Diskussionsthread zum Besuchsbericht der Gedenkstätten Auschwitz

  • Ein Beispiel, wie schwierig für Viele immer noch der Umgang mit den Tätern von Auschwitz ist: https://www.geroldshausen.de/.

    Hallo Jockel!


    Vielen Dank, dass Du uns auf dieses Thema aufmerksam gemacht hast!


    Leider sind nicht alle der auf der Gemeindeseite verlinkten Artikel kostenfrei zu lesen. Vor allem der Kommentar aus der Main-Post hätte mich interessiert.


    Es ist sicher nur ein persönliches Urteil aus der Ferne (nachdem ich die Verlautbarungen auf der Gemeindeseite gelesen habe): Aber ich meine, die Kommune und der Gemeinderat beschäftigen sich sehr gut, offen und überlegt mit diesem Thema.


    Allerdings - und das ist bezeichnend und steht für den verdrängenden Umgang mit den dunklen Flecken der Geschichte in den Nachkriegsjahren - spricht es auch Bände, dass ein Name wie dieser dort so lange ,unbemerkt' auf einem solchen Stein stehen konnte.


    Aber: Besser 2021 aufgewacht, als noch 20 Jahre weitergeschlafen.


    Und zur Ehrenrettung der jüngeren Generationen muss vielleicht auch festgehalten werden, dass Eduard Wirth für viele irgendwann einfach nur irgendein ein Name unter vielen war. Letztlich interessieren sich auch für die anderen auf dem Kriegerdenkmal genannten ,Männer aus dem Dorf' (und das gilt ja nicht nur für Geroldshausen) seit Jahren, etwa am Volkstrauertag, immer weniger Menschen.


    Leider, leider gerät da sehr viel und immer mehr in Vergessenheit.


    Viele Grüße!


    Frank/Evergreen

  • Hallo Jockel & Frank,


    bevor ein Aufschrei des Entsetzens durchs Land geht, sollte man sich erst ernsthaft mit der Person auseinandersetzen.

    Denn Wirths war eine absolut streitbare Person und ist mit Mengele etc. nicht zu vergleichen, selbst wenn er über ihm stand.

    ...

    Es ist sicher nur ein persönliches Urteil aus der Ferne (nachdem ich die Verlautbarungen auf der Gemeindeseite gelesen habe): Aber ich meine, die Kommune und der Gemeinderat beschäftigen sich sehr gut, offen und überlegt mit diesem Thema.

    ...

    Sorry Frank, glaub ich nicht mal ansatzweise. Ich empfehle der Gemeindeverwaltung mal folgendes Buch: ;)

    Ulrich Völklein, Der Märchenprinz - Eduard Wirths: Vom Mitläufer zum Widerstand. Als SS-Arzt im Vernichtungslager Auschwitz


    Grüße

    Daniel

    "Weil die Menschen schwach sind. Weil Neid und Feigheit ihr Fluch sind. Weil sie von der Wahrheit träumen, um dann doch wieder zu lügen. So leben sie im ewigen Zwiespalt. Warum müssen die Menschen immer wieder zweifeln?" Judas Ischariot auf die Frage, warum Jesus von Nazareth von ihm verraten wurde.

  • Sorry Frank, glaub ich nicht mal ansatzweise.

    Guten Abend Daniel!


    Danke für Deine Rückmeldung und Deine Einschätzung!


    Meine Aussage zum Umgang der Gemeinde mit dem Thema bezog sich vor allem auf diese Passage, die ich auf der Homepage der Kommune gelesen hatte:


    ,Auch wurde beschlossen, dass der Umgang mit dem Kriegerdenkmal in ihrer Bedeutung die Möglichkeiten der Gemeinde übersteigt. Die Gemeinde sucht deshalb umgehend hierzu die Unterstützung geeigneter Personen oder Institutionen. Nach dieser Aufarbeitung entscheidet der Gemeinderat, in welcher Form die damalige Entscheidung revidiert wird.'


    Mein Eindruck - wie gesagt: aus der Ferne - war in diesem Zusammenhang tatsächlich, dass die Verantwortlichen hier nicht schnell-schnell irgendeinen Beschluss herbeiführen, sondern sich fundierter mit dem Thema und der Person auseinandersetzen wollen; wissenschaftlich begleitet, wie es scheint.


    Sehr ernsthaft also, wie Du es auch eingefordert hattest...

    Denn Wirths war eine absolut streitbare Person und ist mit Mengele etc. nicht zu vergleichen, selbst wenn er über ihm stand.

    Ich bin in dieser Materie nicht mal im Ansatz so drin wie Du, Daniel, und habe auch das von Dir zitierte Buch nicht gelesen. Ich kenne die eine oder andere Kurzzusammenfassung zu seiner Rolle in der NS-Zeit und im KZ in Auschwitz.


    Nach Aussagen von Überlebenden soll er nur ,widerwillig im Vernichtungsapparat' mitgewirkt haben, ja. Aber er war nach diesen Veröffentlichungen trotzdem tief in dieses System involviert und hat sich an entscheidender Stelle direkt ins Morden und grausame Versuche an Menschen eingebracht.


