Vergiftete (?) Lakritzbonbons 1940

  • Guten Tag in die Runde,

    im August 1940 machte das Luftgaukommando VI die Landräte und Bürgermeister mit einem Rundschreiben folgenden Inhalts nervös:

    An der Bahnstrecke Münster-Haltern seien vor Haltern auf eine Strecke von 3 km bunte Lakritzbonbons gefunden worden. Höchstwahrscheinlich seien sie aus britischen Flugzeugen abgeworfen worden, und es sei durchaus möglich, dass darunter auf vergiftete seien.


    Sind solche Warnungen aus d9eiser Zeit auch aus andren Regionen bekannt?

    Danke für Rückmeldungen!

    Beste Grüße

    Gebhard Aders

  • Tag allerseits,


    es gab damals auch Meldungen, dass von "alliierten Terrorfliegern" Kinderspielzeug abgeworfen wurde. In den damaligen Zeitungsmeldungen war damit der Gefahrenhinweis verbunden, dass beim

    Aufheben derartiger Gegenstände Explosionsgefahr bestehe. Wahrheitsgehalt derartiger Pressemitteilungen: dürftig!

    Als dann die "Terroroflieger" Staniolstreifen massenhaft abwarfen (Düppel zur Radartäuschung), sammelten die Kinder diese Staniolstreifen, die man prima als Lametta verwenden konnte.


    Gruß

    Bert

  • Hallo,


    diese Form der Propaganda löste schon zu Beginn des Ersten Weltkriegs eine Hysterie aus, die sich auf Brückensprenger, Wasserwerksvergifter und Spione erstreckte. In Folge dessen wurden besonders auf dem Land zahlreiche zufällig vorbeikommende Fremde von Zivilisten festgesetzt und oft schwer misshandelt.


    Grüße

    Thilo

    Suche alles zur Lehrtruppe Fallingbostel und zum Einsatz des NSKK in der Ukraine 1941

  • Hallo Gebhard,

    Die Thueringer Gauzeitung schrieb am 18. April 1943:

    Heimtücke feindlicher Flieger
    Der Polizeipräsident als örtlicher Luftschutzleiter teilt mit:
    Es ist schon festgestellt worden, dass von den feindlichen Fliegern auf den Anflugstrecken Füllfederhalter, Drehbleistifte, Verbandspäckchen, Knallkörper und Phosphoreier abgeworfen wurden, die beim Berühren explodierten oder Stichflammen auslösten. Beim Auffinden solcher Gegenstände ist größte Vorsicht geboten. Niemals dürfen solche Gegenstände in die Taschen gesteckt werden. Wenn solche Sachen nach dem Überfliegen des Gebietes durch feindliche Flugzeuge gefunden wurden, ist sofort die Polizei zu benachrichtigen.


    Gruss Horst


  • Hallo!

    Möchte kurz auf den Thread Drehbleistift mit Sprengladung?!? hinweisen, vielleicht auch von Interesse.


    Grüße

    Sven

  • Ja, danke erst mal.

    Aber die Stories mit den explodierenden Drehbleistiften oder Spielzeug verbreitete sich erst im Sommer 43 von Italien aus nach Norden ins Reich. In den Zeitungen wurde die Bevölkerung darauf hingewiesen, dass es diese explodierenden Bleistifte o. ä. NICHT gibt.

    Die "Operation Braddock" , bei der massenhaft Stabzünder abgeworfen werden sollten, mit den Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter Sabotage verüben sollten, wurde im Hersbt 44 abgeblasen.


    Ich suche aber nach Warnungen vor befürchteten Sabotageakten aus der Frühzeit des Luftkriegs gegen das Reich im Sommer 40 - aller auch Brandplättchren abgrworfen wurden.

    Beste Grüße

    Gebhard Aders

  • Hallo,


    ich denke, dass durch diese übertriebenen z.T auch falschen Meldungen, die Bevölkerung auch sensibilisiert werden sollte, nicht alles was komischerweise draußen herum liegt und lustig aussieht auch anzufassen/mitzunehmen, evtl. auch als Vorbeugemaßnahme, falls es jemals zu solchen Abwürfen kommen sollte. Cluster-/Splitterbomben sehen ja auch ziemlich ulkig aus, besonders für Kinder, sind aber hochgefährlich.


    grüße Werner

  • Hallo!

