Einsatz Pol.-Batl. 53 bei der ersten Deportation von Juden aus dem Reichsgebiet

  • Hallo zusammen,


    gestern war der 80. Jahrestag der Deportation von 6500 Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland in das Internierungslager Gurs am Fuße der Pyrenäen im nicht von Deutschen besetzten Gebiet Frankreichs (Vichy-Regierung).

    Es handelte sich dabei um die erste Deportation von Juden aus dem Reichsgebiet und war eine nicht von Berlin angeordnete Aktion der Gauleiter Wagner und Bürckel, die ihre Gaue "judenfrei" machen wollten.

    Die jüdischen Mitbürger mussten am frühen Morgen innerhalb von einer Stunde abmarschbereit sein und wurden mit Bussen zu den Zusteigebahnhöfen gebracht

    Die örtliche Schutzpolizei und Gendarmerie wirkte dabei mit.


    Bei einer Gedenkveranstaltung sah ich Bilder der Aktion in Ludwigshafen. Dabei waren auch Polizisten mit Stahlhelm zu sehen, welche der Referent als Angehörige des Pol.-Batl. 53 bezeichnete, die zu diesem Zeitpunkt in Metzt stationiert gewesen sein sollten.

    Mich hat gewundert, dass ein Pol.-Batl. aus einem anderen Wehrkreis in Ludwigshafen eingesetzt wurde, Ich hätte eher mit dem Pol.-Batl. 122 gerechnet, welches zu diesem Zeitpunkt auch in Lothringen eingesetzt war und zu einem erheblichen Teil aus Beamten der PV Ludwigshafen und PV Kaiserslautern (ebenfalls Zusteigebahnhof) bestand.


    Im Elsass muss diese Vertreibung bereits früher begonnen haben.


    Der Referent erwähnte das Pol.-Batl. 74, ohne dass ich den Zusammenhang nachvollziehen konnte. Das Augsburger Pol.-Batl. 74 war von Juni bis Oktober 1940 in Straßburg eingesetzt.

    Laut Munoz, zitiert bei Curilla, soll das Pol.-Btl. 74 und das Pol.-Batl. 54 bei der gewaltsamen Vertreibung von Juden und unerwünschten Franzosen aus dem Elsass im Juli 1940 beteiligt gewesen sei. Hingegen schreibt Arico, dass das Batl. 74 nicht beteiligt war.(Curilla: Die deutsche Ordnungspolizei im westlichen Europa 1940 - 1945, S. 365)


    Könnte der Referent das Pol.-Batl. 53 und das Pol.-Batl. 54 verwechselt haben?


    Dieses Thema der Beteiligung von Pol.-Batl. bei der frühen Vertreibung von Juden ist meines Wissens bisher wenig bekannt. Ich wäre dankbar für jede weitere Information..


    Beste Grüße

    Dieter

    Edited 2 times, last by frankpol ().

  • Hallo Dieter,


    wir reden also vom 22.10.1940.


    Zum Stand der Dinge aus dem Archiv von Roland Pfeiffer.


    Sämtliche drei Polizei-Bataillon waren zum besagten Zeitpunkt im Elsass stationiert.


    Einsatzorte:

    Pol.-Batl. 53 vom 01.07.1940 bis 00.05.1941 in Mühlhausen

    Pol.-Batl. 54 von Ende Juni bis 16.10.1940 (Auflösungsverfügung) in Strassburg

    Pol.-Batl. 74 vom 27.06. bis 01.11.1940 ebenfalls in Strassburg


    Laut Munoz wurden die Polizei-Bataillone 54 und 74 im Elsass neben Bewachungs- und Polizeiaufgaben zu Umsiedlungszwecken eingesetzt, was auch immer das genau heißen mag.

