Vortrag Täter - Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden. 18.11.2008

  • Dienstag, 18. November 2008, 19.00 Uhr


    Täter - Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden
    Referent: Prof. Dr. Harald Welzer, Witten/Herdecke


    Über den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg ist viel geschrieben worden, doch sind zentrale Fragen bis heute noch immer nicht umfassend beantwortet: Wie waren ganz normale Männer, darunter Tausende von Polizisten in der Lage, massenhaft Menschen zu töten? Warum haben sich nur wenige den mörderischen Aufträgen entzogen und noch weniger widersetzt?


    Die bisherigen Antworten, dass hier psychisch auffällige Menschen oder "Bestien" am Werk gewesen seien, erweisen sich nicht als befriedigende Erklärung: Viele der Täter waren unauffällige und durchschnittliche Männer. Sie waren vor und auch nach den Taten "normale" Mitglieder der deutschen Gesellschaft. Viele der Polizisten versahen ihren Dienst sowohl in der NS-Zeit als auch in der Bundesrepublik.



    Veranstaltungsort:
    Polizeipräsidium Oberhausen, Foyer

    Glück Auf!
    "Basil"


    "Ich bin ein Egoist und kümmere mich nicht um andere?. Sogar behinderte Delphine kommen zu mir, um mit mir zu schwimmen" (Stromberg)

  • Der gleiche Vortrag findet auch am Donnerstag, den 25.11.2008 um 20 Uhr in der Stadthalle in Singen am Hohentwiel statt (Kosten: 5 €)


    Veranstalter ist die Volkshochschule Konstanz-Singen e.V.

  • Hi,


    danke für Info - der Weg ist leider zu weit, um mir den Vortrag anhören zu können.
    Viell. gibt es ja jemanden, der hingehen und evtl. auch Fragen stellen könnte?


    Für alle anderen z.B. hier das Buch und den Vortrag hier zum Hören.
    Das Buch dürfte in vielen Bibliotheken zur Verfügung stehen;
    hier in Berlin mehrere Male.

  • Hallo,


    ich war gestern auf dem Vortrag von Prof. Dr. Welzer. Er war total interessant. Ich muss mir unbedingt das Buch dazu besorgen.
    Zum Fragen stellen bin ich leider nicht gekommen, der Saal war rappelvoll und so viele Besucher wollten Fragen stellen, so dass die Diskussionsrunde mangels Zeit leider abgebrochen werden musste.
    Ich muss aber auch sagen, dass sich der Vortrag bei mir erst mal setzen muss. Welzer machte deutlich, dass eigentlich jeder von uns zum "Täter" werden könnte, wenn bestimmte Voraussetzungen gegeben sind. Das macht ganz schön nachdenklich, muss ich schon sagen.

  • Quote

    Original von Frieder
    Welzer machte deutlich, dass eigentlich jeder von uns zum "Täter" werden könnte, wenn bestimmte Voraussetzungen gegeben sind.


    Hallo Frieder,
    würdest Du bitte so ein paar Voraussetzungen nennen, die Du im Vortrag erfahren hast.
    Man hat ja schon einiges darüber gehört, und steht dem Phänomen doch eher kritisch und skeptisch gegenüber.
    Vielleicht will man einfach nicht wahr haben, dass der Mensch in gewissen Situationen manipulierbar sind.


    Gruß
    Jane

  • Quote

    Original von Frieder
    jeder von uns zum "Täter" werden könnte, wenn bestimmte Voraussetzungen gegeben sind. Das macht ganz schön nachdenklich, muss ich schon sagen.


    Da gebe ich ihm meine volle Zustimmung. Aus der heutigen Sicht würde ich ganz klar sagen, ich wäre im Widerstand gewesen. In der damaligen Zeit dagegen wäre ich vielleicht eine angepasste und mitlaufende Bürgerin gewesen. Darüber sollte sich jeder Gedanken machen, bevor er urteilt.


    Viele Grüße
    Katrin

  • In dem unten beschriebenen Dokumentarfilm gibt es eine Szene in der erklärt wird wie man Wehrpflichtige dazu bringt auf Grenzübergänger zu schiessen!



