Mein Opa in Radom und Galizien

  • Hallo Ihr Profis,


    Ich bin neu hier. Mein Name ist Dagmar.


    Ich bin etwas eingeschüchtert von den vielen Abkürzungen und Vorkenntnissen, die Ihr hier verwendet. Themen dieser Art waren bislang nicht mein Metier. Ich habe erst vor Kurzem begonnen, mich mit der Geschichte meines Großvaters zu befassen und fand bei einer sporadischen Suche online folgendes beim Landesarchiv Baden-Württemberg:

    1. Beschuldigter: Fischer, Kilian, * 08.02.1886, Englisweiler

    Dienstgrad: Stabsoffizier der Feldgendarmerie bei der Oberfeldkommandantur Lemberg

    2. Beschuldigter: Rothmund, Anton, * 04.05.1908, Riedlingen

    Dienstgrad: SS-Hauptsturmführer des Sicherheitsdienstes bei dem Kommandeurs des Sicherheitsdienstes Radom

    3. Beschuldigter: Bauer, Artur, * 14.04.1900

    Dienstgrad: Angehöriger der Gendarmerie in Radom, nach dem Kriege Polizeiobermeister


    Tatbestand: Beteiligung an der Vernichtung von ca. 1.200 Juden

    Tatort: Drohonicz/Galizien

    Tatzeit: Juni-Juli-Aktion 1943

    Ersuchende Stelle: Zentrale Stelle Ludwigsburg 8 AR-926/60

    Ersuchen: Überprüfung

    Bemerkung: Strafanzeige

    Vermerk: Bevor Artur Bauer als Zeuge verhört werden konnte, beging er am 15. November 1960 Selbstmord.


    Beschuldigter Nr. 3 ist mein Großvater. Der Nachname ist falsch geschrieben, mein Mädchenname ist „Baur“, aber Geburts- und Todesdaten stimmen.
    Ich habe mir verschiedene Bücher organisiert und versuche, mich in die Organisation der Polizei während des zweiten Weltkrieges einzulesen. Die Kenntnisse meines Vaters, der noch lebt, sind spärlich, mein Großvater hat nicht viel über diese Zeit geredet. Ich habe auch keine Fotos in Uniform oder Briefe. Mein Großvater wurde oft versetzt. Mein Vater wurde im Sudetenland geboren, wo mein Großvater eingesetzt war. Danach folgte die Famillie ihm nach Lothringen. Mein Vater berichtet, mein Opa sei in Radom gewesen und im Kaukasus. Er habe zudem junge Ukrainer ausgebildet/ kommandiert... die zuletzt irgendwie hinter die Front geraten sind..??.. und fast vollständig aufgerieben wurden. Irgendwie soll er über die Oder gekommen sein... Er lag dann schwer verwundet in einem Lazarett, das von den Amerikanern erreicht wurde. Er wusste am Ende selber nicht mehr, zu welcher Einheit er gehörte, also zuletzt muss alles ziemlich chaotisch gewesen sein. Das kann natürlich teilweise falsch sein, aber so weit das dünne Familiennarrativ.


    Ich steige gerade erst ein in diese Thematik. Seht mir nach, dass ich noch keine Anfrage an... welche Institution auch immer geschickt habe, deren Existenz wird mir gerade erst durch Euch bewusst. Ich habe online einiges über Anton Rothmund gefunden.


    Ich bin dankbar für Hinweise, Anfängeranleitungen und Tipps :-)


    Viele Grüße,

    Dagmar

  • Hallo Dagmar!


    In Anbetracht der Tageszeit bin ich wohl der erste der dich hier im Forum willkommen heißt!

    Für dich bestimmt eine bedrückende Familiengeschichte!

    Ich selber bin in dieser speziellen Thematik Polizei/Gendarmerie nicht drin, dafür mit Sicherheit einige andere Forumsmitglieder.

    Ich wünsche dir viel Erfolg und werde diesen Thread mit Interesse verfolgen.


