18-jähriger Kaufmann 1932 zur Reichswehr?

  • Hallo zusammen,


    ich habe da mal eine Verständnisfrage zum Thema Reichswehr.


    Laut Auskunft vom Bundesarchiv (Krankenbuchlager) war der Diensteintritt meines Großonkels (Jahrgang 1913, geboren in Gleiwitz) am 01.04.1932, also in die damalige Reichswehr.


    Er war zu diesem Zeitpunkt 18 Jahre alt und gelernter Kaufmann. Ich frage mich nur was ihn damals zur Reichswehr geführt haben könnte. Die Reichswehr war ja, zumindest soweit mir bekannt ist, eine Berufsarmee ohne Wehrpflicht. War das überhaupt so einfach möglich für einen 18-jährigen Kaufmann dort einzutreten?


    Oder ist die Auskunft aus dem Krankenbuchlager mit dem Eintrittsdatumdatum 1932 evtl. ein Tippfehler bzw. überhaupt eine verlässliche Quelle dazu? Der Eintrag aus dem Krankenbuchlager stammt aus dem Januar 1937 (wegen einer Erkrankung ins Lazarett). Sein Dienstgrad war zu diesem Zeitpunkt Unteroffizier. Wäre es plausibel von April 1932 bis Januar 1937 den Dienstgrad des Unteroffiziers erreicht zu haben?


    Vielleicht hat ja jemand, der sich mit dem Thema besser auskennt, ein paar Ideen oder Hinweise dazu.


    Vielen Dank im Voraus!


    Beste Grüße


    Dennis

  • Tag allerseits,


    mit dem vollendeten 17. Lebensjahr konnte man sich bei der Reichswehr bewerben. Der Beruf "Kaufmann" war kein Hinderungsgrund, bei der Reichswehr genommen zu werden.

    1932 herrschte in Deutschland eine hohe Arbeitslosigkeit, da war mancher Handwerker und Angestellte nicht sicher, wie lange er noch einen festen Arbeitsplatz hatte.

    Viele Arbeitslose junge Männer aber auch junge Männer in unsicheren Arbeitsverhältnissen, bewarben sich deshalb bei der Reichswehr. Die Reichswehr hatte wegen der

    relativ vielen Bewerbungen eine qualitiv gute Auswahlmöglichkeit. So wurden z.B. Nichtschwimmer als Bewerber abgelehnt, wie ich aus den Erzählungen Verwandter

    weiß.


    Grüße

    Bert

  • Hallo Dennis,

    ich befasse mich seit längerem mit einem Soldaten, der ebenfalls gelernter Kaufmann war, auch 1913 geboren wurde und 1934 zur Reichswehr ging. Er hatte sich damals, wie von Bert beschrieben, aus wirtschaftlichen Gründen und Zukunftsängsten für diesen Schritt entschieden. Regelmäßiges Einkommen, eine Unterkunft, Essen und nicht zuletzt Beschäftigungsgarantie im Rahmen der Verpflichtung lockten ihn. Erst 4 Jahre, dann 12 Jahre dann Berufssoldat. Sicher darf man in wirtschaftlich so schweren Zeiten auch nicht die Gesundheitsfürsorge (Ich glaube auch für die Familie, bin aber nicht sicher) und die Aussicht auf Weiterbeschäftigung im öffentlichen Dienst nach Ablauf der Verpflichtungszeit. Bei den 4jährigen bin ich mir auch nicht sicher aber die 12-jährigen konnten weiterbeschäftigt werden.


    Im Rahmen meiner Recherchen wurde mir eine Autobiographie einer seiner Kameraden überlassen. Er war ein ähnlicher Jahrgang, ungelernt und auch 1934 zur Reichswehr gekommen. Seine Mutter hatte sich für ihn beworben. Die Reichswehr stellte zu diesem Zeitpunkt viele Rekruten ein weil sie erheblich afgestockt werden sollte. Die mutter schrieb (ohne Wissen des Jenigen) einfach den Btl.-Kommandeur an, schilderte daß sie sich um die Zukunft des Sohnes sorgte und fragte nach einer Beschäftigung für ihn. Kurz darauf wurde er Pionier. Bei der Einstellung wurde er gefragt welchen Beruf er hatte. Er sagte "keinen". Das war dem Vorgesetzten ein Dorn im Auge und schrieb "Schüler" weil das "besser" aussähe.


