JG 77 und Görings Befehl / Juni 1943

  • Hallo Helmut


    Vielleicht Dank für deine ausführliche Schilderung der Situation!

    Nach dem Motto " der Führer hat Härte befohlen" sollte daß versagen von oben unten ausgebügelt werden!

    Zu wenig und unterlegene Flugzeuge

    Zu wenige und zum Teil schecht ausgebildete Piloten


    Gruß Arnd

  • Hallo Helmut,

    das erklärt sehr ausführlich und schlüssig den Hintergrund dieses Befehls, auch von mir ein Dankeschön für die Darstellung!

    Worauf ist denn grunsätzlich die Erfolglosigkeit gegen die anfliegenden Viermot- Verbände zurückzuführen? Nur auf den abgekämpften Zustand der eigenen Leute oder hatte das etwas mit der Erfassung/Aufklärung zu tun?

    Herzliche Grüße

    Eberhard

    Suche alles über die 101. Jägerdivision.

  • Hallo zusammen,


    danke für Eure netten Worte.


    Eberhard, ich denke die Antwort auf Deine Frage ist komplexer Natur. Ich versuche mich mal an einer Erklärung.


    Aus meiner Sicht spielen hier mehrere Faktoren eine Rolle:


    Aufklärung

    Das A und O für jeden Abwehrerfolg ist das rechtzeitige Aufklären eines Angreifers. Verspätet erkannte Feindeinflüge können dazu führen, dass die eigenen Kräfte nicht rechtzeitig an den Feind herangeführt werden können.

    Auf Sizilien gab es seinerzeit mehrere Freya Funkmessgeräte, die zur Aufklärung von Feindeinflügen genutzt wurden. Das Freya Gerät hatte eine Reichweite von ca. 120 bis 160 km.
    Mangelnder Ausbildungsstand, Flugverhalten des Feindes, die Topographie sowie möglicherweise atmosphärische Störungen beeinflussten die Aufklärungsergebnisse der Funkmessgeräte.

    Diese Ergebnisse mussten dann noch per Draht oder Funk an den Jafü/Gefechtsstand übermittelt werden, der dann den Ansatz der eigenen Kräfte befahl.

    Bei Ausfall der Funkmessgeräte reduzierte sich die Aufklärungsreichweite auf die menschlichen Sensoren Auge und Ohr und somit auf eine Reichweite von 10 - 15 km.


    Der Faktor Zeit spielte also ein wesenstliche Rolle. Bei Versagen einer Komponente konnte der ganze Ansatz der eigenen Kräfte erfolglos sein und somit keine Abschüsse erzielt werden.


    Jägerleitung

    Nach Aufklärung des Feindes und Ausgabe des Startbefehls für die eigenen Kräfte mussten diese noch an den Feind "herangeführt" werden. Dies erfolgt grob gesprochen durch weitere Beobachtung des Feindes und möglicher Kurswechsel des selbigen, sowie der Beobachtung der eigenen Kräfte. Per Funk erhielt dann der Verbandsführer entsprechende Kursanweisungen um den Feind abfangen zu können.

    Auch hier gab es mögliche Fehlerquellen, die dazu führten, dass der eigene Ansatz der Kräfte ins leere stieß oder zu spät an den Feind kam. Im Prinzip musste das gesamte Prozedere eingeübt und eingespielt sein. Inwieweit das die Jagdflieger im Mittelmeerraum "drauf" hatten, kann ich nicht umfassend abschätzen.


    Taktik

    Das Auftreten von Viermot-Bombern der Allierten war für die deutschen Jagdflieger zu dem Zeitpunkt noch relativ neu. Ihre bisherigen Einsätze an der Osterfront und über Afrika waren geprägt von Rotten-, Schwarm- oder Staffeleinsätzen. Geschlossene Gruppen oder sogar Geschwadereinsätze und das heranführen solcher Verbände an EINEN Feindeinflug war noch relativ neu und wurde in erster Linie in der Reichsverteidigung entwickelt und durchgeführt.

    Gallands Gedanke zum Ansatz aller Jagdflieger auf einen einfliegenden Bomberpulk ging in diese Richtung.

    Einen geschlossenen Gruppen- oder Geschwaderverband an den Feind heranzuführen erforderte eine besondere Qualifikation der Verbandsführer. Inwieweit die auf Sizilien und in Süditalien eingesetzten Verbandsführer über diese Qualifikation verfügten, kann ich nicht abschließend berurteilen, gehe aber davon aus, eher nicht, weil diese Art des Angriffs bisher wenig praktiziert wurde.


