Mit Ju 52/3mg über England abgeschossen, Mai 1940

  • Guten Tag,

    ich würde mich sehr freuen, in diesem Forum Hilfe zu finden. Es geht um meinen Vater, 1914-2003. Er sprach über die Kriegserlebnisse, aber nur wenig; zu der Zeit, als er noch fit war, war mein Focus auf andere Dinge gerichtet und ich habe einfach zu wenig gefragt. Dieses Schicksal teile ich sicher mit vielen. Inzwischen sind leider alle tot, die man noch hätte befragen können. So bin ich (63) hier gelandet. Aufgrund eigener Recherchen ist mir klar geworden, dass ich zu wenig in "kriegstechnischen" Kategorien denke, vielleicht sind da hier andere besser bewandert.

    Nun meine konkreten fragen, vorab eine kurzer Überblick, von den Dingen, die ich definitiv weiß:

    Michael S.

    01.11.1937 Wehrdienst Beginn

    31.04.1938 Flugzeugführerschule Frankfurt/Oder, A2

    B1 Ausbildung

    01.04.1939 C Schule Perleberg

    02.05.1939 C2 Ausbildung

    06.08.1939 Versetzt nach Tutow

    15.08.1939 Versetzt zum Flugkommando Berlin-Tempelhof

    01.08.1939 II. K.g. z.b.V. 1/11. Staffel

    01.09.1939 Einsatz als Sanitätstransportflieger im Krieg gegen Polen

    06.11.1939 versetzt zur 10. Staffel

    11.12.1939 enden die Eintragungen ins Flugbuch, der Rest des Buches bleibt leer

                                      Warum?

    09.04 1940 Teilnahme am „Unternehmen Weserübung“, Transportflüge mit JU 52 nach

    Trondheim, Bergen, Stavanger, Oslo

    10.05.1940 Ob mein Vater direkt an der Westoffensive beteiligt war, weiß ich nicht.

    Ein Staffelkamerad erzählte, sie seien einmal in Holland notgelandet.

    Vom Bundesarchiv (ehemals WAST) erhielt ich kürzlich folgende Auskunft:

    Letztmalig ist der Gesuchte mit einer Meldung von April 1940 -1941 als Angehöriger der Einheit 10. Staffel III./ Kampfgeschwader zur besonderen Verwendung 1 aufgeführt (Bundesarchivsignatur: B 563/06029 Seite 072).

    Aus den Kriegsgefangenenunterlagen (Bundesarchiv/Kriegsgefangene III/Engl./ 1677-015) geht Folgendes hervor:

    Michael, geboren 1914 in München

    Truppenteil: keine Angabe, Dienstgrad: Uoff./ Fel. (01.04.1944)

    Kriegsgefangenschaft:

    am 10.05.1940 in Den Haag in britische Gefangenschaft geraten

    am 22.11.1946 zurückgeführt

    Mein Vater wurde allerdings bei einem nächtlichen Flug mit der JU 52 gemeinsam mit Co-Pilot und Bordschützen über England durch einen Flaktreffer abgeschossen. Der Bordschütze war tot, erst sprang der Co-Pilot mit dem Fallschirm aus der brennenden Maschine, dann mein Vater. Nach Tagen meldete er sich in einem Farmhaus und wurde schließlich von MP abgeholt und nach London verbracht. Von dort ging es später nach Canada, erst Espanola, dann Lethbridge; nach Kriegsende wieder nach England zur Re-Education und am 06.12.1946 nach Hause.

    Der Co-Pilot war später wieder mit meinem Vater zusammen in Canada in Gefangenschaft. Von ihm erfragte meine Mutter später einmal, wo er mit dem Fallschirm runtergekommen sei. Er sagte bei Carmarthen (Wales).

    Meine Fragen:

    Warum ist als Ort der Gefangennahme Den Haag angegeben?

    ·       Wieso fliegt eine Ju 52 aus einem Transportgeschwader zu Beginn der Westoffensive nach England, und dann noch so weit nach Westen?

    ·       Wäre es denkbar, dass sie in den Wirren des Angriffs auf Holland von Den Haag in Richtung England gestartet sind?

    ·       Da mein Vater ein sehr gewissenhafter und loyaler Mensch war, kann ich mir nicht vorstellen, dass er einen Flug ohne Auftrag unternommen hätte.