    Gruß Stephan

    Suche alles zur Waffenschule des AOK 1

  • Oh, danke, den ersten Beschuldigten hatte ich bislang vergeblich gesucht! Ich hatte wegen der zweiten Person, über die man ja viel findet, vermutet, dass es gar nicht mehr zu einem Verfahren kam.

    Ich weiß nicht, ob das etwas nützt, das hatte ich vergessen: Mein Vater sagt, er sei Oberleutnant gewesen.

  • Guten Morgen Dagmar,


    erst einmal "Herzlich Willkommen" hier im Forum und da es hier bisher einen Ortsbezug zu Riedlingen gibt auch einen Gruß in meine alte Heimat Oberschwaben.

    Da Du ja nun schon so manches weißt zu anderen aus Riedlingen (?) solltest Du auf jeden Fall bei der Außenstelle des Bundesarchivs in Ludwigsburg nachfragen. Da Du dich sicherlich als Angehörige ausweisen kannst wirst Du dort auch Auskünfte zur Person erhalten.


    Wenn Artur Baur Suizid begangen hat wird er mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in Vorgänge verstrickt gewesen sein, auf deren Mitteilung Du dich dann auch gefaßt machen solltest. ( Das kann so sein, muß es aber nicht unbedingt - der ein oder andere hat auch in seiner Haft selbst eine ausweglose Situation gesehen und beging deshalb Suizid ).


    Vielleicht kann Dir auch jemand hier vorab etwas über die Laufbahn der gefragten Person mitteilen, wenn Du frdlw. seinen Geburtsort noch nennst, damit Verwechslungen auszuschließen sind.


    Viel Erfolg!


    Herzliche Grüße

    (und Danke, daß Du die Beiträge mit Grußformeln verfaßt... ;-) )


    Uwe

    An Informationen zur Heeres-Neben-Muna Kupfer, Muna Siegelsbach, Muna Urlau, Muna Ulm und zur Aggregat 4 - speziell Logistik für den Verschuß und den Eisenbahntransport- interessiert.

  • Danke für die freundlichen Grüße, Stephan :-)

    Hier noch etwas genauer die Einsatzorte. 49/40 Kaunnowa (vormals Kreis Saaz), ab etwa 41 Götzenbrück, Lothringen. Von dort ging es nach Polen. Wo er vor dem Sudetenland war, können wir nur vermuten. Möglich ist Stuttgart.

  • Guten Morgen,
    Wir haben gleichzeitig geschrieben. Ich bin mental vorbereitet. Ich kannte meinen Großvater nicht, für meinen Vater ist das ungleich belastender.

    Geburtsort ist Pirmasens.

    Grüße,

    Dagmar

  • Hallo Dagmar,


    frag doch einmal beim Staatsarchiv in Ludwigsburg (Landesarchiv BW) nach der genannten Verfahrensakte. Ich weiß nicht wie umfangreich diese ist, aber vielleicht können Sie diese ja digitalisieren.


    Ansonsten wie schon angesprochen auch eine Anfrage beim Bundesarchiv Ludwigsburg. Dort müssen Unterlagen vorhanden sein, nach dem die Strafanzeige von dort (Zentrale Stelle) erstattet wurde.


    Ein Urteil konnte ich zum Verfahren keins finden.


    Gruß Alex

  • Hallo Alex,

    Das werde ich tun, vielen Dank!

    Es geht mir auch um eine Gesamtschau, nicht nur um dieses Vefahren. Ich habe mir u.a. das Buch „Der Judenmord in Polen und die deutsche Ordnungspolizei 1939-1945“ von Wolfgang Curilla besorgt (ich hoffe, Ich erfahre von Euch jetzt nicht, das sei Schrott...) und blicke noch nicht so ganz durch. Was macht ein „Angehöriger“ der Gendarmerie Radom in Drohobytsch und ist das normal, dass bei ihm kein Rang genannt wird? Nach den Daten aus der Strafanzeige könnte es um die Auflösung der ZAL gehen. Gehe ich mangels Vorkenntnissen da zu naiv heran...?

