Entsetzen, Trauer und Scham - mein Besuch in Auschwitz

  • Einen guten Tag ins Forum,


    Am 9. Oktober 2020 besuchte ich die Gedenkstätten des Konzentrationslagers Auschwitz. Ich hatte mich bereits einige Zeit vorher intensiv in das Thema eingelesen und war daher spätestens dadurch mit der Ungeheuerlichkeit dieser Tötungsmaschinerie bis ins Detail konfrontiert worden. Obgleich Auschwitz das größte und bekannteste Vernichtungslager der SS war und daher zum Synonym für den menschenverachtenden Zynismus der Nazis geworden ist, steht außer Frage, dass auch an vielen anderen Orten unbeschreibliche Grausamkeiten und Verbrechen gegen die Menschlichkeit stattgefunden haben. Die Menschlichkeit und der Respekt vor jedem einzelnen Toten und jeder gequälten oder verstümmelten Seele verbieten Vergleiche oder Relativierungen jeder Art.


    Die Erstarrung angesichts der Beschreibungen, Bilder und Zeitzeugenberichte darf keineswegs dazu verführen, dieses Thema zu tabuisieren. Die schiere Unvorstellbarkeit der Dimensionen des industriellen Vernichtens von Hunderttausenden Menschen stellt keine auch nur annähernd mögliche Ausrede für das Leugnen oder Relativieren dieses Teils deutscher Geschichte dar. Das betroffene Schweigen an den blut- und tränengetränkten Orten darf uns nicht verstummen lassen, daran mitzuwirken, was seit einem Dreivierteljahrhundert unverändert gilt, nämlich dass sich Auschwitz nie wieder wiederholen darf. IMG_8917.jpg


    Ich habe mir erlaubt, diesem Thread bereits im Titel die vordergründigsten meiner Emotionen voranzustellen. Damit soll keineswegs eine Beeinflussung der Leserinnen und Leser dieses Berichts bezweckt werden. Ich bin mir sicher, dass sich diese Gefühle bei der Beschäftigung mit diesem Thema ganz von selbst einstellen. Vielmehr soll vorn vornherein klargestellt werden, dass es sich bei diesem Besuchsbericht nicht um eine touristische Reportage handelt, sondern um einen Beitrag zur Erinnerung an die Opfer von Auschwitz.


    Ich werde in einzelnen Beiträgen ausschnittsweise Stationen meines Besuches auf dem Gelände der Gedenkstätten vorstellen und - ebenfalls ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder auf Rangfolge - Hintergründe aus den von mir gelesenen Quellen ergänzen. Da dieses Forum von Beiträgen vieler Mitglieder und der konstruktiven Diskussion lebt und profitiert, möchte ich ausdrücklich um Beteiligung bitten und vorschlagen, Anmerkungen, Ergänzungen oder Korrekturen in einem gesonderten Diskussionsthread zum Thema zu posten.


    Viele Grüße,

    Justus


    P.S. Abweichend von den Forumsregeln werde ich in den folgenden Beiträgen ausnahmsweise auf die Grußformeln verzichten. Ich bitte um Verständnis dafür.

  • Von der Rampe zum Krematorium


    Von der Rampe zwischen Gleis zwei und drei gingen wir in der Nachmittagssonne dieses goldenen Oktobertages in westlicher Richtung auf das ehemalige Krematorium II zu. Was für uns ein Spaziergang war, waren für hunderttausende Menschen die letzten hundert Meter ihres Lebensweges, das traurige Finale von Verfolgung, Verhaftung, Ghettoisierung und oft tagelangem Transport in einem beengten Viehwaggon der Deutschen Reichsbahn.


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    Am Ende der Gleise befindet sich heute eine Gedenkmonument mit zahlreichen Messingtafeln, auf denen in allen Sprachen der Inhaftierten zu lesen ist:


    „Dieser Ort sei allezeit ein Aufschrei der Verzweiflung und Mahnung an die Menschheit. Hier ermordeten die Nazis etwa anderthalb Millionen Männer, Frauen und Kinder. Die meisten waren Juden aus verschiedenen Ländern Europas. Auschwitz-Birkenau 1940-1945“


    Wir setzten uns auf die Stufen dieser neugestalteten Fläche (alle anderen Objekte der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau sind original erhalten; lediglich der Stacheldraht wurde erneuert) und hörten unserer Museumsführerin zu. Unser Blick war dabei auf die Überreste des beim fluchtartigen Verlassen im Januar 1945 von den Deutschen gesprengten Krematoriums II gerichtet.


