Vorteile einer 12-jährigen Verpflichtung (1942)

  • Hallo,


    im Jahr 1942 erwägt mein Großvater (Gefreiter der Wehrmacht, Fahrer in einem Brückenbataillon) die Verpflichtung für 12 Jahre. Es gibt offenbar finanzielle Anreize und bessere Aufstiegschancen:

    >> In der Bahn hab ich mir mit einem Unteroffizier unterhalten. Der sagte mir: Er könnte mir keinen besseren Vorschlag machen, wenn man sich verpflichtet. Gewiß man soll nichts überstürzen. Sieh mal wenn wir verheiratet sind dann bekomme ich, wenn wir ein Kind haben, ungefähr 200 RM Gehalt. Unteroffizier kann ich werden, sobald meine Verpflichtung durch ist. <<

    Darüber hinaus muss es aber auch andere gute Gründe gegeben haben, denn mein Opa war alles andere als begeistert vom Krieg und Militär. Er hofft auf eine überschaubare Länge des Krieges und möchte nichts lieber als nach Hause kommen. Als er sich gegen die Verpflichtung entscheidet muss er sich offenbar sogar vor meiner Oma rechtfertigen:

    >> Du hast es schon erraten, ich hänge auch zu sehr an meinem Beruf. Weißt Du, wenn man so 4 Jahre, sich durch dick und dünn geschlagen hat, und ein tatsächlicher Beruf daraus geworden ist, dann kann man sich bestimmt sehr schwer entschließen, für 12 Jahre beim Kommis zu bleiben. Am besten ist es wenn ich die Finger davon lasse <<

    Wie gesagt, das Geld oder eine Profilneurose schließe ich als Motiv aus. Welche anderen vernünftigen Gründe gab es, sich für 12 Jahre zu verpflichten?


    Wie immer, vielen Danke für hilfreiche Hinweise!


    Viele Grüße,

    Alexander

  • Hallo Alexander,

    genau dieses und andere Themen werden ausführlich in dem Buch:


    "Menschenmaterial" von Christoph Rass


    behandelt.


    Ich hatte es mir einmal via Fernleihe über meine Bücherei kommen lassen.


    Als Grund für eine Verpflichtung ist mir z.B. die bessere Hinterbliebenenversorgung im Gedächtnis geblieben. Auch bessere Beförderungsmöglichkeiten waren im Spiel.

    Wenn mich nicht alles täuscht wurde auch massiv eine Verpflichtung "für die Dauer des Krieges" beworben, also ohne Begrenzung. Man rechnete aber mit weniger als 12 Jahren. Im Fall des Endsiegs wäre man dann sofort wieder Zivilist geworden, das kam vielen "Gezogenen" mehr entgegen als eine zwölfjährige Verpflichtung (womöglich) über den Sieg hinaus und (lange) in den Frieden hinein. Viele (unfreiwillige) Soldaten hatten einen Zivilberuf und wollten den gerne wieder ausüben.


    Aber lese doch selber in dem Buch nach!


    Viele Grüße

    Andre

  • Hallo zusammen,


    ich kenn das Buch "Menschenmaterial" nicht, aber möchte darauf hinweisen, dass eine 12 jährige Verpflichtung bessere Aufstiegs-/Beförderungsmöglichkeiten eröffnete.


    Gruß Karl

  • Tag allerseits,


    wer sich bei der Reichswehr und dann auch bei der Wehrmacht auf 12 Jahre verpflichtete, den nannte man im Barrasdeutsch "Zwölfender".

    Nach dem 12-jährigen Dienst wechselten die Soldaten meist in zivile öffentliche Dienste. Das war für damalige Verhältnisse ein großer Vorteil.


    Dazu


    https://de.wikipedia.org/wiki/Zwölfender_(Soldat)


    Grüße

    Bert

    Edited once, last by Jahrgang39 ().

  • Hallo zusammen,


    Das hat es zu meiner Zeit auch bei der Bundeswehr gegeben.

    Den Eingliederungs - bzw. Zulassungsschein könnten die 12ender in Anspruch nehmen, um leichter in den öffentlichen Dienst zu kommen.

