Verfahren nach Verlust der Wohnung durch Bomben

  • Hallo allerseits,


    meine Großmutter hat mir berichtet dass sie noch vor Kriegsende ausgebombt wurden und danach in einer Gaststätte unterkamen. Genauers konnte sie mir nicht sagen... Sie war halt noch ein Kind und hat auch später nicht viel erfahren über diese Zeit.

    Mich interessiert nun, wie man denn verfuhr wenn man seine Wohnung verloren hatte?

    Sicher werden viele versucht haben bei Freunden oder Bekannten unter zu kommen..., aber was wenn dies nicht möglich war?

    Gab es eine Behörde die sich der sache annahm oder war man gänzlich auf sich gestellt? Und wenn ja, wie ging diese Vorgang denn theoretisch/praktisch vonstatten?

    Obdachlosigkeit war ja nach dem Krieg ein großes Problem, also sicher auch schon, als die ersten Bomben regelmäßig auf Städte vielen...


    Mfg

    Thomas

    Edited once, last by EnkelJustus: Titel ergänzt/Justus ().

  • Tag allerseits,


    auch während der Zeit des Bombenkrieges funktionierten die deutschen Behörden, vor allem in den Gemeinden und Städten. Die damaligen Wohnungs- und Siedlungsämter

    hatten die Aufgabe, Bombengeschädigte in Ersatzwohnungen unterzubringen. Das war in den Ballungsgebieten Deutschlands eine ausgesprochen schwierige Aufgabe. In den

    letzten Kriegsjahren wurden spezielle Baracken bereitgestellt, in denen Bombengeschädigte unterkommen konnten. Und natürlich gab es damals auch Zwangseinweisungen.

    Wenn in einer damaligen Gaststätte Zimmer frei waren, dann mussten dort Bombengeschädigte untergebracht werden.


    Zum Nachlesen:

    https://de.wikipedia.org/wiki/…r_Fliegergesch%C3%A4digte


    Grüße

    Bert

  • Hallo Bert,



    Dann geh ich mal stark davon aus, dass meine Familie damals Glück gehabt hat nicht in einem besagten Barackenlager zu landen.

    Vielen dank für deine Antwort


    Mfg

    Thomas

  • Guten Tag.


    Es kann wohl davon ausgegangen werden, dass Ausgebombte auch in Wohnungen von Juden untergebracht wurden, die vorher das Deutsche Reich verlassen mussten - in vielen Fälllen sich "freikauften". Natürlich darf man nicht vergessen dass auch viele Juden "einfach so" aus ihren Wohnungen entfernt wurden. Das nur als Randnotiz....


    Ganz abgesehen davon waren die Barackenlager spätestens 1944 schon durch Flüchtlinge innerhalb des Deutsches Reiches und KLV-Verschickungen ausgelastet, wenn sie nicht gerade von RAD und ähnlichen Organisationen beansprucht wurden.


    Im Deutschen Reich war man deshalb ab spätestens 1944, wenn nicht schon um 1943 immer krampfhafter auf der Suche nach mittelgrößen Ausweichquartieren. Die Barackenlager kulminierten aber erst ab 1945 wirklich, vorher war die Unterbringung in "festen" Quartieren für Ausgebombte eher die Regel, nicht die Ausnahme.


    Da befehlsgemäß viele Unterlagen 1945 vernichtet wurden, lässt sich heute nur mehr ein vager Umriss der Quartierzuteilungen im Kriege zeichnen.


    Wichtige Hinweise dazu geben Zeitzeugeninterviews und offizielle Unterlagen, die erhalten geblieben sind.

    Allerdings wird die Decke der Zeitzeugen immer dünner, und wissenschaftlich anerkannt sind ZZ-Interviews (leider) bis heute nicht.


    Man kann aber davon ausgehen, dass Ausgebomten sehr wohl Ausweichquartiere angeboten (und in der Regel auch angenommen) wurden.

    Es war schon aus Propagand-Sicht wichtig für das Deutsche Reich, dass dieser Teil der Bevölkerung versorgt war.


    Gruß Georg.

    Suche alles über die SS-Kaserne Ebelsberg und das Kriegsgefangenen-Lazarett Haid (Oberdonau).

