Todesurteile an Angehörige der Wehrmacht (Fahnenflucht usw.)

  • Moin,


    in Kiel ist das einstige Marineuntersuchungsgefängnis im Ortsteil Wik wieder in den Blickpunkt geraten. An dem maroden Gebäude soll jetzt eine Gedenktafel für den dort auf seinen Tod wartenden Oskar Kusch angebracht werden. Im Keller sind heute noch die fünf bis neun Quadratmeter großen und düsteren Zellen zu sehen. Nach einem Bericht der Kieler Nachrichten (3. 6. 2021) sollen dort in einem später zugefügten Zellenbau mehrere hundert Marineangehörige auf die Vollstreckung ihres Todesurteils auf dem Schießstand in Kiel-Holtenau gewartet haben. Neben diesen Tragödien ist auch der Standort des Gebäudes interessant, es liegt ganz in der Nähe des Platzes, auf dem 1918 der Matrosenaufstand begann. Alles Militärgeschichte pur, voller Tragik.


    Beste Grüße


    Horst

  • Hallo Andre,


    besten Dank für die Info zu Johannes Bours. Ich befürchte, daß es die Broschüre aus dem Jahr 2002 längst nicht mehr gibt; mir selbst liegt nur eine schlechte Kopie derselben vor. Diese Broschüre beleuchtet Johannes Bours' Leben, da im Jahr 2002 eine Straße in Walbeck nach ihm benannt wurde.


    Zu Johannes Bours möchte ich noch sagen, daß dieser junge Kaplan ein mutiger Mensch war, von dem mein Vater Zeit seines Lebens sprach. Unvergeßlich blieb ihm seine Weihnachtspredigt 1944, die von einem tiefen Humanismus geprägt war und meinen Vater an eine Welt ohne Mord, Tod, grausame Gewalt, Folter, Demütigungen und Unterdrückung erinnerte. Der Geistliche sprach von einer zukünftigen Welt, in der es wieder humanistische Werte geben würde.

    Für meinen Vater war diese Predigt wie ein "Stern von einer anderen Welt"; diese Predigt war so mutig, daß mein Vater Angst um diesen Kaplan hatte; er fürchtete, daß dieser auch den Nazis zum Opfer fallen könne.


    Es ist so, wie Du schreibst; die jugendlichen Strafgefangenen waren nur Kanonenfutter unter schrecklichsten Bedingungen. Leider sind diese Feldstrafgefangenenabteilungen und -lager in der Öffentlichkeit so gut wie unbekannt. M.E. ist hier hier noch einiges an Forschungsarbeit zu leisten... Ein hervorragender Historiker auf diesem Gebiet war der leider viel zu früh verstorbene Hans-Peter Klausch.


    Liebe Grüße

    Margitta

  • Ich würde es super finden wenn du dort dein Wissen und das dir mündlich überlieferte bzw die biografie deines Vaters dort einstellen würdest. Das ist ganz bestimmt eine Bereicherung für unser forum hier...

    Hallo Petzi,


    vielen Dank für Deine positive Rückmeldung! Ich werde Deine Gedanken aufgreifen; derzeit bin ich noch am Recherchieren. Leider habe ich meinem Vater (1925 - 2012) meistens passiv zugehört; heute würde ich mit gezielten Fragen aktiv nachhaken...


    Beste Grüße

    Margitta

  • Lieber Frank,


    ich danke Dir sehr für Deinen Beitrag und motivierenden Worte! Ich werde die Verfassung einer Biografie meines Vaters überdenken, denn sie wäre umfangreich: Meinem Vater standen nach der Jugendfeldstrafgefangenenabteilung, aus der er Mitte April 1945 auf dem Rückzug gen Osten wieder desertierte und bei Walsrode auf die Befreiung durch die Engländer wartete und zu ihnen überlief, weitere schlimme Erlebnisse bevor. Er konnte den Briten nicht nachweisen, daß er Nazigegner war und aus einer Strafkompanie kam. Darüberhinaus waren Deserteure auch dort nicht gerade beliebt...


    So kam er in britische Kriegsgefangenschaft nach Rotenburg/Wümme. Dort wußte man nicht wohin mit den vielen Kriegsgefangenen und so wurde er den Belgiern übergeben und mußte (als Bergsteiger) 2 1/2 Jahre im Bergwerk Winterslag unter anfangs wiederum fürchterlichen Bedingungen als Hauer schuften. Als er Ende November 1947 in seine Heimatstadt zurückkam, hatte sich dort bereits die zweite Diktatur etabliert und als Demokrat, Humanist und Pazifist war schnell wieder ein Andersdenker und mußte in den Jahren darauf wiederum die Flucht antreten...