    Die "Operation Braddock" , bei der massenhaft Stabzünder abgeworfen werden sollten, mit den Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter Sabotage verüben sollten, wurde im Hersbt 44 abgeblasen.

    Was mich schon immer irritierte ist, dass die Alliierten wirklich anscheindend dachten, dass jeder Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter sofort mit solchen Stabzündern und sonstigen Gegenständen unfallfrei umgehen konnte. Selbst deutsche Soldaten, die an Waffen und teilweise an Sprengstoff geschult waren, verletzten sich regelmäßig hierbei (KLICK).


    Aus dem asiatischem Raum kenne ich den Abwurf amerikanischer Waffenkisten zusammen mit Faltblättchen inkl. Bedienungsanleitung. Das dürfte über Deutschland m.W. nach jedoch nicht der Fall gewesen sein, oder?


    Grüße

    Sven

  • Guten Morgen, Sven,


    für diese Sabotagemittel gab es mehrsprachige Anleitungen.

    Zum Einsatz kam es nicht, weil man auf Seiten der Alliiierten befürchtete, dass die Gestapo oder andere Dienststelle im deutschen Machtbereich sofort Repressalien gegenüber Kriegsgefangen und "Fremdarbeiter" ergreifen würde.

    Ich hatte mir mal im NARA Washington und in GB entsprechende Kopien besorgt. Die sind aber mit meinem Nachlass im Kölner Stadtarchiv zum Teufel gegangen.

    Beste Grüße

    G. Aders

  • Hallo


    In den digitalisierten Unterlagen der russischen Archive, die das DHI Moskau ins Netzt stellt, tauchen solche Geschichten an der Ostfront in frontnahem Gebiet verstreut auf (leider habe ich mir nicht die genauen Akten gemerkt, da es mir um andere Dinge ging). Da war es u. a. angeblich Munition, Feuerzeuge (glaube ich), Trinkflaschen etc., die von sowjetischen Flugzeugen abgeworfen worden sein sollten und bei Verwendung/Öffnen etc. explodierten. Ob das einen wahren Kern hat, kann ich natürlich nicht beurteilen. Ein wenig klingt es wie Spinnereien, denn anstatt solcher Spielereien kann man ja auch direkt Bomben abwerfen als darauf zu hoffen, dass jemand das Ding aufhebt und benutzt, zumal der angerichtete Schaden offenkundig gering war...

    Und natürlich könnten solche einfachen Sprengfallen auch auf anderem Weg in die Hände der Besatzer gefallen sein, wenn jemand vom lokalen Widerstand sie ausgelegt hatte. Allerdings haben alle beteiligten Seiten während des Krieges die skurrilsten Pläne erwogen und zum Teil auch ausprobiert, also ist es denkbar, dass von sowjetischer Seite zeitweilig solche Geschenke abgeworfen wurden.


    Mit freundlichen Grüßen

    Marc

  • Moien,

    zu Beginn des Russlandfeldzuges wurde vor "Sabotage-Patronen" im Kaliber 7,92mm Mauser (Standardpatrone der Wehrmacht) gewarnt.

    Diese sollten beim Abfeuern explodieren, es wurden auch Hinweise auf gefälschte Bodenstempel gegeben. Ein entsprechender Artikel ware mal vor über 45 Jahren in einer der ersten Ausgaben "Waffen Revue". Inwieweit das Anfertigen von solchen Patronen Sinn ergibt, erschließt sich mir nicht ganz.

    h.

  • Hi,

    was ich von meinen "Alten" erzählt bekommen habe waren das die Alliierten wohl Spreng Kulis abgeworfen haben sollen.

    P.

  • Hallo P.,


    herzlich willkommen hier im Forum :)

    ... was ich von meinen "Alten" erzählt bekommen habe waren das die Alliierten wohl Spreng Kulis abgeworfen haben sollen.

