Selbstmord von Soldaten

  • Hallo,


    trotz der mörderischen Verhältnisse im Krieg, zumindest ab 1941, scheint es wenige Selbstmorde gegeben zu haben. Zumindest habe ich fast nie was davon gelesen. Nur am Ende des Krieges gab es scheinbar öffter Selbstmorde, unter anderem GFM Model. Im Buch "Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg" Bd. 8 "Die Ostfront 1943/44" las ich nun erstmals vom Selbstmord eines hohen Offiziers 1944.


    "Der Kommandeur der 134. Infantriedivision beging aus Verzweiflung sogar Selbstmord."


    Es war der 27. Juni 44, bei dem durch Hitler und GFM Busch herbeigeführten totalen Chaos bei Bobrujsk (Vernichtung der Heeresgruppe Mitte). Es dürfte sich um General Ernst Philipp gehandelt haben. Laut LDW wurde dieser erst am 1. Juni Kommandeur der Division.


    Ist dieses Thema überhaupt mal untersucht worden?


    Gruß Martin

    ML

  • Hallo Martin,
    nein, untersucht wurde das Thema noch nicht eingehend. Jedoch war das Phänomen der Selbsttötung weiter verbreitet als Du denkst. Ich weiß das aus zahllosen Unterlagen von Wehrmachtgerichten. Diese hatten sich mit den Fällen zu beschäftigen und u.a. die Beweggründe der Soldaten herauszufinden. Es wurden dort sogar Listen über "Selbstmorde und nichtnatürliche Todesfälle" geführt.
    Viele Grüße
    Lars

  • Hallo wie Lars schon sagt zeigen Wehrmachtsgerichte diesen auf. Selbstmorde wurden dem zuständigen Kriegsgericht gemeldet. Dieses war vorgesehen nach Bestimmungen über besondere Vorkomnisse und andere wichtige Vorfälle im Heer. [1]


    Selbstmord wurden wenn nicht besondere Gründe vorlagen als eine unehrenhafte Tat gewertet welche mit Nachteilen für die Hinterbliebenden verbunden war. So wurden Selbstmorde von den Soldaten selbst teilw. verschleiert. (Anzunehmen).


    Wertung i.d.R. wie Fahnenflucht (Ausnahmsweise) wenn nicht unehrenhafte Gründe dazu führten.


    Man geht von einer Rate von 0,5 % aus als Todesart, Lit. diskutiert zwischen 20-30.000 Fälle Diese Zahlen sind mit m.E. mit Vorsicht zu genießen, wegen Faktoren wie Verschleierung (siehe oben) Stichprobenumfang etc.


    [1] HM 1939 S. 352 Nr. 807

    Immer auf der Suche nach Daten, Bildern und Material über die 32. Infanterie Division, sowie über Straf,- und Bewährungseinheiten.

    Edited 2 times, last by 32. Infanterie Division ().

  • Hallo zusammen,


    ich denke, wir müssen hier von einer relativ hohen Dunkelziffer ausgehen !
    Es kommt natürlich darauf an, was man als "Selbstmord" definiert. Bei einem Fall wie GFM Model, der mit seiner Pistole in der Hand gefunden wurde, ist die Lage relativ klar. Unklarer sind m.E. Fälle wie der des Generalobersten Werner von Fritsch, der letztendlich "gefallen" ist.
    Wieviel einfacher war es an der Front, wenn man Selbstmord begehen wollte, in feindliches MG-Feuer zu laufen als mit dem eigenen Gewehr selbst Hand an sich zu legen ! Ganz abgesehen davon, dass man (wie bereits angesprochen) damit versorgungsrechtlich kaum negative Auswirkungen auf seine Familie provozierte. Ich glaube, die Zahl dieser "Selbstmorde" dürfte um einiges höher sein als die der eindeutig dokumentierten.


