Kriegsgefangenschaft Kanada

  • Hallo! Mein Vater war am Luftlandeeinsatz in den Niederlanden am 10.Mai 1940 als Pionier beteiligt. Im Rahmen der örtlichen erfolgreichen holländischen Verteidigung wurde er verwundet und anschließend in britische Kriegsgefangenschaft nach Kanada verbracht. Über diese Vorgänge weiß ich nur sehr wenig, vielleicht kann mir jemand spezielle Literatur nennen, die weiter hilft. Der eigentlich Grund für meinen Beitrag hier im Forum sind zwei Fotos aus Kanada, die ich ebenfalls nicht einordnen kann. Unter Umständen gibt es noch jemanden, der auch da weiterhilft. Beide Fotos sind in der Kriegsgefangenschaft entstanden...Kanada 3 d.jpg

    Kanada Musik a.jpg

    Kanada Stempel.jpg

  • ... Mein Vater war am Luftlandeeinsatz in den Niederlanden am 10.Mai 1940 als Pionier beteiligt ...

    Hallo,


    ist Dir bekannt, mit welcher Einheit er an dem Einsatz in Holland teilnahm oder liegt Dir bereits ein militärischer Werdegang Deines Vaters aus der Deutschen Dienststelle/Wehrmachtauskunftstelle in Berlin vor? Informationen dazu findest Du in diesem Forumsbeitrag: Grundlagen zur Suche


    Für eine gezielte Suche nach weiteren Informationen wäre auch der Name Deines Vaters sehr hilfreich, magst Du ihn hier nennen?


    Gruß, J.H.

    Nett kann ich auch - bringt nur nix!

  • Hallo,


    wer als Wehrmachtssoldat in kanadische Gefangenschaft kam, der hatte das große Los gezogen. Essen, Unterbringung und Kleidung entsprachen dem Standard des kanadischen Ersatzheers. Ab Unteroffizier gab es keine Arbeitspflicht.

    Ähnliche Fotos kenn ich von meinem Vater, der ab 1944 POW in Kanada war. Selbstorganisierte Kulturveranstaltungen der Kriesgefangenen waren häufig und sehr beliebt, es gab alles, vom Chorgesang über Orchester bis hin zu Theateraufführungen und Varieté, außerdem noch Sport, Schach etc.. Am meisten litten die Gefangenen unter der Langweile.

    Die Fotos zeigen die Mannschaften solcher Kultuveranstaltungen.


    Gruß


    Paul

    G-W-G'

  • Hallo Wippiwendt,


    zuerst einmal herzlich willkommen hier im Forum der Wehrmacht !


    Wenn Du etwas über das Leben der (frühen) Kriegsgefangenen in britischem

    Gewahrsam in Kanada erfahren willst, sind die drei von mir zitierten Bücher

    hilfreich, denn sie beschreiben nicht nur Fluchtversuche, sondern auch das

    Leben in den Lagern.

    Kanadische Gefangenenlager


    Gruß

    Rudolf (KINZINGER)

  • Ergänzungen:

    Ich befasse mich noch nicht lange mit der Geschichte meines Vaters. Er verstarb leider schon 1970, da war ich 20 Jahre alt und hatte nur wenig Interesse, nach seinem Leben zu fragen. Vor einigen Jahren versucht ich dann mehr über ihn herauszufinden und fragte natürlich auch bei der WASt. nach. Die Ergebnisse stehen hier:


    Name: Wilhelm Wendt

    Dienstgrad 1940 Gefreiter

    Erkennungsmarke: -139-2./Pi.22 (= 2. Kompanie Pionier-Bataillon 22)

    unterstellt der 22. Infanterie-Division im Mai 1940

    Mai 1940 Luftlandeeinsatz in Holland

    Vermisst gemeldet am 10.05.40 bei Delft

    11.5.40 ins PoW Camp England Nr. 17141

    08.11.40 Kanada Camp E


    Berichte meines Vaters:

    Mein Vater, geb. 1916, erzählte nur in Ausschnitten von seinem Leben, wobei die Zeit vor1933 praktisch völlig ausgespart blieb. Lediglich aus den Jahren seines Soldatendaseins (das er erzwungenermaßen durchmachte) berichtete er mir einige kleine Episoden, die er als Teil eines Pionierbatallions erlebt haben wollte. So erzählte er (wenn überhaupt) ziemlich zusammenhanglos davon, über Holland mit einem Flugzeug abgeschossen worden zu sein, und einen Durchschuss durch den Kopf, glücklicherweise durch die Wangen, erhalten zu haben (die Narben sah man sein Leben lang), weil ein Offizier - "der dämliche Hund" - aus der Luke heraus mit einem "MG losballerte". Anschließend kam er über England in Kriegsgefangenschaft nach Kanada, wo ihm sein Blinddarm entfernt wurde und er einen richtigen alten Indianer kennenlernte, der noch die Kämpfe unter Sitting Bull mitgemacht hatte. Danach (oder vorher?) war er Hilfskraft auf einer Farm in England. Er hatte wohl gute Kontakte zu dem Bauern und man nannte ihn dort "Bill"...

