Deserteure der Wehrmacht

  • Hallo,


    habe gerade ein neues Buch zum Thema Deserteure gelesen: "Helden oder Feiglinge - Deserteure der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg" von Stefan Treiber. Gestossen habe ich mich an der These, dass nur 1% der Deserteure aus Widerstandsgründen geflohen sind. Mein Verständnis bisher war, dass Fahnenflucht ein Akt des Widerstands gewesen war. Gibt ja auch mittlerweile viele Denkmäler in deutschen Städten für Deserteure. Aus welchen Gründen sind sie denn dann desertiert - aus Feigheit, sonstigen Gründen? Was ist Eure Meinung / Euer Wissen dazu?


    Und ein zweiter Punkt war mir aufgefallen: der Autor schreibt, dass die Wehrmachtjustiz gegenüber Deserteuren oft ziemlich milde war. Wie passt dass mit tausenden Todesurteilen zusammen? Ich dachte immer, dass es sich bei den Wehrmachtrichtern um Blutrichter a la Filbinger und co. handelte?


    Freue mich über Eure Meinungen.


    Sven

  • Hallo,

    ... Aus welchen Gründen sind sie denn dann desertiert - aus Feigheit, sonstigen Gründen? ...

    die Gründe für den Anlass einer Fahnenflucht sind meistens in den Verfahrensakten der Militär- bzw. Kriegsgerichte zu lesen. Bei vielen der von mir im Forumsthread Todesurteile an Angehörigen der Wehrmacht eingestellten Soldaten lagen die Beweggründe für ihre Fahnenflucht in Familien- und Beziehungsproblemen, z.B. Trennungs- oder Scheidungsankündigungen der Ehefrauen oder aussereheliche Verhältnisse zu anderen Frauen. Es handelte sich dabei oftmals auch um Soldaten, die im Heimat-/Reichsgebiet stationiert waren, also (im Gegensatz zu den Frontsoldaten) relativ wenig "auszustehen" hatten; unter den Verurteilten befanden sich auch Alkoholkranke und ehemalige Straftäter.


    Gruß, J.H.

    Nett kann ich auch - bringt nur nix!

  • Hallo Sven Reiseleiter

    Quote

    Mein Verständnis bisher war, dass Fahnenflucht ein Akt des Widerstands gewesen war.

    Der Nachtjäger Heinrich Schmitt, nannte sich nach 1945 "Schmidt" , desertierte im Mai 1943 mit einer JU 88 und dem neuesten Lichtenstein-Radar-Zielgerät nach England.

    Nach dem Krieg erklärte er: "Ich wollte helfen, ein sozialistisches Deutschland aufzubauen."

    Ausserdem gab er als Motiv an, seine jüdische Verlobte sei 1936 verhaftet worden.

    Eine Nachbarin in seiner Heimatstadt Nordhausen am Harz lachte und erzählte uns, dass Schmitts Verlobte keine Jüdin war.

    Nach seiner Fahnenflucht löste sie die Verlobung auf und heiratete einen Dentisten im benachbarten.Städtchen Ilfeld.

    Der ehemalige Jagdflieger Hans-Martin Kromann aus Nordhausen fügte hinzu:

    "Mit einer jüdischen Braut wäre Schmitt nie in die Luftwaffe aufgenommen worden."


    Heinrich Schmitt ist von seinem Vater Josef Schmitt, einem Kommunisten in der Weimarer Republik, sozialisiert worden.

    Heinrich Schmitt/Schmidt hat weder in Grossbritannien noch in Deutschland Anerkennung gefunden.

    Er hat auch keinen Aufnahme-Antrag bei der westdeutschen Jagdflieger-Vereinigung gestellt.

    Die VVN, eine von der Sowjetunion und der DDR gesteuerte "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes" soll ihm in Westdeutschland eine kleine Rente gezahlt haben.

    Er soll als Privatpilot für Porzellan - Rosenthal Selb und Büstenhalter-Triumph gearbeitet haben.

    In einem Mai endete sein Leben an einem unbekannten Ort in Bayern.

    In Nordhausen hat er sich nie wieder blicken lassen.

    Gruss jostdieter.

  • Hallo,

    die grundlegende Frage wäre doch, wie man Widerstandsgründe definiert. Vielfach wird doch heute bereits eine Gehorsamsverweigerung eines Wehrmachtssoldaten bereits als "Widerstandshandlung" angesehen, weil er sich nach Meinung vieler Autoren damit "dem Nazi-Regime" verweigert hat". Meine persönliche Meinung ist, dass die wenigsten Soldaten aus Widerstandsgründen ihre Truppe verlassen haben, da spielten ganz andere Ursachen die primäre Rolle.

