Artillerie-Regiment 156 - November 1941 in Chosum

  • Hallo,


    das Bundesarchiv hat seit einiger Zeit im Rahmen des dortigen Projektes "Virtuelle Ausstellung" eine Dokumentation zur Beteiligung des Art.-Rgt. 156 an einer Vergeltungsaktion im Oktober/November 1941 in Chosum bei Brjansk erstellt, bei der ca. 188 russische Zivilisten hingerichtet wurden - darunter laut Bericht 60 Kinder im Alter von zwei bis zehn Jahren. Die Erschießung der Kinder wird damit begründet, dass man sie "nicht sich selbst überlassen wollte" nachdem alle Erwachsenen Einwohner schon vorher hingerichtet wurden.

    Die in der Ausstellung gezeigten, originalen Dokumente stammen u.a. aus dem Schriftverkehr zwischen dem Art.-Rgt. 156 und der vorgesetzten 56. Infanterie-Division: https://www.bundesarchiv.de/DE…indermord-von-chozum.html


    Hier noch ein Link zu der im Ausstellungsbericht genannten Gedenkstätte "Khatsun Memorial Komplex": https://www.eng.russia.travel/objects/313566/


    Gruß, J.H.

    Nett kann ich auch - bringt nur nix!

  • Hi J.H.,


    danke dafür.

    Die Seite des Bundesarchiv mit der Aufarbeitung, Einschätzung und

    unmißverständlichen Bewertung dieses frühen Verbrechens ist -

    so sehe ich das - notwendig zu wissen, lesenswert.

    Ein weiteres Beispiel für die Mär vom "wir haben das nicht gewußt".


    Grüße, Kordula

  • Hallo


    Ja, das gehört zu den Fällen, die selbst jemandem der sich mit der Thematik länger beschäftigt zu schaffen machen (ging mir jedenfalls so).

    Die Parallelüberlieferung beim NARA ist meines Wissens

    T315 R967

    In der Akte findet sich neben dem oben zitierten Bericht zu der Massenerschießung am 25.10. auch der Eintrag im KTB vom 26.10.1941, bereffs eines Fernspruchs an die Infanterie- und das Art. Rgt., in dem es unter anderem heißt:

    "Div.Kdr. ist mit dieser Maßnahme durchaus einverstanden. In Zukunft ist in ähnlichen Fällen ebenso zu verfahren. Befehl hierzu kann schon der Btl.-Kdr. erteilen."

    In derselben Akte werden auch andere Vorgänge erwähnt, z. B. um den 20.11.1941 waren es Soldaten des AR 156 (mit Unterstützung 1./Pi 156, zwei Flak und Soldaten der 14./IR 192), die insgesamt 21 Personen wegen (angeblicher oder tatsächlicher) Unterstützung von Partisanengruppen umbrachten (darunter auch mehrere Kinder, drei Ehefrauen von Verdächtigen bzw. die Mutter eines der Verdächtigen). Ort der Erschießungen war "Shurinitschi" (falls das KTB das korrekt transkribierte).


    Beste Grüße

    Marc

  • Hallo,

    Ein weiteres Beispiel für die Mär vom "wir haben das nicht gewußt".

    wie muss ich diese Aussage verstehen, dass wir es mit 15 Millionen Lügnern inklusive dem verstorbenen Bundeskanzler Helmut Schmidt zu tun hatten?

    Das man nachträglich sämtliche Artillerieeinheiten an der Ostfront als Kindermörder einstufen muss und der jüngst in Deutschland so oft diskutierte "Einzelfall"

    bei der Wehrmacht pauschal als Standardverbrechen anzusehen ist?


    Recht unglücklich für einen Historiker nimmt meines Erachtens der Archivar Dr. Menzel in seinem Artikel Stellung, gilt für den Bund keine neutrale militärhistorische Sichtweise?

    Mal eben schnell wegen eines Aktenfundes die gesamte Wehrmacht mutmaßlich auf das Niveau der Ordnungspolizei bringen? Etwas seltsam bemängelt er auch in anachronistischer Sichtweise das der Wehrmacht fehlende Verständnis für zivilen Ungehorsam. Welcher mitunter zu verstümmelt aufgefundenen Soldaten führte und in fast allen Fällen seit Beginn der Weltgeschichte in furchtbaren Gewaltexzessen mündete.

