RAD Frauen bei der Reichsbahn

  • Hallo, ich habe leider so viele Lücken , was die Lebensgeschichte meiner Mutter betrifft, und damals nicht viel gefragt. Meine Mutter hatte immer nur sporadisch erzählt, und mir fehlt bei vielem der Zusammenhang. Sie war Jahrgang 1914 und im Krieg noch unverheiratet.

    Ich erinnere mich, wie sie erzählte, sie sei bei der Reichsbahn beschäftigt gewesen. Ein Foto von 1941 zeigt sie auch im Büro des Bahnhofs Babelsberg 1941.

    Was sie noch erzählte, war, dass sie im Rahmen des RAD später bei der Reichsbahn in Lublin eingesetzt war. Wann könnte das gewesen sein? 1943/44?Es gibt zwei Postkartengrüße aus Lublin, leider ohne Datum. Wo waren die Frauen dort untergebracht?

    Sie erzählte, sie sei auch in Russland gewesen und habe einmal einen schrecklichen Partisanenüberfall miterlebt. - Weiß jemand, ob Frauen (eventuell unverheiratete Mitarbeiterinnen der Bahn?) freiwillig oder gezwungenermaßen bei der Reichsbahn in Polen eingesetzt wurden?

    Welchen Aufgaben haben sie gehabt?

    Könnte es sein, dass Frauen auch als Zugbegleiterinnen während des Kriegs gearbeitet haben?

    Für alle möglichen Infos oder Literaturangaben wäre ich sehr dankbar. Im Internet ist darüber nichts zu finden.

    Danke und viele Grüße

    Christiane

  • Hallo, Gerd,

    vielen Dank! Das ist sehr interessant zu lesen. Nur ist da von einem Einsatz in Polen oder anderswo nicht die Rede. Vielleicht gibt es noch genauere Informationen bzw. Literatur zu dem Thema?

    Viele Grüße

    Christiane

  • Guten Abend Christiane,


    ..also eine Eisenbahner-Kollegin.. ;-)


    Gerd´s verlinkter Beitrag behandelt das Thema allgemein und kann Dir zum allgemeinen Verständnis über Zusammenhänge damit behilflcih sein. Zum konkreten Lebenslauf-Abschnitt Deiner Mutter werden sich darin keine direkten Antworten finden lassen.


    Wo Du mal nachfragen solltest: die Dienstverpflichtungen liefen formal zumeist über die örtlichen Arbeitsämter. Daher besteht die denkbare Möglichkeit, daß in überlieferten Akten dieses (damaligen) Arbeitsamtes sich Unterlagen zu Deiner Mutter befinden.

    Versuche mal herauszufinden, welches Arbeitsamt für den damaligen Wohnort Deiner Mutter zustädnig war. In aller Regel sind die erhalten gebliebenen Unterlagen dann im Bestand des Landesarchivs.

    Einen Versuch wäre es wohl zumindest wert...


    Je nach dem, wo sich Deine Mutter zum Zeitpunkt des Kriegsendes befunden hat, könnte m.E. auch eine Anfrage beim Suchdienst des Roten Kreuzes in München sinnvoll sein. Insbesondere, wenn Sie beim Ende der Kampfhandlungen noch "im Osten" gewesen war, könnte es dort Informationen geben.

    Dort sind patente und hilfsbereite Leute am Werk, da erhältst Du als direkte Angehörige auch rasch eine Antwort.


    Vielleicht hat noch ein Kollege hier einen guten Tipp, wo sich Personenangaben von bei der Reichsbahn dienstverpflichteten Frauen finden liesen.

    Ich wünsche Dir auf jeden Fall viel Erfolg - und berichte zu gegebener Zeit ruhig einmal über Deine Erkenntnisse und Erfahrungen. Danke.


    Herzliche Grüße

    Uwe

    An Informationen zur Heeres-Neben-Muna Kupfer, Muna Siegelsbach, Muna Urlau, Muna Ulm und zur Aggregat 4 - speziell Logistik für den Verschuß und den Eisenbahntransport- interessiert.

  • Hallo Uwe,

    danke für Deine ausführliche Nachricht! :)

    Ich hatte schon einmal bei " PA-Archiv.Berlin@bev.bund.de" nachgefragt. Hier kann man sich nach ehemaligen Reichsbahnmitarbeiterinnen erkundigen, und ich erhielt auch sehr schnell eine Antwort, aber leider war meine Mutter da nicht verzeichnet.