    Es gibt zum Thema "Fahnenflucht" einen älteren Aufsatz von Franz Seidler in den Militärgeschichtlichen Mitteilungen. Er schreibt u.a. zu den Ursachen der Fahnenflucht:
    "  Vereinzelte Befragungen von Fahnenflüchtigen ließen schon während des Krieges erkennen, daß für den Soldaten oft ein geringer Anlaß als Anstoß zur Fahnenflucht genügte: Liebeskummer, Streit mit Kameraden, ungeschickte Behandlung durch Vorgesetzte, Furcht vor Bestrafung usw. Der Beratende Psychiater bei der Heeressanitätsinspektion stellte aufgrund seiner Untersuchungen fest, daß die Sehnsucht nach Frauen das häufigste Motiv war: »Im Gegensatz zu früher spielt Heimweh keine große Rolle dabei, eher bei manchen Leichtsinnigen, aber auch bei schwerblütigen Naturen die Sehnsucht nach Mädchen oder Braut. Auch Soldaten mit sonst guter Führung, aber geringer geistiger Wendigkeit findet man dabei, die aus Angst vor Bestrafung wegen Urlaubsüberschreitung als Ausweg den viel schlimmeren Weg der Fahnenflucht wählen.“ Auch im Oberkommando der Kriegsmarine registrierte man, »wie gering oft der Anlaß zu einer Fahnenflucht mit ihren schwerwiegenden Folgen« war. Man belehrte die Matrosen eindringlich, daß Heimweh, Liebeskummer, Reibereien in der Gruppe, falsche Behandlung durch Vorgesetzte, Furcht vor disziplinarer oder gerichtlicher Strafe Kleinigkeiten seien gegenüber einer Anklage wegen Fahnenflucht."
    Quelle:

    Seidler, Franz W.: Die Fahnenflucht in der deutschen Wehrmacht während des Zweiten Weltkrieges. In: Militärgeschichtliche Mitteilungen 22 – Heft 2 (1977), S. 23 - 42. Dort sind auch die Primärquellen angegeben.
    als PDF hier verfügbar: https://www.degruyter.com/docu…524/mgzs.1977.22.2.23/pdf

    Seidler geht auch auf die sehr wichtigen militärstrafrechtlichen Grundlagen ein, z.B. den Unterschied zwischen "Unerlaubter Entfernung" und "Fahnenflucht" oder die Frage des Strafmaßes. Daraus erklären sich auch manche auf den ersten Blick zu milden Urteile.


    Grüße
    Jörg













  • Hallo Leute,



    sicher wollte ein Teil der Soldaten, die an der Front im Einsatz waren, einfach nicht sterben sondern leben, weshalb sie fahnenflüchtig geworden sind!


    Gruß Karl

  • Tag allerseits,


    natürlich gab es unterschiedliche Gründe für Fahnenflüchtige an den verschiedenen Fronten. Wer an der Westfront "sich davon machte", der wollte in erster Linie überleben. An der Ostfront gab es zusätzlich

    reine politische Gründe für eine Fahnenflucht, die besonders Kommunisten und Sozialisten betraf. Spätere Generale der NVA waren z. T. Fahnenflüchtige an der Ostfront und wurden nach Kriegsende sofort in die

    SBZ entlassen und dort gezielt auf ihre künftigen Aufgaben vorbereitet.


    Typisches Beispiel: NVA-General Keßler.

    Dazu

    https://www.welt.de/geschichte…-personifizierte-DDR.html


    Grüße

    Bert

    Edited once, last by Jahrgang39 ().


  • Es gibt zum Thema "Fahnenflucht" einen älteren Aufsatz von Franz Seidler in den Militärgeschichtlichen Mitteilungen. Er schreibt u.a. zu den Ursachen der Fahnenflucht:
    "  Vereinzelte Befragungen von Fahnenflüchtigen ließen schon während des Krieges erkennen, daß für den Soldaten oft ein geringer Anlaß als Anstoß zur Fahnenflucht genügte: Liebeskummer, Streit mit Kameraden, ungeschickte Behandlung durch



    Hallo Jörg,

    Seidler halte ich für hochproblematisch, weil er tendenziell eher rechts ist und keine akzeptable Position hat. Er polemisiert in seinem Buch und es ist darüber hinaus unwissenschaftlich, da er keine Quellen offenlegt, aus denen er seine Meinungen zieht.