    Ich habe mir auch die anderen beiden Beschuldigten „angesehen“, so weit das möglich ist. Rothmund wurde laut Lebenslauf 44 nach Radom kommandiert. Nicht 43...? Mir sind noch andere Dinge ins Auge gesprungen, aber ich glaube, dass ich einfach insgesamt mehr wissen muss, bevor ich überhaupt anfange, Daten zu verwerten.
    Ich weiß zum Beispiel auch gar nicht: Was waren denn das für Polizisten, die da so munter in der Gegend herum versetzt wurden. Gehörten die „Gendarmen“ fest zu einem Batallion oder wechselte die Zugehörigkeit? Waren das Freiwillige?

    Versteht mich nicht falsch, ich bin willens, mich einzulesen, ich sehe Euch nicht als Infolieferservice. Ich versuche nur, meinen Wissensstand zu beschreiben und freue mich über Literaturempfehlungen :-)


    Grüße,

    Dagmar


  • Hallo Dagmar,


    auch von mir ein herzliches Willkommen hier im Forum.


    Grundsätzlich denke ich, dass du in der Quelle, die Alex angegeben hatte, fündig wirst und sich viele Fragen dadurch von alleine klären werden. Alles andere wäre jetzt Spekulation. Gestern hatte ich fast den ganzen Tag nach deinem Großvater in den mir vorliegenden Quellen zum Kommandeur der Gendarmerie (KdGend) Radom und Galizien gesucht. Leider habe ich ihn nicht gefunden. Mir ist aber bekannt, dass zwischen beiden Dienststellen ein reger Personalaustausch stattgefunden hatte. Das ging bis in die höchste Ebene. Dies wäre z.B. eine Erklärung.


    Zum Aufbau der Gendarmerie in Galizien hatte ich hier schon vor einiger Zeit einen Thread gestartet: Die deutsche Gendarmerie im Distrikt Galizien 1941 – 1944


    Dein Großvater gehörte zu keinem Bataillon, sondern war Angehöriger des KdGend im jeweiligen Distrikt. Siehe dazu weiterhin in meinem Link. Des weiteren kann er abgeordnet worden sein, sich aber auch freiwillig gemeldet haben.


    Bücher zum Komplex Radom und Galizien gibt es einige. Hilfreich wäre aber erst einmal zu Wissen, wo dein Großvater überhaupt genau eingesetzt war. Dann könnte man die Buchauswahl schon eingrenzen. Übrigens habe ich teilweise auch schon in den Büchern nach deinem Großvater gesucht, ebenfalls Fehlanzeige.


    Viele Grüße

    Daniel

    "Weil die Menschen schwach sind. Weil Neid und Feigheit ihr Fluch sind. Weil sie von der Wahrheit träumen, um dann doch wieder zu lügen. So leben sie im ewigen Zwiespalt. Warum müssen die Menschen immer wieder zweifeln?" Judas Ischariot auf die Frage, warum Jesus von Nazareth von ihm verraten wurde.

  • ... Es geht mir auch um eine Gesamtschau, nicht nur um dieses Vefahren. Ich habe mir u.a. das Buch „Der Judenmord in Polen und die deutsche Ordnungspolizei 1939-1945“ von Wolfgang Curilla besorgt (ich hoffe, Ich erfahre von Euch jetzt nicht, das sei Schrott...) und blicke noch nicht so ganz durch. Was macht ein „Angehöriger“ der Gendarmerie Radom in Drohobytsch und ist das normal, dass bei ihm kein Rang genannt wird? Nach den Daten aus der Strafanzeige könnte es um die Auflösung der ZAL gehen ...