    Von Den Haag nach Carmarthen sind es 580 km Luftlinie, mit der JU 52 wäre das ein Flug von ca. 3 Stunden gewesen.


    Danke im Voraus für evtl. Antworten!:)

    Elisabeth


  • Hallo Elisabeth,


    der Abschuss /Landung der Ju 52 erfolgte aller Voraussicht nach, nicht über/in England.

    Am 10.5.40 startete die III.KG zbV 1 in Gütersloh, um das Bataillon III./Fallschirmjäger-Regiment 1 halbkreisförmig um den Flughafen Waalhaven (südöstlich von Rotterdam) abzusetzen.

    Einige der Deutschen, die im Kampf um Holland in holländische Gefangenschaft gerieten, wurden so " rechtzeitig" nach Großbritannien verbracht, dass sie von der vorrückenden Wehrmacht nicht mehr befreit werden konnten.


    Beste Grüsse

    Ingo

  • Hallo,

    im weiteren Verlauf flog die III.KG zbV 1 Teile des InfRegt 16(LL) und des Stabes der Fliegerdivision 7 nach Waalhaven. In der Luft und am Boden verlor die III. Gruppe am 10.5.40 14 zerstörte Ju 52 und 2 schwer beschädigte.

    Da die Transporter stets in Staffelformation flogen, erscheint es unwahrscheinlich, dass sich eine einzelne Ju unbemerkt über den Ärmelkanal "verflogen" hat. Auch hätten sicherlich die 10-13 an Bord befindlichen Fallschirmjäger/Infanteristen heftig "protestiert".


    Beste Grüsse

    Ingo

  • Hallo,


    ich konnte folgende Verluste der 10/KGzbV-1 am 10.05.40 bei Rotterdam finden:


    Ju 52/3m Werksnummer 6786 Fw. W. Burger


    Ju 52/3m Werksnummer nicht genannt, Absturz bei Bechtel, Fw. P.F. Hecht


    Grüße

    Thilo

    Suche alles zur Lehrtruppe Fallingbostel und zum Einsatz des NSKK in der Ukraine 1941

  • Hallo Elisabeth,


    handelt es sich um Uffz. Michael S., Flugzeugführer in der 10./III./KG zbV 1 ?


    Dieser wurde am 10.5.1940 gegen 10:35 Uhr in der Ju 52, 6476, 1Z+JU, durch Flak abgeschossen.

    Die Ju 52 konnte noch notlanden, brannte danach aber aus.

    Als Verlustort ist der Westpolder, südwestlich Berkel, dokumentiert. 3 Mann gerieten in Gefangenschaft,


    Der Bordschütze Uffz. Lubbe, Max (* 10.7.1903, Labiau) wurde beim anschließenden Bodengefecht mit niederl. Truppen getötet.

    Uffz. Lubbe wurde in Berkel erstbestattet, nach dem Krieg nach Ysselsteyn umgebettet.

    Die 3 Überlebenden wurde nach der Gefangennahme nach England gebracht.


    Die Info stammt aus:

    - Liste der deutschen Gefallenen in den Niederlanden aus dem Mai 1940

    - Peter Cornwell, The Battle of France - Then and Now (Seite 229)


    Viele Grüße, Uwe K.

    "Phillipp - das ist nicht mehr die alte Gang."

  • Hallo Uwe,

    danke für die interessanten Informationen.

    Kann man auf Ihre Quellen im Internet direkt zugreifen?

    Ich würde das gerne selbst noch einmal nachlesen.

    Übrigens handelt es sich handelt es sich tatsächlich um Uffz. Michael S., Flugzeugführer in der 10./III./KG zbV 1. (mein Vater).

    Unklar ist mir nach wie vor, warum die Erzählungen meines Vaters und des Co-Piloten eine andere Variante berichten, und zwar von beiden mehrfach sehr detailreich geschildert.

    Warum hätten sie sich so etwas ausdenken sollen? Wahrscheinlich bleibt das ein Geheimnis ...

    Danke und beste Grüße,

    Elisabeth

  • Hallo Elisabeth,

    das genannte Buch findest Du im Internet nicht.

    Entweder über Fernleihe, oder kaufen.

    Herzliche Grüße, Uwe K.

