"Läuse" Plage an der Front?

  • Hallo Freunde,

    Für Soldaten von der Ostfront war bis zu den Endkämpfen 1945 eine Entlausung zwingend. Hierfür waren an den Eisenbahnknotenpunkten bes. Entlausungsanstalten eingereichtet. Ich habe z.B. die Entlausungsanstalt Wirrballen (Einreisen aus dem Nordabschnitt) und Bialystok (Einreisen aus dem Mittelabschnitt) erlebt. Diese Anstaltend waren in der Regel mit sogen. Durchgangsstationen verbunden. Diese Durchgangsstationen waren räumlich getrennt nach Durchgangsstation Front-Heimat und "Durchgangsstation "Heimat - Front, wobei die Entlausung in der Durchgangsstation "Front - Heimat" war.Diese Durchgangsstation blieb mir eindringlich im Gedächtnis haften. Bei der Urlaubsrückkehr im Sommer 1944 in der Durchgangsstation "Heimat - Front" musste ich auf den Zug zur Weiterfahrt warten und döste ein. Als ich aufwachte, fehlte mein neben mir auf dem Rucksack liegender Karabiner 98 K, ein Malör, das mir damals große Kopfschmerzen auf der ganzen Weiterfahrt bereitete. Noch Heute bin ich sehr schuldbewusst, wenn ich an diesen Vorfall denke, denn nach Landsermanier habe ich mir vor meiner Ankunft eine Knarre "organisiert".

    Als die Front 1944 an die Deutsche Reichsgrenze kam, gab es von der Ostfront kaum noch Entlausungen. Im Okt. 1944 bekam ich aus der Stellung bei Treuburg 10 Tage Sonderurlaub. Auf der ganzen Strecke von dort über Berlin bis ins Saarland sass ich in dem eng- und vollbesetzten Zug und es quälten mich die Läuse. Das Erste zu Hause war das Auskochen aller meiner Klamotten im Waschkessel.

    Herzliche Grüsse und eine gute Woche

    Ferdi

    Ferdi

  • Hallo Freunde, die Ungezieferplage in Russland konnte uns fast zur Verzweifelung treiben. Neben den Läusen waren die Wanzen in den Bunkern oder Häusern sehr plagend.

    Hallo Ferdi!


    Vielen Dank für Deine Schilderungen und dafür, dass Du uns immer wieder mit zurücknimmst in diese Zeit!


    Mein Opa - er war Jahrgang 1924 und ist vor sechs Jahren gestorben - hat die Situation mit den Läusen auch immer wieder beschrieben. Die Viecher seien unerträglich gewesen, hat er von seinem Alltag im Schützenloch berichtet. Er war eigentlich bei den Pionieren, musste aber regelmäßig über lange Wochen hinweg in vorderster Linie Dienst tun, wenn an der Front wieder einmal Löcher zu stopfen waren.


    Die Läuse seien ihnen den Rücken hinaufgekrabbelt und hätten sie schlimm gepiesackt. Das Jucken sei so lästig gewesen, dass er sich einmal beide Beine aufgekratzt habe. Weil die Verletzungen so schlimm gewesen seien, sei er für einige Tage hinter die Front gekommen.


    Als er in russische Gefangenschaft kam, nahmen es die Bewacher nach seinen Erzählungen mit der Hygiene extrem genau. Mindestens einmal am Tag, manchmal sogar ein zweites Mal, mussten die Männer zum Duschen. Ihre Kleidung sei in Kesseln entlaust worden. "Die hatten immer große Angst, dass sich unter uns Läuse ausbreiten", hat er einmal gesagt.


    Zum Schutz vor dem Ungeziefer hatten die Männer im Gefangenenlager bis 1948 nach seinen Worten eine Vollglatze zu tragen. Erst später sei es erlaubt gewesen, die Haare wachsen zu lassen.


    Und weil Du die Wanzen angesprochen hast - auch da ist mir noch eine Geschichte eingefallen... Die Insekten seien im Lager die größte Plage gewesen. Die Holzwände und Balken waren voll von den Flecken der Tiere, die die Gefangenen zerdrückten oder zerschlugen. Mein Opa hatte am rechten Arm eine Kreuznarbe, die auf einen nächtlichen Wanzenstich zurückging. An der Stelle entstand eine derart üble Entzündung, dass die eiternde Stelle aufgeschnitten werden musste.


    Viele Grüße!


