Kriegschronik entschlüsseln

  • Hallo Zusammen,


    seit einigen Tagen recherchiere ich zur Geschichte meines Großvaters. Ich fange komplett bei Null an, da er (1994 verstorben) nie mit mir über den Krieg gesprochen hat. Jetzt würde ich gerne seinen Weg für die Familie nachzeichnen.

    Ich habe als Grundlage immerhin seine eigene und vielen hier bekannte Kriegschronik und auf deren Basis herausgefunden, dass er möglicherweise am 9.9.43 vor Korsika versenkt wurde. Laut Flotte betraf das am 9.9. nur zwei Uboot-Jäger. Den UJ-2203 oder den UJ-2219.


    in der Kriegschronik hänge ich vor allem in Zeile 5, wo es heißt:

    „Z 44 M S Fl“


    Könnt ihr vielleicht damit etwas anfangen?


    mich danke Euch vielmals für Eure Hilfe.

    Viele Grüße!

  • Hallo Alex,


    es heisst " zur 44. Minensuch-Flottille (44.MS-Flott.)

    Diese 44. Flott lag von Nov.1940- Sept 1944 in Blaye an der französischen Westküste. Sie bestand aus umgerüsteten frz. Hummerbooten, Fischloggern u Frachtern.

    Im BA- Freiburg gibt es dazu Akten (BA-MA RM 69/269).

    zur 44. Flott findet sich auch einiges online.


    Beste Grüsse

    Ingo

  • … „Z 44 M S Fl“ ...


    Hallo,


    in dem eingestellten Schmuckblatt werden (wohl aus Platzgründen) Abkürzungen verwendet, ausgeschrieben bedeutet der Text ... "Am 17.6.42 wurde er n(ach) Zeven einberufen u(nd) kam dann n(ach) Gotenhaven z(um) 1. Bordk(o)m(man)do z(ur) 44. M(inen)S(uch)Fl(ottille) n(ach) Frankreich zu Räumfahrten in der Biskaya bis Bayon(ne)" …


    Zu den Einheiten der 44.Minensuch-Flottille siehe auch hier: https://www.wlb-stuttgart.de/seekrieg/km/mboote/m31-46.htm


    Hast Du schon eine Anfragen an das Bundesarchiv/Abteilung PA gestellt? Bei Angehörigen der Kriegsmarine stehen die Chancen auf erhalten gebliebene Unterlagen nicht schlecht: https://www.bundesarchiv.de/DE…PA/unterlagen-abt-pa.html


    Gruß, J.H.

    Nett kann ich auch - bringt nur nix!

  • Hallo Ingo,

    Hallo J.H.,


    habt vielen Dank für Eure Schnelle Antwort. Jetzt habe ich den ersten Mosaikstein. Danke auch für die weiterführenden Links.


    Eine Anfrage beim Bundesarchiv werde ich in den kommenden Tagen stellen.


    Momentan kenne ich das Datum zu welchem er einberufen wurde und dass er in Frankreich bei der 44. Minensuch-Flottille stationiert war.

    Ich bin gespannt, ob er tatsächlich auf einem der beiden u-BootJäger war, die 1943 im September vor Korsika versenkt wurden und wie sein Weg dort hin war.


    Herzlichen Dank

  • Hallo Alex,


    die von Dir genannten U-Jäger UJ 2203 und UJ 2219 gehörten aber der 22. U-Jagdflottille an, die aber auch im Mittelmeer im Einsatz war. Ich habe für die 44. Minensuch-Flottille kein versenktes Schiff für den 9.9.1943 gefunden.


    Am 9.9.1943 wurden die U-Jäger UJ 2203 und UJ 2219 der 22. U-Jagd-Flottille wie auch die Marinefahrprahmen F 366 und F 612 im Gefecht mit den italienischen Torpedoboot "Aliseo" und der italienischen Korvette "Cormorano" in Bastia/Korsika versenkt. Die Marinefahrprahmen F 387, F 459 und F 623 versenkten sich selbst. Die fünf Marinefahrprahmen gehörten der 4.-Landungs-Flottille an.


    Da in der Chronik von "Dann Einsatz gegen die Partisanen" gesprochen wird, würde ich daraus schließen, das es sich hier um den ehemaligen Verbündeten Italien handelt. Da sich Italien am 8.9.1943 offiziell aus dem Kriegsgeschehen zurückgezogen hatte, kam es auch hier zu Auseinandersetzungen zwischen Italien und dem Deutschen Reich.