    Also eine ziemlich lange Geschichte, die aber bereits in der Kindheit mit der Machtergreifung der Nazis begann... Eine Biografie würde also eine "etwas längere Sache" werden...


    Nochmals vielen Dank für Deine und auch Petzis ermutigenden Worte!


    Viele Grüße


    Margitta

  • Hallo Margitta,

    besten Dank meinerseits für deine Antwort und weiteres Infos zu Johannes Bours.

    Durch meine eigene Recherche zu meiner Familie, weiß ich, das in den Stadt-bzw. Gemeindearchiven oft sehr viele,

    Schätze liegen. Ein Versuch wäre es jedenfalls Wert, bei der Stadt Geldern, im dortigen Stadtarchiv anzufragen,

    ob es dort irgendwelche Unterlagen usw. gibt.

    Interessant finde ich auch, dein unten folgendes Zitat.

    Quote

    Zu Johannes Bours möchte ich noch sagen, daß dieser junge Kaplan ein mutiger Mensch war, von dem mein Vater Zeit seines Lebens sprach. Unvergeßlich blieb ihm seine Weihnachtspredigt 1944, die von einem tiefen Humanismus geprägt war und meinen Vater an eine Welt ohne Mord, Tod, grausame Gewalt, Folter, Demütigungen und Unterdrückung erinnerte. Der Geistliche sprach von einer zukünftigen Welt, in der es wieder humanistische Werte geben würde.

    Für meinen Vater war diese Predigt wie ein "Stern von einer anderen Welt"; diese Predigt war so mutig, daß mein Vater Angst um diesen Kaplan hatte; er fürchtete, daß dieser auch den Nazis zum Opfer fallen könne.

    Da stellt sich mir ja direkt die Frage, ob Johannes Bours diese Predigt nur im Kreise seiner "Schützlinge",

    oder diese sogar im Rahmen einer Weihnachtsfeier, auch vor, sagen wir mal so, anderen Vorgesetzen, Verbänden usw. gehalten hat.

    Denn über weitere Konsequenzen, dazu, dürfe er sich ja wohl bewusst gewesen sein.


    Lg Andre

    Erst wer den Dreck des Lebens gegessen hat, weiß wie schön dieses ist !!!

  • Hallo Andre,


    vielen Dank für Deine wertvollen Tipps! Ich habe mich bereits an das Stadtarchiv Geldern gewandt, das mir nicht direkt weiterhelfen konnte, da militärische Unterlagen dort nicht archiviert sind, aber mir Hinweise auf weitere Archive (Land NRW, Bundesarchiv) gab. Dort geht nun meine Recherche weiter. Sollte ich von dieser Seite zu weiteren Informationen kommen, werde ich diese ins Forum stellen.


    Zu Johannes Bours: Als die Alliierten im November 1944 bereits an der Maas lagen und Walbeck zur "Roten Zone" erklärt und evakuiert wurde, ließ er sich, um der Ausweisung zu entgehen, zum Seelsorger der Strafkompanie ernennen. Die Gefangenen durften ein einziges Mal zu Weihnachten 1944 in die Kirche und es ist anzunehmen, daß bei der Weihnachtspredigt lediglich sie und Wachpersonal anwesend waren, also keine "höheren Vorgesetzten". Allerdings hätte wohl eine entsprechende Denunziation ausgereicht.


    Liebe Grüße

    Margitta

  • Hallo Margitta,

    habe besten Dank für die weiteren Infos zu Johannes Bours.

    Wäre schön, wenn du weiteres finden würdest in welchen Archiven auch immer.

    Die sogenannten "Roten Zonen" wurden ja am rechten Niederrhein eingerichtet,

    um Frauen, Kinder, Alte und kranke Menschen in das bis Dato sichere Hinterland zu bringen.

    Ebenso wie Vieh und wichtige Kriegsgüter aller Art.

    Dort wimmeltes es aber auch nur so von Feld-Jägerkommandos, die jeden einigermaßen körperlich fitten Mann,

    zum Volkssturm heran zogen bzw. darauf achteten.

    Johann Bours musste sich der Gefahr bewusst gewesen sein, als er seine Weihnachtsrede gehalten hat.

    Zum Glück hat er diese unbeschadet überlebt.


    Lg Andre

    Erst wer den Dreck des Lebens gegessen hat, weiß wie schön dieses ist !!!

  • Hallo,


    ein Link mit einem Bericht aus dem Jahr 2019 zum Schicksal des Gefreiten Walter Telemann aus Sangerhausen, der im August 1944 standrechtlich verurteilt und erschossen wurde; ergänzend der Eintrag beim Volksbund: https://www.mansfeller-zeitung…gerhausen-erinnert-werden

    Quellen: Mansfeller Zeitung u. Gräberdatenbank Volksbund


    Gruß, J.H.


