Marie Wilhelmine Elise Baronesse von Kleist, geb. Baronesse von Grotthuss

  • Guten Tag,

    hier ein Schicksal, an das vor längerer Zeit im Berliner Tagesspiegel erinnert wurde.

    Ob sich wohl zu der Ärztin Dr. Helene Silberschmidt etwas finden läßt?

    Ebenso interessiert mich, wo in Berlin-Lichterfelde dieses Baltische Altersheim

    gewesen sein könnte.

    Danke für's Nachforschen.

    Grüße, Kordula


    Marie Wilhelmine Elise Baronesse von Kleist wurde am 21. März 1874 in Wenden (heute Cēsis in Lettland) als jüngstes von 13 Kindern geboren. Im Alter von 27 Jahren heiratete sie den Juristen Baron Arthur von Kleist in Riga. Das Ehepaar hatte zwei Töchter, Irmgard und Gerda. Im Jahr 1917 flüchtete die Familie wegen der Russischen Revolution und kam 1919 nach Berlin. Arthur von Kleist starb im Jahr 1928. Marie von Kleist zog in das Baltische Altersheim in Lichterfelde. Im Jahr 1944 wurde das Haus bei einem Bombenangriff schwer beschädigt, Marie von Kleist verlor ihr gesamtes Hab und Gut und lief verstört umher. Das Gesundheitsamt Steglitz wies sie am 4. Mai 1944 als „unruhige Greisin“ in die Heilstätte Wittenau ein. Am 31. Mai 1944 wurde sie von der Ärztin Dr. Helene Silberschmidt „zur Verlegung vorgeschlagen“. Dr. Silberschmidt beteiligte sich an Selektionen. Am 14. Juni 1944 wurde Marie von Kleist nach Meseritz-Obrawalde verlegt, wo sie ... am 21. Juni 1944 ermordet wurde. Am Weddigenweg 70 in Berlin-Lichterfelde erinnert ein Stolperstein an Marie Wilhelmine Elise Baronesse von Grotthuss.

    Slava Ukraini! In Memoriam A.N.!

  • Hallo Kordula,

    das Baltenheim des Baltendeutschen Hilfswerks e.V. befand sich in der Weddigenweg 70 in Berlin-Lichterfelde. Es nahm Baltendeutsche über 60 Jahren auf.

    BAltenheim, hat was der Name.

    Diese Dr. Helene Silberschmidt war in den 1950er Jahren ärztliche Leiterin des DRK-Pflegeheims Tannengrund, Zehlendorf, Königstr. 40.

    Grüße

    Thilo

    Suche alles zur Lehrtruppe Fallingbostel und zum Einsatz des NSKK in der Ukraine 1941

  • Hallo, Kordula,

    zu Helene Silberschmidt folgende Information meinerseits: sie wurde als uneheliche Tochter der Clara Koblich am 8. November 1893 in Oliva (bei Danzig) in der Köllner Chaussee 20 geboren und erhielt die Vornamen Helene Clara Eva. Am 8. Oktober 1895 erkannte der Leutnant der Landwehr Alexander Silberschmidt die Vaterschaft an und legitimierte das Kind (Quelle Archiv Danzig).

    Eine Unterschrift von ihr konnte ich auch finden (ancestry). Sie hat offensichtlich auch noch nach dem Krieg nicht nur in der Nervenklinik gearbeitet, sondern auch gelebt. Dort ist dann 1955 auch ihre Mutter verstorben.

    Grüße

  • Guten Morgen,

    vielen Dank Euch beiden, Thilo und Diana,

    für diese ergänzenden und überaus erhellenden Angaben.

    Wir wissen ja genug über die Zeiten nach 1945 in Ost wie West.

    Hier wie da wurde verschwiegen oder vorhandenes Wissen

    instrumentalisiert, es wurde einfach weiter gemacht ...

    Dazu muß nichts weiter gesagt werden.

    Und doch hat es etwas Gruseliges, daß diese Ärztin völlig

    unbehelligt weiter arbeiten konnte - in einem Pflegeheim -

    und gelebt hat sie in der Anstalt Wittenau, ihrer, wenn man

    so will, "Wirkungsstätte".

    Grüße, Kordula

    Slava Ukraini! In Memoriam A.N.!