    Gruß
    Rudolf (KINZINGER)

  • Ein interessanter Aspekt ist darüber hinaus, dass gescheiterte Selbstmorde zum Teil als Selbstverstümmelung gewertet und die Betroffenen wegen Zersetzung der Wehrkraft gerichtlich belangt wurden.
    Lars

  • Hallo Martin,


    als Beispiel möchte ich hier das Gräberfeld "13" auf dem Kieler Nordfriedhof anführen. Dort sind mindestens 37 Angehörige der Wehrmacht beigesetzt, bei 27 davon ist bekannt, das sie in den Jahren 1943 bis 1945 den Freitod wählten.
    Sie wurden abseits der üblichen Kriegsgräber ihrer Kameraden beigesetzt, da sie als "Ehrlos" galten und es nach Auffassung der Vorgesetzten nicht verdienten, neben Soldaten beigesetzt zu werden, die ihr Leben durch Kriegseinwirkungen verloren hatten.


    http://www.kiel.de/Aemter_61_b…riedhof/marine/feld13.htm


    Gruß, J.H.

    Nett kann ich auch - bringt nur nix!

  • wir haben ja das Thema schon mehrfach "gestreift":


    Quote

    Selbstmorde in der Reichswehr
    Aus: Weißbuch über die Schwarze Reichswehr, Berlin, 1926


    Das bekannte Soldatenlied: „O welche Lust, Soldat zu sein“ muß merkwürdig anmuten, wenn man erfährt, dass die Selbstmorde in der Reichswehr nicht nur 7-mal höher sind als in der Zivilbevölkerung, sondern sogar doppelt so hoch als im alten kaiserlichen Heere...

    siehe


    TAK

    Wer verurteilt kann irren – wer verzeiht irrt nie.

  • Nun ja, das dürfte nicht verwundern. Immerhin war die Welt für die Soldaten, insb. der höheren Dienstgrade und der Längerdienenden und Berufssoldaten, in der Zeit der kaiserlichen Armee völlig in Ordnung. Vor allem im Sinne des Soldatenberufes, mit allem was dazu gehörte. Gesellschaftliches Ansehen, soziale und finanzielle Stellung stimmten und waren vor allem sicher zu Kaisers Zeiten.


    1926 wußten aber selbst die wenigen übernommenen Soldaten nicht, was aus ihnen wird. Neben all den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Problemen dieser schwierigen Nachkriegszeit werden da also wohl vor allem Existenzängste eine große Rolle gespielt haben. Unabhängig davon, daß auch für viele im politischen Sinne die Welt lange schon "zusammengebrochen" war.


    Da war das drastisch gesunkene Ansehen und die Stellung der Armee in der Gesellschaft wohl nur das geringste Problem der Reichswehrsoldaten. Ich denke, da überwogen vor allem handfeste pers. Probleme. In verschiedener Hinsicht. Und die haben sicher auch bei so manchem zum Schritt der Selbsttötung geführt.


    Denn Mitte der 20-iger Jahre war nun gar nicht abzusehen, in welche Richtung sich Deutschland politisch entwickeln würde, für die ehemals strammen nationaldeutschen und kaisertreuen Berufssoldaten sicher eine ganz pers. Katastrophe. Und auch die eigene berufliche Perspektive war mehr als unsicher und damit der mögliche soziale Abstieg für viele Berufssoldaten unannehmbar. Noch ein wesentlicher Grund zu so einem Schritt.

    Edited 2 times, last by Hoth ().

  • Am 12.07.2008 hatte ich zitiert:


    Das bekannte Soldatenlied: „O welche Lust, Soldat zu sein“ muß merkwürdig anmuten, wenn man erfährt, dass die Selbstmorde in der Reichswehr nicht nur 7-mal höher sind als in der Zivilbevölkerung, sondern sogar doppelt so hoch als im alten kaiserlichen Heere. Auf Grund amtlichen statistischen Materials wurde diese Tatsache unbestritten in der Reichstagssitzung vom 27. Februar 1923 festgestellt. 1921 starben in der Reichswehr 137 Mann an Krankheiten, 105 durch Selbstmord, 1921 und 1922 zusammen 205 durch Selbstmord, d.h. jährlich pro Tausend 1 Selbstmord [...] Nach Pressenachrichten haben sich 1924 allein beim Schweidnitzer Bataillon der Reichswehr in kurzer Zeit 3 Selbstmordfälle ereignet.


    Die deutsche Reichswehr Wohlfeil/Dollinger 1972


    Grüße
    TAK

    Wer verurteilt kann irren – wer verzeiht irrt nie.