    Ein Name wie seiner kann und darf in meinen Augen niemals ,einfach so' auf einem Gedenkstein stehen. Hier braucht es Auseinandersetzung, Aufbereitung und Einordnung. Und die Art und Weise, wie das in Geroldshausen geschieht, finde ich verantwortungsvoll und überlegt. Bei dieser Aussage bleibe ich.


    Viele Grüße!


    Frank/Evergreen

  • Hallo Frank,


    ich glaube du kannst mein Beitrag gut einschätzen. Er sollte auch definitiv kein Angriff sein auf dich oder Jockel.


    Bin nur immer wieder erschrocken, nicht nur über die Taten der Nationalsozialisten, sondern auch über das Unwissen vieler Zeitgenossen, egal welcher politischen Gesinnung. Gerade zu Wirths selbst kann man das Rad nicht neu erfinden, denn es gibt bereits sehr viele Quellen zu ihm und das schon seit einigen Jahren. Das Buch von Völklein stammt aus dem Jahr 2006 und ist nur ein Beispiel. Was für eine Aufarbeitung will man anstreben, wenn zu Wirths schon alles geschrieben steht? Selbst die Familie hat sich schonungslos offen der Vergangenheit gestellt.


    Bevor man einen geschichtsträchtigen Namen (geschichtsträchtig = historisch bedeutsam und Wirths war bedeutsam, ob nun positiv oder negativ) entfernt, sollte man m.M. nach eher ein Hinweisschild zur Person anbringen etc., damit die Menschen lernen können. Es gibt doch diesbezüglich so viele Möglichkeiten. Man kann seiner Vergangenheit nicht entfliehen, in dem man alles tilgt, was einem nicht passt.


    Viele Grüße

    Daniel

    "Weil die Menschen schwach sind. Weil Neid und Feigheit ihr Fluch sind. Weil sie von der Wahrheit träumen, um dann doch wieder zu lügen. So leben sie im ewigen Zwiespalt. Warum müssen die Menschen immer wieder zweifeln?" Judas Ischariot auf die Frage, warum Jesus von Nazareth von ihm verraten wurde.

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  • Bin nur immer wieder erschrocken, nicht nur über die Taten der Nationalsozialisten, sondern auch über das Unwissen vieler Zeitgenossen, egal welcher politischen Gesinnung. Gerade zu Wirths selbst kann man das Rad nicht neu erfinden, denn es gibt bereits sehr viele Quellen zu ihm und das schon seit einigen Jahren. Das Buch von Völklein stammt aus dem Jahr 2006 und ist nur ein Beispiel. Was für eine Aufarbeitung will man anstreben, wenn zu Wirths schon alles geschrieben steht? Selbst die Familie hat sich schonungslos offen der Vergangenheit gestellt.

    Hallo zusammen,

    dem kann man nur zustimmen. Über Wirths ist alles erforscht. Die Grundlagen für eine Entscheidung sind alle vorhanden.

    Grüße Jockel

    Suche alles zu Bau-Pionier-Bataillon 257 ab Oktober 1944

  • Hallo Daniel,


    wenn Du das Buch von Ulrich Völklein "Der Märchenprinz - Eduard Wirths Vom Mitläufer zum Widerstand......" erwähnst, sollte aber auch auf die Rezension von Helgard Kramer (FU Berlin) aufmerksam gemacht werden, in der doch ein anderes Bild gezeichnet wird. Für mich stellt es sich wie folgt dar: Es kann sein, dass der Mediziner Eduard Wirths bei der Ausübung seines massenmörderischen Handwerks Skrupel hatte. Es mag auch sein, dass er innerhalb der Mordmaschinerie Auschwitz gelegentlich "menschliche Züge" zeigte. Fakt ist aber - und das zählt - er gehörte zu den SS-Ärzten, die Menschen direkt von der Eisenbahnrampe in Auschwitz-Birkenau, aus den Krankenbaracken oder bei Appellen direkt "ins Gas" schickten. In der Rezension wird auch an Äußerungen Wirths im Verhör durch einen britischen Geheimdienstoffizier erinnert, wonach er die Ermordung der jüdischen Menschen in den ankommenden Transporten als unter Kriegsbedingungen noch erträgliche Lösung bezeichnete.


    Viele Grüße


    Horst

  • Hallo zusammen,

    der Göttinger Historiker Dr. Stefan Hördler (gilt als Experte für NS-Verbrechen) zu Wirths:

    "Aus Sicht seiner Vorgesetzten muss Wirths eine "reibungslose" Arbeit in Auschwitz geleistet haben, sonst hätte man seine Auswechslung beantragt. Mit seinem Dienstantritt in Auschwitz zog die Kontinuität ein. Vorher gab es auf seinem Posten eine hohe Fluktuation. Überdies wurde Wirths in Auschwitz befördert. Er erreichte den Dienstrang eines Sturmbannführers, also Majors, und hatte damit 1944 einen höheren Dienstgrad als die Lagerkommandanten in Birkenau und Monowitz. Bis 1944 erhielt er unter anderem das Kriegsverdienstkreuz II. und I. Klasse mit Schwertern. Diese Auszeichnungen wurden im KZ-System sehr häufig für die Beteiligung an Massentötungen verliehen. Vor diesem Hintergrund darf nicht vergessen werden, dass Mitte 1943 die großen Gaskammern und Krematorien in Auschwitz-Birkenau fertig gestellt wurden. Wichtig für die SS war im September 1944 die Fertigstellung des SS-Lazaretts in Birkenau. Seine Auszeichnung ist also im Zusammenhang mit dieser Mordaktion und seinem Engagement für das SS-Personal und deren medizinische Versorgung zu sehen.

