JG 77 und Görings Befehl / Juni 1943

  • Tag allerseits


    Das JG 77 war am 25.6.1943 in Sizilien eingesetzt. Nach einem vergeblichen Versuch des JG 77, einen geschlossenen B-17-Angriff abzufangen, rief der General der Jagdflieger, Adolf Galland, den Kommodore des Geschwaders, Oberst Steinhoff, an.

    "Steinhoff" sagte Galland, "ich habe soeben ein Fernschreiben des Reichsmarschalls erhalten. Bitte regen Sie sich nicht auf, wenn ich Ihnen den Inhalt vorlese. Veranlassen Sie noch nichts. Aber ich muss Sie informieren.


    Hören sie zu: "An den Jagdfliegerführer Sizilien. Die bei der Abwehr des Bomberangriffs beteiligten Jäger haben versagt. Von jeder beteiligten Jagdgruppe ist ein Flugzeugführer wegen Feigheit vor dem Feind vor ein Kriegsgericht zu stellen.

    gez. Göring, Reichsmarschall"


    Nach Erlass des Befehls, waren Steinhoffs Gruppenkommandeure bereit, sich freiwillig dem Kriegsgericht zu stellen. Aber Galland erreichte bei Göring die Rücknahme des ungeheuerlichen Befehls.


    Die Auswirkungen von Görings Fernschreiben auf die Moral der Piloten ist unschwer zu erraten!


    Grüße

    Bert

    Edited once, last by Jahrgang39 ().

  • Bert,

    ist dieser Geschichte auch irgendwo anders belegt, anders dann im Buch von Galland? Und sind auch weitere ähnliche Fallen bekannt?


    Herzliche Gruss,


    Maurice

  • Grüß Dich Maurice


    ich zitierte aus dem Buch DIE LUFTWAFFE 1918 -1945. Das ist die deutsche Ausgabe von THE RISE OF THE LUFTWAFE von Herbert Molloy Masson.

    Der Verfasser dankt in seinem Anhang unter "Arbeitshinweisen des Autors" u.a. General Adolf Galland für vorbehaltlose Hilfe bei der Beschaffung des Materials. Damit dürfte feststehen, dass Galland

    den Vorfall bestätigte. Zweifel am Wahrheitsgehalt sind abwegig.


    Grüße

    Bert

  • Hallo zusammen,


    der "Stern" von Göring war spätesten nach Stalingrad am sinken und wie das Alpha -Tier Mensch

    in solchen Situation reagiert hatte wir diesen Woche live in des USA.


    Die soziologische Stereotypen die in solchen Situationen abgerufen werden sind immer gleich. Mensch halt ...!!


    In soweit ist das Verhalten im "System-Mensch" systemimmanent

    Gruss Dieter

  • Tag allerseits,


    Göring hatte aber auch andere Seiten!


    Nach dem Desaster von Stalingrad schilderte General Paul Deichmann ein Zusammentreffen mit Göring:


    "Am Abend des 21.12.1942, als ich das Führerhauptquartier Wolfsschanze besuchte, meldet ich mich bei Göring an. Ich klopfte an die Türe des für Göring vorgesehenen Raumes. General Bodenschatz öffnete.

    Hinter ihm sah ich Göring, den Kopf tief gebeugt und laut weinend.....Göring forderte mich auf, einzutreten. Ohne mich weiter zu beachten, gab er sich weiter seinem Schmerz hin. Dann stellte mir, wiederholt

    von Weinkrämpfen unterbrochen, einige Fragen und entließ mich, um sich wieder seiner Verzweiflung hinzugeben."


    Grüße

    Bert

  • Hallo zusammen,


    Quote

    Göring hatte aber auch andere Seiten!

    und auch diese Seiten, von Göring, passt in das Verhalten von dieser Art merkwürdigen Persönlichkeit.

    Ich habe hier mit Absicht das nicht das Wort krank/Krankheit verwenden weil es die geschichtliche Sicht

    auf die Personen verharmlosen würden.


    Vielleicht beschreibt es das Wort "Infantiler-Größenwahn" halbwegs treffen

    Gruss Dieter

  • Tag allerseits,


    Göring war einer der WENIGEN, der Hitler davon abriet, den Krieg gegen Polen und damit einen Weltkrieg zu beginnen.