  • Hallo Kordula,

    ... Hier wie da wurde verschwiegen oder vorhandenes Wissen

    instrumentalisiert, es wurde einfach weiter gemacht ...

    es hat aber durchaus in den 1970er Jahren mehrere Untersuchungs- und Ermittlungsverfahren gegen leitende Ärzte und auch Personal der Anstalt in Meseritz-Obrawalde gegeben, dazu sind im Bundesarchiv zahlreiche Bestände u.a. aus der Zentralen Stelle in Ludwigsburg archiviert. Die von Dir genannte Ärztin Dr. Silberschmidt erscheint dort auf den ersten Blick allerdings nicht.

    Gruß, J.H.

  • Guten Tag,

    Helene Silberschmidt war 1929 Assistenzärztin in der Provinzial-Heilanstalt für Geisteskranke in Gütersloh. Ärztlicher Direktor war Dr. Hermann Simon, ein Befürworter der Euthanasie. Er begrüßte die Machtübernahme Hitlers, da er in der nationalsozialistischen Rassen- und Gesundheitspolitik die willkommene Möglichkeit sah, das „soziale Parasitentum“ als Beitrag zur rassisch-biologischen Gesundung des deutschen Volkes auszumerzen.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Simon_(Mediziner)

    Grüße

    Jockel

    Der Mensch ist böse von Jugend auf (Bibel 1. Mose 8, 21)

    Edited once, last by micha18: Link funktionierte nicht - korrigiert (September 15, 2023 at 9:57 AM).

  • Hallo zusammen,

    zur ehemaligen Nervenklinik gibt es eine umfangreiche Ausstellung in der Klinik selbst. Die zugehörige Internetseite http://www.totgeschwiegen.info/ ermöglicht auch einen virtuellen Rundgang. Und da habe ich sie gefunden.

    Es ist mir unbegreiflich, wie diese Frau das Spruchkammerverfahren überstehen und danach wieder als Ärztin praktizieren konnte.

    Grüße

  • Hallo zusammen,

    ich befasse im Moment auch mit vielen Spruchkammerverfahren von Angehörigen des RSHA - es ist einfach nur desillusionierend.

    Man sollte die Spruchkammerverfahren nicht überschätzen:

    die Spruchkammern mußten nicht die Schuld der Betroffenen nachweisen, sondern die Betroffenen ihre Unschuld.

    So wurde nur zugegeben, was ohnehin bekannt war. Alles geschah ohne "eigenes Zutun" oder gar gegen "gegen meinen Willen", man "wusste nichts" und schrieb sich fleißig gegenseitig "Persilscheine".

    Schlußwort eines Betroffenen: er bittet darum, "von einer entehrenden Freiheitsstrafe abzusehen" (Dr.jur, NSDAP seit 1930, SD seit 1931, stellv.BdS und Stapoleiter).

    Zudem waren die Verbrechen dermaßen arbeitsteilig organisiert, daß ein Nachweis für individuelle Schuld durch die Spruchkammern praktisch nicht oder nur in Ausnahmefällen zu führen war.

    Im Fall von Helene Silberschmidt ist es auch fraglich, ob sie sich überhaupt einem Spruchkammer- oder gar Strafverfahren stellen musste.
    Möglicher Tenor ihrer Verteidigung: sie war nur für die "Verlegungen" zuständig, ohne über die möglichen Konsequenzen (Ermordung der Selektierten) informiert gewesen zu sein.

    Siehe hierzu auch Heil- und Pflegeanstalt Obrawalde (mit Nachkriegsgeschehen und -urteilen).

    Und man kann sich auch die Begründung der Freisprüche von 14 Angehörigen des Pflegepersonals der Heil- und Pflegeanstalt Obrawalde ansehen:

    https://junsv.nl/westdeutsche-gerichtsentscheidungen Lfd.Nr.587 (LG München I 12.03.1965)

    Oder auch die Begründung der Todesurteile gegen die Ärztinnen Hilde Wernicke und Helene Wieczorek aus der Heil- und Pflegeanstalt Obrawalde

    https://junsv.nl/westdeutsche-gerichtsentscheidungen Lfd.Nr.3 (LG Berlin 25.03.1946)

    Viele Grüße
    Frank