168. Infanterie-Division

  • Hallo an alle,

    hier eine russische Karte zur sowjetischen Offensive Ostrogozshsk-Rossosch, die u.a. die sowjetischen Angriffsbewegungen gegen Kamenka und Ostrogosch und nach meiner Interpretation auch die Lage der eingekesselten 168. ID an der Bahnlinie Ostrogosch - Alexjewka am 20. Januar 1943 zeigt.

    Gruß Alebo

  • Hallo Alebo, auch Dir vielen Dank für die interessante Karte. Ich werde sie gleich mit einer Karte mit deutsch/russischen Ortsbezeichnungen abgleichen...

    Danke von Volker

  • Hallo zusammen,

    ich weiß nicht ob es bekannt ist, in der 168.ID war auch Erwin Sehrt u.a. als Sanitäter bei der HVS. Siehe hierzu

    https://www.erwin-sehrt.de/krieg.html und seine Wanderungen durch Russland (1965)

    Dort finden sich auch viele Bilder aus dem Rußlandfeldzug. Siehe Beispiele.


    Gruß Alebo

  • Hallo zusammen,

    mir vorliegende Lagekarten der 168 ID in zeitlicher und örtlicher Folge geordnet. Fortsetzung folgt


    Gruß Alebo

  • Hallo zusammen,

    Fortsetzung der Lagekarten der 168. ID.

    Fortsetzung folgt.


    Gruss Alebo

  • Ach ja, ich freue mich über alle Infos die ich in der vergangenen Zeit erhalten habe..ich habe durch Euch mehr Informationen erfahren als in den letzten 10 Jahren... Lieben Dank und Euch eine schöne und gesegnete Weihnachtszeit....LG Volker

  • Hallo,

    Hallo Diana, anbei zwei Briefe von FELIX KÜGLER a seine Schwester Erna. Vielleicht hast Du Glück beim LEsen. Ich kanns leider nur bruchstückhaft.

    vielleicht kann ich beim Lesen helfen.



    Liebe Erna ! Zunächst mal eine große Über-

    raschung u. damit Du dich auch mit mir

    freust. Vorgestern wurde mir eine

    " besondere Anerkennung " mit persönlicher

    Unterschrift des Führers überreicht. Weißt Du

    was das bedeutet ? Das ist eine Auszeichnung,

    die eine ganze, ganze Ecke über

    dem EK I steht u. die bestimmt wenige

    Sanitätsoffiziere aufweisen können.

    Es ist kein Orden, sondern eine eigen-

    händig für mich gedruckte Urkunde.

    Zivilisten wissen wenig darüber Bescheid, aber

    wenn Du mal einen Militär fragst,

    z.B. Dingels, so wird er sicher meine An-

    gaben dir bestätigen. Der Wortlaut ist fol-

    gender: Ich spreche dem Oberarzt L K für seine

    hervorragenden Leistungen auf dem

    Schlachtfeld von Ternowaja vom 13. - 21.5.42

    meine besondere Anerkennung aus.

    Führerhauptquartier d., 15.7.42 Unterschrift

    Ich kann mächtig stolz darauf sein, zu-

    mal es die höchste Auszeichnung ist, die

    für die in Betracht kommende Zeit über-

    haupt verliehen wurde, da sie vollkom-

    men überraschend für mich kam, ist die

    Freude doppelt groß. So, das war das

    Wichtigste. Für deinen Brief mit Inhalt

    vom 5.8. vielen herzlichen Dank. Er war

    wieder sehr lange unterwegs, erst am

    26.8. erreichte er mich - Du erwähntest

    in deinem Brief verschiedene Orte u. Nepo-

    krupskaja ist mir sehr bekannt, Hatte ich

    doch dort 1 - 2 Tage meinen Verbands-


    ..................................................................

    platz. Wie waren dort am 12.u. 13. März, in

    der Nähe lagen wir dann noch einige Zeit.