    Der Dokumentarfilm, u. a. ausgezeichnet mit dem Deutschen Fernsehpreis, lief erstmals am 8. August 2001 auf Arte unter dem Titel Heldentod – Wer erschoss Egon Schultz?


    http://de.wikipedia.org/wiki/Egon_Schultz

    vg
    mra


    -die Feder ist uns von Haus aus ein fremdes Handwerkszeug. Aber nun hat unser Leid einen schreiben heißen –


  • Hallo Jane,


    Laut Welzer muss man sich , um die Täter und ihre Taten verstehen zu können, in die Zeit des Geschehens hineinversetzen. Dabei sei es wichtig, den Begriff „Verstehen“ nicht mit einer Legitimation ihres Handelns zu verwechseln.
    Welzer begann den eigentlichen Vortrag mit der Frage wie es soweit kommen konnte, dass Männer 1941 vor einer Erschießungsgrube im Osten stehen, und Männer, Frauen und Kinder exekutieren. Um diesen Vorgang verstehen zu können, müsse man zum einen die schleichende Indoktrination der Bevölkerung durch die Nazis seit der Machergreifung 1933 betrachten. Ständig wurde der Bevölkerung durch Zeitung, Kino, Ansprachen oder ähnliches suggeriert, zur Herrenrasse zu gehören. Die nationalsozialistische Rassenideologie spiegelte sich allmählich immer mehr durch neue und schärfer werdende Gesetze und Verordnungen im gelebten Alltag wieder. Das Unrecht wurde, so Welzer, für die Bürger, die zu den „privilegierten Ariern“ gehörten, irgendwann zur gelebten Normalität, Die Deportationen und die Ermordung der jüdischen Bevölkerung wären gleich zu Beginn der Machtergreifung noch nicht möglich gewesen, meint Welzer, da das „amoralische erst zur Moral“ werden musste.


    Als konkretes Beispiel für Männer, die an Massenerschießungen teilgenommen haben, führt er anschließend die Geschichte des Reserve-Polizeibataillon 101 an. Bei Ihnen handelte es sich um Männer, die zu alt für den Dienst in der Wehrmacht waren. Sie wurden nach Polen zu einem Sonderauftrag gebracht. Dort eröffnete ihnen ihr Kommandant, dass sie die jüdische Bevölkerung in polnischen Dörfern aufzuspüren, und nicht arbeitsfähige Juden, auf der Stelle zu erschießen hätten.
    Das Besondere an dieser Einheit ist, das der Kommandant ihnen das Angebot gemacht hatte vortreten zu können, falls einer von ihnen der „Aufgabe“ nicht gewachsen sei. Nur etwa 12 Männer von 500 traten hervor. Welzer ging auf die Frage ein, warum nicht mehr Männer sich geweigert haben diesen Auftrag auszuführen. Hier gäbe es mehrere Punkte, zum einen handelt es sich beim „Vortreten“ um einen aktiven Schritt des Einzelnen, keiner der Männer weiß, ob er durch die Weigerung von seinen Kameraden als „Schlappschwanz“ oder „Feigling“ angesehen wird. Weiter weiß keiner, welche Folgen eine Weigerung auf die Karriere haben könnte. Nachgewiesen sei aber, so Welzer, dass keiner der 12 Männer , die sich gegen diese Aktion gestellt hatten, bestraft wurden. Obwohl die übrigen Kameraden anschließend gesehen hatten, das keinerlei Sanktionen durch höhere Stellen zu befürchten waren, nahmen sie weiter an der Mordaktion teil.
    Die Mordaktion begann schließlich eine Eigendynamik zu entwickeln. Es wurden nach Erschießungsmethoden gesucht, die die Männer am wenigsten psychisch belasten sollten. Die Männer begannen Rechtfertigungen für ihre Erschießungen zu suchen. Zum Beispiel gab es ein Resevepolizist, der die Erschießungen sinnngemäß mit folgender Begründung rechtfertigte: „wenn wir es nicht tun, müssen unsere Enkel die Drecksarbeit erledigen“. Ein anderer meinte bei einer Zeugenbefragung nach dem Krieg durch den leitenden Staatsanwalt, er habe ja nur Kinder erschossen. Dies sei einer Erlösung für sie gewesen, denn sein Kollege habe ihre Mütter erschossen, und die Kinder seien ohne Mütter sowieso nicht lebensfähig. Welzer seien keine Fälle bekannt, in denen die Täter Unrechtsbewußtsein entwickelt hätten. Das Töten selbst wurde irgendwann zur Routine.


    Konkrete Voraussetzungen, weshalb Menschen zu Massenmördern werden können, entstehen aus dem jeweiligen zeitgenössischen Geschehen heraus. Diese sind aber nicht pauschal zu benennen. Am Beispiel des 3. Reichs und besonders am Beispiel des Reservebataillons 101 jedoch zeigt sich, so Welzer, dass die Täter psychisch unauffällig waren, d.h. die Taten können nicht pauschal psychotischen Spinnern und Sadisten angelastet werden, wie es zeitweise versucht wurde. Nur ein kleiner Teil der Täter hatte tatsächlich Freude am Töten und einen Hang zum Sadismus, dies haben Studien ergeben, so Welzer.


    Lieber Gruß


    Ute