Als der Luftkrieg der Alliierten nach Süddeutschland kam......

  • Tag allerseits,


    der Süden Deutschland blieb in den ersten Kriegsjahren von schweren Luftangriffen weitgehend verschont. Warum das so war? Es lag wohl auch daran, dass man nicht nur über Langstreckenbomber verfügen musste, sondern auch über einen weitreichenden Begleitschutz in Form von Jagdflugzeugen. Und dazu hatten die Alliierten ab Mitte/Ende 1943 das passende Material an weitreichenden Begleitjägern.


    Wenn sich z.B. um 1943 Deutsche aus dem jetzigen NRW kurzzeitig in bayerischen Landesteilen aufhielten, dann waren sie überrascht, dass ein eigentlicher Luftkrieg dort noch nicht stattfand. Auch die Aktivitäten in Süddeutschland, was der

    Bau von Luftschutzbunkern betraf, war nach heutigen Erkenntnissen "dürftig". Das änderte sich aber ab Ende 1943. Da wurden auch Großstädte wie Augsburg am 25./26.2.1944 mit massiven Luftangriffen zerstört. Ich erlebte diesen Angriff als kleiner Junge

    in einem ca. 12 km entfernten Dorf auf dem landwirtschaftlichen Anwesen meiner Großmutter. Selbst über diesem Dorf wurden Bomben abgeworfen, dabei brannten 2 landwirtschaftliche Anwesen bis auf die Grundmauern ab. Wie sich später herausstellte,

    waren diese Bombenabwürfe eigentlich nicht "gewollt". Die abfliegenden Bomber der RAF wurden damals von Nachtjägern verfolgt und deshalb entledigten sich die Bomber von dieser Ballast, um den Jägern zu entkommen.


    Am 27.2.1944, bei viel Schnee und Kälte, ging es zurück in die Stadtrandgemeinde von Augsburg. Es gab damals keine Verkehrsverbindung. Meine Mutter lief die Strecke von 12 km zu Fuß und ich saß frierend auf einem Schlitten, den meine Mutter zog.

    Unser Haus in dem wir wohnten, das war unbeschädigt, aber durch die vielen Brände in Augsburg war es am 27.2.1944 auch in den Stadtrandgemeinden nicht richtig Tag geworden. Der Himmel hatte die komische Farbe eines Milchkaffees und der Brandgeruch

    hielt sich über Tage.


    Grüße

    Bert

  • Tag allerseits,


    der Süden Deutschland blieb in den ersten Kriegsjahren von schweren Luftangriffen weitgehend verschont. Warum das so war? Es lag wohl auch daran, dass man nicht nur über Langstreckenbomber verfügen musste, sondern auch über einen weitreichenden Begleitschutz in Form von Jagdflugzeugen. Und dazu hatten die Alliierten ab Mitte/Ende 1943 das passende Material an weitreichenden Begleitjägern.

    Hallo Bert,


    hierzu fällt mir wieder die Inkompetenz Görings ein.


    Als man Ihm Mitte 1943 mitteilte, dass man alliierte Jagdflugzeuge mit Zusatztanks über deutschem Reichsgebiet abgeschossen hatte, stritt er dies vehement und geriet in einen Streit mit Galland.


    So beschrieben von Albert Speer in seinen Erinnerungen.


    Hitler sagte zu Galland laut dessen Erinnerungen, "Reichsmarschall Göring

    hat mir versichert, dass es technisch nicht möglich ist, derartige Jagdmaschinen zu bauen.“

    Mir wir es immer ein Rätsel bleiben, warum so lange an Göring festgehalten wurde. Aber das ist ein anderes Thema.


