Waren die Soldaten der Fallschirmjäger Freiwillige?

  • Hallo liebes Forum,



    zwecks der Erforschung meiner Familie hat sich bei einem Angehörigen eine - zunächst - banal-klingende Frage gestellt. Mein Angehöriger wurde im Jahr 1942, als 18-jähriger, zur Luftwaffe eingezogen (Flieger-Ausbildungs-Regiment 51 - laut deutscher Dienststelle). Aus seinem Tagebuch, das aus dem Nachlass seiner Schwester habe, wird ersichtlich, dass er im November 1943 zuletzt in Königgrätz in Böhmen stationiert war (Luftnachrichtenschule 2), bevor im Dezember 1943 seine Ausbildung zum Fallschirmjäger in Gardelegen begann. Aus den Unterlagen der deutschen Dienststelle bzw. des Bundesarchivs sowie aus seinem Tagebuch wird eines nicht ersichtlich: Ob er sich freiwillig zu den Fallschirmjägern gemeldet hat. Es wird nur ersichtlich, dass er voller Hochachtung von diesem Truppenteil spricht (auch in späteren Briefen, während er selbst bereits Fallschirmjäger ist, bleibt diese Hochachtung) und sehr romantisiert von der Vorstellung des Krieges ist.


    Die banale Frage, die ich mir stelle und auf die ich bisher keine Antwort gefunden habe (auch nicht in der Literatur), ist, ob die Fallschirmjäger der Luftwaffe sich lediglich aus Freiwilligen rekrutiert hat. Das heißt, aus Soldaten, die sich aus völlig eigener Motivation dazu entschieden ein Teil dieser Truppe zu werden.


    Falls jemand von euch eine Antwort auf diese Frage kennt, wäre ich dankbar, wenn er/sie sie teilt.



    Vielen Dank vorab und viele Grüße

    Jonas

  • Hallo Jonas,


    spätestens ab Mitte 1944 waren nicht mehr alle FJ Freiwillige.

    Bin jetzt unterwegs, später mehr dazu.


    Beste Grüsse

    Ingo

  • Hallo Ingo,


    danke für deine schnelle Antwort! Ich bin gespannt. Aus den US-Streitkräften kenne ich es - besonders im 2. WK -, dass die Airborne sich aus Freiwilligen rekrutiert hat. Beim Lesen einiger Regimentsgeschichten der FJ der Wehrmacht bin ich auf keine solcher Aussagen getroffen.


    Viele Grüße

    Jonas

  • Hallo, mein Opa begann 1937 bei den Fallschirmjägern. "Ja" es mussten freiwillige sein! Hab ich auch in mehreren Büchern so gelesen.


    LG

  • Hallo Jonas,

    bis Mitte des Krieges konnte die Fallschirmtruppe sich aus Freiwilligen rekrutieren. Spätestens nach den Verlusten in Monte Casino und der "exzessiven" Aufstellung von Fallscjirmjägereinheiten kamen auch nicht ganz so Freiwillige aus anderen Bereichen der Luftwaffe zur Truppe. Definitiv wurden ab Okt. 44 auch Wehrpflichtige zu den Fallschirmjägern einberufen (s. Thread zu Albert Grün ) .

    Man kann es natürlich auch als "freiwillig" bezeichnen, wenn sich der Wehrpflichtige bei der Wahl zwischen SS und Luftwaffe/FJg entscheiden muss.


    Schönen Abend

    Gruß

    Lothar

  • Hallo, ein 1927 geborener Kollege aus Kassel erzählte, dass er 1944 die Wahl zwischen SS und Fallschirmjägern hatte.

    Er zog die Fallschirmjäger vor.

    Vermute, das war nicht freiwillig, sondern eher die Wahlmöglichkeit zwischen Pest und Cholera.

    Seit der Eroberung Kretas waren die Fallschirmjäger auch bei uns Grundschülern populär.

    Ein Physiklehrer rechnete uns vor, dass die Fallschirmjäger mit ihrer kleinen Schirmfläche mit etwa 40 km/h auf den Boden knallten.

    In der US-Serie "Band of Brothers" wird das Erleben der 101. Airborne wahrheitsgetreu erzählt.

    Sie wurden immer an die Brennpunkte geschickt.

    "They depended on each other and the World depended on them." Soll ihr Wahlspruch gewesen sein.

    "Band of Brothers" ist Lehrmaterial an der US-Offizierschule Westpoint.

    Die deutschen Fallschirmjäger genossen bei den US-Airborne hohes Ansehen.

    SS-Leute dagegen wurden verachtet, weil sie wehrlose Kriegsgefangene ermordet haben sollen.

    Ein GI steckte sich im Film das Edelweiss eines gefallenen deutschen Fallschirmjägers an.