    Gruß Andi

  • Guten Abend,


    der Übergang nach 12 Jahren von der WH in den ö.D. mag für junge Berufseinsteiger und Schulabgänger attraktiv gewesen sein. Aber die Wehrmacht stand im Krieg vor dem Problem ganz viele Soldaten zu haben, deren erste Wahl eben nicht der Soldatenberuf war und die man auch nicht mit dem anschl. ö.D. locken konnte. Die hatten alle schon eine Berufsausbildung und oft jahrelange Berufserfahrung in ihrem "Lehrberuf" (schließt Studium jetzt mal mit ein). Die wollten zurück in ihren Beruf.

    Diese Eingezogenen wollte die WH dennoch irgendwie binden. Diese Bemühungen werden in dem o.g. Buch u.a beschrieben. Dazu gehörten eben auch finanzielle Fragen. Beispiel: Der lebensältere verheiratete Handwerksmeister (weißer Jahrgang) mit drei Kindern wird als einfacher Soldat eingezogen. Bekommt er nun den Sold der für einen wehrpflichtigen jungen einfachen Soldaten gedacht war? Dann bricht finanziell bei ihm alles zusammen! Dem musste Rechnung getragen werden, alleine um die Motivation zu erhalten. So konnten Zusatzleistungen auf Antrag gewährt werden.


    Es gab auch 12jährige Verpflichtungen mit der Wahlmöglichkeit anschließend:


    a) Übergang in den öffentlichen Dienst (Bahn, Post, Zoll, Polizei, allg. Verwaltung etc.)


    b) Wehrbauer im Osten


    So gesehen von mir in einer Verpflichtungserklärung bei der W-SS 1940 und es war Wehrbauer angekreuzt. Der Freiwillige überlebte und wurde dann kein Wehrbauer!

    Er arbeitete in seinem kfm. Lehrberuf weiter.


    Viele Grüße

    Andre

  • Hallo,


    vielen Dank zunächst mal für die vielen Hinweise. Das Buch Menschenmaterial von Christoph Rass habe ich bestellt. Sieht sehr interessant aus, gerade wenn man das Erleben des eigenen Großvaters nachvollziehen will und nicht die große Weltpolitik.


    War denn Beförderung in Uffz Positionen mit einer Senkung des offenbar enormen Risikos für Leib und Leben verbunden? Er war sehr vorsichtig und berichtet auch von hohen Verlusten in der Einheit, daher wundert mich der Gedanke, dass er 10 Jahre über das vermutete Kriegsende hinaus beim Militär bleiben will. Außerdem litt er offenbar sehr unter der Trennung von Familie und Braut, die dann ja verlängert worden wäre. Er schreibt wie gesagt explizit von einer Verpflichtung von 12 Jahren.

    Irgendwie bringe ich das alles noch nicht zusammen.


    Grüße,

    Alexander

  • Hallo Alexander,



    Außerdem litt er offenbar sehr unter der Trennung von Familie und Braut, die dann ja verlängert worden wäre. Er schreibt wie gesagt explizit von einer Verpflichtung von 12 Jahren.

    Irgendwie bringe ich das alles noch nicht zusammen.

    er wäre ja dann - nach dem angenommenen Kriegsende - in einen Friedensstandort gekommen, es sei denn er wäre irgendwo bei der Besatzungstruppe verwendet worden.

    Im Friedensstandort hätte er seine Braut nachkommen lassen und Wohnung am Standort nehmen können.


    Sicherlich hätte er als Uffz. ein Vorbild sein sollen und wäre damit im Krieg einer größeren Gefährdung ausgesetzt gewesen, aber eigentlich war die Verlustrate der Offiziere sehr hoch.


    Gruß Karl

  • Hallo Goldhamster,


    ich habe einmal eine Untersuchung gelesen in der angegeben war, das ab 1943 an der Ostfront die durchschnittliche Einsatzdauer von Unteroffizieren und Leutnants in den Kampftruppen bis zum Ausfall durch Tod oder Verwundung bei 14 Tagen lag.