  • Tag allerseits,


    diese Wertung:


    Ganz abgesehen davon waren die Barackenlager spätestens 1944 schon durch Flüchtlinge innerhalb des Deutsches Reiches und KLV-Verschickungen ausgelastet, wenn sie nicht gerade von RAD und ähnlichen Organisationen beansprucht wurden.


    bedarf wohl der Ergänzung! Bombengeschädigte wurden bis Kriegsende "entsprechend untergebracht", auch wenn ab 1944 Flüchtlinge ins Reich zuwanderten.Das "Deutsche Wohnungshilfswerk" schuf ab

    1943 Behelfsheime für Bombengeschädigte, weil durch den fortschreitenden Bombenkrieg kaum noch Ersatzwohnungen verfügbar waren. Diese Behelfsheime hatten Standardmaße (4,10 m x 5,10 m). Es gab

    diese Behelfsbauten in der Ausführung mit Ziegelmauern und später auch in Holzbauweise. Zuständig für diese Baumaßnahmen war Robert Ley, der in kurzer Zeit 1 Million dieser Notunterkünfte bauen wollte.

    Die fortschreitenden Kriegsereignisse machten diese Zielvorgaben unmöglich.


    Jedenfalls arbeiteten die Behörden des NS-Staates zielstrebig bis zum bitteren Ende. Dass Bombengeschädigte im Freien oder Zelten übernachten mussten, das kam m.W. nicht vor. Auch die aktive Nachbarschaftshilfe

    funktionierte bis Kriegsende. So kamen Bombengeschädigte fürs Erste auch bei Nachbarn unter, bis die Behörden aktiv helfen konnten.


    Grüße

    Bert


  • Hallo zusammen, ...


    Interessante Details, die ihr da ansprecht. Um was für eine Wohnung es sich genau handelt werde ich mal versuchen in Erfahrung zu bringen. Die Adresse von damals habe ich ja herausfinden können.

    Wollte mir das eh mal ansehen.


    Ich kann mir das trotzdem nicht wirklich vorstellen, wie das gewesen sein muss, von heute auf morgen alles zu verlieren.

    Einfach schrecklich...

    Den Erzählungen meiner Oma nach ist wohl alles an Besitz beim Luftangriff verbrannt, bis auf ein Märchenbuch, welches sie in den Luftschutzbunker mitnahm. Das Buch hat sie noch heute, wenn auch reichlich ramponiert.


    Mfg

    Thomas

  • Hallo,


    ausserdem gab es noch die Wohnraumbewirtschaftung, soll heißen:

    wenn in einer großen Wohnung nur ein oder zwei Personen wohnten,

    wurden diesen Personen von Seiten der Stadt Ausgebombte und später Flüchtlinge zugewiesen.


    In Bielefeld wurde die Wohnraumbewirtschaftung erst 1965 aufgehoben.

    Gruß
    Gerd (der aus Bielefeld)

  • Hallo,

    ... Gab es eine Behörde die sich der sache annahm oder war man gänzlich auf sich gestellt? ...

    die Luftangriffe, Bombenschäden und Opferzahlen wurden in der Regel systematisch erfasst und ausgewertet, Unterlagen dazu z.B. der Polizei oder Luftschutzbehörde sollten (sofern erhalten geblieben) in regionalen Archiven des betroffenen Ortes oder Landkreise zu finden sein. In den örtlichen Tageszeitungen sind oftmals auch entsprechende (Sammel-)Traueranzeigen für die Bombenpfer erschienen und es gab Gemeinschaftstrauerfeiern und -Begräbnisse. Im Anhang noch ein Ratgeber für Bombengeschädigte, wie er damals u.a. in den Tageszeitungen veröffentlicht wurde.

    Quelle: Werkszeitung der Staatsdruckerei Wien, Folge 3 vom Mai/Juni 1944


    Gruß, J.H.


    Weiterführend hatten wir hier im Forum schon mal etwas zur Verleihung des Verwundeten-Abzeichen an Zivilisten, die bei Luftangriffen verwundet wurden, zusammengetragen: Verwundetenabzeichen an Luftkriegsopfer

  • Hallo,


    die Liegenschafts und - Katasterämter hatten dem Interministierellen Luftkriegschaden Ausschuß alle Schäden und Opfer zu melden.