  • Für mich ist jedenfalls nicht erstaunlich, daß die Quote von anscheinend verzweifelten Soldaten in der Reichswehr Anfang der 20-iger Jahre, die zum Selbstmord aus den genannten Gründen griffen, deutlich höher war als in der kaiserlichen Armee.


    Ich könnte mir weiterhin vorstellen, daß die Selbstmordquote in der Kaiserlichen Armee vor allem den damaligen strengen Ehrbegriffen verschuldet war, in der Reichswehr wie gesagt vor allem den geschilderten sozialen und politischen Umständen und den Existenzängsten.


    Wenn man sich mit dem Thema näher beschäftigen würde, würde man wohl wahrscheinlich auch auf das Ergebnis kommen, daß die Selbstmordrate insg. in der Bevölkerung in den 20-iger Jahren höher war als zu Kaiserszeiten. Könnte ich mir zumindest vorstellen.

    Edited 2 times, last by Hoth ().

  • Hi,


    im Thema Militärpsychologie hier.
    Ob es weitere Einrichtungen mit dieser expliziten Ausrichtung gab,
    habe ich bisher nicht finden können.


    Gruß, Kordula

  • Hallo zusammen,


    die Bundeswehr unterhält ein Sozialwissenschaftliches Institut, das sich natürlich vorangig mit aktuellen Fragestellungen aus der Bundeswehr beschäftigt. Aber auch Dinge wie Reichswehr, Wehrmacht oder historisches Kriegsgeschehen müssen bisweilen zu Vergleichszwecken herangezogen werden. Ich habe dort mal angefragt im Hinblick auf das Suizidverhalten von Soldaten im Kriege.
    Wersic für das Institut und seine Veröffentlichungen interessiert, kann sich hier informieren:
    http://www.sowi.bundeswehr.de/…H1v_QD9gtyIckdHRUUAchxwPA!!/delta/base64xml/L3dJdyEvd0ZNQUFzQUMvNElVRS82XzEyXzdFTQ!!


    Gruß
    Rudolf KINZINGER

  • Quote

    Original von dr.rudolf
    Aber auch Dinge wie Reichswehr, Wehrmacht oder historisches Kriegsgeschehen müssen bisweilen zu Vergleichszwecken herangezogen werden. Ich habe dort mal angefragt im Hinblick auf das Suizidverhalten von Soldaten im Kriege.


    Hi Rudolf,


    wenn, wie es scheint, dort Aussagen/Informationen zu unserer Fragestellung gemacht werden,
    fände ich es gut, wenn Du Dich darum kümmerst.
    Das würde doch richtig helfen :D.


    Gruß, Kordula

  • Ja Rudolf, da möchte ich Kordula voll zustimmen!


    Quote

    ... Immerhin war die Welt für die Soldaten, insb. der höheren Dienstgrade und der Längerdienenden und Berufssoldaten, in der Zeit der kaiserlichen Armee völlig in Ordnung. Vor allem im Sinne des Soldatenberufes, mit allem was dazu gehörte.

    ???

    Quote

    Das bekannte Soldatenlied: „O welche Lust, Soldat zu sein“ muß merkwürdig anmuten, wenn man erfährt, dass die Selbstmorde in der Reichswehr nicht nur 7-mal höher sind als in der Zivilbevölkerung, sondern sogar doppelt so hoch als im alten kaiserlichen Heere...


    Ich verbiete mir, mich an Spekulationen zum „Warum“ zu beteiligen, oder gar zu meinen Antworten darauf zu wissen.
    Aber die „Hoth’sche Rechnung“ geht nicht auf: Wenn in der Reichwehr die Selbsttötung 7-mal höher sind als in der Zivilbevölkerung und sogar doppelt so hoch als im alten kaiserlichen Heere... heißt dies, dass die Selbstmorde im alten Kaiser-Heer 3½ höher als in der Zivilbevölkerung waren. Nur an „den 1920er Jahren“ kann es also nicht gelegen haben.


    Gruß TAK

    Wer verurteilt kann irren – wer verzeiht irrt nie.