    Gruß

  • Guten Tag "Heinrichotto"


    erinnerst du dich noch daran, welche Untersuchung du gelesen hast?


    Wir haben es hier nicht so mit dem "Hören-Sagen".;)


    Grüße Thomas

    Alle sagten immer das geht nicht, dann kam jemand, der das nicht wusste, und hat es einfach gemacht!

  • Tag allerseits,


    die "Zwölfender" der Wehrmacht machten sich in aller Regel schon in den ersten Jahren ihrer Dienstzeit Gedanken, was man nach den 12 Jahren machen könnte.

    Durch den Krieg blieben das bis 1945 nur Träume.


    Mancher damalige "Zwölfender" wollten nicht unbedingt danach in den öffentlichen Dienst, sondern plante etwas ganz Anderes: Er wollte Kantinenpächter in einer Kaserne werden, denn das war in den Jahren vor 1939

    ein durchaus gutes Geschäft für die damaligen Pächter, die nach Reichswehr- und Wehrmachtszeiten dort tätig waren. Die Kantinenpreise in den Kasernen waren damals niedrig und in gleicher Weise war auch die Kantinenpacht danach

    bemessen. Die Kantinen waren stets gut frequentiert und so verdienten die Pächter (vor allem über den Umsatz) recht gut.


    Grüße

    Bert

  • n. Die Kantinenpreise in den Kasernen waren damals niedrig und in gleicher Weise war auch die Kantinenpacht danach

    bemessen. Die Kantinen waren stets gut frequentiert und so verdienten die Pächter (vor allem über den Umsatz) recht gut.


    Grüße

    Bert

    Hallo,


    so war das auch noch bis zur "Wende" 1990, ein lohnendes Geschäft - heutzutage gibt es immer weniger dieser "Kantinen" in den Kasernen der BW.


    Grüße Werner

  • Hallo,


    einer meiner Großväter hat sich gegen Ende des Krieges überlegt, einen Offz. Lehrgang zu machen.


    In der Hoffnung, dass der Krieg rechtzeitig endet, solange er noch in der Offiziersschule ist.


    1942 hat dein Großvater aber bestimmt nicht daran gedacht.


    LG

  • Hallo zusammen!


    Mein Vater hatte sich Anfang September 1933 für 12 Jahre bei der Reichswehr zum sogenannten 100.000-Mann-Heer verpflichtet. Seine Dienstzeit hätte somit regulär Ende August 1945 geendet, war dann ja mit der Kapitulation am 08. Mai 1945 vorbei. Eine nahtlose Übernahme in den öffentlichen Dienst war wohl nicht so einfach, er musste sich jahrelang mit Hilfsarbeiten durchschlagen, bevor er 1951 einen völlig anderen Beruf erlernte, in dem er dann schließlich verbeamtet wurde. Um die Anerkennung der Dienstjahre bei Reichswehr/Wehrmacht musste er laut mir vorliegenden Unterlagen lange kämpfen, und das hatte er ja - und ich sage das ohne jede Ironie - gelernt.


    Gruß Cristiane

    "Feigheit ist die Mutter der Grausamkeit" Montaigne


    Suche Einsatzorte 3./schwere Artillerie Abt. 848 ab Juni 1943


  • Hallo zusammen,


    mein Großvater war Hauptwachtmeister und in Frankreich. Zum Ende des Krieges sollte er wie viele andere auch, Offizier werden.

    Hatte er glücklicherweise ablehnen können.

    Alle aus seiner Einheit, die zum Offz.-Lehrgang gingen, wurden dann nach Russland versetzt und kamen nie wieder. Mein Großvater ging in franz. Gefangenschaft.

    Beste Grüße!
    Dirk

  • Hallo Dirk,


    Mein Großvater ging in franz. Gefangenschaft.

    ....besser als in russische Gefangenschaft, aber auch kein " Honigschlecken". Da hatten es die Soldaten in amerik. Gefangenschaft besser, zwar nach 1945 nicht mehr ganz so gut, aber immer noch das bessere Los.


