Posts by peterjoachim

    Sie gingen einen langen Weg

    Wie in meinem Roman »Nur der Tod vergisst« widme ich mich in »Sie gingen einen langen Weg« den Jahren kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit. Leider wollen gerade junge Menschen sich mit dieser Thematik kaum auseinandersetzen. Schuld daran ist meines Erachtens einerseits das kritiklose Verherrlichen durch rechtsextreme Schilderungen und andererseits die kritiklos negative Betrachtung der Menschen, die als Deutsche in im Nationalsozialismus gelebt und gekämpft haben. In »Sie gingen einen langen Weg« sind die Protagonisten ein sowjetischer Zwangsarbeiter in einer Waffen- und Munitionsfabrik, der zum Verrat verführt wird und eine junge Frau, die aus Ostpreußen flieht. Auf der Flucht werden ihre Eltern von sowjetischen Soldaten ermordet und sie vergewaltigt. Nach dem Krieg treffen sich der sowjetische Zwangsarbeiter und die junge Frau aus Ostpreußen.

    Muss man in Romanen die Brutalität des Krieges nur von einer Seite schildern? Ist es aufgerechnet, wenn man mehr als eine Seite schildert? Ich denke das nicht. Versucht habe ich einen Roman, der die Brutalität dieser Zeit schildern soll. Dabei habe ich versucht, die übliche Schwarz-Weiß-Malerei zu vermeiden. Ob mir das gelungen ist, kann ich nicht sagen, dazu habe ich selbst zu wenig Distanz zu meinem Roman, der auch unterhalten soll. Die Botschaft ist wie in meinem ersten Roman zu dieser Zeit, dass - frei nach Hannah Arendt - eine Zukunft nur in der Vergebung möglich ist.

    Leider hat dieser Roman anders als »Nur der Tod vergisst« keinen Verlag gefunden, so dass ich ihn im Selbstverlag veröffentlichen musste.

    Sie gingen einen langen Weg, Peter Hakenjos, epubli 2018, 272 Seiten, 9,80 €, ISBN 978-3745095517. Die E-Book-Ausgabe kostet 2,99 €

    Hallo Helmut,

    das kannst du doch gut veröffentlichen. Mach mal die Seite von BoD auf. Epubli hat für mich den Nachteil, dass die ewig brauchen, bis sie einem ein Exemplar zusenden. Wenn du es "richtig" veröffentlichen willst, dann kannst du auch zu KDP (Amazon) gehen. Dort sind meines Erachtens die Konditionen am besten und die Autorenexemplare kosten nicht viel. Aber eine deutsche ISBN bekommst du dort nicht und die wollen auch die Bücher veröffentlichen, soweit ich weiß, also nicht nur für den Autorenbedarf drucken.

    Viele Grüße in die schöne Steiermark

    Peter

    Hallo ihr da,

    bei mir sind es eigentlich nicht die Gespenster meiner individuellen Vergangenheit, die mir nachlaufen. Ich fand es nur so traurig, als ich alte Fotos durchgesehen habe, dass ich vieles nicht wusste, was auf ihnen dargestellt war. Dann habe ich in den Briefen gestöbert und "dank" der "Ariernachweise", die ich gefunden habe, einiges über meine/unsere Herkunft erfahren. Und wenn man weiter sucht, so findet man mehr. Mein Vater - der indirekt - Protagonist eines Romans wurde - war Fallschirmjäger und wurde zuvor als Pilot ausgebildet. Eine Verwundung durch einen Scharfschützen hat ihm wohl das Leben gerettet. Hat er viel DAVON erzählt? Nein. Die meisten der Väter der Nachkriegsgeneration haben geschwiegen, haben lediglich Oberflächliches erzählt. Aber das Problem lag auch an uns, an ihren Kindern. Wir wollten nicht hören, was sie zu erzählen hatten. Wären wir offen gewesen, das ist mir heute klar, sie hätten auch offen mit uns gesprochen. Nun ja, mein Vater ist tot und von der Kriegsgeneration leben nur noch wenige. Jetzt können wir nur noch aus den historischen Dokumenten und aus den alten Briefen diese Zeit die Vergangenheit rekonstruieren. Und ich finde, das sollten wir auch tun. Vielleicht ist es sogar so etwas wie unsere Aufgabe, bevor auch wir von der Erdoberfläche verschwinden. Wir haben die Kriegsgeneration noch erlebt. Das ist sehr wertvoll und könnte auch unseren Kindern und Kindeskindern helfen, ihre eigene Vergangenheit zu verstehen, im besten Fall, daraus zu lernen.

