden, der unseren Mut wieder aufrichten und uns zurück auf den uns zustehenden Platz unter den Nationen führen würde.“"

    https://www.welt.de/politik/au…ein-Hitler-Versteher.html


    Was sollte da der Durchschnittsdeutsche denken, wo Presse und öffentliche Meinung staatlich kontrolliert waren? Der ebenfalls erwähnte Mussolini (Hitlers Vorbild) wurde von den Westmächten sogar als Vermittler in der Sudetenkrise hinzugebeten.

    Er scheint im Rahmen des von Dir erwähnten Münchner Abkommens zu dieser Zeit ein besseres Image gehabt zu haben als nach Kriegsbeginn:



    Dann hattest Du die Verfolgung Homosexueller genannt.


    Den Paragraphen 175 des Strafgesetzbuches gegen homosexuelle Männer gab es doch im Deutschen Reich schon seit 1872 (abgeschafft 1994).

    Die schweren, umfassenden Verfolgungsmaßnahmen des Geheimen Staatspolizeiamts begannen auch erst Ende der 1930er Jahre (KZ als Regelfall). Da hätte Hitler (folgt man Joachim Fest) nach erfolgreichem Attentat und Umsturz 1938 keine Befehle mehr geben können.

    https://de.wikipedia.org/wiki/…t_des_Nationalsozialismus


    Da hatten die meisten, nicht persönlich betroffenen Deutschen schon schwere Sorgen wegen des Krieges und achteten wenig auf NS-staatliche Verfolgungsprogramme gegen Minderheiten. Und die von Hitler befohlenen Massenmorde an Psychatriepatienten begannen erst im September 1939 nach Kriegsbeginn (da wäre Hitler bei erfolgreichem Attentat auch bereits ein Jahr tot gewesen):


    Quote

    Am 27. September 1939 kam es in Wejherowo (Neustadt bei Gdingen) in Westpreußen zum ersten Massaker an Psychiatriepatienten im deutsch besetzten Polen, dem weitere Krankenmorde in vielen polnischen Anstalten folgten. Noch im Herbst wurden aus Pommern deutsche Kranke durch die dortigen Anstaltsleiter selektiert und zur Erschießung ins deutsch besetzte Westpreußen gebracht.[5]

    ...

    Nach Einstellung der „Aktion T4“ im August 1941 durch die Berliner Zentrale wurde die Erwachsenen-„Euthanasie“ dezentral relativ unauffällig weitergeführt:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Aktion_T4


    Die Ausstellung "Entartete Kunst" in München hat mein Vater in seinen Schulferien 1937 auch angesehen. Er war von der Qualität der Bilder begeistert, so wie viele andere "Volksgenossen" auch. Das hat er auch ganz offen gesagt und dort keinen Widerspruch erlebt.

    Es waren doch über 2 Millionen Menschen insgesamt dort. Dagegen bei der "Nazi-geadelten" Deutschen Kunst weniger als eine halbe Million Besucher. Spricht das nicht für sich?


    "Die Ausstellung „Entartete Kunst“ wurde am 19. Juli 1937 in München in den Hofgarten-Arkaden eröffnet und zeigte 650 konfiszierte Kunstwerke aus 32 deutschen Museen. Sie wanderte reichsweit auch an andere Häuser und wurde Schulklassen und Parteinahen Verbänden „vorgeführt“. Über zwei Millionen Besucher sahen sie. Das ist deutlich ein Vielfaches als die zeitgleich stattfindende Große Deutsche Kunstausstellung im Haus der Deutschen Kunst, die von 420.000 Menschen besucht wurde. Das (propagierte) Interesse an der verspotteten Kunst war also viel größer als das an der offiziell gefeierten. Die Ausstellung wurde von Joseph Goebbels initiiert und von Adolf Ziegler, dem Präsidenten der Reichskammer der bildenden Künste, geleitet."

    https://de.wikipedia.org/wiki/…e_Kunst#1930%E2%80%931936


    Der allseits beliebter Deutschlehrer meines Vaters hatte übrigens vor der Klasse wiederholt gesagt, Heinrich Heine ist einer der größten deutschen Dichter. Und das Jahre nach Hitlers mit diktatorischen Mitteln gefestigten Machtergreifung. So sehr falsch lag Joachim Fest vielleicht gar nicht, obgleich uns seine Mutmaßung aus heutiger Sicht unpassend oder sogar unheimlich erscheint.



    Grüße,

    Bodo

    Hallo zusammen,


    Der leider oftmals nur zum Kinderbuchautor degradierte Erich Kästner hat es in seinem geheimen Tagebuch für mich durchaus nachvollziehbar in zynischer Form auf eine kurze Formel gebracht. Ein später und interessanter Fund, von einem, der in der Heimat einen recht guten Überblick besaß:


    "Da haben nun die drei größten Mächte der Erde fast 6 Jahre gebraucht, um die Nazis zu besiegen, und nun werfen sie der deutschen Bevölkerung, die antinazistisch war, vor, sie habe die Nazis geduldet! Deutschland ist das am längsten von den Nazis besetzte und und unterdrückte Land gewesen, - nur so kann man die Situation einigermaßen richtig sehen. Sie sollen nur statistisch feststellen, wie viele Deutsche von den Nazis zugrunde gerichtet worden sind! Dann werden sie merken, was los war."

    8. Mai 1945

    Das Blaue Buch: Geheimes Kriegstagebuch 1941 - 1945
    Sven Hanuschek (Herausgeber), Ulrich von Bülow (Herausgeber), Silke Becker (Herausgeber), Erich Kästner


    ein sehr interessantes Fundstück in Kästners Tagebuch. Das Problem mit den drei großen Bänden zu den Einsatzgruppen von der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft kenne ich auch. Unheimlich viel Material, dessen Lektüre Zeit und Nerven kostet. Die Problematik bei der Auswertung dieser Täterberichte wird von den Herausgebern eingehend beschrieben.



    In einem älteren Buch habe ich vor Jahren gelesen, daß sich der Kommandant eines Dulag erschossen hat, weil er den Einsatzgruppen keinen Zugang zum Gefangenenlager geben wollte und vom OKW im Oktober 1941 dazu gezwungen werden sollte. In den übrigen Lagern konnten die SS-Kommandos dagegen weitgehend ungehindert Selektionen und Morde an jüdischen und kommunistischen Gefangenen wie Kommissaren durchführen. Ist über das weitere Schicksal des Majors Witmer etwas im Buch verzeichnet?


    Hallo Bodo,


    in Ergänzung zu Deinen ausführlichen Anmerkungen möchte ich auf folgendes Büchlein hinweisen:


    Beese, Dieter: Seelsorger in Uniform. Evangelische Militärseelsorge im Zweiten Weltkrieg; Aufgabe - Leitung -Predigt. Luthersches Verlagshaus 1995 (s. Bild)


    Ein sehr guter Themenband, den Justus neulich erwähnt hat. Ich habe bei Dieter Beese noch eine kurze Zusammenfassung zur NS-Kirchenpolitik gefunden, die vielleicht das Dilemma vieler evangelischer Wehrmachtspfarrer beleuchtet, einerseits für einen Unrechtsstaat tätig zu sein, aber andererseits gegen die antichristliche Weltanschauung der Nazi-Führung desselben Staates bestehen zu müssen:


    Quote

    "Objekt nationalsozialistischer Entkonfessionaliserungsbestrebungen.


    Mit dem Beginn der Herrschaft Hitlers veränderte sich die Stellung von Kirche und Christentum in Staat und Gesellschaft dramatisch. Unter Hitler sah die Kirche sich je länger, je mehr an den Rand gedrängt, verfemt, verfolgt. Es erwuchs ein tiefgehender Zwiespalt: Der Staatsmann und Außenpolitiker Hitler fand die Zustimmung und das Vertrauen des durchschnittlichen Protestantismus.

    Die nationalsozialistische Partei und ihr "Neuheidentum" erregten seine Kritik. Ein antichristliches Regime hatte sich durch bewußte Täuschung und leere Versprechungen die Loyalität evangelischer Christen verschafft, deren Gewissen an Römer 13 gebunden war."

    (Dieter Beese, Seelsorger in Uniform. Evangelische Militärseelsorge im Zweiten Weltkrieg. Aufgabe-Leitung-Predigt, Hannover 1995, S. 30.)


    Insofern war wohl das Auftreten der hitlergläubigen "Deutschen Christen" eine Art Weckruf für die übrigen Protestanten, nicht nur in der Bekennenden Kirche. Sowohl evangelische wie katholische Wehrmachtspfarrer standen auf verlorenem Posten, wenn die Nazis siegreich aus dem Weltkrieg hervorgegangen wären. Diese Tatsache hatte Justus neulich bei der Darstellung der Zukunftserwartungen seines später gefallenen Opas als Offizier und Pastor auch erwähnt. Hier noch einmal zusammengefaßt bei Dieter Beese:


    Quote

    "Daß eine herrschende Partei jedes Mittel anzuwenden fähig war, um dieselben Christen als patriotisch unzuverlässig zu denunzieren und zu bekämpfen, um die sie zuvor geworben und deren Stimmen sie bekommen hatte, war eine katastrophale neue Erfahrung. Kirche und Christentum stellten im Lichte der nationalsozialistischen Weltanschauung allein durch ihr Dasein den "neuen Staat" in Frage. Sie waren der Partei verhaßt und wurden entsprechend behandelt.


    Modellfall nationalsozialistischer Kirchenpolitik in der Kriegszeit ist das Vorgehen im Warthegau in den besetzten Ostgebieten. Die endgültige Beseitigung des Christentums in Deutschland sollte erst nach dem Kriege erfolgen..."

    (Dieter Beese, Seelsorger in Uniform. Evangelische Militärseelsorge im Zweiten Weltkrieg. Aufgabe-Leitung-Predigt, Hannover 1995, S. 30-31.)


    Der evangelische Theologe Eberhard Müller (bei Beese im Interview) war selbst als Feldgeistlicher in der Soldatenseelsorge an der Ostfront eingesetzt.

    "Eberhard Müller (* 22. August 1906 in Stuttgart; † 11. Januar 1989 in Heidelberg) war ein evangelischer Theologe und Gründungsdirektor der Evangelischen Akademie Bad Boll."

    https://de.wikipedia.org/wiki/…rd_M%C3%BCller_(Theologe)



    Müller hat in einem anderen Buch des Lutherischen Verlagshauses einen Aufsatz über den evangelischen Feldbischof Franz Dohrmann verfaßt, wo er auch den begrenzten Einfluß der hitlergläubigen "Deutschen Christen" in der Wehrmachtsseelsorge betont:


    "Ausgerechnet die Wehrmachtseelsorge, die Adolf Hitler offiziell zum Obersten Befehlshaber hatte, und deren Geistliche jederzeit von ihm abgesetzt werden konnten, blieb so bis zum Schluß des Krieges ganz überwiegend, wenn auch unter bestimmten Begrenzungen, eine "Kirche unter dem Wort Gottes".


    Die wenigen "Deutsche Christen" in der Wehrmachtseelsorge, die von dem Führerkult und den daraus folgenden Durchhalteparolen bestimmt waren, konnten zwar durch allerlei Angriffe, die wir noch näher betrachten müssen, versuchen, den Einfluß Dohrmanns auszuschalten, ja, ihn zu stürzen. Es ist ihnen nicht gelungen.

    In ihrem verzweifelten Glauben an den "Endsieg", in dem sie ihre Soldaten bestärken wollten, versuchten sie, den Glauben an den Sieg Christi, den Sieg der Liebe und Gerechtigkeit Gottes, in den Hintergrund zu drängen."