    Es ist aber bestimmt nicht bei mir gewesen.

    Die anderen Orte kenne ich dem Namen

    nach, dort gewesen bin ich allerdings nicht.

    Meine Karte vom 21.8. hast Du inzwischen hoffent-

    lich erhalten, auch die andere Post. Geschrieben

    habe ich die am 31.7.. Seit dem Urlaub habe

    ich eine ganze Menge erlebt, u. die Tage

    vom 14. - 18.8. waren auch wieder wenig

    schön. Jetzt liegen wir gottlob in Ruhe, aber

    man weiß ja nie, wie lange sie dauert.

    Die Gegend u. besonders die Quartiere sind

    wenig schön. Viele Wanzen u, Flöhe. Die Leute

    mehr als dreckig u. eine Armut herrscht

    sondergleichen. Eben habe ich an Hertha

    geschrieben u. sie um die Lederweste gebe-

    ten Im Stillen hatte ich gehofft, daß wir

    den Winter in Rußland nicht mehr ver-

    leben werden. Aber es wird halt doch

    wieder sein. Begeistert bin ich wenig da-

    von. Sonst geht es mir gut. Heut kam

    von Erwin ein Brief u. einige Zigarren.

    Da er auf Urlaub ist, u. demnächst wie-

    der nach Italien fährt, werde ich ihm in

    einigen Tagen schreiben. Wie geht es Dir?

    Für das Buch(?) auch vielen Dank. Von

    Hertha u. Mutter habe ich schon lange nichts

    gehört. Wie stehts mit deiner Arbeit ?

    Viel zu tun ? Laß es dir recht, recht

    gut gehen u. wenn Du Zeit hast wieder

    mal was hören.

    Viele herzliche Grüße

    Dein Bruder (Leo)?


    ...............................................................................

    ...............................................................................

    .. mal zu schlafen, ist auch was wert.

    Neben der vielen schönen Post hatte ich

    noch eine ganz besondere Freude u.

    Du darfst auf deine brüderliche Liebe

    auch mal etwas stolz sein. Am 21/ II

    erhielt ich das EK I. Es kam für mich

    vollkommen überraschend u. das

    erhöhte die Freude noch mehr. Und eine

    innere Befriedigung für die geleistete

    Arbeit gibt einem das schlichte Kreuz

    auch - Befinden ist gut u, an Pfeffer-

    kuchen hab ich mich noch nicht über-

    futtert, Nur Schade, daß man alles

    ziemlich schnell verdrücken muß,

    denn soviel Platz hat man garnicht, -

    von Mutter kam auch ein Päckchen sowie

    Briefpost, von Hertha auch mehrere Briefe

    desgl. von Erwin auch wieder Zigaret-

    ten. Rührend von dem Kerl, wie er

    an mich denkt - Gisela schrieb mir auch

    ich soll ihr bald mal schreiben u. den

    Wunsch will ich ihr erfüllen. Mit war-


    .........................................................................

    men Sachen sind wir gut eingedeckt.

    Die Heimat hat ja auch sehr brav gesam-

    melt Daß Du zu Hertha fahren konn-

    test war sehr fein für dich, Hoffentlich

    hast Du dich in den wenigen Tagen et-

    was erholt. Hertha wird wohl wie üblich

    wenig Zeit gehabt haben, Ich glaube, sie

    mutet sich zu viel zu, oder sie sucht Vergessen

    in der Arbeit - Mutter scheint es so leid-

    lch zu gehen, jedenfalls besser, als vorigen

    Winter - über die Bilder von L. mit den

    Kindern hab ich mich auch sehr gefreut.