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    Vielleicht hat sich auch genau an dieser Stelle abgespielt, was Marina Wolff, die 1942 nach Auschwitz kam und überlebte, in ihrer Erzählung „Der rote Ball“ festhielt:



    Ein Transport war angekommen, und eine seltsame Kolonne marschierte auf der Straße: ungefähr 150 Kinder, die sich an den Händen hielten, eines trug das Jüngste mühsam auf den Armen, von stramm ausschreitenden SS-Aufseherinnen begleitet. Mit ihrem Schäferhund an der Leine war die gutaussehende Irma Grese schon von weitem zu erkennen. Die Gruppe nahm sich aus wie ein großer Kindergarten auf einem Ausflug oder Spaziergang. Auf der Wiese gegenüber vom Krematorium hielten sie an. Eine Aufseherin belehrte die Kinder mit lauter Stimme: „Jetzt zieht euch schön aus und faltet eure Kleider ordentlich zusammen, damit jeder seine Sachen nachher wiederfindet. Und dann gehen wir gleich unter die Dusche.“ Die Kinder fingen an, sich auszuziehen. Da warf ein fünfjähriges Mädchen plötzlich einen großen roten Ball. Die anderen liefen ihm nach, fingen ihn auf, warfen ihn auf und spielten so eine Weile in der warmen Septembersonne. Es waren noch kleine Kinder, das älteste vielleicht zehn Jahre alt. Am Rande der Wiese saß ein ganz kleines Kind, zwei Jahre alt, jedenfalls zu klein, um schon mitzuspielen. Wie eine Kindergärtnerin klatschte Irma Grese dann in die Hände: „Genug gespielt, lasst den Ball liegen. Jetzt beeilen wir uns, dass wir ins Bad kommen.“ Die Kinder gehorchten und stürmten die Treppen ins Krematorium hinunter. Auch das Kleine kroch ihnen auf seinen unbeholfenen Beinchen nach. Irma Grese sah das, übergab ihren Hund einem SS-Wächter und nahm das Kind auf den Arm. Die Stufen zur Gaskammer wären zu hoch für die kleinen Beinchen gewesen. Der kleine Mann spielte mit ihrem blonden Haar und streichelte das Zeichen an ihrer Mütze. Er fühlte sich sichtlich wohl auf dem Arm der gutaussehenden Pflegerin und lachte vor Vergnügen. Noch einen Augenblick, dann waren die Feldmütze, das blonde Haar der Irma Grese und das kleine Köpfchen daneben unseren Blicken entzogen. Noch einmal sahen wir Irma Grese, als sie aus dem Krematorium herauskam, den Hund abholte und ruhig mit ihm ins Lager zurückging. Nach zwanzig Minuten heulten die Ventilatoren auf, die Aktion war beendet. Vor dem Krematorium lagen die Höschen, die schleifengeschmückten Kleidchen – ja, und auch der rote Ball.


    Da wir zuvor auf einem Modell den Aufbau der Vernichtungsanlage gesehen hatten, war trotz der Trümmer gut ersichtlich, was wir hier vor uns hatten:


    Das Zentrum der Hölle von Auschwitz.


    Und gleichzeitig die Himmelspforte. Am Tag zuvor hatte ich vor der St.Elisabeth-Kirche in Breslau eine steinerne Inschrift gelesen „Mors Ianua Vitae“. Der Tod ist das Tor zum Leben.


    Die unmittelbar an der Rampe „selektierten“ und in Marsch gesetzten Neuankömmlinge wurden vor dem Krematorium darüber informiert, dass sie sich vor dem Betreten des Lagers zu duschen hätten und wurden aufgefordert, sich dafür in der unterirdischen Eingangshalle auszuziehen und ihre Kleidung an nummerierte Wandhaken zu hängen. Dabei wurde ihnen eingeschärft, sich die Nummern gut zu merken. Anschließend wurden die Menschen in die Gaskammern gepfercht, an deren Decken Duschkopfattrappen hingen. Die Türen wurden verriegelt und über Schächte, die auf dem ebenerdigen Dach der Gaskammer geöffnet wurden, wurde das Zyklon-B-Granulat eingebracht, welches zum qualvollen Erstickungstod der bis zu 2000 Menschen in der Gaskammer führte.


    Nach der Ermordung wurden die Türen geöffnet und die Gaskammern mit Ventilatoren belüftet. Häftlinge der sogenannten Sonderkommandos zogen die Toten heraus, schoren ihnen die Köpfe, brachen Goldzähne heraus, entfernten Brillen und Prothesen und untersuchten Körperöffnungen auf eventuell zuvor versteckte Wertgegenstände. Danach wurden die Toten in Fahrstühlen ins Krematorium transportiert und dort oft zu zweit oder dritt verbrannt.


    Die Kosten für die Vernichtung einer Person auf diese Weise kalkulierte die SS mit 2 Reichsmark.


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    Die Asche der Toten wurde in den nahegelegenen Fluß Sola gekippt, zum Düngen auf den landwirtschaftlichen Flächen des Lagers Birkenau verwendet oder zum Trockenlegen noch auf dem Lagerareal vorhandener Sumpfflächen benutzt.


    Hinter dem Krematorium II befindet sich an einer solchen Vertiefung eine weitere Gedenkstelle.


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    Irma Ida Ilse Grese wurde von den Engländern im Lager Bergen-Belsen verhaftet, in einem der ersten Kriegsverbrecherprozesse nach dem Krieg zum Tode verurteilt und im Alter von 22 Jahren am 13.12.1945 in der Vollzugsanstalt Hameln gehängt.

