Kurland 1944/45

  • Hallo liebe Forumskolleginnen und- kollegen,


    ich möchte mal ein Thema mit einigen Fragenkomplexen sozusagen in den Ring werfen, das meiner Kenntnis nach bisher wenig oder kaum in der Literatur beachtet wird und das doch einige Besonderheiten aufweist und viele für mich ungeklärte Fragen aufwirft.


    Im August 1944 wurde die Heeresgruppe Nord in Kurland abgeschnitten und - nach einer kurzen Gegenoffensive, die als "Unternehmen Doppelkopf" bekannt ist, endgültig von den Sowjets eingekesselt, nachdem Hitler weitere Ausbruchsversuche - entgegen der herrschenden Meinung der Generalität - verboten hatte.

    Trotz Stalins Ankündigung, die Heeresgruppe innerhalb kurzer Zeit zu vernichten, gelang es den Sowjets bis Kriegsende nicht, entscheidende Erfolge zu erzielen und die Kapitulation der eingeschlossenen Truppen zu erzwingen.


    Konkret stellen sich mir folgende Fragen:


    1) Gibt es einen militärischen Sinn für das Ausbruchsverbot? - Immerhin standen ja etwa 25 Divisionen im Kessel und waren für die Verteidigung der übrigen Fronten, vor allem der Weichsel-

    Oder-Front, nicht verfügbar. Und wenn ja, dann konnte der Sinn ja nur in der Bindung starker sowjetischer Kräfte liegen. Wurde das erreicht, dann stellt sich die weitere Frage, ob dies

    gegenüber einer Aufgabe von Kurland (wie z.B. von Guderian vehement gefordert) und einem Einsatz der Verbände an der "Kernfront" unterm Strich vorteilhaft war oder das Gegenteil.


    2) Wie ist es zu erklären, dass die Heeresgruppe Nord/Kurland sechs sowjetische Großoffensiven (die letzte ab Mitte März 1945) erfolgreich abwehren konnte, während die Weichsel- und

    Oderfront jeweils innerhalb weniger Tage im Januar bzw. April 1945 zusammenbrach?


    3) Wie war die dauerhafte Versorgung eines solchen Großverbandes möglich, insbesondere nachdem ab Januar 1945 immer mehr Gebiete an der Ostsee in kürzester Zeit verlorengingen?

    Und wie und von wo aus wurde die Versorgung durchgeführt?


    4) Wo sind die Original-Kriegsdokumente der Einheiten verblieben und sind diese mittlerweile zugänglich?


    5) Gibt es zu diesen Fragen anerkannte Veröffentlichungen?


    Ich würde mich freuen, wenn mir jemand Tipps und Hinweise zu diesem Themengebiet geben könnte.


    Vielen Dank schon vorab und

    herzliche Grüße

    Eberhard

    Suche alles über die 101. Jägerdivision.

  • Hallo Eberhard,


    der Kurland-Kessel, oder die Heeresgruppe Nord sollte als Teil der Doppelstrategie fungieren, die, in Form der Lageänderung im Westen, durch die Ardennenoffensive und die geplante anschließende Verlegung von 35 Divisionen an die Ostfront, in Verbindung mit dem Flankenvorstoß aus dem Kurland-Kessel, die Lage im Osten sowie dadurch die Gesamtlage nachhaltig verändern und natürlich für die deutsche Seite verbessern sollte.


    Dazu ein Interview von Sven Felix Kellerhoff mit dem Historiker Karl Heinz Frieser veröffentlicht am 09.05.2015 in welt.de:


    https://www.welt.de/geschichte…seine-besten-Truppen.html


    Viele Grüße

    Nicco

  • Hallo zusammen,

    2) Wie ist es zu erklären, dass die Heeresgruppe Nord/Kurland sechs sowjetische Großoffensiven (die letzte ab Mitte März 1945) erfolgreich abwehren konnte, während die Weichsel- und

    Oderfront jeweils innerhalb weniger Tage im Januar bzw. April 1945 zusammenbrach?

    Es ist sicher auf die skurrile Situation zurückzuführen, dass in Kurland mit der 16. + 18. Armee der Kern der ehemaligen Heeresgruppe Nord mit Divisionen mit mehrjähriger Ostfront-Kampferfahrung eingesetzt war.