    "Phillipp - das ist nicht mehr die alte Gang."

  • Hallo Elisabeth,


    tut mir leid, dass die anderen Informationen nicht so "interessant" sind....

    Vielleicht "stören" sie tradierte Erzählungen oder Vorstellungen:/?


    Ich bin jedenfalls raus aus dem Thread....


    Beste Grüsse

    Ingo

  • Hallo Elisabeth,


    das von mir genannte Berkel nennt sich voll ausgeschrieben: Berkel en Rodenrijs.

    Der Notlandeort befindet sich unweit vom heutigen Flughafen Rotterdam, der aber erst 1955 eröffnet wurde.

    An Bord befanden sich noch 10 Mann vom III./JR 16, die alle überlebt haben, 3 davon verwundet durch das Bodengefecht.


    Was die Story mit dem Englandflug betrifft: dazu habe ich null Peilung, das gehört für mich in den Bereich Märchen und Sagen. Der Einsatz gegen Waalhaven ist doch eigentlich spannend genug, finde ich.


    Sind die Namen der restlichen Besatzung von Interesse? Damit könnte ich ebenfalls dienen - kurze Nachricht genügt.


    Grüße, Uwe K.

    "Phillipp - das ist nicht mehr die alte Gang."

  • Hallo Uwe,

    natürlich sind die Namen der restlichen Besatzung von Interesse; einige habe ich noch persönlich kennengelernt (in den 80ger Jahren), inzwischen lebt keiner mehr.

    Das Buch "Peter Cornwell, The Battle of France - Then and Now" habe ich bereits bestellt. Ist mein Vater tatsächlich dort namentlich genannt?

    Danke im Voraus und beste Grüße,

    Elisabeth

    P. S. Ich kenne mich nicht aus in solchen Foren, daher weiß ich auch nicht, weshalb Herr Ingo gleich beleidigt ist und raus aus dem "thread" ist (was heißt das?)

    Wahrscheinlich bin ich zu alt für diese Sachen ...;)

  • Hallo Elisabeth,

    ja, dein Vater ist im Buch namentlich genannt. Dem Luftlandeangriff am 10.5.40 ist dort reichlich Platz gewidmet.

    "Thread" ist ein Themenstrang in Foren und Blogs. Die Erstnachricht mit allen Antworten und Beiträgen zu dem Thema. Die Namen suche ich dir nachher raus, habe gleich einen Termin.

    Gruß, Uwe K.

    "Phillipp - das ist nicht mehr die alte Gang."

  • Hallo,

    ich danke voerst allen, die sich mit Nachrichten meiner Fragen angenommen haben. Alles ist interessant und verwertbar!

    Herzliche Grüße,

    Elisabeth

  • Grüß Gott Elisabeth,


    herzlich willkommen hier Im Forum der Wehrmacht !


    Im Anhang der von Uwe K. genannte Bordschütze Uffz Lubbe Max


    Servus Eumex

    Vivat Bavaria

    Files

    • Lubbe Max.PNG

      (17.3 kB, downloaded 64 times, last: )
  • Hallo Elisabeth,


    Quote

    Wahrscheinlich bin ich zu alt für diese Sachen ...

    na, ist wohl fishing for komplement.;)... nein Ernsthaft , was Ingo moniert ist das die Info´s en passant angenommen werden

    aber selber nochmal geprüft gehören. Das ist aber nicht unsere Art, wenn wir Infos teilen ist das so wie die Akten es hergeben

    und mit zweit und dritt Quellen gegen geprüft. Unseren Infos sind belastbar und nachprüfbar.

    Das realisiert nicht jeder was missverständlich sein kann.


    Quote

    Unklar ist mir nach wie vor, warum die Erzählungen meines Vaters und des Co-Piloten eine andere Variante berichten, und zwar von beiden mehrfach sehr detailreich geschildert.


    Es ist Fliegerlatein, vielleicht war es zu unglaubwürdig in Holland von Soldaten der Britischen Expeditions-Korps gefangengenommen worden zu sein

    und nach England in Gefangenschaft zu gehen.