    Um die Anerkennung der Dienstjahre bei Reichswehr/Wehrmacht musste er laut mir vorliegenden Unterlagen lange kämpfen

    Das kenne ich aus der eigenen Familie.


    er musste sich jahrelang mit Hilfsarbeiten durchschlagen

    ...und das auch. Bis er dann Gelegenheit bekam, in einem US - Offizierscasino zu musizieren ( Und die wollten auch die nun verbotenen Musikstücke und Märsche hören). Da brachte er immer Lebensmittel mit, die es bei uns so nicht gab.


    Gruß Karl

  • ... War denn Beförderung in Uffz Positionen mit einer Senkung des offenbar enormen Risikos für Leib und Leben verbunden? Er war sehr vorsichtig und berichtet auch von hohen Verlusten in der Einheit, daher wundert mich der Gedanke, dass er 10 Jahre über das vermutete Kriegsende hinaus beim Militär bleiben will. Außerdem litt er offenbar sehr unter der Trennung von Familie und Braut, die dann ja verlängert worden wäre. Er schreibt wie gesagt explizit von einer Verpflichtung von 12 Jahren ...


    Hallo,


    einer der Beweggründe für die Freiwilligenmeldung Deines Großvaters könnte auch die damit verbundene freie Wahlmöglichkeit bei Waffengattung und Truppenteil innerhalb des Heeres gewesen sein. Und für viele nach zwölf Dienstjahren ausscheidende Unteroffiziere, die in die freie Wirtschaft zurückkehrten, dürften auch die ihnen zustehenden hohen Entlassungsgelder und Übergangsgebührnisse nicht ganz unattraktiv gewesen sein - sie wären sicherlich dann auch von vielen ehemaligen Unteroffizieren zur Existenz- und Familiengründung (Immobilienkauf o. -Bau, Geschäftsgründung usw.) genutzt worden.

    Weiterhin bestand für die ausscheidenden Unteroffiziere auch noch die oben schon genannte Möglichkeit eines Aufstiegs in die Offizierlaufbahn oder eine an die aktive Dienstzeit anschließende Übernahme in die Laufbahn der Heeresbeamten bei der Wehrmacht. Anbei noch mal eine typische, zeitgenössische Werbeanzeige aus dem Jahr 1943 zum Thema Unteroffizierlaufbahn im Heer.

    Quelle: Badener Zeitung Nr. 48 vom 19.Juni 1943, Seite 8


    Gruß, J.H.

  • Hallo,


    ich denke die Möglichkeit einer Versetzung wird eine Rolle gespielt haben, da er sich offenbar mit dem "Spieß" nicht gut verstanden hat. Möglicherweise waren auch die materiellen Anreize interessant.

    Den notwendigen Ariernachweis (die laut der Zeitungsreklame notwendig war), konnte er aber nicht nachweisen, da der Vater unbekannt war. Da waren die ganzen Überlegungen wohl nichtig.


    Herzlichen Dank nochmal für die vielen interessanten Hinweise. Das Buch "Menschenmaterial" fängt auch gut an.


    Viele Grüße,

    Alexander

  • Hallo,

    man sollte aber auch nicht vergessen, dass Leute, die ihre Jahre nur teilweise in der Wehrmacht abgedient hatten, in der Bundeswehr wieder Soldat werden konnten und ihre Zeit beenden konnten. Ich kannte ein paar davon.

    Gruss

    Rainer

    Suum cuique

    Edited once, last by Rainer ().

  • Hallo,


    mein Großvater hat 1948 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft sogar ein Angebot ausgeschlagen, früher heimkehren zu können, wenn er in die Bewaffnete Volkpolizei eintreten würde. Mit Uniformen hatte er abgeschlossen. Aber das tut hier wohl nichts zur Sache.

    Wie gesagt, seine Begeisterung für's Militär hielt sich in Grenzen. Daher wundern mich seine Gedankenspiele mit der Verpflichtung so. Letztendlich bleibt es wohl zu einem guten Teil Mutmaßung. Aber man mal wieder etwas über die Situation der Jungs gelernt.


    Viele Grüße,

    Alexander