"Läuse" Plage an der Front?

  • Guten Morgen,

    ich hatte vor kurzem das Buch "Außer Protokoll - Im Krieg gegen Russland,Tagebuchaufzeichnungen des Landsers Franz Beer aus Mondsee aus den Jahren 1941 bis 1944" gelesen und da sind mit die unzähligen Tagebucheinträge aufgefallen, worin Franz Beer fast täglich von "Entlausen" spricht.

    Das ist mir so noch nicht aufgefallen, in diesem Forum laut Suchergebnis auch nicht thematisiert worden.

    Mich würde interessieren, ob dies eher ein Phänomen der Ostfront zu einer gewissen Zeit war, oder doch in allen Wehrmachtsteilen präsent war.


    Grüße

    Markus

    PS: das Buch ist interessant, gibt jedoch keinerlei Fakten her, welche hier in diesem Forum Thema sein könnten. Man merkt die ungewollte Zensur beim Schreiben an der Front.

    Franz Beer war auch Kraftfahrer und später Schreibgehilfe, dürfte also selten den Wahnsinn des Kriegsalltag im direkten Gefekt erfahren haben.

    Grüße aus Österreich,

    Markus


    Themen: Zerstörergeschwader 76 Ende 1943 bis Anfang 1944 , Grenadier Regiment 486 (bis zur Auflösung 1943)

  • Hallo Markus,


    die Läuseplage, namentlich die Kleiderlaus, war besonders bei den Fronttruppen im Osten eine durchgängige Erscheinung. Sie war ein sehr unangenehmer Begleiter der Soldaten. Die versuchten durch tägliches manuelles Auslesen (Entlausen) aus der Bekleidung, insbesondere der Nähte, der Plage Herr zu werden. Wirkliche Abhilfe brachte diese Methode nicht. Nur die Bekämpfung im großen Stil mit Hitze und Gift (die Entwesung) hinter der Front brachte Erleichterung, die jedoch nie dauerhaft war, weil die meisten "Unterkünfte" der Soldaten massiv verlaust waren.


    Schlimmste Begleiterscheinung war das Fleckfieber (Flecktyphus, Läusefieber, Kriegspest etc.) das häufig endemisch auftrat, mit oftmals wochenlangen Siechtum und hohen Sterblichkeitsraten.


    Die Ungezieferbekämpfung und Seuchenprophylaxe war eine der wichtigsten Aufgaben des medizinischen Personals.


    In fast allen persönlichen Berichten, Tagebüchern etc. der Frontsoldaten kommt das Thema in vielen Variationen vor, so wie es Dir jetzt auch aufgefallen ist.


    Die Thematik der Seuchenprophylaxe spielt auch als Begründungszusammenhang beim Betrieb und der Auflösung der Gefangenenlager und Gettos im Hinterland der Front eine wichtige Rolle. Die massenhafte Inhaftierung und Ermordung der Juden, Kriegsgefangenen etc. wurde u.a. gerne mit der Seuchengefahr begründet.


    Beste Grüße


    Paul


    G-W-G'

  • Servus Paul,

    danke für die ausführliche Erklärung. Ja genau im Buch stand oft "Fleckfieber". Das passt exakt zu deiner Auskunft.

    Scheint doch eine nicht zu geringe Plage gewesen zu sein. Wenn man die Bedingungen damals so betrachtet, dann kommt man schon ins grübeln.

    Im Buch ist neben der Läuseplage, permanent erwähnt, dass die Unterkünfte zum Teil völlig ungeeignet, nass und alles andere als erholsam waren.

    Oft erwähnt, auch Nahrungsmittelknappheit im Buch.


    Grüße

    Markus

    Grüße aus Österreich,

    Markus


    Themen: Zerstörergeschwader 76 Ende 1943 bis Anfang 1944 , Grenadier Regiment 486 (bis zur Auflösung 1943)

  • Hallo Markus,


    die Wehrmacht setzte im größeren Stil Lauseto zur imprägnieren der Kleidung

    gegen Läuse ein. (Enthielt 15% DDT)


    Gruß


    Reinhard

  • Servus Reinhard,

    Oha....hab mal kurz wiki gegoogelt:https://de.wikipedia.org/wiki/Dichlordiphenyltrichlorethan


    Zitat:

    Bei der Wehrmacht wurde Ende 1942 zur Läusebekämpfung das Präparat Lauseto der I.G. Farben eingeführt.