    Hallo Peter,

    ich sehe es auch so, dass man, wenn man ein Sachbuch veröffentlicht, sich auch mit den Grundlagen »wissenschaftlichen« Schreibens vertraut machen muss. Damit die Latte nicht zu hoch hängt, lege ich die Veröffentlichung für Freunde und Verwandte nahe. Ganz abgesehen davon lässt sich auch eine Familiengeschichte im Genre der Belletristik schreiben. Ich selbst finde es schade, wenn viel Arbeit in die Recherche der Familiengeschichte verwendet wird, und dies dann in einer Schublade wirkungslos verpufft.

    Übrigens bin ich - schon vom Geburtsdatum her - mit der Invasion und dem Geschehen darum verbandelt. Wieso weiß ich nicht. Mich hat es mehr als verblüfft, dass ich - ohne es bewusst zu wissen - das Massaker von Oradour-sur-Glane zu einem Hauptereignis eines Romans machte: Ich wurde am 10. Juni geboren.

    Die Normandie ist wunderschön. Leider war ich auch an meinem Geburtstag dort und musste die vielen Amerikaner und Briten miterleben, die dort mit ihren Jeeps und Uniformen Krieg gespielt haben. Wie siehst du denn das? Bin ich zu empfindlich, wenn mich das stört?

    Viele Grüße aus dem Südwesten Deutschlands

    Peter

    Hallo ihr da,

    je älter ich werde, um so mehr interessiere ich mich um die Vergangenheit. Na ja, es gibt vielleicht mit 70 nicht mehr so viel an Zukunft, um das man sich kümmern könnte ;-) Vielleicht deshalb habe ich zwei historische Romane geschrieben, die in der Zeit des Zweiten Weltkriegs und in der Nachkriegszeit spielen. Während des Schreibprozesses kam mir die Idee, in der Vergangenheit meiner Familie zu stöbern und für meinen Sohn, meine Tochter und meine Enkel so eine Art Familienbiografie zu schreiben. Deshalb hier mein Vorschlag an euch alle:

    Schreibt eine Biografie über euren Großvater oder Vater, wenn ihr euch schon die Mühe macht, Licht in ihre Vergangenheit zu bringen.

    Falls ihr das nicht ohnedies schon könnt, lernt Sütterlin lesen! Die meisten alten Briefe sind in Sütterlin geschrieben und von denen gibt es sicherlich noch einige in alten Schuhkartons der Verwandtschaft. Ich denke, da wäre manch ein Schatz zu heben.

    Wie aber könnt ihr eine solche Biografie schreiben, ohne euch in finanzielle Risiken zu stürzen? Geht auf keinen Fall zu einem sogenannten Bezahlverlag, auch dann nicht, wenn ihr eure Biografie der Öffentlichkeit als Roman zur Verfügung stellen wollt. Die Bezahlverlage verlangen von euch eine "Kostenbeteiligung" und versprechen euch das Blaue vom Himmel. Am Ende stehst du mit Kosten von über 1000 Euro da und hast einen riesigen Packen unverkäuflicher Bücher im Keller. Bei diesen Verlagen bist DU der Kunde, nicht derLeser.

    Such dir lieben einen Print-on-Demand (PoD) Anbieter . Bei diesem Verfahren werden die Bücher erst dann gedruckt, wenn welche bestellt werden. Du kannst dann entscheiden, ob jeder dein Buch kaufen kann - dann ist es über Amazon und theoretisch auch im Buchhandel erhältlich. Die andere Möglichkeit ist, dass du deine Biografie niemand zugänglich machst, nur du kannst sie kaufen. Dann kannst du z.B. 10 Exemplare kaufen und an die Verwandtschaft verteilen. Vorteil dabei wäre, dass du ohne Bedenken auch fremdes Bildmaterial verwenden kannst, ohne mit dem Urheberschutz in Konflikt zu kommen. Machst du deine Biografie der Öffentlichkeit zugängig, entstehen dir höchsten Kosten für unter 50 Euro für das Veröffentlichen (klar, die Autorenexemplare kosten extra!). Das ist zu stemmen. Aber du musst dann auch einiges berücksichtigen (Impressum, Urheberrecht ...).