    Hallo,


    in Radom und Drohobycz (siehe dort auch Zwangsarbeiterlager (ZAL) Drohobycz) kam es während der Besatzungszeit zu zahlreichen Hinrichtungen und Massenmorden u.a. durch die dort eingesetzten deutschen Polizeiverbände. In der Dokumentationsstelle bei der Uni Amsterdam findest Du ein (unvollständiges) Verzeichnis der Gerichtsverfahren, die in den Nachkriegsjahren von der Ost- und Westdeutschen Justiz gegen Tatbeteiligte geführt wurden. Die von Dir genannten Personen sind dort namentlich noch nicht verzeichnet, die Dok-Stelle bietet aber ausdrücklich Recherche-Hilfen bei der Suche nach Informationen an: https://www.expostfacto.nl/junsv/info.html#bm05


    Gruß, J.H.

    Nett kann ich auch - bringt nur nix!

  • Hallo Dagmar,


    zuerst einmal ein herzliches Willkommen im Polizeibereich des Forum. Du brauchst Dir überhaupt keine Gedanken über Unkenntnis etc. zu machen. Auch die "Spezialisten" haben alle einmal klein angefangen und sich im Lauf der Jahre ein entsprechendes Fachwissen angeeignet. Dies teilen sie gerne mit Anfragenden, da oft ja auch neue Informationen und interessante Fotos auf diesem gegenseitigen Weg auftauchen. Heute würde man "eine Win-Win-Situation" dazu sagen. Wir fühlen uns also nicht als "Lieferservice".


    Nun noch einige Anmerkungen zu Deinem Thema.

    Alle bisherigen Informationen von Dir deuten darauf hin, dass Dein Großvater Angehöriger des Gendarmerie-Einzeldienstes war und nicht zu einer "Truppenpolizei" gehörte. Die Gendarmerie war grundsätzlich als Polizei "auf dem Lande" eingesetzt. Als Oberleutnant dürfte er jedoch in der Regel nicht auf einer Gend.-Station Dienst verrichtet haben, sondern wahrscheinlich als Kreisführer für mehrere Stationen eines Landkreises zuständig gewesen sein.

    Sein Dienstgrad und der damit verbundene Aufgabenbereich könnten auch ein Grund dafür sein, dass er aus dem Bezirk Radom nach Galizien (Drohobycz) abgeordnet wurde. Seine bisherigen Verwendungen im Sudetenland, Lothringen, Radom und Galizien belegen, dass solche Wechsel normal waren.


    Dass irgendwo sein Dienstgrad nicht genannt wurde, ist unbedeutend, Es kam immer wieder mal vor, dass aus Unkenntnis mit der polizeilichen Struktur oder Oberflächlichkeit Daten durch Wehrmacht, Justiz o.ä. nicht oder falsch angegeben wurden.


    Da Dein Großvater nach dem Kriege ja wieder in den Polizeidienst kam, solltest Du dir seine Entnazifizierungsakte im zuständigen Landesarchiv seines Wohnortes anschauen. Dort mussten Angaben zur Tätigkeit während des Krieges gemacht werden. Außerdem wäre seine Personalakte interessant, die evtl. bei seiner letzten Dienststelle archiviert ist. Wenn Du Glück hast, existiert nicht nur die Personalakte der Neueinstellung, sondern auch noch die aus seiner Gendarmerie-Zeit. Da die Gendarmerie dem Landrat unterstellt war, wurde dort auch die Personalakte geführt. Das bedeutet, die ganzen Beförderungen und Abordnungen (sudetenland, Lothringen, etc. wären darin enthalten).


    Nun noch etwas zu Drohobycz.

    Drohobycz ist eine Kreisstadt von damals ca. 35 000 Einwohnern, etwa 60 km südwestlich von Lemberg entfernt gelegen. Sie war das Zentrum des galizischen Erdölreviers.. Die Hälfte der Bevölkerung bestand aus jüdischen Bewohnern.

