Kriegsdienstverpflichtung von Frauen im Herbst 1944

  • Guten Morgen


    Meine Grossmutter wurde als junge, unverheiratete Frau im Herbst 1944 in Ostpreußen angeblich kriegsdienstverpflichtet:

    "Sie verlässt uns, da sie von der HJ in Zusammenhang mit dem Arbeitsamt ab sofort kriegsdienstverpflichtet wurde."


    Was muss ich mir darunter vorstellen?


    Ihr Verlobter war bei der HJ. Könnte er ein entsprechendes Papier veranlasst haben, damit sie ihre Arbeitsstelle aufgeben konnte? Tatsache ist nämlich, dass sie einen Tag später dann zu seiner Mutter nach Süddeutschland reiste.


    Besten Dank und viele Grüsse


    Karin

  • Hallo Karin.


    per Erlaß vom 13. Januar 1943 / Ausführungsverordnung vom 27. Januar 1943 waren alle Frauen zwischen 17 und 45 Jahren kriegsdienstpflichtig und hatten sich dem Arbeitsamt zu melden, Ausnahmen nur bei schwangeren, Müttern noch nicht schulpflichtiger Kinder oder wenn zwei Kinder unter 14 Jahren im Haushalt lebten. Am 29. Juli 1944 wurde diese Regelung auf 45-50 jährige ausgedehnt.


    Grüße

    Thilo

    Suche alles zur Lehrtruppe Fallingbostel und zum Einsatz des NSKK in der Ukraine 1941

  • Hallo Thilo


    Sehr spannend. Das erklärt also schon mal kriegsdienstverpflichtet und Arbeitsamt.


    Besten Dank und viele Grüsse


    Karin

  • Hallo,


    gibt es darüber zufällig irgendwo Unterlagen?

    Wurden Personalakten oder so was ähnliches für die Frauen angelegt?


    Viele Grüße,


    Jürgen

  • Tag allerseits,


    interessant auch, dass es eine ähnliche Regelung auch in der Jetztzeit gibt.


    In Art. 12 a GG ist u.a. geregelt


    (4) Kann im Verteidigungsfalle der Bedarf an zivilen Dienstleistungen im zivilen Sanitäts- und Heilwesen sowie in der ortsfesten militärischen Lazarettorganisation nicht auf freiwilliger Grundlage gedeckt werden, so können Frauen vom vollendeten achtzehnten bis zum vollendeten fünfundfünfzigsten Lebensjahr durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes zu derartigen Dienstleistungen herangezogen werden. Sie dürfen auf keinen Fall zum Dienst mit der Waffe verpflichtet werden.


    Grüße

    Bert

  • Hallo zusammen,


    Quote

    In Art. 12 a GG ist u.a. geregelt

    genau, da ist geregelt das Frauen eben nicht für allen denkbaren Einsätze "gezogen" werden dürfen.


    Während des Krieges gab es neben dem hier schon beschriebenen den Kriegs-Hilfs-Dienst, RADwJ u.w.

    Der Hintergrund war hier fehlenden Männer wo möglich zu ersetzen in Industrie und im öffentlichen Bereich.


    Das macht den Punkt

    Gruss Dieter

  • Guten Abend


    Vielen Dank für die Antworten.


    Hat jemand einen Hinweis, was "von der HJ" bedeuten könnte?


    Beste Grüsse


    Karin

  • Hallo Bert,


    HJ = Hitlerjugend, das wusste ich schon :-)

    Meine Frage zielte eher dahin, welche kriegsdienstverpflichtungen es im Rahmen der HJ gab.

    Das naheliegendste in diesem Fall wäre das Schippen der Panzergräben gewesen in Ostpreußen gewesen.

    Da war sie im Rahmen des BDM aber zusammen mit der HJ ohnehin schon eingesetzt.

    Warum also dann diese Kriegsdienstverpflichtung? Um 100% für das Schippen eingesetzt zu werden, satt weiterhin fünf Tage die Woche im Büro zu sitzen und erst anschliessend zu schippen?


    Viele Grüsse


    Karin

  • Hallo zusammen!


    In meinem leider spärlichen Fundus von Schwarz-Weiß-Fotos aus der Kriegszeit findet sich auch eines, auf dem eine Tante vor einem Straßenbahnwaggon in der Uniform einer Schaffnerin abgebildet ist. Wo und wann das Bild aufgenommen wurde, ist mir nicht bekannt (evtl. Wien). Meine Tante wurde wohl im Krieg als Straßenbahnschaffnerin eingesetzt, ihr Beruf war es sicher nicht.


    Gruß Cristiane

    "Feigheit ist die Mutter der Grausamkeit" Montaigne


    Suche Einsatzorte 3./schwere Artillerie Abt. 848 ab Juni 1943


  • Tag allerseits,


    Hitler war erst in den letzten Kriegsjahren bereit, Frauen für kriegswichtige Arbeiten einzusetzen.


    Dann waren Frauen als Postboten unterwegs. Bei der Deutschen Reichsbahn sah man Frauen als Zugschaffner und in sonstigen Verwendungen. Selbst bei den gemeindlichen Stadtwerken wurden dann verstärkt Frauen verwendet (Straßenbahnschaffnerinnen usw.). In den Büros von Behörden und Verwaltungen wurden die meisten männlichen Kräfte eingezogen und durch Frauen ersetzt.

    Der Kohlenhändler in unserer Gemeinde setzte ab 1944 Frauen ein, weil seine männlichen Bediensteten samt und sonders zur Wehrmacht mussten.


    Die Beispiele ließen sich beliebig erweitern.


    Gruß

    Bert

  • ... Das naheliegendste in diesem Fall wäre das Schippen der Panzergräben gewesen in Ostpreußen gewesen.

    Da war sie im Rahmen des BDM aber zusammen mit der HJ ohnehin schon eingesetzt.

    Warum also dann diese Kriegsdienstverpflichtung? Um 100% für das Schippen eingesetzt zu werden, satt weiterhin fünf Tage die Woche im Büro zu sitzen und erst anschliessend zu schippen? ...


    Hallo,


    die weiblichen Angehörigen des BDM und der HJ wurden nicht nur "zum Schippen von Panzergräben" eingesetzt. Sie kamen unter anderem auch in der Landwirtschaft z.B. als Erntehelfer, als Hilfskraft im Sanitätsdienst, als Melder im Luftschutzdienst und SHD und auch bei den Feuerwehr zum Einsatz. Vor allem bei den Feuerwehren herrschte akuter Personalmangel, weil die meisten wehrtauglichen Feuerwehrmänner einberufen wurden und die Zahl der britischen und amerikanischen Luftangriffe auf die deutschen Großstädte und Industriezentren ab !942/43 massiv ausgeweitet wurden (Area Bombing Directive).


    Diese Dienstverpflichtung hatte auch den Hintergrund, dass die Arbeitgeber damit verpflichtet waren, ihre Mitarbeiter für die Zeit der Dienstverpflichtung ohne Entschädigung freizustellen - ggf. auch über längere Zeiträume. Außerdem entfiel dadurch die Möglichkeit, den dienstverpflichteten Mitarbeitern zu kündigen.


    Gruß, J.H.

    Nett kann ich auch - bringt nur nix!