    (Eberhard Müller, Feldbischof unter Hitler, in: Hermann Kunst (Hrsg.): Gott läßt sich nicht spotten. Franz Dohrmann, Feldbischof unter Hitler. Hannover 1983, S. 23-89, hier S. 32.)



    Diese relativ wenigen "Deutschen Christen" sind dann oft diejenigen Militärgeistlichen gewesen, welche den heute verbreiteten schlechten Ruf der "Kriegspfarrer an der Ostfront" begründet haben.

    Der Berliner Obmann der "Deutschen Christen", Reinhold Krause, hatte diese zivilreligiöse ideologie bei einem Auftritt im November 1933 im Berliner Sportpalast so formuliert: "Unsere Religion ist die Ehre der Nation im Sinne eines kämpfenden, heldischen Christentums."


    Man sollte daran erinnern, daß nach dieser skandalösen und auch im Rundfunk übertragenen Rede eine große Austrittswelle enttäuschter evangelischer Christen folgte:

    "Die Ausbreitung der DC kam trotz Hitlers Unterstützung und ihrer Wahlsiege infolge einer Kundgebung im Berliner Sportpalast am 13. November 1933 zum Stillstand."

    https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Christen#Niedergang



    Grüße,

    Bodo

    Hallo Chris,


    von diesem Phänomen sprach mein Vater zu DDR Zeiten auch des öfteren.Er fragte sich damals ,wie Deutschland überhaupt im Stande war einen Krieg zu führen wenn angeblich niemand dagewesen sein will?


    Natürlich waren 18 Millionen Deutsche, darunter auch Hunderttausende Menschen anderer Volksgruppen (siehe in meinem Beitrag oben den Link zu "Polen in der Wehrmacht") als Wehrmachtsangehörige im Kriegseinsatz.

    Die allermeisten waren aber eingezogene Wehrpflichtige, d.h. gegen ihren Willen Kriegsdienst Leistende. Und es geht mir um die individuellen Motive der verschiedenen Protagonisten. Die deutsche Kriegsgesellschaft ist doch inzwischen ganz gut erforscht worden.


    Der bekannte britische NS-Erforscher Ian Kershaw etwa hat nach Jahrzehnten Forschungsarbeit festgestellt:

    Obwohl Deutschland seit mehr als 10 Jahren von den Nazis beherrscht wurde, hielt sich unter der äußeren Konformitätskruste immer noch eine Art pluralistischer Gesellschaft. Sozialdemokratische, kommunistische, liberale und christlich-religiöse Überzeugungen waren keineswegs verschwunden. Deren zahlreiche Anhänger wurden nur unterdrückt und versteckten ihre von den Nazis abweichende Haltung:

    Quote

    "Germany, despite more than a decade of Nazi Rule, had remained, beneath the veneer of uniformity, in some senses a pluralistic society."

    (Ian Kershaw, The End. Hitler's Germany, 1944-45, London, New York 2011, S. 72.)


    Schließlich ging es doch Millionen von Deutschen durch Hitlers "Taten" deutlich besser.


    Was meinst Du mit es ging ihnen "besser"? Meinst Du Hitlers Wirtschafts- und Arbeitsbeschaffungsprogramm vor dem Krieg?

    Dem stimme ich zu. Manche aus der Kriegsgeneration haben noch Jahrzehnte später von Hitlers Wirtschaftspolitik der Vorkriegszeit geschwärmt. Und die anschließenden furchtbaren Kriegsfolgen ausgeblendet.


    Nach dem Historiker und Hitler-Biographen Joachim Fest wäre Hitler nach einem erfolgreichen Attentat 1938/1939 womöglich posthum als

    "einer der größten Staatsmänner der Deutschen" in die Geschichtsbücher eingegangen (hier ein SPIEGEL-Artikel von 2013):

    Quote

    "Der entscheidende Moment: Dass Hitler nach diesem letzten Friedensjahr die Welt sechs Jahre lang mit Krieg und Massenmord überziehen konnte, war keineswegs unumgängliches Schicksal. Denn nicht weniger als 42 Mordversuche auf den Diktator sind bekannt, zwei Attentäter kamen diesem Ziel im November 1938 und im Herbst 1939 auch aufsehenerregend nahe. Aber was wäre passiert, wenn Hitler tatsächlich schon Ende der dreißiger Jahre gestorben wäre?

    [...]

    Der deutsche Diktator wäre in dieser Version der Geschichte laut dem Hitler-Biographen Joachim Fest als "einer der größten Staatsmänner der Deutschen" in die Annalen eingegangen: Den Wirtschaftsaufschwung und die vermeintlich friedliche Expansionspolitik hätte man ihm laut Historiker Demandt nie vergessen."

    http://www.spiegel.de/einestag…eg-gewann-a-951407-3.html


    Oder meinst Du etwa Götz Alys These von "Hitlers Volksstaat", mit der planmäßigen Ausbeutung der militärisch besetzten Gebiete? Diese Ausbeutung kam aber in Wirklichkeit nur den deutschen Rüstungausgaben zugute, das "Volk" hatte nichts davon. Im Gegenteil. Die Mangelversorgung der einfachen Bevölkerung nahm im Deutschen Reich im Verlauf des Krieges immer mehr zu. Alys umstrittene Thesen von der angeblichen kollektiven deutschen "Ausbeutungsgesellschaft" wurden schon mehrfach widerlegt.


    Als Beleg hier zwei Zitate aus Analysen mehrerer Wissenschaftler:


    "Studie zeigt Rolle des Reichsfinanzministeriums. Griechenland gab dem Dritten Reich keinen „Zwangskredit“.

    Ohne Geld kein Krieg – jedenfalls nicht in modernen, arbeitsteilig organisierten Gesellschaften. Soldaten und Hilfspersonal müssen bezahlt, Rohstoffe und Bauteile für die Rüstungsproduktion eingekauft, Logistik organisiert werden. Die Heimatfront muss funktionieren, denn ohne sie ist kein Heer der Welt verteidigungs-, geschweige denn angriffstauglich.

    [...]

    Kilian untersucht speziell den Beitrag der besetzten Länder zur Kriegsfinanzierung. Seine Arbeit, das hebt der Wirtschaftshistoriker Alexander Nützenadel von der Berliner Humboldt-Universität hervor, ist die erste derartige Studie, die wirklich ganz Europa einbezieht. Erst so wird ein sinnvoller Vergleich möglich.


    Die wichtigste Erkenntnis: Die besetzten Länder wurden wesentlich von rund 1200 ausgesandten Beamten des Reichsfinanzministeriums ausgeplündert, um den Weltkrieg finanziell am Laufen zu halten.

    Zugleich widerlegt Kilian allerdings auch die Behauptung, riesige Summen seien aus den besetzten Ländern ins Dritte Reich geflossen und hätten, so eine Formulierung des Publizisten Götz Aly, hier eine „Wohlfühl-Diktatur“ finanziert. Laut Nützenadel ist Alys These durch Kilians Forschungen „gründlich widerlegt“. [...]

    https://www.welt.de/print/die_…beamte-Hitlers-Krieg.html



    Dann hattest Du gefragt, warum Generaloberst Reinhardt seine aus heutiger Sicht "kompromittierenden" Notizen nicht nachträglich verfälscht hat:


    Mir stellt sich dann natürlich dann die Frage warum Georg Hans Reinhardt nach dem Kriege denn dann seine Äusserungen nicht auch " zur Imagepflege korrigiert" hat?


    Die Möglichkeit dazu hätte er ja wohl allemals genauso gut gehabt

    Ja, das könnte man fragen, aber auch dafür sind mehrere Erklärungen denkbar.

    Vielleicht wollte er sein Tagebuch (was nicht als Buch veröffentlicht wurde) als "authentisches Zeitzeugnis" erhalten. Wenn es viele Jahre umfaßt, hat er diese hitlertreuen Einträge eventuell vergessen oder beim Durchblättern übersehen. Und keine Anmerkungen hinterlassen.


    Wichtig finde ich auch, daß der militärische Widerstand in der unmittelbaren Nachkriegszeit kein so hohes Ansehen wie heute hatte.

    Angesichts der Trümmerberge in den zerstörten Städten, der verlorenen Ostgebiete und der vielen Millionen Kriegsopfer in der besetzten Heimat und den ehemals besetzten Ländern fragten sich viele Deutsche, wer dafür alles verantwortlich war. Nur Hitler und seine Getreuen? Oder auch Saboteure im Heimatkriegsgebiet und "verräterische" Offiziere? Reinhardt wollte sicher nicht dazugezählt werden. Man kann hier gar nicht alle Aktionen listenmäßig aufführen, wo deutsche Offiziere und Diplomaten den Alliierten Angriffspläne und Geheiminformationen verrieten (z.B. "Enigma"-Pläne):


    Quote

    Johannes Tuchel

    Zwischen Diffamierung und Anerkennung: Zum Umgang mit dem 20. Juli 1944 in der frühen Bundesrepublik

    [...]

    In den ersten Jahren nach 1945 gab es nur wenige öffentliche Gedenkfeiern, in der veröffentlichten Meinung gab es nur einige zaghafte Schilderungen und lediglich die Widerstandskämpfer und -kämpferinnen selbst oder ihre Angehörigen versuchten, die Erinnerung an die Toten aufrechtzuerhalten.[6] Viele Widerstandskämpfer wurden auch nach der Befreiung vom Nationalsozialismus als "Verräter" angesehen und auch offen als solche bezeichnet. Daran änderte auch eine "Ehrenerklärung" der Bundesregierung nichts, die Bundesminister Jakob Kaiser im Oktober 1951 abgab, und die sich explizit gegen derartige Verratsvorwürfe richtete.

    http://www.bpb.de/apuz/186870/…ehen-bundesrepublik?p=all


    Um noch einmal auf das Mißverständnis bei Kordulas eingestelltem Verhörprotokoll ihres Vaters einzugehen.

    Du hattest geschrieben:


    Offensichtlich bin ich aber nicht der einzige gewesen ,der es fehlverstanden hatte das die Betonung in diesem Thread auf den christlich-humanistisch gesinnten Soldaten liegt!

    Warum man sich hier dann aber beispielsweise der Äusserungen Kordulas Vaters bedient ohne seinen genauen Hintergrund zu kennen,kann ich nicht verstehen.


    Der "Hintergrund" des Vaters steht doch in dem von Kordula eingestellten Quellenauszug:


    "Ich habe erlebt, daß man zu gleicher Zeit Offizier der faschistischen Wehrmacht, Teilnehmer an einem Angriffskrieg, ein Antifaschist (nicht nur Hitler-Gegner), humanitär gesonnen und ein bis zum Tod getreuer Soldat sein konnte."

    http://www.forum-der-wehrmacht…eilung-18-Genaueres-dazu/

    In dieser Personenbeschreibung (Hitler-Gegner) sieht sich der von den DDR-Organen verhörte Kriegsveteran doch offenkundig enthalten.

    Die offene Frage war doch nur, wie seine untergeordnete Panzereinheit hieß, bei der er 1941 Truppenarzt war.

    Die 18. Panzer-Division sollte als übergeordneter Truppenverband feststehen.


    Dabei ist mir im Lexikon der Wehrmacht ein Widerspruch aufgefallen. Kordulas Vater hatte "Panzer-Abteilung 18" angegeben.

    Diese "Panzer-Abteilung 18" wurde ja erst 1942 in Rußland aufgestellt.