    Gruss jostdieter

  • Hallo zusammen,


    danke für eure Hinweise! Aus dem Tagebuch von meinem Angehörigen geht hervor, dass er sich - während er in der Lu-Schule 2 in Königgrätz stationiert war - jeden Tag gefragt hat, ob heute der Marschbefehl zur FJ-Ausbildung kommt. Im November '43 bekam er dann den Marschbefehl von seinem Kompanieführer.


    @ Lothar: Der Denkanstoß ist spannend, ob eine tatsächliche Freiwilligkeit besteht wenn man sich zwischen zwei Alternativen entscheiden muss.


    Euch auch einen schönen Abend, viele Grüße

    Jonas


    Hallo jostdieter,


    danke für deine Antwort. Dass die dt. Fallschirmjäger in der Heimat als sowas wie eine Elitetruppe galten, habe ich auch gelesen. Ich habe unter anderem auch das Buch von Steven Ambrose "Band of Brothers" und darüber hinaus noch einiges mehr gelesen. Bei den US-Fallschirmjägern habe ich deshalb oft das Argument gelesen "Weil die Ausbildung hart ist, wusste ich, wie gut der Mann neben mir ist."


    Da du sogar die Folge von Band of Brothers ansprichst: Mein Angehöriger ist am 13.6.1944 in Carentan gefallen. Er war einer der Fallschirmjäger aus der 7. Kompanie des Fallschirmjäger Regiment 6, das von Major von der Heydte geführt wurde.


    Viele Grüße

    Jonas

  • Hallo Jostdieter,



    Band of Brothers" ist Lehrmaterial an der US-Offizierschule Westpoint.

    Wenn das stimmt, dann können sie auch gleich Kriegsfilme mit John Wayne anschauen.

    In den Filmen gibt es so viele falsche Verhaltensweisen, so dass ich deren Verfilmung nur um der "Action" willen zurechnen kann. ( Z. B. Platoon quer zur Front im vorgehen - eher beiseite gehen!!)

    Eigentlich habe ich bisher nur sehr qualifiziertes Lehrmaterial der Akademie zu sehen bekommen bzw. solche mit dem Hinweis, dass das und das dort gelehrt wird..


    Gruß Karl

  • Hallo Karl,


    ich glaube, was gemeint ist, ist, dass die Angriffstaktiken wie sie in der zweiten Episode gezeigt wurden (bei Brecourt Manor glaube ich) heute noch gelehrt werden. Das wird zumindest so im Abspann geschrieben und ist tatsächlich auch in dem Buch und in der Begleitliteratur dazu angesprochen.


    Viele Grüße

    Jonas

  • Hallo,


    Quote


    spätestens ab Mitte 1944 waren nicht mehr alle FJ Freiwillige.

    wobei man sagen muß, daß in der späten Kriegsphase der Begriff "Fallschirm-" keinen wirklichen Inhalt mehr hatten, die Verbände waren weder für Sprungeinsätze ausgebildet, ausgerüstet oder gedacht.


    Grüße

    Thilo

    Suche alles zur Lehrtruppe Fallingbostel und zum Einsatz des NSKK in der Ukraine 1941

  • Kleine Ergänzung noch, Anfang 1945 gab es auch Fälle, dass Luftwaffensoldaten wegen relativ kleiner Vergehen zu den Fallschirmjägern straf-versetzt wurden.

    Thorsten

    Thorsten von
    History&Hobby

  • Hallo Thilo,

    Quote

    spätestens ab Mitte 1944 waren nicht mehr alle FJ Freiwillige.

    das Thema "SS oder FJ" haben wir nach meiner Erinnerung schon mal behandelt.

    Mir ist ein Marine-Hitler-Junge bekannt, der 1944 nach dem RAD vor die Alternative ""SS oder Fallschirmjäger" gestellt wurde. Da er bei der Marine-HJ als Funker ausgebildet war, hat er sich erfolgreich bei der Marine als Offiziersschüler (Marineschule Mürwik) beworben. Ein Abiturient aus Kassel (1927) wurde vor die Alternative "SS" oder "Fallschirmjäger" gestellt. Er wurde als Fallschirmjäger mit Sprungausbildung bei einem Bodeneinsatz in Holland unversehrt gefangen genommen. Die SS war wegen ihrer angeblich höheren Verluste gefürchtet.

    Gruss jostdieter

  • Hallo jostdieter,


    Ich mutmaße mal, dass die Wahlmöglichkeit 'SS oder Fallschirmjäger' für 18-Jährige ab 1942/43 eher bedeutete, zwischen dem Eintritt in die eine oder andere damals als Elite wahrgenommene Truppe wählen zu dürfen. Das ergibt sich aus den vorigen Beiträgen und Erinnerungsberichten, aber vor allem auch aus der zeitgenössischen Propaganda (die selbstverständlich geglaubt wurde!). Natürlich kann auch ein Gerücht über größere oder kleinere Risiken eine Rolle gespielt haben, aber solch öffentlichkeitswirksame Aktionen wie Eben-Emael, die Maasbrücken oder Kreta hat die Waffen-SS (bis Gran Sasso) eben nicht vollbracht.