    Zwischen 1942 und 1945 sind in Auschwitz Hunderttausende unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet worden. Allein zwischen Mai und Juli 1944 waren es über 325 000 Menschen - und der leitende SS-Arzt, dem jeder Lagerarzt auf der Rampe unterstellt war, war Wirths. Er blieb ohne Auswechselung bis zur Räumung des Lagers, kein anderer SS-Arzt versah länger Dienst in Auschwitz als er."

    Grüße

    Jockel

    Suche alles zu Bau-Pionier-Bataillon 257 ab Oktober 1944

  • Hallo Horst & Jockel,


    ich bezeichnete Wirths weiter oben bereits als "absolut streitbare Person". Daher passt die Rezension von Helgard Kramer ganz gut ins Gesamtbild. Trotzdem empfehle ich bei Interesse weiterhin zuerst das Buch/die Bücher zulesen und dann/anschließend die Rezension/Rezensionen. Am sinnvollsten wäre hier zuerst mit Konrad Bleischl, Dr. med. Eduard Wirths und seine Tätigkeit als SS-Standortarzt im KL Auschwitz (2005) anzufangen und dann Völklein, Märchenprinz (2006), zu lesen. Beide Autoren bedienten sich ja neu zugänglicher Quellen, die z.B. dem in der Rezension gelobten Robert Jay Lifton 1988 noch nicht vorlagen.


    Die Person Eduard Wirths passt m.M. nach weiterhin in keine Schublade, sie ist dafür viel zu ambivalent. Auf der einen Seite SS-Standortarzt und an medizinischen Verbrechen und der Selektion etc. beteilitgt, auf der anderen Seite rettete er nach Berechnungen der ehemaligen Häftlinge Langbein und Lill bis Ende 1943 etwa 93.000 Menschen das Leben. Wenn man beide Bücher und die dazugehörigen Rezensionen gelesen hat, wird man feststellen, dass das nur schwer zusammenpasst. Ein abschließendes Urteil, wenn überhaupt möglich, soll sich jeder selbst bilden.


    Beste Grüße

    Daniel

    "Weil die Menschen schwach sind. Weil Neid und Feigheit ihr Fluch sind. Weil sie von der Wahrheit träumen, um dann doch wieder zu lügen. So leben sie im ewigen Zwiespalt. Warum müssen die Menschen immer wieder zweifeln?" Judas Ischariot auf die Frage, warum Jesus von Nazareth von ihm verraten wurde.

  • Hallo zusammen,

    Justus hat in seinem Bericht eine exemplarische Tat des Hauptscharführers Gerhard Palitzsch beschrieben. Diese Grausamkeiten sind schon beim Lesen kaum zu ertragen.

    Rudolf Höß sagte über Palitzsch: "Die gerissenste und verschlagenste Kreatur, die ich kennengelernt und erlebt habe".
    SS-Unterscharführer Johann Becker hat berichtet: "Ich erinnere mich, daß ich einmal mit einem meiner Kapos im Schlachthaus war. Zufällig kam auch Palitzsch herein. Er beanstandete, daß die Kühe von den Häftlingen in zu roher Weise geschlachtet würden. Daraufhin sagte mein Kapo zu mir, wenn er das höre, werde ihm schlecht, weil Palitzsch gerade von einer Erschießungsaktion komme."

    Grüße

    Jockel

    Suche alles zu Bau-Pionier-Bataillon 257 ab Oktober 1944

  • ich glaube du kannst mein Beitrag gut einschätzen. Er sollte auch definitiv kein Angriff sein auf dich oder Jockel.

    Hallo Daniel!


    Ja, das kann ich. Alles gut! Ich habe Deine Zeilen nicht einmal im Ansatz als Angriff erlebt.

    Was für eine Aufarbeitung will man anstreben, wenn zu Wirths schon alles geschrieben steht?

    Vielleicht genau die, die Du auch ins Gespräch bringst, wenn Du dafür plädierst, an dem Gedenkstein eine Hinweistafel auf Eduard Wirth anzubringen, die seine Geschichte erklärt.


    Ich sehe es in diesem speziellen Fall wie Du: Es braucht nicht immer den radikalen Schnitt, der bei anderen Beispielen sofort angebracht wäre. Der Name stand dort viel zu lange unkommentiert und ohne Bewertung. Die Person Wirth - das verdeutlichen Eure Beiträge (danke auch an Jockel und Horst!) - hat mehrere Facetten, die es nicht leicht machen, ihn eindeutig zu bewerten in seiner Rolle und Zerrissenheit.