    Insgesamt gesehen war Göring ein Lebemensch, das erkannte Hitler wohl bereits vor 1939. Und das schöne Leben war für Göring mit dem Krieg schon irgendwie etwas beschränkt. 1945 soll Göring gesagt haben:

    "Wenigsten 12 Jahre gut gelebt!"


    Vor dem Nürnberger Prozess hatte Göring unter Aufsicht 30 kg abgenommen und war nicht mehr abhängig von seinen Paracodein-Tabletten. Einer der Richter, Sir Norman Birkett, hatte Göring während des

    218 Tage langen Prozesses genau beobachtet. Er bezeichnete Göring als "verbindlich, klug, gewandt, fähig und findig; er beurteilte die Lage schnell und mit zunehmenden Selbstvertrauen trat seine

    Überlegenheit stärker in Erscheinung. Auch seine Selbstbeherrschung war bemerkenswert...."


    Grüße

    Bert

  • Hallo,

    schon bei den Römern gab es die Dezimierung bei Meuterei bzw. angenommener oder tatsächlicher Feigheit vor den Feind, um die Moral der anderen zu heben. Hitler hatte ja auch verfügt, als die Offensive ,,Frühlingserwachen" am Plattensee nicht die gewünschten Ergebnisse erbrachte, dass die beteiligten SS-Männer der Leibstandarte ihre Ärmelbänder abnehmen sollten und der Reichsführer SS, Himmler, die Auszeichnungen der Betreffenden einsammeln sollte. das war allerdings 1945.

    Das ähnliches in der Luftwaffe 1943 anstand, war mir so nicht bekannt. Wie bereits geschrieben, Göring wußte sich wahrscheinlich nicht mehr anders zu helfen, um von seinen gravierenden Versäumnissen abzulenken.

    MfG Wirbelwind

  • Hallo Bert,


    Quote

    Göring war einer der WENIGEN, der Hitler davon abriet, den Krieg gegen Polen und damit eine Weltkrieg zu beginnen.

    und wenn, um danach um seinem Führer um so glühender anzuhängen ?!


    Er war in zweiter Linie das Jäger-As aus dem I. Weltkrieg. Er war vor 1939 als Innenminister maßgeblich an der Errichtung des Naziterrors beteiligt,

    und die Liste lässt sich vorsetzen.

    Gruss Dieter

  • Grüß Dich Dieter,


    dass Göring maßgeblich an der Errichtung des Naziterrors beteiligt war, das ist unstrittig.


    Göring war nicht aus moralischen Gründen daran interessiert, dass 1939 ein Kriegsbeginn unterbleiben sollte, es ging ihm um sein eigenes ICH. Und wahrscheinlich

    befürchtete er auch schon nach dem Krieg gegen Polen, dass ein Zweifrontenkrieg zu Lasten Deutschlands ausbrechen könnte.


    Überliefert ist die Aussage Görings vom Abend des 3.9.1939: „Wenn wir diesen Krieg verlieren, dann möge uns der Himmel gnädig sein!"


    Grüße

    Bert

  • Hallo,

    dass Leute, wie Göring, auch zu menschlichen Regungen fähig waren, steht für mich fest. Daher zweifele ich die Schilderungen des Generals Deichmanns über das Zusammentreffen mit Göring am 21.12.42 nicht an. Nur die richtigen Schlussfolgerungen aus dem Desaster für den Verlauf des Krieges hat er nicht gezogen. Bei der sich verstärkenden Problemlage frönte er lieber seinen Genüssen und trieb sich bspw. zur Jagd in der Rominter Heide herum, anstatt die Reichsluftverteidigung besser zu organisieren helfen, um es mal platt auszudrücken. Seine Verteidigung im Nürnberger Prozess zeigt mir, dass er kein Dummkopf war.

    MfG Wirbelwind

  • Grüß Dich Wirbelwind,


    die Sache mit der Jagdleidenschaft: Im Kriegsjahr 1944 war Göring vielfach auch zu Besprechungen auf Carinhall, dabei soll er mitten unter den Erörterungen einen

    Mitarbeiter gefragt haben: "Wo steht der Hirsch...."


