Sonderunternehmen Dyhernfurt, 5./6.2.45 Teilzerstörung der Anorgana

  • Moinsen!


    Ich suche Infos zum "Sonderunternehmen Dyhernfurt am 5./06.02.1945. Da ist eine Kompanie Pioniere über die Oder gesetzt, um einen bestimmten Produktionsbereich der Anorgana zu zerstören, wo Tabun hergestellt wurde.

    Bei Groehler (Lautloser Tod) und anderen ist immer nur ein kleiner, nahezu gleichlautender Absatz zu finden.

    Hat jemand genauere Infos dazu? IM Lexokon der Wehrmacht steht, dass die Sturmboot-Kp 906 beteiligt war und Teile der 17. PD. Aber welche Pioniere? Und welchen Umfang hatte das Unternehmen.


    Beste Grüße

    Frank

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  • Hallo Frank,


    die 17. Panzer-Division hatte mit diesem Einsatz bei Dyhernfurt nichts zu tun, obwohl auch sie der 4. Panzerarmee unterstand.

    Den Auftrag Dyhernfurt erhielt Generalmajor Max Sachsenheimer, Kdr. der "Kampfgruppe 17. Infanterie-Division" am 3. Februar 1945 von der 4. Panzerarmee. Mit Hilfe ortskundiger Führer von HJ und Volkssturm erkundete Generalmajor Sachsenheimer persönlich die Lage bei Dyhernfurt, da ihm der vorgeschlagene Angriffsplan der 4. Panzerarmee zu unsicher war.

    Geführt wurde der Angriff selbst meines Wissens nach von Major Ludwig Jooß [GrenRegt. 21, RK-Träger]. In den sehr frühen Morgenstunden, noch bei Dunkelheit des 5. Februar 1945 setzen Teile der geschwächten Grenadier-Regimenter 55 [Führer: Major Jacobs] und 95 ( Reste der GrenRegter. 95 und 21) [Führer: Major Heim(?); Hauptmann Wickmann] der 17. Inf.Div., über die teilweise zerstörte Eisenbahnbrücke über die Oder, deren östliches Ende von sowjetischen MG-Stellungen gesichert war.* Ihre Stoßrichtung waren die Fabrikanlagen.

    Der größte Teil der Angriffstruppen setzte 30 Minuten später in drei Wellen mit 56 Sturmbooten (d.h. max. 336 Soldaten pro Welle) der unterstellten leichte Sturmboot-Kompanie 906 [Kp.Chef. Oberleutnant Röhrig] über die Oder und gingen ober- und unterhalb der IG-Farben Fabrik Anorgana in Stellung, um einen temporären Brückenkopf um die Fabrikanlagen zu bilden. Unterstützt wurde der Flussübergang durch Granatwerfer der Infanterie und leichte Artillerie des Artillerie-Regiments 17 [Führer Major Jilke].

    Die beiden Infanteriewellen gingen jeweils an den Flusskilometern 286 und 288 in Stellung. Eine dritte, kleinere Welle setzte unbemerkt Pioniersprengtrupps des Pi.Batl. 17 [Führer Oberleutnant Max Friedrich] oberhalb der Fabrik über. Ein Zug (25 Sturmboote) der leichten Sturmboot-Kp. 906 bildete an der Eisenbahnbrücke eine Reserve, für den Fall, dass der Sturmangriff über die Brücke abgewehrt würde. Alle Kampfgruppen trafen auf Widerstand von sowjetischen MG-Stellungen.

    Der der ca. 2 Kilometer Brückenkopf sollte solange gehalten werden, bis die zuständigen Chemiker die in den unterirdischen Fässern gelagerten Nervengase, vermutlich Sarin und Tabun, durch eine betriebseigene Pipeline in die Oder abgeleitet, Vorräte und Rohstoffe vernichtet und Pioniere die wichtigsten Anlagen gesprengt hatten.

    Am Nachmittag des 5. Februar 1945 waren alle Fässer entleert und Pioniere des Pi.Batl. 17 legten Sprengladungen an betriebswichtigen Anlagen, Rohstoffen, Verbindungen und Ventilen. Während dieser Arbeit platzte ein Ventil, wodurch zahlreiche Pioniere und Techniker zum Teil stark kontaminiert wurden.

    Da während dieses deutschen Angriffs, Marschall Konjews Umgliederung im Brückenkopf Steinau noch nicht abgeschlossen war, fühlte sich kein sowjetischer Truppenführer für die Beseitigung der kleinen "faschistische Eiterbeule" bei Dyhernfurt verantwortlich.