    Dass alles über den Mann geschrieben wurde, dass er erforscht ist, wie Du und Jockel ins Feld führen, das mag sein. Aber Eure/unsere Diskussion macht in meinen Augen auch klar, warum die Kommune und der Gemeinderat diesen Weg gehen.

    Die Person Eduard Wirths passt m.M. nach weiterhin in keine Schublade, sie ist dafür viel zu ambivalent. (...) Ein abschließendes Urteil, wenn überhaupt möglich, soll sich jeder selbst bilden.

    Genau das haben die Verantwortlichen in Geroldshausen vor, wenn ich es recht interpretiere. Der Prozess - auch der, sich wissenschaftlich unterstützen zu lassen - scheint ergebnisoffen zu sein. Die Gemeinderäte haben klar artikuliert, wie sie zur Erinnerungs- und Mahnkultur stehen und für wie verharmlosend sie die bisherige Inschrift auf dem Kriegerdenkmal halten. Dass der Name einfach getilgt werden soll, das lese ich auf der Gemeindeseite nicht heraus.


    Wirths Name war auf dem Gedenkstein für eine halbe Ewigkeit verankert, er stand dort jahrzehntelang (aus der üblichen Verdrängung der Nachkriegszeit heraus) als ,normaler Gefallener' unter vielen anderen. Zu seinem Gedenken haben sich am Volkstrauertag Fahnen gesenkt, ist das Lied vom ,Guten Kameraden' intoniert worden. Das ist und war in dieser Form ein Unding. Er war kein guter Kamerad, er war - die ,Auseinandersetzung' hier verdeutlicht es seit gestern - höchst ambivalent und hatte eine ganz, ganz dunkle, schreckliche Seite.


    Die Gemeinde stellt sich ihr - zu spät, aber sie tut es. Und das zählt für mich erst einmal (erneut ,aus der Ferne' gesprochen). Das Ringen um den richtigen Weg, der Austausch von Meinungen dazu - das gehört fest zu unserer Demokratie. Die Frage, wie Wirth bewertet und wie mit ihm in seinem Heimatort umgegangen werden soll, fällt darunter.


    Ein abschließendes Urteil müsse sich jeder selbst bilden, schreibst Du, Daniel. Die Gemeinderäte, denke ich, tun das - aber sie wollen sich Hilfe, Beratung und weitere Informationen von außen holen. Das ist legitim und nachvollziehbar - erst recht, wenn sich der Scheinwerfer der Medien so auf dich richtet und du als kleiner Lokalpolitiker wahrscheinlich sowieso nur alles falsch machen kannst.


    Bei all dem und der Lanze, die ich für das Gremium dort in Unterfranken breche, möchte ich betonen, dass ich mit dem örtlichen Bürgermeister weder verwandt noch verschwägert bin. ;) ;)Offen gestanden hatte ich von Geroldshausen bis gestern auch nur ein einziges Mal gelesen. Aber: Ich habe ähnliche Fälle und Debatten in meiner näheren Umgebung immer wieder erlebt: Da war der Umgang der lokalen Entscheidungsträger mit einem solch heißen Eisen wahrlich nicht immer so offen.


    Da ist das eigene Vorgehen längst nicht immer so begründet und nachvollziehbar dargestellt worden wie hier auf der Gemeinde-Homepage. Das ist doch eher ungewöhnlich - umso mehr, als sogar noch offensiv Artikel zu Medienhäusern verlinkt werden, die dem Ort die überregionale Aufmerksamkeit erst eingebracht haben. In anderen Gemeinden wird da bewusst viel mehr unter der Oberfläche operiert.


    Ein echt spannender Fall!


    Viele Grüße!


    Frank/Evergreen

  • ....Auf der einen Seite SS-Standortarzt und an medizinischen Verbrechen und der Selektion etc. beteilitgt, auf der anderen Seite rettete er nach Berechnungen der ehemaligen Häftlinge Langbein und Lill bis Ende 1943 etwa 93.000 Menschen das Leben.

    Hallo Daniel und alle Interessierten,

    nachfolgend die Ausschnitte der Aussagen von Lill und Langbein im Frankfurter Auschwitz-Prozess zu der Ermittlung der Zahl der angeblich von Wirths "Geretteten". Die Zahl entspringt wohl eher dem von der SS gewollten, komplizierten und mitunter gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis zwischen SS-Tätern und (meist deutschen) Funktionshäftlingen. Müsste in diesem Fall näher untersucht werden.

    Zeuge Karl Lill

    91. VERHANDLUNGSTAG 18.09.1964

    1. Frankfurter Auschwitz-Prozess

    »Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63

    Landgericht Frankfurt am Main

    91. Verhandlungstag, 18.09.1964

    Verteidiger Fertig:

    Herr Zeuge, der Herr Vorsitzende hat vorhin eine Glückwunschkarte von Ihnen vorgelesen, wonach Sie den Standortarzt Doktor Wirths belobigt haben, daß er damals 19.000, glaube ich, waren es

    Vorsitzender Richter [unterbricht]:

    93.000.