    Quote

    "Die Panzer-Abteilung 18 wurde am 15. Mai 1942 in Mittelrußland aufgestellt. Die Abteilung wurde aus dem Stab der III. Abteilung vom Panzer-Regiment 8 sowie der 6. und 11. Kompanie vom vernichteten Panzer-Regiment 7 mit 3 Kompanien aufgestellt. Die Abteilung wurde als selbständige Abteilung aufgestellt. Sie wurde anfangs bei der 18. Panzer-Division im Raum Orscha und Witebsk eingesetzt."

    http://www.lexikon-der-wehrmac…nzerAbt/PanzerAbt18-R.htm


    Dieser Eintrag paßt aber nicht zum Panzer-Regiment 8 (das zur 15. Panzer-Division (in Afrika) gehörte), sondern zum Panzer-Regiment 18.

    Dort steht das auch so:


    Das Panzer-Regiment 18 wurde am 6. Dezember 1940 im Wehrkreis V für die 18. Panzer-Division aufgestellt. Das Regiment entstand aus den Panzer-Abteilungen A (I. Abteilung) und B (II. Abteilung). Am 1. März 1941 wurde beim Regiment eine III. Abteilung aus der II. Abteilung des aufgelösten Panzer-Regiment 28 gebildet. Etwa im Mai 1941 wurden einige Kompanien im Regiment umbenannt. Die Kolonnen der Abteilungen wurden an den Panzer-Divisions-Nachschubführer 88 abgegeben und bildeten dort die 13., 14. und 15. große Kraftwagen-Kolonne. Zum Beginn des Russlandfeldzuges bestand das Regiment aus sechs Panzer I, 50 Panzer II, 99 Panzern III mit 3,7-cm KwK, 15 Panzern III mit 5-cm KwK, 36 Panzern IV und 12 Befehlspanzer. Das Regimenter kam unter der 18. Panzer-Division in Mittelrussland zum Einsatz. Anfang des Winters 1941/42 stand das Regiment bei Tula im Einsatz.

    Am 15. Mai 1942 wurde das Regiment aufgelöst. Der Stab wurde zum Stab der Panzer-Brigade 18, die I. Abteilung zur Panzer-Abteilung 160, die II. zur Panzer-Abteilung 103 und die III. zur selbständigen Panzer-Abteilung 18.


    http://www.lexikon-der-wehrmac…nzerregimenter/PR18-R.htm



    Demnach gehörte Kordulas Vater als Truppenarzt 1941 zur III. Abteilung Panzer-Regiment 18,

    und er hat dann rückblickend im Verhör die "Panzer-Abteilung 18" daraus erinnert.

    Wahrscheinlich hatte er von der Neuaufstellung dieser Abteilung gehört. Zu seiner weiteren Verwendung hatte Kordula nichts geschrieben.


    Das vielleicht zur möglichen Klärung dieser Frage, die aber (nach meiner Meinung) keinesfalls seine Glaubwürdigkeit als Zeitzeugen tangiert, wonach unter 100 Offizieren seines Regiments nur ein gläubiger Nazi erkennbar war.

    Er berichtet dort also höchstwahrscheinlich vom Panzer-Regiment 18:


    Quote

    Die Abteilung hatte 31 Offiziere, von denen nicht einer ein Nazi war. Im ganzen Regiment (mit über 100 Offizieren) gab es nur einen, auf den wie ein Rhinozeros gezeigt wurde. ...


    Grüße,

    Bodo

    Hallo Justus,


    Danke für Deine persönliche Rekonstruktion über den Weg Deines Opas in der Kriegs- und Vorkriegszeit.

    Wenn er keine Aufzeichnungen (Briefe oder Tagebuchblätter) hinterlassen hat, ist es natürlich schwierig,

    seine Gedanken oder Motive zu Hitler und dem Nazi-Regime authentisch zu erfassen.


    Zur Frage der "Deutschen Christen" wollte ich mich auch schon längern äußern, denn manche von ihnen hatten

    einen unheilvollen Einfluß an der Ostfront. Gerade auch, wenn ein Divisionspfarrer als "Deutscher Christ" unangenehm

    auffiel, weil er sterbenden Soldaten keinen christlichen Segen sondern "nationalsozialistische" Heilsversprechen im Sinne von

    "dein Leben für Führer, Volk und Vaterland" erteilte.


    Der katholische Divisionspfarrer Josef Perau hat über Erlebnisse mit einem solchen evangelischen "Kollegen" anschaulich

    in seinen tageweise abgefaßten Notizen "Priester im Heere Hitlers" berichtet (er nannte den ev. Kollegen einen "Neuheiden").

    Der evangelische Nachfolger nach Ablösung des "Deutschen Christen" war dann aber ein "normaler" Pastor.


    Nach meinem Kenntnisstand hatten die "Deutschen Christen" als gläubige Hitleranhänger nur selten größeren Einfluß

    in Deutschland. Wenige Gemeinden waren auf ihrer Seite. Selbst Hitler hatte sich zunehmend von ihnen abgewandt, nachdem er vom Auftreten seines "Reichsbischofs" Ludwig Müller enttäuscht worden war:


    Quote

    "Hitler hatte 1933 die 28 evangelischen Landeskirchen zur "Deutschen Evangelischen Kirche" zusammenschließen lassen und am 27. September 1933 den Marine-Pfarrer Ludwig Müller von der Kirchen-National-Synode zum "Reichsbischof" wählen lassen.


    Als "Reichsbischof" verwirkte er Hitlers Sympathien, weil es ihm nicht gelang, eine nationalbewußte "Deutsche Reichskirche" zu schaffen. Müller, 1883 in Gütersloh geboren, endete 1945 durch Selbstmord."

    (Henry Picker, Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier, Frankfurt/M, Berlin 1989, S. 362-363.)


    In der Enzyklopädie des Nationalsozialismus hat Carsten Nicolaisen die allgemeine Erfolglosigkeit der "Deutschen Christen" so dargestellt:

    Quote

    "[...] Bereits 1936 versuchten die Deutschen Christen erfolglos, über das kirchenpolitische Bündnissystem des Bundes für Deutsches Christentum ihre Plattform wieder zu verbreitern.

    1937 schlossen sich die meisten nationalkirchlichen Gruppen zur "Nationalkirchlichen Bewegung Deutscher Christen" zusammen, die jedoch trotz zeitweiser Unterstützung durch Reichskirchenminister Hanns Kerrl keine größere Wirkung mehr erzielen konnte.

    Einige Landeskirchen standen bis 1945 unter deutsch-christlicher Leitung, aber auch hier blieb die Durchschlagskraft der Deutschen Christen in den Gemeinden gering."

    Carsten Nicolaisen, Deutsche Christen, in: Wolfgang Benz, Hermann Graml u. a. (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, München 1997, S. 420.


    Hitler hat in einem Tischgespräch 1942 seine Enttäuschung über die Erfolglosigkeit der "Deutschen Christen" so ausgedrückt:


    "7. 6. 1942 abends (Wolfsschanze)

    Beim Abendessen wurde dem Chef [= Hitler] eine DNB-Meldung vom 6. des Monats bezüglich des Verbots der Falange-Uniform bei der Fronleichnamsprozession in Barcelona vorgelegt.

    [...]

    Der Chef bemerkte zu der Meldung, man sehe direkt, wie der spanische Staat in neue Katastrophen hineinsause. Ausgerechnet die Pfaffen und die Monarchisten, die auch Todfeinde des deutschen völkischen Aufbruchs seien, hätten sich in Spanien zusammengefunden, um die Führung des Volkes an sich zu reißen. Man brauche sich nicht zu wundern, wenn es eines Tages zu einem neuen Bürgerkrieg komme, in dem die Falangisten mit den Roten zusammengehen müßten, um des Pfaffen- und Monarchisten-Geschmeißes Herr zu werden. Es sei nur bedauerlich, daß die gemeinsamen Blutopfer der Falangisten, der Faschisten und der Nationalsozialisten im vergangenen Bürgerkrieg keine besseren Früchte getragen haben. In Spanien finde sich ja leider immer jemand, der sich bei den politischen Geschäften der Kirche vorspannen lasse.

    [...]

    Die italienische Geschichte lehre überhaupt, daß die Italiener eine wesentlich realistischere Einstellung zur Kirche besäßen als die Spanier und - leider auch viele Deutsche. [...]

    Er sei ehrlich genug, zuzugestehen, daß auch er drauf und dran gewesen sei, in kirchlichen Dingen Ordnung zu schaffen. Er habe nämlich versucht, durch Einsetzung eines Reichsbischofs die unklaren Verhältnisse der evangelischen Kirche zu bereinigen. Gerade der Blick auf Spanien lasse ihn heute aber froh sein, daß seine Bemühungen vergeblich gewesen seien und die Vorsehung damit wieder einmal "einen seiner Fehler habe mißlingen" lassen. Denn wer garantiere, daß nicht der Reichsbischof irgendwann mit dem Papst auf Deutschlands Kosten "Schmuli" getrunken hätte?!"


    (Henry Picker, Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier, Frankfurt/M, Berlin 1989, S. 362-363.)


    Zum Schluß noch einmal ein Zitat aus dem geheimen Rundschreiben Martin Bormanns (Reichsminister und Leiter von Hitlers Parteikanzlei) vom 6. Juni 1941, was auch gegen die "Deutschen Christen" gerichtet war (die Nazis wollten keine Reichskirche dulden):


    Quote

    Martin Bormann, 6. Juni 1941:

    "[...] Aus der Unvereinbarkeit nationalsozialistischer und christlicher Auffassungen folgt, daß eine Stärkung bestehender und jede Förderung entstehender christlicher Konfessionen von uns abzulehnen ist. Ein Unterschied zwischen den verschiedenen christlichen Konfessionen ist hier nicht zu machen. Aus diesem Grunde ist daher auch der Gedanke einer Errichtung einer evangelischen Reichskirche unter Zusammenschluß der verschiedenen Evangelischen Kirchen endgültig aufgegeben worden, weil die Evangelische Kirche uns genauso feindlich gegenübersteht wie die Katholische Kirche. Jede Stärkung der Evangelischen Kirche würde sich lediglich gegen uns auswirken.

    [...] "

    (Der Nationalsozialismus. Dokumente 1933–1945. Hrsg., eingeleitet und dargestellt von Walther Hofer. Fischer Bücherei, Frankfurt am Main 1957; überarbeitete Neuausgabe: Fischer Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1982, S. 160.)


    Sogar Gestapo und SD reagierten immer gereizter auf die "Missionierungsversuche" von "Deutschen Christen" bei NSDAP-Mitgliedern:



    "Meldungen aus dem Reich Nr. 210


    Berlin, 11. August 1941


    Versuche der "Deutschen Christen", sich mit dem Nationalsozialismus zu identifizieren. Aus fast allen Gauen des Reiches wird berichtet, daß die "Deutschen Christen" eine anhaltende lebhafte Propaganda betreiben, so vor allem aus Bayreuth, Braunschweig, Dortmund, Dresden, Düsseldorf, Halle, Karlsruhe, Kattowitz, Kiel, Liegnitz, Neustadt/Weinstraße, Nürnberg, Reichenberg, Wien.


    Während es ihnen kaum gelänge, Angehörige der christlichen Kirchen zu gewinnen, verstünden sie es, so geht aus den Meldungen hervor, eine nicht unerhebliche Zahl konfessionsentfremdeter Volksgenossen an sich zu ziehen, was bei vom Christentum unabhängigen Nationalsozialisten allmählich eine gewisse Beunruhigung hervorriefe. Diese würden vor allem beanstanden, daß sich die Deutschen Christen mit dem Nationalsozialismus identifizieren.

    [...]

    Zitate des Führers und sein Name werden in überreichem Maße angewendet. Insbesondere der "Reichbischof" Müller lasse in seinen Reden und Predigten in aller Deutlichkeit durchblicken, daß der Führer angeblich dem "Deutsch-Christentum Nationalkirchlicher Einung" mindestens sehr nahe stünde.