    Danke für den Hinweis,

    Markus

    Grüße aus Österreich,

    Markus


    Themen: Zerstörergeschwader 76 Ende 1943 bis Anfang 1944 , Grenadier Regiment 486 (bis zur Auflösung 1943)

  • Hallo Freunde,

    die Ungezieferplage in Russland konnte uns fast zur Verzweifelung treiben. Neben den Läusen waren die Wanzen in den Bunkern oder Häusern sehr plagend. Als Schreiber hatte ich bei Leningrad täglich bis Morgens 3 Uhr geschrieben, bevor ich zu Bette kam. Wegen der Wanzen konnte ich nicht auf meine Pritsche, sondern mein Stuhl, dessen 4 Beine in Bledhdosen mit Wasser standen und auf den ich das 4eckige Brett der Verdunkelung legte, diente mir als Lager. Täglich ging ich mit einer Lötlampe auf Jagd, denn die Biester sassen in allen Ritzen und Löchern. Später als Funker in der HKL lagen wir oft in einem einfachen Loch, besonders im Winter und wegen der Kälte lagen wir beide Funker immer eng beieinander. Die Tortour, wenn Läuse zu krabbeln anfingen, lässt sich kaum beschreiben. Man war todmüde und die Biester quälten und raubten den Schlaf. Mein letztes Hemd, das ursrünglich eine weisses seidenartiges Hemd (ein Soldatenhemd das Truppen in Afrike hatten) gewesen ist, hatte ich von Januar 1945 bis zu meiner Einlieferung in ein dänisches Lazarett im Mai 1945 am Leib und es war vom Blut der Läuse schwarz und nach der Entlausung nicht mehr zu gebrauchen.

    Das in den 40er Jahren in der Truppe verwendete Läusepulver, das in Wasser aufgelöst und worin die Hemden gewaschen wurden,

    färbte die Hemden gelb, vertrieb aber nicht die Läuse.

    Herzliche Sonntagsgrüsse

    Ferdi

    Ferdi

  • Servus Ferdi,

    unglaublich, was die Soldaten neben der Gefechtssituation noch alles ertragen mussten.

    Kaum vorstellbar. Im oben erwähnten Buch von Franz Beer wird oft auch ein "Loch" als mehr oder weniger Unterkunft erwähnt.

    Er schreibt auch, dass diese Regen "absoffen" und bei Schnee eben mit diesem zugeweht wurden. Im Winter dann noch bei heftigen Minusgraden,

    kann man dann sich kaum noch vorstellen.


    Nachtrag: wie ich deinem Profil entnehmen darf/kann sind dass deine persönlichen Erfahrungen?? Oh....jetzt bin ich so richtig überrascht!


    Ebenfalls herzliche Sonntag-Morgengrüße

    Markus

    Grüße aus Österreich,

    Markus


    Themen: Zerstörergeschwader 76 Ende 1943 bis Anfang 1944 , Grenadier Regiment 486 (bis zur Auflösung 1943)

  • Moin zusammen,


    eine Frage an Ferdi:


    Mein Großvater erzählte mir, dass er bei seinem Heimaturlaub von Mittelrussland in Volkovysk Station machte und vor der Weiterfahrt ins Deutsche Reich einer gründlichen Entlausung unterziehen musste. Dies war angeordnet und musste jeder Soldat, der aus Russland in Heimaturlaub fuhr, durchmachen. Kannst du dich persönlich auch an eine solche Entlausung erinnern ?


    Danke im voraus



    Walter

    Suche alles zu: Lw Bau Kp. 80/XI, Lw Bau Batl. 3/XI, Lw Bau Batl. 115/III (K)

  • Moin Walter,


    ohne der Antwort unseres geschätzten Ferdi vorgreifen zu wollen: mein Großvater war nach seiner Verwundung nicht mehr fronttauglich und wurde als Leiter einer Entlausungsstation für Soldaten, die in die Heimst zurückkehrten, eingesetzt.