    Dies während an der Heimatfront das letzte Aufgebot von schnell aufgestellten Volksgrenadier-Divisionen, später dann Volkssturm und HJ an die Front geschickt wurde.

    dann stellt sich die weitere Frage, ob dies

    gegenüber einer Aufgabe von Kurland (wie z.B. von Guderian vehement gefordert) und einem Einsatz der Verbände an der "Kernfront" unterm Strich vorteilhaft war oder das Gegenteil.

    Man kann natürlich bei dem beliebten Spiel "was wäre gewesen wenn" darüber spekulieren, ob der Zusammenbruch der Ostfront im Januar/Februar um ein paar Monate hinausgezögert worden wäre, wenn statt einzelner Divisionen wie der 215. ID und der 281. ID, alle 25 Kurland-Divisionen mit relativ hoher Kampfkraft in Januar/Februar 1945 die Ostfront in Ost- und Westpreussen, Pommern und Schlesien verstärkt hätten.

    Der rückblickende Blick in die Glaskugel ist aber m.M. wenig zielführend.


    Gruss

    Hubert

  • Hallo Leute,

    danke für die Hinweise!

    Der ASMZ-Artikel scheint recht vielversprechend, ich lese ihn mir gleich mal durch.

    Das Interwiew mit Frieser beschreibt die offizielle Begründung wieder, die Hitler für seinen "Haltebefehl" gab:

    die Heeresgruppe Nord sollte als Teil der Doppelstrategie fungieren, die, in Form der Lageänderung im Westen, durch die Ardennenoffensive und die geplante anschließende Verlegung von 35 Divisionen an die Ostfront, in Verbindung mit dem Flankenvorstoß aus dem Kurland-Kessel, die Lage im Osten sowie dadurch die Gesamtlage nachhaltig verändern und natürlich für die deutsche Seite verbessern sollte.

    Das meinte ich aber nicht ausschließlich mit der Frage nach dem "militärischen Sinn"; das waren ja doch eher Utopien, die erkennbar nicht mehr in die Realität umgesetzt werden konnten.

    Der tatsächliche Effekt des Ganzen war aber doch die Bindung starker sowjetischer Kräfte, die immerhin sechs Großoffensiven mit immensen Verlusten (2000 Panzer sollen die Sowjets verloren haben) durchführten.

    Die Frage zielte eher dahin, ob dieser Effekt tatsächlich zu einer spürbaren Entlastung der restlichen Ostfront und damit zumindest zu einem Zeitgewinn geführt haben kann, und ob diese Entscheidung damit einen reelen Sinn haben konnte.


    Man kann natürlich bei dem beliebten Spiel "was wäre gewesen wenn" darüber spekulieren, ob der Zusammenbruch der Ostfront im Januar/Februar um ein paar Monate hinausgezögert worden wäre

    ... das ist eben die umgekehrte Frage: Welche Entscheidung war militärisch gesehen die richtige?

    Andererseits hätten dann ja auch die Sowjets keine Einheiten mehr für Kurland einsetzen müssen...


    Zum Phänomen der Abwehrerfolge:

    Es ist sicher auf die skurrile Situation zurückzuführen, dass in Kurland mit der 16. + 18. Armee der Kern der ehemaligen Heeresgruppe Nord mit Divisionen mit mehrjähriger Ostfront-Kampferfahrung eingesetzt war.

    Das ist sicher plausibel, das führt ja auch Frieser aus.

    Warum wurden auf diese Weise der zentralen Ostfront wichtige und starke Verbände entzogen oder vorenthalten?


    Was mir weiterhin rätselhaft bleibt ist die Frage der Versorgung. Ein derartiger Großverband, der zudem ständig schwerste Abwehrkämpfe zu bestehen hatte, benötigte große Mengen Kriegsmaterial.

    Wie konnte dies bis in die letzten Wochen des Krieges bewäligt werden?

    Gab es möglicherweise große Deopts, die vorher angelegt wurden?


    Herzliche Grüße

    Eberhard


    Edit: Aber merkwürdig ist es doch schon, dass bei der Vielzahl von Publikationen, gerade über die letzten Kriegsmonate, in jüngerer Zeit, Kurland kaum vorkommt...

    Suche alles über die 101. Jägerdivision.

  • Hallo Leute,

    Weiß denn jemand, wo die Kriegsdokumente der HG Kurland und aller Untereinheiten archiviert und ob/ diese zugänglich sind? Bei NARA wird man da ja wohl kaum fündig werden..