    All dies erzählte er sporadisch, und mir erschien es sehr lange ziemlich abenteuerhaft und unglaubwürdig. Ein ungelernter Arbeiter wird mit dem Flugzeug abgeschossen... als Insasse eines Transporters dann aber doch richtig.


    Ich habe noch keine direkte Antwortfunktion an die bereits reagierenden Mitglieder hier gefunden. Deshalb an alle erstmal so meinen großen Dank für das Interesse!


  • Erkennungsmarke: -139-2./Pi.22 (= 2. Kompanie Pionier-Bataillon 22)

    unterstellt der 22. Infanterie-Division im Mai 1940

    Mai 1940 Luftlandeeinsatz in Holland

    Vermisst gemeldet am 10.05.40 bei Delft


    Hallo,


    ich hab´s geahnt - Pionier-Bataillon 22 =)


    Das Pi.-Btl. 22 unter Hptm. Dr. Siegfried Burger hatte im Einsatz in Holland im Mai 1940 insgesamt 85 Verluste zu verzeichnen, davon 21 Gefallene, 25 Verwundete und 39 Vermisste - zu letzteren dürfte auch Wilhelm Wendt gehört haben. Eine der Ju 52 Transportmaschinen, die das Btl. nach Holland brachten, wurde bei Zaltbommel abgeschossen, alleine dabei kamen 13 Angehörige des Bataillons ums Leben.


    Bei Kriegsbeginn war das Pi.-Btl. 22 in der Mudra-Kaserne in Nienburg/Weser stationiert und gehörte (wie Du auch schon schreibst) zur 22. (Bremer) Infanterie-Division, die als eine der ersten Divisionen der Wehrmacht überhaupt für Luftlande-Einsätze ausgebildet und ausgerüstet war. Es gibt zu dieser Division eine sehr ausführliche Website, auf der auch zahlreiche Informationen zum Pi.-Btl 22 zu finden sind. In den dortigen Verlustlisten ist Wilhelm Wendt bisher anscheinend nicht namentlich verzeichnet, deshalb solltest Du mit dem Betreiber der Seite, Thorsten Schnaars aus Bremen, unbedingt Kontakt aufnehmen - er ist immer auch sehr an Informationsaustausch interessiert, um seine Seite zu ergänzen und zu erweitern: http://www.historic.de/Home/home.html


    Hier noch der Link zum Eintrag im Lexikon: http://www.lexikon-der-wehrmac…nteriedivisionen/22ID.htm


    Zu Kanada schaue ich noch mal in meine Unterlagen... 8)


    Gruß, J.H.

    Nett kann ich auch - bringt nur nix!

  • Hallo Wippi,


    dein Vater war im Camp E, Espanola, Ontario, auch Camp 21 genannt untergebracht. Schau mal auf diesen LINK, dort sind auch deine beiden Fotos abgebildet. Sie wurden als Ansichtskarten verschickt.

    Das Camp wurde am 30. November 1943 geschlossen. Die Gefangenen wurden nach Camp 132 (ca.400), Medicine Hat, Alberta und Camp 133 (ca.1000), Lethbridge, Alberta gebracht. Auf dieser Briefpost Webseite findest du einiges über die Camps.

    Gruss, Holger

    Edited 3 times, last by Sunninger ().

  • Noch eine etwas kuriose Ergänzung: Das hier gezeigte Foto hat ein in New York ansässiger Verwandter aus einer (damals) aktuellen Zeitung ausgeschnitten. Er erkannte meinen Vater sofort. Es ist der Erste von links. Wie der Zeitungsausschnitt dann in die Heimat nach Emden kam, ist unbekannt, aber sowohl meine Oma als auch der Großvater erkannten ihren Sohn ebenfalls. Das Original-Zeitungs-Foto existiert immer noch... vielleicht erkennt wer wen ebenfalls.

    PS: Die Qualität des Fotos ist hier schlecht, bei Bedarf kann ich ein besseres senden, es muss dann nur aus dem Rahmen raus.


    Noch etwas: Kann ich eigentlich auch direkt auf Antworten selber antworten? Ich finde die Funktion nicht...

    Files

    • IMGP1185.JPG

      (153.91 kB, downloaded 64 times, last: )
  • Noch etwas: Kann ich eigentlich auch direkt auf Antworten selber antworten? Ich finde die Funktion nicht...

    Zitat Funktion " unten rechts


    Auf Youtube gibt es ein Video über das Camp Medicine Hat.


    Auch eine Doku über kanadische Kriegsgefangenenlager habe ich gefunden.