    Gruß

    Lothar

  • Hallo Alex,


    mein Großvater war bei der 22. U-Jagdflottille im Mittelmeer im Einsatz, weshalb ich mich bereits sehr intensiv mit dieser Flottille beschäftigt habe.

    Ich vermute dass Dein Großvater von der 44. Minensuchflottille zur 22. U-Jagd Flottille versetzt worden ist. Insbesondere die Angaben "U-Boot-Jagd Genua bis Salerno, La Spezia" passen sehr gut mit dem Einsatz der 22. U-Jagdflottille zusammen. Als Ende 1944 die Boote im Mittelmeer kaum mehr einsatzbereit waren, wurden immer mehr Besatzungsmitglieder dem Heer unterstellt und zur so genannten "Bandenbekämpfung" (Kampf mit italienischen Partisanen) eingesetzt. Mein Großvater wurde deshalb ebenfalls am 17.11.1944 dem Festungsbataillon 905 in Genua unterstellt. Dieses ging dann gemeinsam mit den Resten der 22. U-Jagdflottille am 27.04.1945 in Genua in die amerikanische Gefangenschaft.


    Zum dem Gefecht am 9.9.1943 von UJ 2203 (Kommandant Oberlt. z.S. Zelle) und UJ 2019 (Kommandant Obersteuermann Matsen) heißt es im KTB der 22. U-Bootjagdflottille wie folgt:

    6.00 Uhr: U-Jäger 2203 und 2219 laufen in Bastia aus.
    6.15 Uhr: vor Bastia, U-Jäger werden von Küstenbatterien Bastia unter Feuer genommen. Auf U-Jäger 2203 mehrere schwere Treffer. Kommandant fällt. Restbesatzung wird von Masch. Mt. Engelmann mit großer Umsicht und Schneid im anschließenden Gefecht mit ital. Torpedoboot „Aliseo“ geführt, der nach Verschuß aller Munition Boot durch Sprengladung versenkt, um es nicht in Feindeshand fallen zu lassen. U-Jäger 2219 wird nach Versenkung U-Jäger 2203 ebenfalls von "Aliseo" unter Feuer genommen und detoniert nach 4. Treffer. Restliche Besatzungsangehörige gelangen teils schwimmend, teils in Flößen an Land.


    In den nachfolgenden Gefechtsberichten werden einige Namen aufgeführt (Gefallene und Ausgezeichnete), ein Heinrich Klein? ist jedoch nicht dabei. Allerdings möchte ich Dich ermuntern, einmal beim Bundesarchiv nach den Unterlagen Deines Großvaters zu fragen. Insbesondere die Personalunterlagen der Kriegsmarine sind dort oftmals sehr umfangreich erhalten. Zu meinem Großvater ließ sich sogar seine Marinestammrollenakte mit samt Personalfoto ermitteln. Darin findet man dann alle Versetzungen und Bordkommandos.

    Als Literaturempfehlung möchte ich Dir abschließend unbedingt noch das Buch: "U-Boot Jagd im Mittelmeer" von Manfred Krellenberg empfehlen. Darin finden sich sehr viele Abbildungen der Boote und die chronologische Geschichte der 22. U-Bootjagdflottille"


    Beste Grüße


    Falko






  • Lieber Lothar,


    danke für Deine detaillierte Ausführung. Ich bin sehr dankbar, dass Ihr alle Euer Wissen teilt.


    Der Kriegschronik habe ich entnommen, dass mein Grossvater irgendwann nach dem 17.6.42 (Tag der Einberufung) zur 44. Minensuchflottille nach Frankreich berufen wurde. Irgendwann im Jahr 1943 soll er dann von dort zu den U-Boot Jägern in Italien gewesen sein.

    Ich dachte bisher, dass er dann genau in die von dir erwähnte 22. U-Jagdflottille berufen wurde. Also quasi gewechselt hat. dann könnte das Datum des Angriffs (9.9.43) und versenken durch Artillerie auf UJ2203 und UJ2019 passen. Haltet ihr das für möglich?

    Ich hoffe auf einen validen Beleg durch die Anfrage in der Abteilung PA.


    danke und viele Grüße!

