Netzfundstück: Otto Buer

  • Hallo zusammen,


    ich hab im Netz folgende Dokumente über einen Soldaten Otto Buer gefunden. Die Tragik hinter der Geschichte muss man nicht erläutern. Ich habe solche Dokumente ehrlich gesagt bisher noch gar nicht gesehen... Sie zeigen aber wieder einmal wie mörderisch und willkürlich damals über Leben und Tod entschieden wurde. Todesursache erst angeblich "Erschossen beim überlaufen zum Feind", nach dem Krieg stellt sich heraus, daß der Soldat vom Vorgesetzten kaltblütig ermordet wurde.



    Grüße


    Stefan

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  • Guten Tag ans Forum und an Stefan,


    Otto BUER ist in der Online-Datenbank des Volksbundes nicht verzeichnet.

    Auf den Seiten des Denkmalprojektes ist er jedoch auf dem Gefallenendenkmal der Gemeinde Breitenfeld / Kreis Herzogtum Lauenburg /Schleswig-Holstein namentlich zu finden.

    Das als kleine Ergänzung.


    Mit freundlichen Grüßen aus der Normandie


    Peter

    (PH)

  • Hallo Stefan, hallo Peter, hallo zusammen,


    mal von der völlig überzogenen Reaktion des Hptm. Pirschl abgesehen, ist der Beitrag sehr interessant. Zeigt er doch, wie Stefan treffend bemerkte, die willkürliche Entscheidung eines Vorgesetzten mit anscheinend, in diesem Moment, schwachen Nerven, die zur völlig ungerechtfertigten Erschießung des OGefr. Otto Buer führte. Der leider auch in der DRK Bildliste nicht aufgeführt ist (FPN: 14091, Band: BP, Seite: 316).


    Hier ebenfalls noch eine Ergänzung:

    Auszug aus der Offizierstellenbesetzung des Grenadier-Regiment 322 (Gr.Rgt.322) im Sommer 1943 (FPN: 14091D):

    Stab Gr. Rgt. 322: Kommandeur Oberstleutnant d. R. Karow, Adjutant Oberleutnant d. R. Pirschl.

    II. Bataillon (II./GR322): Kommandeur Major d. R. Gottfried Müller, Nachfolger Hauptmann d. R. Faforke.
    5. Kompanie:
    Chef Hauptmann d. R. Johannes Bobeth, Nachfolger Leutnant d. R. Griepentrop bis 19.2.43.

    6. Kompanie: Chef Oberleutnant d. R. Peter bis 03.43, Nachfolger Oberleutnant d. R. Thiel.

    8. Kompanie: Chef Hauptmann d. R. Neumann, Nachfolger Leutnant d. R. Hermann Wegner.


    Wie zu ersehen ist, war der spätere Btl.Kdr. II./Gr. Rgt 322 Hptm. d. R. Pirschl im Sommer 1943 noch Olt. d. R. und Adjutant im Stab und der spätere Kp.Chef 5./Gr. Rgt. 322 Olt d. R. Wegner war noch Lt. und Kp.Chef 8./Gr. Rgt. 322. Der Verfasser der Nachricht an die Ehefrau des OGefr. Buer, Lt. Domeyer, einer der wenigen aktiven Offiziere des Regiments, war im Sommer 1943 offensichtlich noch nicht bei dem Gr. Rgt. 322.


    Viele Grüße

    Nicco

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  • Hallo,

    ich habe die Diskussion hier verfolgt. Da der Vorfall am 20.Juli 1944 vorgefallen ist dürfte Pirschl erst sehr kurz das Bataillon geführt haben.

    Am 11.April 1944 starb mein Grossonkel Hauptmann Theodor Faforke, der als Nachfolger von Major Müller genannt wurde.

    Ist jemand bekannt, ob Hauptmann Pirschl überlebt hat ?


    Gruss

    Michael

  • Hallo Michael, hallo zusammen,


    der Vorfall hat sich ja schon am 8.7.1944 zugetragen. Warum in der Nachricht an die Ehefrau der 20.7.1944 genannt wird, wird wahrscheinlich ein Rätsel bleiben. Vielleicht wegen dem Attentat auf Hitler an diesem Tag?


    Wenn der Großonkel von Michael, Hptm. Faforke am 11.4.1944 gefallen ist, war Hptm. Pirschl noch nicht einmal 3 Monate Btl.Kdr. als es zu dem tragischen Ereignis kam. Heute würde man wohl sagen, dass er mit der Situation total überfordert war.


    Ist jemand bekannt, ob Hauptmann Pirschl überlebt hat ?

    Das habe ich mich auch schon gefragt und würde mich ebenfalls interessieren. Bei dem VdK gibt es jedenfalls keinen Eintrag, ob er gefallen ist oder vermisst wird.