    Nun weiß ich doch wenigstens, wie un-

    gefähr Detlef aussieht, Ich wäre bestimmt

    nicht traurig, wenn es bald Urlaub

    gäbe, da wird getauft u. da gibt es

    ein allgemeines Wiedersehen. - Hast Du

    viel Arbeit ? Bei mir wechselt es, aber in

    den letzten 2 - 3 Wochen gab es manchmal reich -

    lich, Nicht mit Verwundeten, gottlob, sondern

    mit anderen Krankheiten. Aber ich bin da -

    gegen geimpft, sodaß ich einigermaßen

    immun bin Dein Mittel wird auch da-

    zu beitragen, Kognak ??! - Dir weiterhin

    alles Gute u. viele Grüße u. einen

    herzlichen Dankeskuß Dein Bruder ( Leo ?



    MfG LUdwig)

    Never let go!

    Edited once, last by Ludwig11 ().

  • Hallo Ludwig 11,

    tja, heute bist Du mein Held !!! Nach so vielen Jahren hast Du diese Feldpost übersetzt, dafür ein herzliches DANKE !!! Toll, und gerade die beiden Schriftstücke, die sich mit seinen Auszeichnungen beschätigen. Ich versuche noch ( in dem ganzen Durcheinander der Feldpost ) das ein oder einige Schreiben über die letzten Tage 1942/43 zu finden und stelle sie dann hier ein i.d.H. ,das Du Ludwig, vielleicht noch einmal ein wenig Zeit hast und den Brief übersetzt ?! Hab recht herzlichen Dank für Deine Mühe in der Adventszeit !!!!

    LG Volker

  • Hallo Volker,


    alles wird gut !

    Stell ein was Du kannst - Eine(r) findet sich immer, der dir helfen wird,

    auch wenn es manchmal etwas länger dauert.


    MfG Ludwig

    Never let go!

  • Hallo zusammen,


    Fortsetzung der Lagekarten.


    Gruß Alebo

  • Hallo zusammen,

    hier meine letzten Lagekarten. Die nachfolgenden sind erst vor kurzem in diesem Forum veröffentlicht worden.


    Gruß Alebo

  • Hallo zusammen,

    hier ein Versuch den Weg der 168. Infanteriedivision nachzugehen ausgehend vom Ausgangsort Breslau zum ersten Übungsort. In diesem Fall Gleiwitz, wie es bei meinem Großvater der Fall war, der aus Reichenbach/ Eulengebirge nahe Breslau stammte. Er ist allerdings schon in der Nähe von Ostrogozsk bei Alexejewka gefallen/vermisst. Die Zahlen ruhen auf einer Recherche mittels Google maps und berücksichtigen die Orte, die mir bekannt geworden sind und die nachvollziehbar waren. Bezogen auf den Russlandfeldzug und die Rückzugskämpfe sind es 4343 km. Eine Zahl, die eher niedrig kalkuliert ist.

    Breslau - Gleiwitz 164 km

    Kielce - Döllersheim/Allentsteig 555 km

    Döllersheim Sulzbach/Saar 750 km

    Sulzbach - Dubo/Frankreich 100 km

    Saverne/Frankreich - Kielce/Polen 1270 km

    Kielce - Radom - Lublin - Zamosc - Tomaszuow - Hrubieszow 407 km

    Hrubiezow Brody - Dubno - Rivne/Ukraine - Zytomyr 400 km

    Zytomyr - Kiew - Romny - Sumy - Belgorod Obojan 520 km

    Belgorod - Obojan - Voronez - Ostorogozsk 435 km

    Ostorgozsk - Kastornoye - Chernyanka - Korocha - Belgorod - Poltava 660 km

    Poltava - Charkiw - Belgorod - Cerkasy - Vinnyzja - Rzezo/Polen Kielce 2011 km

    Kielce - Breslaui 317 km

    zusammen 8221 km

    Ich freue mich über Rückmeldungen/Kommentare.