    LG

  • Grüß Dich Flo,


    danke für Deine Ergänzungen. Weil man seitens Hitlers und seines Anhangs davon ausging, dass der Süden Deutschlands von "Terrorangriffen" weitgehend verschont bleiben wird, gab es in diesem Teil des Reichsgebiets wenig Luftschutzbunker, so auch in Augsburg. Erst nach dem Großangriff im Februar 1944 wurden weitere Luftschutzbunker gebaut. In den Stadtrandgemeinden Augsburgs gab es praktisch keine

    Luftschutzbunker im eigentlichern Sinne. Im weiteren Verlauf des Jahres 1944 gingen auch dort Bomben nieder. Die Bomben durchschlugen die damals schwachen Kellerdecken problemlos. Da gab es in unserer

    Nachbarschaft die ersten Toten. In einer Art Hau-Ruck-Aktion wurden normale Keller als "Luftschutzkeller" hergerichtet. Dabei wurden meist nur die Kellerdecken durch Holzpfeiler abgestützt. In dem Haus, in dem wir wohnten, ein Doppelhaus, wurde im Kellergeschoss ein Durchbruch zum Nachbarhaus hergestellt und im Treppenhaus vom Keller bis zum DG Eimer mit Wasser und Sand aufgestellt. Dazu stand auch eine

    recht einfache Handspritze zur Verfügung. Im Falle eine Bombeneinschlags konnte man Brände mit diesen primitiven Mitteln kaum wirkungsvoll bekämpfen.


    Grüße

    Bert

  • Lieber Bert,


    es gibt ein 3 bändiges Werk von Dill: " Luftkrieg von Aschaffenburg bis Zwiesel". Dort wird Augsburg insgesamt 7 x erwähnt.

    In der allgemeinen Literatur zum Bombenkrieg, z. B.: Friedirch: "Der Brand", Zemella: "Moral Bombing" ( ich weiß, das Buch ist umstritten), in Müller: " Der Bombenkrieg" fand ich jetzt aber Augsburg nicht speziell in der Übersicht. Im Netz findet sich auch einiges zu Augsburg, z, B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Luftangriffe_auf_Augsburg oder hier: https://www.sueddeutsche.de/ba…eiter-weltkrieg-1.4342603

    Am 24.Februar d. J. war Jahrestag des großen Bomberangriffs.


    Gruß Karl

  • Lieber Karl,


    danke für Deinen Beitrag und die Anmerkungen über Fundstellen, die vielleicht für manchen Forumsteilnehmer neu sind.


    Im Sommer des Jahres 1944 wurde in unserer Stadtrandgemeinde ein kleiner Bunker neben einem Lebensmitteladen gebaut. Der damalige NS-Bürgermeister, der ganz offensichtlich immer etwas unpolitisch

    agierte, war bei der Bevölkerung nicht unbeliebt. Ihm gelang es auch, dass sich bei den Ausschachtarbeiten, alte Männer, Jugendliche und Frauen zum freiwilligen Arbeitseinsatz meldeten. Großes Gerät,

    wie ein Bagger, stand nicht zur Verfügung. Nach der Ausschachtung erledigte die Betonierarbeiten eine Firma. Wir Kinder erlebten das Ganze hautnah, wir waren meist auf der Baustelle, wenn unsere Mütter

    arbeiteten. Gegen Ende des Jahres 1944 war der Bunker fertig. Während 2 er Tagangriffe der RAF im Frühjahr 1945 saßen meine Mutter und ich in diesem Bunker. Der kleine Bunker war jedesmal "voll".

    Die Menschen unterhielten sich über die Luftangriffe. Selbst ich als kleiner Junge erkannte den Hass der Bevölkerung auf die "Terrorflieger". Damals glaubte sicher niemand mehr an den Endsieg. Richtig

    geschimpft über das NS-System wurde nicht, wahrscheinlich aus Angst, damit ein Verfahren der Wehrkraftzersetzung befürchten zu müssen. Eine für heutige Verhältnisse fast lächerliche Aussage machte damals

    die Runde - auch im Bunker und in den Luftschutzkellern: "Der Hitler wär schon recht, aber die Hitler....!"


    Gruß

    Bert

    Edited once, last by Jahrgang39 ().

  • Moin Bert,


    vielen Dank für deine persönlichen Erinnerungen, hast du all das einmal aufgeschrieben, so wie ich dich kenne, ganz sicher?


    Gerade die sehr persönlichen Details von Zeitzeugen machen diese Erinnerungen wertvoll, auch für spätere Generationen.

