Oberst Wilhelm Staehle (* 20. November 1877 in Neuenhaus; † 23. April 1945 in Berlin)

  • Wilhelm Staehle (1877-1945)


    1898 Sekondelieutnant, 1900-1902 als Freiwilliger im "Ostasiatischen Expeditionskorps" (Boxeraufstand in China); 1913 Hauptmann im Infanterie-Regiment von Horn (3. Rheinisches) Nr. 29. Im Ersten Weltkrieg zuletzt wegen seiner guten niederländischen Sprachkenntnisse (Mutter war Holländerin) Nachrichtenoffizier in Belgien. Nach Kriegsende in der Reichswehr, während des "Ruhrkampfes" im Reichswehrministerium, seit 1924 Leiter der Wehrstelle im Wehrkreis VI (Münster/Westf.). 1927 Oberstleutnant, 1929 ausgeschieden; 1931 Fürsorgereferent im Wehrkreis III (Berlin). 1934 zum Oberst befördert und wieder als aktiver Offizier eingestellt. 1935 zur Versorgungsabteilung des Wehrmachtsamtes kommandiert. Am 30. September 1937 mit der Beaufsichtigung der Verwaltung des Invalidenhauses betraut (das seit 1937 wieder dem Reichskriegsministerium unterstellt war). Nach der Verlegung in die neu angelegte Invalidensiedlung in Berlin-Frohnau ab 8. November 1939 Kommandant des Invalidenhauses. Staehle und seine Frau gehörten zum Helferkreis der Kirchlichen Hilfsstellen für evangelische Nichtarier und benutzten bis zuletzt die Möglichkeiten der Invalidensiedlung, um jüdischen und anderen Verfolgten mit Unterschlupf, Verpflegung und Papieren zu helfen. Seit etwa 1937 stand Staehle in Verbindung mit Carl Goerdeler, später kamen Kontakte zum Solf-Kreis, zu Oberst Oster von der Abwehr, zum ehemaligen Chef des Generalstabs des Heeres, Ludwig Beck, u.a.m. hinzu. Seit 1940 knüpfte Staehle Kontakte zu holländischen Widerstandskreisen; insbesondere führte er im Auftrag der Verschwörer des 20. Juli 1944 Verhandlungen, die für den Fall eines Waffenstillstandsangebotes einer neuen deutschen Regierung und für die geplante Rücknahme aller deutschen Streitkräfte bis zur Reichsgrenze ein Stillhalten des niederländischen Widerstandes sicherstellen sollten. Als die Gestapo 1944 sämtliche Kontakte des Solf-Kreises überprüfte, kam es nach längerer Bespitzelung am 11. Juni 1944 zur Verhaftung Staehles. Er wurde in verschiedenen Gefängnissen inhaftiert und schließlich in das Hausgefängnis der Gestapo in der Lehrter Straße überführt und in Verhören schwer misshandelt. Die für den 3. Februar 1945 angesetzte Verhandlung vor dem "Volksgerichtshof" wurde vertagt, weil an diesem Tag der berüchtigte Gerichtspräsident Roland Freisler bei einem Bombenangriff getötet wurde. Am 16. März 1945 wurde Staehle zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, die Anklage wegen Hoch- und Landesverrats wurde fallengelassen, weil das Gericht anerkannte, dass das vorliegende "Geständnis" erpresst war. In der Nacht vom 22. zu. 23. April, als Teile der Roten Armee bereits in Berlin eindrangen, wurde Staehle mit einigen anderen Gestapo-Häftlingen unter der Vorspiegelung, sie würden freigelassen werden, einem SS-Kommando übergeben und am Lehrter Bahnhof hinterrücks ermordet. Frau Staehle konnte nach ihrer Befreiung aud der Haft die Leiche ihres Mannes ausfindig machen und ließ sie auf dem Invalidenfriedhof beisetzen. Der Staehleweg in Reinickendorf ist nach ihm benannt. Hier erinnert auch eine Gedenktafel an sein Leben und Wirken.


    [] Feld A


    Aus: Laurenz Demps, Christian Scheer, Hans-Jürgen Mende (Hrsg.),
    Invalidenfriedhof - Ein Friedhofsführer, Edition Luisenstadt, Berlin 2003.


    Quelle hinzugefügt. Kordula

  • Hallo,
    hier etwas zur Herkunft:


    Wilhelm Staehle
    *20.11.1877 in Neuenhaus, Grafschaft Bentheim, evang.
    Heirat am 12.05.1928 in Hannover
    Oberstleutnant und ehemaliger Kommandeur des Ausbildungsbataillons des Infanterie Regiments No. 17, in Celle
    Ehepartner: Hildegard Agnes Marie Henrike Luther, Eltern: Sanitätsrat Dr. med. Friedrich Luther und dessen Ehefrau Martha geb. Lüdering in Celle, *20.04.1894 in Celle; die erste Ehe mit dem Hauptmann a.D. im ehemaligen 2. Hannov. Infanterie Regiment Nr. 77, Stille, ist im März 1928 rechtskräftig geschieden


    Gruß
    Jörg

  • Hallo zusammen!



    Zu Staehle liegt mittlerweile ein lesenswerter Aufsatz in digitaler Fassung vor:


    https://www.degruyter.com/down…2.69/mgzs.1969.6.2.69.pdf


    Dazu einige Bemerkungen:


    Die deutsche Nachkriegsgesellschaft tat sich mit einer Würdigung des Widerstandes im Nationalsozialismus lange schwer. Mit den ersten Veröffentlichungen zum Thema verband man daher den Wunsch eine Änderung der öffentlichen Wahrnehmung herbeizuführen. Das führte dazu, dass sie eher einer ästhetisierenden Heldenverehrung glichen denn einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema. Die Historisierung setzte dann erst mit der zunehmenden Verschiebung dieser Nachkriegsperzeptionen ein.


    Obwohl diese Schrift am Ende dieses Transformationsprozesses entstand, fällt es dem Autor noch sichtbar schwer sich einer moralisierenden Betrachtung der Vorgänge zu entziehen. Dass zu Staehle offenbar kaum Ego-Dokumente vorliegen und sich der Autor in seinen Ausführungen häufig auf schriftliche und mündliche Auskünfte von Zeitzeugen stützt, erschwert die Abgrenzung weiter und führt mancherorts zu vermeidbaren Spekulationen über die Persönlichkeit, Motive und Handlungen Staehles.



    Davon unberührt bleibt freilich sein Wirken, dessen Grundlage die Weigerung bildete, die eigenen ethischen Grenzen denen eines Un­rechts­re­gimes anzupassen.


    MfG

    Whoever saves one life, saves the world entire.
    Talmud Jeruschalmi

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