    Müller vertritt in seinen Verlautbarungen die Ansicht, daß der Nationalsozialismus den Totalanspruch auf den Menschen und somit der Staat auch die religiöse Betreuung der Staatsbürger zu übernehmen habe. Es könne nicht anders sein, als daß das Staatsoberhaupt, also der Führer, auch das Oberhaupt der Staatskirche sei, und daß, genau wie von ihm die Reichsstatthalter, Reichs- und Gauleiter berufen würden, auch die Persönlichkeiten eingesetzt werden müßten, die ihm für die religiöse Betreuung des Volkes verantwortlich seien.

    Die deutsche Volks- und Staatskirche, von der Müller spricht, müsse natürlich aus den Deutschen Christen entstehen, denn sie wäre die religiöse Richtung, welche das im Parteiprogramm geforderte "positive Christentum" verwirklichen könne.

    [...]"

    (Heinz Boberach, Berichte des SD und der Gestapo über Kirchen und Kirchenvolk in Deutschland 1934-1944, Mainz 1971,

    S. 556-557.)



    Man erkennt daran, wie weltfremd der sogenannte "Reichsbischof" Müller mitten im Krieg agierte (lange nach seinem Scheitern mit der "Kircheneinigung" im Sinne Hitlers). Die NSDAP hatte sich schon lange von ihm und seiner Bewegung abgewandt, während einfache Parteigenossen nicht abgeneigt schienen, wie der Sicherheitsdienst der SS feststellte:


    Quote

    "Kirchenfreie Nationalsozialisten nehmen, wie schon erwähnt, eine stark ablehnende Haltung gegenüber dem Treiben der Deutschen Christen ein; vornehmlich im Hinblick darauf, daß es jenen gelingt, zahlreiche Parteigenossen von den deutsch-christlichen Anschauungen zu überzeugen [...]."


    (Heinz Boberach, Berichte des SD und der Gestapo über Kirchen und Kirchenvolk in Deutschland 1934-1944, Mainz 1971, S. 558-559.)


    Grüße,

    Bodo

    Natürlich dürfte doch völlig unstrittig sein, dass die Thematik "Christen in der Wehrmacht" sehr vielschichtig ist und man wahrscheinlich für jede Hypothese sowohl bestätigende als auch ablehnende Belege und Quellen findet. Eine historischeAufarbeitung der Militärseelsorge hat jedoch durchaus recht umfassend stattgefunden (ich verweise auf die Quellenangabe in meinem letzten Beitrag) und könnte hier ja auch thematisiert werden.


    Hallo zusammen,


    es sollte hier nicht um die Militärseelsorge an sich gehen. Bisher ist ja auch nur ein einziger Wehrmachtspfarrer von mir zitiert worden

    (Dietrich Baedeker). Priestersoldaten hatten in der Regel selten mit der Feldseelsorge zu tun und bedurften offiziell einer Ausnahmegenehmigung des Divisionspfarrers. Ihre Tagebuchnotizen und Zeitzeugenberichte sollten hier nur als Ergänzung dienen.

    Einige Teilnehmer des Forums hatten aber weitergehende Beiträge dazu eingestellt. Frage: Soll man diese Beiträge ignorieren, wenn sie nur am Rande mit dem Hauptthema zu tun haben? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht.


    Ich will versuchen, im folgenden die kritischen Fragen und Einwände zum Hauptthema so gut wie möglich zu beantworten.

    Vorher möchte ich aber noch einmal an eine wichtige Grundannahme erinnern. Wir sind uns doch hoffentlich einig,

    daß in Hitler-Deutschland eine zu jeder Art von Gewalt bereite Nazi-Diktatur herrschte, mit Hitler und seinem engsten Machtzirkel an der Spitze.

    Welchen Einfluß gerade auch Hitler auf alle Bereiche der Gesellschaft und die gesellschaftliche Entwicklung hatte,

    hat doch vor wenigen Jahren erst das Mammutforschungswerk des bekannten Historikers Peter Longerich gezeigt.

    Ich hatte es letztes Jahr schon einmal erwähnt und die (in meinen Augen) besonders wichtigen Erkenntnisse auf den fast 1300 Seiten daraus zitiert (Seite 1, Post #11):


    Zitat:

    [...] Doch Hitler stieß auch an Grenzen: Dies betraf zunächst den Kern seiner Innenpolitik - den Versuch,

    eine totale Geschlossenheit der Bevölkerung herzustellen und sie auf Kriegsbereitschaft einzustimmen - ,

    ferner seine Bemühungen, die "Rassenpolitik" in der breiten Bevölkerung populär zu machen, aber auch seine radikale antikirchliche Politik.

    [...]

    Die hinter dem "Führer" geeinte, geschlossene nationalsozialistische "Volksgemeinschaft" erweist sich vor allem als zeitgenössisches Propagandakonstrukt.

    [...]

    Zweitens werden die häufig unterstellte weitgehende Zustimmung "der Deutschen" zu Hitlers Politik und ihre angeblich überwiegende Identifizierung mit der Person des Diktators einer Prüfung unterzogen.

    Dabei entsteht ein differenziertes Bild: Während der gesamten Dauer der Diktatur gab es sowohl aktive Unterstützung und Befürwortung seitens breiter Bevölkerungskreise als auch ein erhebliches Potenzial an Unmut und Reserve.


    Dass Hitlers Regime im Wesentlichen trotzdem mehr oder weniger reibungslos funktionierte, ist - das wird häufig unterschätzt -

    vor allem auf das Machtinstrumentarium der Diktatur zurückzuführen.

    Neben dem Repressionsapparat sind in diesem Zusammenhang die kleinräumige Kontrolle der "Volksgenossen" durch die Partei sowie die nationalsozialistische Beherrschung der "Öffentlichkeit" zu nennen."


    (Peter Longerich, Hitler. Biographie, München 2015, S. 12-13.)


    Hier noch der Umschlagtext zur Einordnung:

    Quote


    Wir haben es also eindeutig mit einem Machtgefälle zu tun: oben die Nazis, die alles bestimmten und jeden "Abweichler" und Andersdenkenden unterdrücken oder sogar gerichtlich aburteilen konnten (Stichwort "Heimtückegesetz").


    Meine Fragestellung von damals (Mai 2017) sollte das eigentlich ausdrücken (hatte ich zumindest gehofft):
    Wie sah dieses Machtgefälle in der Wehrmacht aus?

    Sahen sich die Abweichler und oppositionellen Soldaten als isolierte "Einzelkämpfer" gegen die NS-Ideologen oder konnten sie Kameradschaft und Solidarität von Gleichgesinnten erleben?

    Welche Soldaten mit abweichender humanistischer Gesinnung stießen auf Ablehnung von Kameraden oder sogar Strafmaßnahmen durch Vorgesetzte?

    Der Hinweis auf den 20. Juli 1944 sollte dabei nur den Höhepunkt dieser ideologischen Auseinandersetzung markieren,

    also eine Art Kulminationspunkt.

    Ich habe schon öfters gelesen, daß danach alles anders war, überhaupt Meinungsäußerungen viel gefährlicher und daher unerwünscht.


    Ich hatte gehofft, von Viellesern des Forums hier ein paar Beispiele für diesen ungleichen Glaubenskampf zwischen deutschen Nichtnazis und Nazis zu erhalten (ausländische Freiwillige oder "eingebürgerte" z.B. polnische Wehrpflichtige wären wieder ein anderes Thema):


    Quote

    Polen in die Wehrmacht? Zu einem wenig erforschten Aspekt der nationalsozialistischen Besatzungspolitik 1939-1945

    Jerzy Kochanowski

    Hätte jemand in den Jahren 1942/43 eine Inspektion aller deutschen Truppen an der Ostfront vorgenommen, wäre er erstaunt gewesen, wie viele Soldaten schlecht oder gar nicht deutsch sprachen.

    https://www.ku.de/forschungsei…hanowski-polen-weltmacht/


    Der Titel "Christen gegen Nazis" sollte das Ganze übersichtlicher machen. Ich hätte auch "Widerständler und Oppositionelle" schreiben können. Aber die zeitgenössische Briefchronik von Dr. Manfred Schick "Als Christ im Kriege" aus der Sicht eines oppositionellen Wehrpflichtigen, dessen Vater mehrmals von örtlichen Nazi-Funktionären in "Schutzhaft" gesteckt wurde, paßte so gut zum Thema.


    Außerdem habe ich inzwischen gelernt: das einzige, was unter der NS-Herrschaft an abweichender Gesinnung (noch) geduldet wurde, war der christliche Glaube, evangelisch oder katholisch. Deshalb mußten hier auch gleichberechtigt die Zeugnisse von Priestersoldaten und Wehrmachtspfarrern zitiert werden.

    Wenn normale Soldaten sich zum Christentum bekannten, konnte das überzeugte Nazis zur Weißglut treiben. Das hatte Manfred Schick ganz gut in einem Bericht vom Dezember 1944 beschrieben (Siehe auch Seite 1 des Threads):


    Quote

    "Bericht Nr. 168

    9.-11. 12. 1944

    Nagyatad, d. 11. 12. 1944

    [...] Gerade weil nach dem 20. Juli [1944] ein starker nazistischer Druck auf die Denkweise von uns Wehrmachtsangehörigen eingesetzt hat, erhält das Christentum Zulauf. Wenn am 24. die offizielle Weihnachtsfeier in kürzester Frist heruntergespult ist, wird die Kompanie ihr christliches Fest in alter Weise begehen. Alle machen mit, ein ganzer Teil nur deshalb, weil die NS-Weltanschauung dagegen ist."

    (Manfred Schick, Als Christ im Kriege. Aufzeichnungen eines Gefreiten aus den Jahren 1942 bis 1945, Bad Neustadt a. d. Saale 1989, S. 303-304.)


    Hitler hatte im übrigen als tyrannischer Herrscher die Marschrichtung bei der Deutung des Stauffenberg-Attentats auf seine Person vorgegeben: hinter dem Attentat stecke "eine ganz kleine Clique...verbrecherisch-dummer Offiziere" der Wehrmacht.

    Das gleiche wird heute von interessierten Kreisen immer wieder betont, ohne überhaupt das viel größere Oppositionsnetzwerk in den deutschen Front- und Heimatverbänden zur Kenntnis zu nehmen. Die militärischen Widerstandskämpfer hatten doch unzählige stillschweigende Mitwisser und auch (nach dem Attentat) noch viel mehr heimliche Sympathisanten:

    Quote

    "Eine ganz kleine Clique ehrgeiziger, gewissenloser und zugleich unvernünftiger, verbrecherisch-dummer Offiziere hat ein Komplott geschmiedet, um mich zu beseitigen und zugleich mit mir den Stab praktisch der deutschen Wehrmachtführung auszurotten."

    (Adolf Hitler am 21. Juli 1944)


    Vergleiche hier z.B. die Wertung von Hitlers Rede als "Schadensbegrenzung", weil er wußte (siehe Goebbels' abwertende Tagebucheinträge) das weitaus mehr Soldaten ihn früher oder später (spätestens nach dem Krieg) gestürzt sehen wollten:


    Adolf Hitler, Rundfunkansprache zum Attentat vom

    20. Juli 1944, 21. Juli 1944, 1.00 Uhr


    "In seiner Ansprache demonstriert Hitler vor der Öffentlichkeit sein Überleben und gibt

    gleichzeitig eine Deutung des Attentates vor, die als Muster lange Zeit die Sicht und

    die Auseinandersetzung um den ‚20. Juli‘ im Speziellen und den Widerstand gegen

    das nationalsozialistische Regime im Allgemeinen prägen sollte.


    Zunächst nennt Hitler den Grund für seine Rede: Die Deutschen sollen durch seine Stimme von

    seiner Unversehrtheit überzeugt werden, und er möchte vom Attentat berichten.