    Verteidiger Fertig:

    Oder sogar 93.000 Häftlingen das Leben gerettet hätte und in dem Sie der Hoffnung Ausdruck gaben, daß der Herr Doktor Wirths noch länger in Auschwitz bliebe. Welche Häftlinge waren das? Und auf welche Weise hat der Standortarzt Doktor Wirths diesen 93.000 Häftlingen das Leben gerettet?

    Zeuge Karl Lill:

    Ich möchte dazu sagen, daß ich zum erstenmal, ich meine, im Januar 43, sah, daß Hermann Langbein eine ähnliche Sache aufsetzte. Da war die Rede von etwa 9.000 Menschen, die nach seiner Meinung gerettet wurden durch die ärztliche Tätigkeit von Doktor Wirths. Ich war mißtrauisch und frug ihn, wie er zu dieser Angabe komme. Und er zeigte mir die Statistiken. Und aus dem Vergleich der Todesfälle zweier gleicher Zeiträume vor und nach der Ankunft von Doktor Wirths ergab sich diese Zahl.


    Zeuge Hermann Langbein

    24. VERHANDLUNGSTAG 06.03.1964

    1. Frankfurter Auschwitz-Prozess

    »Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63

    Landgericht Frankfurt am Main

    24. Verhandlungstag, 6.3.1964

    Zeuge Hermann Langbein:

    Anfang September 42. Zwei von unserem Dachauer Transport, Karl Lill und ich – beide waren wir schon in Dachau als Schreiber im Revier eingeteilt –, wurden hinausgeschickt, um uns vorzustellen. Es war so, daß in Auschwitz ein sehr geringer Prozentsatz deutscher und damit auch österreichischer Häftlinge war – Österreicher gelten immer als Deutsche, also ich nenne sie jetzt immer der Einfachheit halber auch als Deutsche – und daher auch die Auswahl nicht sehr groß war, um diesem Befehl des Standortarztes nachzukommen. Der neue Standortarzt war Doktor Eduard Wirths, den ich schon von Dachau her kannte, weil er kurze Zeit in Dachau Lagerarzt war und zufällig auf der Station war, wo ich als Schreiber war. Und er hatte mich daher auch schon gekannt. Und wie er mich gesehen hat, hat er gesagt: »Das wird mein Schreiber.“….

    Ich habe dort eine Zusammenstellung gemacht über das, was in Auschwitz geschehen ist. ...........Ich habe eine Abschrift hier mitgebracht, die ich jetzt gefunden habe, als ich am Boden in meiner Wohnung die alten Papiere durchsuchte. In dieser Abschrift sind die Totenzahlen erhalten, von Anfang 42 bis einschließlich März 44, nicht in absoluten Zahlen, sondern in Prozentzahlen zur Lagerstärke. Wenn Sie diese Zahlen interessieren, bin ich selbstverständlich gerne bereit...

    Vorsitzender Richter:

    [Pause] Diese Zahlen haben Sie entnommen aus den Statistiken, die Ihnen wiederum von den einzelnen Lagern gegeben wurden?

    Zeuge Hermann Langbein:

    Ja, und aus den zusammenfassenden Monatsberichten, die aufgrund

    Vorsitzender Richter [unterbricht]:

    Wobei aber nicht berücksichtigt sind die Leute, die an den Rampen direkt selektiert wurden und ohne ins Lager aufgenommen zu werden direkt ins Gas gebracht wurden.

    Zeuge Hermann Langbein:

    Stimmt. Über die hatten wir kein Zahlenmaterial. Da gab es kein Zahlenmaterial, zumindest bei der Dienststelle SS-Standortarzt. Bei der Politischen Abteilung dürfte eins gewesen sein, das will ich nicht mit Sicherheit sagen. Bei der Dienststelle Standortarzt gab es kein Zahlenmaterial über die, die sofort ermordet wurden, als sie eingeliefert wurden.

    Vorsitzender Richter:

    Ja, also bei der Politischen Abteilung müßte ja eigentlich das Material da sein. Denn die Meldungen über die Stärke der Transporte, die kamen ja doch in Auschwitz an, denn es wurde doch immer wieder gezählt und gezählt und gezählt, bis der letzte Mann da war.

    Zeuge Hermann Langbein:

    Ja.

    Vorsitzender Richter:

    Wenn die aber die Stärkemeldungen hatten und wußten, wie viele Leute von diesen Transporten ins Lager aufgenommen wurden, war es ja klar, daß der Rest eben umgebracht worden war, so daß also die Meldung dort ja doch klar sein mußte.

    Zeuge Hermann Langbein:

    Ja. Das weiß ich nachträglich. Also, das habe ich nicht in Auschwitz erfahren, sondern nachträglich erfahren von Freunden von mir, die in der Politischen Abteilung als Häftlinge gearbeitet haben, daß sie dort regelmäßig ein FS, ein Fernschreiben, nach Berlin aufgeben mußten, wobei sie die Zahlen derer, die ins Lager aufgenommen, und die Zahlen derer, die »sonderbehandelt«, also vergast wurden, gemeldet haben, und zwar nach Männern und Frauen getrennt. Das ist aber ein Wissen, das ich erst nachträglich erworben habe, das mir damals in Auschwitz also nicht geläufig war. Oder zumindest erinnere ich mich nicht, daß es mir damals geläufig war. Bei unserer Dienststelle gab es diese Zahlen nicht.