    Gruss Dieter

  • Hallo Elisabeth,

    ebenfalls in Gefangenschaft gerieten unverletzt:


    (Bf) Uffz. Schnittersmann, Heinz

    (Bm) Fw. Felger, Friedrich


    (übliche Abkürzungen - Bf: Bordfunker, Bm: Bordmechaniker)

    Flugzeugführer (F) und Bordschütze (Bs) sind ja bereits genannt. Damit ist die 4-köpfige Besatzung komplett.


    V. Grüße, Uwe K.

    "Phillipp - das ist nicht mehr die alte Gang."

  • Es ist Fliegerlatein, vielleicht war es zu unglaubwürdig in Holland von Soldaten der Britischen Expeditions-Korps gefangengenommen worden zu sein

    und nach England in Gefangenschaft zu gehen.

    Hallo Dieter,


    zum Fliegerlatein kommt nun hoffentlich nicht auch noch das FdW-Latein.

    Die Besatzung S. wurde natürlich von Soldaten der Niederlande gefangen genommen.


    Bis zum 10. Mai 1940 waren die Niederlande neutral und es befanden sich (abgesehen vom Botschaftspersonal, Militärattache, usw.) keine britischen Truppen in den Niederlanden. Das Britische Expeditionskorps (BEF) lag bis dahin in Frankreich.

    Erst in der Nacht 11./12. May wurde die "Harpoon Force" (651 Mann) über Hoek-van-Holland abgesetzt.


    Ein Teil der im Raum Den Haag gefangenen Wehrmachtsoldaten wurde am 13. und 14. Mai auf Royal Navy Schiffen nach England gebracht, und damit in Britische Gefangenschaft, als klar wurde, dass die Niederlande kurz vor der Kapitulation (15. Mai 40) standen. Dazu gehörten auch die Überlebenden der Besatzung S..


    Mit Grüßen, Uwe K.

    "Phillipp - das ist nicht mehr die alte Gang."

  • Hallo Uwe,

    jetzt weiß ich auch, warum mein Vater die Holländer nicht mochte! ;)

    Insgesamt bin ich sehr beeindruckt von den Kenntnissen, an denen ich in diesem Forum teilhaben darf.

    Die Auskunft vom Bundesarchiv war nämlich recht dürftig, und Rückfragen werden von dort nicht beantwortet - eben eine richtige Behörde.

    Vielen Dank und beste Grüße,

    Elisabeth

  • Grüß Gott Elisabeth,


    eventuell war es auch nach damaliger Zeitauffassung, wenig ehrwürdig schon am ersten Tag des Frankreichfeldzugs gefangengenommen worden zu sein, von Holländern.....


    Da passt natürlich England schon besser...


    Servus Eumex

    Vivat Bavaria

  • Hallo,

    nähere Informationen zum Einsatz der Harpoon Force in den Niederlanden im Mai 1940 und die Überführung deutscher Kriegsgefangener (wird mit 1350 Männern beziffert) nach Großbritannien:


    Quelle:

    http://www.waroverholland.nl/i…orces-in-hoek-van-holland

    Auszug:

    Last shipment of POW's

    Many German POW's had been assembled at several locations at The Hague and a few elsewhere in the country. When it became clear that the war was about to come into its final stages, an order was filed that the POW's were to be evacuated to England in order to prevent them from being freed by their comrades. The previous day the main bulk had been shipped to the other side of the Channel. The 14th another 339 POW's were transported from The Hague to IJmuiden. The men were boarded in IJmuiden on the steamship Hr Ms Texelstroom. At 1900 hours the ship departed for England.

    In fact the transport was an infringement of the prelimenary armistice [terms] that had been agreed before. But the Dutch did not pay much attention to this. The occupational force that soon came in place found out that the Hr Ms Texelstroom had left port after the capitulation and launched an investigation to the matter. The responsible Dutch Lieutenant was heard by the SS and stated that he had not been aware of the capitulation when he had sent off the ship. The Germans did not believe him, but when he stated that would he have known about the capitulation that he would not have stayed in the Netherlands but boarded the vessel himself, they believed him.

    In total about 1.350 German prisoners had been shipped to England. Of these men the majority had belonged to the German landing party at Ypenburg. The far majority of the POW's was member of an airborne or air landing troop, and then of course many Luftwaffe crews were amongst them too. All in all the Germans lost quite some well trained and fit young men when these men were taken away to POW camps in England [later Canada].



    Viele Grüsse

    Hubert