  • Hallo Alex,


    wie von mir bereits beschrieben, wurden die beiden U-Jäger am 9.9.1943 bei Bastia/Korsika versenkt. Ob nun dein Grossvater von der 44. Minensuch-Flottille zur 22. U-Jagd-Flottille gewechselt hat, mag ich nicht sagen, ist aber möglich. Wie es sich aus der Chronik anhört, wird er gewechselt haben.


    Eine Anfrage hier solltest Du machen. Hier bekommst Du eine Aufstellung des militärischen Werdeganges von dein Grossvater. Es lohnt sich.


    Gruß

    Lothar

  • Lieber Lothar,


    ich danke Dir.

    Ich selbst habe den Kriegsdienst verweigert und damals Zivildienst gemacht. Daher habe ich bzgl militärischer Abläufe und Möglichkeiten keine Erfahrungen und bin fast ahnungslos.
    Entschuldigt daher solche Fragen zu Möglichkeiten bzgl Wechsel der Flotte.


    Viele Grüße und Danke!

  • Guten Abend ans Forum und an "alex.wertheim",


    bei der Bundeswehr leistete man keinen Kriegsdienst sondern Wehrdienst. Also waren Sie Wehrdienstverweigerer und kein Kriegsdienstverweigerer.

    Soviel Korrektheit und Respekt sollte sein.

    Mein Sohn ist Ihr Geburtsjahrgang. Er hat bei der Bundeswehr seinen Wehrdienst abgeleistet und keinen Kriegsdienst.


    Mit nachdenklichen Grüßen aus der Normandie


    Peter

    (PH)

  • Hallo Peter,


    sie haben völlig Recht. Ich habe mich in den vergangenen Tagen viel mit dem Krieg beschäftigt. Daher der Freud’sche Versprecher, der sicher nicht für Respektlosigkeit stehen sollte.


    Viele Grüße

  • Lieber Falko,


    Danke auch Dir für Deine Nachricht. Ich habe mir das Buch zur 22. U-Jagd-Flottille eben bestellt. Danke für den tollen Tip!


    Deinen Ausführungen nach bestünde die Möglichkeit, dass unsere Großväter Seite an Seite miteinander einen Teil dieses Krieges erlebt haben.

    Wie bist Du an das Kriegstagebuch der 22. Flottille gekommen?


    Sehr spannend alles. Via YouTube habe ich im Übrigen Videos von Tauchern gefunden, die um und in den beiden Wracks der UJ2203 und UJ2219 entstanden sind.

  • Hallo liebes Forum,


    mein Großvater (Heinrich Klein *27.2.25) war laut Kriegschronik vom 17.6.42 bis ins Jahr 1943 am Standort in Zeven.

    Da er später der 44. Minensuchflottille und vermutlich auch der 22. U-Jagdflottille angehörte, gehe ich davon aus, dass er in Zeven die 10. Marine-Ersatz-Abteilung, 2. Marine-Artillerie- Ersatz-Abteilung Oder 2. Unterseeboot-Ausbildungs-Abteilung durchlaufen hat.


    hat jemand von Euch hier Infos zu Tagesabläufen, Ausbildungsinhalten, Fotos oder Listen aus der damaligen Zeit? Ich bin an allem interessiert um das Leben meines Großvaters so detailliert wie möglich abzubilden.


    Die Anfrage beim Bundesarchiv zu meinem Großvater habe ich bereits gestellt und warte auf ein Ergebnis.

    In der Kriegschronik ist die Rede vom „1. Bordkommando 1943“ - ich gehe davon aus, dass es sich bei einem Bordkommando um das erste angeordnete Betreten eines Schiffes mit definierter Mission handelt? Liege ich da richtig?

    Herzlichen Dank schon jetzt für Eure Hilfe.

    Viele Grüße,

    Alex

  • Hallo,


    es wäre sinnvoller, Deinen ersten Thread zu dieser Suche fortzusetzen, damit die Informationen nicht aus dem Zusammenhang gerissen und ständig von verschiedenen Forumsmitgliedern die gleichen Fragen beantwortet werden: Kriegschronik entschlüsseln


    Gruß, J.H.


    Themen zusammengeführt, Diana

    Nett kann ich auch - bringt nur nix!