    Gruss Alebo

  • Hallo Alebo,


    in Deinem Marschweg für die 168. ID sind noch einige Schreibfehler bei den Ortsnamen zu korrigieren (z.B. Ostrogozhsk im Gebiet Woronesh). Außerdem liefen die Marschwege nie geradlinig, sondern manchmal sehr verwinkelt kreuz und quer - so z.B. beim Rückzug von Ostrogozhsk im Januar/Februar 1943 der für das Gros der Division erst mit dem Erreichen der neuen HKL im Gebiet Belgorod und nachher mit der Auffrischung in Mirgorod - Gebiet Sumy und der Abberufung des OB der Division Generalleutnant Dietrich Kraiss endete. De facto dürfte der Gesamtweg der Division noch um einige 100 km länger gewesen sein!


    Der Rückzugsweg von Ostrogozhsk ging auch nur für das stark geschwächte IR 429 der Division über das deutlich mehr nördlich gelegene Kastornoye. Die Masse der Division mit allen anderen noch in Ostrogozhsk eingeschlossenen Truppenteilen sollte einen anderen Weg nehmen (ein recht bunter Haufen, von Korpstruppen bis zu einzelnen Resteinheiten der Ungarn war alles dabei). Generalleutnant Kraiss hatte im Kreise seiner Leute am späten Abend des 18. Januar beschlossen, gruppenweise zuerst über das gefrorene Flüsschen Tycha Sosna aus Ostrogozhsk nach Südwesten in Richtung Alexejevka – Budyennoe – Novyj Oskol auszubrechen. Diesen Entschluss fasste Kraiss entgegen dem ausdrücklichen Führerbefehl, dass der „feste Platz Ostrogozhsk in jedem Falle zu halten sei“. Vor etlichen Zeugen kommentierte Kraiss diesen Führerbefehl auf seine eigene trockene badensische Art als „ … reiner Irrsinn. Der Russe steht schon vor Charkow. Wir brechen aus!“ Diese Worte fielen im Keller des heutigen Kramsky-Museums in Ostrogozhsk, einem Gebäude aus altzaristischer Zeit mit sehr stabilem Mauerwerk und schon seit 1942 zum Teil ausgebrannten oberen Stockwerken, denn die Stadt stand seit dem 17. Januar 1943 unter ständigem Artilleriefeuer der Russen von südlich der Stadt jenseits der Tychaya Sosna gelegenen Höhenzügen aus, wo die Russen direkte Einsicht auf die Stadt hatten. Außerdem wurde im Norden der Stadt schon zwei Tage gekämpft und das östlich vorgelagerte Dorf Rybnoe war schon geräumt worden.


    Geschätzt ungefähr 12 – 14.000 Mann saßen noch in der Mausefalle Ostrogozhsk, niemand hatte einen genauen Überblick wie viele verschiedene Truppenteile noch im Kessel waren. Von der 168. ID waren jedenfalls die Reste von IR 417, IR 442 und AR 248 sowie die Stäbe der Division mit Stabskompanie dabei. Kraiss befahl, alles schwere Gerät zurückzulassen, einzelne fahrbereite Sturmgeschütze und wintergängige Fahrzeuge, die noch über etwas Sprit verfügten, wurden mitgenommen - soweit der Sprit noch reichte. Unmengen an Material, große Mörser und fast die gesamte Artillerie blieben zurück. Nach der Besetzung von Ostrogozhsk durch die Rote Armee am 20. Januar haben die restlichen Bewohner der Stadt noch mehrere Monate die Hinterlassenschaften der Wehrmacht in das Flüsschen gewuchtet – so berichtet die Ostrogozhsker Stadtchronik.