    Die Haager Landkriegsordnung wird erst gar nicht erwähnt, es lebe der Widerstand und die Auflehnung gegen den Eindringling?


    Sicherlich ein trauriger Aktenfund mit boshaftem Massaker, aber dieser taugt wohl längst nicht zur einseitigen Instrumentalisierung und üblen Nachrede.


    mfg

    Tac



    Als weiterführende und ausgewogenere Literatur zum Thema empfehle ich die Examensarbeit von Dr. Joachim von Meien

    Der Partisanenkrieg der Wehrmacht während des Russlandfeldzuges im Zweiten Weltkrieg


    Insgesamt eine ausgewogene Analyse des gesamten Partisanenkriegs an der Ostfront. Zusätzlich sind auch einige Vergleiche des amerikanischen Vorgehen bei zivilem Ungehorsam enthalten (März 1945), z.B. wenn wegen dem Tod eines jüdischen US-Generals sofort 100 Menschen als Sühneaktion exekutiert wurden.

    Und Aushängen mit Androhungen von 200 Exekutionen, sollte einem GI durch einen Zivilisten ein Haar gekrümmt werden.

    Gottseidank neigte der Deutsche ab dem 8. Mai 1945 nicht zum Widerstand und war praktisch über Nacht zu einem friedlichen Pazifisten geworden, Nazis hat es praktisch nie gegeben oder die sind alle umgekommen.

  • Hallo zusammen,


    in der Dissertation von Sebastian Stopper an der Humboldt-Uni in Berlin geht der Autor auch sehr ausführlich

    auf das unfassbare Kriegsverbrechen in Chosum ein, dort heißt das Dorf aber Chacun'.


    Gleich in der Einleitung zitiert Stopper russische Augenzeugenberichte zu den Ereignissen:



    Eigentlich war ich ganz froh, dass mit Marc Bartuschka ein ausgewiesener Experte für den Partisanenkrieg im Forum aktiv ist.

    Von Krisztián Ungváry, der auch einmal hier Beiträge verfasst hat und dessen Bücher ich mit großem Interesse rezipiert hatte, habe ich schon länger nichts mehr gelesen.


    Was ich allerdings bislang vermisse, gerade auch bei der Darstellung des Bundesarchivs, sind die völkerrechtlichen Rahmenbedingungen im Partisanenkrieg sowie den Hinweis auf den Ausnahmecharakter dieses Kriegsverbrechens (unterschiedslose massenhafte Ermordung von kleinen Kindern) durch die Wehrmacht im Brjansker Gebiet.


    In derselben Akte werden auch andere Vorgänge erwähnt, z. B. um den 20.11.1941 waren es Soldaten des AR 156 (mit Unterstützung 1./Pi 156, zwei Flak und Soldaten der 14./IR 192), die insgesamt 21 Personen wegen (angeblicher oder tatsächlicher) Unterstützung von Partisanengruppen umbrachten (darunter auch mehrere Kinder, drei Ehefrauen von Verdächtigen bzw. die Mutter eines der Verdächtigen). Ort der Erscahießungen war "Shurinitschi" (falls das KTB das korrekt transkribierte).


    Sebastian Stopper geht in seiner Arbeit auch auf die Ereignisse in Žuriniči ein, wo die zu Vergeltungsmaßnahmen für fünf ermordete deutsche Soldaten eingerückte Wehrmachtstruppe ganz anders als im Fall Chosum vorging, hier nach russischen Augenzeugen geschildert:



    Zusammenfassend schreibt Stopper zu den Vorgängen in Žuriniči im Vergleich zum Massaker von Chosum:


    "Insgesamt wurden 21 Personen hingerichtet.

    Ein ehemaliger Kolchosvorsteher war ebenfalls von den Dorfbewohnern verdächtigt worden,

    wurde jedoch durch für die Deutschen arbeitende Informanten entlastet. Er kam mit einer eindringlichen Verwarnung davon.

