Posts by guewe

    Hallo zusammen,
    mein Großvater Werner Wolf (zuletzt im 686. Grenadier Regiment (Stabskompanie) / 336. Infanterie-Division) berichtete in zwei seiner wenigen erhaltenen Feldpostbriefen über seine Tiere (Hund und Katze):


    Ausschnitt aus Feldpostbrief vom 29.7.43:
    "...Gestern habe ich Zuwachs im Bunker bekommen. Kameraden haben aus der Stellung einen russischen Meldehund mitgebracht. Ein russischer Wolfshund, etwas verfloht aber sonst in Ordnung. Jetzt habe ich eine Katze und einen Hund zu betreuen. Da mußt du höllisch aufpassen die beiden können sich nicht vertragen. Die Katze sitzt den ganzen Tag oben auf dem Regal und unten hält der Hund wache. Augenblicklich ist es wieder etwas ruhiger geworden, dafür hat unser Nachbarabschnitt mehr zu leiden."


    Zugehöriger Eintrag im KTB-336-ID T-315 R-2095 Scan 423-425
    29.07.1943
    Am 29.7. lag geringes feindliches Artillerie- u. Granatwerfer-Störungsfeuer auf gesamten Divisions-Abschnitt. Im feindlichen Hintergelände schwacher mot.- u. besp. Fz.Verkehr (normaler Versorgungsverkehr). 08,00 Uhr geht der Divisions-Befehl Nummer 82 an die Einheiten heraus.09,00 Uhr Der Divisions-Gefechtsstand verlegt nach Kalinowo.
    11,00 Uhr rückt die 4./A.R.49 aus ihren Stellungen ab.
    11,20 Uhr wird an Gren.Rgt.687 fernmündlich befohlen: II./Jg.Rgt.29 (L) ist mit Dunkelheit beginnend in den Raum südwestlich Bischlerowka zu verlegen und wird der 294. I.D. unterstellt. Bataillons-Kommandeur meldet sich bei Gefechtsstand der 294. Infanterie-Division.
    12,35 Uhr meldet Gren.Rgt.687 die gemäß Divisions-Befehl Nr.82 aufgestellte Granatwerfer-Kompanie marschbereit in Belogorka. Die Kompanie wird dem Bataillon Krafft unterstellt
    17,22 Uhr wird durch die 3./Fla/Pz.Jg.Abt.17 ein russischer Doppeldecker nördl. Gustafeld abgeschossen.
    Wetter: Am Nachmittag Regen, bewölkt


    Ausschnitt aus Feldpostbrief vom 24.9.43:
    "...Wir haben auf dem Rückzug eine Kuhherde von 12 Stück mitgenommen, da haben wir jeden Tag trinken können, was nur in den Magen reingeht. Augenblicklich leben wir recht gut, aber man weiß nie wie lange der Spaß geht, und verdient haben wir es auch. Ich besonders kann mich nicht beklagen, seitdem ich Putzer beim Komp. Chef bin. Da ist natürlich Essen die Hauptsache. Du glaubst gar nicht was ch für eine Kochkunst entwickelt habe du würdest staunen. Hühnchen gebraten vorher Hühnerbrühe mit allen Schikanen. Grüne Klöße mit Röstbrot, Kartoffelpuffer, Pfannkuchen usw. Was meinst du wieviel stille Teilhaber ich täglich zum Essen habe. Übrig bleibt nie etwas. Meine Hund und Katze habe ich natürlich nicht mitnehmen können, Die hat der Iwan jetzt in Verpflegung, aber hier laufen genügend herrenlose Hunde herum".


    Zugehöriger Eintrag im KTB-336-ID T-315 R-2096 Scan 64 und 17
    24.09.1943
    In den frühen Morgenstunden bricht ein feindlicher Angriff südlich Selenyj Lug los, der aber abgeschlagen werden kann. Dabei werden 19 Gegangene eingebracht. Divisions-Kommandeur fährt am Morgen persönlich zu Gren.Rgt.686, um die Bereinigung des Einbruchs zu leiten und zu überwachen. Nördlich Selenyj Lug, wo der Russe seinen am Vortage begonnenen Angriff fortsetzt, gelingt ihm nach heftigem Kampf eine Erweiterung des Einbruchs, der im Laufe des Vormittages unter erheblichen eigenen Verlusten wieder bereinigt wird. Hierbei zeichnet sich besonders das II./Radf.Sich.Rgt.4 aus. Die russischen Verluste in den erbittert geführten Kämpfen waren ebenfalls groß. Es wurden 50 Gefangene eingebracht, 40 Russen von der verbissen kämpfenden eigenen Infanterie im Nahkampf erschlagen und 80 Feindtote auf dem Gefechtsfeld gezählt.
    Während des russischen Angriffes und des eigenen Gegenstoßes greifen laufend feindliche Schlachtflieger mit Bordwaffen die Einbruchstelle an. Gegen Mittag ist die H.K.L. wieder restlos in der Hand der Truppe. Die eigenen Verluste am 24.9. betragen 42 Tote und Verwundete.
    Am Nachmittag liegt das übliche Granatwerfer- und Artillerie-Störungsfeuer, besonders an der Einbruchstelle, auf der H.K.L.
    Von Osten führt der Gegner laufend Kräfte einzeln und in kleinen Gruppen heran und scheint sich im Schilfgelände westlich Mordwinowka bereitzustellen.
    Aus einer beim heutigen Angriff erbeuteten russischen Karte 1 zu 100000 geht als Trennungslinie zwischen der 221. und 130. Schützen-Division die Gitterlinie 78 hoch und als Ziel des gestrigen, von drei Regimentern geführten Angriffes das Höhengelände zwischen Nordost-Eingang Akimowka und Westrand Danilo-Iwanowka hervor. Die Division nimmt auf Grund der Funkaufklärung, des Heranschiebens von fünf Panzern und der Verstärkung seiner Artillerie an, dass der Feind seinen Angriff an einem der nächsten Tage mit verstärkten Kräften wiederholen wird.
    Wetter: unverändert


    Feldpostnummer 07444


    336. Infanterie-Division und Grenadier-Regiment 686


    Liebe Grüße
    Günter aus Siegsdorf


    (Edit: Verlinkung fuxt mich)


    Verlinkung blau eingefärbt, Diana

    Hallo "foruseason1989",
    leider besitze ich nur die Teile des KTB vom März 1943 bis Januar 1944 (T315 R2095 bis T315 R2097). Bei diesem Thread ging es mir ja nur um das Schicksal meines Großvaters, der von April bis Oktober 1943 im Gren Rgt 686 eingesetzt war.


    Gruß
    Günter aus Siegsdorf

    Hallo Viktor,
    wirklich schwer zu lesen, obwohl die Schrift der anderen Worte gut zu lesen ist.
    Ich lese das: "Oile arlier", wie wahrscheinlich auch die meisten anderen.
    Für mich sieht dieser Eintrag so aus, als ob der Schreiber selbst nicht viel mit der Bezeichnung anzufangen wusste


    Auf der Website http://goldeneaue.net/index.ph…berufe/default?start=1500
    steht unter der Nummer 1563 eine alte Berufsbezeichnung "Olearius" (Ölschläger bzw. -stampfer")


    Vielleicht könnte das (oder etwas ähnliches) gemeint gewesen sein


    Gruß
    Günter

    Fortsetzung:



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    Abschluss-Kapitel
    für
    die Abwehrschlachten der 6. Armee
    im Donezbecken und in der Nogaischen Steppe


    III.


    Am Rande der Geschehnisse
    Der Feind hatte seinen Vorstoß vom Mius bis zum Dnjepr im Bereich der 6. Armee zwischen 18. August und 3. November 1943 mit erheblichen Menschen- und Materialverlusten bezahlen müssen. Das ergab sich nicht nur aus der mehr als 3 Monate betragenden Dauer dieser Schlacht, aus der Abschusszahl von 1.380 Pz. und den gemeldeten Zahlen über Gefallene und Gefangene, sondern auch aus Beutepapieren und Gefangenenaussagen.


    Aus Beutepapieren im Besitz eines Anfang November 1943 im Armeebereich gefallenen Oberbefehlshabers einer Sowjetarmee ging unter anderem hervor, dass das XX. Pz.Kps. 130 Pz. verloren hat, d.h. fast das gesamte 141 Pz. betragende Soll. Die 32. Gd.Pz.Brig. verlor 23 Pz., d.h. die Hälfte ihres Solls.


    Die Kfz.-Lage dieser Sowjetarmee war am 4.11. so angespannt, dass sie bei Nachschubwegen bis 200 km durch die Steppe über einen Bestand von 148 einsatzfähigen Lkw. (davon 39 rep. bedürftig) verfügte. Der Pferdebestand der S.Divn. schwankte zwischen 25-30 % des Solls.


    Gefangenen- und Überläuferaussagen ergaben, dass die Stimmung während des Vormarsches bei der Truppe einen wesentlichen Auftrieb erhalten hatte, aber infolge der sehr hohen Verluste der flüchtig ausgebildeten Infanteristen wieder einen Kriegsüberdruss wich. Die Disziplin wurde mit schärfsten Mitteln aufrechterhalten.



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    Infolge des schnellen Ablaufs vieler Ereignisse während dieser Doppelschlacht im Donezbecken und in der Nogaischen Steppe gelang die Evakuierung und wirtschaftl. Räumung der aufgegebenen Gebiete nicht überall in dem beabsichtigten Umfange. Die Zerstörung der ortsfesten kriegswichtigen Anlagen (Bergwerke, Betriebe, Lagerhäuser, Kraftwerke u.a.) war überall, besonders in den großen Industrieplätzen Krassnyj Lutsch, Taganrog, Stalino, Mariupol, Berdjansk und Melitopol vollkommen.


    Die Moskauer Zeitung „Prawda“ beklagte sich im November in einem Bericht über die Gründlichkeit, mit der von deutscher Seite die von den Sowjets erfunden „Politik der versengten Erde“ durchgeführt worden sei. Die Donez-Kohlengruben seien ersoffen und es müssten 3 Millionen cbm Wasser ausgepumpt werden, währenddem immer neues hinzukomme, eine Arbeit, die wahrscheinlich viele Jahre in Anspruch nehmen würde.


    Die von der Truppe nicht bis zuletzt benötigten Betriebsanlagen wurden größtenteils zurückgeführt. Auch wurden aus Taganrog auf dem Seeweg viel Edelmetalle herausgebracht. Die landwirtschaftlichen Maschinen, ebenso alles Staat- und Zuchtvieh konnten in die neue Verteidigungszone zurückgeführte werden.


    Im Übrigen wurden erhebliche wirtschaftliche Werte geborgen. So wurden beispielsweise aus dem Wirtschaftsgebiet Stalino 60.000 Stück Großvieh, 9.000 Schweine sowie 72.000 Schafe durch die Wi.-Organisation zurückgetrieben oder von der Truppe mitgeführt; dazu über 30.000 Pferde. Von den etwa 74.000 to. Getreidevorräten fielen nur 1/5 in Feindeshand. Ein Teil des der Bevölkerung zustehenden Getreides wurde an sie ausgegeben. Die Sowjets haben jedoch nach der russischen Besetzung aus der Bevölkerung alle Lebensmittel bis auf einen Monats-Verpflegssatz zwangsweise wieder beigetrieben, sodass die Ernährungslage der Bevölkerung sehr schnell und weit unter den Standard absank,



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    der während der deutschen Besatzungszeit bestand.


    Das im Umlauf befindliche deutsche Geld wurde auf 10 % des bisherigen Wertes: 1 Rubel = 1 Mark abgewertet.


    Von den noch auf dem Halm befindlichen geringen Teil des Getreides ließ sich nur wenig vernichten.


    Die Verpflegung der russischen Truppe soll seit Juni 1943 etwas besser geworden sein, trotzdem herrschte darüber Unzufriedenheit. Es gab im Allgemeinen als Tagessatz 500-800 g Brot, zweimal Suppe (oft ohne Fleischeinlage), 20-30 g Zucker und Tabak. Die Offiziere erhielten (im Gegensatz zum deutschen Heer) zusätzlich Butter bzw. Fischkonserven. Während des Vormarsches wurden oft statt Brot nur Getreidekörner oder rohes Mehl ausgegeben. Amerikanische Fleichskonserven, die bei dem Gegenangriff der 6. Armee im Juli 1943 noch vielfach bei den Sowjets vorgefunden wurden, soll es seit August 43 nicht mehr geben. Beschaffung zusätzlicher Verpflegung wurde teils streng bestraft, teils stillschweigend geduldet.


    Die Rekrutierung der sowj. Infanterieverbände aus der Bevölkerung der aufgegebenen Gebiete erfolgte in den Altersklassen zwischen 17-55 Jahren ohne Rücksicht auf den Gesundheitszustand summarisch und sehr gewaltsam. Wer den Gestellungsbefehl nicht befolgte, wurde erschossen; in Stalino zum Teil auf offener Straße. Die Zuführung zur Truppe geschah bis auf einen Teil der Jahrgänge 1925/26 auf der Stelle. Einkleidung erfolgte unterwegs, meist nur Schuhe und Mantel, Stahlhelm nur in geringem Umfange. Die Ausbildung erfolgte während der Marschpausen.