    In dieser Stadt gab es keine Gendarmerie, sondern nur Schutzpolizei. Etwa Oktober/November 1941 wurde dort eine Schutzpolizei-Dienstabteilung eingerichtet, die aus etwa 22 Beamten bestand. Mit Ausnahme des Dienststellenleiters kamen alle Polizisten aus Wien.


    Dies bedeutet, dass Dein Großvater wahrscheinlich nicht in Drohobycz Dienst verrichtet haben dürfte, sondern im Landkreis.


    Das größte Verbrechen an Juden wurde vom 6. - 8- August 1942 begangen, als ca. 11.000 Juden ins Vernichtungslager Belzec abtransportiert wurden. Diese Aktion wurde durch Sicherheitspolizei, Schutzpolizei und jüdischen Hilfsdienst durchgeführt. Über die Beteiligung der Gendarmerie an dieser Aktion ist mir nichts bekannt.

    Allerdings war auch die Gendarmerie an solchen Aktionen beteiligt, wenn sie die restlichen Juden aus den Landgemeinden in die Kreisstadt verbrachten.


    Du schreibst, dass Dir "noch andere Dinge ins Auge gesprungen" sind. Wenn Du uns mitteilst, was Dir noch nicht klar ist, können wir evtl. weiterhelfen.


    Übrigens: Der Geburtsort Deines Großvaters ist meine frühere Kreisstadt.


    Mit herzlichen Grüßen und bleib gesund

    Dieter

  • Hallo Dieter,

    Das sind viele spannende Informationen, vielen Dank!
    Ich hatte überlegt, ob sein Wechsel nach Drohobytsch damit zu tun hatte, dass er - wie er meinem Vater berichtet hatte - junge Ukrainer ausgebildet und/ oder kommandiert hat. So weit ich gesehen habe, war in Lemberg eine Polizeischule, richtig? Mich irritiert nur, dass er dann immer noch unter „Angehöriger der Gendarmerie Radom“ läuft. Hatte Galizien keine eigene Gendarmerie? War er nur ausgeliehen? :-)
    Abgesehen davon bin ich ein Zahlenmensch und da steht als Tatzeit Juni/ Juli 43 und Herr Rothmund soll da laut Lebenslauf noch in Stuttgart beschäftigt gewesen sein. Solche Unschärfen sind aber in historischem Kontext vermutlich nicht selten...?

    Mich wundert auch die Bezeichung „Juni-Juli-Aktion“. Klingt wie eine militärische Namensgebung. Hat das schonmal jemand gehört? Und die Zahl 1200. Das sind ziemlich viele Menschen für 43, wenn das in den Landgemeinden geschehen sein soll, oder?


    Sonnige Grüße aus Hessen,

    Dagmar

  • Hallo Dagmar,


    es ist verständlich, dass du so schnell wie möglich eine Antwort haben willst.

    Wir bewegen uns aber leider immer wieder im Kreis der Spekulationen, obwohl die Quelle in Ludwigsburg so greifbar nah ist.


    Zum Thema Judenmord im Distrikt Galizien gibt es bereits einige aussagekräftige Studien.

    Zu erwähnen wären hier:

    Dieter Pohl, Judenverfolgung in Ostgalizien

    Thomas Sandkühler, Endlösung in Galizien

    Thomas Geldmacher, "Wir als Wiener waren ja bei der Bevölkerung beliebt" - Österreichische Schutzpolizisten und die Judenvernichtung in Ostgalizien (viel zu Drohobycz)

    USHMM, Encyclopedia of Camps and Ghettos 1933-1945, Volume II, Ghettos in German-Occupied Eastern Europe Part A (Die Ereignisse in Drohobycz werden auf den S.774-777 habgehandelt)


    Nun aber das aufgetretene Problem.