    (Quelle: Munoz, GOP, I, S. 177)


    Am 23.10.1940, also ein Tag nach der Deportation aus Ludwigshafen, schrieb ein Angehöriger des Pol.-Batl. 53 aus Baden-Baden an seine Eltern:

    “Liebe Eltern! 23.10.40

    Recht herzl. Dank für Eure Karte. Bin seit Montag auf Dienstfahrt noch bis Donnerstag. Euch recht herzl. Grüße. Hoffe, dass Ihr.... Mir geht es auch gut.


    Auf Wiedersehen Euer Hans"
    (Quelle: Feldpostkarte des Wm. d.R. Hans-Johann Büttner (?), Pol.Batl. 53, Mühlhausen, Datum der Karte sowie Poststempel v. 23.10.1940 aus Baden-Baden, eBay-Auktion)


    Interessant ist, dass Baden-Baden genau mittig der Straßenverbindung Ludwigshafen-Mühlhausen liegt. Eventuell ein Hinweis? :/


    Liebe Grüße
    Daniel

    "Weil die Menschen schwach sind. Weil Neid und Feigheit ihr Fluch sind. Weil sie von der Wahrheit träumen, um dann doch wieder zu lügen. So leben sie im ewigen Zwiespalt. Warum müssen die Menschen immer wieder zweifeln?" Judas Ischariot auf die Frage, warum Jesus von Nazareth von ihm verraten wurde.

  • Guten Tag ans Forum und an Dieter,


    das Polizei-Bataillon 53 vermag ich nicht mit Einsätzen in Frankreich in Verbindung zu bringen, sondern nur im Osten. Munoz/Curilla haben das Polizei-Bataillon 54 allgemein an Aktionen gegen Juden im Elsass 1940 teilnehmen lassen.


    Dieter, frag doch den Referenten woher er seine Erkenntnisse hat.


    Mit freundlichen Grüßen aus der derzeit stürmischen Normandie


    Peter


    P.S.: Daniel, Du warst mit Deinem Beitrag schneller als ich. Hätte ich eher davon gewusst, hätte ich meinen nicht geschrieben. Curilla erwähnt immerhin, dass Teile des Polizei-Bataillons 53 in Mühlhausen/Elsas stationiert gewesen sein sollen ("Polenbuch", S.586). Die anderen der "üblichen Verdächtigen" (einschließlich Tessin) haben dieses Teil-Gastspiel offensichtlich unerwähnt gelassen.

    (PH)

    Edited 2 times, last by Danuser ().

  • Hallo Daniel und Peter,


    herzlichen Dank für Eure Beiträge.

    Interessant ist die FP-Karte "bin auf Dienstfahrt". Den Referenten habe ich nach seinem Vortrag nach der Quelle befragt und er hat mir eine Kopie zugesagt. Vielleicht wissen wir dann mehr darüber.

    Die Mitwirkung der Pol.-Batl. bei Judenaktionen zu diesem frühen Zeitpunkt im Westen bleibt jedoch noch zu vertiefen. Insoweit würde ich mich über weitere Beiträge freuen.


    Herzliche Grüße

    Dieter

  • Guten Tag ans Forum,


    speziell in Frankreich gab es nach dem Waffenstillstand vom 22.06.1940 in Bezug auf die Ordnungspolizei keine einheitliche Situation:


    • Drei Départements in Ostfrankreich wurden als Elsass-Lothringen unter deutsche Zivilverwaltung gestellt, d.h. dieses Gebiet wurde faktisch annektiert und ins Reich eingegliedert, so dass dort polizeilich gesehen quasi reichsdeutsche Verhältnisse herrschten.
    • Die Départements Pas-de-Calais und Nord standen unter deutscher Militärverwaltung des Militärbefehlshabers für Belgien und Nordfrankreich. Grundsätzlich gab es dort keine Ordnungspolizei.
    • Im Südosten Frankreichs hatten die Italiener eine kleine Zone annektiert und besaßen in Gebieten östlich der Rhone noch Kontrollrechte. Bis September 1943 lehnten die Italiener in ihren Gebieten eine Judenverfolgung ab.
    • Der französische Süden und Südosten war als Vichy-Frankreich bis November 1942 unbesetzt.
    • Der bisher nicht aufgelistete Rest von Frankreich, einschließlich der Bretagne und der Normandie, gehörten unmittelbar zur deutschen Militärverwaltung in Paris. Einen Befehlshaber der Ordnungspolizei gab es dort erst ab Mai 1942.