    Vorsitzender Richter:

    Also Sie können uns nur die Zahlen der im Lager, sei es eines natürlichen, sei es eines unnatürlichen Todes, Gestorbenen...

    Zeuge Hermann Langbein:

    Ja, wobei also natürlich und unnatürlich nicht getrennt sind und diese Zahlen nur Prozentzahlen sind. Ich habe also folgende Prozentzahlen nach Hause geschickt. Und ich bin sicher, daß ich damals die Zahlen nach meinem besten Wissen aus diesen Berichten entnommen habe. Und mein Bruder ist sicher, daß diese Abschrift nach bestem Wissen vorgenommen wurde.

    Grüße

    Jockel

    Suche alles zu Bau-Pionier-Bataillon 257 ab Oktober 1944

  • Hallo Jockel,

    Hallo Daniel und alle Interessierten,

    nachfolgend die Ausschnitte der Aussagen von Lill und Langbein im Frankfurter Auschwitz-Prozess zu der Ermittlung der Zahl der angeblich von Wirths "Geretteten". Die Zahl entspringt wohl eher dem von der SS gewollten, komplizierten und mitunter gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis zwischen SS-Tätern und (meist deutschen) Funktionshäftlingen. Müsste in diesem Fall näher untersucht werden.

    ...


    netter Versuch ;), deine Aussage/Meinung ist aus einer Rezension herausgeklaut. Und zwar haargenau aus dieser hier:


    http://www.sehepunkte.de/2005/10/8461.html


    Mag sein, dass ein Abhängigkeitsverhältnis bestanden hat, doch ändert das an der Sachlage m.M. nach recht wenig. Wenn also ein sogenanntes Abhängigkeitsverhältnis bestanden hätte, dann kann es doch nur einseitig gewesen sein von Seiten der KZ-Häftlinge, denn sie mußten schließlich in Auschwitz um ihr Leben bangen und nicht Wirths. Als überzeugter SS-Offizier in dieser Stellung mit höchstem Rang, wie ihn einige zu Recht sehen, hätte er nicht einen einzigen Menschen besser behandeln oder gar retten müssen. Des weiteren hätten die Opfer (speziell Langbein und Lill) nach der Befreihung auch gegen Wirths argumentieren können, denn sie waren nun freie Männer und in keiner Zwangslage mehr. Haben sie aber nicht und fakt bleibt daher, dass eine überaus große Zahl gerettet wurde, Abhängigkeitsverhältnis hin oder her. Insgesamt erschließt sich mir auch nicht die Tatsache, warum ein Abhängigkeitsverhältis eine Rettung schmälern sollte :/, zumal Hermann Langbein ein absolut verlässlicher und seriöser Zeitzeuge ist. Wer ihn noch nicht kennt, siehe dazu bitte hier:


    https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Langbein


    Viele Grüße

    Daniel

    "Weil die Menschen schwach sind. Weil Neid und Feigheit ihr Fluch sind. Weil sie von der Wahrheit träumen, um dann doch wieder zu lügen. So leben sie im ewigen Zwiespalt. Warum müssen die Menschen immer wieder zweifeln?" Judas Ischariot auf die Frage, warum Jesus von Nazareth von ihm verraten wurde.

    Edited 3 times, last by Policeman ().

  • Ein abschließendes Urteil, wenn überhaupt möglich, soll sich jeder selbst bilden.


    Beste Grüße

    Daniel

    Hallo Daniel,

    dem stimme ich absolut zu.

    Grüße Jockel

    Suche alles zu Bau-Pionier-Bataillon 257 ab Oktober 1944

  • Hallo zusammen,

    die Main-Post meldet heute, daß der Bürgermeister von Geroldshausen den Namen Wirths nun doch "zeitnah" entfernen lassen will. Für seine Entscheidung sei auch die Meinung des Göttinger Historikers Stefan Hördler ausschlaggebend gewesen.

    Grüße

    Jockel

    Suche alles zu Bau-Pionier-Bataillon 257 ab Oktober 1944

  • Für seine Entscheidung sei auch die Meinung des Göttinger Historikers Stefan Hördler ausschlaggebend gewesen.

    Hallo Jockel!


    Zu dem es direkten, beratenden Kontakt gab? Oder der ,nur' über seine Veröffentlichungen und Bewertungen Wirths für die Meinungsbildung herangezogen wurde? Geht das aus dem Artikel hervor?


    Ich frage zum besseren Verständnis, weil sich das auf der Homepage so gelesen hatte, als wäre das ein längerer Entscheidungsprozess. Jetzt scheint sich die Sache doch sehr zu beschleunigen.


    Viele Grüße und besten Dank für die aktuelle Info!


    Frank/Evergreen

  • Hallo Frank,

    die genaue Formulierung in der Main-Post lautet: "Für seine Entscheidung sei auch das Interview dieser Redaktion mit dem Göttinger Historiker Stefan Hördler ausschlaggebend gewesen." Daraus kann ich nicht erkennen, ob der Bürgermeister noch direkten Kontakt mit Hördler hatte.