    Kurz nach Mitternacht am 19. Januar begannen sich die ersten Gruppen (Marschkolonnen und Fahrzeuge) einigermaßen geordnet aus Ostrogozhsk kommend auf das Eis der zugefrorenen Tychaya Sosna abzusetzen. Die (noch heute) sehr sumpfige Flussniederung der Tychaya Sosna war alles andere als ein sicherer Weg. Überall im Sumpf saßen Schützeneinheiten der Russen und schossen auf alles, was sich bewegte. An markanten Wegpunkten des Ausbruchweges sollte Feldgendarmerie (Kettenhunde) als Einweiser stehen, was jedoch tatsächlich fast nie der Fall war. Bei Sasosna bzw. weiter bei Nizhnyj Olshan sollte der Fluss nach rechts verlassen werden, um über normale Wege nach Alexejevka weiter auf Alexejevka vorzustoßen. Jedoch benutzten einzelne Gruppen und Fahrzeuge auch den südlich hoch über der Fluss Niederung gelegenen Damm der Hauptbahn Wailuki – Alexejevka – Ostrogozhsk (- Woronesh), heute sogar zweigleisig Hauptbahn.


    Knapp unter 50 km beträgt die Entfernung von Ostrogozhsk nach Alexejevka, die ersten Gruppen welche im morgendlichen Zwielicht vor Alexejevka eintrafen erlebten eine derbe Überraschung: was sie von weitem für eigene Leute gehalten hatten, erwies sich als Falle; hinter und auf dem Bahndamm lagen die Russen mit einem starken Riegel aus T34 und den berüchtigten Feldgeschützen 7,62 (Ratsch-Bumm). Im Divisionsstab hatte man vermutet, dass Alexejevka nicht oder nur schwach verteidigt wäre, tatsächlich hatten die Russen dort eine Riegelstellung zum Abfangen der ausbrechenden Deutschen aufgebaut. Später vor Alexejevka eintreffenden Gruppen bekamen den Feuerzauber noch rechtzeitig mit und bogen nach links ins Gelände in allgemeiner Richtung auf Ilovskoe ab, allerdings nicht bis Ilovskoe (dort wurde ebenfalls heftig um den Flugplatz gekämpft), sondern vorher querfeldein in Richtung Ilinka, um Alexejevka nördlich zu umgehen. Manche Gruppen waren bis zu 15 Male im Wanderkessel, bis sie weit im Westen die deutsche HKL erreichten.


    Bei den Kämpfen am Bahndamm in Alexejevka die vom 19. bis zum 20. Januar andauerten, sind viele gefallen, auch sehr viele aus dem 1. und 2. Bataillon IR 417. Ich habe die Vermutung, dass zu diesen Gefallenen Dein Großvater gehörte. Kann es sein, dass er als Niederschlesier aus Reichenbach / Eulengebirge (heute Dzierżoniów) zum I. oder II. Bataillon IR 417 gehörte? Die Mehrheit des III. Bataillons IR 417 waren dagegen Oberschlesier aus den Kreisen Neustadt, Neisse, Falkenberg und Oppeln.


    Ich habe dieses kurze Exposé über den 19./20. Januar 1943 aus den schriftlichen und mündlichen Aussagen meines Vaters (geb. 14. Juli 1920, verstorben am 21. August 2016) zusammengestellt. Mein Vater war von Ende Dezember 1940 (Kielce) bis zum 20. März 1944 (Verwundung im Hube-Kessel bei Stanislav/Ivano-Frankovsk) Soldat in der 168. ID – die Russen nannten die Division „Zhelesnaya“ (die Eiserne). Er war zuerst MG-Schütze 2 in der 10./IR 417, später dann (ab Ende Juli1941) Schreiber im Stab Ib bei Major (später Oberstleutnant) von dem Knesebeck – was ihm letztlich das Leben gerettet hat, denn in der Kampfkompanie war die Überlebenschance als Obergefreiter und „Rückgrat der Armee“ deutlich geringer. Während der Rückzüge waren die Chancen allerdings auch nicht besser und nicht schlechter als bei allen anderen, denn er marschierte i.d.R. in kleiner Gruppe mit Bekannten aus der Stabskompanie. Vermutlich war mein Vater einer der Letzten noch lebenden Soldaten der 168. ID die den 22. Juni 1941 miterlebt haben.