    Auch die Bevölkerung wurde nochmals ermahnt und man verteilte Flugblätter.


    Nachdem vertrauenswürdige Personen des Ortes registriert worden waren

    und ein neuer Bürgermeister bestimmt werden konnte, zogen die Landser wieder ab.

    Die aufgegriffenen Ortsfremden wurden anschließend einer Gefangenensammelstelle überantwortet.


    Obwohl auf den ersten Blick alle notwendigen Voraussetzungen gegeben scheinen,

    war die Situation nicht eskaliert und es hatte kein Massaker stattgefunden bzw. wurde dieses auf die

    Familien der durch die Dorfgemeinschaft als schuldig Identifizierten beschränkt. Wenn dies

    einerseits der Besonnenheit des vor Ort eingesetzten Offiziers zu verdanken war, so mag auch die

    Tatsache, dass die zwei getöteten deutschen Soldaten keine engeren Kameraden aus dem Artillerie-

    Regiment 156 gewesen waren, eine gewisse Rolle dabei gespielt haben, dass keine Emotionen die

    Durchführung der „Vergeltungsmaßnahme“ zu einem blutrauschartigen Racheakt wie in Chacun'

    werden ließen."

    (Sebastian Stopper, Das Brjansker Gebiet unter der Besatzungsherrschaft der Wehrmacht 1941 bis 1943, S. 164.)

    Link:

    https://edoc.hu-berlin.de/bits…df?sequence=1&isAllowed=y



    In der Akte findet sich neben dem oben zitierten Bericht zu der Massenerschießung am 25.10. auch der Eintrag im KTB vom 26.10.1941, bereffs eines Fernspruchs an die Infanterie- und das Art. Rgt., in dem es unter anderem heißt:

    "Div.Kdr. ist mit dieser Maßnahme durchaus einverstanden. In Zukunft ist in ähnlichen Fällen ebenso zu verfahren. Befehl hierzu kann schon der Btl.-Kdr. erteilen."


    Vielleicht kennt Marc die Arbeit von Stopper nicht genau, aber sehr aufschlussreich ist übrigens der Hintergrund der sehr kurzfristig als Sicherungsverband eingesetzten 56. Infanteriedivision. Diese hatte während der harten Vormarschkämpfe im Sommer und Herbst bereits 5500 Soldaten verloren und galt als "nicht mehr voll einsatzfähig". Immer wieder fielen einzelne Soldaten sowjetischen Überfällen aus dem Hinterhalt zum Opfer.

    Ihr Kommandeur von Oven war überdies ein außerordentlich rücksichtsloser General, der bedingunslosen Gehorsam verlangte. Schon vor dem Massaker in Chosum hatte er einen deutschen Soldaten für das bloße Ohrfeigen eines Unteroffiziers zum "Tod durch Erschießen" verurteilt:


    "Der 1888 geborene Kommandeur der 56. Infanterie-Division Karl von Oven war als dekorierter

    Veteran des Ersten Weltkrieges der Meinung, dass hier scharf eingeschritten werden müsse.

    [...]

    Dies war keine leere Drohung: weil ein deutscher

    Mannschaftsdienstgrad im Streit einen Unteroffizier ohrfeigte, hatte von Oven

    über den deutschen Soldaten die Todesstrafe verfügt und als Exempel auch tatsächlich vollstrecken lassen.


    Die Führung der 56. Infanterie-Division zeigte sich äußerst hart sowohl gegenüber Verfehlungen eigener

    Soldaten, als auch gegenüber Widersetzlichkeiten aus der Zivilbevölkerung. Exempel wurden

    statuiert und auf Abschreckung gesetzt.

    Dieser schon sehr strapazierte Verband wurde nun durch den ihm übertragenen Auftrag der

    Sicherung des Brjansker Gebietes eindeutig überfordert.

    Die zwei Infanterie-Regimenter 192 un d234 der Division sowie Artillerie-Regiment 156,

    Panzer-Jäger -Abteilung 156 und Aufklärungs-Abteilung 156 mussten wie andere zeitweise unterstellte Verbände

    zerrissen und mit Schwerpunkten in Brjansk und Karačev über das ganze überantwortete Brjansker Gebiet verteilt

    werden."

