Überläufer - Lebenserwartung

  • Moin,


    wie verhielt es sich mit dem Tatbestand "unerlaubte Entfernung von der Truppe"? Dies müsste doch gewissermaßen eine Vorstufe des Desertierens gewesen sein: jeder Deserteur entfernt sich unerlaubt von der Truppe. Aber nicht jeder, der sich unerlaubt von der Truppe entfernt, ist automatisch auch ein Deserteur.


    Ich habe von einem englischen Marineangehörigen gelesen*, der über die Reling des Schiffes nach außenbords kletterte, um einem deutschen Schiffbrüchigen (Besatzung d. Bismarck) an Bord zu helfen. Dafür wurde er wegen "unerlaubter Entfernung von der Truppe" bestraft.


    LG Justus


    * "Schlachtschiff Bismarck", Burckhardt Freiherr von Müllenheim-Rechberg

  • Grüß Dich Justus,


    das Beispiel mit dem englischen Matrosen, der Schiffbrüchigen außenbords half, ist gelinde gesagt hanebüchen.

    Bürokraten gab es damals und heute nicht nur in der klassischen Verwaltung, sondern auch in der Jurisprudenz. Das Problem scheint in gewisser Weise international zu sein.


    Deine Frage zur "unerlaubten Entfernung von der Truppe" beantwortet eigentlich das Wehrstrafgesetz. Meines Wissens war die Gesetzgebung bis 1945 keine grundsätzlich andere. Nur die Strafen waren in einer anderen Kategorie angesiedelt.


    Dazu


    http://www.gesetze-im-internet.de/wstrg/


    Grüße

    Bert

  • Hallo zusammen,


    mich würde interessieren, in wie weit den sowjetischen Gefangenen Stalins Slogan "Es gibt keine sowjetischen Kriegsgefangenen, nur Verräter" mitgeteilt wurde.


    Das muss ja die Gefangenen damals zusätzlich motiviert haben, sich als HiWi einsetzen zu lassen.


    LG

  • Hallo zusammen,


    Quote

    Dafür wurde er wegen "unerlaubter Entfernung von der Truppe" bestraft.

    das macht auf einem Schiff wenig Sinn es sei denn er wollte schwimmen.


    Was hier wahrscheinlich ist das es um Befehlsverweigerung geht, das heist verlassen der Station die er gemäß Rolle Befehlsgemäß einzunehmen hatte.

    Verlassen der Station = Befehlsverweigerung



    Hier hatten wir schon mal das einschlägige Gesetz Desertion - Unerlaubtes Entfernen von der Truppe

    Gruss Dieter

  • Hallo zusammen,


    es sind völlig verschiedene Sachverhalte. Wenn ein Land aus welchen Gründen auch immer ihre Pläne und Orientierung ändern und dem entsprechend ihre Truppen einsetzen, hat es nichts mit "Überlaufen" zu tun.

    ...es war zwar die Voraussetzung für den Waffenstillstand mit Russland, aber

    ich stimme Dir zu, Überläufer im eigentlichen Sinne sind es demzufolge nicht mehr.


    Gruß Karl

  • Hallo


    In den laufenden Meldungen der Heeresgruppe Mitte die man über das DHI Moskau einsehen kann (namentlich vorhanden für 1942, tw. 1943), werden mitunter Überläufer erwähnt (teilweise in den Fernschreibesprüchen der Armeen etc., das ist also oft nicht leicht zu finden). Soweit ich weiß taucht das auch sporadisch in Abwehrunterlagen und möglicherweise auch Ic-Berichten auf, meistens in Monatsberichten. Meistens handelte es sich um Einzelfälle, vielleicht mal eine kleine Gruppe, aber sie summieren sich über die Zeit. Mitunter waren das ehemalige polnische Staatsbürger (diese werden teilweise gezielt erwähnt - ich persönlich vermute, sie galten der Wehrmachtsführung als begrenzt "verlässlich").


    In den so genannten "Bandenmeldungen" gerade des Jahres 1943 oder 1944 ist meines Wissens relativ oft von Überläufern die Rede, wenn einheimische Kollaborateure einzeln und in Gruppen zu den Widerstandskämpfern übergingen, auch die mitgenommenen Waffen werden mitunter genannt. Teilweise haben sie vorher Kollaborateure die nicht überlaufen wollten oder das deutsche Rahmenpersonal/Offiziere unschädlich gemacht. Allerdings dürfte es schwer sein, die Überlebensrate dieser Männer verlässlich abzuschätzen. Wurden sie von den Deutschen gefasst war ihre Überlebenschance wohl extrem niedrig, und auch wenn sie es zu den Partisanen schafften, drohten natürlich die deutschen Angriffe. Wie viele nach dem Krieg von sowjetischen Gerichten wegen ihrer früheren Kollaboration abgeurteilt wurden, lässt sich ebenfalls nur schwer einschätzen.


    Mit freundlichen Grüßen

    Marc

  • Hallo Marc,

    hallo zusammen,


    wieviele der Überläufer überlebten, werden wird sich wohl nie klären lassen.

    Es wäre ab schon ein Erfolg, wenn man feststellen könnte, ob deren Überlebenschance etwas besser durch das "Überlaufen" geworden ist oder aber ob Überläufer meist mit dem Leben bezahlten.