    Die PoD-Anbieter stellen dir eine MS-Word-Vorlage zur Verfügung, in die du deinen Text und deine Fotos einfügen kannst. In deine Biografie kannst du nämlich eingescannte Fotos integrieren, du kannst auch Briefe kopieren und einbinden. Klar, wird es dann etwas teurer, aber ich denke, das kann es wert sein. Als ich bei meiner Biografie-Arbeit die alten Alben meiner Eltern durchforstet habe, habe ich viele Fotos gefunden, die ich nicht mehr zuordnen konnte, und bin auch auf zahllose Fragen gestoßen, die mir niemand mehr beantworten kann. Das sollte unseren Kindern und Kindeskindern nicht passieren. Genau deshalb schreibe ich die Biografie.

    Solltest du es auch angehen wollen und Fragen haben, kannst du mich gerne kontaktieren.

    Anbieter (es gibt bestimmt mehr als diese) sind z.B. : BoD und epubli (https://www.bod.de - https://www.epubli.de)

    Übrigens noch einen Tipp: Hast du dein Buch fertig und sieht es am PC super aus, kauf trotzdem erst EIN Exemplar. Erkennst du am gedruckten Buch Fehler, kannst du jederzeit Änderungen anbringen und es noch einmal ausdrucken - so lange, bis es fehlerfrei ist. Glaub mir: Ich spreche aus Erfahrung :(

    Hast du dir die Recherche-Arbeit gemacht, vielleicht findest du ja auch das eine oder andere, das du deinem Landes- oder Stadtarchiv zum Archivieren anbieten könntest. Wäre toll!


    Dir viel Freude beim Erstellen deiner Biografie .... falls du es angehst


    Viele Grüße aus dem fernen Pfinztal

    Peter Hakenjos

    Ich hoffe, ich mache jetzt nichts falsch - falls doch: Bitte an den Administrator, diesen Post zu löschen.


    Ich wurde 1948 geboren und gehöre damit der Nachkriegsgeneration an. Mit zunehmendem Alter interessiert man sich wieder stärker für die Vergangenheit, die eigene, wie die des eigenen Volkes. Ich selbst habe deshalb zwei Romane über die Zeit des Krieges und die Nachkriegszeit geschrieben.


    Was mir an der Lektüre ernst zu nehmender Literatur über die Zeit des Nationalsozialismus auffällt, ist der unkritische Umgang mit unseren Eltern und Großeltern. Die Deutschen, ob Soldaten oder nicht, werden grundsätzlich als naive Mitläufer, Opfer oder brutale Mörder geschildert. Das aber waren unsere Eltern und Großeltern meist nicht. Die Folge ist, dass viele, gerade junge Menschen mit Romanen aus dieser Zeit nichts mehr zu tun haben wollen. An uns wäre es zu fragen, wie es geschehen konnte, dass "normale Menschen" in die Falle des Nationalsozialismus geraten konnten. Unsere Aufgabe dabei ist es nicht, unsere Vorfahren zu beschämen oder zu verurteilen. Unsere Aufgabe ist es hinzusehen, ohne zu relativieren, aufzurechnen oder irgendetwas zu beschönigen.

    In dem Roman "Nur der Tod vergisst" ist der Protagonist ein überzeugter junger SS-Soldat. Er wird schuldig, muss aber auch miterleben, wie seine Mutter bei der brutalen Zerstörung Pforzheims ums Leben kommt. Die Flucht nach Südamerika folgt der sog. Rattenlinie. Ich habe seinerzeit das Romanmanuskript einem ehemaligen SS-Angehörigen zum Lesen gegeben, der im gleichen Alter genau da gekämpft hat, wie mein Protagonist und ich habe ihn gefragt, ob er sich mit dem Roman falsch verstanden fühlt. Das hat er verneint. Mir ging es in diesem Roman, ebenso wie in dem nächsten, den ich hier ankündigen werde, darum, dass eine Zukunft nur im Vergeben möglich ist. Falls gewünscht (Vorsicht: Spoiler!), würde ich hier das letzte Kapitel posten, das die komplette Message des Romans enthält.