    Zudem war es bedingt durch die Größe der Viermot-Bomber und deren Abwehrfeuer nur sehr schwer einen dieser Bomber abzuschießen. Die Jagdflieger mussten mit Höchstgeschwindigkeit so nah wie möglich an die Bomber ran um entsprechende Treffer zu erzielen und möglichst kurz im Wirkungsbereich der feindlichen Waffen zu sein. Das reduzierte natürlich die Trefferwahrscheinlichkeit und somit die Wirkung im Ziel.


    Bis zur Kommandoübernahme von Galland schienen die Angriffe auf Viermot-Pulks bislang auch nicht so geschlossen durchgeführt worden zu sein, wie es Galland dann für den 25.06.43 geplant hatte.


    Schlussfolgerung: Die Luftwaffe hatte im Mittelmeerraum bis zu dem Zeitpunkt noch keine ausreichend erfolgreiche Taktik zur Bekämpfung von Viermots entwickelt und erprobt.


    Erfahrung

    Aufgrund des beschriebenen schlechten Ausbildungsstandes des Flugzeugführernachwuchses und der bisherigen großen Personalverluste, gab es immer weniger "Alte Hasen". Dies wirkte sich sowohl bei der Bedienung des Jagdflugzeugs als auch auf das Verhalten im Verbrandsflug aus. Wer sich auf sein Handwerkszeug konzentrieren muss, um Kurs zu halten, hat wenig Zeit sich auf den Feind einzustellen und auf ihn angemessen zu reagieren. Es erfordert zudem schon ein gewisses Maß an Kaltschnäuzigkeit und Erfahrung um einen feuerspeienden Bomberpulk anzugreifen. Dem jungen Nachwuchs fehlte das alles und führte zudem zu vielen Verlusten (siehe auch später in der Reichsverteidigung).


    Auf die besondere Erfahrung und Qualifikation der Verbandsführer, wenn es um den geschlossen Verbandseinsatz in Gruppen und Geschwaderstärke geht, habe ich ja schon oben hingewiesen.


    Ausrüstung/Bewaffnung

    Die Jagdfliegerverbände im Mittelmeerraum wurden im Frühjahr 1943 als erste mit der Bf 109 G-6 ausgestattet. Diese ersten G-6 hatten als Standardbewaffnung ein MG 151/20 als Motorkanone und über dem Motor 2 MG 131. Erst im Herbst 1943 wurde bei Bf 109 G-6 die wesentlich leistungsstärkere MK 108 als Motorkanone eingebaut.

    Nachfolgend kurz die Kaliberangaben:

    MG 151/20 = 20 x 82 mm

    MG 131 = 13 x 64 mm

    MK 108 = 30 x 90 mm


    Es kam nicht von ungefähr, dass die Jagdflieger eine stärkere Bewaffnung forderten. Die Beschussfestigkeit von Viermots aufgrund von Größe, Anzahl der Motoren und Panzerung war deutlich höher als bei den bisher gewöhnlich bekämpften Flugzeugtypen. Es erforderte einen erhöhten Munitionsaufwand und entsprechender Wirkung im Ziel, um einen Viermot zum Absturz zu bringen. Das heißt, selbst wenn bei einem Angriff eines Jägers Treffer erzielt wurden, heißt das noch lange nicht, dass der Bomber abstürzt. Somit war ein erneuter Anflug erforderlich ... also nochmal rein ins Abwehrfeuer der fliegenden Festungen ... wenn der gegnerische Jagdschutz dies zulies.


    Feindliche Überlegenheit

    Wie bereits in Beitrag #40 beschrieben hatten die Alliierten eine deutliche materielle Überlgegenheit. 2.100 Jagdflieger gegenüber 160 einsatzbereiten deutschen Jägern ... ein Verhältnis von rund 13:1!!!!!!

    Diese materielle Überlegenheit gestattete es den Allierten mehrere Ziele gleichzeitig über den ganzen Tageszeitraum hinweg anzugreifen. Dies führte zur Verzettelung der deutschen Kräfte, die ja Galland mit seinen Planungen zum 25.06. vermeiden wollte. Auch mussten sich die deutschen Jäger erst durch den Jagdschutz der Bomber durchkämpfen und so kam es oftmals nicht zu Abschüssen von Viermots.