    Herzliche Grüße

    Eberhard

    Suche alles über die 101. Jägerdivision.

  • Guten Abend Eberhard,


    für die Einheiten, die im Kurland eingesetzt waren, dann kannst unter germandocsinrussia eine Menge an erhaltenen KTBs zu diesen Einheiten finden (von Armee- bis Regimentsebene). Leider enden die meisten KTBs mit dem 31.12.1944; für das Jahr 1945 gibt es leider nur wenige Unterlagen, die den Krieg überstanden haben und in Russland archiviert wurden. Soweit ich weiss, existieren dort auch Karten mit den Depots sowie Unterlagen der Oberquartiermeister.

    Ich denke, dass in der Diskussion vergessen wird, dass zu Jahresbeginn 1945 auch deutsche Einheiten aus dem Kurland über die Ostsee (über den Hafen Libau) nach Deutschland gebracht und an die bedrohten Abschnitte der deutschen Ostfront verlegt wurden, wie z.Bsp. das gesamte III.(germanische) SS Panzerkorps, mit u.a. der 11. SS Panzergrenadierdivision "Nordland".

    Die an der Oderfront im April 1945 eingesetzten deutschen Einheiten sollten auch nicht unterschätzt werden, denn sie konnten die angreifenden Russen bei den Seelower Höhen vor Berlin einige Zeit aufgehalten und schwere Verluste zufügen sowie im Raum Bautzen den letzten deutschen Sieg über die dort eingesetzten polnisch-russischen Truppen erringen. Letztendlich hat dies die Niederlage nicht verhindern können.

    Selbst wenn die deutsche Armee das Kurland komplett geräumt hätte, ist es sehr fraglich, ob der Krieg überhaupt um einen längeren Zeitraum hätte verlängert werden können, denn fast alle kampfkräftigen Divisionen, die im Westen an der Ardennenoffensive teilgenommen hatten, wurden während den Monaten Dezember 1944 und Januar 1945 in den Ardennen verheizt bzw. im Anschluss in Ungarn, was die 4 SS Panzerdivisionen betrifft, die an der Ardennenoffensive teilgenommen hatten. Zusätzlich wurden die letzten kampfkräftigen Divisionen an der deutschen Ostfront während der russischen Grossoffensive im Januar 1945 in Polen und Ostpreussen vernichtet. Diese Lücken wären auch nicht mit den Divisionen aus dem Kurland zu schliessen gewesen, da Deutschland 1945 an 3 Fronten auf verlorenem Posten kämpfte und der Krieg für Deutschland bereits nach den Niederlagen in Stalingrad und bei El Alamein Ende 1942 / Anfang 1943 definitiv verloren war.

    Gruss


    Wolfgang

  • Hallo Eberhard, hallo zusammen,


    Das meinte ich aber nicht ausschließlich mit der Frage nach dem "militärischen Sinn"; das waren ja doch eher Utopien, die erkennbar nicht mehr in die Realität umgesetzt werden konnten.

    deshalb war der größte Teil der Generalität ja auch gegen diese Entscheidung. Hier war ja die vorherrschende Meinung, dass das nicht mehr machbar war. Für Adolf Hitler als Oberbefehlshaber der deutschen Streitkräfte waren das eben keine Utopien. Er orientierte sich bei strategischen Entscheidungen eher auf Wunschdenken und auf Glück, als auf fundierte strategische Kenntnisse der Wehr- oder Militärwissenschaft. Er bezeichnete sich ja selbt als Vabanquespieler, der gerne ein hohes Risiko eingeht. In den ersten Jahren des Krieges hatte er damit ja auch viele Erfolge. Darauf baute er und war der Meinung, dass Glück und den militärischen Erfolg erzwingen zu können.


    Der tatsächliche Effekt des Ganzen war aber doch die Bindung starker sowjetischer Kräfte, die immerhin sechs Großoffensiven mit immensen Verlusten (2000 Panzer sollen die Sowjets verloren haben) durchführten.

    Das war ein Nebeneffekt, der allenfalls in Hitlers strategischen Überlegungen eine sekundäre Rolle gespielt haben dürfte, wenn überhaupt.


    Die Frage zielte eher dahin, ob dieser Effekt tatsächlich zu einer spürbaren Entlastung der restlichen Ostfront und damit zumindest zu einem Zeitgewinn geführt haben kann, und ob diese Entscheidung damit einen reelen Sinn haben konnte.

