Ablauf der Vertreibungen der Polen in Posen

  • Hallo,


    es haben sich vage Erinnerungen in der Familie erhalten mein Schwiegeruropa habe als Teil des "Landsturms" an der Räumung polnischer Gutshöfe in Westposen (polnischer Korridor) teilnehmen müssen. Die Männer seien auf LKWs geladen worden und hätten einige Dörfer weiter die ehemaligen Nachbarn "aus ihren Höfen schmeißen" müssen. Schwiegeruropa hatte eine gemischt deutsch-polnische Familie (wobei er auf der Volksliste stand) und habe sich nach der Aktion sogar geweigert, da noch einmal mitzumachen (mit einigen Repressionen danach).

    Jetzt habe ich gesucht, ob ein "Landsturm" zwischen 1940 und 1943 an den Vertreibungen der Polen in Westposen (Kreis Bomst) tatsächlich beteiligt war. Ich finde aber nicht einmal gute Informationen, WIE die Vertreibungen dort organisiert wurden. Herzlichen Dank für alle hilfreichen Information. Ist die Geschichte plausibel?


    Viele Grüße,

    Alexander

  • Hallo Alexander,


    mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen wurden dort sehr schnell bewaffnete Milizen geschaffen, welche als "Volksdeutscher Selbstschutz" bezeichnet worden sind. Darin sollen bis zu 60% aller wehrfähigen männlichen Volksdeutschen in Polen organisiert gewesen sein Diese Milizen wurden von den örtlichen NS-Funktionären sowie der SS gelenkt und auch als Hilfspolizei eingesetzt. Diese Milizen waren aktiv an der Ermordung und Vertreibung von Polen und Juden beteiligt. Später wurden die Angehörigen der Milizen dann in die Waffen-SS, Wehrmacht und Polizei überführt. Möglich, dass sich die Erzählungen in Deiner Familie nicht auf den "Landsturm" sondern vielmehr auf die Aktivitäten des "Volksdeutschen Selbstschutz" beziehen.


    Als sehr gute Literaturquelle kann ich Dir das Buch: "Der Volksdeutsche Selbstschutz in Polen 1939/1940" von Christian Jansen und Arno Weckbecker empfehlen, welche ich auch als Quelle meiner obigen Aussagen anführen möchte. In dem Buch wird sehr genau geschildert, WIE die Einsätze des Volksdeutschen Selbstschutz abliefen bzw. wie die Vertreibung der Polen organisiert und durchgeführt worden ist.

    Beste Grüße


    Falko

  • ... an den Vertreibungen der Polen in Westposen (Kreis Bomst) tatsächlich beteiligt war. Ich finde aber nicht einmal gute Informationen, WIE die Vertreibungen dort organisiert wurden ...


    Hallo Alexander,


    noch während des Polenfeldzuges 1939 entstand aus dem Gebiet zunächst der "Deutsche Militärbezirk Posen", der dann als "Reichsgau Posen" in das Deutsche Reich eingegliedert wurde und danach im "Reichsgau Wartheland" aufging. Zu den Ereignissen im Wartheland hatten wir hier im Forum schon mehrere Beiträge, das schon mehrfach genannte "Wartheländische Tagebuch" des deutschen Amtskommissar Franz Heinrich Bock aus den Jahren 1940 bis 1942 kann ich nur empfehlen: Zivilverwaltung Litzmannstadt


    Gruß, J.H.

    Nett kann ich auch - bringt nur nix!

  • Herzlichen Dank erstmal!


    Ich habe eben beide Buchempfehlungen bei der Fernleihe bestellt. Mir haben auch ein paar Stichwörter gefehlt, um selbst weiter zu suchen. Ich bin wirklich gespannt. Eine 60% Mitgliederquote deutet ja schon mal auf eine Zwangsmitgliedschaft.


    Holzkopf : Ja, mit Volksliste meinte ich die "Deutsche Volksliste". Der Ausweis seiner Tochter, also meiner "Schwiegeroma" ist erhalten. Außerdem wurde Schwiegeruropa nach der genannten Verweigerung, so die Familienlegende, noch zur Strafe zur Marine eingezogen (angeblich Wachdienst und U-Boote anstreichen, wer weiß). Er war Jahrgang 1894, also eigentlich zu alt zur Einberufung. Witzigerweise ist gerade heute die Auskunft des WAST gekommen und er wurde 1943 tatsächlich wie überliefert zur Marineersatzabteilung in Kiel eingezogen.