    Rotarmisten, die in deutscher Gefangenschaft gewesen waren, wurden nach strengem Verhör fast ausnahmslos Strafeinheiten zugeteilt, die in letzter Zeit wieder stärker an der Front in Erscheinung traten.



    --Ende--



    bis zum nächsten Mal
    Gruß
    Günter aus Siegsdorf

    Fortsetzung:



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    ein; die 6. Armee hatte einen erweiterten Brückenkopf Nikopol zu bilden und so lang zu halten, bis von dort aus der geplante Gegenangriff in den Einbruchsraum erfolgen konnte.


    Der Angriff bei Rubanowka wurde eingestellt. Die 101. Jg.Div. und Teile 50. I.D. wurden auf einen Brückenkopf Kachowka und nach Abwehr sehr starker panzerunterstützter Feindangriffe am 2. 11. auf das Westufer des Dnjepr zurückgenommen.


    Von der Bug-Mündung über Chersson bis Katschkarowka wurde unter dem Befehl des Befehlshabers Westtaurien und des XXXXIV. A.K. eine Sicherung des Westufers aufgebaut. In letzter Stunde gelang es der Armee noch, über 700 Kähne, 5 Fähren, 2 Motorschlepper und 3 Anlegestellen zu vernichten.


    Die gesamte Nordgruppe, die alle Feindangriffe der letzten Tage erfolgreich abgeschlagen hatte, wurde nunmehr auf einen gemeinsamen Brückenkopf in der Linie Sswadowka – Werchnij Rogatschik Südost – westl. Balki zurückgenommen.
    Hierzu befahl die Armee:
    „Das Halten der befohlenen Brückenkopfstellung ist die Voraussetzung für die in wenigen Tagen anlaufende Operation. Ich erwarte von Führung und Truppe, dass sie sich dieser einmaligen Aufgabe bewusst ist und unter Aufbietung aller seelischen und materiellen Kräfte den Uferwechsel der herankommenden neuen Verbände sicherstellt.“


    Das XXIX. und IV. A.K. haben ungeachtet des Erschöpfungszustandes ihrer Truppen gegen die inzwischen nachschwingenden und überall angreifenden feindl. Panzer und Infanterie die neue Front aufgebaut und gehalten. Korps und Armee begannen sofort




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    mit den Vorarbeiten für den so heiß ersehnten Gegenangriff, als am 4.11. aus heiterem Himmel die Abgabe beider Korps an das Pz.A.O.K.1 befohlen wurde. Damit musste sich die Armee von zwei Korps trennen, die 10 Monate lang unter ihr gefochten und trotz unendlicher Strapazen im Kampf gegen die bis zu achtfach überlegenen Feind die Tapferkeit, den Mut zum Entschluss und zur Wahrheit und die unbedingte Verbundenheit mit ihrer Armee zur Richtschnur ihres Handelns gemacht haben.


    Abschluss:
    Eine überwältigende zahlenmäßige feindliche Übermacht an Menschen, gepanzerten Verbänden und Artillerie, der schnelle Kräfteschwund in einer vierwöchigen Materialschlacht, das trotz zahlreicher Hilfsmaßnahmen bei der Heeresgruppe A aus der Gesamtlage erklärliche Fehlen genügend geschlossener Reserven brachte die Armee nach aufopferndem Widerstand ihrer Soldaten in die unmittelbare Gefahr, in der Nogaischen Steppe aufgerieben zu werden.


    Dass es nicht dahin kam, dankte sie der Besonnenheit und der Entschlusskraft ihrer Führer sowie dem Mut der Truppe, die sich bis zur letzten Stunde des Feindes standhaft erwehrte und ihm – immer wieder angreifend – schwere Verluste zufügte.


    Während der Schlacht in der Nogaischen Steppe vom 9.10. bis 2.11.1943 haben Verbände der 6. Armee
    3.900 Gefangene eingebracht
    580 Panzer vernichtet oder kampfunfähig gemacht,
    45 Geschütze,
    306 Pak und
    über 350 M.G. erbeutet oder vernichtet.


    Die s.Heeres-Panzer-Jäger-Abt.93 vernichtete allein 153 Feind-




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    panzer und schoss 24 bewegungsunfähig.


    Zahlreiche Feindverbände wurden , wie übereinstimmende Gefangenenaussagen ergaben, bis auf Reste aufgerieben.

    Fortsetzung:



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    scheidender Erfolg. Er hatte am 28./29.10. umgruppiert, drehte mit der Masse seiner schnellen Verbände und Panzer aus der Westrichtung nach Südwesten ab, durchbrach am 30.10. zwischen Dmitrijewka – Olgijewka – Schtscherbina die „Friesen-Stellung“ – die 1. slow.Div. war bereits ausgewichen – und stand mit seinen Spitzen am Abend an der Straße Kachowka-Tschaplinka.


    Damit hatte der Feind seine Karten aufgedeckt. Sein Ziel war Cherson und die Landenge von Perekop. Seine 51. Armee mit dem XIX. Pz.Kps., das II. und IV. Gd.mech.Kps., die 2. Gd.Armee und die beiden Kav.Kps. drängten nunmehr mit allen ihren Verbänden von verschiedenen Seiten in diesen Angriffsstreifen hinein.


    Es gab einen gewaltigen Dammrutsch!


    Dass die Armee diese Krise überstehen könnte, schien in ihrer gegenwärtigen Verfassung fast undenkbar.


    Der abgeschnittenen Südgruppe, die am 30.10. früh in der Linie Ssalkowo – Agaiman kämpfte, war in 70 km Tiefe der Rückweg verlegt. Zwischen ihr und der Landenge von Perekop lagen 50 km Durststrecke, eine zwischen Dornburg und Tschaplinka fast unbesiedelte, wasserarme Wüste. Weit überlegener Feind vorn und hinten. Wenn allen Fährnissen zum Trotz und dank einer besonnenen Führung die Südgruppe, belastet durch die rumänischen Einheiten, in zwei entsagungsvollen Kampf- und Marschtagen mit allen Verbänden und dem Großteil ihrer schweren Waffen und Fahrzeuge an den Brückenkopf Chersson zurückkam, so ist das ein einziges Hohes Lied auf die in ihr kämpfenden, ungebeugten deutschen Soldaten, das erst in späteren Tagen einmal voll erklingen wird.


    Die Hauptlast trug die 4. Geb.Div. und die kleine Panzergruppe von Haake. Wie die Lützowsche Jagd deckte diese mit ihren



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    wenigen Panzern und Selbstfahrlafetten die Flanke der 4. Geb.Div., die quer durch den nach Perekop strebenden Feind hindurch nach allen Seiten in Angriff und Abwehr der Südgruppe den Weg über Askanis Nowa bis in den Raum Krassnaja Poljana-Novo Gai öffnete.


    Indessen hatte die Armee die Kampfgruppe Hauser (13. Pz.D.) am 30.10. nach Süden in die Flanke der durch die „Friesen-Stellung“ stoßenden Feindpanzer geworfen. In schweren Kämpfen legte sie sich unter Abschuss von 13 Pz. über Olgijewka bis nach Schtscherbina dem Feinde vor, während die Panzergruppe von Haake von Agsiman, mitten im Strom der russischen Einheiten nach Südwesten schwimmend, durch einen Angriff über Schtscherbina auf Ljubimo Pawlowka der 4. Geb.Div. den Weg bahnte. Den Südflügel des XXXXIV. A.K. deckte die Gruppe Bauer, die mit der 370., Resten der 336. sowie der 4. und 24. rum I.D. und F.A.D.153 den Raum Wladimirowka – Krestowskije erkämpfte.


    Die 4. Geb.Div. griff aus der Bewegung heraus die auf Tschaplinka zustrebenden mot.- und Kav.-Verbände der russ. 51. Armee bei Petrowka an und vereinigte sich bei Nowj Gai mit der Kampfgruppe Hauser. Diese war auf Befehl der Armee von Olgijewka nochmals nach Westen abgedreht und schob am 310.10. dem Feind von Bolschaja Majatschka aus in schneidigem Angriff quer durch seine Angriffsspitzen hindurch einen neuen Riegel nach Südwesten bis Nowyj Gai vor. Die Südgruppe hatte den Anschluss wiedergefunden.


    Durch all‘ diese kühnen Einsätze war der Vormarsch der Sowjets in der Linie Malyj Ssemet – Nowyj Gai – Bolsch.Majatschka – Masslowskij auf 24 Stunden gestoppt. Die Gruppe Becker konnte sich nun durch die bis Tschaplinka und Perekop vorgedrungenen



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    Feindspitzen hindurch über Kalantschak auf Tschalbassy und Chersson durchkämpfen.


    Die Krise war durch die Tapferkeit von Offizier und Mann und durch die sichere, nie verzagende Führung überwunden.


    Durch erneuten Widerstand in weiteren Aufnahmestellungen vor Bolschije Kopani und Radenskoje schuf die 4. Geb.Div. dem XXXXIV. A.K. die Möglichkeit, bis zum 2.11. die 13. Pz.Div., die Reste der Gruppe Becker, die Masse der Rumänen und insgesamt etwa 15.000 Kraftfahrzeuge, sowie die gleiche Zahl Bespannfahrzeuge über die Fähren und die Schiffsbrücke bei Chersson abfließen zu lassen; dabei waren die Rumänen zu ordnen und einzugliedern, eine Leistung, die schon heute geschichtlich zu nennen ist. Auch zahlreiches Eisenbahnmaterial ließ sich bergen.


    Dann erst bezog die 4. Geb.Div. befehlsgemäß den
    Brückenkopf Chersson
    um ihn zu verteidigen.


    Brückenkopf Lepaticha – Nikopol.
    Durch die Überstürzung der Ereignisse bei der Südgruppe bekam der Angriff des XXIX. A.K. am 30.10. aus dem Raum Rubanowka heraus, auf dem bestanden worden war, im Grunde nur noch demonstrative Bedeutung. Der Feind bei Wesseloje und Kasatschi Lageri wurde geworfen, das feindbesetzte Kostogrysowka angegriffen und ein starker feindl. Flankenstoß ostw. Rubanowka abgewehrt.


    Aber die Entfernung zu der nach Südwesten abgedrängten Südgruppe wurde mit jeder Stunde größer, ein Durchstoßen durch die Masse des Feindes mit den angesetzten Kräften damit schließlich unmöglich.


    Inzwischen traf eine endgültige Entscheidung des O.K.H.

    Fortsetzung:



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    Kuibyschewo, Iwanowka, Dolina, Chleborob und Nowo Alexandrowka gegen überlegene Feindkräfte, ohne Anlehnung und auf freier Panzerjagd, durch zahlreiche Panzerabschüsse, Vernichtung vorgeprellter Feindgruppen, Einbringung von Gefangenen und Zerstörung von Material ihren Auftrag hervorragend erfüllt. Aber sie waren viel zu schwach, um mit den wenigen Panzergrenadieren auch nur eine lose Verbindung durch die Lücke herzustellen, geschweige denn zu halten.


    Der erste Versuch am 27.10., sie infanteristisch mit der 335. I.D. durch einen Flankenstoß von Kentschikur nach Süden zu schaffen, war infolge überlegener Gegenwirkung des II. Gd.mech.Kps. über einen Anfangserfolg nicht hinausgekommen. Die Armee ließ deshalb ab 28.10. das XXIX. A.K. nunmehr alle verfügbaren Kräfte im Großraum Rubanowka – Ssamoilowka als Stoßgruppe zusammenfassen und ungeachtet der Gefahren, die sie für den Brückenkopf Nikopol heraufbeschwor, auch alle bei der Nordgruppe verfügbarer schweren Waffen auf dem Westflügel vereinigen, um am 31.10. von hier nach Süden in die Lücke anzugreifen. Der Wunsch der Heeresgruppe, sogar inf. Kräfte des IV. A.K. noch für diesen Zweck herunterzuziehen war schon aus Zeitgründen nicht mehr erfüllbar.


    Die Krise.
    Inzwischen verschlechterte sich aber die taktische Lage der Armee immer schneller. Der vollbewegliche Feind wechselte seine Schwerpunkte an den Ostfronten der Armee mehrmals und hielt an der überholenden Verfolgung nach Westen fest; hier beinahe im freien Raum operierend. Ein Nachlassen seiner Offensivkraft war nicht zu spüren, obgleich sich die Heeresgruppe von dem bei Kriwoi Rog anlaufenden deutschen Großangriffsunternehmen eine Entlastung versprach und der Feind seit dem 24.10. durch den



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    Abschuss von weiteren 186 Panzern (seit dem 9.10. insgesamt 487) und die erbitterte Abwehr der eigenen Truppe wieder beträchtlich zur Ader gelassen war.


    Um den tiefen feindl. Vorstoß am 28.10. in den wichtigen Versorgungsstützpunkt Sserogossy auszugleichen und ihre Kräfte straffer am Zügel zu haben, nahm die Armee in der Nacht zum 29.10. die beiden Ostfronten weiter nach Westen zurück, die Südgruppe in die Linie Juskui – Ssmenowka, die Nordgruppe auf Dogmanowka – Beloserka – Balki Ost. Zur Sperrung der Engen Genitschesk und Ssalkowo wurden durch Pak und Artl. verstärkte Kräfte abgestellt.