    Eindeutig nein, eine Entlastung war so gut wie gar nicht spürbar, angesichts der personellen Überlegenheit der russischen Armeen und der Zeitgewinn war eher auf deren Seite um noch mehr Einheiten an die Fronten nachzuführen. Die deutsche Wehrmacht war abgekämpt, erschöpft und die meisten Soldaten, die als Ersatz an die Front kamen waren zu kurz und zu mangelhaft ausgebildet um hier noch einen sehr großen Gefechtswert zu haben und von einem Zeitgewinn zu profitieren. Allenfalls für die Versorgung der Front mit Flugzeugen, Panzern und schweren Waffen wäre ein Zeitgewinn erstrebenswert gewesen um die Lage zu stabilisieren, sofern die personelle Ausstattung dies zugelassen hätte, was aber nicht der Fall war.


    Viele Grüße

    Nicco

  • Hallo Leute,

    danke für die Infos; Andre, Wolfgang, das sieht gut aus, vor allem auch auf Deutsch, klasse!

    Die Frage ist, wo die Dokumente von 1945 verblieben sind. Wurden sie vernichtet oder sind sie noch irgendwo archiviert?


    Kurland wäre schon in der Forschung und Literatur gerade über die Endzeit des Krieges mehr Beachtung wert als es bislang gefunden hat.

    Schon merkwürdig, wie sich immer wieder alles auf bestimmte Bereiche konzentriert. Ich möchte nur auf die vielen (oft sehr guten und interessanten) Veröffentlichungen zur Ardennenschlacht hinweisen - da gibt es gefühlt für jeden Kampftag und für jede Division ein eigenes Buch - bei "Nordwind", obwohl länger dauernd und vom Verlauf doch vergleichbar, schaut es schon ganz anders aus. Und wieviel wurde über Seelow geschrieben, über Ostpreußen und Schlesien, auch über Budapest und den Plattensee, aber Kurland?


    Nun zur Frage der Bindung sowjetischer Einheiten

    Eindeutig nein, eine Entlastung war so gut wie gar nicht spürbar, angesichts der personellen Überlegenheit der russischen Armeen

    Das glaube ich durchaus; nur waren auch bei den Sowjets Ermüdungserscheinungen sicher vorhanden und die Resourcen auch nicht unbegrenzt.

    Zeitweise waren doch sehr starke Kräfte aufgeboten, um Kurland zu erobern, und die Verluste nicht unerheblich.

    Gut, das läuft auf ein Rechenexempel hinaus, die Kräfte waren ja beidseitig vorhanden, allenfalls geht es um die Frage günstigerer Einsatzmöglichkeiten und taktisch/strategischer Vor- oder Nachteile.

    Der Aufwand, Kurland zu versorgen, muss deutscherseits aber auch schon erheblich gewesen sein.

    Summa summarum kann man wohl sagen, dass die Entscheidung, die Heeresgruppe in Kurland festzusetzen, falsch gewesen ist.

    Daran schließt sich die zweite Frage an: Wäre nach dem Scheitern von "Doppelkopf" ein Ausbruch militärisch gesehen noch möglich gewesen, wenn Schörner ihn - notfalls auch gegen den Befehl - betrieben hätte?

    Und wie stand Schörner, der ja immerhin in den entscheidenden Wochen den Oberbefehl hatte, zur Gesamtentscheidung?

    Das ist mir auch nicht wirklich klar.

    Er hatte sicherlich genügend Kenntnisse, um beurteilen zu können, ob ein Ausbruch machbar und strategisch vorteilhaft wäre.


    Herzliche Grüße

    Eberhard

    Suche alles über die 101. Jägerdivision.

    Edited once, last by rebelau ().

  • Hallo Eberhard,


    Der Verbleib der Dokumente von 1945 ist einfach zu erklären; sie sind meistens von den Einheiten vernichtet worden, um nicht in Feindeshand zu fallen, oder in Privatarchiven verschwunden. Ein Teil dieser Privatarchive ist nach dem Tod der Besitzer an die BA-MA in Freiburg übergeben worden. Ob dies nun auch der Fall für Einheiten war, die im Kurland kämpften, kann ich dir nicht sagen.