    Grüße



    Sven

  • Moin,


    der Hinweis von Sven ist korrekt. Seidler ist eher im rechtsextremen Lager zu verordnen und sollte daher in unserem Forum keinen Raum bekommen.


    Mit besten GRÜßEN


    Horst

  • Tag allerseits,


    jedenfalls bekam Seidler das Bundesverdienstkreuz. Seit seiner Pensionierung befasst er sich wohl mit "besonders rechts angesiedelten Themen". Ob Seidler vollinhaltlich dem rechtsextremen Lager zuzuordnen ist,

    das kann ich jedenfalls nicht beurteilen. Dass "besonders rechts stehende Autoren", in diesem Forum keinen "Raum bekommen", das leuchtet uns aber allen ein.


    Was ich beanstande: Autoren, die "recht linke Ansichten" vertreten, waren auch schon Teil von Erörterungen in diesem Forum. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass man solchen Autoren in diesem Forum total

    ablehnte.


    Die zitierten Aussagen von Seidler stammen aus dem Jahre 1977, damals kam niemand auf die Idee, er sei "rechtsradikal". Was er über Deserteure schildert, das ist durchaus stimmig und nachvollziehbar.


    Grüße

    Bert

    Edited once, last by Jahrgang39 ().

  • Hallo zusammen,


    am Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck fand vom 16.-18. 9.2021 ein dreitägiges Symposion über Wehrmachtsdeserteure statt.

    Nachfolgend Auszüge aus der Ankündigung und dem Programm:


    Das Schicksal von Wehrmachtsdeserteuren ist ein lange verdrängtes Geschichtskapitel. Die Rehabilitation von Deserteuren als Nazi-Opfer wurde erst vor wenigen Jahren vollzogen. Die Wissenschafter, die sich in Innsbruck versammeln, kommen aus Österreich, Deutschland, Norwegen, Schweden und Italien. Sie beschäftigen sich mit Fluchtrouten, mit der Versorgung und der Verfolgung von Deserteuren und stellen neueste Erkenntnisse vor.

    Programm


    Panel 1 Desertieren im alpinen Raum

    - Peter Pirker (Universität Innsbruck)

    Fahnenflucht in den Alpen

    - Aaron Salzmann (Universität Innsbruck)

    Fahnenfluchten im Spiegel der Akten des Sondergerichts Feldkirch

    - Martha Verdorfer (Bozen/Bolzano)

    Desertieren in der mehrsprachigen Grenzregion Südtirol

    - Edith Hessenberger (Ötztal Museen)

    Was blieb von den Deserteuren in der lokalen Erinnerung


    Panel 2 Soldaten vor Gerichten der Wehrmacht, der Waffen-SS und SS

    - Lars Skowronski (Gedenkstätte Roter Ochse Halle)

    Deserteure vor dem Reichskriegsgericht

    - Claudia Bade (Hamburg)

    Urteilspraxis an Gerichten des Ersatzheeres in Hamburg

    - Christopher Theel (Dresden)

    „Meine Ehre heißt Treue“? Die Behandlung von Fahnenfluchtfällen in der SS- und Polizeigerichtsbarkeit


    Panel 3 Handlungsspielräume zwischen Front und Heimat

    - Richard Germann (Universität Wien)

    Zwischen Gehorsam und Selbstermächtigung im Feld: Grenzen und Möglichkeiten im Spiegel von Militärakten „ostmärkischer“ Divisionen

    - Maria Fritsche (Norwegian University of Science and Technology Trondheim)

    Wehrmachtsdeserteure und die norwegische Zivilbevölkerung: neue Forschungen

    - Magnus Koch (Helmut-Schmidt-Stiftung Hamburg)

    Deserteure in der Stadtgesellschaft Hamburg


    Panel 4 Grenzgänge – Perspektiven der Flucht

    - Michael Kasper (Montafon Museen)

    Grenzgänger und Schleuser in die Schweiz

    - Lars Hansson (Universität Gøteborg)

    Escape to Sweden

    - Brigitte Entner (Universität Klagenfurt/Slowenisches wissenschaftliches Institut)

    Slowenische Soldaten – Organisierte Flucht innerhalb der Reichsgrenzen?