  • Hallo...
    Hier ein Beispiel aus dem Buch ,,Zwischen Nichts und Niemandsland’’


    ,,Bei Kledewitschi, Montag, der 20. Dezember 1943
    Es weht und weht und schneit zum Gotterbarmen, und an ein Ende ist nicht zu denken. Wie zum Hohn schielte der Mond in der Nacht etwa 5 Sekunden lang aus einem Wolkenloch, dann war es wieder undurchsichtig und trotz des hellen Schnees so sackduster, wie sonst nur in finsteren Frühlings oder Herbstnächten. In dieser trostlosen Welt erschoss sich am Morgen ein Soldat aus Möllers Zug in seinem Postenstand, Kuhle, 19 Jahre alt. Warum fragt man sich betroffen. Man hat ihm zwar vor Tagen mal eine Meldung angedroht, weil er als Posten zuviel getrunken hatte, aber das ist doch kein Grund sich zu erschießen - so denkt man leicht im ersten Moment und ahnt noch nicht, was in der Seele eines so jungen Menschen vor sich geht. Woher ist er gekommen? War es die Furcht vor den Konsequenzen der Meldung? Hatte er Heimweh? Oder einfach nur eine entsetzliche Gespensterangst vor diesen unheimlichen Schatten im stiebenden Nachtschnee? Die alten Säcke, die Oberschnäpser und Stabsgefreiten, die den Rummel nun schon seit 39 kennen, die schmeißt natürlich so leicht nichts um.
    Aber diese viel zu jungen Marschierer, kaum der Schule und der Nestwärme des Elternhauses entwachsen, und dann gleich hinaus in den russischen Winter und an die Front.- es ist ein Jammer, ja eigentlich ein Verbrechen und ein Wunder, das sich in ihrer einsamen Verzweiflung nicht mehr die Mündung des Gewehrs zwischen die Zähne schieben und nur noch leicht abdrücken. ‘’


    Und hier hat er sich erschossen, in Kledewitschi
    [Blocked Image: http://www.bilder-hochladen.net/files/thumbs/4bdy-ud.jpg]


    Hier, rechts neben der Strasse, hier lag seine Kompanie im Graben.
    [Blocked Image: http://www.bilder-hochladen.net/files/thumbs/4bdy-ue.jpg]


    Das sah er, in dieser Nacht...der Blick nach Osten zu den russischen Linien, damals alles von Schnee bedeckt.
    [Blocked Image: http://www.bilder-hochladen.net/files/thumbs/4bdy-uf.jpg]


    Gruß

  • Hallo zusammen,


    geht also doch (wenn auch mit geringem Erfolg !):


  • Quote

    Original von dr.rudolf
    geht also doch (wenn auch mit geringem Erfolg !)


    Hi Rudolf,


    auch diese "Ansage": Nein, es ist nichts bekannt, finde ich hilfreich.
    Wenn auch Dr. Kümmel nicht weiterhelfen kann, könnte das bedeuten,
    daß es wirklich keinerlei Untersuchungen dazu gibt.
    Und viell. ist das für das Institut ein Anstoß, sich dieses Themas anzunehmen.


    Und wir tragen zusammen, was sich sonst noch finden läßt.



    Und Dir, Beresina, ebenfalls Danke, v.a. auch für die Photos zu dem -
    wie ich finde - sehr einfühlsam und nachvollziehbar geschriebenen Text;
    helfen mir, etwas mehr zu verstehen.


    Gruß, Kordula

  • Quote

    Original von kkn
    könnte das bedeuten, daß es wirklich keinerlei Untersuchungen dazu gibt.
    Und viell. ist das für das Institut ein Anstoß, sich dieses Themas anzunehmen.


    Hallo,


    es kommt drauf an was Untersucht hätte werden sollen,


    wenn es um die Frage des Umpfanges der Selbstmorde geht stimmt das nicht das es keine Untersuchungen gibt, ich habe ja schon nackte Zahlen genannt die auf Literatur beruhen, d.h. das sich einige Wissenschaftler schon mit der Materie über die Anzahl der Selbstmorde auseinadergesetzt haben.


    Stellt man sich nun die Frage warum diese Selbstmorde gemacht wurden, ist das natürlich eine andere Untersuchung. Ob es dazu was gibt, keine Ahnung- Selbstmordgründe dürften m.E. auch schwer wissenschaftlich zu erfassen sein.


    MfG
    Andreas

    Immer auf der Suche nach Daten, Bildern und Material über die 32. Infanterie Division, sowie über Straf,- und Bewährungseinheiten.

    Edited once, last by 32. Infanterie Division ().