    Deine Bemerkung in Bezug Schörner bringt mich etwas zum Schmunzeln, da Schörner im Osten und Model im Westen die treuesten Durchhalte- Generäle von Hitler bis zur letzten Stunde waren, die jeden auch noch so irrsinnigen Haltebefehl Hitlers ausführten. Schörner war schliesslich auch verantwortlich für die wahnwitzigen Haltebefehle bei der HGr. Mitte Ende April / Anfang Mai 1945 in der Tschechoslowakei, die vielen dort kämpfenden Einheiten zum Verhängnis wurden; selbst hat er sich dann kurz vor Toresschluss klammheimlich mit einem Flugzeug nach Deutschland aus dem Staub gemacht und seine Truppen ihrem Schicksal überlassen.

    Gruss


    Wolfgang

  • Hallo Wolfgang,

    das ist sicher alles plausibel und richtig. Dass Schörner extrem loyal war ist bekannt,

    er wurde dann ja von Kurland auch wieder abberufen. Es wird aber auch die Meinung vertreten, dass Hitler (in der Schlussphase) sich von ihm beeinflussen ließ; wie auch immer, die Frage ist, wie lange ein Ausbruch überhaupt noch möglich gewesen wäre. Der einzige Versuch ist ja nach zehn Tagen gescheitert.

    Herzliche Grüße

    Eberhard

    Suche alles über die 101. Jägerdivision.

  • Hallo Eberhard u. a. a. Leser,


    Es stimmt, Schörner war ein Steher und absoluter NS - Getreuer, aber dennoch muss man zur Kenntnis nehmen, dass er, um Kräfte freizubekommen, den Rückzug aus Riga, entegen dem Haltbefehl Hitlers, zur sog. "Tuckum Stellung" am Ostrand des Kurlandes plädiert hat. Daraufhin flog er am 11.10. 44 in Führerhauptquartier und ereichte die Rücknahme, nachdem er vorher eigenmächtig den Rückzug der 16. Armee aus Riga eingeleitet hatte.

    Vorsprachen bei Hitler von Guderian, von Natzmer die HGr. Nord im Kurland zum Schutze Ostpreußens einzusetzen verliefen ergebnislos.

    Ein Vorstoß in Richtung Süden zur Heeresgruppe Mitte unter gleichzeitigem Vorstoß der HGr. Mitte war von Hitler geplant, Befehl vom 10.10.44, hatte sich aber durch den weiteren russischen Vormarsch als unmöglich erwiesen. Auch hat man verschiedene Möglichkeiten, den Einschließundsring zu durchbrechen erwogen "Unternehmen Geier", als auch die von Schörner angeregte" Operation Viper" wurden von Hitler abgelehnt. Eine Vereinigung der Brückenköpfe Kurland und Memel war geplant.

    Hitler: "Im Osten stehen, Im Westen angreifen" ( Wacht am Rhein.)

    Es gab also Überlegungen aus dem Kurlandkessel auszubrechen/ zu evakuieren.l

    Soviel in Kürze,


    Gruß Karl

  • Hallo Karl, hallo zusammen,


    hier noch eine kleine Ergänzung zu Schörner, denn nicht nur gegen diesen Befehl opponierte er.


    Bereits im Febr. 1944 räumte er entgegen Hitlers Befehl, unhaltbare Stellungen östlich des Dnjepr und rettete durch den geordneten Rückzug auch ca. 1 800 Verwundete.


    Ebenso räumte er oberschlesisches Gebiet und rettete Truppen durch den Rückzug auf die Oderlinie. Auch hier handelte er entgegen den Befehlen Hitlers.

    Trotzdem wurde er am 5.4.1945 zum Generalfeldmarschall befördert.


    Am 5.5.1945 befahl er den Truppen seiner Heeresgruppe Mitte, sich vom Feind zu lösen und unter Mitnahme deutscher Bevölkerung die amerikanischen Linien anzustreben.


    Ich finde es allerdings schon bemerkensert, dass ein Befehlshaber der Wehrmacht, während er Rückzugsgefechte führt, Zivilisten auf seinem Rückzug mitnimmt. Ich weiß nicht, ob andere militärische Befehlshaber, in gleicher Lage, ähnliches gemacht haben.