    Während der 90er Jahre haben wir gemeinsam einige Fahrten entlang des früheren Weges der 168. ID unternommen, unter anderem auch nach Ostrogozhsk (kein Problem, genau wie mein Vater beherrsche auch ich die russische Sprache in Wort und Text fließend. Der „alte Herr“ hatte bis ins höchste Alter ein bewunderungswürdiges Orientierungsvermögen auf der Straße und im Gelände und er verwechselte niemals ein Datum. Hinterlassen hat er mir seine Aufzeichnungen und mündlichen Erinnerungen aus den Jahren 1938 bis 1945.

  • Hallo Nordmende !


    Vielen Dank für die detailreiche Schilderung des Ausbruchs aus Ostrogoshsk! Alles passt sehr schön in die bislang von mir recherchierte Chronik. Ich habe es aber noch nicht eingearbeitet... Da Du ja schon in dieser Gegend warst und offenbar auch die dortige Geographie gut kennst, möchte ich Dich fragen, ob Du den Ort N. Olschan genau lokalisieren kannst ? Gibt es dort eine Eisenbahnbrücke einer Nebenbahn über den Fluss? Kennst Du einen Fluss Potudan, auf dessen Südufer das GR 442 bei einem russ. Panzerangriff aufgerieben worden sein soll (15. Januar 1943) ?


    Auszug aus meiner Chronik:


    20. Januar 1943


    Teile des Div.-Stabes (Ia, stv Ib, Ic u.a.) fielen bei gegnerischem Angriff am Ostrand von N. Olschan. Neuer DivGefStd in Kollunowka , später in Ilowskoje. (20)

    Es konnte Verbindung mit der 26.ID aufgenommen werden. (20)


    21. Januar 1943


    Div konnte sich der feindl. Einschließung unter hohen eigenen Verlusten entziehen und befand sich auf Weg nach Budjennyj. Vordere Teile trafen um 3:00 Uhr bei Ilowka ein. (8, 20)

    Division schlug sich mit Restteilen der 10.ID und 13.(lei)Div nach Südwesten durch. (3)



    22. Januar 1943


    Ausbruch aus Ilowskoje und Marsch auf Budjennyj (10-FdW)

    Ung 1.PzDiv konnte Budjennyj nicht halten und wurde der 168.ID unterstellt (Gruppe Kraiß) und hatte Marschziel Nowyj Oskol. (8)


    23. Januar 1943


    Nowy Oskol nach 48km -Marsch erreicht. (10-FdW)



    24. Januar 1943


    Beginn der russ. Offensive der Woronesch-Kastornoje Operation.

    Aufgabe des BK Woronesh

    Korps Cramer ab 12:00 Uhr von ung. 2.Armee dem AOK 2 unterstellt. (15, 51)

    168.ID mit unterstellter ung.1. PzDiv traf bei Korps Cramer in Nowy Oskol ein. (15, 51)

    Obstlt Proff (Kdr AR 248) übernahm die Geschäfte des gefallenen Ia Major Pitschmann. (20)

    Befehl für das Sammeln von Versprengten der 168. ID in Belgorod außer GR 429 in Kursk Anschließende Zuführung zu Stammeinheiten war vorgesehen. (51)



    Anm. :Die (Zahl) zeigt mir dabei nur die jeweilige Quelle an. Ortsschreibweisen sind den damaligen Heereskarten 1 : 300000 entnommen und weichen von heutiger Schreibweise ab.


    Gruß Herbert

  • Hallo Herbert,
    Nizhniy Olshan (am Südufer der Tyxaya Sosna) liegt ungefähr 18 km flußaufwärts von Ostrogozhsk und ist mit dem Ort Verkhniy Olshan über den Fluß mit einer kleinen Strassenbrücke verbunden. Ich empfehle dringend als Kartenmaterial die russische/englische Version von Yandeks (https://yandex.com) zu benutzen, alle Orte sind Russisch und englisch beschriftet, auch wenn die englische Transskription der russischen Buchstaben gewöhnungsbedürftig ist! Die Yandex Karten kann man ebenso auf Satellitenbild umschalten wie google.maps.