    Mein Onkel H., Jahrgang 1933, später "Jungmann" in einer NPEA in Kärnten, Österreich, hat zu Lebzeiten leider nichts zu Papier gebracht.

    Vielleicht für seinen einzigen Sohn, das will ich doch sehr hoffen.


    Danke, und bitte mehr davon... :thumbup:


    Gruß


    Micha

  • Tag allerseits,


    ja, dann mache ich weiter mit meinen Erinnerungen. Schon seit 1943/44 hatten auch wir Kinder diese unangenehmen Gasmasken aus Gummi. Die lagen nun im Luftschutzkeller.


    In den letzten Monaten des Krieges wurden die Luftangriffe immer heftiger. Vielfach war Luftalarm während der Nacht. Man musste aus dem Bett und sich möglichst schnell anziehen. Aber das wurde

    zur Gewohnheit. Jeder, der in den Luftschutzkeller ging, hatte um den Hals eine kleine Tasche hängen, etwa so groß wie ein DIN A 5-Blatt. Diese Tasche roch immer so komisch, sie war aus Wachstuch und

    beinhaltete wichtige Dokumente, auch Hinweise, welche Angehörigen im Todesfall zu verständigen waren. In der Tasche meiner Mutter befanden sich die Lebensmittelkarten, Geld und auch Versicherungsnachweise.


    Zusätzlich hatte meine Mutter einen kleinen Rucksack für mich und für sich selbst bereitstehen, mit dem Nötigsten, wenn unsere Wohnung zerbombt wird (Wäsche, Teller, Tasse, Besteck usw.). Auch diese

    Rucksäcke nahmen wir mit in den Keller.


    Natürlich nahmen die Menschen damals auch ihren Wellensittich, den Dackel und die Katze mit in den Keller. Meine Mutter wies in diesem Zusammenhang eine besondere Eigenheit auf. Sie schleifte bei jedem

    Luftangriff das MENDE Radio in einer Transportkiste in den Luftschutzkeller.


    Je länger der Krieg dauerte, umso besser wurde die "Ausstattung" im Luftschutzkeller. Wir hatten für alle Personen, die dort verweilten, Liegestühle mit Kissen und Decken, denn die Keller in den damaligen

    Häusern ohne Zentralheizung waren im Winter "saukalt".


    Man hatte ständig Angst, dass unser Haus von einer Bombe getroffen wird. Ich erlebte aber nie, dass jemand "durchdrehte". Selbst wir Kinder machten auf "tapfer".


    Nach der Entwarnung konnte man wieder in die Wohnung und versuchen zu schlafen....Vielfach blieb das bei den Erwachsenen beim "Versuch". Wir Kinder konnten leichter wieder weiterschlafen.


    Gruß

    Bert

  • Tag allerseits,


    das schlimmste Erlebnis im Luftschutzkeller waren 3 Bombeneinschläge in nächster Nähe. Furchtbarer Lärm, dabei wackelte und schepperte das Inventar des Luftschutzkellers und das Gebäude bebte förmlich. Die Erwachsenen befürchteten einen Einschlag im Haus selbst.


    Es handelte sich um 3 Bombenabwürfe, die in einer angrenzenden landwirtschaftlich genutzten Wiese niedergingen. Es gab Schäden an der Fassade des Hauses durch Bombensplitter. Der Luftdruck. der durch den Bombenabwurf entstand, ließ auch mehrere Fensterscheiben zu Bruch gehen.


    Für uns Kinder war es eine große Überraschung, dass in den entstandenen 3 Bombentrichtern sich sofort Grundwasser sammelte. Wir ließen in diesen "kleinen Seen" unsere Schiffchen (meist nur einfache Brettchen)

    schwimmen. Erst einige Wochen nach Kriegsende wurden diese Bombentrichter wieder aufgefüllt.


    Grüße

    Bert

  • Lieber Bert,


    so eine noch funktionierende !!! Luftschutz - Handspritze habe ich anlässlich einer Hilfsaktion in meine Hände bekommen und für ein paar Euo per Internet verkauft.

    Ich dachte: Die will sicher kein Mensch!"


    Gruß Karl

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