Was war ein Bereitstellungsschein? Küstenhilfswehr Memel

  • Hallo zusammen,


    bei der Durchsicht von CAMO-Akten zum XXVIII. AK (Herbst und Winter 1944, Memel) ist mir eine Einheit in Bataillonsstärke untergekommen: Küstenhilfswehr (Memel).

    Diese Einheit wurde wahrscheinlich Mitte Juli 1944 in Memel aufgestellt und war nach der Bildung des Brückenkopfes Memel auf der Nehrung im Rahmen der Div. z. b. V. 607 als Kampftruppe eingesetzt.

    Ende Dezember 44 wurde die Küstenhilfswehr schließlich in den Volkssturm überführt.


    In der angehängten Quelle heißt es: "Die KHW hat seinerzeit einen Bereitstellungsschein vom Seekommandanten im Abschnitt Memel erhalten, ist jedoch nicht im eigentlichen Sinne Soldat."

    Kam so eine "Einberufung" mit Bereitstellungsschein öfter vor? Ich habe davon noch nie gehört.

    Wie war der rechtliche Status einer solchen Truppe?


    Danke für eure Hinweise

    Frank

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  • Hallo Frank,


    ein Bereitstellungsschein ist eine Mob-Anweisung, in der steht daß sich im Mob-Fall zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort einzufinden ist. In dem Fall hier also eine eher vorbereitende Maßnahme.


    Grüße

    Thilo

    Suche alles zur Lehrtruppe Fallingbostel und zum Einsatz des NSKK in der Ukraine 1941

  • Hallo Thilo,


    vielen Dank für die Information. Ich verstehe diese "Mobilisierung" im vorliegenden Fall als eine Art Notmaßnahme des Seekommandanten Memel.

    Im Juli 1944 war ja die Rote Armee nach dem Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte gefährlich nahe an Memel herangekommen.

    Unklar ist mir allerdings, auf welcher verwaltungstechnischen Grundlage die Männer mobilisiert wurden.

    Konnte z.B. der Seekommandant einen Plakatanschlag machen lassen mit dem Aufruf von allen Männern Ü45?


    Bleibt für mich außerdem die Frage, warum die mobilisierten Männer "nicht im eigentlichen Sinne Soldat" (siehe Zitat bei #1) waren?

    Was fehlte denn zum Status Soldat?


    Unter https://hospitalstrasse22.wordpress.com/tag/kustenhilfswehr/ findet sich das Schicksal eines Angehörigen der KHW anhand von Briefen rekonstruiert (englischsprachige Seite).

    Er war ab September 1944 zur Bewachung des örtlichen Gas- und Wasserwerkes eingesetzt und fiel am 11.10.44 beim russischen Angriff auf Memel.

    Beim Volksbund ist er als "Wehrmann" gelistet (siehe Anhang). Wurde dieser Begriff verwendet, weil er eben nicht "Soldat" war?

    Er hatte bereits im 1.WK gedient (siehe Verlustliste 1.WK).


    Gruß Frank


    Nachtrag: Die Entscheidung zur Übernahme der KHW in den Volkssturm traf das stellvertretende Generalkommando I.AK.

  • Hallo Frank,


    Quote

    Bleibt für mich außerdem die Frage, warum die mobilisierten Männer "nicht im eigentlichen Sinne Soldat" (siehe Zitat bei #1) waren?

    Was fehlte denn zum Status Soldat?

    die KHW durfte wie auch Landwacht und Volkssturm keine Gliederung der Wehrmacht gewesen sein ,daher waren deren Angehörige keine Soldaten, nach innen im Sinne des Wehrgesetzes, u.U: auch nach außen im Sinne der Haager Landkriegsordnung.


    Grüße

    Thilo

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  • Hallo zusammen,


    bei Hans Kissel, Der Deutsche Volkssturm 1944/1945, findet sich der Abdruck eines Plakates mit folgendem Inhalt:


    "Sämtliche Männer zwischen 15 und 60 Jahren, die vom Osteinsatz zurückgekehrt sind

    und diejenigen, die in den Betrieben nicht dringend gebraucht werden, haben sich

    binnen 24 Stunden zwecks Vermeidung von Weiterungen bei der Einsatzstelle der NSDAP,

    Memel, Willy-Bertuleit-Straße 1, zu melden.