    Panel 5 Italien und Jugoslawien als Schauplatz

    - Francesco Corniani (Universität zu Köln)

    Deserteure der Wehrmacht in Italien (1943–1945): Identität, Zahlen, Motive, Reaktionen

    - Sabina Ferhadbegović (Universität Jena)

    Desertionen von einheimischen SS- und volksdeutschen Soldaten zu den jugoslawischen Partisanen

    - Kerstin von Lingen (Universität Wien)

    Kosaken und Kaukasier zwischen Kollaboration und Desertion

    - Carlo Gentile (Universität zu Köln)

    Dem Verbrechen entfliehen. Aussagen junger Wehrmachts- und SS-Deserteure in Kriegsverbrecherprozessen der Nachkriegszeit


    Panel 6 Nachkriegshandeln – Erinnerung und Integration

    - Johannes Kramer (Universität Wien/Landesarchiv Südtirol)

    Südtiroler in der Wehrmacht und Fahnenflucht. Eine Einordnung

    - Robert Parzer (Dokumentations- und Informationszentrum Torgau)

    Fritz Schmenkel – Nachgeschichte eines Deserteurs in der DDR

    - Maria Pohn-Lauggas (Universität Göttingen)

    Deserteure im Familiengedächtnis


    Panel 7 Erinnerungskulturen

    - Marco Dräger (Universität Göttingen)

    Deserteursdenkmäler in Deutschland

    - Elena Messner (Universität Klagenfurt)

    Deserteure in Literatur und Film: Jüngere Beispiele

    - Künstlerkollektiv Total Refusal

    How to Disappear: Fahnenflucht im digitalen Raum von Ego-Shooter-Spielen


    Es bleibt zu hoffen, dass zu diesem Symposion ein Tagungsband herausgegeben wird :/


    Beste Grüße

    Ingo










  • Hallo Ingo

    Quote from Ingo Atlantis

    Das Schicksal von Wehrmachtsdeserteuren ist ein lange verdrängtes Geschichtskapitel.

    Ich ergänze um das Kapitel: Der Einfluss von Fahnenfluchten auf den Gang des Krieges.

    Ein Beispiel in Kurzfassung: Der Nachtjäger Heinrich Schmitt/Schmidt desertierte im Mai 1943 mit einem Nachtjäger Ju 88 und dem neuesten Lichtenstein- Radar-Zielgerät nach England. Innert vier Wochen baute der britische Physiker R. V. Jones Feind-Ortungsgeräte und dimensionierte gemäss der nun bekannten Wellen-Länge des deutschen Radarsystems die irreführenden Alu- Düppel.

    Die deutsche Nachtjagd und die Flugzeug Luftabwehr - Geschütze erblindeten.

    Die Verluste des Britischen Bomber Air Commands bei Nachtangriffen sanken von 40 % auf 10%:

    Die Briten standen wegen der hohen Verluste an Flugzeugen und Fliegern vor der Aufgabe der nächtlichen Bombenangriffe auf die Zivilbevölkerung in deutschen und französischen Städten .

    Jetzt konnte Air Marshal Arthur Harris von der deutschen Luftabwehr ungestört in der Aktion"Gomorrha" Hamburg in Trümmer legen.

    Kein Wunder, dass Air Marshal Arthur Harris am Abend der Fahnenflucht jubilierte : "Ein Wunder ist geschehen."

    Die deutsche Nachtjagd hat sich nie wieder von dieser "Entwaffnung" erholt.

    Der Fahnenflüchtling Heinrich Schmidt kehrte nach Kriegsende zurück und arbeitete in Westdeutschland als Privatpilot.

    Die sowjetisch geleitete DDR-Organisation VVN (Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes) soll ihm in Westdeutschland eine kleine Rente gezahlt haben.

    Weder in Grossbritannien noch in Deutschland hat er Anerkennung gefunden.

    In seiner im April 1945 zerstörten DDR- Heimatstadt Nordhausen mit tausenden toten Zivilisten, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen hat er sich nie wieder blicken lassen.

    Gruss jostdieter

  • Hallo,


    "Die anderen Soldaten", Herausgeber N. Haase und G. Pau, erschienen 1997 im Fischerverlag.


    In diesem Buch ist u.a. das Thema Fahnenflucht in einem Kapitel recht ausführlich behandelt, wie ich finde, ohne recht oder links anzuecken.


    Gruß


    Dieter

  • Hallo,

    ... Seidler halte ich für hochproblematisch ...

    noch zwei Literaturempfehlungen zum Thema Wehrmachtsjustiz und Fahnenflucht, in beiden Titeln werden zahlreiche Schicksale von u.a. fahnenflüchtigen Wehrmachtssoldaten detailliert geschildert. Fritz Wüllner hat auch in Zusammenarbeit mit Manfred Messerschmidt weitere Bücher zum Thema Wehrmachtsjustiz verfasst.