    Drei Aufgaben hatte die Armee nach dem Stand vom 29.10. auszuführen:
    die „Friesen-Stellung“ zum Schutz der Krim verteidigen und hierzu durch Teile der Nordgruppe sofort verstärken,


    durch einen Angriff der Nordgruppe nach Süden die Verbindung zur Südgruppe herstellen und schließlich


    einen Brückenkopf Nikopol bilden, der groß und stark genug war, um Aufmarschraum für einen späteren Gegenangriff zu werden.


    Das XXXXIV. A.K. erhielt Befehl, sich am Nordflügel stark zu halten, um die „Friesen-Stellung“ in ihrer ganzen Länge besetzen zu können und durch deren Verteidigung die Verbindung zur 17. Armee und den Dnjepr sicherzustellen. Um den Nordteil der „Friesen-Stellung“, den der Befehlshaber Westtaurien mit ankommen- den Teilen der 50. I.D. und der 1. slow.Div. nur ganz schwach besetzt hielt zu verstärken, löste die Armee im Zuge des Absetzens die



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    101. Jg.Div. aus dem IV. A.K. heraus und beförderte sie in einer 200 km-Fahrt über die Brücke bei Nikopol mit eigenem, dem Nachschub entzogenen Kolonnenraum am Westufer des Dnjepr entlang über Berisslaw nach Kachowka.


    Dafür hatte das IV. A.K. nunmehr auf 60 km Frontbreite noch 9 Btle. im Einsatz, also je Btl. 6 km Abschnittsbreite. Die Nordgruppe der Armee konnte infolge der Kräfteverlegung an den Westflügel stündlich vom Feind an der Naht der beiden Korps aufgespalten werden, so dass die Armee dann in drei Teile auseinandergefallen wäre.


    Mit irgendwelcher Gefechtskraft der slow.Div. war, wie die Heeresgruppe vorausschickte, kaum zu rechnen: sie dürfe einem ernsten feindl. Angriff nicht ausgesetzt werden. Das gleiche galt auch für die bei der Südgruppe befindlichen rum. Verbände.


    Dazu kamen wachsende Nachschubsorgen. Die Versorgungszuführung für die Armee erfolgte, nachdem die letzte Bahnverbindung von der Krim zum Versorgungsstützpunkt Nowo Alexejewka ausgefallen und auch der wichtigste Stützpunkt Sserogossy verloren war, nur noch aus der Hand in den Mund im täglichen Kolonnenzulauf über den Dnjepr. Es fehlte an Kwk.-Munition, die auf Grund energischer Einschaltung der Armee schließlich doch in kleinen Mengen auf dem Luftwege heranzubringen war. Es mangelte an M.G.-Munition und Panzernahbekämpfungsmitteln; dieser Zustand wurde der Truppe bekannt und machte sie unsicher. Der geringe Bestand an Leuchtmunition führte des Nachts zu erhöhtem Artillerieverschuss. Die Brennstoffversorgung war so knapp, dass die Einheiten um die geringsten Mengen bettelten, um überhaupt noch fahren zu können.


    In dieser Lage gelang dem Feind am 30.10. ein für ihn ent-

    Fortsetzung:



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    Teile der 2. Gd.Armee und des II. Gd.mech.Kps. stießen bereits längs der Rollbahn Melitopol-Kachowka nach Westen und Nordwesten vor. Wesseloje war in Feindeshand, der rechte Flügel des Korps umgangen und die „Anhalt-Stellung“ von Süden her aufgerollt. Ein Stoß der kleinen Pz.Gruppe von Gaza von Latwejowka in die Flanke der russ. Pz.Verbände bei Perwomaiskij konnte keine entscheidende Entlastung mehr bringen (ihre Stärke betrug noch 6 Pz., 1 SPW.Kp.), rettete aber doch die tapfere Gruppe Recknagel in letzter Stunde vor völliger Umfassung. Die Feindspitzen standen bei Malaja Michailowka und Kuibyschewo, 20-25 km westl. der inneren Flügel des XXXXIV. und XXIX. A.K., – die 73. und 111. I.D. waren unterdes dem XXIX. A.K. unterstellt worden –.
    Auch der Druck gegen das IV. A.K. – 101. Jg.Div. und 3. Geb.Div. südostw. Wassilijewka – nahm zu; am 26.10. wurden dort 47 russ. Panzer abgeschossen.


    Versuch einer großen Lösung.
    Die 6. Armee war nunmehr in eine Nord- und eine sehr schwache Südgruppe aufgespalten und konnte mit ihnen zunächst nur getrennt operieren. Zur Abriegelung der Durchbruchsstelle fehlten die infanteristischen Reserven. Das drohende völlige Auseinanderfallen der Armee musste trotzdem verhindert und Zeit zur Umgruppierung vor allem für das in der Luft hängende XXIX. A.K. gewonnenen werden.


    Das XXXXIX. A.K., infolge des Zurückweichens der rumänischen Divisionen südwestl. Akimowka in misslicher Lage, konnte dank des eisernen Durchhaltens der Stützpunktbesatzung von Akimowka (unter Oberst Fett – Gren.Rgt.668) alle am Molotschoje See stehenden Kräfte, darunter die Hälfte der vorhandenen rumänischen Truppen – trotz bis zu 50 km Marschleistung – einraffen und sich in der Nacht zum 27.10. geordnet auf den Bol.Utljuk-Abschnitt absetzen.



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    Die Nordgruppe wurde in der gleichen Nacht auf die „Anhalt-Stellung“ zurückgenommen, die 73. und 111. I.D. in nächtlichem Gewaltmarsch nach Westen herumgeklappt und der Umklammerung feindlicher, schon vor den Div.Gefechtsständen auftretender Panzer entzogen. Die beim IV. A.K. herausgezogene 335. I.D. wurde mit Sturmgeschützen an den südl. Eckpfeiler Mentschikur geworfen. Die beim XXIX. A.K. freiwerdenden 9. I.D. und 97 Jg.Div. wurden nach Westen zurückgestaffelt. Die Feindspitzen erreichten am 27.10. früh die Linie Chleborob – Tretja Ferma.


    Um den Heroismus der Verbände der 6. Armee genügend herauszustellen, sind folgende Feststellungen wichtig:
    Noch von Divisionen zu sprechen, war Selbsttäuschung; schwache Regiments- oder Bataillonsgruppen standen noch im Kampf. Das XXIX. A.K. meldete beispielsweise am 27.10. mittags für die 73. I.D. eine inf. Gefechtsstärke von 170, für die 111. I.D. 200 Mann. Die Verluste an schweren Waffen betrugen 60 %, die Armee hatte noch zusammen 25 einsatzbereite Pz. und Sturmgeschütze. Die zu besetzende Front dagegen hat sich wie eine Gummischnur um das Doppelte gedehnt.


    Über den Feind wichen die Beurteilungen insoweit von einander ab, als teilweise bis zum 28.10. im tiefen Einbruchsraum nur ein für große operative Ziele zu schwaches feindliches Kav.Kps. und ungenügende Panzerkräfte vermutet wurden, während dort nach den bei der Armee vorliegenden Erkundungsergebnissen 2 Pz.-, 1 mot.mech. – und 2 Kav.Kps. operieren mussten. Sie konnten bei einigem Schneid bis auf das um diese Zeit noch nicht gesicherte Perekop, nach Chersson oder Kachowka, auch nach Nikopol durchstoßen.


    Umso schwieriger wurde es für die Armee, allen Erfordernissen



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    gerecht zu werden. Die Decke, an der von allen Seiten gezogen wurde, war obendrein zu kurz geworden. Ein falscher Zug konnte diesmal das Ende der 6. Armee vor dem Strom oder am Meer bedeuten.


    Es gab zwei Lösungen:
    Die Lücke zu schließen (große Lösung) oder die Nordgruppe auf die kombinierten oder getrennten Brückenköpfe Lepaticha-Nikopol und die durch Kräfte der Nordgruppe zu verstärkende Südgruppe in die „Friesen-Stellung“ zurücknehmen.


    Das Misslingen der großen Lösung gefährdete die kleinere, da sie die ohnehin schwache „Friesen-Stellung“ zwangsläufig schwächte und für einen Angriff von Norden nach Süden zeitraubende, nicht rückgängig zu machende Bewegungen stark angeschlagener Verbände notwendig machte. Zu Fuß quälten sich die Grenadiere mühsam durch die Steppe und brauchten Stunden für Entfernungen, für die den feindlichen schnellen Verbänden Minuten genügten. Die russische Infanterie – ein Schlaglicht auf die eigenen Marschleistungen – hing am 28.10. zwei Tageschmärsche ab.


    Umgekehrt Schloss die zweite Lösung nachträglich die erste aus, gefährdete bei ihrem Misslingen die Zugänge zur Krim und riss Armee wie Heeresgruppe auseinander.


    Die Entscheidung der Heeresgruppe fiel am 27.10. zu Gunsten der großen Lösung; die Armee suchte ihr in erster Linie dadurch gerecht zu werden, dass sie zwischen den inneren Flanken der Nord- und Südgruppe durch beweglichen Einsatz der beiden Kampfgruppen der 13. Pz.Div. und Abstoppen des feindl. Vormarsches einen losen Anschluss herstellte. Beide Gruppen haben am 27. und 28.10. bei

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    13.Pz.Div. hierbei im Gegenangriff (Oblt. Graf Ledebur, 2./Pz.Rgt.2) wieder 35 Panzer und 2 Geschütze.


    Bis zum 23.10. war die Panzerabschusszahl damit auf 389 angestiegen. Der Feind musste, weitere Auffüllungen nicht gerechnet, die Hälfte seines Panzerbestandes verloren haben und in seiner Angriffskraft geschwächt sein.


    So ließ sich die Abschusslage am 23.10. noch so beurteilen, dass sich bei rechtzeitiger Heranführung der 4.Geb.Div. zum XXXXIV. A.K. die Front südl. Melitopol trotz der starken Belastung noch weiter halten ließ, sofern kein unerwarteter feindlicher Kräftezuwachs eintrat. Das gleiche galt für den Nordteil der Armeefront, wo das IV.Gd.mech.Kps. nach seinem ersten Aderlass Ende September neue beträchtliche Rückschläge erhalten hatte.


    Durch das am 22.10. erfolgte Beziehen der gut ausgebauten „Franken-Sehne“ waren Kräfte eingespart und die Lage entspannt worden.


    Übersehen werden durfte allerdings nicht, dass die Armee ihrerseits auch stark geschwächt aus diesem ersten Teil der Schlacht herausging.


    III.
    Der russ. Durchbruch zum Dnjepr und der Landenge von Perekop vom 24.10. bis 3.11.1943
    Der Fall von Melitopol am 23.10. wurde für die Sowjets das Signal zum Durchbruchsangriff. Ihre Reserven waren, wie sich bald herausstellte noch immer überwältigend stark. Sechs russ. Armeen (26., 51., 2.Gd., 44.,



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    5. Stoßarmee und 3.Gd.Armee) standen mit 11 Schützen-Kps., 3 Pz.Kps. ((XI. XIX. und XXIII.), der 238. selbst.Pz.Brig., dem II. und IV. Gd.mech.Kps. sowie dem IV: und V. Gd.Kav.Korps – jedes mit einem Pz.Rgt. – bereit, um nach Zermürbung der deutschen Kräfte im Raum Melitopol die bisherigen Erfolge nunmehr operativ auszunutzen. Drei der Schtz.Kps. waren von Norden frisch herangeführt worden. Das Panzer-Ist war noch immer 4-500 zu schätzen, die Artillerie des Feindes, nicht gerechnet die Salvengeschütze, auf 400 Batterien (gegen 173 eigene) angewachsen.


    Dieses Übergewicht setzte die russ. Führung am 24.10. zum ersten Male ein, um nach Trommelfeuer und starken Schlachtfliegereinsatz mit 6 s.Divn., unterstützt von zwei Panzerwellen, gegen die Sicherungslinie des XXXXIV. A.K. bei Guttertal zum Durchbruch zu kommen.


    Die Pz.Gruppe v. Haake (13.Pz.Div.) und Sturmgeschütze warfen sich entgegen. Aus der ersten Welle von 60 Panzern wurden 30 abgeschossen. Batterien der Artl.Rgter.336 und 370 verteidigten ihre Stellungen im Nahkampf. Gegen die zweite Panzerwelle griff auch die s.Heeres-Pz.Jg.Abt.93 ein. Es gelang, den Angriff in der Linie Akimowka – Eigenfeld – Johannsruh zum Stehen zu bringen; 94 Panzer waren vernichtet.


    Aber das XXXXIV. A.K. erlitt auch erneut Verluste, die den Bogen überspannten.


    Zum Besetzen der geschlossenen Auffanglinie fehlten nun die erforderlichen inf.Kräfte endgültig; es konnte nur noch gruppenweise abgeriegelt werden.


    Trotz ihres allgemeinen Kräfteschwundes ließ die Armee zu weiterer Stützung des XXXXIV. A.K. in der Nacht bei dem anderen



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    Korps die 335. I.D., die s.Artl.Abt.884, Sturmgeschütze und eine A.A. herausziehen und nach Süden werfen. Das IV. A.K. hatte außerdem sofort die Kampfgruppe Hauser (13.Pz.Div.) für Einsatz an der bedrohten Front freizumachen. Die Armee schwächte sich damit im Nordabschnitt bis zum äußersten.