    Memel, den 10. August 1944

    Der Kreisleiter"


    Ich vermute nun, dass dieser Aufruf die organisatorische Grundlage für die Bildung der Küstenhilfswehr Memel (KHW) gewesen ist.

    Ob der Kreisleiter Kurt Grau hier in kompletter Eigeninitiative oder in Rücksprache mit Gauleiter Erich Koch gehandelt hat, ist bislang unklar.

    Thilo : Tatsächlich ging es hier wohl darum, eine Art Landwacht zu schaffen für Bewachungs- und Sicherungsaufgaben. Danke für den Hinweis.

    Seit Ende Juli wurde ja die Bevölkerung aus dem Memelland teilweise evakuiert, so dass die öffentliche Ordnung gefährdet schien (Partisanen, Plünderungen, etc.).

    Mit "Osteinsatz" waren mit Sicherheit die Schanzarbeiten u.a. zum Bau der Memel-Schutzstellung gemeint, die am 16.07.44 von Gauleiter Koch befohlen worden waren.


    Es handelte sich jedenfalls NICHT um eine Einheit des Volkssturms, da selbst die ersten Entwürfe zu dessen Bildung erst über einen Monat später in Berlin entstanden sind.

    Möglicherweise hatte sich der Kreisleiter deshalb vom Seekommandanten im Abschnitt Memel den Bereitstellungsschein ausstellen lassen, um der Mobilisierung der KHW eine gewisse rechtliche Grundlage zu verschaffen.


    Man findet immer wieder Berichte über den Einsatz des Volkssturms in Memel bei den Kämpfen gegen die vorrückenden Sowjeteinheiten ab dem 11.10.1944.

    Tatsächlich wird es sich hier wohl eher um Einheiten der KHW gehandelt haben, die vom plötzlichen Vormarsch der Roten Armee überrascht worden sind.

    Die örtlichen Wehrmachtsführer haben die KHW jedenfalls - in realistischer Einschätzung ihres Kampfwertes - direkt aus der Kampfzone herausgezogen und auf die Kuhrische Nehrung verlegt.


    Die KHW Memel bestand später parallel zu den Einheiten des Volkssturms und wurde erst im Dezember 1944 in diesen überführt (siehe oben).

    Die Einheit war in 3 Kompanien gegliedert und hatte am 9.11.1944 eine Stärke von 470 Mann (15 Offz., 98 Uffz., 357 Mannschaften). Quelle: CAMO 500_12474_446_0301

    Als Bataillonskommandeur wird ein Hauptmann Hartung angegeben. (Siehe Karte unter CAMO 500_12474_446_0128)


    Gruß Frank


    Edit: Rechtschreibung

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  • Hallo,


    im Anhang die Bestätigung das die Küstenhilfswehr in den Volkssturm übernommen wurde.

    Datum 21. Dezember 1944

    Gruß


    Reinhard

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  • Hallo Reinhard,


    Danke für Deine Mithilfe. Ich hatte das Dokument allerdings oben in #3 schon gepostet. Doppelt hält besser...


    Mit der Übernahme der KHW in den Volkssturm Ende 1944 wurde Hauptmann Hartung bald ersetzt durch einen SA-Führer: Otto Gorny.

    Quelle: Erinnerungen des KHW-Mannes Paul Kwauka: Kriegsende auf der Nehrung (2). In: Memeler Dampfboot. Die Heimatzeitung aller Memelländer, Ausgabe Nr. 2 (2005).


    Ab Anfang 1945 erscheint das VS-Bataillon Hartung deshalb als Volkssturm-Btl. Gorny.


    Gruß Frank

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  • Hallo Frank,


    durch die KHW wurde auch ein Fährbetrieb sichergestellt.

    und die Einsatzbereiche der Kompanien.


    Gruß


    Reinhard

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  • Hallo,


    Quote


    Mit der Übernahme der KHW in den Volkssturm Ende 1944 wurde Hauptmann Hartung bald ersetzt durch einen SA-Führer: Otto Gorny.

    ein Otto Gorny war 1929-1945 Lehrer in Meitzen Kreis Osterrode.


    Grüße

    Thilo

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  • Hallo,


    noch als Ergänzung: In der Morgenmeldung des GK XXVIII vom 31. Januar wird das

    Volkssturm-Bataillon Gorny als Volkssturm-Bataillon 25/5 genannt.

    Unterstellung unter Kampfkommandanten Neukuhren


    Gruß


    Reinhard


    Edit: Anhang Ergänzung Unterstellung