Informationen zu HE-111 CC+SZ gesucht

  • Hallo,

    ich suche Informationen zu einer HE-111, die für die E-Stelle Rechlin geflogen sein soll. Die Kennung der Maschine CC+SZ ist m.E. keine Geschwaderkennung. Ich vermute, dass es das Stammkennzeichen der Maschine ist. Die Maschine soll am 10.08.1943 bei Kleve abgestürzt oder bruchgelandet sein.


    Wer kann mit Informationen helfen den Lebensweg des Flugzeugs zu rekonstruieren und Licht ins Dunkle des letzten Fluges zu bringen? Bislang sind die letzte Besatzung und die Umstände des Absturzes bzw. der Bruchlandung ungeklärt.

  • Hallo,

    in "Die Deutsche Luftfahrt Band 27 Flugerprobungsstellen bis 1945" von Beauvais/Kössler/Mayer/Regel steht auf Seite 320. 10.8.43 He 111 H6 CC-SZ Wnr . 4859 bei Cleve Absturz bei Erprobungsflug.

    Elsner, Günther Uffz. BF Technische Kompanie

    Konschak, Wilhelm Ofw. BM Technische Kompanie

    Noetzel, Alfred Ofw. FF Technische Kompanie

    Dr. Herzog (verletzt) BO Abt. F

    Dr. Netzer (verletzt) BO Abt. F

    Ich gehe davon aus, das die Nichtverletzten gefallen sind.(steht aber nicht da)

    Gruß Uwe

  • Hallo Funkmess,


    herzlich Willkommen bei uns im Forum .


    Quote

    CC+SZ ist m.E. keine Geschwaderkennung.

    richtig, das ich ein Stammkennzeichen und lt. Datenbank Stammkennzeichen handelt es sich um eine HE 111 H6 (Werk Nr. 4859) erster Halter 15. Staffel KG 6

    Die 15. Staffel wurde im September 1942 in Chartres aus dem Lehr & Erprobungskommando 17 gebildet. Ausgerüstet mit DO217 und He111 Pfadfinder

    Gruss Dieter

  • Guten Abend,

    zu den bisherigen Beiträgen gibt es m.E. Korrektur- und Ergänzungsbedarf.


    Vorneweg zum Flugzeug und Halter.

    Der Unfall wurde von der 15./KG 6 gemeldet (Gen.Qu. v. 13.8.43). Eigentlich hätte da aber I./KG 66 stehen müssen, denn aus der 15./KG 6 war im April 43 die Keimzelle der I. Gruppe KG 66 geformt worden. Auf jeden Fall ein Zielfinder und -markierer Verband, bzw. eine Pfadfindereinheit. Laut Flugzeugbestandsmeldungen verfügte die I./KG 66 über ein Sammelsurium von Flugzeugtypen: Do 217 der E, K und M-Baureihen, He 111 H-5 und H-6, Ju 88 A und S, sowie Ju 188 E-1. Alles bis zum Rand vollgepackt mit Elektronik.


    Zum Unfall:

    Die He 111 H-6 flog am 10.8.43 einen Messflug mit dem "Rotterdam 1" Gerät - also dem aus einem RAF Bruch ausgebauten und reparierten H2S-Gerät.

    Insgesamt waren 7 Mann an Bord, zumindest 6 sind bei der E-Stelle Rechlin nachgewiesen. Die "Rechliner" gehörten zum Flugbetrieb, zur Abt. E4 "Nav.- und Funkgerät" und zur Abteilung F. Das passt ja auch zu dieser speziellen Geräteerprobung.


    Bei dem eigentlichen Unfall handelt es sich um eine Notlandung infolge Motorstörung, bei dem sich die Maschine überschlug und zu 85% zerstört wurde.

    Die Notlandung erfolgte gegen 19.00 Uhr bei Bedburg-Hau, rund 5 km südöstl. von Kleve.


    An Bord waren:

    (F) Ofw. Noetzel, Alfred (* 4.10.1914, tot, GL: Heinrichswalde/Ostpr.)

    (Bf) Ofw. Elsner, Günther (* 15.11.1919, tot, GL: Schwerin)

    (Bm) Ofw. Konschak, Wilhelm (* 11.5.1914, tot, GL: Breslau-Hundsfeld)

    (Bs) Ofw. Schulz, Bernhard (verletzt)

    (Pas) Fl.St.Ing. Herzog, Dr. – (verletzt)

    (Pas) Oblt. Netzer, Dr. Theodor (verletzt)

    (Pas) Fl.St.Ing. Owczarek, Dr. Rudolf (unverletzt)


    Man muss sich noch vor Augen halten, dass zu dieser Zeit der "Radarkrieg" in vollem Gange war. Ein paar Tage vorher war Hamburg in Asche gelegt worden, die Umstände sind hinreichend bekannt und dokumentiert.


    V. Grüße, Uwe K.

    "Was sprechen die Diesel, Johann? - Die Diesel sind zufrieden, Herr Kaleu."

    Edited 2 times, last by DR40eghs ().