    Vielleicht ergibt sich das aber noch.


    Viele Grüße

    Nicco

  • Hallo Nico,

    letztlich bleibt es Spekulation aber der Verdacht der Überforderung liegt Nahe. Ich frage mich weiter warum der Kamerad Godknecht dies nach dem Krieg bei einem Notar zu Protokoll gab. Offensichtlich war der Soldat Willi Godknecht mit der Führung, Domeier oder Pirschel äusserst unzufrieden. Da er dies notariell bekannt gab, gehe ich davon aus, dass entweder Domeier oder Pirschel überlebten. Wäre doch eine einfache Nachricht an die Verwandten schneller und kostengünstiger gewesen.


    Gruss

    Michael

  • Guten Tag ans Forum,


    für die notarielle Urkunde sind für mich zwei Erklärungen naheliegend. Erstens kann Herr Godknecht sich selbst für diese Form der Beurkundung entschieden haben, um den Wahrheitsgehalt seiner Angaben in besonderer Art und Weise herauszustellen. Zweitens kann er diese Beurkundung auf Wunsch der Familie Buer gewählt haben, weil die Familie für ihr weiteres Vorgehen in diesem Fall etwas Amtliches haben wollte.

    Im Forum ist uns bisher nicht mitgeteilt worden, ob wegen des Todes von Otto Buer wenigstens ein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde. Denn dann gäbe es eine weiterreichende Aktenlage.


    Die Geschichte lehrt, dass bei der Ahndung der Fahnenflucht von Wehrmachtsangehörigen in fortgeschrittenen Kriegsjahren nicht immer die militärrechtlichen Straf- und Strafverfahrensvorschriften im Vordergrund standen, sondern Hitlers Äußerung, dass der Deserteur sterben müsse und die schnelle und konsequente Ausführungspraxis, wie im vorliegenden Fall durch sofortiges Schießen durch einen" Vollstrecker des Führerwillens".

    Ein Beispiel von leider zu vielen.


    Mit freundlichen Grüßen aus der Normandie


    Peter

    (PH)

  • Hallo Michael, hallo Peter, hallo zusammen,


    die notarielle eidesstattliche Versicherung des Willi Godknecht, wurde ja eigentlich auf Veranlassung der Familie des Otto Buer abgegeben. Dies ergibt sich zweifelsfrei aus Blatt 2 der eingestellten Dokumente in dem Beitrag Nr. 1. Dort wurde festgehalten, dass der Schuhmachermeister Hans Buer das Schreiben der Einheit dem Willi Godknecht zur Kenntnis gab. Das war ja eigentlich gar nicht notwendig, denn Godknecht hatte ja Kenntnis von dem Vorfall, er war ja schließlich dabei. Dies bedeutet aber auch, dass Godknecht von sich aus keine Veranlassung gesehen hat, eine Versicherung an Eides statt abzugeben. Wahrscheinlich erst, als er darum gebeten wurde.


    Ich vermute, die Familie wollte den Otto Buer vollständig rehabilitieren und benötigte die notariell beglaubigte Versicherung zur Beweisführung. Peter schreibt in dem Beitrag Nr. 2, dass Otto Buer auf dem Gefallendenkmal in Breitenfelde verzeichnet ist. Vielleicht ging es darum. Ein Deserteur auf einem Gefallendenkmal, wohl kaum. Die Familie wollte mit Sicherheit klarstellen, dass der Ehemann, Bruder oder Sohn kein Deserteur war. War er auch nicht, dies ergibt sich zweifelsfrei aus Blatt 4 der eingestellten Dokumente. Willi Godknecht versichert eidesstattlich, dass es keine Überläufer gab, es gab nur Gefangene. Otto Buer war ein Gefangener, der mit der weißen Fahne als Parlamentär zu seinen eigenen Linien zurückgeschickt wurde, um die Einheit zur Kapitulation aufzufordern.


    Vielleicht ging es aber auch um ein zivilrechtliches oder sogar strafrechtliches Verfahren gegen die beiden zu diesem Zeitpunkt noch lebenden Offiziere Domeyer und Pirschl. Die Akten dieser Verfahren wären mit Sicherheit sehr aufschlussreich und interessant. Ich halte diesen Grund aber für eher unwahrscheinlich, schließlich hätte man den Willi Godknecht ja dann als Zeugen vorladen können.


    Viele Grüße

    Nicco

  • Hallo Forum,


    die damalige Kampfsituation wurde von dem ehem. Oblt. Wegner (5.Kp) wie folgt beschrieben ...