    (Sebastian Stopper, Das Brjansker Gebiet unter der Besatzungsherrschaft der Wehrmacht 1941 bis 1943, S. 151.)



    Zum Schluss vielleicht noch ein Hinweis auf die Verluste eines unterstellten Verbandes der 56. ID

    im Kampf mit sowjetischen Partisanengruppen. Ein Nachrichtenregiment verlor dabei in vier Tagen 100 Soldaten:



    Die ganze Gemengelage - eine erschöpfte, ausgeblutete Truppe, Partisanenangriffe aus dem Hinterhalt, ein rücksichtsloser Kommandeur, Flüsternachrichten über SS-Massenerschießungen von Juden und Verständigungsprobleme mit der Zivilbevölkerung durch fehlende Dolmetscher - kann in keiner Weise eine Entschuldigung für dieses Kriegsverbrechen in Chosum sein.

    Sie zeigt aber (nach meiner Meinung) wie solch ein Massaker an unschuldigen Frauen und Kindern durch eine reguläre Artillerieeinheit der Wehrmacht überhaupt möglich wurde. Diese Hintergründe lässt die Darstellung des Bundesarchivs leider ausgeblendet.


    Grüße

    Bodo

    „Was wir im deutschen Widerstand während des Krieges nicht wirklich begreifen wollten, haben wir nachträglich vollends gelernt: Daß der Krieg schließlich nicht gegen Hitler, sondern gegen Deutschland geführt wurde.“ (Eugen Gerstenmaier)

  • Hallo Bodo


    Ich kenne Stoppers Arbeit (wenn auch nicht bis in jedes Detail), bin aber bei etlichen Punkten seiner Darstellung anderer Ansicht als er. Das zeigt sich exemplarisch schon bei den hier besprochenen Fällen. Es scheint mir gewagt, wie bei ihm geschehen die These aufzustellen, der Angriff, der den Vorwand/Anlass für das erste Massaker lieferte, sei vielleicht gezielt mit der Absicht durchgeführt worden, deutsche Repressionsmaßnahmen hervorzurufen. Das ist doch wirklich nur geraten, und es wundert mich schon, dass so eine eben auf reiner Hypothese basierende weitreichende Unterstellung keinen Widerspruch provoziert. Die Versprengten agierten ja wahrscheinlich ebenfalls sehr situativ - von einer durchdachten Strategie kann man meiner Ansicht zu diesem Zeitpunkt kaum ausgehen.


    Auch seine Interpretation an dieser Stelle, die Rotarmisten und Partisanen würden mit dem irregulären Widerstand nicht sich selbst sondern in erster Linie die Bevölkerung gefährden (und das sei ihnen klar gewesen) erscheint mir gewagt und fragwürdig. Zum einen agierten die Versprengten in einem Umfeld in dem sie ohnehin fürchten mussten, als "Partisanen" erschossen zu werden. Zum anderen waren die Verluste der Versprengten und Partisanen gerade in dieser Kriegsphase im Vergleich zur Zahl der Betroffenen doch recht hoch zu nennen. Natürlich sind die Erfolgsmeldungen der Besatzungstruppen mit Vorsicht zu betrachten, bei vielen der erschossenen "Partisanen" kann es sich durchaus um Versprengte gehandelt haben, die keinen aktiven Kampfauftrag im Hinterland hatten und sich einfach nur Richtung der eigenen Linien durchschlagen oder untertauchen wollten. In anderen Fällen auch um Personen, die vor der Ankunft der Deutschen eine paramilitärische Schulung erhalten hatten, aber gar nicht aktiv im Widerstand tätig waren, um Zivilisten bei denen man Militärmaterial gefunden hatte etc. Allein das KTB der 56. (und anderer Einheiten) listet bei sehr geringen Eigenverlusten eine Vielzahl von erschossenen "Partisanen" auf. Von geringer Gefahr für die Partisanen/Versprengten zu sprechen, insbesondere dort wo diese nicht einfach nur den Kopf einzogen sondern aktiv kämpften, ist in meinen Augen deshalb problematisch.