    Viele Grüße,

    Alexander

  • Hallo Alexander,


    der Forums-User Udo hat hier in diesem Beitrag noch ein paar weitere Literaturtipps (z.B. "Der Volksdeutsche Selbstschutz in Polen") eingestellt, vielleicht ist da für Dich noch etwas dabei?

    Urgroßvater Jakob S.


    Gruß, J.H.

    Nett kann ich auch - bringt nur nix!

  • Hallo J.H., et al.


    danke für die weiteren Hinweise. Insbesondere das digitalisierte Archiv des Posener Tageblattes wird mir noch viel Freude machen.


    Ich weiß, es ist hier wahrscheinlich schon tausendmal gesagt worden, aber dieses Forum leistet Unglaubliches.

    Unsere Familiengeschichte in der dramatischen Kriegszeit wäre so viel unklarer und blasser ohne das fundierte Wissen das die Foristen hier zur Verfügung stellen.

    Und mir als Geschichtsbegeisterten ermöglicht es einen ganz anderen Zugang zu den Geschehnissen dieser Zeit.


    Danke!


    Viele Grüße,

    Alexander

  • Hallo,


    ich bin gerade noch mitten in der Lektüre zum "Volksdeutschen Selbstschutz". Ich habe aber auch die noch lebende Schwester meines Schwieger-Uropas befragt. Und sie meinte ihr Bruder sei nicht im Volksdeutschen Selbstschutz gewesen. Sie sei ziemlich sicher, dass es der Landsturm gewesen sei. Es hätte auch eine reguläre Uniform gegeben.


    Jetzt beschreibt das Wehrgesetz von 1935 ja tatsächlich eine Landwehr für die älteren Herrschaften. Das würde ja passen. Aber er scheint 1) nicht kaserniert gewesen zu sein, sondern bei seiner Familie gelebt zu haben (Kopnitz, Kreis Bomst, Warthegau) und 2) wäre die Rückgabe der Uniform und Weigerung weiter mitzumachen sicherlich hart bestraft worden.

    Gab es überhaupt sowas wie lokale, privat untergebrachte Landwehr oder Landsturm-Einheiten im Wartheland?


    Viele Grüße,

    Alexander

  • Hallo Alexander,


    prima, dass Du dich näher mit der Geschichte des Reichsgau Wartheland beschäftigst. Mein Großvater stammt ebenfalls von dort ( Kreis Turek ). Da dieses Gebiet bis zum Kriegsausbruch polnisches Staatsgebiet war, gab es bis zum Einmarsch der Wehrmacht dort keine deutschen militärischen Verbände. Mit der Besetzung des Gebietes begann man dann erst eiligst ( siehe Der Volksdeutsche Selbstschutz 1939/1940) "paramilitärische Ordnungskräfte" zu bilden. Aus dem ursrünglichen Volksdeutschen Selbstschutz sind die Leute dann später in die reguläre Polizei, SA, SS und Wehrmacht eingetreten.


    Könnte es sich in Deinem Falle vielleicht auch um einen so genannten "SA-Landsturm" gehandelt haben? Schließlich trugen die Mitglieder der SA auch eine Uniform und waren in der Regel nicht kaserniert. Die SA war im Reichsgau Wartheland ebenfalls maßgeblich an der Vertreibung der Polen beteiligt ( Der Volksdeutsche Selbstschutz 1939/1940 ). Auch mein Großvater war in der SA, bevor er in die Wehrmacht eingezogen worden ist. Leider habe ich bisher allerdings keine genauen Bezeichnungen der SA-Stürme / Abteilungen im Warthegau finden können.


    Beste Grüße


    Falko

  • Hallo Falko,


    das ist eine sehr interessante Richtung und würde einige Puzzleteile zusammenbringen. Seltsam ist bloß, dass Schwieger-Uropa, und ich bin hier wirklich nicht leichtgläubig, nicht viel mit den Nazis im Sinn hatte. Ich bin gerade noch am "Wartheländer Tagebuch", danach kommt "Der Volksdeutsche Selbstschutz 1939/1940". Da wird hoffentlich auf die Umwandlung von Selbstschutz in SA eingegangen.

    Ganz sicher wird sich das sowieso nicht mehr rekonstruieren lassen. Aber ich bin schon zufrieden, wenn sich einige halbwegs plausible Varianten herauskristallisieren.


    Hallo Frank,


    ich bin mal durch das verlinkte Dokument durchgeflogen. Sehr hilfreich. Wir haben in der Familie noch einen anderen Strang, der 1939 aus Lettland ins Warthegau umgesiedelt wurde. Das bin ich demnächst dran.


    Vielen Dank!

    Alexander