    Frank/Evergreen


    PS: Ein interessantes Thema hast Du da gestartet, Markus. :thumbup:

  • Schönen guten Abend aus Österreich,

    als ich anfangs diesen Beitrag gestartet hatte, dachte ich nicht soviel Resonanz und Interesse dafür zu erzeugen.

    Meine Neugier begründete sich ja aus dem Tagebuch des Franz Beer. Derartige Berichte wie sie auch von unserem geschätzten Forenmitglied Ferdi sehr ausgiebig wiedergegeben wurden, notierte Franz Beer gefühlt jeden 2-3 Tag in seinen Tagebuchaufzeichnungen.

    Bis dato konnte ich mir gar nicht vorstellen, was es tatsächlich bedeutet haben musste von diesen "Viechern" geplagt zu werden.

    Wie schon zuvor erwähnt auch , dies alles noch zusätzlich zu dem "Wahnsinn des Gefechtsalltags". Es ist schon wirklich krass, was der Soldat in solchen Ausnahmesituationen ertragen musste. Nun ist mein Wissen um eine Facette reicher geworden. Danke euch vielmals.


    Grüße

    Markus


    PS:Frank, bitte gerne.

    Grüße aus Österreich,

    Markus


    Themen: Zerstörergeschwader 76 Ende 1943 bis Anfang 1944 , Grenadier Regiment 486 (bis zur Auflösung 1943), 262.ID

    Kampfgeschwader 76 und GR 173.

    Für Informationen darüber bin ich immer dankbar.

  • Hallo Marcus,


    ich bin kein Moderator, nur Schreiberling im FdW, aber ich möchte Dir ein Kompliment machen: Du gehörst zu den Leuten, die sich auch für die Mühe anderer FdW´ler bedanken.


    Gruß Karl

  • Hallo Marcus,


    ich bin kein Moderator, nur Schreiberling im FdW, aber ich möchte Dir ein Kompliment machen: Du gehörst zu den Leuten, die sich auch für die Mühe anderer FdW´ler bedanken.


    Gruß Karl

    Servus Karl,

    dass ich für mich selbstverständlich, zumal ich mich hier in diesem Forum unglaublich gut aufgehoben fühle.

    Hier ist die Kompetenz und das Feingefühl für die Sache sensationell.


    Dank diesem Forum und natürlich dessen Mitglieder, konnte ich auch das Schicksal des Großvaters meiner Frau aufklären, dafür kann man nicht genug danken. Aber auch viele andere Recherchen wurden stets sachlich analysiert und ich hatte immer weiterführende Informationen bekommen.


    Ich helfe auch gerne jedem, dem ich helfen kann, soweit es für mich machbar ist.

    Ich bin sehr nachdenklich geworden, je weiter ich mich in dem Thema vertiefe. Je weiter man einzelne Schicksale erforscht, desto mehr wird mir klar, welch unglaubliches Glück ich hatte in einer Zeit des Wohlstandes und Sicherheit groß geworden zu sein.

    Es rührt mich dann fast zu Tränen, wenn man dann noch von Zeitzeugen Informationen aus "1.Hand" lesen darf.


    Grüße aus Molln,

    Markus

    Grüße aus Österreich,

    Markus


    Themen: Zerstörergeschwader 76 Ende 1943 bis Anfang 1944 , Grenadier Regiment 486 (bis zur Auflösung 1943), 262.ID

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    Für Informationen darüber bin ich immer dankbar.

  • Hallo,


    das Naheliegende findet man meist zuletzt:


    Eisenbahn-Entseuchungs-Züge - Diskussion, Hinweise etc.


    Sollte man in diesem Zusammenhang zum Thema unbedingt lesen. Vor allem die dort verlinkte Dissertation:


    "Fleckfieberforschung im Deutschen Reich 1914 - 1945.
    Untersuchungen zur Beziehung zwischen
    Wissenschaft, Industrie und Politik
    unter besonderer Berücksichtigung der IG Farben"


    Hier eine K.St.N. der Entseuchungseinheit des OKH:


    https://www.wwiidaybyday.com/kstn/kstn13071mai42.htm


    Gruß Karl

    Edited 2 times, last by Karl Grohmann: Nachtrag um neuen Beitrag einzusparen! ().

  • Moin zusammen,


    mein Vater hat nicht viel von seiner Dienstzeit erzählt, aber an ein paar Geschichten kann ich mich noch erinnern.