    Stopper berücksichtigt hier zudem meiner persönlichen Ansicht nach die Motive (soweit überhaupt nachvollziehbar) und die sehr gefahrvolle Situation der Versprengten/Partisanen zu wenig bzw. mit zu wenig Empathie in ihre Situation. Das stört mich an Fällen wie diesen am meisten. Mitunter scheint fast mehr Empathie (ich meine nicht Sympathie, aber den Versuch von Einfühlungsvermögen) für die Wehrmachtsangehörigen aufgebracht zu werden (um ihre Motivlage zu erahnen - mit Sicherheit wissen kann man sie mit den vorliegen Quellen natürlich nicht, nur spekulieren), aber weniger auf diejenigen, die gegen die Besatzer kämpften. Und das ist dann doch eine Schieflage in meinen Augen. Natürlich ist immer die Gesamtsituation zu betrachten, aber diese Gesamtsituation bietet ja auch den Rahmen für den irregulären Widerstand.


    Hallo Tac


    Hm, also verstehe nicht, was dich an der Kritik an einer "nicht gewusst"-Behauptung so stört. Kordula hat ja keineswegs behauptet, damit sei bewiesen ALLE Wehrmachtssoldaten hätten an solchen Verbrechen partizipiert (es waren aber natürlich sehr viel mehr als jahrzehntelang eingestanden wurde).

    Dass ein nicht-gewusst-haben-wollen unglaubwürdig ist, das würde ich voll und ganz ebenso sehen wie Kordula. Das brutale Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung geschah ja nun wirklich nicht unter hermetischem Abschluss, auch wenn eine Weiterverbreitung oft unerwünscht war (aber auch unmöglich). Bei der Zahl an im Hinterland eingesetzten Truppenverbänden, dem Transfer von Soldaten zwischen den Einheiten und dem unvermeidlichen Gerede halte ich es schon für ziemlich unwahrscheinlich, dass viele in der UdSSR eingesetzte deutsche Soldaten "nichts gewusst" haben können, spätestens nach einer gewissen Zeit im Einsatz. Und natürlich sickerte davon auch vieles in die Heimat durch.


    Mit freundlichen Grüßen

    Marc Bartuschka

  • Hallo zusammen,


    Was ich allerdings bislang vermisse, gerade auch bei der Darstellung des Bundesarchivs, sind die völkerrechtlichen Rahmenbedingungen im Partisanenkrieg sowie den Hinweis auf den Ausnahmecharakter dieses Kriegsverbrechens (unterschiedslose massenhafte Ermordung von kleinen Kindern) durch die Wehrmacht im Brjansker Gebiet.

    der Drang hin zu einer rein "moralisierenden Verurteilung" ist unverkennbar. Auch die kriegsrechtliche Betrachtung findet oftmals nur noch nach heutigem Verständnis von gut und richtig statt.

    Oder es werden allerhöchstens Maßstäbe der Genfer Konventionen (1949 !!) zu Grunde gelegt, aus der Nachkriegszeit.


    Entsprechend wird die einseitige Betrachtung und Wertung mancher hiesiger "Täterforscher" bereits im außerdeutschen Historikerkreis kritisch beäugt.

    Ich zitiere dazu den britischen Historiker Richard J. Evans in einer sachlichen und ausgewogenen Publikation zum Thema Partisanen:

    Quote

    ...Seit den frühen 1990er Jahren ist die Geschichtsschreibung zum Dritten Reich nicht sachlicher, neutraler

    oder wissenschaftlicher geworden, im Gegenteil. Weit davon entfernt, das Thema sine ira et studio zu behandeln,

    zeigten Historiker eine wachsende Tendenz, die Analyse, das Argument und die Abwägung durch die moralisierende

    Verurteilung zu ersetzen. Die Geschichtsschreibung über Nazideutschland wurde durch die Sprache des Staatsanwalts

    und des Moralpredigers in erheblichem Umfang beeinflusst, fast schon geprägt

    Timm C. Richter, Krieg und Verbrechen : Situation und Intention S.79


    Sehr lesenswert ist diese Publikation, mit Aufsätzen von über 25 Historikern, unzählige differenzierende Fallbeispiele aus Aktenfunden zum Thema Partisanenkrieg und Verbrechen.

