Aufenthalt bei Zieheltern Mitte 1938 / Rundreise durch deutsche Städte

  • Hallo Forum,


    ich habe in den Unterlagen meines Vaters (Geb.Jahr 1920 / Wien) einige Postkarten gefunden, wo er über seinen Aufenthalt in deutschen Städten an seine Eltern schreibt.

    Es beginnt im März 1938, wo er eine Karte aus Weimar "von meiner neuen Arbeitsstelle viele herzliche Grüße" sendet. Den Großteil des Textes konnte ich entziffern, nicht jedoch jenen Text, der am

    linken und unteren Rand der Karte steht. Es muss so etwas wie ein Absender sein. Vielleicht könnt ihr mir dabei helfen?


    Weiters habe ich noch mehrere Karten aus Erfurt, Chemnitz, Jena, Leipzig sowie Weimar gefunden. Auch von der Wartburg war etwas dabei.

    Auf einer dieser Karten aus Erfurt schreibt mein Vater, dass er "dann unseren Zieheltern zugeteilt" wurde und sich dort gut aufgehoben fühlt.

    Im Juni 1938 hat er bei diesen Zieheltern gewohnt und all diese Orte besucht.


    Da seine leiblichen Eltern in Wien lebten, verwirrt mich diese Bezeichnung "Zieheltern". War das damals üblich, einen 17jährigen Burschen so zu "verschicken"?


    Grüße

    Harald


    1938_19380310_Karte Weimar_3.jpg

  • Hallo Harald,


    Der Absender lautet wohl:


    " Hilde Müller, Salon, der Dame, Weimar, Rittergasse 7, Thüringen "


    Zieheltern ? Da er wohl in kurzer Zeit in mehreren, verschiedenen Orten, vielleicht eine Art Praktikum absolvierte,

    wurden seine Wirtsleute vielleicht als Zieheltern bezeichnet - er war noch nicht volljährig.


    MfG Ludwig

    Never let go!

  • Hallo Harald,


    mein Vater war Baujahr 1913 und ist Anfang der 30-er Jahre 2 mal auf Wanderschaft gegangen.

    Zu Hause mußte die Werkstatt des Opas schließen und er versuchte mit seinen "Reisen" auf

    eigenen Beinen zu stehen.

    Das erforderlich Taschengeld haben seine Freunde und er sich mit Arbeit auf Bauernhöfen ver-

    dient. In einigen Fällen gab es wohl empfohlene Unterkünfte bei örtlichen Organisationen.


    Vielleicht hat dein Vater es ja auch so gemacht.


    Gruß Roland

    Als ich hätte fragen sollen, war ich zu jung.
    Als ich hätte fragen wollen, waren Sie zu alt.

  • Hallo zusammen!


    Mein Vater (Jg. 1913) und sein ein Jahr jüngerer Bruder gingen auch "auf die Walz", wie man das damals nannte. Die Arbeitslosigkeit war damals wohl hoch, und man musste sich bei verschiedenen Bauern oder Handwerksbetrieben verdingen, um ein wenig Geld zu verdienen.

    Das gab es wohl häufiger. 1933 haben sich dann beide zum sogenannten 100.000-Mann-Heer in der Reichswehr verpflichtet.


    Gruß Cristiane

    "Feigheit ist die Mutter der Grausamkeit" Montaigne


    Suche Einsatzorte 3./schwere Artillerie Abt. 848 ab Juni 1943


  • Hallo,


    bei Zimmerleuten lautet der Fachbegriff hierzu "Walz" ......auf der Walz sein!*

    Unter diesem Begriff findet man sehr viel zu diesem Brauch im Netz..

    Der Sinn bestand darin, in vielen Werkstätten vieles dazu zu lernen und so die Handwerksfertigkeiten bzw. die Handwerkskunst auf hohem Stand zu halten und das Wissen zu verbreiten und verbreitern. Der auf der Walz befindliche Geselle brachte ja auch Fertigkeiten, Tricks und Kniffe in den Betrieb/Werkstätte/Zimmerei etc. Für seine Arbeit erhielt er Unterkunft, Verpflegung und eine Taschengeld. Zimmereien waren auch verpflichtet diese Walz -Gesellen mindestens eine Nacht aufzunehmen. Hier spielen auch die "Zünfte" und deren Bräuche eine Rolle.


    Nur nebenbei, die "Walz" ein Stoff der damals schon die Gemüter bewegte:

    In der Komischen Oper "Zar und Zimmermann" von Lortzing begab sich der russische Zar Peter der Große als Zimmermann anonym auf die Walz nach Zaandem in Holland um den Schiffbau zu lernen - und letztlich eine russische Flotte aufzubauen -, wurde aber erkannt und ein Verwechslungsspiel (Opernhandlung) nimmt seinen Lauf.....


    Gruß Karl


    * Christiane kam mir mit der Begriffserläuterung zuvor bzw. dazwischen, denn sonst hätte ich nicht wiederholt.

  • Hallo,


    Quote


    " Hilde Müller, Salon, der Dame, Weimar, Rittergasse 7, Thüringen "

    der Damenfrisiersalon hieß Lenoneck, vielleicht war Frau Müller dort angestellt oder hatte ihn gepachtet.


    Grüße

    Thilo

    Suche alles zur Lehrtruppe Fallingbostel und zum Einsatz des NSKK in der Ukraine 1941

  • Hallo allseits,


    vielen Dank für eure Hinweise, die interessant sind. Mit der "Walz" habe ich bisher eher einen bayrischen Ausdruck für eine Arbeitssuche verbunden.


    Meinen speziellen Dank an Thilo für die Info zum Damenfrisiersalon. Die Namensgleichheit des Familiennamens zwischen "Hilde Müller" und meinem Vater Kurt Müller ist mir sofort aufgefallen.

    Ich kann es natürlich nicht ausschließen, dass es damals bei meinen (Ur-)Großeltern einen erweiterten Verwandtenkreis auch in Deutschland gegeben hat und mein Vater eine Art Lehraufenthalt in Weimar absolviert hat.

    Seit ich mich mit dem Leben meines Vaters intensiv auseinandersetze, tauchen immer wieder neue Situationen auf, die es zu erforschen gilt.


    Grüße Harald