    Der zweite Roman, den ich über diese Zeit geschrieben habe, dreht sich um die Zwangsarbeit in der Deutschen Waffen- und Munitionsfabrik in Karlsruhe (DWM, später die IWKA, heute ist in dem Gebäude das ZKM untergebracht). Ein sowjetischer Zwangsarbeiter erlebt in dem Lager schreckliches und wird unfreiwillig zum Verräter. Der zweite Handlungsstrang folgt einer jungen Frau, die bei Kriegsende aus Ostpreußen flieht, ihre Eltern werden auf der Flucht ermordet und sie brutal vergewaltigt. In Karlsruhe treffen beide, der sowjetische Zwangsarbeiter und die junge Frau aus Ostpreußen, aufeinander. Titel des Romans ist: Sie gingen einen langen Weg.

    Mein Name (Autor): Peter Hakenjos. "Nur der Tod vergisst" wurde im G.Braun-Buchverlag veröffentlicht, "Sie gingen einen langen Weg" hat leider keinen Verlag gefunden und ist deshalb lediglich über Amazon zu beziehen.

    Hallo Marcus,


    ich sehe es so wie du. Was mir bei der Recherche ins Auge gesprungen ist, war, dass gerade die SS von zwei sehr widersprüchlichen Dingen geprägt war: Rücksichtslosigkeit gegen sich und den Gegner UND Fürsorge und Kameradschaft untereinander. Zu so hoch politischen Aktionen wird man für die Hinrichtung "spezielles" Personal gehabt haben. Die Erschießung wie Im Frühling sterben durch unmittelbare Kameraden oder gar Freunde zu befehlen wäre meines Erachtens auch bei der Wehrmacht unwahrscheinlich gewesen, bei der Waffen-SS, wo Offiziere mit an der Front gekämpft haben ... es hätte so eine Art Selbstmordwunsch des Offiziers dargestellt. So manch einem Leuteschinder hat eine Kugel der eigenen Leute getroffen.
    Wenn wir die Vergangenheit verstehen wollen, hat es meines Erachtens wenig Sinn immer nur den Fokus auf die Opfer zu legen und selbst diese Soldaten noch zu Opfern zu machen. Wir müssen versuchen, diese Menschen, die unsere Väter waren, zu verstehen. Das tun wir nicht, indem wir ihre Geschichte, ihr Denken und Fühlen ausklammern. Wer weiß, wie wir gehandelt hätten????


    Dir noch eine schöne Vor-Silvesterzeit
    Peter

    Hallo Peter


    habe Deinen Post in das Ursprungsthema "Im Frühling sterben" verschoben.


    ... wo keiner die Frage beantwortet. Mich hätte interessiert, was Forenteilnehmer sagen, die sich speziell mit der Waffen-SS auseinandersetzen. Für mich ist die Glaubwürdigkeit eines Romans eines der wichtigsten Grundelemente seiner Qualität.
    Freundliche Grüße aus der Ferne
    Peter

    Hallo,
    ich habe den Roman "Im Frühling sterben" gelesen. Darin werden die Kameraden einer Stube gezwungen, einen der ihren zu erschießen, weil er desertiert war. Bei meiner Lektüre über die Waffen-SS (ich habe für meinen eigenen Roman viel gelesen) habe ich erfahren, dass ein Grund für den Zusammenhalt bei der Waffen-SS war, dass auch die Fürsorge der Vorgesetzten für ihre Untergebenen die Soldaten zusammengeschweißt hat.. An anderer Stelle habe ich gelesen, dass niemand zu einem Erschießungskommando gezwungen wurde.
    Leider weiß ich nicht mehr, wo ich das alles gefunden habe. Es würde mich sehr interessieren, ob die Erschießungsszene in "Im Frühling sterben" realistisch ist oder nicht.