    Das wage ich aber zu bezweifeln ... ;)


    Sieh' mal die Diskussion zum Thema hier -> HIER


    Gruß, Stefan

    "Es gibt nichts, was ein deutscher Offizier nicht kann!" (Oberst Manfred v. Holstein)

  • Grüß Dich Gebhard,


    die explodierenden Drehbleistifte und andere explosive Gebrauchsgegenstände waren wohl an der Ostfront keine Fiktion. Einige Berichte:


    Explodierende Drehbleistifte


    http://wwii.germandocsinrussia…ge/29/mode/inspect/zoom/7


    http://wwii.germandocsinrussia…ge/29/mode/inspect/zoom/7


    Andere explodierende Gebrauchsgegenstände


    http://wwii.germandocsinrussia…ge/23/mode/inspect/zoom/7


    Explodierende Taschenuhren


    http://wwii.germandocsinrussia…ge/23/mode/inspect/zoom/7


    Minibomben


    http://wwii.germandocsinrussia.org/pages/85461/zooms/8


    Servus


    Wolfgang





  • Hallo Wolfgang,

    danke für die interessanten Dokumente.

    Ich bin nach wie vor skeptisch, ob es diese "Knallbonbons" wirklich gab.

    1. Die hier gezeigten Berichte stammen nur aus dem Zeitbereich Mai bis Oktober 1942,

    2. Sie stammen nur aus dem Bereich HGr Mitte.

    3. Wenn die "Minibomben" so berührungsempfindlich gewesen sein sollen, wieso sind sie nicht hochgegangen, als man sie ablegte? Waren es vielleicht nur kugelförmige Sprengfallen?

    Überzeugen würden mich russische Quellen, die die Entwicklung, Herstellung und Verwendung solcher Sabotagemittel belegen.

    Beste Grüße

    G. Aders

  • ... Aber die Stories mit den explodierenden Drehbleistiften oder Spielzeug verbreitete sich erst im Sommer 43 von Italien aus nach Norden ins Reich. In den Zeitungen wurde die Bevölkerung darauf hingewiesen, dass es diese explodierenden Bleistifte o. ä. NICHT gibt ...


    Hallo,


    in einigen Tageszeitungen von 1943 finden sich Meldungen, die vor abgeworfenen Gegenständen warnen bzw. über Schäden durch explodierende Gebrauchsgegenstände wie Füllfederhalter berichten. Presseberichte, wonach diese explodierenden Bleistifte nicht existieren, hab ich dagegen keine gefunden.

    Quellen: Agrarische Post Nr. 41 vom 9.Oktober 1943, Seite 6; Das Kleine Volksblatt Nr. 144 vom 24.April 1943, Seite 3 u. Südostdeutsche Tageszeitung, Ausg. 101 vom 6.Mai 1943, Seite 3


    Gruß, J.H.

  • Hallo Gebhard,


    Zu 1: Diese Berichte waren nur Zufallsfunde, die ich beim Lesen von Akten im Zeitbereich Mai bis Oktober 1942 fand.


    Zu 2: Ich habe nur Akten der HGr Mitte in diesem Zeitbereich gelesen. Ob es ähnliche Berichte von den anderen Heeresgruppen gibt ist mir nicht bekannt.


    Zu 3: Bei den "Minibomben" habe ich ähnlich überlegt wie Du. Ich kann mir eine Kombination von Verzögerungs- und Quecksilberzünder vorstellen. Die "Minibombe" wird erst nach einiger Zeit scharf, nachdem sie abgelegt wurde. Wenn sie dann jemand bewegt, dann schließt ein Quecksilberkontakt den Stromkreis und sie explodiert. Unter dem angegeben Link findest Du russische Spreng- und Zündmittel. Bei den Zündern gibt es dort einige, die man etwas modifiziert dafür einsetzen könnte.


    Beste Grüße


    Wolfgang


    Merkblatt über Russische Spreng- und Zündmittel, Minen und Zünder


    http://michaelhiske.de/Wehrmac…kbl_45/Teil_18/Inhalt.htm