    Das damals zuständigehe Arbeitsamt rauszukriegen, sollte kein Problem sein. Das ist wirklich eine gute Idee! Ebenso der Suchdienst des Roten Kreuzes, wobei ich genau weiß, dass meine Mutter bei Kriegsende wieder zurück in Berlin war.

    Danke, und ich berichte gerne, falls ich etwas herausgefunden habe.

    Mit herzlichem Gruß

    Christiane

  • im Rahmen des RAD später bei der Reichsbahn in Lublin

    Hallo,


    das klingt eher danach, dass deine Mutter scheinbar erstmals im Rahmen des Kriegshilfsdienstes des RADwJ bei der Reichsbahn eingesetzt war. Wenn du einen guten und aktuellen Überblick zu Verwendungen des RADwJ lesen willst, ist hier das Standardwerk von Michael Jonas zu empfehlen:


    Weiblicher Arbeitsdienst und Reichsarbeitsdienst der weiblichen Jugend in Deutschland 1932-1945 - Organisationsgeschichte und Dienststellenverzeichnis


    Beste Grüße


    OB

  • Hallo,

    das sind ja tolle Tipps! Danke!

    Ich werde alles probieren.
    Der Hinweis auf das Buch ist auch super.

    Dann hoffe ich, dass ich dank Euch etwas mehr Klarheit bekomme!

    Herzliche Grüße und eine gute Nacht!

    Christiane

  • Was sie noch erzählte, war, dass sie im Rahmen des RAD später bei der Reichsbahn in Lublin eingesetzt war. Wann könnte das gewesen sein? 1943/44?Es gibt zwei Postkartengrüße aus Lublin, leider ohne Datum. Wo waren die Frauen dort untergebracht?

    Sie erzählte, sie sei auch in Russland gewesen und habe einmal einen schrecklichen Partisanenüberfall miterlebt. -

    Hallo,


    vermutlich müssen wir hier von sich überschneidenden Erinnerungen ausgehen.

    RADwJ als KHD war bei der Reichsbahn eingesetzt.

    Nachweise habe ich von München, Dresden bis Bialystok. Das deckt wohl das Großdeutsche Reich gut ab.

    Trotzdem war der Einsatz bei der Reichsbahn die Ausnahme, nicht die Regel.


    Ein Kriegshilfsdienst in Lublin ist nicht nachzuweisen, möglich schon.

    Trotzdem eher unwahrscheinlich für den RADwJ, da dieser nicht im Generalgouvernement tätig wurde und dort auch keine Organisationsstruktur hatte.

    Leider waren die Grenzen des GG aber auch willkürlich und könnten sich mit den östlichsten RADwJ-Bezirken überschnitten haben.

    Diese Puzzle-Arbeit um Ortschaften ist aber müßig.


    Zusammenfassung:

    1. RADwJ weit im Osten sicherlich

    2. Kriegshilfsdienst bei der Bahn im Osten möglich. Jahre wären dann: spät 1943 und 1944

    3. Als Arbeitsmaid KHD in Lublin eher unwahrscheinlich, aber vielleicht nicht auszuschließen.

    4. Übertritt zur Reichsbahn - nach dem RADwJ - möglich, vielleicht auch anzunehmen

    5. Einsatz in Rußland als RADwJ nein, als Reichsbahnerin bis Frontnähe in der Ukraine nachweisbar

    6. Was ist Rußland? Für manche Berliner Damen begann Rußland kurz hinter Danzig, hier könnte eine nichtgeografische Verallgemeinerung vorliegen.

    7. Partisanen gab es in der Ukraine massenhaft, im GG nicht so häufig, aber auch.

    8. Frauen konnten kriegsdienstverpflichtet werden, aber wurden nicht in den Osten über die neuen Reichsgrenzen hinweg verpflichtet.

    9. Als Reichsbahnerin wurden Reichsbahnunterkünfte gestellt, getrennt von den Männern, zumeist in der Nähe von Bahnhöfen. Was auch sonst. Wir sprechen hier von einer so geringen Anzahl von Frauen im Osten, dass da schon ein Reihenhäuschen mit deutschem Vorgarten gereicht hätte. Wir kennen die hübschen Reichsbahn-Arierinnen doch nur von Propaganda-Fotos --> siehe die obige Verlinkung und die dortige zum Reichsbahn-Fotoarchiv.