    Judenverfolgung im Westen 1940 unter Beteiligung der Ordnungspolizei ist differenziert zu betrachten, alleine was Frankreich betrifft. Im Elsass konnte sich die Ordnungspolizei 1940 an Maßnahmen gegen Juden ohne Weiteres beteiligen, in anderen Teilen Frankreichs sah es 1940 anders aus.


    Mit freundlichen Grüßen aus der Normandie


    Peter

    (PH)

  • Hallo Peter,

    das Polizei-Bataillon 53 vermag ich nicht mit Einsätzen in Frankreich in Verbindung zu bringen, sondern nur im Osten. Munoz/Curilla haben das Polizei-Bataillon 54 allgemein an Aktionen gegen Juden im Elsass 1940 teilnehmen lassen.

    Hierzu die Angaben des Wachtmeister Bauer, 2./Pol.Batl.53

    Bauer, Heinrich.jpg


    Gruß Frank

  • Hallo Daniel und Peter,

    sowie alle übrigen an diesem Thema Interessierten,


    als Quelle hatte der Referent angegeben: Kurt Düwell, Die Rheingebiete in der Judenpolitik des Nationalsozialismus vor 1942, Bonn 1968.

    Darin fand sich auf S. 256:

    "Über die zwei Tage darauf geschehene Festnahme der elsässischen Juden vermerkte der Lagebericht des Höheren SS - und Polizeiführers im Wehrkreis V am 25. Oktober lediglich:

    "Auf polizeilichem Gebiet gelangte am 22. und 23. Oktober eine Sonderaktion zur Durchführung, an welcher die Polizeibataillone 53 und 74 mit Fahrzeugen und Kommandos beteiligt waren."

    Parallel zu diesen Vorgängen in Elsaß-Lothringen wurden gleichzeitig in der Saarpfalz und Baden die gleichen Maßnahmen in einem noch größeren Umfang gegen die dortige jüdische Bevölkerung ergriffen."


    Das von dem Referenten bei seinem Vortrag erwähnte Pol.-Batl. 53 aus Metz, welches in Ludwigshafen zum Einsatz gekommen sein soll, konnte ich in den Kopien aus dem o.a. Buch nicht finden. Allerdings ging es dabei in erster Linie um den Einsatz im Elsass.


    Ich schließe aber nicht völlig aus, dass Kräfte dieses Batl. auch in Ludwigshafen die dortige Schutzpolizei unterstützten. Dass es sich dabei um das Gebiet eines anderen Wehrkreises und damit HSSPF handelte, muss nach meiner Auffassung nicht entgegenstehen, denn auch das im Elsass eingesetzte Batl. 74 kam ja aus einem anderen Wehrkreis.

    Vielleicht spielte eine Rolle, dass von Straßburg aus Ludwigshafen viel näher lag als von Metz.


    Aber das sind halt alles Vermutungen. Auf meine entsprechenden Hinweise an den Referenten meinte er: "Da muss halt noch weiter geforscht werden".


    Fakt ist:

    In Ludwigshafen waren Kräfte eines Pol.-Batl. eingesetzt, wie es ein Foto belegt.

    Die Pol.-Batl. 53 und 74 waren im Elsass bei Umsiedlungen/Deportationen am gleichen Tag eingesetzt, wie die Aktionen im benachbarten Baden und der Saarpfalz.

    Das Pol.-Batl. 53 war nie in Metz stationiert.


    Ich bin gespannt, ob zu diesem Thema noch neue Informationen gefunden werden.


    Es grüßt Euch

    Dieter