  • Hallo zusammen,


    zu den Passagieren noch einige Daten zur Person


    HERZOG, Dr. Fritz *14.07.09 in Zweibrücken

    Besuch der Technischen Hochschule München.

    1937 Dr. der Physik

    Einstellung an der Erprobungsstelle Rechlin

    Angehöriger der Chef-Ing.Abt./Lfl.Kdo. 3 Arbeiten zum/am X-Gerät

    01.06.1943 Beförderung zum Fl.St.Ing.


    NETZER, Theodor. (W.B.K. München IV)

    01.08.1942 Oblt.(d.R./Ln.) Rangdienstalter auf den 01.12.1941 geändert


    Owczarek, Rudolf, Dr. Dipl. Ing. *25.4.1911

    Amtsbezeichnung/Dienstgrad: Fl.St.Ing.

    Dienststelle: Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt e. V. Berlin-Adlershof

    Gruss Dieter

  • Wow, ich bin beeindruckt, was Ihr in der kurzen Zeit zusammengetragen habt.

    @DR40eghs und Augustdieter: Könnt Ihr mir bitte noch die Quellen der Informationen benennen.


    Soweit mir bekannt, soll die Maschine von Montdidier aus gestartet sein. Die I./KG66 lag zu dieser Zeit dort. Hat jemand eine Quelle, aus der der Zielflughafen dieses Flugs hervorgeht?


    Laut Dr. Owczarek soll es an Bord einen 8. Passagier gegeben haben. Er bezeichnete ihn als "Schwarzen Mann", der nach dem Absturz mit einer Aktentasche in der Hand davongelaufen sei. Hat jemand zu dieser Person weitere Erkenntnisse?


    Herzliche Grüße

    Jürgen

  • Hallo Funkmess-Jürgen,


    > @DR40eghs und .... Könnt Ihr mir bitte noch die Quellen der Informationen benennen.

    Wie bei den meisten meiner Beiträge hier im Forum, sind es immer mehrere Quellen, da eine Quelle nie alle Infos enthält. In den letzten Jahren verwende ich ausschließlich PRIMÄRquellen. In diesem Fall sind das:


    - BA-MA Freiburg/Breisgau (Flugzeug und Einheit via Gen.Qu. Verlustmeldungen der Verbände)

    - BA Berlin (WASt.) - meist Namentliche Verlustmeldungen der Verbände, Auskünfte Zentralkartei, und hier die Gräberdaten nebst Personaldaten einschl. EM.

    - Datenbestand Volksbund für Kriegsgräberfürsorge (bin selbst Fördermitglied) - Personaldaten, hier redundant zu den WASt.-Daten

    - persönliche Kommunikation J.H. (Autor KG 6, KG 51 Chroniken), persönliche Kommunikation mit "K" und "R" aus der Sekundärquelle "Die Deutsche Luftfahrt Band 27 Flugerprobungsstellen"

    - persönliche Kommunikation mit R.T., M.S. (beide LW-Verlustdaten) und S.C. (St.Kz.-Datenbank !) aus dem Kreis der "Datensammler" und der "Wissenden"

    - bisher 33 Jahre eigene aktive und unfallfreie (Privat-)Fliegerei und dementsprechendes know-how "rund um die Fliegerei", einschl. Meteorologie, Technik, Luftrecht, Navigation und allem "pi-pa-po". Und ja, ich weiß auch wie man VORs nützt und einen Transponder bedient und was Langen-Info ist.

    - abgeschlossenes Uni-Studium der Elektrotechnik mit anschließender Promotion - daher auch die Grundkenntnisse der Nachrichtentechnik, Funkmesstechnik.und das Wissen um das "Rotterdam Gerät" bzw. H2S.

    - Protokolle der technischen Ausschüsse zur Flugnavigation, Funkmesstechnik, ..., des RLM. Zum "Verständnis" des Protokollerten, siehe vorherigen Spiegelstrich.


    Alle klar?


    Übrigens: ich verfasse meine Texte hier im FdW immer selbst. Zitate aus Literatur sind immer Wortzitate und dementsprechend mit Urheber und Quelle gekennzeichnet. Und was ich von "Copy&Paste" aus Internetquelle halte, dürften die Meisten hier im FdW schon zwischen meinen Zeilen herausgelesen haben.


    Alles klar?


    Gruß, Uwe K.

    "Was sprechen die Diesel, Johann? - Die Diesel sind zufrieden, Herr Kaleu."

  • Hallo,

    Jürgen, du schreibst: Laut Dr. Owczarek...Was ist denn deine Quelle? Hast du den Mann selber kennen gelernt? Oder? Oder?

    Gruß Uwe

  • Guten Abend,

    habe ich Jürgen verschreckt? Falls ja - das war nicht beabsichtigt.

    Von meiner Seite habe ich 100% der Fakten zum "Fall" beigetragen, was meine Datensammlung hergibt.

    Was den Rudolf Owczarek betrifft, war - wenn ich mich richtig erinnere - einer meiner "Netzwerker" in direktem Kontakt mit einem Nachkommen (Sohn, Neffe, ..?). Ich habe mir aber nur die Fakten zum Unfall notiert.