    Darauf folgt das Hauptmotiv, das sich einem Mantra gleich durch die Rede zieht:

    Hitler charakterisiert die Attentäter als eine "ganz kleine Clique, gewissenloser und

    zugleich verbrecherischer, dummer Offiziere".


    Der Historiker Eckart Conze erblickt hierin eine Schadensbegrenzung, die Hitler durch

    die Abwertung der Attentäter vornimmt. Die Gruppe der Verschwörer wird als unbedeutend klein und ohne

    Rückhalt im Volke beschrieben.

    Die Attribute "gewissenlos" und "verbrecherisch"

    beziehen sich darauf, daß sie in einer Situation der höchsten Gefahr und

    militärischen Bedrohung für das Reich aus egoistischen Motiven heraus gegen das

    Volk handelten. Der Versuch, Hitler zu töten und mit ihm den Stab der deutschen

    Wehrmachtführung "auszurotten", ist Verrat an den Anstrengungen und der

    gemeinsamen Sache des deutschen Volkes – des Sieges im Krieg.

    [...]"

    https://www.1000dokumente.de/pdf/dok_0083_ahr_de.pdf


    Erstaunlicherweise haben die alliierten Siegermächte nach der gemeinsamen Besetzung Deutschlands

    diese Sprachregelung Hitlers von der "ganz kleinen Clique" der Militäropposition aufrechterhalten.

    In den USA z.B. war von einer größeren Opposition und militärischem Widerstand gegen Hitler in Deutschland fast nichts bekannt.

    Bis der Film "Valkyrie" 2008 mit Tom Cruise als Stauffenberg in der Hauptrolle gedreht wurde:

    https://de.wikipedia.org/wiki/…Das_Stauffenberg-Attentat


    Dieses Verhalten der Alliierten hatte schon der Generalleutnant a.D. Theodor Groppe rückblickend kritisiert:


    "Die von den Alliierten nach der Besetzung inszenierte Hetze gegen die Allgemeinheit der Offiziere ist

    glücklicherweise ebenso wie die These von der kollektiven Schuld des deutschen Volkes einer besseren

    Einsicht gewichen. Daß weite Kreise des deutschen Volkes, Behörden, Presse und Rundfunk jahrelang

    in das gleiche Horn geblasen haben, bedeutet für sie kein Ruhmesblatt.


    Gesündigt wurde, von der Geistlichkeit der katholischen und der Bekennenden evangelischen Kirche

    abgesehen, von Angehörigen aller Sparten des deutschen Volkes. Die Hetze dieser Kreise gegen die

    Gesamtheit der Offiziere hatte eine fatale Änlichkeit mit dem alten Gaunertrick: "Haltet den Dieb!""


    (Thomas Marin (Hrsg.), Theodor Groppe - der "Schwarze General". Ein katholischer Soldat im Kampf für Recht und Sitte, Bad Schussenried 2008, S. 19.)


    Soviel zu meiner ursprünglichen Vorstellung vom Thema "Christen gegen Nazis in der Wehrmacht" und was für Erkenntnisse man daraus herleiten kann (aber nicht unbedingt muß). Jedem Leser sei seine eigene Meinung über die Wehrmacht unbenommen.


    Grüße,

    Bodo

    Hallo Chris,


    ich habe doch überhaupt nichts dagegen, daß Du Johannes Hürters Quellenfunde unter diesem Thema nennst. Ist doch interessant.

    Ich wollte lediglich daran erinnern, daß man diese Generalsnotizen in den Kontext des gescheiterten Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944

    einordnen sollte. Und da hieß es doch "Rette sich wer kann" vor Hitlers blutiger Rache.

    Hürters Buch über "Hitlers Heerführer" hatte ich auch vor Jahren gelesen, aber weil es mehr oder weniger eine heutzutage karriereübliche Dissertation bzw. einseitiges Werk gegen die deutsche Wehrmacht verkörpert, habe ich es in letzter Zeit nicht mehr zur Hand genommen.


    Im Zusammenhang mit der Rolle der italienischen Generalität beim Sturz Mussolinis

    wurde Hitler im September 1943 von Goebbels gefragt, „was augenblicklich unsere
    Marschälle machen. Er ist mit ihrer Haltung sehr zufrieden. Er äußert sich

    sehr positiv über Kluge, Küchler und auch Manstein, wenngleich er ihn für etwas
    übertrieben ehrgeizig hält. Kleist schließt sich sehr eng an den Führer und an die

    nationalsozialistische Bewegung an. Bock führt ein etwas kränkliches Pensionärsdasein..."


    Das ist doch kein Widerspruch zu den von mir genannten Zitaten aus dem Jahre 1944. Diese Aussage 1943 über Kluge, Küchler, Manstein und Co. war doch mehr als ein halbes Jahr früher. Hitler wußte 1944 inzwischen durch zahlreiche Spitzel und Denunzianten, wie stark auch unter Wehrmachtsgeneralen eine vom Nationalsozialismus abweichende Gesinnung verbreitet war. Deswegen wohl seine Bemerkung über die meist "ekelhaften" Generäle der Wehrmacht. Viele taten wohl nur so als ob sie Hitler-Fans wären.


    Eine "goldene" Nazi-Zukunft der Armee hatte Hitler laut Goebbels-Eintrag vom 22. Juni 1944 erst nach dem Krieg gewaltsam herbeiführen wollen, denn es "seien die heutigen führenden Männer der Wehrmacht, von einigen Ausnahmen abgesehen, keine Nationalsozialisten", wobei "ein Teil der Generalität [als] Gegner des Nationalsozialismus" erkannt sei:


    Quote

    22. Juni 1944

    "[...] Der Führer antwortet mir auf meine Darlegungen sehr ausführlich, sehr gewissenhaft, sehr gründlich und vor allem aus seinem ganzen Herzen heraus. Er schildert mir noch einmal die Geschichte der deutschen Wehrmacht, die aus den kümmerlichen ... der Reichswehr hervorgegangen sei, welche Schwierigkeiten er zu überwinden hatte, aus dem verhältnismäßig kleinen Apparat der Reichswehr unsere heutige Wehrmacht herauszuentwickeln, daß er damals gezwungen gewesen sei, eine ganze Menge überfälliger Weltkriegsoffiziere wieder in die Wehrmacht hineinzunehmen, die er in der Hauptsache mehr aus dem Stahlhelm als aus der NSDAP nehmen mußte.

    Infolgedessen seien die heutigen führenden Männer der Wehrmacht, von einigen Ausnahmen abgesehen, keine Nationalsozialisten. Sie hätten keine politische Schulung tiefgründiger Art genossen. Aber sie hätten es wohl verstanden, einen riesengroßen Apparat aufzubauen. [...]

    Wenn ein Teil der Generalität Gegner des Nationalsozialismus sei, so könne das verstanden werden, denn sie seien niemals durch unsere Vorstellungswelt hindurchgegangen. Auf sie während des Krieges zu verzichten, sei ein Unding, denn man könne sie nicht ersetzen."

    (Ralf Georg Reuth (Hrsg.), Joseph Goebbels. Tagebücher Band 5: 1943-1945, München 2003, S. 2063-2064.)


    Und im März 1945 hatten Hitler und Goebbels endgültig ein vernichtendes Urteil über die Generäle der Wehrmacht gefällt:


    "16. März 1945

    [...]

    Unsere Generalität ist zu alt und verbraucht, und sie steht dem nationalsozialistischen Gedanken- und Haltungsgut völlig fremd gegenüber. Ein großer Teil unserer Generäle will nicht einmal den Sieg des Nationalsozialismus. [...]

    Der Führer ist entschlossen, die Wehrmacht auch noch im Kriege so weit zu reformieren, daß sie mit nationalsozialistischer Grundhaltung aus dem Kriege herauskommt."


    Wie sieht es zudem mit der von mir angesprochenen unterschiedlichen Haltung der Soldaten aus den verschiedenen Rekrutierungsgebieten zur NSDAP aus?

    Ebenso müssen wohl auch die Hunderttausende frühere SA Mitglieder,etliche SS Angehörige sowie eine Vielzahl von NSDAP Mitgliedern, welche ihren Dienst in der Wehrmacht geleistet haben,auch in diesem Thread berücksichtigt werden.

    Zum ersten kann ich nichts sagen, da habe ich bisher kaum etwas zu gelesen, aber wenn Christian Hartmann das recherchiert hat, muß es stimmen. Ein Bekannter von mir hat erzählt, in Schleswig-Holsteins Westen sei man ohne "ordentlichen Hitlergruß" in keinen Laden reingelassen worden. Mein Vater (aus dem Rheinland stammend) ist dagegen als Schüler durch Bayern getrampt und hat weder dort noch zu Hause viele "Hitlergrüßer" erlebt.


    Die von Dir angesprochenen SA- und SS-Angehörigen in der Wehrmacht sind natürlich als Counterpart wichtig und hier auch schon mehrfach in ihren unangenehmen Charaktereigenschaften erwähnt worden. Meine These lautete ja, daß diese eine Minderheit waren.

    Das Thema lautet aber eigentlich "Christen gegen Nazis",

    mit der Betonung auf den christlich-humanistisch gesinnten Soldaten. Hatte ich in meiner Eingangsfrage auch so formuliert.

    Man kann es als Oberbegriff auch den bürgerlich-konservativen militärischen Widerstand nennen.



    Desweiteren stellt sich doch ebenso die Frage inwiefern die Ansichten eines Theodor Groppe (welcher aufgrund seiner politisch unzuverlässigen Haltung 1941 aus der Wehrmacht entlassen wurde) überhaupt irgend einen objektiven Aussagewert hab


    Nun, wenn Du den Lebenslauf von Generalleutnant Theodor Groppe kennst, er wurde zweimal von den Nazis (v.a. Himmler) mit Hinrichtung bedroht und jedesmal von Offizierskameraden knapp gerettet. Sein Bericht "Ein Kampf um Recht und Sitte" ist 1947 kurz nach dem Krieg erschienen.

    Eine Neuauflage mit ergänzenden Texten und Materialen wurde von Thomas Marin herausgegeben. Ich finde sehr lesenswert.


    Umschlagtext:

    "Über den Mann, der als Soldat und Katholik kompromißlos seinem Gewissen folgte,

    dafür seine militärische Karriere und die Freiheit einbüßte und nur durch mutige Helfer das Kriegsende überlebte,

    ist kaum jemand informiert. Dabei nötigt die Beschäftigung mit dem Leben des Generals,

    mit seinem unbeirrbaren Eintreten für das Recht jedes Menschen, für die vom Christentum geprägten Werte des Abendlandes,

    dem Betrachter Erstaunen und Respekt ab.


    Angesichts der Auseinandersetzungen Groppes mit den Nationalsozialisten ist kaum zu verstehen,

    warum es in Deutschland nicht schon längst zu Ehrungen offizieller Art gekommen ist.

    Seine deutlichen Stellungnahmen gegen die verkommenen Anweisungen eines Heinrich Himmler

    hätten ebenso Anlaß hierzu gegeben wie seine unbeirrbare Haltung als Zeuge im Prozeß gegen einen Nazigegner.
    Besonders spektakulär und kaum zu überschätzen ist sein Einsatz für verfolgte Juden im Jahr 1939.

    Es hat – vorsichtigst formuliert – nicht viele Kommandeure gegeben, die Juden selbst mit Waffengewalt gegen die Verfolger in Schutz zu nehmen wagten."


    (Thomas Marin (Hrsg.), Theodor Groppe - der "Schwarze General". Ein katholischer Soldat im Kampf für Recht und Sitte, Bad Schussenried 2008.)