    Ein ähnliches Beispiel gab es ja wohl auch im ersten sozialistischen deutschen Staat. Honecker hatte eine ausgeprägte Jagdleidenschaft und vernachlässigte

    dabei seine eigentlichen Staatsaufgaben.


    Grüße

    Bert

  • Gutenabend Bert,


    Danke für dein Anwort. Es wurde interessant sein zu lesen was Steinhoff darüber schreibt in sein Buch 'Die Straße von Messina. Tagebuch des Kommodore '.', das genau dieser Zeit beschreibt. Vielleicht hat Jemand das hier?


    Grüße,


    Maurice


  • Guten Tag,

    in Steinhoffs "Strasse von Messina" ist auf Seiten 48-51 die

    Forderung von H. Göring besprochen worden.

    Gruß Paule

  • Hallo,

    schön, dass es für diese Angelegenheit eine weitere, belastbare Quelle gibt.

    Die Jagdleidenschaft von Göring war ja legendär. Er übte sie fast obsessiv aus.

    Bert, die beiden gewollten Nimrode, E. H. und E. M. im sozialistischen Arbeiter -und

    Bauernstaat gingen zwar auch gern und oft zur Jagd. Aber ob gerade Erich Honecker

    die gleiche Machtfülle verfügte, wie der Reichsmarschall, da kommen mir gelinde Zweifel.

    Dann schon eher das Politbüro der SED. Aber das ist nicht Thema des Threads.


    MfG Wirbelwind

  • Tag allerseits,


    man muss natürlich bei Göring berücksichtigen, dass er bis 1945 Unmengen von Paracodein-Tabletten schluckte. Er war hochgradig süchtig. Damit sind vielleicht auch seine Verhaltensweisen zu erklären.

    Ob der "Führer" vom Ausmaß dieser Sucht wusste?


    Jedenfalls, als Göring beim Nürnberger Prozess nach Jahrzehnten suchtfrei war, konnten die alliierten Richter erleben, dass er Selbstbeherrschung und Selbstvertrauen unter Beweis stellte. Es gab damals

    einige Rededuelle mit dem US-Ankläger Robert Jackson.


    Jackson fragte z.B., zu den Vorbereitungen zur Besetzung des Rheinlandes im Jahr 1936: "Waren das Vorbereitungen, die vor auswärtigen Mächten vollständig geheim gehalten werden mussten?"

    Görings Antwort: "Ich kann mich nicht erinnern, im Voraus die Veröffentlichung der amerikanischen Mobilmachungsvorbereitungen gelesen zu haben!"


    Jackson war danach so wütend, dass er den Kopfhörer abnahm und auf den Tisch knallte.


    Quelle: zitiertes Buch


    Grüße

    Bert

    Edited once, last by Jahrgang39 ().

  • Hallo Wirbelwind, lieber Bert,

    natürlich war Göring in der Luftwaffe umstritten, hat polarisiert, was aber bei einer derartigen Funktion wohl auch in der Natur der Sache liegt. Die einen hielten ihn für einen "Schwätzer" (Originalzitat eines RK-Trägers der Luftwaffe im persönlichen Gespräch), die anderen schätzten seinen Einsatz für die Truppe.

    Immerhin sind ja unter den 27 Brillantenträgern allein neun Jagdflieger - ein sehr hoher Anteil, die gesamte Kriegsmarine stellte gerade mal zwei.

    Sein opulenter Lebensstil war bekannt, er und seine Frau nahmen ja auch gern Repräsentationsaufgaben, etwa bei Staatsbesuchen, wahr. Ich denke, dass mit fortschreitendem Krieg und mit zunehmenden militärischen Misserfolgen seine Popularität sehr abgenommen hat.


    Herzliche Grüße

    Eberhard

    Suche alles über die 101. Jägerdivision.

  • Hallo,


    warum findet sich zu diesen Ereignissen nichts in "Die Jagdflieger im 2. Weltkrieg" von Galland?


    Gruß

    Dieter

  • Hallo Dieter,

    ein Buch mit diesem Titel kenne ich von Galland nicht....

    Herzliche Grüße

    Eberhard

    Suche alles über die 101. Jägerdivision.