    Man muss immer versuchen, die damalige Perspektive einzunehmen und aus ihr heraus historisches Handeln zu bewerten, sonst kommt man zu nichts und bleibt bei postmortaler Klugmeierei.


    Gruß, Thomas

    "Lirum-larum Löffelstiel, wer nichts sagt, der weiß nicht viel - larum-lirum Gabelstiel, wer nichts weiß, muss schweigen viel!"

  • Hallo zusammen,


    Quote

    Man muss immer versuchen, die damalige Perspektive einzunehmen und aus ihr heraus historisches Handeln zu bewerten, sonst kommt man zu nichts und bleibt bei postmortaler Klugmeierei.

    ein Satz den man nicht dick genug unterstreichen kann !!


    ich denke wir Denken die Freiwilligkeit von der falschen Seite. Die Freiwilligen waren nicht freiwillig weil sie um die Gefahr wussten und sie bewusst das heroisch Tat in kauf nahmen,

    im jugendlichen Streben nach besonderem war das der Place to be the Top of Pops der 109 Pilot für Arme.


    Das das alles Blood, Shit, and Tears war bildet sich im Thema Operation Merkur - Gefallene und Vermißte ab

    Gruss Dieter

  • Hallo Thomas,(HiWi)


    Waffen-SS (bis Gran Sasso

    das waren auch die Fallschirmjäger, inclusive der Planung. Skorzeny hat sich mit wenigen SS Soldaten nur dazwischengedrängt und hat als 3. Mann im Fieseler den Piloten beim Abflug in Schwierigkeiten gebracht. Was man ihm zurechnen kann ist, dass er sogleich das Funkgerät zerstört hat und damit die Verbindungsaufnahme der Partisanen verhindert hat. Dann ist er sofort nach Berlin geflogen um die "Tat" als seine eigene zu melden.


    Gruß Karl und frohe Ostern.

  • Quote from HiWi

    Ich mutmaße mal, dass die Wahlmöglichkeit 'SS oder Fallschirmjäger' für 18-Jährige ab 1942/43 eher bedeutete, zwischen dem Eintritt in die eine oder andere damals als Elite wahrgenommene Truppe wählen zu dürfen. Das ergibt sich aus den vorigen Beiträgen und Erinnerungsberichten, aber vor allem auch aus der zeitgenössischen Propaganda (die selbstverständlich geglaubt wurde!).

    Hallo Thomas HiWi, von meinem Bruder (1927) und seinem Freund Uli Hesse ( Autor Ulrich H.K.Hesse von "Der deutsche Gruss", ISBN 978-3-7347-9030-0) ) weiss ich, dass sie aus ihrer Zeit bei der Marine HJ, dem RAD und der Marineschule ernüchtert waren und der offiziellen Propaganda immer mehr misstrauten. Von Altersgefährten und den Todesanzeigen in der Zeitung wussten sie, dass man bei der SS schneller verheizt wird als bei der Marine. Hesse erzählt von "Aktionen der Auflehnung und Verweigerung" bei der Flak und der Marineschule Mürwick. Mein Bruder schrieb von seiner "Widerstandsgruppe" bei der Marine. Hat ihm nichts geholfen, er wurde in der "Dönitzspende" an die Armee Wenck im April 1945 an der Elbe verheizt.

    Der von mir im Beitrag 14 erwähnte Kollege aus Kassel , auch 1927 geboren, stand tatsächlich vor der Alternative "SS oder Fallschirmjäger". Zwei Nordhäuser Flieger-Hitler-Jungen wurden ohne Diskussion zur Piloten-Ausbildung eingezogen. Beide überlebten.

    Meine Mutmassung: Waffengattungen mit hohen Verlusten wie SS oder Fallschirmjäger wurden von der Wehrmachtsleitung

    vorrangig In Presse und Wochenschau propagiert und vorrangig mit "Bestem Menschenmaterial" aus jungen Lehrlingen und Oberschülern versorgt.

    Wahlmöglichkeiten waren die Wahl zwischen ""Pest und Cholera".