    Quelle: Biografie von Johann Ferdinand Schörner in deutsche-biographie.de


    Viele Grüße

    Nicco

  • Hallo Nicco,


    auch wenn dies nichts mit dem eigentlichen Thema Kurland zu tun hat, möchte ich auf den dir erwähnten Befehl vom 05.05.1945 zurückkommen; dieser Befehl kam für die Heeresgruppe Mitte entschieden zu spät, denn ein Rückzug wurde von anderen Befehlsheber bereits für den 27. und 28.04.1945 vorgeschlagen, auch unter der Mitnahme der Zivilbevölkerung. Laut Aussagen des Generalstabschef General von Natzmer hat Schörner diesen Vorschlag verworfen, da dies mit seiner Mentalität und politischen Idee nicht zu vereinbaren wäre; auch nach dem Tod Hitlers am 30.04.1945 blieb der Befehl die Stellungen zu halten, bestehen, obgleich noch zu diesem Zeitpunkt die Chance bestand einen Grossteil der deutschen Truppen und der fliehenden Zivilbevölkerung zu retten. Somit braucht man meiner Meinung nach die Art und Weise der menschenverachtenden Befehlsführung Schörners während der letzten Kriegswochen nicht als Glanzleistung anzusehen. Betrachtet man die durch den Durchbruch der russisch-polnischen Verbände im April 1945 an der Oder und Neisse entstandenen militärische Situation für die Heeresgruppe Mitte kann man den Entscheidungen Schörners und seinem Kadavergehorsam, dem er selbst nach dem Tod Hitlers noch Treu blieb, nur schwer etwas positives abgewinnen. Auch sein feiger Abgang am 07.05.1945, den er gegenüber General von Natzmer mit dem Argument erklärte, dass seine Persönlichkeit zu stark herausgestellt und belastet sei, um sich in Gefangenschaft zu begeben, ist kein Ruhmesblatt im Gegensatz zu dem Mut, den Generaloberst Löhr (Oberbefehlshaber der HGr. E) aufbrachte, als er sich am 15.05.1945 in Maribor in jugoslawische Kriegsgefangenschaft begab und auf die Frage seines Generalstabschef, was er für sich von den Jugoslawen erwarte, antwortete "Mit Sicherheit den Tod".

    Dieser Beitrag soll nur eine Klammer zu dem Thema Schörner sein.

    Guss


    Wolfgang

  • Hallo Leute,

    für mich interessant, auch zum Thema, und Schörner gehört ja nun zu Kurland, er war ja längere Zeit Oberbefehlshaber der Heeresgruppe.

    Also gab es doch länger noch weitergehende Planungen für einen Ausbruch. Wie lange er militärisch möglich gewesen wäre, ob noch im Oktober, November, Dezember - fraglich.

    Lieber Karl,

    als auch die von Schörner angeregte" Operation Viper" wurden von Hitler abgelehnt. Eine Vereinigung der Brückenköpfe Kurland und Memel war geplant.

    darauf zielte eben die vorher gestellte Frage, wie Schörners Meinung, als Oberbefehlshaber, zu den Möglichkeiten eines Ausbruchs oder zum militärischen Sinn eines Haltens gewesen ist. Unabhängig davon, ob er diese Meinung dann auch umsetzte oder umzusetzen versuchte.


    Herzliche Grüße

    Eberhard

    Suche alles über die 101. Jägerdivision.

  • Hallo Eberhard,


    in dem Fall eines von Ostpreussen und dem Kurland aus geführten Angriff im Herbst 1944, hätten zu diesem Zeitpunkt keine Truppen in Ostpreussen zur Verfügung gestanden, da die Russen im Raum Goldap bereits auf deutschem Boden standen und es den deutschen Truppen nur unter Aufbietung aller zur Verfügung stehenden Verbände gelang die Russen wieder aus den von ihnen besetzten Gebieten in Ostpreussen zurückzudrängen; hierfür wurden auch Einheiten aus dem nördlichen Teil Ostpreussens herangezogen, wie z.Bsp. die 5. Panzerdivision.

    Dies war eine von den Russen geschaffene Tatsache, auf die nun Schörners Meinung keinen Einfluss mehr hatte; eine solche Operation war einfach nicht mehr möglich. Im November 1944 zog Hitler sogar noch Einheiten aus Ostpreussen für die Durchführung der Ardennenoffensive an der Westfront ab. Ob es nun möglicherweise den Einheiten im Kurland gelungen wäre, auszubrechen und das Gebiet von Ostpreussen zu erreichen, ohne dass ein Angriffe von Ostpreussen aus zu ihrer Unterstützung stattgefunden hätte, geht in das Reich der Spekulation.