  • Hallo, Alex,

    Quote

    Werde ich künftig beherzigen!

    und bestimmt auch unsere Grußformeln, also Anrede, abschließende Grüße :)


    Danke + Grüße

    Diana


    Die Frau ist die einzige Beute, die ihrem Jäger auflauert (Ingelore Ebberfeld)

  • Hallo, Alex,

    und bestimmt auch unsere Grußformeln, also Anrede, abschließende Grüße :)


    Danke + Grüße

    Hallo,


    jawohl. Hattes es zuvor in allen vorherigen Kommentaren und Fragen bereits beherzigt und so auch im Betreffenden entsprechend abgeändert. Danke und


    viele Grüße

  • Hallo Alex,


    prima dass Du dir das Buch von Manfred Krellenberg bestellt hast. Darin wirst Du viele interessante Berichte über die Einsätze der 22. U-Boot-Jagdflottille und dem Schicksal der Besatzungen und Boote finden. Kurz werden auch die Tauchgänge zu den Wracks thematisiert.


    Das KTB der 22. U-Boot-Jadflottille ist im Bundesmilitärarchiv Freiburg einsehbar.


    ABER: Ich würde nun erst einmal abwarten, welche Informationen Du vom Bundesarchiv Berlin bezüglich Deines Großvaters erhältst. Nur anhand dessen lassen sich die exakten Stationen und Bordkommandos Deines Großvaters bei der Kriegsmarine feststellen.


    Wenn Du die Informationen vom Bundesarchiv hast, können wir hier sehr gern schauen, auf welchen Booten Dein Großvater gefahren ist und welche Informationen darüber verfügbar sind. Mein Großvater fuhr übrigens auf UJ-2221.

    Deinen Ausführungen nach bestünde die Möglichkeit, dass unsere Großväter Seite an Seite miteinander einen Teil dieses Krieges erlebt haben.

    Das wäre in der Tat möglich, wenn Dein Großvater tatsächlich ebenfalls bei der 22. U-Bootjagdflottille war. Dies gilt es nun zu belegen...


    Beste Grüße


    Falko

  • Hallo Alex,


    gehe ich davon aus, dass er in Zeven die 10. Marine-Ersatz-Abteilung, 2. Marine-Artillerie- Ersatz-Abteilung Oder 2. Unterseeboot-Ausbildungs-Abteilung durchlaufen hat.


    definitiv war dein Großvater nicht in der 10. Marine-Ersatz-Abteilung, da diese aus der 2. Marine-Artillerie-Ersatz-Abteilung entstammt. Die 2. Marine-Artillerie-Ersatz-Abteilung wurde am 1. Januar 1944 in 10. Marine-Ersatz-Abteilung umbenannt. Die könnte man ausschließen.


    Ob er in der 2. Unterseeboot-Ausbildungs-Abteilung war, ist fraglich. Aber das ist Spekulation.


    Wenn Du die Informationen vom Bundesarchiv hast, können wir hier sehr gern schauen, auf welchen Booten Dein Großvater gefahren ist und welche Informationen darüber verfügbar sind.


    Hier kann ich mich nur Anschließen. Wir helfen gerne.


    Gruß

    Lothar

  • Liebes Forum,


    Vielen Dank für Eure Hilfe bis hier hin.


    Ich möchte Euch über einige interessante Entdeckungen in Kenntnis setzen. Nach einigen Telefonaten mit meiner über neunzig jährigen Großmutter erzählte sie zum ersten Mal von einer Kiste, die sie verwahrt, in welcher einige Überbleibsel aus der Zeit des Krieges sein könnten. Mein Vater hat diese Gehenstände für mich fotografiert. Ich stelle die Fotos hier ein.

    Es handelt sich dabei unter anderem um eine Verleihungsurkunde des Minensuchabzeichens durch Kpt. z. S. Hans Rehm. Da Rehm zum betreffenden Zeitpunkt die 7. Sicherungsdivision geführt hatte, scheint es möglich, dass mein Opa auch der 22. U-Jagdflottille angehörte, denn die war Teil der betreffenden Division.


    Außerdem gibt es ein selbstgeschnitztes Relikt meines Großvaters aus der Gefangenschaft. Oben hat er eingebrannt: „Altamura 1945“. Aus den Erzählungen meiner Oma habe ich erfahren, dass er diese Schnitzerei in Gefangenschaft gefertigt haben soll. Über Altamura als Gefangenenlager habe ich online leider nur sehr wenig gefunden. Weiß Evtl jemand von Euch mehr dazu?


    Ich danke Euch schon jetzt. Viele Grüße!