    Gruß Karl

  • Hallo,


    vielleicht sollte man die Begriffe etwas abgrenzen - ein Überläufer ist in meinen Augen jemand, der zum Feind überläuft und den bewaffneten und/oder propagandistischen Kampf für die andere Seite aufnimmt.

    Jemand, der sich von der Truppe entfernt um sich freiwillig in Gefangenschaft zu begeben oder sich durch Flucht ins Hinterland dem Wehrdienst zu entziehen, ist ein Fahnenflüchtiger/Deserteur.


    Grüße

    Thilo

    Suche alles zur Lehrtruppe Fallingbostel und zum Einsatz des NSKK in der Ukraine 1941

  • Tag allerseits,


    ganz so einfach kann man die Begriffe "Überläufer" und "Deserteur/Fahnenflüchtiger" nicht definieren. Wer zu den Sowjets überlief und bereit gewesen wäre für die Sowjets Propaganda zu betreiben, der wurde mitunter als

    ganz normaler Kriegsgefangener behandelt und hatte mit keiner bevorzugten Behandlung zur rechnen. Es hing also von der Roten Armee ab, wer als propagandistischer Überläufer für würdig befunden wurde.


    Ein typisches Beispiel, der spätere DDR-General Heinz Keßler. Er desertierte zur Roten Armee, wurde aber zuerst wie ein Kriegsgefangener behandelt. Wohl erst nach einer genauen Überprüfung seiner Person konnte

    er eine Anifa-Schulung beginnen.


    https://de.wikipedia.org/wiki/Heinz_Ke%C3%9Fler


    Im Laufe des Krieges warfen die Sowjets über den deutschen Linien "Passierscheine" ab. Wir wissen heute nicht, ob damalige Überläufer, die solche Passierscheine dabei hatten, eine bevorzugte Behandlung tatsächlich auch bekamen.


    "Deserteur/Fahnenflüchtiger" ist jedenfalls der Obergriff und dieser Oberbegriff beinhaltet dann auch den speziellen Fall des Fahnenflüchtigen, der zum Feind überläuft und den nennen wir hier "Überläufer".


    Grüße

    Bert

  • Hallo zusammen,


    hier ein paar interessante Akten zu dem Thema:


    Bestand 500 Findbuch 12450 Akte 161

    Stenogramm der Besprechung bei A.Hitler in Berghof über die Behandlung der Kriegsgefangenen- Überläufer, der Hilfswilligen und der landeseigenen Bataillon im Osten 08.06.1943

    http://wwii.germandocsinrussia.org/de/indexes/values/54329


    Bestand 500 Findbuch 12454 Akte 370

    Statistik: Gefangene, Beute, Feindtote, Überläufer

    http://wwii.germandocsinrussia…3#page/1/mode/grid/zoom/1


    Bestand 500 Findbuch 12450 Akte 113

    unter anderem; Behandlung sowjetischer Überläufer

    http://wwii.germandocsinrussia…ge/36/mode/inspect/zoom/6

    Beste Grüße!
    Dirk

  • Hallo Dirk,


    interessante Dokumente, die Du da gefunden hast.

    Offensichtlich wollte man seitens des III. Reiches durch eine gewisse Besserbehandlung zum Überlaufen anregen ( Denn sowas spricht sich doch irgendwie rum und sei es durch die Hiwis).


    Gruß Karl

  • Hallo


    Also wenn ich die Wehrmachtsunterlagen auf der Webseite des DHI Moskau so sehe, dann war dort mit Überlaufen der freiwillige Frontwechsel gemeint - egal in welche Richtung. Auf eine direkte Tätigkeit wird da nicht verwiesen (die noch erfolgen kann oder nicht). Sprich, Überläufer war für die Wehrmacht wohl ein deutscher Soldat der freiwillig zur sowjetischen Seite überlief, oder ein sowjetischer Soldat der sagen wir bei einem Stoßtrupp sich absetze und mit einem Flugblatt in der Hand bei den Deutschen meldete. Gefangener ist man vermutlich eher, wenn man eingekreist ist und die Hände hebt (oder so). Selbstverständlich sind die Grenzen gerade wenn die Front in Bewegung ist fließend...


    Ich stimme aber zu, das Absetzen ins Hinterland ist von der Terminologie her wohl etwas anderes. Freilich, wenn man sich zu einer bewaffneten Formation im Hinterland begibt - also zu Partisanen - und sich ihnen freiwillig ergibt (egal ob man bereit ist aktiv zu kämpfen oder nicht), wäre wohl auch von Überlaufen zu sprechen.


    Mit freundlichen Grüßen

    Marc

  • Hallo,


    es gibt hierzu auch einen Spiegel - Artikel, der allerdings 10 Jahre alt, aber interessant ist.


    http://www.spiegel.de/einestag…gsverraeter-a-948200.html


    Nach dem "Internationalen Völkerrecht" sind Überläufer letztlich als Kriegsgefangene zu behandeln. Sie begeben sich "in den Gewahrsam einen gegnerischen Macht".


    https://www.bmvg.de/resource/b…neten-konflikten-data.pdf


    http://www.humanitaeres-voelkerrecht.de/HbZDv15.2.pdf


    Ich möchte hier eigentlich nur Überläufer thematisieren, die vor der Frage " Sein oder Nichtsein" an der Front standen und nicht solche Personen/Parteigrößen, die irgendwie ins gegnerische Lager überliefen um für den Fall der Fälle abgesichert zu sein.


    Gruß Karl