    Link zum Buch:

    https://www.amazon.de/Theodor-…69095/ref=asap_bc?ie=UTF8


    Bei Interesse ist hier noch eine Rezension des Buches zu finden:

    https://charismatismus.wordpre…und-die-wurde-der-frauen/


    Merkwürdigerweise gehst du auch auf die Erinnerungen des Oberfähnrichs Hartmut Miegel auch nicht ein.

    Wie wertest du denn seine Ansichten? - Seine Auffassung kann doch nicht etwa auf einen Einzelfall beschränkt werden.


    Über Hartmut Miegel ist mir nichts weiter bekannt. Leider hast Du auch wenig über seinen Hintergrund mitgeteilt.

    War er in der HJ oder sogar Funktionsträger wie Heinz Eduard Tödt? Hatte er in der Schule Nazi-Lehrer? Und ist Miegel erst 1942 zur Wehrmacht gekommen?

    Dann bestand häufig eine engere Bindung an den "Führer und Obersten Befehlshaber" seit der Übernahme des Heeresoberkommandos

    durch Hitler im Dezember 1941.


    Vielleicht kann man bei mehr Information Miegel in eine der von Theodor Groppe genannten Offiziersgruppen der Wehrmacht einordnen.

    Groppe hat seine Erfahrungen mit den christlichen, opportunistischen und nazistischen Offizierskollegen so beschrieben:



    Um noch einmal an meinen vorigen Beitrag zur Frage von Generaloberst Reinhardts Notizen und Feldmarschall von Weichs schriftlichen Äußerungen anzuschließen, wo sie im Vorwege oppositionelle Handlungen erkennen ließen.

    Theodor Groppe hat sehr gut beschrieben, wie die Nazi-Führung ihn dauernd von Spitzeln der SS, Gestapo und Partei ausspionieren ließ.

    So wie die ganze Wehrmacht von der Gestapo überwacht wurde, hatten besonders die höheren Stäbe damit zu kämpfen.


    Hier beschreibt er die Folgen seiner Befehle, daß die Wehrmacht die jüdische Bevölkerung im Grenzgebiet zu Frankreich

    auch mit Waffengewalt vor den Gewalttaten der NS-Funktionäre schützen sollte:


    "Natürlich wurde mein Verhalten der Partei sofort durch ihre Spitzel, die selbst unter den Offizieren meines Stabes zu finden waren, gemeldet und mir als Verbrechen gebucht.

    Die gesamte Wehrmacht wurde ja durch Spitzel beiderlei Geschlechts überwacht und jede verdächtige Haltung eines höheren Offiziers der Partei oder Gestapo gemeldet. War dies doch ein bequemes Mittel, sich bei der allmächtigen Partei beliebt und so Karriere zu machen."


    (Thomas Marin (Hrsg.), Theodor Groppe - der "Schwarze General". Ein katholischer Soldat im Kampf für Recht und Sitte, Bad Schussenried 2008, S. 15-16.)



    Einen Nazi-Spitzel und Denunzianten hatte Theodor Groppe sogar persönlich erkannt:

    den kommandierenden Offizier der Feldgendarmerie seiner 214. Infanterie-Division:


    "Anfang September 1939 rückte ich als Kommandeur der 214. Infanterie-Division, die sich hauptsächlich aus den Bezirken Frankfurt a. M., Hanau, Gießen, Unterfranken ergänzte, ins Feld.

    Meine Division kam am Westwall zwischen Merzig und Dillingen zum Einsatz, Divisionsstabsquartier Außen-Schmelz.

    Die überwältigende Mehrheit meiner Soldaten, meist ältere Jahrgänge, war religiös eingestellt, was in der zahlreichen freiwilligen Teilnahme am Gottesdienst und Empfang der Sakramente zum Ausdruck kam.


    Hier setzte nun wieder die Hetze der Partei ein, weil ich Versuchen, den Gottesdienst zu sabotieren, von vorneherein die Spitze abbrach. Der Führer meines Feldgendarmerie-Trupps, Leutnant der SS Lammerding, ehemaliger "Ordensburgschüler", richtete ein förmliches Büro ein, das "Material" gegen mich sammelte. Eine ganze Fülle von Beschuldigungen wurde gegen mich erhoben.


    Man machte mir zum Vorwurf, daß ich die Kirchen in dem von der Bevölkerung nicht geräumten Gebiet vor Profanierung durch die Partei schützte, daß ich in den dem gegnerischen Artilleriefeuer ausgesetzten Kirchen der geräumten Ortschaften Kelche, Monstranzen, Kruzifixe, Meßgewänder u.ä. rettete und den Bischof von Trier übergab, daß ich der Zivilgeistlichkeit in meinem Divisionsbezirk die Ausübung ihres kirchlichen Amtes erleichterte, daß ich es "gewagt" hatte, Parteifunktionäre, die sich strafbar gemacht hatten, kriegsgerichtlich zur Verantwortung zu ziehen und dem Gauleiter, der mich daran hindern wollte, die Türe zu weisen."


    (Thomas Marin (Hrsg.), Theodor Groppe - der "Schwarze General". Ein katholischer Soldat im Kampf für Recht und Sitte, Bad Schussenried 2008, S. 12-13.)


    Groppe kam demnach in vielfältiger Weise in Konflikt mit den NSDAP-Funktionsträgern in und außerhalb der Wehrmacht. Auch nach seiner endgültigen Entlassung 1941 durch Hitler selbst. Nach dem gescheiterten 20. Juli 1944-Attentat wurde er erneut verhaftet.

    Deswegen finde ich seinen zeitnah angefertigten Bericht von 1947 passend zum Thema dieses Threads.


    Grüße,

    Bodo

    Hallo Chris,


    wie Bodo in seinen Eingangspost geschrieben hatte,sollte es in diesem Thread darum gehen "wie prominente und weniger prominente deutsche Soldaten die Nachricht vom Putschversuch 1944 erlebt und für sich eingeordnet haben.


    Und welche Konflikte es vorher und danach mit überzeugten Nazis in Wehrmachtsuniform gab."

    Die Kritik von Dr.Rudolf ist allein schon deswegen vollkommen berechtigt,weil bis jetzt in diesem Thread zur Einschätzung meist nur einseitige Darstellungen von frommen Heeresgeistlichen herangezogen werden.


    ich finde Deine Kritik an den von mir eingestellten und kommentierten Geschichtsquellen nicht sehr stichhaltig. Allenfalls zuletzt ging es vermehrt um die christliche Religionsausübung an der Front. Gläubige Christen hatten doch zuallererst Konflikte mit Nazi-Vorgesetzten, fanatischen Hitlergläubigen etc. Nach dem 20. Juli 1944 mußten sie noch vorsichtiger sein mit ihren Äußerungen.


    Wenn ich (wegen Deines Vorwurfs der "frommen Heeresgeistlichen") einmal die bisher zitierten Zeitzeugen und Tagebuchautoren aufzählen darf:


    Seite 1 des Threads: [farbliche Markierungen = Theologiestudenten, Pfarrer und Priester]


    Mein Vater (Obergefreiter der Flakartillerie),

    Helmut Schmidt (Altkanzler und Oberleutnant der Flakartillerie),

    Joseph Goebbels (NS-Propagandaminister),

    Kordulas Vater (Wehrmachtsarzt bei der 18. Panzer-Division),

    Manfred Schick (Hochschullehrer und Gefreiter beim Heer),

    Michael Kitzelmann (Leutnant und Kompaniechef), 1942 hingerichtet wegen Hitlerbeleidigung,

    Erich Mende (Bundesminister und Major beim Heer), Ritterkreuzträger,

    Ein Leutnant als Ausbildungsoffizier beim Heer (DLF-Interview 2004), 1944 degradiert wegen Hitlerbeleidigung,

    Hans Niklaus (katholischer Priestersoldat und Sanitäter beim Heer),

    Ein anonymer Priestersoldat beim Heer (gefallen 1945 in Italien), dessen Tagebuch von Pfarrer Hans Steffens herausgegeben wurde,

    Albert Schoeb (zur Wehrmacht eingezogener Lothringer).


    Seite 2 des Threads:


    Alfred Bengsch (später Kardinal und damals Gefreiter beim Heer),

    Heinz Eduard Tödt (Hauptmann bei der Artillerie und nach dem Krieg Theologieprofessor), Ritterkreuzträger [von Rüdiger zitiert],

    Ludwig Petz (Offiziersbewerber und katholischer Theologiestudent),

    Paul Nordhues (Priestersoldat und späterer Weihbischof in Paderborn),

    Georg Braunbeck (Sanitätsunteroffizier beim Heer),

    Kurt Reuber (Stabsarzt bei der 6. Armee und evangelischer Pfarrer), Schöpfer der Madonna von Stalingrad,

    Hans Schäufler (Nachrichtenoffizier in der 4. Panzer-Division),

    Dietrich Baedeker (evangelischer Divisionspfarrer der 16. Infanterie-Division (mot.)).


    Also selbst wenn man die Theologiestudenten miteinrechnet, komme ich bei dieser Übersicht auf ein Verhältnis

    von 8 mehr oder weniger "frommen Geistlichen" gegenüber 10 "normalgläubigen", d.h. nicht christlich-akademisch gebildeten Soldaten.


    Ist das wirklich ein Übergewicht von Heeresgeistlichen oder eher eine ausgewogene Sache? Bisher war im übrigen nur ein Kriegspfarrer dabei. Ein zweiter, diesmal katholischer Kriegspfarrer sollte eigentlich heute folgen.



    Nachstehend möchte ich einmal auf die Tagebuchauffzeichnungen des Generalobersten Georg Hans Reinhardts sowie des Generalfeldmarschalls Maximilian von Weichs eingehen wie diese das Attentat vom 20 Juli 1944 eingeordnet haben.

    Reinhardt schrieb am 20. 7. 1944: „Attentat auf Führer, Gott sei Dank ist er gerettet. Nachts seine Rede. Unfassbare Tat. Warum auch das noch?"


    und am 21. 7. 1944: „Völlig gebrochen. Unfassbar! Was hat man mit dieser Tat unserem Off.Stande angetan? Wir können uns nur tiefst schämen." (Quelle:Johannes Hürter - Hitlers Heerführer)


    Hier stellt sich doch die Frage, wie im Einzelfall die Meinungsäußerungen aus der höchsten Generalität nach dem 20. Juli 1944 historisch einzuordnen sind. Gerade Generaloberst Reinhardt mußte doch um seinen Kopf fürchten, hatte er doch bereits am 9. Juli 1944

    Hitlers unerbittliche Haltebefehle für die Ostfront als "Wahnsinn" bezeichnet. Reinhardts Äußerung zu Hitlers "Wahnsinn" wurde sogar im Kriegstagebuch der 3. Panzerarmee eingetragen:


    "Die Entscheidung, diesen "festen Platz" [Wilna] unbedingt zu halten, dazu noch mit einer völlig unzureichenden Truppe, löste bei den verantwortlichen Generalen völliges Unverständnis aus. Nach einer Eintragung im Kriegstagebuch der 3. Panzerarmee vom 9. Juli bezeichnete Generaloberst Reinhardt gegenüber seinem Vorgesetzten, dem Generalfeldmarschall Model, diesen Führerbefehl wortwörtlich als "Wahnsinn"."

    (Karl-Heinz Frieser, Klaus Schmider, Klaus Schönherr (Hrsg.), Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 8, S. 563-564.)



    Mir kommen Reinhardts Eintragungen deutlich übertrieben vor ("Gott sei Dank ist er gerettet", "Unfassbare Tat", "Völlig gebrochen").