    Zu Beginn des Russlandfeldzuges fuhr er als Fahrer vom Bock Infanteriemunition hinter der kämpfenden Truppe her. In Ruhepausen hat er sich grundsätzlich in eine Pferdedecke eingewickelt. Scheinbar mochte das Ungeziefer den Geruch von Pferdeschweiß nicht. Das Übernachten/Schlafen in russischen Häusern hat er wann immer möglich vermieden. Lieber hat er im Stall bei seinen Pferden gepennt. Das wohl aus gutem Grunde, denn kaum war er bei der kämpfenden Truppe hat ihn das Ungeziefer erwischt und er bekam Fleckfieber.


    Gruß

    Wolfgang

  • Servus Wolfgang,

    deine Überlieferungen decken sich auch mit ein paar Büchern, welche in letzter Zeit gelesen habe oder noch lese.

    In der Gesamtbetrachtung der Soldaten an der Ostfronergibt sich für mich ein Bild von ausgehungerten, ausgemergelten, verwahrlosten, kranken und tlw. desillusionierten Soldaten. Im Buch "mir selber seltsam fremd" bekommt man guten Eindruck davon. Selbst wenn man es je nicht zu 100% authentisch sehen möchte, reicht schon ein Teil davon aus. Auch hier ist das Thema Läuse ein ständiger Begleiter im Alltag.


    Unglaublich was der menschliche Körper in Ausnahmesituationen zu ertragen vermochte.


    einen schönen Abend aus Österreich,

    Markus

    Grüße aus Österreich,

    Markus


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  • In der Gesamtbetrachtung der Soldaten an der Ostfronergibt sich für mich ein Bild von ausgehungerten, ausgemergelten, verwahrlosten, kranken und tlw. desillusionierten Soldaten.

    Guten Abend Markus!


    Das mag für bestimmte Einheiten, Frontabschnitte und Kriegsschauplätze "im Osten" gegolten haben. Aber ich meine, ganz so pauschal lässt sich das in einer "Gesamtbetrachtung" nicht bilanzieren. Natürlich war der Hunger immer wieder ein schlimmer Begleiter an der Front - und auch mein Großvater hat beispielsweise davon berichtet, dass in seiner Einheit in der größten Hungersnot Pferde geschlachtet werden mussten.


    Aber in meinen Augen und nach allem, was ich gelesen habe, hing das ganz stark auch vom Kriegsverlauf, Zeitpunkten, bestimmten Gegenden mit schwierigen (abgeschnittenen) Versorgungswegen oder militärischen Lagen wie Einkesselungen ab. Da hat es manche Armeen/Divisionen/Einheiten schlimmer getroffen als andere - das extremste, am meisten in der Erinnerung haftende Beispiel ist hier sicherlich Stalingrad.


    Wäre die Masse der deutschen Truppen an der Ostfront "ausgehungert, ausgemergelt, verwahrlost und krank" gewesen, hätte der Krieg in dieser Form dort nicht vier Jahre dauern können, behaupte ich. Dann hätte den meisten Soldaten schlichtweg die körperliche Kraft für diese Strapazen und "den Kampf" gefehlt.


    Ich möchte keinesfalls sagen, dass sich dort nicht immer wieder schlimmste Dinge zugetragen und im Kampf gegen den Hungertod nicht unvorstellbare Tragödien abgespielt haben. Und Deine Schilderungen (sowie die aus den zitierten Büchern) treffen mit Sicherheit auf bestimmte Einheiten zu. Aber eine "Gesamtschau" sieht sicherlich anders aus.


    Interessant fand ich - natürlich, es ist auch nur eine "Einzelgeschichte" und ebenfalls keine Gesamtbetrachtung! -, was mir mein Großvater gerne aus den letzten Kriegswochen berichtet hat, als er in einem der letzten Kessel an der Ostsee bei Danzig kämpfte und eingeschlossen war. Die Truppe, erzählte er, habe sich dort nach wie vor selbst versorgt - und die Versorgungslage selbst sei trotz der ausweglosen militärischen Lage ziemlich passabel gewesen.


    Echten, quälenden Hunger hatte er auf dem chaotischen Rückzug 1944 durch Jugoslawien erlebt, als sich seine Kameraden und er tagelang nur von Weintrauben ernährten, die sie in Weinbergen am Wegrand pflückten - und später dann in russischer Gefangenschaft. Dort seien der Hunger und "Essensträume" oft das alles bestimmende, das einzige Gesprächsthema gewesen...