    Bei Nizhniy Olshan führt eine Unterführung unter der südlich des Flusses gelegenen Hauptbahn Ostrogozhsk-Alexejevka-Wailuki hindurch. Mein Vater hatte Nizhniy Olshan auf dem Beifahrersitz eines Opel Kadett über das Eis der Tychaya Sosna erreicht. Hinten im Wagen sassen noch ein Unteroffizier und ein Feldwebel, quer auf ihren Beinen lag ein Oberfeldwebel der Stabskompanie mit einem Lungensteckschuss. Der (vollkommen übermüdete) Fahrer des Kadett sollte an der kleinen Brücke das Eis verlassen und auf das Nordufer der Tychaya Sosna in Richtung Verkhniy Olshan auf eine Rollbahn wechseln. An der Brücke sollte ein Einweiser (Kettenhund) stehen, dies war aber nicht der Fall. Statt rechts abzubiegen fuhr der Fahrer nach links durch Nizhniy Olshan und blieb unmittelbar vor der Bahnunterführung im Tiefschnee stecken und konnte aus eigener Kraft nicht mehr wenden. Mein Vater stieg aus und ging durch die Bahnunterführung. Auf der anderen Seite war ein Hohlweg, dort lag eine vollkommen zusammengeschossene Fahrkolonne und viele Tote - offensichtlich Ungarn, dazwischen rannten noch einige Rotarmisten beim Beutemachen herum. Wegen dem verdreckten Schneetarnanzug konnten die Russen nicht erkennen, dass mein Vater Deutscher war, er herrschte eine Gruppe von 6 Rotarmisten auf russisch an, dass sie mit zwei starken Balken auf die andere Seite der Unterführung kommen sollten. Die Russen kamen mit und drehten mit den Balken den Kadett um, aber kaum dass der Wagen in der richtigen Fahrtrichtung stand, gab der Fahrer Gas und verschwand ohne sich um meinen Vater zu kümmern, der mt den Russen zurückblieb. Die (unbewaffneten) Russen hatten inzwischen am Fahrzeug erkannt, wem sie geholfen hatten und verschwanden eilends durch die Unterführung. Dies nur als Anekdote, um aufzuzeigen, welches Chaos in diesen Tagen dort herrschte. Wie mein Vater letztendlich lebend über den Fluß nach Verkhniy Olshan kam, ist eine Geschichte für sich...

    Die Stabsoffiziere waren in einer Gruppe von ~20 Mann zu Pferde deutlich nach meinem Vater aus Ostrogozhsk aufgebrochen, als mein Vater in Verkhnyj Olzhan angekommen war, hörte er die Schießerei aus dem Sumpf östlich von Nizhnyj Olzhan über den Fluß hinweg aus 3 - 4 km Entfernung. Die Herren Offiziere waren dort in einen Hinterhalt geraten und hatten ordentlich Verluste, nur 14 Reiter kamen noch in Verkhniy Olzhan an. Darunter Leicht- und Schwerverwundete, vor allem die Adjutanten hatte es erwischt, der Ia Pitschmann war gefallen, Ib und Ic hatten jedoch überlebt., der OB Kraiss war dort nicht dabei.

    Nur vorübergehend war am 19./20. Januar in Koltunovka, der nächste kleine Ort in Richtung Alexejevka, der DivGefStd. Wenig später wurde der DivGefStd in ein Haus an der Strasse nach Ilovskoe (heute Ilovka) verlegt, dazu musste ein größeres Waldgebiet durchquert werden, um Alexejevka zu umgehen.