    Jeder Offizier und Soldat wußte doch, daß nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler die Nazis jede noch so kleine Opposition gewaltsam verfolgen würden. Ein verräterisches Tagebuch konnte einem General dabei das Genick brechen, wenn die Gestapo ihn filzte.

    Vergleiche zum Beispiel das Schicksal von Generaloberst Rudolf Schmidt, der aufgrund seiner Hitler-Kritik in Briefen 1943 nur knapp der Anklage vor dem Reichskriegsgericht entging (weil er u.a. vom obersten Heeresrichter Karl Sack unterstützt wurde):


    "Im Tätigkeitsbericht des Heerespersonalamtes hieß es hierzu: „Bei der Beschlagnahme des Schriftwechsels kamen Briefe zutage […], die politisch für ihn so belastend sind, daß ein Verbleiben in seiner Stellung [als Oberbefehlshaber einer Armee] unmöglich ist. Unter anderem übte er Kritik an der Obersten Führung und wirft ihr Fehler vor, die zu den schweren Rückschlägen der letzten Zeit geführt haben sollen.“

    https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Schmidt_(General)


    Hitler hatte Generaloberst Schmidt bis dahin für einen treuen Gefolgsmann gehalten. Ich hatte schon mehrmals (Siehe Seite 1) Hitlers und Goebbels Morddrohungen gegen untreue Wehrmachtsgeneräle zitiert.
    Goebbels hatte mehrfach (mit Bezug auf Hitlers Äußerungen) der Wehrmacht drastische Säuberungsmaßnahmen angedroht, z.B. Zitat vom 22. Juni 1944, einen Monat vor dem Attentat auf Hitler:


    "Es sei nicht an dem, daß alles seinen gewohnten Gang gehe, sondern der Führer greife, wo er überhaupt Fehler entdecke, rigoros ein. Eine Unmenge von Todesurteilen - auch gegen hohe Offiziere - seien schon ausgesprochen und vollstreckt. Er handele ohne Säumen und lasse sich auf nichts mehr ein."

    (Ralf Georg Reuth (Hrsg.), Joseph Goebbels. Tagebücher Band 5: 1943-1945, München 2003, S. 2063-2064.)


    Und am 4. März 1944:

    "[...] Die Generalität insgesamt hält der Führer, wie er mir schon häufiger gesagt hat, für denkbar ekelhaft. Die Generäle haben kein inneres Verhältnis zu ihm; sie stehen in Reserve und möchten zum großen Teil lieber heute als morgen Schwierigkeiten machen.

    [...] Stalin tut sich da leichter. Er hat die Generäle, die uns heute im Wege stehen, rechtzeitig erschießen lassen, sie können ihm deshalb heute nicht mehr in die Quere kommen.

    Wir haben auf diesem Gebiet noch einiges nachzuholen. Aber der Krieg ist dazu die ungeeignetste Zeit.
    Nach dem Kriege werden wir uns sowohl der Frage der Offiziere als auch der Frage der Pfaffen annehmen.
    Heute müssen wir gute Miene zum bösen Spiel machen."

    (Ralf Georg Reuth (Hrsg.), Joseph Goebbels. Tagebücher Band 5: 1943-1945, München 2003, S. 2009-2011.)



    Sogar in Gestapohaft wandten hohe Wehrmachtsoffiziere den Trick falscher persönlicher Aufzeichnungen an, um die Nazis zu täuschen. Als Beispiel hier der Mitverschwörer gegen Hitler, Oberst Johann Adolf Graf von Kielmansegg:


    "Im Zweiten Weltkrieg diente er in verschiedenen Truppen-, Stabs- und Frontverwendungen der Wehrmacht in Polen, Frankreich und Russland. Von 1942 bis 1944 war er in der Operationsabteilung des Oberkommando der Wehrmacht (OKW) zum 1. Mai 1944 zum Oberst i. G. befördert worden.

    Als Mitverschwörer des Staatsstreichs vom 20. Juli 1944 wurde er von der Gestapo verhaftet, am 23. Oktober 1944 aber wieder freigelassen, allerdings ohne weitere Verwendung im Generalstab. Er erhielt am 25. November 1944 das Kommando über das im Juli 1942 aufgestellte Panzergrenadier-Regiment 111 der 11. Panzerdivision und führte diesen Verband bis zum 16. April 1945."

    https://de.wikipedia.org/wiki/…dolf_Graf_von_Kielmansegg


    Quote

    "Wenn ich, um nur ein persönliches Beispiel zu geben, an meine Aufzeichnungen denke, die ich in der Einzelzelle in der Prinz Albrecht-Straße in Berlin gemacht habe, damit sie von der Gestapo gelesen wurden, was mir auch gelungen ist, dann bin ich ganz froh, daß sie nirgendwo gedruckt sind. Nach ihnen, ohne Erläuterung von Zweck und Umständen, wäre es heute ziemlich naheliegend, mich noch im Herbst 1944 als getreuen Gefolgsmann des Führers zu sehen. "

    (Johann Adolf Graf von Kielmansegg, Gedanken eines Soldaten zum Widerstand, in: Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.), Aufstand des Gewissens. Militärischer Widerstand gegen Hitler und das NS-Regime 1933-1945, Herford 1987, S. 249-250.)


    Generalfeldmarschall von Weichs war ebenfalls kein ausgewiesener Hitler-Anhänger. Bereits 1943 hatte er die Anti-Nazi-Sonette "Gegen Größenwahn und Krieg" des Schriftstellers Reinhold Schneider gelesen und verteilt (Quelle Wikipedia):


    "Reinhold Karl Werner Schneider (* 13. Mai 1903 in Baden-Baden; † 6. April 1958 in Freiburg im Breisgau) war ein deutscher Schriftsteller, dessen Werke zum christlich-konservativen Widerstand gegen den Nationalsozialismus beitrugen.

    ...

    Im Zweiten Weltkrieg wurden vor allem seine Sonette gegen Größenwahn und Krieg heimlich von Hand zu Hand gereicht, die ebenso wie seine anderen Schriften im Alsatia-Verlag im elsässischen Colmar erschienen. Dort war das Druckpapier leichter zu beschaffen. Obwohl Schneiders Name wiederholt auf der Liste unerwünschter Autoren stand, konnte Las Casas noch bis 1943 erscheinen."

    https://de.wikipedia.org/wiki/Reinhold_Schneider



    Im Herbst 1944 ignorierte Feldmarschall von Weichs dann Befehle Hitlers und organisierte Rückzüge durch gefälschte Lagemeldungen:


    "Am 1. Februar 1943 wurde Weichs dennoch zum Generalfeldmarschall ernannt und im Juli 1943 in die Führerreserve versetzt.

    Bereits im August 1943 wurde Weichs jedoch reaktiviert und zum Oberbefehlshaber Südost und gleichzeitig zum OB der Heeresgruppe F ernannt. In dieser Zeit war er Empfänger, Leser und vermutlich Verteiler der Sonette von Reinhold Schneider, welche seine mit Schneiders Verleger Karl Borromäus Glock befreundete Frau ihm zusandte.

    Im Herbst 1944 organisierte er die Räumung Griechenlands und Jugoslawiens von deutschen Truppen während der sowjetischen Belgrader Operation entgegen den Befehlen Hitlers, indem er planmäßige Rückzugsbewegungen in den Lagemeldungen an das OKW als durch feindliche Angriffe bedingt darstellte."

    https://de.wikipedia.org/wiki/Maximilian_von_Weichs




    Die Angst vor Chaos und "Dolchstoßlegende" hatte sogar der Hitler-Attentäter Stauffenberg ursprünglich geäußert.


    Stauffenbergs Bruder Berthold hatte dem späteren Hitler-Attentäter 1941 eine Frage des Mitverschwörers Helmut James Graf von Moltke übermittelt, ob man denn nicht sofort gegen Hitler losschlagen könne.


    Claus Schenk Graf von Stauffenberg ließ seinen Bruder folgendes ausrichten:


    „Ich habe mit Claus gesprochen. Er sagt, zuerst müssen wir den Krieg gewinnen. Während des Krieges darf man so was

    [einen Aufstand gegen die Nazi-Diktatur] nicht machen, vor allem nicht während eines Krieges gegen die Bolschewisten.

    Aber dann, wenn wir nach Hause kommen, werden wir mit der braunen Pest aufräumen.

    (Zitiert nach Peter Hoffmann, Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Brüder, Stuttgart 1992, S. 229).



    Von Weichs Äußerung "auch wenn der Mordanschlag gelungen wäre" drückt jedenfalls nicht die erwünschte Rettung Hitlers aus,

    sondern eher eine Billigung des Attentats bei besserer Planung des anschließenden Regime-Change.


    Zum Schluß noch einmal (zur Erinnerung von Seite 2) ein Zitat des Ritterkreuzträgers und späteren evangelischen Theologen

    Heinz Eduard Tödt, welcher ähnliche Einschätzungen wie Maximilian von Weichs abgegeben hat. Zur besseren Einordnung sollte man vielleicht berücksichtigen, daß Tödt vor dem Krieg Hitlerjugendführer gewesen war.


    Er hatte Goebbels und andere hohe Nazis in Potsdam persönlich kennengelernt, so daß er den Eid auf Hitler für sich (und andere Soldaten) als verpflichtend ansah:


    Quote

    "Ein paar Tage später kommentierte ich die auf Vorschlag von Reichsmarschall Göring erfolgte Einführung des "deutschen Grußes" so: "Man kann nur lachen. Bei solcher Lage solche Sorgen".

    Nun lastete auf dem Offizierskorps das Odium, daß in seiner Mitte Verrat, Feindbegünstigung und mörderische Putschversuche ausgebrütet worden seien. Wie konnte, wie sollte ich mich innerlich dazu stellen? Was Hitler mit den Kirchen vorhatte, war mir klar. Das er übel an den Juden handelte, war auch uns nicht verborgen, obwohl uns die Vorstellung davon fehlte, wie unbeschreiblich übel. Daß seine militärische Führung verfehlt war, hatten wir schon zu spüren bekommen.


    Und dennoch: konnte man mitten in der schwersten politisch-militärischen Krise die Führung wechseln? Das war mir unvorstellbar. Hätte es in unserem politischen Denken reale Alternativen gegeben zum Hitlerregime, dann hätte der Umsturzversuch meine Zustimmung und die vieler anderer finden können. Aber diese geistige Verengung, die Alternativlosigkeit in unseren politischen Vorstellungen ließ eine entschiedene Zustimmung nicht zu. Auch der dem Führer geschworene Eid stand dem entgegen."

    (Quelle: Heinz Eduard Tödt, Wagnis und Fügung, siehe Post #25, Seite 2)


    Das war eben der Unterschied zu vielen anderen Soldaten, die Hitler als Diktator und Feldherrn so schnell wie möglich loswerden wollten.


    Gruß,

    Bodo

    Hallo zusammen,


    als Ergänzung zum oben geschriebenen Tagebuchbericht von Hans Schäufler möchte ich noch einen weiteren Bericht

    des evangelischen Divisionspfarrers der 16. Infanterie-Division (mot.) Dietrich Baedeker zitieren.

    Darin geht es gleich um mehrere Aspekte der Religionsausübung im Krieg gegen Sowjetrussland. Herausgeber des Berichts ist das Evangelische Kirchenamt für die Bundeswehr Bonn (hier nur ein kleiner Auszug zum Thema der unterschiedlichen christlichen Konfessionen) .