    Gruss jostdieter

  • Hallo Jonas,


    auch mein Vater wurde 1942 mit 17 Jahren eingezogen und meldete sich freiwillig zu den Fallschirmjägern. Diese hatten einen besonderen Ruf, als Elitetruppe. U.a. wurde mit Max Schmeling für die "Grünen Teufel" geworben. Diese Jungs mit 17 oder 18 Jahren wußten doch nicht, was Krieg bedeutet. Die Familie meines Vaters litt Hunger und Not. Soldat werden mussten sie so oder so. Von klein auf wurde den Kindern der Nationalzozialismus eingebläut. Fallschirmjäger waren etwas Besonderes und es wurde versprochen, davon Teil zu sein.

    Das seh ich auch so.


    Nach ca. 1943, als überall mehr Sodaten gebraucht wurden, verloren die Fallschirmjäger ihren Freiwilligenstatus. Fallschirmjäger wurden als "Krisenfeuerwehr" im Erdeinsatz eingesetzt. Wenn ich es richtig weiß, wurde im März 1943 eine zweite Fallschirmjäger-Division aufgebaut. Insgesamt wurden dann bis 1945 elf Fallschirmjäger Divisionen aufgestellt, und später wurden sie gar nicht mehr im Fallschirmspringen ausgebildet. Der Freiwilligenstatus wurde aufgehoben. Ende 1943 wurde die dritte Division aufgebaut. Dazu erging im November 1943 ein Aufruf von Reichsmarschall Göring, der die besondere Haltung der Fallschirmjäger ausdrückt. Darin heißt: es:


    Die Fallschirmdivisionen der Luftwaffe haben sich während aller Kämpfe und Schlachten unvergänglichen Ruhm erworben. Wo immer sie eingesetzt wurden, waren sie unüberwindlich, sei es im Angriff vorwärts stürmend oder in der Verteidigung zäh durchhaltend. Die Divisionen zählen heute mit zu den ersten Elitetruppen der deutschen Wehrmacht. Der Einsatz dieser Verbände war so vielseitig und in allen Kampflagen und Kampfarten so bewährt, dass der Führer mich beauftragt hat, weitere Fallschirmdivisionen aufzustellen.


    Ich wende mich deshalb heute an alle Verbände der Luftwaffe und rufe sie auf zur Meldung von Freiweilligen, die sich mit Leib und Seele ganz dieser hervorragenden Waffe verschreiben wollen. In Sonderheit glaube ich, dass es viele Angehörige der Flak, der Nachrichtentruppe, der Stäbe und sonstiger Sonderformationen geben wird, die sich einen aktiveren Kampfeinsatz, als den bisherigen ersehnen. Hier ist eine Gelegenheit gegeben, sich höchstens zu bewähren. …


    Jeder einzelne aber, der sich freiwillig zu den Fallschirmjägern meldet, muss wissen, dass von ihm härtester Einsatz, unbeugsamer Kampfeswille und höchste Tapferkeit gefordert wird. Der Fallschirmjäger muss oft hinter den feindlichen Linien kämpfen und siegen. Er kennt keine Gefahr, die er nicht meistert. Darum prüfe sich jeder einzelne, ob er diesen hohen Ansprüchen genügen kann, ob sein Wille hart und ein Herz tapfer genug für diesen Einsatz ist. Der Fallschirmjäger muss wissen, dass es für ihn nie ein Zurück gibt, niemals ein Aufgeben der befohlenen Stellung. Er muss wissen, dass für ihn die Alte Parole gilt: „Die Garde stirbt, doch sie ergibt sich nicht“. Er muss bereit sein, weit über den Rahmen des Normalen zu leisten. Nur höchster Mut wird ihn hierzu befähigen. Aber auch schönster Ruhm wird ihm zu Teil werden. Wo immer ein Verband der Fallschirmjäger steht, steht er wie ein Fels in der Brandung, unerschütterlich und unbeugsam. Freund und Feind sieht mit höchster Achtung auf diese Truppe, der es vergönnt war, sich bisher so hohe Ehre und so hohen Ruhm zu erwerben.


    Wer sich zu dieser Waffe meldet, muss gewillt sein, dieser hohen Tradition alles zu opfern. Er muss auch bereit sein, stets und überall freudig sein Leben als höchstes Opfer für Führer und Volk hinzugeben. Der Fallschirmjäger kennt keine feindliche Übermacht. Er kennt keine Rücken- oder Flankenbedrohung, er muss sich unüberwindlich fühlen, gleichgültig, wie hart und schwer der Kampf um ihn tobt. Höchste Treue, tiefste Kameradschaft, unerschütterliche Pflichterfüllung und letzte Opferbereitschaft sind die Leitsterne jedes Fallschirmjägers.


    Mit dieser Parole ergeht mein Ruf an alle die Männer, die bereit sind, die geforderte Aufgabe zu erfüllen.


    Es lebe der Führer, das Deutsche Volk und unser herrliches Reich!


    Quelle: https://wwii.germandocsinrussi…e#page/1/mode/grid/zoom/1


    Mit lieben Grüßen

    Kirsten