    Hier noch ein PDF "Der strategische Überfall am Beispiel Den Haag 10. Mai 1940 : der Fehlschlag der Luftlandeaktion (LLA) aus Den Haag (10.-14.5.1940)"

    Gruss, Holger

    Edited 2 times, last by Sunninger ().

  • Hallo Holger!

    "unten rechts" habe ich gefunden! Sehr guter Hinweis! Jetzt kann ich wenigstens direkt anworten! Danke! Auch für die Infos - die muss ich erstmal alle verarbeiten. Jetzt komm ich wohl voran, denk ich mal!

    Gruß

    Gerd

  • Hallo,


    vor Jahr und Tag initiierte ich folgende Beiträge zu Camp 132 Medicine Hat, wo mein Vater von Herbst 1944 bis Sommer 1946 gefangen war. Sind einige Interessante Artefakte dabei.


    Camp 132 Medicine Hat Canada


    Auch dabei ein Link zu einem kanadischen Kenner der Materie.


    Zum Aufenthalt in Englang kann ich folgendes Beitragen:

    Die Kanadier expedierten die POW Sommer/Herbst 1946 nach UK, von dort wurden sie aber erst ein Jahr später nach Deutschland entlassen. In der Zwischenzeit arbeiteten sie zumeist in der Landwirtschaft.


    Frage mal beim Internationalen Roten Kreuz in Genf den Gefangenenbogen für Deinen Vater ab. Da dürften zumindest die Stationen seiner Gefangenschaft gelistet sein.


    Gruß


    Paul

    G-W-G'

  • Hallo,


    Quote


    Wie der Zeitungsausschnitt dann in die Heimat nach Emden kam, ist unbekannt, aber sowohl meine Oma als auch der Großvater erkannten ihren Sohn ebenfalls.

    die Zeitung konnte 1940 ganz normal mit der Post geschickt werden, mit den USA bestand noch kein Kriegszustand.


    Grüße

    Thilo

    Suche alles zur Lehrtruppe Fallingbostel und zum Einsatz des NSKK in der Ukraine 1941

  • Ich möchte mich auf diesem Weg bei allen bedanken, die mir mit so vielen Hinweisen geholfen haben! Irgendwie komme ich mit der direkten Antworttaste nicht klar...

    Ich habe keine Ahnung, ob das Folgende zum Thema bekannt ist, ich stelle es trotzdemals kleinen Beitrag ein. Ich habe die Infos erst vor Kurzem von einem Niederländer erhalten, es ist der Bericht eines holländischen Offiziers:


    "...Aus den verbliebenen Unterlagen (nach der Dokumentenvernichtung bei der Kapitulation 1945) kann mit großer Sicherheit festgestellt werden, dass rundum Den Haag mindestens 2735 deutsche Soldaten "ausgeschaltet" wurden. Der größte Teil dieser Verlust geschah am ersten Kriegstag. In Folge der Aufgabe der 22. Luftlandedivision fielen 42% der Offizier und 28% der Unteroffiziere sowie Mannschaften aus. Die niederländischen Truppen machten im Raum s'-Gravenhage 1600 Kriegsgefangene, von denen 1200 gerade noch rechtzeitig über Ijmuiden nach England überführt werden konnten. Ungefähr 900 verließen die Niederlande am 13. Mai an Bord der "SS Phrontis" und am 14.Mai brachte die "SS Texelstroom" weitere 300 Gefangene hinüber.

    Der deutsche Feind war sehr empört über den Verlust dieser nur schwer zu ersetzenden Spezialtruppen. Es war ihm dann auch sehr daran gelegen, die Niederlage geheim zu halten. Nach dem Abflauen der Kämpfe wurden noch so viele Soldaten vermisst, dass am 18. Mai das Gebiet um Den Haag in vier Abschnitte geteilt wurde, die eingehend durchsucht wurden. Hierbei wurde vor allem der Hafen berücksichtigt und Schiffe nach deutschen Gefangenen untersucht. In einem am 22.Mai ausgegebenen Befehl betreffend die 22. Luftlandedivision wurde allen Soldaten strengstens verboten über die Luftlandungen in Holland zu sprechen. In diesem Befehl wurde weiter gesagt:

    '...Die Verluste der Luftlandtruppen und die Verluste an Transportflugzeugen, die hier erlitten wurden, müssen überhaupt geheim gehalten werden, weil ansonsten Schlüsse gezogen werden könnten über die Einsetzbarkeit der Luftlandungstruppen überhaupt.' …"


    Aus: E.H. Brongers Majoor van de Verbindíngsdienst

    De Slag om de Residentie 1940

    Nach Meinung der Niederländer scheint es so zu sein, dass die Niederlage der deutschen Luftlandetruppen Hitlers Begeisterung für diese neue Waffen merklich abkühlte und die hohen Verluste an Flugzeugen und Transportern letztlich auch dazu beitrugen, von einer Invasion der britischen Insel sowie Maltas und auch Gibraltars abzusehen.