    Feindlicher Durchbruch am 25./26.10. nach Nordwesten und Westen.
    Das XXXXIV. A.K. vereitelte mit seinen zur Gruppe Becker zusammengefassten kampffähigen Teilen der 370. und 336. I.D., Alarmeinheiten und den ankommenden Teilen der 4.Geb.Div. mit letzter Kraftanstrengung im Nahkampf, mit M.Pi., Bajonett und Handgranate am Stützpunkt Akimowka erneute Durchbrüche des Feindes nach Westen. Seine Panzer prallten bei Kaisertal – Eigenfeld – Marienfeld auf die wirkungsvolle Abwehr der Panzer-Gruppe von Haake.


    Die russ. 51. Armee richtete daraufhin ihren Hauptstoß mit der Masse der Schützen-Divn. und dem seit 2 Wochen hierfür bereitstehenden XIX. Pz.-u. IV. Gd.Kav.Kps. nach Nordwesten, drückte den rechten Flügel der nunmehr abgekämpften 73. I.D. nach Norden weg und riss ein Loch von 15 km in die Front. Die 73. und 111. I.D. wurden durch die hier einflutenden Feindmassen von der Gruppe Becker getrennt, der Südteil der „Anhalt-Stellung“ ging verloren; nachdem auch Nowo Nikolajewka gefallen war, konnten sich die beiden Divn. erst auf den Höhen nördl. des Ortes, bei Dalnyj und in Richtung auf Terpenja wieder fangen.


    Da die Kampfgruppe Hauser (13. Pz.Div.) aus den Kämpfen des IV. A.K. um Selenyj Gai nicht frühzeitig genug herausgelöst werden konnte, und so erst am 26.10. am Südflügel des XXIX. A.K. zum Einsatz kam, erweiterte sich die Lücke inzwischen auf 25 km, und

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    Dieser Angriff wurde vom XXIX. A.K. sowie 3. Geb.Div. und 258. I.D. (IV. A.K.) unter mustergültigem Zusammenwirken mit der Artillerie, den Panzern der 13. Pz.Div. und Sturmgeschützen, den „Freunden der Infanterie“, mit unvergleichlicher Tapferkeit – gegen Oktoberfeld wurde allein 30-mal gestürmt – abgeschlagen. In der „Panzerschlacht bei Oktoberfeld“ am 10.10. hat die Kampfgruppe von Gaza (13.Pz.Div.) allein 62 russ. Panzer vernichtet und 360 Gefangene eingebracht.


    Insgesamt wurden vom XXIX. A.K. am 10. Oktober 99 Panzer, also 2/3 des Einsatzes, z.T. tief hinter den deutschen Linien abgeschossen. Dieser Schock wirkte so nachhaltig, dass erst vom 17.10. ab die Angriffe wieder auflebten, d.h. nachdem inzwischen der Brückenkopf von Saporoshje gefallen war, das IV. A.K. deshalb seinen linken Flügel zurücknehmen musste und außerdem Zuzug beträchtlicher Feindkräfte aus dem geräumten Gebiet erfolgte.


    Kampf um Melitopol.
    Im Abschnitt des XXXXIV. A.K. wurden die zahlreichen, am 9.10. durch die russ. 28. Armee und das XI. Pz.Kps. südl. Melitopol und bei Selenyj Lug vorgetragenen Angriffe von der zahlenmäßig schwachen 336. und der bewährten 111. I.D. abgewiesen; allein das schon seit Wochen abgekämpfte Gren.Rgt.686 (336. I.D.) musste Danilo Iwanowka aufgeben. Tags darauf drang der Feind von hier aus trotz erfolgreicher Gegenstöße der 73. I.D. in das Plantagengelände bei Selenyj Lug und südl. Melitopol vor. Dieser zunächst unscheinbare Anfangserfolg, den die Sowjets aber richtig zu werten verstanden, führte zu einer sofortigen Verlagerung ihres operativen Schwergewichtes nach Süden



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    Unter Heranführen immer neuer Kräfte, mit ungeheurem Munitionsaufwand und fast völligem Verscheiß ihres XI. Pz.Kps. arbeiteten sich die Sowjets trotz weiterer schwerer Rückschläge und Panzerverluste, die ihnen durch die dauernden Gegenangriffe unserer Infanterie und Sturmgeschütze beigebracht wurden, Schritt für Schritt an die Straße und Bahnlinie nach Melitopol heran. Obgleich sie dabei durch einen Gegenangriff der 73. und 111. I.D. am 12.10. empfindlich getroffen und zurückgeworfen wurden, sickerten sie durch das Plantagen- und Kusselgelände bis zum südlichen Stadtrand ein und setzten sich dort fest.


    – „Melitopol ist das Tor zur Krim“ – so wurde den Rotarmisten im Unterricht gelehrt. In einem erbitterten 12-tägigem Häuserkampf, bis die Kräfte einer der besten Divisionen, der 111. I.D., aufgezehrt waren, wurde die Stadt unter persönlicher Führung von General Recknagel heldenmütig verteidigt, der stets vorn bei seinen Grenadieren war; einmal rettete ihn nur ein Fenstersprung vor
    dem Tode.


    Die 336. I.D. war längst verbraucht. Die Armee hatte unterdes zwei neu herangeführte Verbände, die 73. und 370. I.D., in diesen Kampfabschnitt des XXXXIV. A.K. werfen müssen, der ein Fass ohne Boden war. Der tägliche Kräfteschwund nahm auch diese Divisionen stark mit; ihre Gefechtsstärke reichte infolge der sich immer weiter spannenden Fronten nicht aus, um zu einem durchgreifenden Gegenschlag zu kommen, zumal manches eintreffende Btl. aus der Bahn heraus in das Gefecht treten musste.
    Außerdem setzte vom 21.10. ab im Südteil des XXXXIV. A.K. der Druck auf Akimowka und gegen die bei Nowo Alexandrowka und Radionowka stehenden rumänischen Verbände ein. Da auf sie kein Verlass war musste die Front dort ebenfalls durch deutsche Verbände abgestützt werden.



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    Trotz dieser Belastung brachte der 22.10. der Armee nochmals einen guten Abwehrerfolg. Im Kampf um Melitopol und die Einbruchstelle südlich der Stadt wurden 10 Panzer abgeschossen, darunter 2 durch Nahkampfmittel; die als Eingreifreserve zugeführte Pz.-Gruppe Haake (13.Pz.Div.) Schloss im Gegenangriff aus Akimowka heraus eine westlich Nowo Alexandrowka entstandene Lücke; abgeschnittene Kräfte des XXXXIV. A.K. reichten im Mittelabschnitt nun nur noch zu einer stützpunktweisen Besetzung der Front aus.


    Am Nordflügel der Armee hatte das IV. A.K. unterdes am 21.10. gegen überlegene Panzerkräfte des IV. Gd.mech.Kps. im Abschnitt der 17.Pz.Div. das Höhengelände südl. Eristowka sowie die Orte Selenyi Gai und Kalinowka verloren. Durch einen schneidigen, allerdings auch verlustreichen Gegenangriff am 22.10. holten sich die 3.Geb.Div., 101. Jg.Div. und die Pz.Gruppe 13.Pz.Div. sich das verlorene Gelände zurück und setzten hierbei 45 Feindpanzer außer Gefecht. Die blutigen Verluste des Gegners in den von Menschen wimmelnden Schluchten vor der HKL hätten noch gewaltiger sein können, wären nicht der inzwischen spürbare Munitionsmangel und die beschränkten Einsatzmittel der Luftwaffe hemmend dazwischen getreten. Die Heeresgruppe würdigte den 22.10. wie folgt:
    „Zu dem heutigen großen Abwehrerfolg spreche ich der Armee meine Anerkennung und meinen Dank aus. Ich bitte, das den beteiligten tapferen Truppen zu übermitteln.
    von Kleist
    Generalfeldmarschall“


    Am 24.10. ging Kalinowka wieder verloren, doch vernichtete die

    Fortsetzung:


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    2. Kapitel


    Die Abwehrschlacht der 6. Armee in der „Wotan-Stellung“
    und durch die Nogaische Steppe bis zum Dnjepr
    vom 26.9. bis 2.11.1943


    I.


    Abwehrkampf in der Wotanstellung vom 26.9.-2.10.1943
    Der erste Ansturm der Sowjets vom 26.9.-2.10.1943 aus der Verfolgung heraus mit 15.S.Divn. und starken Panzerkräften gegen den Riegel von der Konka-Niederung zum Asow Meer, die „Wotan-Stellung“, führte westlich Bolschoi Tokmak unter geringen Geländeverlust zu einem vollen Abwehrerfolg der 6. Armee. Die eingesetzten Panzerverbände des XX. russ.Pz.Kps. und 2 Pz.Brig. des IV. Gd.mech.Kps. hatten 271 Panzer, also mehr als die Hälfte ihres Bestandes eingebüßt, ihr größter Teil blieb zerstört hinter den deutschen Linien liegen. 1700 Gefangene waren eingebracht, die blutigen Verluste nach übereinstimmenden Gefangenenaussagen ungewöhnlich hoch.


    Verkannt werden aber durfte nicht, dass die russ. Heeresgruppe „Südfront“ gerade erst an die deutschen Linien aufgeschlossen und sich, eines billigen Erfolges gewärtig, nur Zeit zu einer flüchtigen Bereitstellung gelassen hatte. Besonders war der artilleristische Aufmarsch zweifellos nicht vollständig beendet gewesen.



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    II.
    Russische Einbrüche im Raum Melitopol vom 9.-23.10.1943
    Bereitstellung.
    Die Sowjets brachen am 2.10. die missglückte Schlacht ab und gruppierten um. Sie stellten nunmehr der 6. Armee eine Übermacht an schnellen und gepanzerten Verbänden sowie an Infanterie gegenüber, die alles Dagewesene überbot und die durch die während der Schlacht erfolgende Aufgabe des Brückenkopfes Saporoshje von Norden laufend Zuzug erhielt. Versammelt wurden 45 S.Divn., das aufgefüllte II. und IV. und V. Gd.Kav.Kps. mit je einem Pz.Rgt., vermutlich noch einige selbst. Panzereinheiten; Gesamtzahl etwa 800 Panzer.


    Mit rund 400 Batterien, 11 Gd.Gr.Wf.Rgt. zu durchschnittlich 20 Salvengeschützen und einer Flotte von Schlachtfliegern, mit Granaten, Bomben und Phosphor hatte sich der Feind das Instrument errichtet, mit Hilfe dessen er die deutsche Infanterie zu Schlacke ausbrennen wollte.


    Dieser materiellen Übermacht hatte die 6. Armee nur 36.Pz.III und IV, 47 Pz.V (davon zunächst 29 einsatzbereit), 98 Sturmgeschütze und 173 Batterien Artillerie, dazu aber den Mut und Kampfeswillen ihrer in schwersten Sommerschlachten erprobten, aber auch abgenutzten Infanterie entgegenzustellen. Als erschwerend kam hinzu, dass die Armee, zwischen Konka-Niederung, Dnjepr-Strom und Asow Meer eingekeilt, die denkbar ungünstigste Nachschubbasis besaß. Die Auffüllung der in ihren Beständen völlig abgesunkenen Truppe war noch unter Ausnutzung der durch die rückw. Divisions-Bereiche führenden einzigen Bahnlinie Saporoshje-Melitopol-Genitschesk gelungen. Diese Linie ging durch Zurücknahme des Brückenkopfes



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    Saporoshje und die Entwicklung der Lage südl. Melitopol verloren, noch ehe die Schlacht ihren Höhepunkt erreicht hatte. Der Nachschub verlagerte sich damit ohne Schienenstrang völlig auf die drei einbahnigen Kriegsbrücken in Cherson, Berisslaw und Nikopol über den 3-400 m breiten, an den Ufern zumeist versumpften Strom. Und gerade als der Kampf am härtesten war, kam der Zugzulauf zu dem Hauptumschlagplatz Nikopol durch den russischen Einbruch bei Pz.A.O.K.1 im Raum Kriwoi Rog völlig zum Erliegen. Von dieser Stunde an war die Armee einzig und allein auf den Bahnzulauf von der Krim her in den Raum südwestl. Melitopol und auf den infolge der vorgeschrittenen Jahreszeit sehr unsicher gewordenen Kolonnenzulauf angewiesen. Keine befestigte Straße, allein bei Regen verschlammende Greter und Trakte führten durch die Nogaische Steppe zur Front, den Raum ohne Maß und Grenze, über den gerade die Sandstürme dahin fegten. Keine befestigte Rochade-Straße garantierte das rechtzeitige Verschieben von Reserven, kein Fluss abschnitt westl. der „Wotan-Stellung“, kein Höhenzug bot natürliche Anhaltspunkte. In der Steppe ohne Baum und Strauch stand die Artillerie wie auf einem Tablett dem feindl. Auge preisgegeben.


    Verlässlicher Rückhalt für die Armee waren nur die Franken-Sehne, eine für die Infanterie bezugsfertig ausgebaute Stellung zwischen Bogdanowka und Wassiljewka (XXIX. und IV. A.K.) sowie die im ersten Ausbaustadium befindliche, stellenweise an alte russ. Panzergräben angelehnte „Anhalt-Stellung“, eine 130 km lange Sehne vom Molotschnoje-See zur Konka-Niederung bei Balki.