    Ähnliche Karrierestarts wurden mir mehrfach mündlich berichtet.

    Gruß Christian


    Dankbar für Informationen über: PiBtl 51, PzPiErsBtl. 19, PiBtl 675 (116 PD), PiBtl 203 (203 ID)

  • Hallo Bert,

    Hallo Hennes,


    vielen Dank für eure Beiträge und Hinweise.

    Von der Seite hatte ich das alles noch gar nicht betrachtet. Aber das klingt natürlich schon plausibel.


    Von meinem bisher eher bescheidenen Wissen über die Reichswehr, dachte ich halt immer, dass es Aufgrund der offiziellen Beschränkung von 100.000 Soldaten eher schwierig gewesen wäre dort eine Beschäftigung zu bekommen.


    Beste Grüße


    Dennis

  • Hallo Dennis,

    die "Beschränkung" nach dem Versailer Vertrag war da. Das hast Du völlig richtig erkannt. Die Armee wurde heimlich aufgebaut und dafür benötigte man Personal. Das 6. (Preuß.) PiBtl stellte 1934 750 Rekruten ein ... es wurde personell gut verdoppelt. Ob das allerdings bereits 1932 schon so war weiß ich nicht.


    Ein Auszug aus der o.g., mir vorliegenden, Autobiographie:

    „[…] und zugleich herrschte die große Wirtschaftskrise der Jahre 1930 - 1934 mit dem Heer von Arbeitslosen. Es gab daher für uns Jugendliche so gut wie keine Zukunft […] In dieser Situation las Mutter, Hitler wolle eine größere Armee aufzubauen. Sie schrieb also einen Brief an das Pionierbatallion Nr. 6 in Minden, und fragte an, ob ich dort angenommen werden könnte. Sicherlich wird sie, meine schlechten Berufsaussichten sich vorstellend, flehentlich um meine Einstellung gebeten haben. Dieser Brief hat weitgehend mein Schicksal bestimmt, denn zum 1.April 1934 sollte das Mindener Bataillon fast 750 Rekruten für die Aufstellung weiterer Pionierbataillone einstellen“

    Gruß Christian


    Dankbar für Informationen über: PiBtl 51, PzPiErsBtl. 19, PiBtl 675 (116 PD), PiBtl 203 (203 ID)

  • Von meinem bisher eher bescheidenen Wissen über die Reichswehr, dachte ich halt immer, dass es Aufgrund der offiziellen Beschränkung von 100.000 Soldaten eher schwierig gewesen wäre dort eine Beschäftigung zu bekommen.

    Das trifft ganz sicher zu, denn der Andrang war aufgrund der wirtschaftlichen Gegebenheiten immer groß, auch in den Zwanzigerjahren. Weil (vor allem in dieser Zeit) nur ganz wenige Neueinstellungen möglich waren, wurde sehr streng ausgesiebt. Vor allem wurden absolute körperliche Unversehrtheit und eine gewisse sportliche Begabung vorausgesetzt. Auch geistige Fähigkeiten wurden beim Einstellungstest geprüft. Wer da nicht genau ins Schema passte, fiel durch.


    Herzliche Grüße

    Eberhard

    Suche alles über die 101. Jägerdivision.

  • Hallo zusammen,


    danke nochmal für die Beiträge. Das hat schon mal viel Licht ins Dunkle gebracht.


    Nach einer ersten groben Recherche vermute ich, dass er sich wahrscheinlich beim 7. (Preußischen) Infanterie-Regiment mit Garnisonen u.a. in Schweidnitz, Breslau, Hirschberg usw. gemeldet hat. Das wäre vermutlich das naheliegendste, da er ja aus Gleiwitz stammte. Später bei der Wehrmacht war er dann beim Schützen-Regiment 3 (ab 1942 Panzergrenadier-Regiment 3) in Eberswalde.


    Beste Grüße

    Dennis