    Dies geschah u.a. mit Fotos und/oder Zeichnungen.

    Gruß
    Gerd (der aus Bielefeld)

  • Tag allerseits,


    die angesprochene Wohnraumbewirtschaftung gab es schon während des Bombenkrieges. Nach Kriegsende und der Zuwanderung von Millionen Heimatvertriebenen wurde die Wohnraumbewirtschaftung

    massiv verstärkt. Die Verhältnisse auf diesem Gebiet waren nach Kriegsende viel extremer als während des Krieges. Ohne große Diskussionen wurden in größeren Wohnungen massiv Flüchtlinge einquartiert.

    Die Eigentümer der Wohnungen konnten ihre Toilettenräume und Küchen nur noch "mitbenützen". Besonders ausgeprägt waren die Verhältnissen in südlichen Bayern in den bäuerlich geprägten Dörfern.

    Da wurden alle irgendwie vorhandenen Räume "belegt". Ich erlebte als kleiner Junge die Einweisung von insgesamt 9 Personen im landwirtschaftlichen Anwesen von Verwandten kurz nach Kriegsende.


    Grüße

    Bert

    Edited once, last by Jahrgang39 ().

  • HAMBURG


    Guten Tag, allen,


    nach der Bombardierung Hamburgs (Operation Gomorrha) wurden Ausgebombte u.a. in umliegenden Orten untergebracht und einquartiert, wo Platz war, auch in Baracken. In Meldekarten meiner Heimatstadt finde ich immer wieder Einträge über "Zugezogene" aus Hamburg in dieser Zeit.


    Nach Hamburg zurückkehren - nach dem Krieg - konnte man nur mit Sondergenehmigung und erhielt eine zeitlich befristete Aufenthaltsgenehmigung.


    Thomas (u.a.a.), vielleicht interessiert Dich dies im Zusammenhang zu Deiner Frage.


    Ein aus Kgf Entlassener, dessen Familie nach der Vertreibung aus Schlesien in Niedersachsen untergebracht wurde, schreibt im April 1948 an den Bürgermeister des niedersächsischen Ortes:

    • "Ich habe die Möglichkeit, bei meinem Onkel, .... , meinem Berufe entsprechend, Arbeit zu finden. Das Wohnungsamt Hamburg, bei dem ich wegen Aufenthaltsgenehmigung Rückfrage hielt, ist bereit, mir diese zu erteilen, wenn sich die dortige Gemeinde ihrerseits wiederum bereit erklärt, mich nach Beendigung der Aufenthaltsgenehmigung in Hamburg wieder aufzunehmen. ...."

    In einem Schreiben des Kreisflüchtlingsamtes vom 26.7.1948 (also kurz nach der Währungsreform) steht dies:

    • "Die Lage der Flüchtlinge ist durch die Auswirkungen der Währungsreform gekennzeichnet. Sie hat zu schweren Erschütterungen der untersten Stufen der Gemeinschaft geführt, nachdem sich Ankündigungen durch Rundfunk und Presse, die wirtschaftlich Schwächsten durch Sonderregelungen zu schützen, nicht bewahrheitet haben. Flüchtlinge, Vertriebene, Evakuierte und Ausgebombte müssen erleben, dass ihre Anfangserfolge auf dem Gebiete der Existenzbildung am stärksten gefährdet sind. Bis zum Erlass eines Lastenausgleichsgesetzes werden viele dem ungeheuren Druck unterlegen sein und viele werden in kurzer Zeit das Erarbeitete zum zweiten oder auch schon zum dritten Male verloren haben."

    Grüße von Margarete

  • Hallo zusammen.


    Auf die Währungsreform werde ich meine Oma mal ansprechen. Vielleicht hat sie da auch noch was beizutragen. Ich muss halt immer speziell nachfragen.

    Aber jedes mal kommt ein Fünkchen mehr ans Tageslicht.

    Auch dass man eine Aufenthalsgenehmigung brauchte hab ich so noch nicht gehört. Mir war zwar bekannt, dass Flüchtlinge etc registriert wurden, aber so...?

    Ich bin immer wieder froh das mir soetwas erspart bleibt.


    Mfg

    Thomas