    Grüße

    Jockel

    Suche alles zu Bau-Pionier-Bataillon 257 ab Oktober 1944

  • Hallo,


    wenn dem wirklich so ist, bleibt meinerseits nur Kopfschütteln übrig, denn so wird man nie aus der Vergangenheit/Geschichte lernen.

    Ich muss aber auch ehrlich gestehen, dass ich es nicht anders erwartet habe.


    Grüße

    Daniel

    "Weil die Menschen schwach sind. Weil Neid und Feigheit ihr Fluch sind. Weil sie von der Wahrheit träumen, um dann doch wieder zu lügen. So leben sie im ewigen Zwiespalt. Warum müssen die Menschen immer wieder zweifeln?" Judas Ischariot auf die Frage, warum Jesus von Nazareth von ihm verraten wurde.

  • Hallo Frank, die genaue Formulierung in der Main-Post lautet: "Für seine Entscheidung sei auch das Interview dieser Redaktion mit dem Göttinger Historiker Stefan Hördler ausschlaggebend gewesen." Daraus kann ich nicht erkennen, ob der Bürgermeister noch direkten Kontakt mit Hördler hatte.

    Guten Abend Jockel!


    Vielen Dank für die Infos!


    Auf der Homepage der Gemeinde steht als Fortsetzung der Stellungnahme, die Du am Wochenende hier verlinkt hattest, jetzt unter der Überschrift ,Aktuelles April 2021' (am 16. März?!) eine weitere lange Wortmeldung von Bürgermeister Gunther Erhardt. Darin heißt es:


    ,Es gibt keine Alternative zur Entfernung der Inschrift. Dies muss zeitnah geschehen. Man kann Geschichte aber nicht ausradieren. Deshalb bin ich sehr glücklich, dass uns das Internationale Auschwitz Komitee berät. So können wir eine gute Erinnerungs- und Mahnkultur für die Bevölkerung einrichten, die auch noch in Jahrzehnten die Erinnerung an die Verbrechen gegen die Menschlichkeit wachhält. Der Gemeinderat und ich bedanken uns bei der Presse auch der überörtlichen Presse, die nicht mit einer vorgefertigten Meinung über unseren Umgang mit unserem Kriegerdenkmal und der Inschrift "Dr. Wirths" berichtet hat.'


    Anfang März, schreibt das Gemeindeoberhaupt allerdings einleitend (und in einem gewissen Widerspruch dazu), sei über Geroldshausen ein Sturm hinweggefegt, auf dessen Höhepunkt die Bild-Zeitung in dem kleinen Ort unterwegs gewesen sei und einen Artikel veröffentlicht habe. Er habe eine Anzeige gegen Unbekannt wegen Volksverhetzung erstattet und in Kommentaren sei zu lesen gewesen, dass auch der Gemeinderat ausgemeißelt gehöre...


    Allem Anschein nach - aber da bist Du räumlich für eine Beurteilung möglicherweise näher dran, Jockel - war da doch mehr Feuer auf dem Dach, als die erste ausführliche Verlautbarung auf der Internetseite der Kommune an Eindrücken vermittelt. Die Kuh muss und soll wohl doch zügiger vom Eis.


    Der Fall bleibt interessant.


    Viele Grüße!


    Frank/Evergreen

  • Hallo Frank,

    du hast absolut Recht mit dem "Feuer auf dem Dach". Der Fall schlägt hier eine riesige Welle. Die Gemeindevertretung ist verständlicherweise klar mit dem "Rummel" überfordert. "Positiv" ist, dass über Auschwitz gesprochen und berichtet wird. Auch die vorhandenen Werke werden von Vielen wieder "ausgegraben" und gelesen.


    So steht z.B. In dem Buch von Ernst Klee "Auschwitz Täter, Gehilfen, Opfer und was aus Ihnen wurde" neben der Beschreibung der Tätigkeit des Dr. Wirths auch sehr Interessantes und Aufschlußreiches über Hermann Langbein. Ich zitiere auszugsweise:


    "Privilegierter Funktionshäftling, laut eigenen Angaben (Die Stärkeren) Wein und Champagner zum Weihnachtsfest, als er an Flecktyphus erkrankt, untergebracht "in einem der beiden Einzelzimmer, die für 'prominente' Häftlinge bestimmt sind." 1949 Autor des Buches "Die Stärkeren" (gemeint sind die moralisch überlegenen KP-Häftlinge). Die Stärkeren, sprachlich äußerst plakativ, ist ein Heldenlied auf die KP (Kommunistische Partei) und auch auf den Autor: In Dachau macht SS-Arzt Vetter, was ihm Langbein sagt, in Auschwitz hat er Standortarzt Wirths in der Hand, Kernsatz: "Jetzt bist du unser Werkzeug, Standortarzt!". Seine Eigendarstellung (Langbein, Widerstand), er habe solchen Einfluß gehabt, das mit "Hilfe von Wirths die tägliche Tötung Körperschwacher im HKB abgestellt werden konnte", erscheint sehr subjektiv. Die Beendigung der Morde mit Phenolspritzen geht auf Befehle aus dem SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt zurück (s. Artikel Heyde, s. Glücks). Langbeins Darlegung seines guten Verhältnisses zu Wirths verführt zu einer Verniedlichung der Verantwortung des obersten SS-Mediziners in Auschwitz - extrem grausame und tödliche Menschenversuche, die Selektion der Menschen in die Gaskammern. Langbein nahm nach dem Krieg Spenden von der Familie Wirths an, die er für notleidende Überlebende und Bürokosten verwendet (Halbmayr)."