    Ich hatte eigentlich gehofft, dass da noch etwas kommt ... zumindest von Jürgen/Funkmess123.

    V. Grüße, Uwe K.

    "Was sprechen die Diesel, Johann? - Die Diesel sind zufrieden, Herr Kaleu."

  • Hallo in die Runde,


    DR40eghs: nein, ich bin nicht verschreckt. Ich war beschäftigt/abwesend und konnte nicht in den thread schauen. Danke für die Erläuterungen zu den Quellen. Ich versuche auch immer Primärquellen zu finden. Manchmal sind diese aber eben auch nicht zu finden.


    Um ein wenig mehr Klarheit in meine Anfrage zu bringen: Ich gehöre zu einer Gruppe von Ehrenamtlichen Mitarbeitern des LVR Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland. Ein Schwerpunkt unserer Arbeit ist die Flugzeugarchäologie. Durch eine unserer letzten Publikationen um einen Bomberabsturz in Erkrath bei Düsseldorf (RCAF Halifax NP689 "Moonlight Mermaid") aufmerksam geworden, bat uns der dort wohnende Sohn von Dr. Owczarek um Unterstützung bei der Klärung einiger Fragen zum Absturz der o.g. Maschine und die Umstände drumherum. Mein Interessengebiet ist insbesondere die Entwicklung und Anwendung der Funk- und Radartechnik im Zweiten Weltkrieg. Daher ist der Absturz der CC+SZ für mich besonders interessant.


    Als Ergänzung zu dem dem, was in Euren Beiträgen bereits zusammengetragen worden ist:

    • Dr. Owczarek war Gruppenleiter der Reichsstelle für Hochfrequenz-Forschung und einer der Vertreter der Reichsforschungsführung in der Arbeistgemeinschaft Rotterdam (AGR), die sich mit der Erforschung des allierten H2S Dezimeter-Radargeräts befasste (dt. Tarnname "Rotterdam").
    • Laut Protokollen der AGR Sitzungen war Dr. Owczarek mit Versuchsflügen des dem "Beauftragten für Hochfrequenz-Forschung" (BHF) zur Verfügung gestellten erbeuteten "Rotterdam" Gerätes befasst. Er berichtete in den Sitzungen regelmäßig über die Ergebnisse.
    • Die ausschließlich aus Beuteteilen zusammengestellte Anlage 0 des "Rotterdam" Geräts war dem BHF zur Verfügung gestellt worden und wurde in eine HE-111 eingebaut. Obwohl bislang noch nicht final belegt, ist meine These, dass diese HE-111 die CC+SZ war.
    • Der BHF arbeitete mit der Erprobungsstelle (E-Stelle) der Luftwafe in Rechlin und der I./KG66 bzw. dem Vorläufer 15./KG6 bei der Entwicklung von funkbasierten Navigationssystemen zusammen. KG6 bzw. KG66 waren "Pfadfinder" Einheiten, welche die Bomber zu Zielen in England führten.

    Weitere "Rotterdam" Geräte wurden um nachgebaute Teile aus deutscher Fertigung ergänzt und weiteren Organisationen bzw. Unternehmen in der AGR zur Verfügung gestellt. Zum besseren Verständnis: Die deutsche Radarentwicklung beschränkte sich 1943 auf Frequenzen bis ca. 500MHz. Es herrschte unter Experten die Vorstellung, dass höhere Frequenzen weniger brauchbar seien, da sie vom angestrahlten Objekt diffus reflektiert ("weggestrahlt") werden. Dadurch käme zu wenig reflektierte Energie am Radar-Empfänger an, was zu einer geringeren Reichweite des Radars führe. Es gab allerdings unter deutschen Forschern auch andere Auffassungen (z.B. Prof. Esau). Jedoch wurden alle Forschungen zu Radar auf höheren Frequenzen in Deutschland verboten und eingestellt. Ein weiterer Grund dafür war die Konzentration der wenigen Ressourcen und Forscherkapazitäten in der Hochfrequenzforschung auf Erfolg versprechende Projekte. Die Briten hatten eine breitere Basis genutzt, da sie z.B. auch Funkamateure gezielt mit einbanden, während diese in Deutschland "ins Feld" geschickt worden waren. Nachdem Zweck und Wirkungsweise des aufgefundenen bis dahin unbekannten "Rotterdam" Geräts verstanden worden waren, ging ein Schock durch die deutsche Forschergemeinde. Das alliierte Gerät arbeitete auf einer Frequenz im 9cm Band, was rund 3000MHz entspricht. Das erste Dezimeter-Radar der Welt war britisch. In der Folge begann eine Aufholjagd, um den erkannten Abstand zur britischen Radarforschung wieder zu schließen. Für die Kriegsführung in der Luft und insbesondere die Luftverteidigung im Zweiten Weltkrieg war die Entwicklung des Radars mit kriegsentscheidend.


    Gruß

    Jürgen