    Alles in allem genommen wurde für die Armee das Halten der „Wotan-Stellung“, die am Steppenrand durch das erhöhte Ufergelän-



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    de des Molotschnaja und die Höhenzüge bei Eristowka ausreichende durch einen Panzergraben verstärkte Geländevorteile bot, zur Lebensfrage.


    Angriffsbeginn.
    Am 9.10.1943 zu ungewöhnlicher Tageszeit – um 10,00 Uhr vormittags – begann die Schlacht mit einem einstündigen schweren Trommelfeuer aller Kaliber. Bei der 17. und 9. I.D. zählte man in einer Stunde je 15.000 Einschläge. Kein Artillerieduell, beide Parteien hämmerten nur auf die Menschen in den Gräben, Schluchten und Ortschaften! Dann folgte auf breiter Front zwischen Selenyj Lug (südl. Melitopol) und Grosoff (linker Abschnitt IV. A.K.) der von Panzern und Schlachtfliegern unterstützte Infanterie-Angriff.


    Zwei volle Wochen dauerte unter mehrmaligem Wechsel des Schwerpunktes die erst Phase dieser Zermürbungsschlacht. Da die Sowjets im Nordabschnitt ohne Erfolg blieben, gruppierten sie um und griffen Tag für Tag stur und ohne Rücksicht auf Verluste an Menschen und Panzern bei Melitopol an, bis sie eine Bresche in die ebenfalls ausblutenden deutschen Verbände geschlagen hatten; dann erst gingen sie zum Generalangriff über.


    Angriffsziel war die Vernichtung der 6. Armee. Danach stand das Tor zur Krim und das politische Ziel Ukraine / Besarabien offen.


    Die Panzerschlacht bei Oktoberfeld.
    Westlich Bolschoi Tokmak holte sich der Feind durch den Einsatz von 50 Panzern des XX. Pz.Kps. und einen Massensturm seiner Infanterie bei Bogdanowka, Oktoberfeld, Kanadskij und südl. Gendelberg am 9.10. einige Anfangserfolge. Sie veranlassten ihn, am kommenden Tag mit 10 bis 12 S.Divn. sowie 150 Pz. des IV. Gd.mech.Kps. und XX. Pz.Kps. zu einem konzentrischen Stoß auf Michailowka anzutreten.

    Fortsetzung:



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    wurde zur Vereinheitlichung der Kampfführung aufgelöst, die 304. und 335. I.D. des XVII. A.K., die 258. und 294. I.D. dem IV. A.K. unterstellt. Stalino wurde unter weitgehender Zerstörung aller kriegswichtigen Anlagen geräumt.


    Am 8.9. kam durch einen breiten Feindeinbruch an der Naht XXIX./IV. A.K. durch der Südabschnitt der Armee in Bewegung. Zu-nächst wurde die ganze Front der beiden Korps in eine etwa 10 km westlich der „Schildkröten-Stellung“ verlaufenden Linie zurückgenommen. Als sich jedoch am kommenden Tag der Einbruch in Richtung Wolnowacha weiter vertiefte, ging die Armee zur beweglichen Kampfweise über und führte eine erste größere Zurücknahme ihrer Truppen in Übereinstimmung mit der 1.Panzer-Armee in die „Krokodil-Stellung“ durch. Diese Stellung zog sich von Mariupol-Hafen nordwestl. über Nowo Karakuba – Bolschoi Janissol in Gegend Nowo Pawlowka. Nachhuten setzten sich in der „Salamander-Stellung“ fest. Diese Stellung verlief von Mariupol Ost über Nowo Michailowka in Richtung aus Postyschewo, von wo der Feind am 9.9. gleichzeitig einen neuen Stoß in die Nordflanke der Armee führte. Er konnte aber abgefangen werden.


    Am 10.9. wurde Mariupol unter gründlicher Zerstörung der dortigen industriellen – und Hafenanlagen geräumt.


    Da die russische Führung immer wieder das Ziel verfolgte, die Armee in der Mitte, d.h. an der Naht zwischen XXIX./IV. A.K. aufzuspalten und ihr mit schnellen Verbänden auf dem Wege zum Dnjepr in überholender Verfolgung zuvorzukommen, hielt die Armee die Eingreifgruppen des IV. und XXIX. A.K. an deren inneren Flügeln zusammen.



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    Am 11.9. war die Krokodil-Stellung“ erreicht und es gelang der Armee, dort an zwei Stellen für die weitere Durchführung der Absetzbewegung entscheidende Abwehrerfolge zu erzielen. Die 17. I.D. (linker Flügel XXIX. A.K.) wurde bei Bogasslowskoje durch eine von 40 Pz. unterstützte feindl. Stoßgruppe angegriffen, diese jedoch unter Verlust von mehr als der Hälfte der angreifenden Panzer abgeschlagen.


    Schließung der Lücke zum Pz.A.O.K.1.
    Am linken Flügel hatte sich inzwischen die Lage außerordentlich zugespitzt.


    Die Lücke zum Pz.A.O.K.1 war auf über 40 km angewachsen; die russischen Panzer rollten auf der Straße von Postyschewo über Kamenka – Alexandrowka in Richtung auf Wassilkowka und weiter nach Westen und Südwesten vorwärts. Angriffsspitzen waren am 10.9. bereits ostw. und südostw. des Eisenbahnknotenpunktes Ssinelnikowo gemeldet, hatten sich dort also auf 40-50 km dem Dnjepr genähert und richteten im Hinterland viel Unheil an. Der Kampfkommandant von Saporoshje bekam deshalb am 10.9. Befehl, die Ausfallstraßen von Saporoshje nach Osten und Nordosten zu sichern und Aufklärung bis in den Raum Pokrowskoje – Wassilkowka – Ssinelnikowo vorzutreiben.


    In Zusammenarbeit mit dem Pz.A.O.K.1 wurde nunmehr die dringend gewordene Vereinigung der beiden Armeeflügel und die völlige Schließung der Lücke durch einen Angriff des XVII. A.K. mit der 9.Pz.Div. am 11.9. von Iwanowka nach Norden auf Kamenka-Alexandrowka durchgeführt. Von Norden führte das XXXX. Pz.Korps mit der 16.Pz. Gren.Div. sowie der 23.Pz.Div. aus dem Raum Sslawjanka – Troizkoje einen entsprechenden Stoß nach Süden. In Snamenka trafen sich die Spitzen und das Unternehmen wurde ein voller Erfolg. Denn die tiefe Flankenbedrohung der Armee war damit ausgeschaltet, die Absicht des



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    Feindes, überholend zwischen den beiden Armeen nach Saporoshje zuvorzukommen, damit vereitelt. Die 9.Pz.Div. wurde mit dem 11.9. dem Pz.A.O.K.1 unterstellt.


    Die Sowjets versuchten ihr altes Ziel, der Armee an den Dnjepr zuvorzukommen, nunmehr wieder mit Hilfe eines Durchbruchs in der Mitte der 6. Armee zu erreichen. Am 12.9. griffen starke Pz. Kräfte die 258. I.D. bei Staro Kermentschik an und konnten einen tiefen Einbruch nach Nordwesten in die Gegend Uspenowka erzielen. Der Angriff wurde am 13.9. über Durkenowka nach Westen und Nordwesten weitergeführt. Die Armee wich dieser Angriffsbewegung mit dem IV. und XVII. A.K. bereits am 12.9. beweglich aus und setzte sich bis zum 14./15.9. in die „Natter-Lurch-Stellung“ ab, die von Ursuf (Asow Meer) über Kuibyschewo dem Lauf des Gaitschul-Flußes nach Nordwesten folgte. Dort gelang es, durch schnelle und energisch geführte Gegenstöße des IV. A.K. nördlich Kuibyschewo sowie zwischen Nowosselowka und Guljai Pole diese letzte feindl. Durchbruchsoperation unter Vernichtung zahlreicher Panzer zum Stehen zu bringen.


    Ein letzter, am 19.9. auf Malyj Tokmak gefahrener russ. Panzer-Angriff ´durch die Kampfgruppe 13.Pz.Div. unter völliger Vernichtung der durchbrochenen Kräfte abgeschlagen.


    Die laufenden starken Panzer-Verluste der Russen entlasteten die letzten Absprengsprünge der 6. Armee zwischen 16.-20.9 zur „Wotan-Stellung“ außerordentlich.


    Seit Beginn der Absetzbewegungen, d.h. vom 1.-20.9. wurden rund 492 Feind-Pz. außer Gefecht gesetzt; zusammen mit den vom 18.-31.8. abgeschossenen 318 Panzern hatten den Feind seine Operation also über 800 Panzer gekostet. Außerdem waren rund



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    3.000 Gefangene gemacht worden, darunter 250 Offiziere. So konnte die Armee über die „Habicht und „Otter-Stellung“, zwei flüchtige Aufnahmeabschnitte hinweg in der Nacht vom 19./20.9. ohne ernsten Feinddruck die „Wotan-Stellung“ beziehen und den größten Teil ihrer schweren Waffen mit hineinbringen. Auch die im Bereich des A.O.K.6 vom 18.8.-20.9.1943 eingesetzten Einheiten der 15. Flak-Div. (mot) haben sich hieran im Erdeinsatz wirksam beteiligt. Von ihnen wurden 27 Panzer vernichtet und 11 außer Gefecht gesetzt. Sie machten bei dem Gegenangriff auf Ilowaisk am 30.8. 100 Gefangene und schossen insgesamt 36 Flugzeuge ab.


    Die Korps hatten ihre Hauptaufgabe, während der Rückwärtsbewegungen die einzelnen Linien im großen zu behaupten, ihre Anschlusspunkte zu behalten und unter Wahrung der Verbindung untereinander und mit der linken Nachbar-Armee dem Gegner kein Möglichkeiten zur Überflügelung und zum Durchbruch zu geben, in vorbildlicher Weise gelöst. Die körperlichen Leistungen, die hierbei an die Truppe gestellt werden mussten, waren ganz ungewöhnlich, Marschleistungen von 120 km in 48 Stunden keine Ausnahmen. Der deutsche Grenadier hatte das Feld behauptet.

    Fortsetzung:



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    Ein tiefer Panzerdurchbruch bei der 258. I.D. in die „Schildkröten-Stellung“ im Abschnitt Mospino – Grussko Ssarjanskij konnte durch Teile der 17.Pz.Div. und Kampfgruppe Kistner (Arko IV. A.K.) abgefangen und durch einen Gegenangriff der 258. I.D. und der Panther-Abt. I/23 am 4.9. wieder bereinigt werden.


    In der Nacht zum 4.9. gingen das XXIX. und Masse XVII. A.K. in die „Schildkröten-Stellung“.


    XVII. A.K. und Korpsgruppe Sieler kämpften bis 5.9. abends noch im Vorfeld der „Schildkröte“. die 9.Pz.Div. wurde hinter dem linken Flügel XXIX. A.K. belassen; XVII. A.K. blieben für seine Vorfeldkämpfe eine Kp.Panther und die Pz.Gruppe 17.Pz.Div. unterstellt. die Korpsgruppe Sieler erhielt eine Panther-Abt. ohne eine Kompanie.


    Der Führungskunst aller beteiligten Stellen war es gelungen, die 6.Armee nach ihrem vergeblichen Bemühen, den Feind in der „Mius-Stellung“ zu schlagen, aus einer kritisch gewordenen Lage geordnet und ohne dass der Zusammenhalt verloren ging, kampfkräftig in diesen neuen Verteidigungsabschnitt hineinzuschleusen. Die Armee war entschlossen, die „Schildkröten-Stellung“ auf die Dauer zu halten. Der Oberbefehlshaber gab dazu an die Kommandierenden Genderale der Korps folgenden Befehl:
    „Die Rückwärtsbewegung der Armee hat unter allen Umständen in der „Schildkröten-Stellung“ ihren endgültigen Abschluss zu finden. Die „Schildkröten-Stellung“ ist auf die Dauer zu halten. Ich mache die Herren Komm.Generale und Div.Kommandeure dafür verantwortlich, dass angesichts der geringen Kampfstärken der Divisionen der letzte brauchbare Mann aus den Trossen, Kolonnen usw. eingesetzt wird, um die ausreichende Besetzung der Stellung und Bildung von Reserven zu ermöglichen.Ich erwarte, dass jede Bttr.Stellung als verteidigungsfähiger Stützpunkt so ausgebaut wird, dass Geschützverluste bei örtlichen Einbrüchen ausgeschlossen sind und die



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    Batterien in unübersichtlichem Gelände so stehen, dass sie zugleich einen unmittelbaren Rückhalt für die Infanterie bilden“


    Gleichzeitig wurden Anweisungen für die Einsatzweise zugeteilten Panther-Kpn. gegeben.


    IV.
    Absetzen der 6.Armee von der
    „Schildkröten- auf die Wotan-Stellung“
    (Riegelstellung vom Dnjepr zum Asow Meer)
    vom 6.9.-20.9.1943


    Auf höheren Befehl musste die 6.Armee ihre Absicht, das Donezbecken in der „Schildkröten-Stellung“ zu verteidigen, bald wieder aufgeben.