    Titel: "...kann nur der Tod die gerechte Sühne sein" - Todesurteile deutscher Wehrmachtsgerichte

    Autor: Hermin (Fritz) Wüllner

    Verlag: NOMOS Verlagsgesellschaft

    Erscheinungsjahr: 1987

    Umfang: 317 Seiten


    Titel: "...dessen "Konservierung" im Zuchthaus sinnlos wäre!" - Todesurteile der Militärjustiz in Cuxhaven und Wesermünde 1939 - 1945

    Autor: Hans-Jürgen Kahle

    Verlag: Wilhelm Heidsiek

    Erscheinungsjahr: 1991

    Umfang: 69 Seiten


    Gruß, J.H.

    Nett kann ich auch - bringt nur nix!

  • Hallo,

    und es ist darüber hinaus unwissenschaftlich, da er keine Quellen offenlegt, aus denen er seine Meinungen zieht.



    Dann solltest Du den von mir genannten Aufsatz von Seidler nochmals genau lesen. Er hat seine Quellen sorgfältig in den Fußnoten genannt. Bei dem von mir zitierten Ausschnitt ist z.B. als Quelle genannt:"Oberst Wuth: Das Psychopathenproblem in der Wehrmacht. BA-MA Η 20/128."
    Ein Polemisieren kann ich in diesem hier zur Debatte stehenden Aufsatz auch nicht erkennen. Es geht hier übrigens nicht um ein Buch, sondern um einen Aufsatz in den Militärgeschichtlichen Mitteilungen, also der Zeitschrift des MGFA, die mit Sicherheit keine Plattform für "Rechte" bietet.
    Zum Zeitpunkt des hier von Dir inkriminierten Aufsatzes, also 1977, war Seidler Professor an der Hochschule der Bundeswehr in Neubiberg. Da er dort bis zu seiner Pensionierung 1998 fast 25 Jahre lang ohne Beanstandungen den Offiziernachwuchs der Bundeswehr unterrichten durfte, scheint er damals zu keinen Beanstandungen seines Dienstherrn Anlass gegeben haben.
    Was er nach seiner Emeritierung geschrieben hat, war nicht Thema meines Beitrags. Ich halte es nur insgesamt für hochproblematisch, wenn gerade bei so einem umstrittenen Thema wie Wehrmachtsdeserteure nur Literatur einer bestimmten, in den letzten Jahren modern gewordenen Richtung herangezogen wird.
    Das Thema wird nach meiner Meinung sowieso viel zu einseitig aus heutiger Sicht betrachtet.
    Leider gibt es nach meinem Kenntnisstand bis heute keine Untersuchung, wie den der "normale" damalige Wehrmachtssoldat, der recht oder schlecht seinen Dienst so gut wie möglich versah, zur Beurteilung von Deserteuren stand. Hat er Deserteure bewundert wegen ihres Mutes zur Flucht, hat er sie verteufelt, weil sie ihn durch ihre Flucht eventuell selbst ihn Gefahr brachten oder hat er sie gehasst, weil sie dem Feind Informationen über die eigene Truppe brachten und dadurch die Zurückgebliebenen wieder gefährdeten? Ich könnte mir denken, dass die Bewunderung sich sehr in Grenzen hielt und als Widerstandskämpfer werden wahrscheinlich nur die wenigsten Deserteure von ihren Kameraden gesehen worden sein.

    Grüße
    Jörg

  • Hallo,

    und als Widerstandskämpfer werden wahrscheinlich nur die wenigsten Deserteure von ihren Kameraden gesehen worden sein.

    ich wiederhole mich: Die überwiegende Mehrzahl wollte einfach nicht mehr Soldat sein und ihre Haut retten.


    Ich selbst habe diese (sehr vereinfacht) im Alltag "Drückebergerei" genannte Verhaltensweise von Menschen in schwierigen Situationen und in über 40 Jahren ab und zu erlebt. Die waren einfach weg, teils mit äußerst fadenscheinigen Begründungen zunächst langsam zurückgeblieben, um sich dann zu "verdünnisieren", teils waren sie einfach unauffindbar. Näher will ich nicht darauf eingehen.


    Insbesondere an der Front, wenn einer oder mehrere sich auf Wache "verkrümelten", konnte das für die Dagebliebenen schwerwiegende Folgen haben.

    Auch diese Seite muss man belichten. Eine Demokratie biete die Möglichkeit dazu.