    GR 322.jpg


    Quelle: Kurland-Kessel.de


    Gruß

    Dieter

  • Wenn ich mir diese Geschichte durchlese, und ich habe keine Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Zeugen, denn er hat keinen Vorteil von einer falschen Aussage, und machte diese auch nicht aus eigenem Antrieb, versuchte sicher den sinnlosen Tod seines Kameraden zu verdrängen, dann hat der Schütze aus meiner Sicht nicht schlichweg aus Überforderung gehandelt, sondern aus meiner Beurteilung aus niedrigen Beweggründen getötet, was eine Mordanlage hätte nach sich ziehen müssen, zumindest nach 1945.


    Denn er tötete weil der Kamerad ihm einen Hinweis gab, dass der Kampf sinnlos sei und weiterer hoher Blutzoll zu erwarten ist, und der, der Reserveoffizier hier einen Verstoß gegen Befehle des Führers sah.


    Eine Verharmlosung und die Tat mit der möglichen Ungeeignetheit des Offiziers zu erklären ist für mich zu flach.

  • Hallo,


    ich habe einige ähnliche Situationen in Rückkämpferberichten der HG Mitte gelesen, in der Regel haben Offiziere die "Parlamentäre" mit den Worten: "Geben sie ihm eine Waffe, wir brauchen jeden Mann!" wieder eingereiht.

    Ich habe in einem Fall von einer Erschießung des "Parlamentärs" gelesen, was allerdings in einem weiteren Bericht der selben Rückkämpfergruppe nicht bestätigt wurde.


    Für mich handelt es sich im oben beschriebenen Fall um Mord!

    Wenn Pirschl überlebt hat, dann hoffe ich, dass er nach dem Krieg strafrechtlich verfolgt wurde.


    Gruß


    Dieter


    einiges zum Werdegang: http://gliederungundstellenbesetzung.blogspot.com/2009/01/

  • Hallo Dieter,


    besitzt du zufällig das Buch mit den Rückkämpferberichten der HG Mitte?


    Grüße


    Stefan

    Suche sämtliches Bildmaterial der 8.Infanterie- / Jägerdivision.

  • Hallo Stefan,

    nö, ich habe mir die Aufzeichnungen der Abwicklungsstäbe von John Sever heruntergeladen, darin finden sich eine Vielzahl von Rückkämpferberichten, sozusagen aus erster Hand, allerdings in '44 und '45 aufgeschrieben.


    Grüße


    Dieter

  • Hallo Dieter,


    liegt dir das als pdf.oder ähnliches vor? Würdest du die Daten teilen?

    MfG


    Stefan

    Suche sämtliches Bildmaterial der 8.Infanterie- / Jägerdivision.

  • Hallo,


    ob die Mordmerkmale bei Pirschl erfüllt sind würde/hätte sich erst in einer Gerichtsverhandlung gezeigt. Es hätte auch auf Totschlag hinaus laufen können.


    Gruß Karl

  • Hallo Karl,


    da hast Du absolut recht, wir wissen nicht wie ein Gericht entschieden hätte. Mord war es nur nach meiner persönlichen Rechtsauffassung und vor dem Hintergrund anderer Lösungen in ähnlichen Fällen durch "aufrechte" Offiziere.


    Beste Grüße


    Dieter

  • Guten Abend zusammen,


    mein lieber Dieter,

    na sieh an, da habe ich dich jetzt aber am Schlafittchen:


    Hast PN (Private Nachrichten)


    Alles gut.;)


    Grüße Thomas

    Alle sagten immer das geht nicht, dann kam jemand, der das nicht wusste, und hat es einfach gemacht!

  • Hallo zusammen,


    Eine Verharmlosung und die Tat mit der möglichen Ungeeignetheit des Offiziers zu erklären ist für mich zu flach.

    das Geschehen soll auf keinen Fall verharmlost werden, aber man sollte schon die gesamte Situation betrachten und den Druck bedenken, unter dem dieser Offizier stand. Er wollte mit Sicherheit verhindern, dass andere Soldaten sich ergeben und damit eine Kettenreaktion auslösen, die dann, zumindest für ihn, nicht mehr beherrschbar gewesen wäre.


    Natürlich ist Erschießung des Soldaten, wie bereits mehrfach beschrieben, komplett überzogen. Aber gerade hier spielt natürlich die Geeignetheit und die Erfahrung des verantwortlichen Offiziers eine wesentliche Rolle.


    Ein Mord ist es aber m. E. trotz allem nicht, denn es fehlt das Mordmotiv, der niederen Beweggründe, die man dem Hptm. Pirschl wohl schwerlich attestieren könnte.


    Wie Karl es bereits treffend erwähnte, wäre es mit Sicherheit, in einer strafrechtlichen Würdigung, höchstens auf einen Totschlag hinaus gelaufen.


    Viele Grüße

    Nicco