    Die Eintragung vom 22. Januar scheint mir nicht schlüssig: der weitere Marschweg ging tatsächlich über Budenovsk (heute Biryuch). Ilovskoe lag da aber schon weit im Rücken. Bei den Ungarn konnte man schon überhauot nicht mehr von 10. und 13. Division sprechen, jedwede Kommandostruktur der Ungarn hatte sich längst aufgelöst. Die ung. 1. PzDiv. besass nicht ein Kettenfahrzeug mehr, was sollten die Ungarn noch halten? Am 4./5. Tag nach dem Ausbruch erreichten die Marschkollonnen der Division das Oskoltal bei Novy Oskol. Die Hoffnung dort eine Verteidigungsstellung aufzubauen machten die Russen schnell zunichte. Dort Begann ein noch Wochen andauernder Marsch durch etliche Kessel nach Westen, viele blieben unterwegs entkräftet liegen und erfroren entlang der Rollbahn oder starben an den Verwundungen, die sie bei den häufigen Durchbrüchen von russischen Auffangstellungen erlitten hatten. Schwerverwundete konnten nicht mehr mitgenommen werden, es gab keine Fahrzeuge mehr, der Sprit war längst aufgebraucht. Jeder war sich selbst der Nächste und nahezu jeder hatte eine Pistole mit nur einer Kugel in der Tasche...
    Später, viel später erreichten die Kolonnen die deutsche HKL bei Belgorod und wurden von der 167. ID empfangen. Rund 9.000 Mann (davon 7.500 Angehörige der 168. ID) hatten den Ausbruch und den Marsch bis nach Belgorod überlebt. Aber statt Ablösung begann zunächst die Schlacht um Belgorod, die Ablösung und Auffrischung erfolgte erst im März in Mirgorod.

    Das Flüsschen Potudan entspringt ungefähr 20km ostwärts von Stary Oskol beim Dörfchen Potudan im Belgoroder Gebiet und fließt über Znamenka zuerst in südostlicher Richtung über die Grenze zum Woronesher Gebiet und danach stark mäandernd ostwärts in Richtung Don, mündet zwischen Devitsa und Korotoyak in den Don (fließt also ungefähr 20 km nördlich an Ostrogozhsk vorbei). Tatsächlich hatte das dorthin entsandte GR 442 (oder IR 442, wir sind da gerade im Übergang der Bezeichnung, im damals üblichen Sprachgebrauch wurde noch die Bezeichnung IR 442 benutzt!) dort erhebliche Verluste, IR 442 war schon vorher nur noch bei rund 50% Kampfstärke, kaum mehr als 80 - 90 442er konnten sich in den folgenden 2 - 3 Tagen noch nach Ostrogozhsk durchschlagen..

    Soweit für heute, die Aufzeichnungen meines Vaters, beziehungsweise seine zusätzlichen mündlichen Erläuterugen, die er mir teilweise vor Ort in der Ukraine und in Russland diktierte, geben noch eine Fülle von Details her. Nur seine Fotos sind mit dem persönlichen Gepäck in den Kriegswirren verloren gegangen...


  • Hallo Nordmende, Hallo Herbert,


    danke für die ausführlichen Rückmeldungen. Das meine Wegbeschreibung Fehler enthält ist mir klar, ich konnte leider nicht alle mir bekannten Orte einpflegen. Außerdem fehlen mir natürlich Informationen. Vielen Dank für die ausführlichen Informationen zum Januar 1943. Mein Großvater stammte tatsächlich aus Reichenbach/Eulengebirge. Leider weiß ich fast nichts von früher, weil auch meine Großmutter schon relativ früh starb als ich zehn Jahre alt war. Meine Mutter konnte und wollte aus dieser Zeit nichts erzählen. Deshalb bin ich über ihre Informationen sehr froh und dankbar. Einen neuen Antrag beim DRK habe ich gestellt. Zur Einheit weiß ich nur Gren Rgt. 417, 14 Kp.



    Hier ist übrigens ein Ort/Fluss Potudan bei Google maps zu finden. Es liegt östlich von Stary Oskol, ungefähr auf halben Weg nach Skupoy.


    Potudan' ПотуданьOblast Belgorod Russland 309556



    Gruß Alebo