    Viele Grüße!


    Frank/Evergreen

    Edited once, last by Evergreen ().

  • Servus Frank,

    du hast bestimmt Recht in der Annahme, dass es vom Zeitpunkt, Ort des Geschehens etc. abhängig war.

    Nachdem ich eher in den Jahren 43/44 an der Ostfront nachforschend tätig bin, wird es wohl für diesen Zeitraum und Abschnitt gut zutreffend sein.

    Der Vorstoß war beendet, die Wehrmacht auf dem Rückzug. Dass hierbei die Versorgung zusammenbricht oder sich verschlechtert ist nachvollziehbar.


    Was mich, abseits des des Ausgangsthemas, ein wenig gewundert hat, ist die Überlieferung des Soldaten Willy Peter Reese, dass es beispielsweise dramatisch schon 1942 an Winterausrüstung mangelte. Das war ja noch vor dem Fall von Stalingrad, Orel etc. Dies dürfte die Einsatzfähigkeit doch erheblich reduziert haben. Auch in anderen Büchern ist davon zu lesen. Eventuell ein "wenig überzogen" auch in den Nachkriegsjahren niedergeschrieben.

    Oder interpretiert man es, da selten die positiven Fakten kein beachten wurden.


    Aber wie die ja anmerkst, durchaus nicht allgemein gültig vermutlich.


    Grüße Markus

    Grüße aus Österreich,

    Markus


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    Kampfgeschwader 76 und GR 173.

    Für Informationen darüber bin ich immer dankbar.

  • Was mich, abseits des des Ausgangsthemas, ein wenig gewundert hat, ist die Überlieferung des Soldaten Willy Peter Reese, dass es beispielsweise dramatisch schon 1942 an Winterausrüstung mangelte. Das war ja noch vor dem Fall von Stalingrad, Orel etc. Dies dürfte die Einsatzfähigkeit doch erheblich reduziert haben. Auch in anderen Büchern ist davon zu lesen. Eventuell ein "wenig überzogen" auch in den Nachkriegsjahren niedergeschrieben.

    Hallo Markus!


    Da ist sicher nichts überzogen dargestellt worden. Dass es im Kriegswinter 1941/42 an passender Ausrüstung fehlte, ist eine der bekanntesten "Begleiterscheinungen" des Überfalls auf die Sowjetunion. Dazu gibt es Unmengen an Artikeln und Abhandlungen.


    Die deutsche Führung war - verwöhnt von den Erfolgen der "Blitzkriege" - einfach so dilettantisch in ihren Plänen und so "berauscht", dass sie glaubte, dieser Feldzug sei im Herbst vorüber. Ein Irrtum, den zehntausende Soldaten mit schlimmsten Erfrierungen oder dem Kältetod bezahlten. In dieser Phase starben mehr Soldaten an der eisigen Kälte als an Kampfhandlungen.


    Viele Grüße!


    Frank/Evergreen

  • Hallo,


    ich schließe mich der Meinung von Frank an.

    Die Versorgung der Truppe mit Lebensmittel bzw. die Ernährung - auch im Osten - war üblicherweise ausreichend und gesichert.* Schwierige Lagen gab es natürlich öfter. Das bei den Strapazen und dem Kampf ums Überleben die Soldaten schlank, hager und nicht wohlgenährt aussahen hängt bedingte auch die ständige körperlichen Belastung ( Märsche, Stellungsbau, wenig oder gar keinen Schlaf usw.), nicht zuletzt der Befall von Ungeziefer, dem Leben und Sterben auf und in der Erde, die zu verarbeitenden Geschehnisse ( Auch Greuel) und der Sorge um die Angehörigen oder die Familie in der Heimat ( Bombenkrieg) zusammen. Nicht zuletzt in den späteren Kriegsjahren: Was wird aus mir/uns/meiner Angehörigen werden?

    Man muss sich auch in die damalige, andere Zeit hineindenken. In der einfachen und auch mittleren Bevölkerungsschicht gab es nur sonntags max. 2 x die Woche Fleisch.

    Die Moral der Truppe war immer und überall und bei allen Soldaten aller Staaten von der Versorgung und der Feldpost ab. Allerdings war der Soldat der Roten Armee - schon von Haus aus - sehr genügsam.


