Schwerin Wallstrasse

  • Hallo und schönen 1. Advent ins Forum,

    toller Ausflug auf den tollen Weihnachtsmarkt in der schönen Landeshauptstadt von MV. Beim Spaziergang fiel mir das erste Haus in der Wallstraße \ Kreuzung Eisenbahnstrasse auf. Höhe erster und zweiter Stock ist das Haus gelb gemalt. Auffallend sind augenscheinliche Einschüsse im Mauerwerk zu erkennen. Vermutlich kleineres Kaliber aber verwunderlich ist daneben die Aufschrift:

    07. April 1945. Komisch, m. E. waren Amerikaner bzw. Engländer und Kanadier erst Anfang Mai in der Gegend. Die schreckliche Hinrichtung einer Lehrerin fand ja am 02. Mai 45 auf dem Bahnhofsvorplatz statt. Also: Was bedeuten die Einschüsse in der Höhe im Haus.? Spielt die Eisenbahnnähe eine Rolle? Straßenkämpfe mit...? Ich habe keine Ahnung und würde mich über weitere Infos freuen.

    LG und schöne Vorweihnachtszeit von Volker

  • Hallo Volker,

    schön, daß Du auch der Umgebung des Marktes deine Aufmerksamkeit geschenkt hast.. ..und uns mit dem Bild mal wieder in Erinnerung rufst, welche Spuren nach Mai 45 in eigentlich allen Städten an den Häusern zu sehen waren.


    Selbst kann ich mich an einen Besuch in Leipzig 1971 erinnern, wo ein ganzer Straßenzug mit viergeschossigen Mietshäusern noch von den Kämpfen gezeichnet war: auf beiden Seiten alle Fassaden voller Einschußlöcher, die noch nicht wieder verputzt waren. Zudem alle Häuser ohne Farbe - kurzum: "fast wie im Krieg".. (Und dann waren die Häuser auch noch bewohnt...) So etwas kannte ich (im Kindergarten-Alter) aus unserer Stadt im Süddeutschen gar nicht, da war sowas praktisch nicht mehr zu sehen, höchstens einzelne Einschüsse an einzelnen Häusern und auch das nur noch ganz selten. Außerdem zwei Grundstücke in der Innenstadt, wo nur noch das Kellergeschoß aus dem Boden lugte und ein bewachsener Schuttberg das ganze "zierte".. Rund ums Münster und an mehreren Stellen in der Stadt waren noch Ladenzeilen aus "Behelfsbauten" errichtet, die an die Zeit erinnerten, wo man über jede Art von Dach in der zu fast 90 % zerstörten Innenstadt froh war. ( Die letzten davon wurden Anfang der Neunziger Jahre durch zeitgemäße Neubauten ersetzt. )


    Als ich das vor zwei Jahren meinen Kindern (im Grundschulalter) erzählte, konnten sie sich so etwas gar nicht mehr vorstellen. Erst als wir dieser Tage mitten in der Stadt in einem Hinterhof eine das Grundstück abgrenzende Mauer entdeckten, die offene Fensterausschnitte aufwies und von der Aufmauerung her so gestaltet war wie die Kellergeschoßmauerrn der umgebenden Häuser, waren die Kinder zum Rätseln nach dem Grund animiert. Das Interesse war geweckt und allerlei Fragen zur damaligen Zeit an die Großeltern gestellt, wie denn das damals in deren Kindheit so war. Als ich dann ein paar Bilder der Stadt aus dieser Nachkriegszeit zeigte, waren sie merklich beeindruckt von dem ganzen. Ihr Resümée: "Hoffentlich bleibt uns so etwas erspart!".


    Dem ist wohl nichts hinzuzufügen, außer vielleicht dem Merksatz von Max Mannheimer, einem Holocaust-Überlebenden, der noch bis kurz vor seinem Tod (mit 96 Jahren) in die Schulen ging. Er sagte:

    "Ihr seid nicht dafür verantwortlich , was damals geschehen ist.