    Nachname: Telemann

    Vorname: Walter

    Dienstgrad: Gefreiter

    Geburtsdatum: 27.02.1906

    Geburtsort: Sangerhausen

    Todes-/Vermisstendatum: 04.08.1944

    Todes-/Vermisstenort: Sparken

    Walter Telemann wurde noch nicht auf einen vom Volksbund errichteten Soldatenfriedhof überführt.

    Nett kann ich auch - bringt nur nix!

    Edited once, last by Johann Heinrich ().

  • Niederschriften über vollzogene Hinrichtungen von fahnenflüchtigen Wehrmachtsangehörigen


    Hallo,


    auf der Internetseite deserteursdenkmal.at sind detaillierte Protokolle über den Vollzug der Hinrichtungen mehrerer Wehrmachtssoldaten veröffentlicht, die wegen Fahnenflucht und Wehrdienstentziehung/Selbstverstümmelung durch das Gericht bzw. Feldgericht der Division 177 zum Tode verurteilt wurden.

    Quellen: Dokumentationsarchiv des österr. Widerstands, Verein Personenkomitee Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz, Niedersächsisches Landesarchiv/Bestand NLA OS Rep 947 Lin II Nr.1751 u. Gräberdatenbank Volksbund

    Namentlich werden dort genannt:


    Jäger Emil Ifkovics (auch Ifkovits), geb. 03.01.1924 in Felixdorf, hingerichtet am 12.12.1944 auf dem Militärschießplatz Kagran


    Die nachfolgenden Soldaten wurden alle am 07.02.1945 ebenfalls auf dem Militärschießplatz Kagran hingerichtet. Die Erschießungskommandos wurden aus verschiedenen, in Wien stationierten Wehrmachtseinheiten in Gesamtstärke 7/70 zu jeweils 7 Kommandos in Stärke 1/10 zusammengestellt:


    Gefreiter Karl Lauterbach, geb. 20.12.1924

    Grenadier Gustav Horn

    Kraftfahrer Adolf Stedry

    Gefreiter Erwin Leitzinger

    Karl Schartner

    Friedrich Lehninger

    Obergrenadier Erich Salda

    Panzergrenadier Rudolf Sobotka

    Gefreiter Kurt Verderber

    Alexander Mensik

    Otto Melcher

    Franz Charwat

    Obergefreiter Johann Winhofer


    Im Niedersächsischen Landesarchiv am Dienstort Osnabrück ist weiterhin eine Gefangenenakte des Schützen Friedrich Freudenschuss archiviert, der am 23.November 1940 wegen Fahnenflucht zu einer sechsjährigen Haftstrafe und Aberkennung der Wehrwürdigkeit verurteilt wurde; der Strafbeginn wurde ausgesetzt und sollte erst nach Kriegsende erfolgen. Anscheinend wurde Freudenschuss am 26.April 1944 erneut verurteilt oder das bereits ergangene Urteil wurde aufgrund der Strafverschärfung für Deserteure in ein Todesurteil umgewandelt. Dem Eintrag in der Gräberdatenbank des Volksbundes nach wurde dieses Urteil vermutlich am 5.Juli 1944 in Wien vollstreckt:


    Nachname: Freudenschuss

    Vorname: Friedrich

    Dienstgrad: Schütze

    Geburtsdatum: 05.12.1916

    Geburtsort: Krummau (richtig Krumau)

    Todes-/Vermisstendatum: 05.07.1944

    Todes-/Vermisstenort: Wien 1

    Friedrich Freudenschuss ruht auf der Kriegsgräberstätte in Wien-Zentralfriedhof Gruppe 97. Endgrablage: Block 6 Reihe 19 Grab 157/3


    Aus der Inhaltsangabe zu der Osnabrücker Akte lassen sich noch ein paar Personendaten ergänzen:

    Zivilberuf: Techniker

    Wohnort: Krumau, Obertor 72


    Gruß, J.H.

    Nett kann ich auch - bringt nur nix!

    Edited 3 times, last by Johann Heinrich ().

  • Hallo Michael,

    die Einheit der hier genannten Soldaten war die 3.Kompanie / Feldstrafgefangenenabteilung 16. Sie kamen aus verschiedenen Stammeinheiten.

    Gruß Andre

  • Hallo Margitta,

    Ich habe dein Beitrag hier im Forum gelesen. Auch ich würde gerne mehr über diesen Fall erfahren wollen. Ich wohne in der Stadt, wo das Denkmal aufgestellt ist. Ich habe auch eine Version, über das Ende derer Leben.

    Gruß Andre.