    Vielen Dank jetzt schon.
    Peterjoachim

    Hallo zusammen, hallo Huba,


    ich denke, ich habe etwas zu flapsig geschrieben. Das Büßerhemd - wir Nachgeborene werden im Ausland leider immer wieder auf "unsere" Schuld angesprochen. Wäre ich alleine für mein Deutschsein schuldig, so müsste ich das Büßerhemd anziehen. Da aber dann die Herkunft für die Schuld entscheidend wäre, wäre das zutiefst rassistisch. Dennoch ist hier in Deutschland Schreckliches geschehen, getan von Menschen, mit denen wir groß geworden sind. Als Mensch, der auch durch unsere gemeinsame Vergangenheit zu dem wurde, was ich bin, was wir alle sind, identifiziere ich mich schon mit der Schuld. Doch dies ist keine persönliche Schuld, es hat etwas mit der Identifizierung mit meinen Vorfahren zu tun und dazu stehe ich.

    Einen Thread über Dresden aufmachen?`UM GOTTESWILLEN! Gerade das nicht. Das wäre eben das, was man Aufrechnen nennen könnte. Das ist Sache der Briten. Wenn die das nicht aufarbeiten - tun aber viele - dann sollten sie sich schämen. Unser Job ist das mitnichten!
    Zur Frage der Schuld. Sie entsteht nach meinem Bewusstsein, wenn der Mensch Handlungsmöglichkeiten hat. Wer im Schützengraben liegt und auf ihn laufen Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten zu, der hat keine Wahlmöglichkeit. Als ich bezog mich nicht auf das "Soldatsein". Nur gab es wesentlich mehr Freiheit, sich nicht für den Nationalsozialismus zu entscheiden, als wir uns vorstellen. Viele - mein Vater eingeschlossen - haben sich zumindest etwas vom Regime versprochen, in seinem Fall den sozialen Aufstieg. Das System der Nazis war ausgeklügelt bis in die Details. Aber: Jeder hätte wissen können, was passiert ist. Die Mehrheit wollte das nicht und hat das Regime gestützt - bis zum Ende. Interessante Lektüre: "Die Deutschen und der Holocaust" von Bernward Dörner, erschienen im Propyläen. Und da bin ich bei der Frage, warum nicht verurteilen? Es ist nicht meine Aufgabe zu verurteilen. Richte nicht, auf dass du nicht gerichtet wirst. Weiß ich, wie ich in einer solchen Umgebung, mit einer solchen Sozialisierung reagiert hätte? Ich habe diesbezüglich schlimme Befürchtungen. Aber das hat nichts mit Strafverfolgung zu tun. Solange noch ein einziger Angehöriger der Opfer lebt, darf man die Täter nicht in Ruhe lassen.
    Wir sollten versuchen zu verstehen und uns dennoch vor Verständnis hüten, denn dann wäre es zum Ent-schuldigen nicht weit. Ver-zeihen (Trennstrich absichtlich) heißt nur, nicht mehr anklagen und nach vorne sehen. Leider hat das die Generation unserer Eltern nicht gekonnt, nämlich das eigene Verhalten zu verstehen, und sich zu verzeihen, denn sonst hätten sie mit uns geredet.
    Ich darf kurz Knopp zitieren, der unsere Aufgabe hervorragend definiert hat: "Wir, die nach dem Krieg Geborenen sind für Hitler nicht verantwortlich zu machen. Doch wir sind verantwortlich für das Erinnern ebenso wie für das Vergessen und Verdrängen - und für das Leugnen. Das ist keine Kollektivschuld, aber Kollektiv-Verantwortung für Auschwitz und für Hitler" (Guido Knopp, Klappentext zu "Hitler - Eine Bilanz", Siedler-Verlag. Und wer könnte diese Aufgabe besser schultern als wir, die immer noch schaudern wenn eine Sirene aufheult und die sich noch gut an die Alten erinnern?