  • Die Schwarze Wand


    Zwischen Block 11, dem Gefängnis im Gefängnis, und Block 10 der Stammlagers Auschwitz befindet sich ein ummauerter Innenhof. Zur Lagerstraße gibt es ein ca. 3m x 3m großes doppelflügeliges schmiedeeisernes Tor, welches den Blick direkt auf die gegenüberliegende Wand freigibt. In deren Mitte ist ein rechteckiger Abschnitt mit schwarz-grauen Dämmplatten verkleidet, die als Kugelfang dieser Hinrichtungsstätte dienten.


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    An dieser Stelle sind zwischen November 1941 und Dezember 1943 etwa 20.000 Menschen durch Erschießen getötet worden.


    Einer der Henker, der an dieser Stelle seine Mordgelüste stillte, war SS-Hauptscharführer Gerhard Palitzsch. Oft ohne höheren Befehl und aus eigenem Antrieb heraus, erschoss er Häftlinge. Am 15.08.1940 tötete er mehrere polnische Offiziere, die mit einem Kriegsgefangenentransport das Lager erreicht hatten. Laut einer Anklageschrift gegen den Rapportführer war der Grund für die Liquidierung die Weigerung der Kriegsgefangenen, seine Stiefel zu küssen.


    Palitzsch übte sich regelrecht im Schießen, als er eine Gruppe von Mädchen befahl, sich auszuziehen und im Hof vor der Todeswand im Kreis zu rennen. Er selbst stand in der Mitte und zielte sorgfältig mit einem kleinkalibrigen Gewehr, schoss und tötete alle nacheinander in unregelmäßiger Reihenfolge und Abstand.


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    Einmal wurde eine vierköpfige Familie auf den Hinrichtungsplatz geführt. Palitzsch schoss zuerst auf den Vater und tötete ihn vor den Augen seiner Frau und den Kindern. Nach einer Weile tötete er das kleine Mädchen, das krampfhaft die Hand der bleichen Mutter hielt. Später entriss er der Mutter das winzige Kind, das die unglückliche Frau eng an die Brust drückte. Er packte es an den Beinen und zerschmetterte das Köpfchen an der Wand. Endlich tötete er die Mutter, die vor Schmerzen halb ohnmächtig war.


    Der Auschwitz-Häftling Zbozien Boleslaw berichtete:


    "Bis zum Lebensende wird mir die Szene im Gedächtnis haften, die sich vor unseren Augen abspielte. Die Frau und der Mann leisteten keinen Widerstand, als Palitzsch sie vor die 'Todeswand' stellte. Alles spielte sich in größter Stille ab. Der Mann nahm die Hand des Kindes zu seiner Linken. Das zweite Kind stand zwischen den beiden, und sie hielten es ebenfalls an den Händen. Das jüngste Kind schmiegte die Mutter an ihre Brust. Palitzsch schoss zuerst in den Kopf des Säuglings. Der Schuss in den Hinterkopf zertrümmerte den Schädel und verursachte eine große Blutung. Der Säugling zappelte wie ein Fisch, aber die Mutter presste ihn noch fester an sich. Palitzsch schoss nun auf das zwischen beiden stehende Kind. Der Mann und die Frau standen unbeweglich wie steinerne Denkmäler. Palitzsch rang mit dem ältesten Kind, das sich nicht erschießen lassen wollte. Er warf es zu Boden, stellte sich dem Kind auf den Rücken und schoss in den Hinterkopf. Schließlich erschoss er die Frau und ganz zum Schluss den Mann. Es war schrecklich, obwohl später noch viele Exekutionen vorgenommen wurden, sah ich keiner mehr zu."


    Die schwarze Wand ist mittlerweile restauriert und durch identische Platten ersetzt worden. Alle anderen Elemente dieses Hofes befinden sich im Originalzustand. Der Terror, die Grausamkeit und das unsägliche Leid so vieler ermordeter Menschen bleiben aber für immer unauslöschliche Bestandteile dieses Ortes.


    Derer zu gedenken, die an der "Schwarzen Wand" ihr Leben lassen mussten, war mir im Vorfeld meines Besuches in Auschwitz ein wichtiges Anliegen gewesen. Ich bin unserer polnischen Führerin, die ihre Erläuterungen über ein kleines Headset auf unsere Kopfhörer übertrug, dankbar, dass sie mein Innehalten bemerkte und mir offenbar die Zeit ließ, an diese Wand zu treten, mich zu verneigen und mit geschlossenen Augen im Gedenken an die vielen unschuldigen Seelen ein Vaterunser zu sprechen.


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    Palitzsch verfiel nach dem Tod seiner Frau am 4.11.1942 zunehmend dem Alkohol und hatte mehrere Affären unter anderem auch mit weiblichen Häftlingen. Nach Strafversetzungen in andere Lager, wo er wegen sexueller Beziehungen zu jüdischen Häftlingsfrauen wegen „Rassenschande“ angeklagt wurde, wurde er in das Strafvollzugslager Danzig-Matzkau verlegt und von einem SS-Gericht zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Zum SS-Schützen degradiert fällt er am 07.12.1944 in Ungarn als Angehöriger des SS-PzGrenRgt. 8.