    * Es gibt darüber Aufzeichnungen hinsichtlich der tägl. auszugebenden Mengen an Lebensmitteln ( Kalorienbedarf) und der seltenen, aber - wenn möglich - Marketenderwaren, die zu erreichen immer versucht wurde.

    Auch ist zu erwähnen, dass Offiziere grundsätzlich dieselbe Kost bekamen. Natürlich gab es auch bei einigen strafbare Auswüchse oder aus der vermögenden Familie eben mehr Feldpostpakete. Ein Feldkoch war schlecht beraten zu bescheißen. Da verstand der Soldat keinen Spaß, das wussten die ebenso wie die Bäcker. Dass eine genaue Überwachung bis zur letzten Minute stattfand bezeugen die beim Rückzug vernichteten vollen Depots.


    Gruß Karl

  • Guten Abend Karl!


    Vielen Dank für Deine Einschätzungen zum Thema!

    * Es gibt darüber Aufzeichnungen hinsichtlich der tägl. auszugebenden Mengen an Lebensmitteln ( Kalorienbedarf) und der seltenen, aber - wenn möglich - Marketenderwaren, die zu erreichen immer versucht wurde.

    Als ich das gelesen habe, ist mir eine weitere "Episode" in den Sinn gekommen, von der mein Opa berichtet hatte. Er hat davon gesprochen, dass es bei der Versorgung an der Front immer wieder zu logistischen Problemen kam. Marketenderware traf nach seinen Erzählungen häufig genau dann ein, wenn Waffen oder Munition wesentlich dringender benötigt worden wären.

    Natürlich gab es auch bei einigen strafbare Auswüchse

    Und auch dazu hatte er eine "Anekdote" parat. Du beziehst dich zwar konkret auf die Essenszuteilung, aber im weitesten Sinne passt es vielleicht trotzdem hierher. Zeitweise, erzählte mein Großvater, sei bei der Verteilung der Marketenderware in seiner Kompanie nicht alles mit rechten Dingen zugegangen. Verpflegungsoffizier und Spieß seien miteinander verwandt gewesen - die Kameraden hätten damals von "Vetternwirtschaft" gesprochen.


    Damit sind wir zwar ein wenig vom Ausgangsthema, der "Läuseplage an der Front", abgekommen, aber letztlich dockt der Bereich "Verpflegung" doch ganz eng am "Leben vorne im Dreck" an.


    Viele Grüße!


    Frank/Evergreen

  • Hallo, lieber Karl,


    ich würde gerne Deine Aussage:


    „Allerdings war der Soldat der Roten Armee - schon von Haus aus - sehr genügsam.


    diskutieren wollen. Diese und ähnliche Aussagen fand ich immer wieder, in der Literatur, in Berichten und ich erinnere mich an solche Vorstellungen bei meinem Vater und seinen Kameraden.


    War es wirklich so? Oder nur ein wohlfeiles Klischee?
    Und wenn ja, auf welche Faktoren ist es zurück zu führen. Verbrauchte der Körper eines Rotarmisten weniger Kalorien. Die ironisch gemeinte Frage läßt sich auf viele physische Funktionen übertragen, aber wie sieht es im Mentalen aus, wie lässt sich Genügsamkeit messen?


    Nachtrag: Esel gelten als genügsam, aber ist die Aussage auf Menschen übertragbar? Vielleicht ist ja ein genügsamer Mensch ein Esel!


    Beste Grüße


    Paul


    G-W-G'

    Edited once, last by Paul Spohn ().

  • Lieber Paul,


    auf dein Veto habe ich schon gewartet.


    Nachtrag: Esel gelten als genügsam, aber ist die Aussage auf Menschen übertragbar? Vielleicht ist ja ein genügsamer Mensch ein Esel!

    Es kommt natürlich darauf an, welche Synonyme man für "genügsam" berücksichtigt.

    Genügsam leben kann bedeuten gesund zu leben und gewinnt bei immer mehr Menschen Zustimmung und bedingt eine einfachere Lebensweise. In Askese leben........kann für einen ( aus meiner Sicht nur gewissen) Zeitraum zur Gesundung für Körper und Geist beitragen.