    Viele Grüße aus Pfinztal
    Peter

    Hallo Cristiane,
    ich kann dich gut verstehen - wie du weißt bin ich 67 und mein Vater hat .... geschwiegen. Heute ist mir klarer als zu der Zeit als er noch lebte, warum. Auf den Punkt gebracht: Scham, Vergessen-Wollen des Grauslichen, Unerklärliches kann nicht erklärt werden. Wenn ich etwas zu deiner schmerzhaften Auseinandersetzung mit unseren Vätern sagen darf: WIR, die Töchter und Söhne, haben weder die Pflicht noch das Recht zu verurteilen. Hannah Arendt sagt so schön, dass das Verzeihen die Tür zur Zukunft öffnet. Wir haben noch nicht einmal etwas zu verzeihen. Worum wir uns aber bemühen müssen - MÜSSEN - das ist das Verstehen. Denn wir haben unsere Väter noch gekannt, wir haben sie geliebt und deshalb: Wir können sie verstehen, ohne sie verurteilen zu müssen. Dass sie häufigst Täter waren, das ist kaum zu leugnen. Aber müssen WIR uns deshalb das Büßerhemd anziehen? Unsinn, eine solche Haltung wäre zutiefst rassistisch. Ich denke, jedes Volk sollte seine Schuld suchen und sich bewusst mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen, ohne irgendetwas mit dem "Gegner" aufrechnen zu wollen. Denn genau das tun die Rechten bei uns und ist Mainstream in GB und den USA, die so z. B. das Kriegsverbrechen in Dresden oder Pforzheim rechtfertigen.
    Zum Schluss noch eine Leseempfehlung: Eine Erklärung für das Schweigen findest du in Gert Ledigs "Die Stalinorgel" und "Vergeltung". Keine leichte Bettlektüre! Hochspannend, um die Gefühlslage unserer Eltern zu verstehen und dieses Buch kann ich dir nur wärmstens empfehlen: "Warum folgten sie Hitler?" von Stephan Marks. Bitte, bitte lies es. Das Buch ist super!
    Dir noch eine schöne Wochenmitte.
    Viele Grüße aus dem fernen Pfinztal
    Peter

    Hallo Cristiane,


    ich habe den Roman gelesen ... und für unglaubwürdig gehalten. Wieso eigentlich sind in solchen Romanen die Protagonisten immer - aber auch IMMER - die Opfer des Naziregimes? Dass die Waffen-SS tatsächlich junge Männer auf die beschriebene Art rekrutiert hat, wer wollte dies bezweifeln? Aber was vergessen wird ist der Zusammenhalt dieser Truppe. Und dieser Zusammenhalt hat auch sehr, sehr viel mit Fürsorge für die Soldaten innerhalb der Truppe zu tun . Denke daran, wenn du den Roman liest :) Ich will hier keinen Spoiler veröffentlichen. Hat jemals der Autor mit ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS gesprochen? Ich glaube nicht. Warum hat G. Grass geschwiegen? Warum hat H. Tappert bis in die 70er die Insignien seiner Zugehörigkeit zu dieser Einheit aufbewahrt, bevor er sie an einen alten Kameraden weitergab? Unsere Väter (ich bin 1948 geboren) waren Täter, sie waren nicht die Opfer. Zumindest nicht die Mehrheit von ihnen. Wann endlich ist es soweit, dass wir uns auch in der Literatur dieser Tatsache stellen können? Rothmann tut dies nicht. Seine Protagonisten sind nur die Opfer, nie Täter. Mich - und das bitte verzeihe mir - ärgert dies. Ich habe über das gleiche Thema einen Roman geschrieben. Der hat nicht den Funken einer Chance im Spiegel oder der Zeit besprochen zu werden. OK, OK, du hast recht, das ist der pure Neid. Seufz. :S Vielleicht sollte ich auch etwas politisch Korrektes schreiben, das so völlig an der Realität vorbeigeigt.

    Guten Tag Forum, Hallo miteinander....


    ich bin jetzt 67 Jahre alt und habe mich immer gefragt, wie es sein konnte, dass dem Mann, den man mit rollendem R vor Menschenmassen in Wochenschauausschnitten herumhampeln sieht, Millionen Menschen in die Katastrophe und in den Tod gefolgt sind. Zum ersten Mal habe ich Stephan Marks in "Warum folgten sie Hitler?" eine überzeugende Antwort gefunden. Eine Antwort auch auf meine Frage, warum meine Eltern nie wirklich über diese Zeit geredet haben: Sie hatten eine andere Gefühls- und Wahrnehmungswelt. Wie sollten sie uns das erklären? Was die Lektüre des Sachbuches aktuell macht, ist, dass Marks die Neonazis erklärt, die jetzt brandschatzend durch die Republik ziehen. Aus Scham entsteht die Überhöhung des eigenen Ichs oder der eigenen Gruppe, der man anzugehören glaubt. Absolut lesenswert!
    P.S.: Ich habe Herrn Dr. Marks nur bei einem Vortrag erlebt; dies ist also keine "Gefälligkeitswerbung" ;-)


    Grüße...