    In den Werken von Pohl und Sandkühler konnte ich im Personenregister bzw. Namenverzeichnis die Namen Fischer, Rothmund und Baur nicht finden. Bei Sandkühler habe ich nachgeschlagen und -gelesen, aber ebenfalls zum fraglichen Zeitraum Fehlanzeige. Was mich schon wundert, wenn diese drei Leute Haupttäter waren. Weiterhin wird keine "Juni-Juli Aktion" 1943 in Drohobycz erwähnt, wo etwa 1.200 Juden ermordet worden sein sollen. Zumindest in der Encyclopedia hätte sie bei dieser Größenordnung eigentlich aufgeführt sein müssen.


    Sandkühler datiert die Ghettoliquidierung in Drohobycz auf Anfang Juni 1943. Beteiligt waren eine Kompanie Ordnungspolizei, das Sonderkommando Lange (Stichwort: Chelmno), SiPo und ukrainische Polizei. Das Ghetto wurde dabei in Brand gesteckt, die Juden zusammengetrieben und im "freien Gelände" erschossen. Eine Zahl nennt er nicht.

    (Quelle: Sandkühler, S.377-378)


    Die Deutschen meldeten am 15. Juli 1943, dass die Stadt Drohobycz "judenrein" ist.

    (USHMM, Encyclopedia, S.776)


    Mehr geht dazu meinerseits im Augenblick leider nicht.

    Wer übrigens zu SS-Hauptsturmführer Anton Rothmund eine Stimme hören möchte, der kann das hier tun, denn er wurde im Zuge des Auschwitz-Prozesses vernommen.


    https://www.auschwitz-prozess.…naussagen/Rothmund-Anton/


    Liebe Grüße

    Daniel

    "Weil die Menschen schwach sind. Weil Neid und Feigheit ihr Fluch sind. Weil sie von der Wahrheit träumen, um dann doch wieder zu lügen. So leben sie im ewigen Zwiespalt. Warum müssen die Menschen immer wieder zweifeln?" Judas Ischariot auf die Frage, warum Jesus von Nazareth von ihm verraten wurde.

    Edited 2 times, last by Policeman ().

  • Hallo zusammen,

    Abgesehen davon bin ich ein Zahlenmensch und da steht als Tatzeit Juni/ Juli 43 und Herr Rothmund soll da laut Lebenslauf noch in Stuttgart beschäftigt gewesen sein. Solche Unschärfen sind aber in historischem Kontext vermutlich nicht selten...?

    KK und SS-HStuf Anton Rothmund wurde offiziell im Mai/Juni 1944 zum KdS Radom versetzt (SD-BBl 22/44 vom 03.06.1944), er kann allerdings möglicherweise auch vorher schon abgeordnet gewesen sein.


    Gruß Frank

  • Hallo Daniel,


    Ich bin gar nicht ungeduldig veranlagt, ich schlage mich nur so mit meinen Gedanken durch und freue mich, wenn Ihr darauf antwortet, ich habe ja ...bislang keine andere Referenz. Ich werde mich um die erhältlichen Dokumente bemühen bzw. sie gemeinsam mit meinem Vater beantragen. Ich finde es wichtig, dass er dabei ist.


    Danke für die Studien, die Du nennst!


    Die Aussage Rothmunds beim Auschwitz-Prozess kenne ich. Auch einen Bericht zu einem Schweizer Spion und anderes. Auch über den Bürgermeister von Riedlingen habe ich mittlerweile einiges gefunden. Das Leben ist bunt...


    LG,

    Dagmar

  • Hallo Frank,


    Also darf ich den Zahlen gerne ein wenig Raum geben... Ich hatte es vermutet. Ich muss mich umgewöhnen. Ich komme aus der Welt von Sinus & Co.... da liegt man nicht mal eben einen halben Kilometer unentschuldigt daneben. Ich lerne ;-)


    LG,

    Dagmar

  • Hallo Dagmar,


    ein Baur Artur, geb. 14.04.1900 (auch Bauer Artur) taucht in den mir vorliegenden Offizierslisten der aktiven Offiziere der Gendarmerie nicht auf.