    Der Entschluss, vom Mius und Donez auf den Dnjepr zurückzugehen, mochte der Obersten Deutschen Führung nicht leicht gefallen sein; denn es wurde damit ein räumlich und wirtschaftlich bedeutsames Gebiet dem Feinde überlassen. Wenn auch die wirtschaftliche Nutzung, besonders durch die umfassende Zerstörungen der Bergwerksbetriebe, auf längere Zeit verhindert wurde, so viel dem Feind doch ein großer Teil der diesjährigen Getreide-und Maisernte noch auf dem Halm in die Hände und auch die Evakuierung der wehr- und arbeitsfähigen Bevölkerung gelang infolge des schnellen Ablaufs der Ereignisse nur unvollkommen.


    Der Feind hat während der nunmehr folgenden Absetzbewegungen im wesentlichen nur Pz.Marsch-Kpn. zur Auffüllung seiner Materialausfälle nachgeführt, sich infanteristisch jedoch in der Hauptsache aus der männlichen Einwohnerschaft der geräumten Gebiete ergänzt. Es werden aus dem Raum Asow Meer-Stalino-Saporoshje



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    Aushebungszahlen zwischen 50-80.000 Mann genannt, sind aber wahrscheinlich zu niedrig gegriffen. Überläufer berichten, dass diese Aushebung ortsweise summarisch erfolgte, dass die Männer in Zivil, nur ergänzt durch einen Uniformmantel oder eine Uniformhose, ein Gewehr in die Hand gedrückt bekamen und mit marschieren mussten. Da sie zwei Jahre unter Deutschen gelebt hatten, wurden sie misstrauisch und als zweitklassige Soldaten behandelt; man nannte sie „Beute-Soldaten“. Auch in der Ernährung wurden sie schlechter gestellt als die anderen.


    Ein neuer tiefer Durchbruch am 6./7.9.1943 beim linken Nachbarn, dem Pz.A.O.K.1, aus Nordosten, durch den zur 6.Armee eine breite Lücke entstand und ihr Nordflügel ernstlich mit Umfassung bedroht wurde, gab offenbar den ersten Anstoß zur beschleunigten Fortsetzung der Absetzbewegungen.


    Am 6.9. war eine Feindgruppe von Norden nach Grossnyj durchgedrungen und begann die Korpsgruppe Sieler aufzurollen, die gleichzeitig auch von Osten her angegriffen wurde. Es gelang, durch einen schwungvollen Gegenstoß der Panther-Abt. Grossnyj wiederzugewinnen, doch musste noch am 6.9. der linke Flügel der 335. I.D. nach Süden abgeklappt werden.


    Am 7.9. erreichte eine starke russ. Panzergruppe bereits Postyschewo, 50 km westl. der Korpsgruppe Sieler. Befehlsgemäß musste die Armee deshalb am 7.9. abends beginnend die „Schildkröten-Stellung“ aufgeben. Zunächst wurde das XVII. A.K. und die Korpsgruppe Sieler in die Linie Ruttschenkowo – Karlowka zurückgenommen und durch Zusammenfassung der Sturmgeschütz-Abt. 209 und der Pz.Gruppe der 9.Pz.Div. (Major Voss) in Otscheretino eine Flankensicherung nach Norden aufgebaut. Die Korpsgruppe Sieler

    Fortsetzung:



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    Inzwischen hatte sich das XXIX. A.K. in dichten Kolonnen, der Kommandierende General an der Spitze des Korps, die Div.-Kommandeure in den vorderen Reihen ihrer Regimenter, an die Durchbruchsstelle heran geschoben. Dicke Staubwolken lagen über den eng aufgeschlossenen Pulks von Geschützen, LKW und Bespannfahrzeugen. Beim Feind erweckte diese sich in der Abenddämmerung über Felder und Steppe heran wälzende unförmige Menschen- und Fahrzeugmasse den Eindruck, als rollte eine große Panzerwelle heran und er wagte trotz seiner eigenen Stärke nicht, sich ihr mit Pz. und Inf. vorzulegen. Seine Kavallerie stob, als die ersten Granaten der Sturmgeschütze in ihre Reihen einschlugen, auseinander und so konnte das XXIX. A.K. während der Nacht zum 31.8., in drei Kampfgruppen gegliedert, in der allgemeinen Richtung Tawritscheskij-Schtscherbakoff unter Mitnahme des wesentlichsten Teiles seiner schweren Waffen durchbrechen.


    Die in Taganrog eingesetzte Kampfgruppe Oberstlt. Kalberlah ging, nachdem die meisten kriegswichtigen Anlagen der Stadt zerstört waren, auf der Mius-Halbinsel nach Lakedemonowskij zurück und schlug sich über die Mackensen-Brücke am 31.8. unter harten Kämpfen zum XXIX. A.K. durch. Nach Überschreiten des Mokryj Jelantschik auf der Brücke bei Wassilijewo Chanschanowskij setzte sich das XXIX. A.K. an dessen Westufer zur Verteidigung fest.


    Leuchtende Beispiele an Tapferkeit und Opferbereitschaft wurden gebracht.


    Der Wehrmachtbericht meldete am 15.9.:
    „In den schweren Abwehrkämpfen nördlich des Asow Meeres zeichnete sich der O.Gefr. Rieß in einer Pz.Jg.Kp. besonders aus. Er schoss in kurzer Zeit 10 von 27 im Abschnitt einer Komp. durchgebrochenen Panzern ab.“


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    Am 21.9.:
    „In den harten Kämpfen nördlich des Asow Meeres zeichnete sich die fränkische 17. und niedersächsische 111.Inf.Div. besonders aus“


    O.Gefr. Rieß gehörte der 14./Gren.Rgt.55 (17. I.D.) an und wurde mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet.


    Da die 336. I.D. und 15.Lw.Feld-Div. praktisch zerschlagen waren, konnte das Korps mit den auf je 500 Mann Inf.Gefechtsstärke zusammengeschmolzenen Kräften der 111. I.D. und 17. I.D. sowie der Kampfgruppe der 13.Pz.Div. den Anschluss nach Nordwesten zum IV. A.K. nicht mit eigenen Kräften herstellen. Die Armee ließ deshalb die 9.Pz.Div. aus dem Angriffsunternehmen des IV. A.K., das nach guten Anfangserfolgen nunmehr eingestellt wurde, herauslösen und über Telmanowo nach Michailowka zur Herstellung der Verbindung in Marsch setzen. Die 17.Pz.Div. versuchte über Kopanyj nach Nikolajewka vorzustoßen, um der 258. I.D. den Weg über Kuteinikowo freizumachen und vorwärts zu helfen. Der Erfolg blieb aber aus.


    Der Feind hatte, als er am 30./31.8. die Einkesselung des XXIX. A.K. misslungen sah, seine schnellen Verbände umgruppiert und drang durch eine Lücke, die noch zwischen IV. und XVII. A.K. bestand, nach Nordwesten gegen Ilowaisk und Charzyssk vor. Klein-Charzyssk, Sugress, Tschistjakowo Süd und Stepanowka fiel in seine Hand. Weiter südlich drückte er besonders bei Michailowka und Pokrowo Kirejewka. Stellenweise entstand ein wildes Durcheinander. Beim XVII. A.K. saß der Feind vorübergehend auf der Rollbahn Tschistjakowo – Charzyssk. eine Panzergruppe (10 Pz, 1 Bttr., 600 Mann) war am 30.8. im Schutze der Dunkelheit in die Ausladungen der 258. I.D. in Ilowaisk hineingestoßen und fügte dem Div.Stab,



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    der im Ort eingeschlossen wurde, erhebliche Personalverluste zu. Der IIa und O1 fielen, der Ia wurde schwer verwundet. Der mit eingeschlossenen 2./gem.Flak-Abt.147 gelang es, 2 Pz. und 1 Pz.-Spähwagen zu vernichten und den Feind solang niederzuhalten, bis der Abt.Kdr. II./Flak-Rgt.24 mit Flakkampfgruppen und zusammengeraffter Infanterie die Stadt im Gegenstoß wieder befreite und
    rund 100 Gefangene machte.


    Die Armee drehte die Pz.Gruppe der 17.Pz.Div. sofort zum Schutz von Charzyssk ab, sodass sie am 1. und 2.9. im Angriff den Krynka-Übergang südlich Sugress gewinnen und offen halten konnte. Freigemachte Kräfte der 306. I.D. wurden zur Verlängerung der Front nach Westen in der Linie Ternowyj – Katyk – Sugress eingesetzt und konnten durch einen Angriff am 2.9. von Tschernowskij nach Süden handstreichartig Sugress zurückgewinnen.


    Hierdurch schaffte sich die Armee die Voraussetzung, in Übereinstimmung mit der 1.Panzer-Armee sich planmäßig in die „Schildkröten-Stellung“ abzusetzen, die aus Gegend ostw. Mariupol über Makejewka nach Konstantinowka verlief. Die Korpsgruppe Sieler, die sich störungslos vom Feinde gelöst und in der Nacht zum 2.9. auf die „Weichsel-Stellung“ abgesetzt hatte, gelangte in der Nacht zum 3.9. unter Mitnahme aller schweren Waffen zusammen mit dem XVII. A.K. in die Linie Krynka-Abschnitt – Gorlowka Ost – Bachmutka-Abschnitt.
    Am 3.9. versuchten die Russen in der Mitte des XXIX. A.K. einen Panzerdurchbruch. Mit Hilfe der Eingreifgruppe 9. und 13.Pz.Div. gelang dem Korps, das sich trotz der schweren Ausbruchskämpfe bereits wieder gefangen hatte, ein großer Abwehrerfolg. Der Feind wurde zurückgeschlagen, 63 Feindpanzer vernichtet.

    Fortsetzung:



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    III.
    Einkesselung und Ausbruch des XXIX. A.K. bei Taganrog.
    Absetzen auf die „Schildkröten-Stellung“
    27.8.-4.9.1943


    Der Feind hatte sich in den letzten beiden Tagen etwas ruhiger verhalten und umgruppiert.


    Das II. und große Teile des IV. Garde-mech.Korps hatten sich durch das III. Garde-Schützen- und das XIII. Schützen-Korps im Wesentlichen freigemacht und im Raum südl. Amrossijewka zusammen mit dem bereits durch Luftaufklärung erkannten IV.Garde-Kav.Korps versammelt, um durch einen Stoß nach Süden die Einkesselung des XXIX. A.K. zu vollziehen. Das II. Garde-mech.Korps hatte Befehl, nach Taganrog durchzustoßen.


    Damit trat am 27.8. eine grundlegende Änderung in der Lage ein. Denn die Armee war wegen Kräftemangels nicht imstande, den Stoß aufzufangen.


    Während die Gefechtsstärken besonders beim XXIX. A.K. von Tag zu Tag mehr dahinschwanden und die 13.Pz.Div. infolge des laufenden Einsatzes jetzt schon nur noch über wenige Panzer verfügte, behielt der Feind trotz der schweren, ihm zugefügten Verluste seine zahlenmäßige Überlegenheit. Ein weiteres Auskämmen der nicht angegriffenen Fronten war der Armee nicht möglich. Beim XXIX. und XVII. A.K. standen in diesen Abschnitten im Durchschnitt noch 86 Mann auf 1 km Frontbreite, beim IV. A.K. etwa 100 Mann. Dem XXIX. A.K. standen auf russ. Seite noch über 100 Panzer und eine etwa achtfache infanteristische Übermacht gegenüber.


    Das XVII. A.K. kämpfte gegen 40-50.000, das IV. A.K. gegen 18.000 Sowjets.



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    Insgesamt standen der 6. Armee am 26.8. noch 160-170 Panzer und 130.000 Russen (geschätzt) im Kampf gegenüber. Die Armee verfügte noch über 132 Bttrn. gegen vermutlich 240 feindliche. Es war klar, dass die Kämpfe nunmehr an Schärfe erheblich zunehmen würden.


    Stündlich musste die Armee auch mit einem operativen Stoß des Feindes in Richtung Stalino rechnen, da sich Gelände, Straßen und Eisenbahnverhältnisse im Donezgebiet für solche weiträumigen Operationen geradezu anboten.


    Die Armee beurteilte deshalb am Abend des 26.8. die Lage so, dass selbst die zwei von der Heeresgruppe inzwischen zugesagten Kampfgruppen der 9.Pz.Div und 258. I.D. nicht ausreichen würden, um das bedrängte XXIX. A.K. aus seiner Lage zu befreien oder gar den Einbruch zu bereinigen und die Lage wiederherzustellen. Hierzu brauchte sie noch wenigstens eine volle kampfkräftige Division.


    Am 27.8. früh stießen die beiden Garde-mech.Korps und das IV. Garde-Kav.Korps in den drei Jelantschik-Tälern, ohne auf ernsthaften Widerstand zu stoßen, 20-30 km nach Süden bis in die Linie Pokrowo Kirejewka – Jekaterinowka und die Höhen nordwestl. Mal. Kiresanowka (Federowka) vor. Gleichzeitig ging durch einen Vorstoß nach Westen Kuteinikowo verloren. Der Versuch, sich mit der 13.Pz.Div. durch einen Vorstoß nach Nowo Iwanowka dem Vormarsch nach Süden vorzulegen, scheiterte an deren schwachen Kräften.


    Dem Oberbefehlshaber der 6. Armee, der sich am 27.8. zu einer Lagebesprechung beim Führer befand, wurde um 11,00 Uhr vormittags die Lageveränderung übermittelt.