    Ich selbst habe bei vielen meiner Aktivitäten sehr genügsam gelebt, da mein Rucksack eine größeres Gewicht nicht zuließ. Z. B. bei einer alleinigen Islanddurchquerung mit Zelt. Ich habe an 14 Tagen nur 5 Minuten Terrine, natürlich ausgepackt und klein zusammengepresst, gegessen. Diese Einfachheit oder besser freiwillige Genügsamkeit fördert die Denkweise und Lebenseinstellung ungemein. Auch habe ich Rußland selbst bereist und war in russischen Haushalten zu Gast. Doch ich will hier nicht weiter abschweifen.

    Wenn du mal zurückdenkst, dann war ich es, der hier die "existente" Feldküche in der RA ins Gespräch brachte um Unwissenheit zu beseitigen.

    Verbrauchte der Körper eines Rotarmisten weniger Kalorien.

    ........natürlich nicht, aber vielleicht ernährte sich der Rotarmist einfacher, ggf. gesünder?

    Auch der deutsche Soldat lernte sich einfacher zu ernähren oder zu hungern.

    Leider bin ich der russischen Sprache nicht mächtig, so dass ich hier keine russischen Feldküchengerichte der damaligen Zeit heranziehen kann.

    Lieber Paul, ich glaube diesmal hast Du Zusammenhänge hergestellt, die ich mir so nicht zu eigen machen möchte, selbst wenn ich die Ironie hierbei nicht zu kurz kommen lasse.


    Viele Grüße von Karl,

    der früher auch mal ab und zu genügsam gelebt hat ohne ein Esel zu sein.


    Nachtrag: Wladimir Wassiljewitsch Karpow schreibt, dass schon vor dem Krieg ein erheblicher Engpass in der Versorgung der sowjetischen Bevölkerung bestand. Dieser Umstand hat sich im Krieg erheblich verschärft.

  • Quote from paul spohn

    Verbrauchte der Körper eines Rotarmisten weniger Kalorien.?

    Hallo, ich erinnere mich, dass 1946 ein Monteur - im A4- Raketenbau Montania-Werk 2, Nordhausen- in der Sowjetischen Besatzungszone als "Schwerarbeiter "eingestuft wurde und Lebensmittelmarken in Umfang von 3000 Kalorien/Tag bekam.Meine Tagesration als Schüler bestand aus zwei Tellern Wasser-Suppe, hauptsächlich aus eingelegten Grünen Bohnen und Kartoffeln ohne Fett und zwei Scheiben Brot mit einem Löffel Melasse (Rübensirup). In der Schule gab es gelegentlich Schulspeisung aus Schweizer Milchpulver.

    Die Häftlinge im sowjetischen Sicherheitslager Buchenwald, dem ehemaligen KZ Buchenwald, bekamen vom Herbst 1945 bis Juli 1948 lediglich eine dünne Suppe. Sie mussten nicht arbeiten.

    Wieviele von den nachträglich ab 1990 ermittelten 7000 Toten 1945 bis 1948 verhungerten, ist nicht bekannt.

    Ein Häftling erzählte, dass Köche immer wieder, umringt von lauschenden Mitgefangenen, ihre reichhaltigsten Rezepturen ausschweifend beschreiben mussten.

    Die russischen Muschiks - unter den Korporal-Dienstgraden - sollen vor allem Kohlsuppe und Teigwaren bekommen haben.

    Gruss jostdieter

  • Lieber Karl,


    danke für die ausführliche Antwort. Ich will meinen Beitrag nicht weiter aufblähen, darum greife ich hier nur folgendes auf:

    Genügsam leben kann bedeuten gesund zu leben

    womit Du nachweislich richtig liegst, denn zwischen Kriegsbeginn und etwa 1950 gab es deutlich weniger kardiovaskulärer Erkrankungen. Mehr Bewegung und weniger Fett dürfte die Ursache gewesen sein. Leider wurde dies mit einer erschreckend hohen Zahl durch Krieg umgekommener Menschen erkauft.


    Aber lass uns wieder den Läusen unsere Aufmerksam schenken.


    Beste Grüße


    Paul


    G-W-G'

  • Hallo,


    ich verkürze mal auf einen Satz und lasse dabei das Kampfgeschehen außen vor.


    Die größten Herausforderungen, denen sich der Soldat an der Ostfront neben den Läusen gegenüber sah, war andauernd fehlender Schlaf und in der Kriegsgefangenschaft kam permanenter Kohldampf dazu.


    Nach meinem vor gut zehn Jahren verstorbenen Vater, zwei Jahre Frontsoldat und sechs Jahre sowjet. Kriegsgefangenschaft.


    Gruß


    Dieter