    Ich weiß nicht, wie viele solcher Einrichtungen existierten, ich nehme aber an, dass sie im Zusammenhang mit Eisenbahnknotenpunkten lokalisiert waren. Vielleicht wissen unsere Eisenbahner im Forum darüber mehr.


    Viele Grüße,

    Justus

  • Moin Justus,


    danke für deine Antwort.


    Dass die Entlausungsstätten mit den Eisenbahnknotenpunkten übereinstimmten, kann ich mir gut vorstellen.

    Bin gespannt, ob die Eisenbahner hierzu mehr sagen können.


    Gruss


    Walter

    Suche alles zu: Lw Bau Kp. 80/XI, Lw Bau Batl. 3/XI, Lw Bau Batl. 115/III (K)

  • Moin Sascha,


    ich habe nicht gewusst, dass über die Entlausung eine Bescheinigung ausgestellt wurde. Weisst du vielleicht, ob das immer und überall bei der Heimreise von der Ostfront der Fall war, also Vorschrift ?


    Gruss


    Walter

    Suche alles zu: Lw Bau Kp. 80/XI, Lw Bau Batl. 3/XI, Lw Bau Batl. 115/III (K)

  • Hallo zusammen,


    in vielen Autobiographien von Ostfrontsoldaten ist zu lesen, dass sie vor der Einreise ins (erweiterte) Reichsgebiet an Bahnhöfen "zwingend" durch "Entlausungsanstalten" mussten. Über die erfolgreiche Heiß-Bedampfung von "Mann und Kleidung" wurde dann eine Bescheinung ausgestellt.

    Einige Soldaten beschreiben, dass dabei leider durchaus Kleidungsstücke einliegen, besonders "gerne" Reithosen mit Lederbesatz.


    Beste Grüsse

    Ingo

  • Hallo Karl,


    das von Dir erwähnte Biozid wurde unter dem Handelsnamen Zyklon-B in Ausschwitz benutzt um rd. eine Million Menschen zu ermorden.

    Aber ich bin mir sicher, Dir ist dies bekannt, aber hier von mir vorgetragen, für alle denen dies nicht bekannt ist.


    Beste Grüße


    Paul


    G-W-G'

  • Hallo Forum,


    damit wurden auch Schiffe der Kriegsmarine "entwest". Durch mangelnde Entlüftung kam es anschließend auch zu Vergiftungen

    der Besatzungen.


    Gruß

    Dieter

  • Hallo;


    angehaengt ist eine Referenz zum Befehl fuer Entlausung von Reisenden. Leider finde ich das Original Dokument nicht mehr, glaube aber dass es vom Deutsch-Russischen Projekt zur Digitalisierung Deutscher Dokumente, Findbuch OKH, Akte 543 stammt. (Es kann sein dass die Akte dort entfernt wurde da ich eben nur 542 und 544 gefunden habe).


    Gruesse


    Tom

  • Hallo Paul,


    Aber ich bin mir sicher, Dir ist dies bekannt,

    Nein, da das wusste ich nicht. Habe diese Informationslücke durch nachlesen im Internet gefüllt. Ich ging eher und auch berechtigterweise von einer Gasentwicklung/Forschung des I. WK aus.

    Dass "Zyklon B" zur Tötung von KZ- Insassen verwendet wurde, weiß ich natürlich, habe aber dies nicht unter dem o. a. Aspekt gesehen.


    http://www.wollheim-memorial.d…rns_wird_zum_mordwerkzeug


    Hallo,


    Es ist wie üblich: Mangel herrschte überall vor, denn es gab auch viel zu wenig mobile Entlausungsstationen, so dass sich Rotarmisten über die verlausten Landser wunderten.

    Quelle weiß ich nicht mehr genau, glaube es ist in Catherine Merridale: " Iwans Krieg".


    Gruß Karl

    Edited 2 times, last by Karl Grohmann: Nachforschung ().

  • Guten Abend,


    wie bereits vermutet, gab es an den Ausgangsbahnhöfen sogenannte Entseuchungszüge.

    Sie wurden in erster Linie an der Ostfront eingesetzt.

    Hier der Link.

    Gruß
    Gerd (der aus Bielefeld)