    Aber Ihr seid dafür verantwortlich, daß so etwas nicht wieder geschieht!"


    ( Nebenbei: die Häuser in Leipzig blieben noch bis zur Wende in diesem "Erhaltungszustand".. )


    So, nun hoffe ich, daß ich Deinen Beitrag nicht allzu weit "abgelenkt" habe.


    Herzliche Grüße und eine besinnliche Vorweihnachtszeit wünscht Dir

    Uwe

    An Informationen zur Heeres-Neben-Muna Kupfer, Muna Siegelsbach, Muna Urlau, Muna Ulm und zur Aggregat 4 - speziell Logistik für den Verschuß und den Eisenbahntransport- interessiert.

    Edited once, last by MunaLisa ().

  • Hallo Uwe,

    schöne interessante Worte und Gedanken von Dir..DANKE !!! Den Worten von Max Mannheimer ist nichts hinzuzufügen......

    Danke und LG Volker

  • Hallo Volker,


    außerdem ist zu bedenken, dass auch die Jabo - Angriffe die Spuren ihrer Bordwaffen hinterließen. Die habe ich selbst in dem Wohnhaus, das wir bewohnt hatten, nach dem Krieg im Dachgeschoß und den Balken gesehen.


    Gruß Karl

  • Moin Volker,


    interessantes Foto, vielen Dank dafür! :thumbup:


    Am Rande, auf den ehemaligen Rollbahnen und betonierten Straßen rund um den ehemaligen Fliegerhorst "Zwischenahn" findet man noch

    heutzutage die Spuren des alliierten Beschusses aus Tieffliegern und Jagdbombern in den Betonplatten der dortigen Wege...

    Einschläge, und die Wirkung/Streuung der damaligen Munition kann man immer noch sehen, sehr viele kleine Krater,

    und hunderte kleinere Einschläge rundherum, überall...


    Fühlt sich merkwürdig an, dort spazieren zu gehen, lange her, wird mal wieder Zeit für eine weitere Zeitreise im Kopf...


    Gruß


    Micha

    Phantasie ist auch eine Begabung

  • Hallo ins Forum, und herzlichen Dank für die Geschichten aus dem eigenen Erlebten. Zum Schluss noch Gedanken in eigener Sache. Im Jahr 2003 war ich beruflich in Berlin und musste zum Brandenburger Tor. Gerade eingerüstet und bereit zur Restaurierung. Ein Bauleiter fragte ob ich mal hoch zur Quadriga möchte ? Unfassbar, mit Gänsehaut pur stieg ich die Stufen hoch. Überall sah man noch Spuren der Kämpfe und reparierte Einschüsse. Die Wunden waren weg, aber Narben bleiben.... Oben auf dem Brandenburger Tor ging dann der Mund nicht mehr zu...unglaublich, für mich DER zentrale Punkt in Deutschland...und ich war da, ja sogar drauf. Wie geschichtsträchtig ist dieser Ort !!!??? Noch heute erinnere ich mich an diese Minuten und bleibe lange vor und unter dem Tor stehen. Das vergesse ich nie und...ja...ich habe den Po des Pferdes gestreichelt.:saint: Ich wollte nur kurz Euch an diesem Erlebnis teilhaben lassen und wünsche Allen besinnliche und friedliche Festtage.! LG Volker

  • Moin Volker,


    danke für deine schöne Erinnerung an den Besuch des Brandenburger Tores, ich kann es gut nachvollziehen, daß dich

    diese Situation berührt hat, sehr schön. :thumbup:


    Wenn man mit offenen Augen durch die Welt läuft, und wenn man sich an die Jahre erinnern mag, dann finden sich diese späten

    Spuren des Krieges überall...

    Selbst einzeln stehende Gehöfte auf dem platten Land wurden aus der Luft beschossen, diese Einschläge kann man teilweise noch

    heutzutage sehen, zumindestens in Norddeutschland, so meine pers. Erinnerung.


    Nie wieder Krieg!


    Micha

    Phantasie ist auch eine Begabung