    Zusammenfassung der Zusammenfassung:

    1. Reichsbahn unabhängig vom RADwJ, nach dem Arbeitsdienst oder im Anschluß an den KHD

    2. Ende 1943, Anfang 1944

    3. Als Reichsbahnhelferin oder -angestellte vermutlich im GG oder Ukraine eingesetzt, vermutlich Freiwillige/ Berufsanfängerin bei der Reichsbahn


    Der Einsatz ist so selten, dass mir meine eigenen"vermutlich" schon auf die Nerven gehen. Bei der Informationsgrundlage ist mein Sermon damit abgeschlossen.


    VG

    clan01

  • Hallo Zusammen,


    zum RAD wurde zwischen dem 18. und 25. Lebensjahr eingezogen.

    Das wäre im Falle von Christianes Mutter spätestens 1939 gewesen.


    @ Christiane, hatte Deine Mutter nach der RAD Zeit eine Ausbildung bei der Reichsbahn begonnen?


    PS: es kann auch sein, dass sie den Kriegshilfsdienst bei der Reichsbahn begann.


    Zitat Christiane:

    Quote

    Könnte es sein, dass Frauen auch als Zugbegleiterinnen während des Kriegs gearbeitet haben?

    ja, diese Möglichkeit bestand, es wurden auch Frauen beim Fahrkartenverkauf und zu Büroarbeiten eingesetzt.

    Gruß
    Gerd (der aus Bielefeld)

  • Mal wieder danke für Eure ausführlichen Antworten, vor allem von Dir, clan01. Das sind alles tolle Infos, mit denen ich mich noch beschäftigen werde. Ich habe mir auch das Buch zum weiblichen Reichsarbeitsdienst bestellt.

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine mutter 1939 noch zum RAD einmgezogen wurde, da sie da im November 25 Jahre als wurde. Zu jender Zeit hatte sie auch einen Job bei einem Berliner Elektroinstallateur im Büro. Vielleicht hat sie tatsächlich eine Ausbildung bei der Reichsbahn gemacht. Was fest steht, sie hatte Dienst am Schalter. Davon existiert ein Foto von 1941. Ich vermute nun eher, dass es der KHD war, bei dem sie in Lublin im Einsatz war. Der Partisanenübergfall mus in Weißrussland gewesen sein. Zumindest existiert ein Gedicht von ihr über die Begegnung mit einem Mann in Minsk. Mir hatte sie von den ärmlichen Verhältnissen erzählt, die in Russland herrschten und von Menschen, die in Lehmhütten lebten. Ich habe gerade Besuch. Mache hier Schluss. Viele lieben Dank aber und ich teile mit, wenn ich noch was rausgekriegt habe,

    Viele Grüße

    Christiane

  • Hallo Christiane,


    Lublin gehörte zum Bereich der GEDOB (Generaldirektion der Ostbahn) im besetzten Polen.

    Hauptsitz war Krakau, in Lublin eine Zweigstelle.

    Bei den Gesprächen mit Deiner Mutter, fiel vielleicht der Begriff "GEDOB" ?

    Eventuell hilft das Foto von 1941 weiter.

    Gruß
    Gerd (der aus Bielefeld)

  • Danke, Gerd.
    Nein, der Name „Gedob“ fiel nicht, jedenfalls erinnere ich mich nicht, aber „Krakau“. Da musste sie wohl manchmal hin. Untergebracht war sie aber in Lublin. Eine Kollegin aus jener Zeit in Lublin erinnert in einer noch erhaltenen Karte von 1946 an einen schönen geselligen Abend.

    Ein besonders einschneidendes Erlebnis aber war der Partisanenüberfall , den sie wohl in Weißrussland miterlebt hatte. Er löste noch lange Albträume bei ihr aus. Interessant wäre es, wenn es darüber einen Zeitzeugenbericht gäbe.

    Ich habe leider nur lauter kleine Puzzleteile, und es ist schwierig, daraus ein ganzes Lebensbild zusammenzustellen.

    Herzliche Grüße

    Christiane

  • Hallo Christiane,


    dann war deine Mutter wahrscheinlich bei der GEDOB. wie ich schon geschrieben habe, war der Hauptsitz der GEDOB in Krakau.

    Zur GEDOB wurde sie wahrscheinlich dienstverpflichtet (Kriegshilfsdienst).

    Gruß
    Gerd (der aus Bielefeld)