    Gruss


    Wolfgang

  • Hallo,

    verfolge mittlerweile sehr gespannt die Posts in diesem Thread, weil mich die Beantwortung der aufgeworfenen Fragen stark interessiert.

    Immerhin gelang es den russ. Streitkräften nicht, den Kurlandkessel trotz der geführten 6 Schlachten zu liquidieren und das im 5./6. Kriegsjahr mit all den Nachschubproblemen an Waffen, Munition, Ersatz, Verpflegung und Versorgung der Verwundeten.

    Was müssen die betreffenden Wehrmachtsangehörigen dabei alles durchlitten haben, zumal ja keine Rettung spätetstens nach der 4. Kurlandschlacht mehr möglich erschien.

    Schörner empfinde ich als ambivalent. Militärischen Sachverstand abzustreiten, entspricht nicht den Tatsachen, wobei natürlich auch die rolle seiner jeweiligen Stabschefs zu beachten ist(Natzmer). In der Wahl seiner Mittel war er keinesfalls zimperlich. Gerade auch in den letzten Kriegsmonaten. Vater und Opa, beide 1945 HG ,,Mitte", wußten einiges zu berichten. Über seinen erbärmlichen Abgang wurde schon berichtet. Es klingt wie Hohn, wenn er behauptet, ein wichtiger Posten in der ..Alpenfestung" war der Grund seiner Flucht in Zivilsachen am 07.05.1945.

    Wenn ich mir die OBs der HG ,,Nord" bzw. HG ,,Kurland" taucht Rendulic 2x auf. Was hat es damit für eine Bewandtnis auf sich?

    MfG Wirbelwind

  • Hallo Wirbelwind,


    Rendulic gehörte ebenfalls zu den linientreuen Befehlshabern. Rendulic war sowohl im Januar 1945 wie im März 1945 für einen Zeitraum von nur 2 bis 3 Wochen Oberbefehlshaber der HGr. Kurland; dies gilt ebenfalls für die Besetzung des Postens als Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Nord. Zu diesem Zeitpunkt war an einen Ausbruch der HGr. Kurland nicht mehr zu denken, denn die deutschen Truppen in Ostpreussen waren in grosser Bedrängnis wegen der im Januar 1945 von der russischen Armee gestarteten Grossoffensive. Es wäre noch höchstens eine Evakuierung der im Kurland eingesetzten Einheiten über die Ostsee möglich gewesen. Wegen der immer nur kurzen Zeit, die Rendulic als Oberbefehlshaber eingesetzt war, konnte er sich keinen richtigen Überblick über die Situation bei der jeweiligen Heeresgruppe machen, geschweige denn eine mögliche Rettung der Heeresgruppe Kurland planen.

    Gruss


    Wolfgang

  • Hallo,

    danke Wolfgang für Deine Antwort. Du hast natürlich recht, wenn ein Einsatz nur für kurze Zeit erfolgt, unabhängig von der Person, ob linientreu oder nicht (Rendulic war dies auch in meinen Augen) konnte strategisch und auch taktisch nicht viel für die Truppe rüberkommen.

    So bewerte ich auch den kurzen Einsatz von Model vom 09.01.-30.03.1944, obwohl es in diesem Zeitraum noch zu keiner Kurlandschlacht kam. Die begann erst am 17.10.1944. Das war nach meiner Auffassung der letzte Termin, Oktober 44, wo sicherlich unter größten Anstrengungen und sehr hohem Risiko vielleicht noch ein Ausbruch möglich gewesen wäre. Hitler lehnte ja bereits die Operation ,,Viper" von Schörner ab, der die damalige HG ,,Nord" vom 25.07.44-14.01.45 führte. Selbst wenn der Räumungsbefehl gekommen wäre, stellt sich mir die Frage, wie lange die DKM in der Lage gewesen wäre, den Abtransport der dt. Truppen aus dem Kurlandkessel zu bewerkstelligen. Am 08.05.1945 sind wohl noch ca. 25700 Mann per Geleit aus dem Kurlandkessel letztmalig abtransportiert worden. Wieviel Wehrmachtsangehörige dazwischen per Seetranspoert oder durch die Luftwaffe aus dem Kessel ausgeflogen wurden, entzieht sich meiner Kenntnis. Ebenso das Verhältnis, wieviele Wehrmachtsangehörige in russ. Kriegsgefangenschaft gingen und wieviele davon nach Dtl. zurück kehrten.

    MfG Wirbelwind