    So trafen erst gegen 13:00 Uhr mit dem 780. Schützenregiment (214. Schützendivision) erste stärkere sowjetische Kräfte ein. Diese wurden von 18 Feindpanzern (T 34/85) unterstützt , die aus nördlicher Richtung von Seifersdorf aus, mit hoher Geschwindigkeit den Brückenkopf angriffen. Alle Panzer wurden, teils von Panzerjagdkommandos mit Panzerfäusten, teils von zwei Jagdpanzern "Hetzer" und einer 8,8 cm Flak-Batterie aus 500 bis 700 Meter Entfernung vom Westufer der Oder her, in der nächsten Stunde ausgeschaltet.

    Kurz vor Einbruch der Dunkelheit stießen weitere 7 T 34, unterstützt von Begleitinfanterie aus der Richtung des Dorfes Kranz auf den Brückenkopf vor. 6 der 7 T 34 wurden von der 8,8cm Flak-Batterie vom Westufer der Oder aus vernichtet; der siebte entkam mit hoher Geschwindigkeit. Dieser kurze letzte, aber entscheidende Kampf schien die Sowjets "paralysiert" zu haben, denn sie griffen nicht mehr an.

    Inzwischen war es völlig dunkel geworden und es wurde begonnen, die deutschen Truppen über die Brücke und mit Sturmbooten wieder an das westliche Oder-Ufer zurückzubringen. Im Laufe des Abends des 5. Februar 1945 waren allen deutschen Einheiten mit wenigen Verlusten wieder auf der westlichen Oder-Seite.

    Quellen:

    - Ulrich Saft: Krieg im Osten. Seite 363-364 (sehr kurz und ungenau)

    - Joachim Karl Scholz: The Dyhernfurth Raid, online http://ww2f.com/threads/the-dyhernfurth-raid.18479 (englischer Text; sehr detailliert)

    - Randolf Kugler: Das Landungswesen in Deutschland seit 1900, Seite 594.

    - Günther Gellermann: Der Krieg der nicht stattfand. Überlegungen und Entscheidungen der obersten deutschen Führung zur Verwendung chemischer Kampfstoffe im 2. Weltkrieg.

    * Dyhernfurth wurde am Morgen des 5. Februar 1945 nur von sehr schwachen sowjetischen Kräften geschützt: die 3./ unabhängige MG-Batl. 334 im Werk Anorgana, sowie die 3./selbständige MG-Batl. 332 des 73. Schützenkorps (52. Armee) an der Oder-Eisenbahnbrücke und am Bahnhof von Dyhernfurth.

    Das Werk Dyhernfurth selbst wurde am 5. Februar nur wenig zerstört. Die Rote Armee demontierte es und nahm 1946 nach dem Wiederaufbau in der Sowjetunion die Produktion wieder auf.

    Beste Grüße

    Ingo

  • Danke, das war ausführlich!


    Sehr interessante Aktion, muss man sagen.


    Beste Grüße

    Frank

    Suche alles zur 2. Marineinfanteriedivision und zur 5. FallschJgDiv

  • Hallo Hoover,

    im Buch "Der Kampf um Schlesien" von Hans von Ahlfen wurde dem Unternehmen ein komplettes Kapitel gewidmet ( Seite 127). Dazu gibt es noch zum besseren Verständnis einen

    Kartenauszug.

    Grüße

    Heiko

  • Hallo,

    sehr interessanter Bericht für mich, den Atlantis hier in den Thread gestellt hat. Ein paar Fragen dazu hätte ich noch. Unter anderem wird berichtet, dass sich durch Platzen eines Ventils ein Teil der Pioniere und Techniker stark kontaminiert wurden. Bedeutete das den Tod der Betreffenden oder gab es damals schon wirksame Gegenmittel bzw. Schutzkleidung? Bewirkte die Einleitung der Giftstoffe nicht ein massenhaftes Fischsterben in der Oder? Die vorgenommenen Sprengungen/Zerstörungen müssen ja relativ geringfügig gewesen sein, wenn der Russe nach dem Krieg das Werk demontierte und wieder zur Produktion aufbauen ließ oder habe ich da etwas übersehen?

    MfG Wirbelwind

  • Hallo Rüdiger,


    wenn ich das richtig gelesen bzw. übersetzt habe, erblindeten einige Personen vorübergehend(?). Nach wenigen Tagen sollen sie aber ihre Sehkraft wiedergewonnen haben.....


    Beste Grüße

    Ingo

  • Hallo Ingo,

    Danke für die schnelle Rückmeldung. Da haben die Betreffenden aber großes Glück gehabt. Oft endeten solche Unfälle, die ja auch beim Abfüllen der Geschoße mit Nervengift in der Fabrik vorkamen, letal. Doch da betraf es wohl überwiegend nicht die deutsche Arbeiter, sondern eingesetzte KZ-Häftlinge. Die waren aber den Verantwortlichen aus bekannten Gründen nicht so wichtig.

