Ein sensibles Thema?

  • Hallo,


    m. E. kann die Erklärung, warum die Beschriftung des Bildes so erfolgt ist wie beschrieben, einfacher sein, als gedacht. Unter Berücksichtigung des Zeitpunktes der Aufnahme ist davon ausgehen, dass dem Vater von Edith wie auch die übrige "normale" deutsche Bevölkerung natürlich von dem was den Juden in Form von Entfernung aus dem öffentlichen Leben, Enteignungen, Deportierungen usw. angetan wurde, bekannt war. Ich gehe sogar davon aus, solange man die Betroffenen nicht persönlich kannte, überwiegend mit mindestens stillem Einverständnis. Das schließt auch Todesopfer ein, in einem überschaubaren, damals erklärbaren Umfang. Ich bezweifle allerdings, dass an diesem 24. Juli 1942 den Beobachtern der Szene das gesamte Ausmaß, also die Absicht bzw. die in der Sowjetunion bereits angelaufene systematische Vernichtung der europäischen Juden, bekannt war. Zumal die Aktion Reinhardt zur gleichen Zeit erst anlief. Die Frauen auf dem Bild sehen, soweit es die Bildschärfe zu erkennen zulässt, weder abgemagert noch zerlumpt aus, so dass die Situation dem entspricht, was man in Bezug auf den Umgang mit den Juden in der breiten Bevölkerung durchaus wohlwollend gebilligt hat. Als der Vater von Edith das Album angelegt hat, war ihm die Monstrosität des Ganzen dann wohl klar. Das kann bereits zeitnah in der Ukraine passiert sein, vielleicht auch erst später, nach dem Krieg. Es hat jedenfalls dazu geführt, das Bild falsch zu beschriften um sich so jeglichen Verdachts einer Billigung oder gar Beteiligung zu entziehen. Auch für das eigene Gewissen. Das wäre ein Erklärung für mich.



    Gruß


    Ulf

  • Hallo Ulf,

    ich halte deine Erklärung für plausibel. Das Foto und die Beschriftung auf der Rückseite erfolgten zeitnah, die Anlage des Fotoalbums aber vermutlich nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er auf seinen sehr abenteuerlichen Fahrten zum Einsatzort Zeit und Muße für das Album hatte. Daher könnte es gut sein, dass dies erst später erfolgte, vielleicht sogar nach Beendigung des Krieges, und dann war das ganz sicherlich ein sehr "sensibles" Thema. Für mich scheint damit die falsche Beschriftung aufgeklärt. Danke.

  • Hallo,


    ein anderer Aspekt:


    Fotos, die damals gemacht wurden, wurden gut zu 99,9% in einem Fotolabor entwickelt, also von Dritten gesehen. Wer konnte wissen, was passiert, wenn dort Fotos politisch sensibler Bereiche auftauchen? Judenverfolgung, aber auch Luftkriegsschäden, eigene Gefallene usw.


    Mach ich ein Foto, wenn ich dafür möglicherweise ein Date mit der GeStaPo bekomme?


    Grüße

    Thilo

    Suche alles zur Lehrtruppe Fallingbostel und zum Einsatz des NSKK in der Ukraine 1941

  • Moin Thilo,


    du hast ein sicher wichtiges Thema angesprochen, wurden alle Filme damals nur von Hand entwickelt, gab es maschinelle Verfahren zur damaligen

    Entwicklung, war hat die Negative, die Papierabzüge vor der Weitergabe an den Aufnehmer gesehen?

    Wurden solche privaten Bilder von der damaligen "Front" gar von einem "Staatlichen Auge" gesehen, vielleicht sogar zensiert..?


    Ein sehr spannendes Thema, sicher haben die wenigsten damaligen Fotografen die eigenen Bilder selbst entwickeln können,

    da kaum jemand ein eigenes Fotolabor zur Verfügung hatte...


    Kommt mir dabei das "System" des MfS in der ehemaligen SBZ/DDR in den Sinn, die hatten ihre Augen überall, bis in die letzte Kloschüssel,

    sehr fein abgeschrieben von ihren Lehrherren, den Nationalsozialisten.


    Wer einmal auch nur in das monströse Werk von Heinz Boberach Meldungen aus dem Reich

    - Die geheimen Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS 1938-1945 -

    geschaut hat, den verwundert nichts mehr...


    Gruß


    Micha

  • Kommt mir dabei das "System" des MfS in der ehemaligen SBZ/DDR in den Sinn, die hatten ihre Augen überall, bis in die letzte Kloschüssel,

    sehr fein abgeschrieben von ihren Lehrherren, den Nationalsozialisten.

    Hallo Holzkopf,


    konntest dir nicht verkneifen, oder? Ich frage mich nur, wieso und aus welchem Grund dir das in den Sinn kam! Hast du schon was von Organisation Gelen gehört? Ist dir womöglich entgangen, dass die "Lehrherren, den Nationalsozialisten" die Geheimdienste im Westen und in Südamerika aufgestellt und geleitet hatten? Wusstest du nicht, dass diese "Lehrherren" die Henker derer waren, die später die NVA und MfS gründeten. Wenn du die KGB aufgeführt hättest, könnte ich das noch nachvollziehen...


    In übrigen, in SBZ gab es keine MfS, und was dir offenbar nicht bekannt ist, alle Berichte bis auf die aus der "letzte Kloschüssel" wurden nach der Wende feinsäuberlich abgefordert und werden weiterhin auch heute noch gebraucht und benutzt, dreimal darfst du raten durch wen! Übrigens meine Person betreffende Akte ist auch nach Köln verschickt worden!


    P.S. Bevor dir wieder irgendwas geistreiches in den Sinn kommt, nur zur Info: der Großvater meiner Frau wurde als einbeiniger Invalide des I. WK und KPD-Mitglied von den "den Nationalsozialisten" am 21.01.1943 in Mauthausen hingerichtet...

    Gruß Viktor

    Edited 3 times, last by Viktor7 ().

  • Moin Viktor,


    du akzeptierst mein obiges Posting bitte als meine pers. Meinung zu den damaligen Geheimdiensten, mehr ist es bitte nicht.

    Meinen Hinweis auf die Taschenbuchausgabe des Werkes "Meldungen aus dem Reich" solltest du akzeptieren,

    ist Standardliteratur zu diesem Thema.


    Die Feinheiten der kommunistischen Geheimdienste vor, und nach 1945 sind mir ansatzweise bekannt, ist mehr als genug.



    Gruß


    Micha

    Phantasie ist auch eine Begabung

  • du akzeptierst mein obiges Posting bitte als meine pers. Meinung zu den damaligen Geheimdiensten, mehr ist es bitte nicht.

    Hallo Holzkopf,


    nein, diese akzeptiere ich nicht, denn diese ist Grundfalsch. Manch eine "pers. Meinung" kann man getrost auch für sich behalten. Zumal mit dem Thema absolut nicht zu tun hat!

    Gruß Viktor