    Baedeker hatte enge Kontakte zum militärischen Widerstand gegen Hitler, sein früherer Lehrer Hermann Kaiser aus dem Oberkommando des Ersatzheeres wurde von den Nazis im Januar 1945 als Mitverschwörer hingerichtet. Badeker überbrachte in seinem Auftrag u.a. geheime Briefe aus Berlin für in die Verschwörung eingeweihte Generäle an der Front:


    "Hermann Kaiser (* 31. Mai 1885 in Remscheid; † 23. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee) war ein deutscher Studienrat, Offizier und Beteiligter des Attentates vom 20. Juli 1944."

    https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Kaiser


    Überblick über Divisionspfarrer Baedekers Wirken an der südlichen Ostfront 1942/43

    Baedekers Einheit 16. I.D. (mot.), wo er Divisionspfarrer war, hatte im Sommer 1942 die Stadt Woronesch mit eingenommen. Dort gab es ein sogenanntes "Gottlosenmuseum", in dem die Sowjetmacht zahlreiche konfiszierte kirchliche Artefakte und antireligiöses Propagandamaterial zur Schau gestellt hatte. Die deutschen Soldaten führten den Inhalt dieses Museums als Kriegsbeute mit. Der Teil mit den antichristlichen Ausstellungsstücken war wohl von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels direkt angefordert worden. Diese Teile wurden für Berlin zur Auswertung durch NS-Behörden reserviert:

    "Da fuhr auch schon der Spieß dazwischen und schimpfte:

    "Das ist doch nicht für den Herrn Pfarrer, sondern für den Propagandaminister Goebbels in Berlin, den interessiert dieser Kram.""


    Die aus orthodoxen Kirchen und Klöstern stammenden kostbaren christlichen Artefakte (mit Gold, Silber und teils mit Edelsteinen) übergaben die Soldaten dagegen ihrem Divisionspfarrer Baedeker "zur persönlichen Verwahrung". Er wollte sie aber auf jeden Fall noch in den besetzten Gebieten einer russischen Kirchengemeinde übergeben:


    "Ich habe mich natürlich sehr gefreut und bedankt. Dann aber bat ich um eine große leere Munitionskiste, um die kirchlichen Geräte darin zu verstauen und sie bei passender Gelegenheit einer Kirchengemeinde in Rußland zu übergeben, denn Bücher mit biblischen Texten seien zum Lesen da und nicht zur Dekoration.


    Die Männer brummten etwas enttäuscht, eine Kirchengemeinde hätten sie bisher in Rußland noch nicht gefunden. Aber sie packten dann doch alles nach meinem Wunsch in eine Kiste, die zum Troß des Divisionsstabes gebracht und dort mitgeführt wurde.

    Im Frühjahr 1943, also ein dreiviertel Jahr später, kam die Gelegenheit, den Inhalt der Kiste zur rechten Verwendung zu bringen."


    Wie Dietrich Baedeker den orthodoxen Popen ausfindig machte (dieser war unter der sowjetischen Verfolgung als Briefträger untergetaucht) und wie er zusammen mit seinem katholischen Divisionskollegen die örtliche Holzkirche (die aus leeren deutschen Munitionskisten mit Hilfe deutscher Soldaten erbaut worden war!) für Wehrmachtsgottesdienste benutzen konnte, ist ebenfalls Teil des sehr interessanten Berichts.

    Wichtig finde ich eine Passage, die zeigt, wie stark die sowjetische Propaganda auch bei einheimischen Stalingegnern wirkte:


    "Ich gab ihm die kultischen Gegenstände aus dem Museum in Woronesch. Die Kompanie, die sie "erobert" hatte, war dabei natürlich anwesend.

    Der Pope blieb voll Mißtrauen. Sogar die beiden Evangelienbücher mit den kostbaren Silberbeschlägen konnten ihn nicht von unserem Christsein überzeugen. Dabei hatte er sein Evangeliar in der Verfolgungszeit unter einem Misthaufen verstecken müssen, wodurch es unbrauchbar geworden war. Jetzt hatte er deren zwei."

    Erst die gemeinsame Abendmahlsfeier zum Osterfest bewirkte eine Verbrüderung der verschiedenen christlichen Religionsvertreter des evangelischen, katholischen und orthodoxen Glaubens:


    "Als bei solch einem Gottesdienst mein russischer Bruder den Kelch mit Wein und die Patene mit Brot auf dem Altartisch sah, begann sein Gesicht zu strahlen. Nach dem letzten Amen unserer Liturgie war er nicht mehr zu halten.

    Er umarmte, küßte und segnete mich mit dem Kreuzeszeichen und rief als ein von Zweifeln Erlöster immer wieder: "Christos woskresse!" - Christus ist auferstanden! - Woistinu woskresse!" war dann nach der Sitte der Ostkirche in der Osterzeit meine Antwort. - Er ist wahrhaftig auferstanden! - Es war eine große Freude auch bei den Soldaten, dies zu erleben: Das Abendmahl ist das eigentliche Kennzeichen des Gottesdienstes der Christen."

    (Evangelisches Kirchenamt für die Bundeswehr Bonn (Hrsg.), Das Volk, das im finstern wandelt. Dietrich Baedeker. Stationen eines Militärpfarrers 1938-1946, Hannover 1987, S. 59.)


    Auszüge aus dem Bericht von Dietrich Baedeker im Zusammenhang:

    Quote

    16. Infanterie-Division (mot.)

    "Nach der Einnahme von Woronesch wurde ich von einer Kompanie gebeten, einen Gottesdienst zu halten. Woronesch war damals schon eine Großstadt mit annähernd 500 000 Einwohnern. Es gab eine Menge von kleineren Parkanlagen in dieser Stadt. In einem solchen Park, der geziert war mit den Einheitsbüsten von Lenin und Stalin, biwakierte die Kompanie, die mich gebeten hatte, einen Gottesdienst zu halten. Man hatte schon allerlei Vorbereitungen dafür getroffen, Tische und Bänke aufgestellt und sogar eine Dekoration fertiggebracht. Einige Zweige von dem für die südrussische Landschaft typischen Akazienbaum zierten den Altartisch. Mit Freude hielt ich diesen Gottesdienst.

    (Evangelisches Kirchenamt für die Bundeswehr Bonn (Hrsg.), Das Volk, das im finstern wandelt. Dietrich Baedeker. Stationen eines Militärpfarrers 1938-1946, Hannover 1987, S. 56.)


    "Als ich mich verabschieden wollte, bat mich der Kompaniechef, noch zu bleiben. Die Soldaten wollten sich bedanken, sagte er, weil ich sie im Winter so oft besucht hätte. Sie wollten mir ein Geschenk überreichen.


    Sie führten mich an einen großen Tisch, auf dem rote Fahnen, Spruchbänder und Bilder mit Karikaturen von Priestern lagen. Auch ein Bild von Christus mit einer Gasmaske und dem Stahlhelm am Kreuz war dabei. Ich war erstaunt.

    Da fuhr auch schon der Spieß dazwischen und schimpfte: "Das ist doch nicht für den Herrn Pfarrer, sondern für den Propagandaminister Goebbels in Berlin, den interessiert dieser Kram."


    Sie brachten mich dann zu einem zweiten Tisch mit kultischen Geräten:

    Kelche, Patenen, eine Bischofsmütze, Leuchter und Bücher.

    Auf meine erstaunte Frage, woher sie denn diese recht verschiedenen Dinge hätten, kam die Antwort: "Aus einem Museum der Gottlosenbewegung. Das hatten wir zu besetzen und kurze Zeit als Quartier. Da waren alle diese Sachen ausgestellt."


    Offenbar sollte mit der Ausstellung in diesem Museum massive antireligiöse Propaganda betrieben werden: einmal mit den Karikaturen und Spruchbändern; dann aber sollte der Bevölkerung an den kostbaren kultischen Geräten auch gezeigt werden, wie reich die Kirche sei. Die kultischen Gewänder waren zum Teil mit Edelsteinen geschmückt. Die Einbanddeckel der Evangelienbücher hatten wunderschöne Verzierungen aus Silber. Die kostbaren Bücher, meinten die Soldaten, sollte ich später in meiner Wohnung als originelle Dekoration verwenden.


    Ich habe mich natürlich sehr gefreut und bedankt. Dann aber bat ich um eine große leere Munitionskiste, um die kirchlichen Geräte darin zu verstauen und sie bei passender Gelegenheit einer Kirchengemeinde in Rußland zu übergeben, denn Bücher mit biblischen Texten seien zum Lesen da und nicht zur Dekoration.

    Im Frühjahr 1943, also ein dreiviertel Jahr später, kam die Gelegenheit, den Inhalt der Kiste zur rechten Verwendung zu bringen.



    Die Division wurde damals nach den schweren Rückzugskämpfen des Winters 1942/43 zur Auffrischung abgelöst und lag an der Miusfront in Reserve.

    In einem Dorf fanden wir eine kleine russische Kirche mit einem Priester. Es war der einzige amtierende orthodoxe Priester, den ich in Rußland getroffen habe. Er hatte sich in der Zeit der Kulakenverfolgung, die mit der Verfolgung der Priester verbunden war, in dem Dorf Latanowo verstecken können bis zum Einmarsch der Deutschen in die Ukraine 1941.

    Er war untergetaucht, indem er Dorfbriefträger geworden war. In dieser Eigenschaft hatte er ständig guten Kontakt mit seinen Gemeindemitgliedern."


    (Evangelisches Kirchenamt für die Bundeswehr Bonn (Hrsg.), Das Volk, das im finstern wandelt. Dietrich Baedeker. Stationen eines Militärpfarrers 1938-1946, Hannover 1987, S. 56-57.)




    Zum Abschluß noch ein Link zur sowjetischen "Gottlosenbewegung", die auch das "Gottlosenmuseum" in Woronesch eingerichtet hatte.

    Mir ist z.B. noch die Kathedrale von Smolensk in Erinnerung, die bis zur deutschen Eroberung als weiteres "Gottlosenmuseum" mit den Bildern Lenins und Stalins dekoriert worden war. Davon gibt es auch Fotos deutscher Soldaten. Es gab wohl viele weitere Standorte der kämpfenden Gottlosen in Russland:


    "Der Verband der kämpfenden Gottlosen (rus. Сою́з вои́нствующих безбо́жников) war ein von 1929 bis 1947 in der Sowjetunion existierender atheistischer Verein. Er war auf Grundlage des seit 1925 in Moskau existierenden Verbandes der Gottlosen gegründet worden, der seinerseits ging aus der Gesellschaft der Freunde der Zeitung „Besboschnik“ hervor. Die Organisation stand der sowjetischen kommunistischen Partei nahe. Ihr Anführer war Jemeljan Jaroslawski."

    https://de.wikipedia.org/wiki/…k%C3%A4mpfenden_Gottlosen


    Unten noch ein Plakat aus Wikipedia als Beispiel für die staatlich geförderte Gottlosenbewegung in der Sowjetunion.

    "Plakat des Verbandes 1929: Im Zeitalter der Industrialisierung gehört Jesus auf den Müll."


    Diese staatliche Förderung der "Gottlosenbewegung" ging übrigens bis 1990 kurz vor Ende der UdSSR weiter, nur unter anderen Namen.

    Dazu ein Fundstück aus dem WWW:

    "An dem 1961 beschlossenen Programm zur »Atheistischen Erziehung« der Bevölkerung (besonders der Kinder und Jugendlichen), das seinen Ausdruck in der staatlich organisierten »Verbreitung der wissenschaftlich-materialistischen Weltanschauung« fand, hielt die KPdSU in modifizierter Form (»ohne die Gefühle der Gläubigen zu verletzen«) auch nach dem Amtsantritt M. S. Gorbatschows als Generalsekretär fest. Erst 1990 stellte die sowjetische Gesetzgebung die Kirchen und Religionsgemeinschaften mit den atheistischen Organisationen rechtlich gleich und untersagte die staatliche Finanzierung der atheistischen Propaganda (Religionsgesetz der UdSSR vom 1. 10. 1990)."


    Grüße,

    Bodo