    MfG Wirbelwind

  • Hallo,

    im von mir besagtem Buch berichtet der Autor:

    Man hatte Aushilfen treffen müssen für den Fall, daß Pumpen oder Rohrleitungen versagten, das Gas also nicht wie beabsichtigt hinausgepumpt werden konnte. Sie bestanden darin, daß Pioniere an einigen Gasbottichen vorsorglich Sprengladungen anlegten. Dabei wurden Einige von ausströmendem Gasen erfaßt, wodurch sie ihre Sehkraft verloren. In schnell anschließender fachärztlicher Lazarettbehandlung wurden sie aber glücklicherweise nach einigen Tagen wieder geheilt.

    Grüße

  • Hallo Rüdiger,

    für die gefährlichen Arbeiten mit hochgiftigen Kampfstoffen des Abfüllens mit Tabun und ab 1994 auch mit Sarin [gesamte Tagesproduktion aller Kampfstoffe 1944 ca. 17 Tonnen], wurden direkt bei der Fabrik zwei Außenkommandos des KL Groß-Rosen gebaut: 1942 wurde "Dyhernfurth I" errichtet; 1943 das erheblich größere "Dyhernfurth II".

    Das innerhalb der Fabrik gelegene Lager I bestand aus drei Baracken mit etwa 150–200 Häftlingen. Sie arbeiteten in der Kampfstoffproduktion und bei Abfüllung von Bomben und Artilleriegranaten („Dyhernfurth I“).

    Das Lager "Dyhernfurth II", von den SS-Männern zynisch „Elfenheim“ genannt, („Häftlinge erschienen und verschwanden dort wie Elfen“), befand sich in der Nähe der Fabrik zwischen den Bäumen ca. 1 Kilometer entfernt. 2.000 bis 3.000 Menschen, die am weiteren Ausbau der Fabrik arbeiteten, wurden dort dauerhaft untergebracht.

    Während das Lager I, in das "arbeitsfähige" Menschen geschickt wurden, "erträgliche" Bedingungen aufwies [soweit man von einem Leben in einem KL überhaupt als erträglich reden kann?], war Lager II ein echtes Vernichtungslager: So überlebte zum Beispiel von einem, im August 1944 eingetroffenen Transport von 2.200 ungarischen Juden, bis zur Befreiung am 23.Januar 1945 niemand.

    Noch ein Nachtrag zum Unternehmen des Gen.Maj. Sachsenheimer vom 5. Februar 1945:

    Ziel war nicht nur, das dort gelagerte Gas und die Anlagen und Gerät zu vernichten.

    Es ging wohl auch um die Evakuierung von zwei Professoren, die in der Gasproduktion tätig waren, eines von der Heeresgruppe "Mitte" abgeordneten Offiziers der Chemietruppen und achtzig Facharbeitern. Die Rote Armee hatte augenscheinlich in der Kürze der Zeit bei ihrem Vorstoß zur Oder noch nicht genau erkannt, worum es sich bei dieser Anlage handelte und diese bisher wohl "links liegen gelassen".

    Die unverhoffte Anwesenheit dieser Fachleute vor Ort eröffnete auch zusätzliche bzw. effizientere Möglichkeiten, die in der Fabrik angesammelten Kampfstoffe zu beseitigen – sie kannten die Ausrüstung und die technischen Vorgänge.

    Das Gas befand sich in zwei riesigen unterirdischen Fässern. Von dort sollte es zur Oder gepumpt werden, wo es zersetzt und neutralisiert werden sollte – ohne Gefahr, dass der Feind chemische Analysen durchführen könnte. Das bloße Sprengen voller Tanks konnte dies wohl nicht garantieren.

    Beste Grüße

    Ingo

  • Hallo Ingo,

    Deine weiteren Ergänzungen zum Sonderunternehmen Dyhernfurth sind ebenfalls interessant. So wie es scheint, richtete die Einleitung der Kampfstoffe in die Oder kaum größere Schäden an. Die Nervengifte wurden neutralisiert und den Russen entging vorerst, was da produziert worden war. Ein Glück, dass es zu keinen weiteren Vorfällen kam. Nicht auszudenken, was es für Folgen hätte haben können, wenn plötzlich eine Giftgaswolke losgewabbert wäre. Das die KZ-Insassen, welche die Abfüllungen vornahmen, ,,besser" behandelt worden sind, als jene, welche bei der Erweiterung der Fabrik zum Einsatz kamen, hängt vielleicht mit dem Geschick zusammen, was gebraucht wurde, um bei der Abfüllung nicht laufend Unterbrehungen durch Unfälle zu erzeugen. Trotzdem sollen wohl die daran beteiligten KZ-Insassen sich latent vergiftet haben, ohne gleich daran zu sterben. So zumindest habe ich das Mal vor sehr langer Zeit in einer Publikation gelesen.

    MfG Wirbelwind