    Die Absicht der Armee und des XXIX. A.K., dessen Ostfront in die Ssarmatskaja-Linie unter gleichzeitigem Halten von Taganrog



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    zurückzunehmen und durch freiwerdende Kräfte seine Nordfront nach Westen zu strecken, wurde von der Heeresgruppe abgelehnt. Die Armee suchte deshalb durch Zurücknahme und Begradigung der Nordfront des XXIX. A.K. sowie der Südfront des XVII. A.K., die in eine Linie Perwomeiskij – Petrowskij – Prochoroff zurückgenommen wurde, sowie durch die völlige Herauslösung der 3.Geb.Div. aus der Front des IV. A.K. weitere Kräfte freizusetzen. Gegen in Kuteinowko eingedrungenen Feind wurde die Sturmgesch.Abt.259 eingesetzt, die später zur 13.Pz.Div. stoßen sollte. Ein Btl. des IV. A.K. wurde zur Sicherung von Ilowaisk in Marsch gesetzt. Für sämtliche Ortskommandaturen südl., westl. und einschl. der Linie Anastassijewka – Pokrowo Kirejewka – Staro Beschewo – Mospino – Illowaisk – Charzyssk wurde Alarmstufe III, für Stalino und Makejewka Alarmstufe II befohlen.


    Der O.Qu. erhielt Befehl, in Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsführer die Zerstörung Taganrogs vorzubereiten.


    Am 28.8. ging der feindl. Vormarsch in den Jelantschik-Tälern nach Süden und Südosten in die offene Flanke des XXIX. A.K. weiter, während die südl. Ostfront des Korps durch Angriff bei Waronowka und Ssambek gefesselt wurde. Die 111. I.D., welche mit der ihr unterstellten Kampfgruppe 13.Pz.Div. noch einmal den Versuch machte, die Front nach Westen zu verlängern und auch bis 3 km westl. Anastassijewka sowie 7 km westl. Marfinskaja durchdrang, wurde trotzdem bei Mal. Kirssanowka weiter umfasst, musste die 13.Pz.Div. wieder zurückholen und nach Süden gegen Kirssanowka ansetzen.


    Die Armee versuchte ferner durch Einsatz einer Sicherungsgruppe des Kav.Rgt.Süd, verstärkt durch die Flak-Abt.91 und eingetroffene reparierte Panzer und SFL der 13.Pz.Div.von Budennowka in Richtung



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    auf Federowka der völligen Einschließung des Korps entgegenzuwirken.


    Gleichzeitig versammelte am 28. und 29.8. die Armee unter Führung des Gen.Kdos. IV. A.K. – am Nordabschnitt der Armee übernahm inzwischen Gen.Lt. Kreysing die Führung – im Raum Andrejewka – Ilowaisk – Mospino eine neue Angriffsgruppe, bestehend aus den Resten der 3.Geb.Div., den aus dem Raum von Orel eintreffenden Kampfgruppen der 9.Pz.Div. und der 258. I.D. sowie den von Pz.AOK 1 zugeführten Restteilen der 17.Pz.Div.


    Auftrag an das IV. A.K. war, am 30.8. stoßartig nach Südosten anzugreifen und sich im Ssuchyj- bzw. Mokryj Jelantschik-Abschnitt mit dem XXIX. A.K. zu vereinigen, das gleichzeitig gegen die damit abgeschnittenen Feindkräfte nach Westen angreift. Den Sowjets sollte damit eine Art Kreisel-Schlacht geliefert werden. Als Nebenwirkung versprach sich die Armee auch eine Entlastung für die jetzt wieder angegriffene Südfront des XVII. A.K. Das Korp erhielt Befehl, aus der 302. und 306. I.D. kleine Angriffsgruppen herauszuziehen und Fesselungsangriffe nach Süden zu führen.


    Auch dieser Angriffsplan der Armee kam nicht mehr voll zum Tragen. Bereits am 29.9 konnte der Feind seinen Durchbruch zur Küste vollenden. Fernsprechverbindung zum Korps war nicht mehr vorhanden. Ein letzter Versuch des Oberbefehlshabers, persönlich über Budennowka zum Gefechtsstand XXIX. A.K. durchzudringen, blieb ebenfalls erfolglos. Der Druck gegen die von der 111. I.D. gehaltenen Westfront wurde, obgleich folgenschwere Einbrüche den ganzen Tag über bei Kirssanowka, Timofejewka und Jefremowka verhindert werden konnten, so stark, dass eine Schließung der offenen Westflanke des Korps, wie sich der auf dem Luftweg zum Gefechtsstand des XXIX. A.K. entsandte Ia der Armee überzeugen musste, ohne



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    wesentliche Verengung des gesamten Kessels unmöglich war. Man musste jede Stunde gewärtig sein, dass die Verbindungen zerrissen und das Korps in Einzelgruppen auseinanderfiel. Es erhielt deshalb die Genehmigung, seine Ostfront und auch Taganrog nach Zerstörung aller kriegswichtigen Anlagen aufzugeben, sich im Zuge des Ssarmatskaja-Flusses zusammenzuziehen und alsdann nach Westen auszubrechen. Die Heeresgruppe gab hierzu ebenfalls ihre Zustimmung. Die 13.Pz.Div. musste als Stoßgruppe die Spitze übernehmen, die 111. und 17. I.D. die Abschirmung nach Norden und Nordwesten.


    Gleichzeitig wurde der Aufmarsch des neuen IV. A.K. stark beschleunigt, um durch einen Angriff von Nordwesten her das XXIX. A.K. zu entlasten. Das Kav.Rgt.Süd erhielt Auftrag, sich mit eigenen Einheiten, den vorhandenen Pz., einer inzwischen dort eingetroffenen Flak-Abt. und SFL über Jefremowka zum XXIX. A.K. durchzukämpfen.


    Das XVII. A.K. löste inzwischen die Masse der 306. I.D. aus der Front und schob sie als Angriffsreserve an seinen Westflügel.


    Der Feind glaubte seinem Ziel, das XXIX. A.K zu vernichten, sehr nahe zu sein und den im Durchmesser nach nur etwa 15 km betragenden Igel des Korps durch Angriffe von drei Seiten zersprengen zu können.


    Das Korps kam ihm aber zuvor. Die Kampfgruppe der 13.Pz.Div. hatte sich schon am 30.8. vormittags in der Linie Schtscherbakoff – Gorodezkij – Kusnezyj nach Westen durchgekämpft, eine Lücke geschlagen und nach Norden abgeschirmt. Der erste Kolonnenraum floss auf der Rollbahn ab. Um die Mittagsstunde wurde diese Abriegelungsfront jedoch durch russ. Kav.- und Pz. Kräfte erneut aufgerissen und erst durch einen mit 5 neu eingetroffenen Pz. geführten Angriff auf Iwanowskij wurde wieder etwas Luft geschafft.

    Hier der nächste Teil:



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    Zwei Tage zu spät.


    Der Gegenangriff der 13.Pz.Div. am 23.8.
    Die Armee hielt an ihrem Plan fest, durch offensive Verteidigung, d.h. durch Abquetschen der eingedrungenen Feindverbände an der engsten Stelle – und das war noch immer der Flaschenhals bei Kalinowka – zu einer durchgreifenden Lösung zu kommen, anstatt durch unzulängliche Aushilfen eine letzte Notfrist zu gewinnen.


    Dazu wurde mit derselben Stoßrichtung die mit Tempo 12 aus der Krim heran rollende 13.Pz.Div. ausersehen, da die Armee und die Korps mit den letzten, aus ruhigen Frontabschnitten heraus lösbaren kleinen Verbänden in einem weitverzweigten System von Aushilfen anderswo operieren und ein Chaos im Hinterland verhüten mussten.


    Leider hielt die 13.Pz.Div. stärkemäßig nicht, was man sich versprach. Es war nur eine aus 1 Pz.Gren.Rgt. und 3 Pz.Kpn. bestehende verstärkte Regimentsgruppe. Zeitlich dagegen erfolgte ihre Versammlung bis zum 22.8. im Raume südwestl. Ssaur Mogilskij überraschend schnell.


    Nicht minder schnell arbeiteten russische Aufklärung und Spionage. Am 20.8. erhielt bereits eine bei Jamschtschizkj stehende russ. Gruppe von 2 Btln. und 20 Pz. den Befehl, die Ausladung der mit Nummer genannten 13.Pz.Div. in Uspenskaja zu verhindern. Tatsächlich wurde die Masse der Division aber nach Tschistjakowo befördert.


    Das XVII. A.K. erhielt den Auftrag, am 23.8. durch Angriff der 13.Pz.Div. aus ihrem Versammlungsraum in südl. Richtung und nach Vernichtung der im Großraum Krinitschka stehenden Kräfte des IV. Garde-mech.Korps die Voraussetzung für Verengen und Schließen der



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    Lücke zwischen XXIX. und XVII. A.K. zu schaffen, damit auch für die Vereinigung der inneren Flügel dieses Korps und für den Aufbau einer durchgehenden Abwehrfront. Die Kampfgruppe Picker sollte unter Ausnutzung des Erfolges im Unterstützungsangriff Ssemenowskij West und die Höhe 188,4 zum zweiten Male zurückerobern, gleichzeitig hierbei die Flanke und Rücken der 13.Pz.Div. sichern.


    Das XXIX. A.K. sollte im geeigneten Zeitpunkt mit seinem linken Flügel angriffsweise nach Norden entgegenkommen. Dort hatte sich die Lage allerdings am 22.8. dadurch verschlechtert, dass die Russen südl. Kolpakowka auf dem Westufer der Krynka einen weiteren Brückenkopf bildeten und ihre Absicht, das Korps westlich überholende einzukesseln, immer offener zur Schau trugen. Das Schicksal des Schienenstranges zum XXIX. A.K. war damit bereits besiegelt und dessen Versorgung lief sofort von Süden her auf dem Seeweg an.


    Die Armee begann zudem mit planmäßiger Räumung der Vorräte und wirtschaftlich nutzbaren Dinge im mittl. und südl. Armeeabschnitt nach Westen.


    Die 111. I.D. musste am Nachmittag gegen stark überlegenen Feind hart nördl. Ssolowjew Grabhügel eine Sehnenstellung beziehen und hielt den Brückenkopf Uspenskaja.


    Die Lücke dehnte sich damit in letzter Stunde noch auf 12 km aus und die Erfolgsaussichten für den Angriff der 13.Pz.Div. verschlechterten sich dementsprechend.


    Vom Gelingen dieses gut vorbereiteten Angriffs hing die gesamte weitere Kampfführung für die 6. Armee ab. Schlug der Angriff durch, so bahnte sich ein entscheidender Erfolg an, wenn nicht, musste sich die Lage der Armee sehr verschärfen. Denn es war auf Wochen hinaus die letzte Reserve, die sie neu ins Gefecht zu



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    führen hatte. Die Heeresgruppe Süd hatte kategorisch erklärt, die Armee müsse nunmehr mit der Angelegenheit selbst fertig werden.


    Wieder brachte der früh beginnende Angriff gute Anfangserfolge und drang 6-7 km nach Süden durch. Dann aber zeigte sich, dass auch die Kräfte der 13.Pz.Div. gegen die Panzer und Infanterie zweier im Einbruchsraum stehender mot.mech.Korps zu gering waren. Der zu wenig stoßkeilförmig geführte Angriff blieb an der Höhe 157,3 westl. Alexejewka unter Einbuße zahlreicher Panzer liegen und kam trotz aller Versuche nicht wieder in Fluss. die letzten 6 km Zwischenraum, die am 22.8. hinzugekommen waren, ließen sich nicht überbrücken.


    Der Angriff erfolgte 2 Tage zu spät. die Armee musste ihren Plan, dem Feind den Rückweg abzuschneiden, aus Mangel an eigenen Kräften endgültig begraben. Sie zog hieraus sofort die Konsequenz, nahm die 13.Pz.Div. sofort nach Dunkelwerden heraus und führte sie über Kuteinikowo nach Süden, um in Verbindung mit der Kampfgruppe v. Bila einen Entlastungsangriff gegen die immer tiefer zur Umfassung ansetzenden Kräfte des russ. II. Garde-mech.Korps zu führen.


    Mit Riesenschritten eilte die Schlacht ihrem ersten Höhepunkt entgegen. Es ging jetzt um den Bestand der XXIX. A.K. Auch der Abwehrkampf der ganzen Heeresgruppe Süd erreichte in diesen Tagen einen Höhepunkt, in dem, wie ihr Oberbefehlshaber in einem Tagesbefehl aussprach, der Sieger bleibt, der eine Minute später als der andere am Ende seiner Kräfte ist.


    Am Abend des 23.8. waren die Armee und die Heeresgruppe noch der Auffassung, dass der Gegner den von ihm erzielten Einbruch mit



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    den augenblicklichen Kräften zu operativen Auswirkungen noch nicht bringen kann. Die Armee verantwortete deshalb auch für die nächsten Tage noch die Gefahr, an einer nahezu offenen Westfront das Armeegebiet den umher streunenden Panzern und beweglichen russischen Kampfgruppen fast schutzlos auszuliefern. Bei einem Vorstoß auf Donezko Amwroseijewka am 23.8. beteiligten sich bereits Einwohner am Kampf und große Beute fiel in feindliche Hände. Dort war es auch, wo der Feind eine Hauptader des Armee-Nachrichtennetzes im Besitz hatte, ohne es zu wissen. Tagelang wurde durch feindbesetztes Gebiet hindurch zum XXIX. A.K. gesprochen.