    Hallo Ihr da,
    ich habe gerade den Roman "Im Frühling sterben" von Rothmann gelesen. Darin werden zwei junge Burschen in den letzten Kriegsmonaten zur Waffen-SS gepresst. Falls jemand von euch den Roman auch gelesen hat, würde mich die Meinung darüber interessieren.
    Euch noch eine nicht zu heiße Zeit.
    Viele Grüße aus dem jetzt schon zu warmen Pfinztal
    Peter

    Hallo,
    Paul schreibt: "Etwas anderes ist die rationale Aufarbeitung der historischen Geschehnisse und die schonungslose Prüfung ob die vormals eingeschlagenen Politiken für die weitere Entwicklung tauglich sind oder nicht." Das sehe ich ganz genauso. Und im Grund ist das die Aufgabe der Nachkriegsgeneration, weil wir die Kriegsgeneration noch gekannt haben und die geschwiegen hat,, vielleicht auch schweigen musste. Ganz hervorragend in diesem Zusammenhang finde ich die Sachbücher: "Die Deutschen und der Holocaust" (Bernward Dörner) und "Der Brand" (Jörg Friedrich). Die Historiker setzen sich ohne anzuklagen mit dem Geschehen auseinander.
    Euch noch einen schönen Tag.
    Viele Grüße
    Peter

    Hallo Rudolf,
    das kann ich mir auch vorstellen - dass das Verdrängen wichtig für den Neubeginn war. Nachdem ich die Vergeltung gelesen habe, muss ich sagen, habe ich zum ersten Mal meinen Vater verstanden. Warum sollte er als ehemaliger Fallschirmjäger mich mit der ganzen Sch... belasten? War es nicht besser, alles zu vergessen? Erst dadurch wurden die Energien frei für das Zupacken.
    Allerdings bleibt mir immer noch unverständlich, wie sie einen Bundespräsidenten zulassen konnten, der SA-Mitglied war, und einen Globke, Filbinger, Kiesinger usw. in führende STAATLICHE Funktionen hieven. So weit hätte die Verdrängung nicht gehen dürfen, diese Männer zu den Repräsentanten unseres Staates zu machen. Das war meines Erachtens zumindest aus Respekt für die vielen Opfer auf beiden Seiten absolut schrecklich.
    Heute war ich auf der Gedenkveranstaltung zur Bombardierung Pforzheims. Da kam aber andererseits die große Leistung Europas zur Sprache: Heute stehen sich die ehemaligen Gegner nicht mehr als Feinde gegenüber! Das finde ich großartig. Angst machen mir nur die van der Leyen, unser Präsident und die gegenwärtige Politik. Aber das ist ein anderes Thema.
    Viele Grüße aus Pfinztal
    Peter

    Hallo zusammen,
    durch die Empfehlung von Justus habe ich jetzt den Roman "Stalinorgel" von Ledig in Händen und lese ihn. Wenn ihn noch jemand gerade liest, könnten wir uns gerne auch darüber unterhalten. Fände ich spannend.
    Viele Grüße
    Peter


    P.S.: Heute vor 70 Jahren wurde Pforzheim von britischen Bombern zerstört. Wenn ihr mal nach Pforzheim kommt und es noch nicht kennt, geht auf den Hügel neben der Autobahn. Dort ist eine Gedenkstätte für die Toten dieses Tages. Der Hügel wurde nur von den Trümmern der Stadt aufgeschichtet. Ich bekomme immer Gänsehaut, wenn ich dort oben bin. Hier der Link: http://de.wikipedia.org/wiki/Pforzheim#Mahnmal_Wallberg

    Hallo Justus,
    auf deine Empfehlung und nachdem ich Vergeltung gelesen habe, habe ich mir jetzt auch die Stalinorgel von Ledig bestellt. Vergeltung war direkt nach dem Krieg offensichtlich für die Leser zu direkt. Das wollten die Überlebenden vergessen. Vor allem weil das Buch keinerlei positive Botschaft enthält und nur die Sinn- und Wahllosigkeit des Sterbens dokumentiert.
    Danke nochmals für den Hinweis auf die Stalinorgel. Ich bin sehr gespannt.
    Viele Grüße
    Peter