    Gruß Karl

  • Moin,


    der Beitrag von Jörg gibt doch noch Veranlassung zu einer knappen grundsätzlichen Anmerkung:


    Für mich gehört Seidler zu den Zeitgenossen, die nach ihren Publikationen nie den notwendigen kritischen Abstand zur NS-Zeit fanden. Wer mit mehreren rechtsextremen Verlagen zusammenarbeitet, in rechten Organisationen, Burschenschaften und ähnlichen Strukturen unterwegs ist, ist fragwürdig. Ein verliehenes Bundesverdienstkreuz (und dieses an einen Mitarbeiter des Bundes?!) sagt gar nichts, ebenso wie eine in der früheren Zeit nicht beanstandete Beamtenkarriere. Die deutsche Nachkriegsgeschichte ist voll von Fehlentscheidungen.


    Wir in unserem Forum legen alle großen Wert darauf, jeden Verdacht auszuräumen, rechtsextremen Personen oder Strukturen Raum zu geben. Diese Sicht werden alle teilen,


    Allen ein entspanntes Wochenende von der Kieler Förde.


    Bestem Grüße


    Horst

  • Danke Onkel Horst ,

    Für mich gehört Seidler zu den Zeitgenossen, die nach ihren Publikationen nie den notwendigen kritischen Abstand zur NS-Zeit fanden. Wer mit mehreren rechtsextremen Verlagen zusammenarbeitet, in rechten Organisationen, Burschenschaften und ähnlichen Strukturen unterwegs ist, ist fragwürdig. Ein verliehenes Bundesverdienstkreuz (und dieses an einen Mitarbeiter des Bundes?!) sagt gar nichts, ebenso wie eine in der früheren Zeit nicht beanstandete Beamtenkarriere. Die deutsche Nachkriegsgeschichte ist voll von Fehlentscheidungen.

    jeder Satz spricht mir aus der Seele - ich war nur noch nicht fertig mit dem Formulieren.


    Viele Grüße von der Elbe

    Frank

    Edited once, last by micha18 ().

  • Hallo,

    ich habe einen, nach meiner Auffassung vollkommen korrekten, wissenschaftlich fundierten, mit sauberen Quellen belegten Aufsatz zitiert. Wenn jetzt die späteren Entgleisungen des Autors wichtiger sind als seine damaligen, nicht widerlegten Erkenntnisse, bin ich falsch hier.
    Da ich deswegen jetzt hier als Rechtsextrem beschimpft werde, ist es Zeit, dieses Forum zum zweiten Mal, aber jetzt auf Dauer zu verlassen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Jörg

  • Tag allerseits,


    es lohnt sich eigentlich schon, sich wieder mit dem eigentlichen Thema zu befassen.

    Kaum behandelt wurden hier die deutschen Überläufer zur Roten Armee.


    Das Überlaufen von der deutschen Wehrmacht zur Roten Armee während des 2. Weltkriegs war kein weit verbreitetes Phänomen und wahrscheinlich überwiegend politisch bedingt. Genaue Zahlen zu

    diesen "speziellen Überlaufern" gibt es wohl nicht. Es könnten vielleicht einige Hundert gewesen sein.


    Dazu eine interessante Site:

    https://de.rbth.com/geschichte…at-sowjetunion-held-orden


    RUSSIA BEYOND erhält zwar eine gewisse Finanzierung vom russischen Staat, die spezielle Site mit der Schilderung des deutschen Überläufers Schmenkel erscheint mir aber in keiner Weise tendenziös.


    Grüße

    Bert

    Edited once, last by Jahrgang39 ().

  • Tag allerseits,


    im Sprachgebrauch von Veteranen, die den Feldzug im Osten mitmachten, kam eigentlich das Wort Deserteure nie vor. Es war immer die Rede von Überläufern.


    Solche Überläufer wurden von speziellen Offizieren der Roten Armee genauestens überprüft. Wenn es sich als glaubhaft erwies, dass es sich um überzeugte politische Überläufer handelte, gab es für sie eine bevorzugte

    Behandlung. Meist durften sie an ANTIFA-Lehrgängen teilnehmen. Und die Entlassung erfolgte in der Regel unmittelbar nach Kriegsende.


    Interessant auch, dass Offiziere der NVA, die von der BW übernommen wurden, von politisch linientreuen NVA-Offizieren auch als Überläufer klassifiziert wurden.


    Dazu

    https://www.deutschlandfunk.de…ml?dram:article_id=314036


    Grüße

    Bert

    Edited once, last by Jahrgang39 ().