    Täglich musste die Armee mit einem Feindvorstoß nach Westen rechnen. So war die Lage ständig sehr angespannt.


    Die 13.Pz.Div. operierte in den nächsten 3 Tagen sehr geschickt und führte am 25.8. bei Liseitschij in Richtung auf Uspenskaja einen recht erfolgreichen Entlastungsstoß gegen die auf den Nordflügel des XXIX. A.K. drückenden Panzerkräfte.


    Auch am 26.8. fuhr die 13.Pz.Div. einer aus Gegend Kwaschino Bhf. auf Mokryj Jelantschik vorstoßenden russ. Kampfgruppe so überraschend in die Flanke, dass sie in alle Winde zerstob und 300 Gefangene sowie viel Materialbeute gemacht wurden.


    Die Panzerabschusszahl hatte sich vom 18. bis 26.8. bereits auf 298 zuzügl. 4 Pz.Spähwagen erhöht. Die Armee konnte also trotz des fehlgeschlagenen Unternehmens am Flaschenhals doch auf gute Abwehrerfolge zurückblicken.

    Hier der nächste Teil:



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    Es wäre zu dieser Stunde für sie ein leichtes gewesen, die gesamten Artillerie-Stellungen der 294. I.D. nach Norden aufzurollen.


    Die Gefahren, die sich aus dieser Lage für den Bestand der 6. Armee und ihre weitere Kampfführung abzeichneten, waren ganz außergewöhnlich. Denn der Panzerdurchbruch war vollzogen, die Spitzen der 5. Stoß-Armee hatten die „Rückhalt-Stellung“ überrollt, standen in der „Weichsel-Stellung“, der letzten ausgebauten Linie vor der „Schildkröten-Stellung“ und hatten den Krynka-Abschnitt erreicht. Von hier war es nur noch ein kleiner Schritt zur Hauptversorgungsbasis des XXIX. A.K., der Bahnstrecke Stalino – Amwrossijewka – Uspenskaja.


    Der einzige Nachteil für den Russen war, dass er seine Kräfte und seine Versorgung durch einen kaum 3 km breiten Flaschenhals hindurchpressen musste, die Enge zwischen Kalinowka und der von der 111. I.D. gehaltenen Höhe 175,5. Sein Bestreben musste deshalb sein, hier seine Schultern freizumachen.


    Die Armee baute auf dieser Lage in kühnem Entschluss ihren Abwehrplan auf. Sie dachte nicht an abriegeln, sondern ließ es ohne Rücksicht auf die sehr unangenehmen Folgen darauf ankommen, dass russische Kampfgruppen im rückwärtigen Gebiet gegen zusammengeraffte, unzulänglich ausgerüstete Alarmeinheiten, Bau-Btlne., Bäcker, Schlächter, Ortssicherungen, Bahnpersonal einen erbarmungslosen Krieg mit ungleichen Waffen führten.


    Sie zog, um nicht wieder mit „Klecker-Einheiten“ operieren zu müssen, sofort aus dem Abschnitt des IV. A.K. den größten Teil der 3. Geb. Div. unter Führung des Gen.Majors Picker als bewegliche Kampfgruppe mit Bahn und LKW in den Raum um Sasur Mogilskij und ließ sie besonders verstärken. Sie bestand aus 5 Jäger-Btln.,



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    6 Batterien, einer Sturmgesch. Battr. und 2 Pz.Jg.Kpn.


    Am 20.8. vormittags war der Aufmarsch beendet. Auftrag an diese Kampfgruppe war, in schnellem, energischem Durchstoß den Flaschenhals zu schließen und im Zusammenwirken mit den anderen Verbänden alsbald alles, was abgeschnitten wurde, zu vernichten. Es war inzwischen kostbare Zeit verloren worden, in der die Schlacht erbittert weitergegangen war. Immerhin war es bis zum 20.8. früh gelungen, schon 114 russ. Panzer abzuschießen und mit letzter Kraftanstrengung die Erweiterung der Lücke zu verhindern. Im Hinterland herrschten natürlich unerfreuliche Zustände. Auch dass dieses das Schicksal einer ganzen Armee entscheidende Unternehmen eine unter Zeitdruck stehende Improvisation war, gereichte ihm nicht zum Vorteil. Hätte die Armee nicht mit leeren Händen dagestanden, hätte sie, so kann man wohl sagen, am 19.8. nur eine einzige schnelle gepanzerte Eingreifgruppe für diesen Angriff zur Hand gehabt, es hätte ein sicherer Erfolg werden müssen.


    Dass jetzt die sofortige Zuführung einer Kampfgruppe der 13. Pz.Div. in Aussicht stand, die zur Auffrischung auf der Krim lag und erst in einer Woche eintreffen konnte, war zu spät.


    Die Chancen für das Gelingen des am 20.8. um 14,00 Uhr beginnenden Angriffs waren trotzdem nicht schlecht.


    Eine am 17.8. bei einem russ. Offizier erbeutete Gliederungskarte der 5. Stoß-Armee ließ darauf schließen, dass die feindlichen Panzerkräfte nicht so stark seien wie anfangs angenommen.


    Der Angriff wurde vom XXIX A.K. aus dem Süden artilleristisch gut unterstützt und fing sehr erfolgversprechend an. Denn im ersten Angriffsschwung wurde Ssemenowskij genommen und Schritt für Schritt die Höhe 188,4 südlich des Ortes erkämpft.



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    Der Feind widersetzte sich unter Einsatz aller Mittel. Um welchen Preis gekämpft wurde, zeigte sich allein daran, dass in den wenigen Stunden bis zur hereinbrechenden Nacht dort 43 russ. Panzer abgeschossen wurden. Aber durch das Herumschlagen mit den Feindpanzern, denen keine eigenen Panzer entgegengestellt werden konnten, ging Zeit verloren.


    Obgleich sich die Flügel des XXIX. und XVII. A.K. fast zum Greifen nahen waren – von Höhe 175,5 zur Höhe 188,4 hörte man schon das Kleinfeuer – hinderte die Nacht und die Schwächung der eigenen Kräfte an der Vollendung des Erfolges. Das IV. russ. Garde-mech.Korps, in seine rückwärtigen Verbindungen bedroht, machte kehrt und griff am 21.8. bei Tagesgrauen die Gruppe Picker und den linken Flügel des XXIX. A.K. von Westen, also im Rücken, mit Panzern an. Gleichzeitig wurde von Norden und Osten gedrückt. Wieder spielten sich erbitterte, verlustreiche Kämpfe ab und 41 weitere russische Panzer wurden außer Gefecht gesetzt, insgesamt also in diesem Gefecht 84 Panzer. Dennoch gingen die Höhe 188,4 sowie Ssemenowskij wieder verloren.


    Die russische Übermacht war zu groß. Der erste Versuch, den Flaschenhals zu schließen, war gescheitert.


    Die Armee musste Konsequenzen hieraus ziehen und, um einer Umfassung des XXIX. A.K. zu entgehen, dessen linken Flügel bis zum 23.8. etwa 5 km nach Süden bis nach Kalinowo zurücknehmen. Die Lücke erweiterte sich damit auf etwa 9 km. Ebenso musste der linke Flügel 15.Lw.Feld-Div. und 336. I.D. nach Westen in die „Anhalt-Stellung“ abgesetzt werden.

    Hier der nächste Teil:


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    Es war junger Wein aus alten Schläuchen. Die russische Gliederung zeigte lauter alte Bekannte.


    Am linken Flügel der Südfront stand wie im Juli 1943 die 44. russ. Armee mit 3 Schützen-Div., daran anschließend die 28. Armee mit dem XXXVII. A.K.


    Die 2.Garde-Armee und die 5.Stoß-Armee waren wieder die Hauptträger des Angriffs, erstere mit dem I. und XIII. Garde-Korps, dem IV. Garde-Kav.Korps, dem 62.Pz.Rgt. sowie dem aufgefrischten II. Garde-mech.Korps; nördlich davon stand die 5.Stoß-Armee mit dem III. und XXXI. Garde-Korps sowie dem IV. Garde-mech.Korps, der 32.s.Garde-Pz.Brigade und dem 60.s.Panzerdurchbruchs-Rgt.


    An der russischen Südwestfront, also gegenüber dem IV. A.K., lagen wie bisher die 51. und die 3.Garde-Armee mit je 3 Divisionen. Es handelte sich um stark überlegene Kräfte. Am 20.8. führte der Feind, nach Beutepapieren, Truppenfeststellungen und anderen sicheren Quellen zu schließen, allein im Angriffsraum der 2.Garde-Armee und 5.Stoß-Armee (Petropolje – Dmitrijewka) außer 17 Divn. etwa 155 Bttrn. mit sich, 30 Bttrn. mehr als in der Julischlacht an der gleichen Stelle. Insgesamt standen 126 eigene Bttrn. um diese Zeit etwa 293 des Russen gegenüber. Hierzu kamen zusätzlich seine starke Minenwerfer- und Salvengeschütz-Waffe sowie ganze Geschwader von Schlachtfliegern. Diese Masse schwerer Waffen waren das Werkzeug, mit dem die Russen die deutsche Infanterie ausbrennen und ihre Rotarmisten vorwärts treiben wollten.


    Das Auffrischen besorgten die Russen sehr summarisch und schnell. Schon in der Juli-Abwehrschlacht hatten Gefangene bekundet, dass Mangel nur an Panzerbesatzungen bestünde und dass



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    alle Mannschaften, die dem Feuertod im alten Panzer entgangen waren, sofort in hinter der Front bereitstehende neuen eingebootet würden. So standen die schnellen Verbände, des II. und IV. Garde-mech.Korps, aus den Trümmern der Julischlacht unmittelbar hinter der Miusfront zu neuem Leben auf und konnten, ohne dass große, auffällige mot.Bewegungen erforderlich wurden, in der unmittelbaren Nähe ihrer Auffrischungsräume zum Angriff bereitgestellt werden.


    Der Umfang der Kräftezusammenziehung hatte deshalb mit den gleichen Aufklärungsmitteln wie im Juli doch nicht in seiner tatsächlichen Höhe rechtzeitig erkannt werden können.


    II.
    Der erste russische Durchbruch zwischen 18.-26.8.1943.
    Am 18.8. um 5.00 Uhr früh trat der Feind nach starkem Trommelfeuer und unter rollendem Einsatz von Schlachtfliegern im selben Raum wie im Juli 1943 zwischen Petropolje – Kuibyschewo – Südrand Dmitrijewka auf breiter Front mit der 2. Garde-Armee und 5. Stoß-Armee gegen die Abschnitte der 336., 294. und rechten Flügel 306. I.D. in gewaltiger Stärke zum Angriff an. Die Angriffe wurden am ersten Tag von etwa 70 Panzern unterstützt und führten, da die 294. I.D. glatt überrannt wurde, zu einem den Russen offenbar selbst überraschenden Anfangserfolg. Das Gren.Rgt.614 der 294. I.D. wurde völlig aufgerieben. Am Abend standen russische Infanterie und Panzer, die im schnellen Nachstoß gefolgt waren, bereits 7 km tief hinter der HKL, am Westrand von Kalinowka, schwenkten z. T. nach Süden ein und sahen das erste Angriffsziel, den



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    Krynka-Abschnitt, ganz in greifbare Nähe gerückt. Das XXIX. A.K., dessen linker Flügel (336. I.D.) alle Angriffe zwischen Petropolje und Berestowo abgeschlagen hatte, war hierdurch binnen weniger Stunden in seiner tiefen Flanke bedroht und musste noch am selben Tage wieder Verbände der eben in ihren alten Taganroger Abschnitt zurückgekehrten 111. I.D. im Eilmarsch heranführen, um bei Kalinowka nach Norden und Nordosten abzuschirmen.


    Ursache dieser Friktion war, dass das XVII. A.K. seinen abwehrmäßigen Schwerpunkt entsprechend der Feindbeurteilung der letzten Tage etwas nördlicher vor Dmitrijewka hatte verlegen und den Abschnitt der 294. I.D. hierbei noch weiter hatte schwächen müssen. Es war auch nicht zum Vorteil, dass diese schwache Division, was die Armee schon am 8. August angeraten hatte, noch nicht aus dieser Front herausgenommen war.


    Den Anfangserfolg nützte der Feind entgegen sonstiger Gewohnheit sofort aus, um in der mondhellen Nacht die schwache Abriegelungsfront der 111. I.D. bei Kalinowka zu durchstoßen und über Ssenenowskij nördlich ausholend, zu einem Panzerdurchbruch nach Süden und Südwesten anzusetzen. Alexejewka, Kamyschewacha sowie Jamschtschizkij fielen in seine Hand. So stand der Feind am 19.8. frühmorgens bereits tief im Rücken der 336. und 111. I.D. In Kolpakowka drangen Panzer und mot. Infanterie ein. Mit Pak und einer Genes.Kp. konnte dort notdürftig abgeriegelt werden.


    Nach Westen war die Front auf einige Kilometer offen; die 5.Stoß-Armee stieß durch und bildete im Laufe des Tages bei Nadeschnyj-Karpowa den ersten Brückenkopf über die Krynka, besetzte Krinischka und Artemowka, wo ihr nur Bau-Kpn. in der „Weichsel-Stellung“ entgegentraten und hatte damit die erste Bresche in das Stellungssystem der Armee geschlagen.