    Wie beschrieben, können also eine Vielzahl von Faktoren ursächlich für die geringen Abschusszahlen von Viermots sein. Ich denke aber in erste Linie war es die mangelnde Erfahrung im Umgang mit diesem Bombertyp. Auch in der Reichsverteidigung mussten erst geeignete Verfahren zur Bekämpfung von Viermots entwickelt und perfektioniert werden. Im Mittelmeerraum war man zudem Zeitpunkt einfach noch nicht so weit. Das war ja auch nicht wirklich möglich, bei der Vielzahl der Aufgaben und der Überlegenheit der Alliierten. Die deutschen Jäger mussten ja nicht nur die Viermots bekämpfen, sondern auch die mittleren Bomber, Jabos und Jäger. Mit der zur Verfügung stehenden Anzahl der eigenen Kräfte eine Mammutaufgabe.


    Viele Grüße

    Helmut

  • Hallo zusammen,


    ergänzend zu meinen Ausführungen möchte ich noch auf die Verlustzahlen und Abschüsse während der Verteidigung Siziliens am Beispiel des JG 77 eingehen.


    Im Zeitraum vom 01.06. bis 17.08.1943 hat das JG 77 folgende Verluste:


    Flugzeugführer gefallen vermisst gefangen verwundet
    Stab/JG 77 0 0 0 0
    I./JG 77 15 0 1 2
    II./JG 77 6 8 0 3
    III./JG 77 0 1 0 4
    21 9 1 9


    Unter den Verlusten befanden sich einige der erfolgreichsten FF des Geschwaders. Den Großteil der Verluste stellten aber die unerfahrenen FF.


    Hinzu kommen noch Materialverluste mit einem Schadensgrad von 60% bis 100% in Höhe von 123 Flugzeugen.


    Dem gegenüber standen folgende Abschusszahlen

    Stab/JG 77 --- 4

    I./JG 77 --- 37

    II./JG 77 --- 45

    III./JG 77 --- 38

    Summe 124


    Das zeigt, dass sich das JG 77 gegenüber der deutlichen Überlegenheit des Feindes durchaus behaupten konnte, auch wenn an eine erfolgreiche Abwehr der Invasion Siziliens nicht zu denken war.

    Dies zeigt auch, dass die Vorwürfe und Schähungen gegenüber den Jagdfliegern im Süden absolut unberechtigt waren!


    Viele Grüße

    Helmut

    (Quelle: wieder der Teil 3 der Geschwaderchonik zum JG 77 von Jochen Prien)





  • Hallo Helmut,


    das hast Du super "rübergebracht".


    Du hast den Namen Kurfürst- 4 sicher bewusst gewählt. Betrifft der das FMG 38 L A2 Gerät?

    Ist das Gerät im DAA erwähnt?

    Wenn ja, dort hat sich ein Fehler eingeschlichen:

    " Sender bzw. Empfänger, wurden an einem schwenk- und verschiebbaren Rohrmast befestigt, der das Geschützrohr ersetzte.?


    Gruß Karl

    Edited once, last by Karl Grohmann: Neue Erkenntnis. ().

  • Hallo Karl,


    vielen Dank für die "Blumen"!!


    Der Name ist bewusst gewählt hat aber nichts mit dem Flakzielgerät zu tun.


    Ich interessiere mich sehr für die Messerschmitt Produktion in Regensburg, insbesondere für die letzte Variante der Bf 109, die ausschließlich in meiner Heimat der Oberpfalz gefertigt wurde, nämlich der Bf 109 K-4. Davon abgeleitet der Name Kurfuerst-4.


    Und bei dem Hinweis von Dir auf das Flakzielgerät, finde ich schon, dass der Text passt, denn er bezieht sich auf die Kreuzlafette des 88 mm Flakgeschützes. Es ist wohl so gemeint, dass das ursprünglich auf der Kreuzlafette angebrachte Geschützrohr durch einen schwenk- und verschiebbaren Rohrmast ersetzt wurde.


    Viele Grüße

    Helmut

  • Hallo Helmut,

    Eine sehr umfassende Darstellung und für mich auch sehr plausibel.

    Meine bisherigen Kenntnisse über die Luftwaffe im Afrika-/Mittelmeerraum beschränkten sich im Wesentlichen auf Darstellungen einzelner Teilnehmer (u.a. Dickfeld und E. Rudorffer).

    Herzliche Grüße

    Eberhard

    Suche alles über die 101. Jägerdivision.