    Ich bin gespannt welche Entscheidung die Gemeindevertretung im April treffen wird.


    Grüße

    Jockel

    Suche alles zu Bau-Pionier-Bataillon 257 ab Oktober 1944

    Edited once, last by jockel55 ().

  • Hallo zusammen,

    aus aktuellem Anlass und hoffentlich passend zu dem Bericht von Justus einige Fundstücke zu Dr. Eduard Wirths. Bei der Masse des vorhandenen Materials ist das natürlich nur meine subjektive Auswahl.


    National Archives London: von Wirths selbst verfasste Rechtfertigungsschrift datiert auf den 20. Juli 1945. Daraus ein wirklich bemerkenswerter Satz: "Es ist sicher nicht überheblich, wenn ich heute ausspreche, dass es wohl mein Verdienst ist, wenn in Europa heute Juden überhaupt noch am Leben sind."

    Wirths reklamierte für sich, die Beteiligung von Ärzten an den Selektionen neuangekommener Häftlinge auf der Rampe eingeführt zu haben. Dadurch habe er, so schrieb er, ungezählte Leben vor dem Tod in den Gaskammern retten können. Tatsächlich ging die Forderung nach ärztlicher Anwesenheit auf der Rampe nicht auf Wirths, sondern Heinrich Himmler zurück, der angesichts der sich stetig verschlechternden Kriegslage eine effektivere Nutzung des Häftlings-Arbeitskräftepotentials forderte.


    Aus Ernst Klee, Auschwitz Täter, Gehilfen, Opfer....:


    Johann Paul Kremer, Anatom, 1942 als Vertretung in Auschwitz, am 30.7.1947 in Krakau: "Bereits seit längerer Zeit interessierte ich mich über die Forschungen über entstandene Veränderungen im menschlichen Organismus infolge Hungers. In Auschwitz trug ich diese Angelegenheit Wirths vor. Er erklärte mir, das ich für diese Forschungen gänzlich lebendfrisches Material von diesen Gefangenen entnehmen könnte, welche vermittels Phenol-Einspritzungen getötet werden.


    Horst Schumann, der Menschen mit Röntgenstrahlen verstümmelte: Durch ihn (Wirths) erhielt ich für meine Versuche alle Hilfe, die ich brauchte, und er gab auch die entsprechenden Anweisungen heraus.


    Oswald Kaduk, Rapportführer, im Auschwitz-Prozess über Selektionen an der Rampe: Dann hat Dr. Wirths gesagt: Kollege, wir brauchen 40 Frauen für den [Versuchs-]Block 10.


    Wirths selektierte laut Versuchsopfer Renée Feldmann seine Objekte auch selbst: Beim Verlassen des Zuges wurden von Dr. Wirths 75 Frauen in gutem Zustand ausgesucht.


    Stanislaw Klodzinski, Häftlingsarzt: Bei diesen [Kolposkopie-]Versuchen mußte der Häftlingsarzt Dr. Samuel mitwirken. Aus diesem Grund wurde er von Dr. Wirths [1944] in die Gaskammer geschickt.


    Versuchsobjekt Rosaline de Leon (Häftlingsnr. 62546): Wir sahen ihn als einen Unmenschen an.


    Erklärung Höß v. 14.3.46 (Nbg. Dok. NO-1210): Weiterhin hat dieser Arzt auch Versuche [gemacht,um] den Tod von Personen durch Blausäureinjektionen herbeizuführen.


    Adélaïde Hautval, Häftlingsärztin, wurde nach Auschwitz deportiert und dort dem Block 10 überstellt, um unter der Leitung von Dr. Eduard Wirths bei medizinischen Experimenten zur Entdeckung früher Stadien von Gebärmutterhalskrebs an jüdischen Insassinnen zu assistieren.

    Bei Ankunft in Auschwitz am 27.1.1943, Hautval: Deutsche Gefangene umkreisen uns wie Schakale. Ohne Scham klauen sie unsere Sachen. Wir beginnen zu begreifen, das hier die Diebe und Abenteurer die Stütze des ganzen Systems bilden.

    Ich wurde dann für Dr. Wirths tätig, der sich angeblich mit dem Problem der Früherkennung von Gebärmutterkrebs beschäftigte. Als ich bemerkte, daß diese Sache wissenschaftlich wertlos war und keineswegs den Sinn hatte, den Frauen zu helfen, verweigerte ich meine weitere Mitarbeit.

    Als Eduard Wirths sie fragte: „Sehen Sie nicht, dass diese Leute anders sind als Sie?“, entgegnete sie: „In diesem Lager sind viele Menschen anders als ich. Sie zum Beispiel!“. (Hautval: Medizin gegen die Menschlichkeit).


    Grüße

    Jockel

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