    Es kann aber sei, das er Bezirks-Oberleutnant (Polizei Obermeister nach dem Krieg könnte darauf hinweisen) oder, eher unwahrscheinlich, Offizier

    der Reserve war.


    Beste Grüße

    Werner

  • Hallo Dagmar,

    offensichtlich tust Du dir immer noch schwer mit den polizeilichen Strukturen. Ich will noch einmal auf Deinen fragenden Beitrag eingehen.


    Die Polizei- und Gendarmbeamten blieben Angehörige ihrer Heimatdienststelle und wurden zur Dienstleistung in die jeweiligen Bereiche abgeordnet, also zum Beispiel nach Radom. Dort unterstand Dein Großvater einem Kommandeur der Gendarmerie. Bei einem Wechsel nach Drohobycz wurde er nicht "ausgeliehen", weil Galizien keine eigene Gendarmerie hatte. Er wurde dorthin zur Dienstleistung abgeordnet und unterstand ab diesem Zeitpunkt dem für Galizien zuständigen Kommandeur der Gendarmerie, der seinen Dienstsitz in Lemberg hatte.


    Woher stammt die Dich verwirrende Information, dass Dein Großvater noch unter Gendarmerie Radom "läuft", obwohl er in Drohobycz Dienst verrichtet?


    Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass er an der Polizeischule Lemberg mit der Ausbildung von Ukrainern betraut war. Wenn dies der Fall gewesen wäre, wäre er nach Lemberg abgeordnet worden und nicht nach Drohobycz. Allerdings kann die Aussage Deines Vaters, der Großvater habe Ukrainer ausgebildet oder kommandiert, sehr wohl zutreffen.

    Sowohl in den Städten als auch auf dem Lande wurden Einheimische als Hilfspolizisten rekrutiert. Die Anzahl der unterstützenden einheimischen Polizeikräfte überstieg bei weitem die der deutschen Besatzer.


    Bezüglich einer "Juni-Juli-Aktion" 1943 könnte folgendes gemeint sein.

    Anfang Juni kam es zu den Ghettoauflösungen, über die Daniel in seinem Beitrag geschrieben hat. Neben Krakau und Lemberg wurden anschließend die Ghetto von Boryslaw und Drohobycz aufgelöst. Bei diesen Ghettoräumungen kam es von Ende Mai bis Ende Juni zu 80 000 Erschießungen.

    Ab Sommer 1943 kam es zu Selektionen in den verbliebenen Zwangsarbeiterlagern.

    Am 10.6.43 wurde das Arbeitskommando der Stadtverwaltung Drohobycz im Wald von Bromica durch Sicherheitspolizei und Schutzpolizei erschossen. Am 12.6.43 wurden aus dem Lager der

    Karpathen-Öl-AG 170 Frauen und Kinder ermordet. Am 25. August wurden 800 Juden im Wald bei Drohobycz erschossen.


    Deine Annahme, dass die Zahl von 1200 Toten für 1943 wohl doch etwas hoch ist, wurde also erschreckend um ein Vielfaches übertroffen. Die Anzahl der getöteten Juden aus den Landgemeinden ist nicht ausgewiesen. Sie wurden sicherlich als kleine Gruppen zum Abtransport nach Belzec oder zum Erschießen nach Lemberg verbracht. Dies wurde dann von der Gendarmerie mit Unterstützung ukrainischer Polizei durchgeführt.


    Beste Grüße

    Dieter

    Edited once, last by frankpol ().

  • Hallo Dieter,

    Der Nebel lichtet sich, danke für die Geduld. Die Info stammt aus der Akte, Tatort und Beruf. Das mit den Lagern hatte ich selbst vermutet, ich habe mich mit der hohen Zahl auf die Landkreise bezogen, das habe ich wohl zu wörtlich genommen... also ich meinte, für Landkreis wäre das um diese Zeit eine hohe Zahl. Aber vielleicht auch nicht...

    LG,

    Dagmar