    Auch Historiker Klaus Jochen Arnold spricht dort das Kernproblem an:

    Quote

    Das Nürnberger Tribunal von 1946 unterschied zwischen Kriegs- und NS-Verbrechen. Mit Blick auf die Ursprünge, die Motive und Methoden

    der Beteiligung der Wehrmacht an Verbrechen scheint diese Unterscheidung sinnvoll, die allerdings zunehmend marginalisiert wird.

    So wird die Partisanenbekämpfung als integraler Bestandteil eines "Vernichtungskrieges" gegen harmlose Zivilisten beschrieben, der Versuch

    einer Differenzierung zwischen zielgerichtetem Massenmord aus ideologischen Gründen und dem legitimen Bedürfnis einer Besatzungsmacht ,

    Freischärler zu bekämpfen und die rückwärtigen Verbindungen zu sichern, für obsolet erachtet.

    Timm C. Richter, Krieg und Verbrechen : Situation und Intention S. 77



    Der Schritt von einer Portion Empathie bis zur gefährlichen "kognitiven Dissonanz" scheint mir nicht weit zu sein, dann führt allzu leicht ein "es kann nicht sein, was nicht sein darf" die Feder des Historikers. Schade, dass die in diesem Jahr von Dr. Christian Hartmann gehaltene Ringvorlesung an der Helmut-Schmidt-Universität nicht als Pflichtdokumentation im öffentlich-rechtlichen Fernsehen lief, ging es dabei doch nahezu nur um den Partisanenkrieg. Empfehlenswerte 90 Minuten:

    "Tradition wird gemacht. Geschichte, Erinnerung und Selbstverständnis der Bundeswehr"

    https://www.youtube.com/watch?v=aPQfEQupWnY



    Dass ein nicht-gewusst-haben-wollen unglaubwürdig ist, das würde ich voll und ganz ebenso sehen wie Kordula. Das brutale Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung geschah ja nun wirklich nicht unter hermetischem Abschluss, auch wenn eine Weiterverbreitung oft unerwünscht war (aber auch unmöglich). Bei der Zahl an im Hinterland eingesetzten Truppenverbänden, dem Transfer von Soldaten zwischen den Einheiten und dem unvermeidlichen Gerede halte ich es schon für ziemlich unwahrscheinlich, dass viele in der UdSSR eingesetzte deutsche Soldaten "nichts gewusst" haben können, spätestens nach einer gewissen Zeit im Einsatz

    Historiker Christoph Rass hat doch in seiner Studie "Menschenmaterial" aufgeführt, das in den ersten 6 Monaten des Barbarossa-Feldzugs bei der 253. Infanterie-Division insgesamt nur 50-60 Partisanen erschossen wurden, oftmals von den gleichen Feldjägern. Dann würde ich bei 16.000 Divisionsangehörigen auf vielen Kilometern Frontbreite nicht mutmaßlich von einem flächendeckend brutalen Vorgehen und allgemeinen Wissensstand unter allen Soldaten der Division ausgehen.

    Und erst 1942 als Ersatz zur Einheit stoßende Soldaten konnten unmittelbar in direktem Stellungskrieg landen, mit sehr wenig Kontakt zu im Hinterland eingesetzten Truppenverbänden.

    Hier gerät man wieder in Gefahr zu verallgemeinern, noch längst nicht auf jeden Verband treffen die üblichen Stereotypen "Bandenkampf", "Rückzugsverbrechen" und Verachtung/Ausbeutung der Zivilbevölkerung zu.

    Dazu empfiehlt sich wieder Dr. Christian Hartmann, auf die Komplexität wird im Vortrag ja ausgiebig eingegangen.



    mfg

    Tac

  • Hallo Marc, hallo Tac,


    Danke, daß ihr ausführlich auf meinen Beitrag zur Forschungsarbeit von Sebastian Stopper und meine Kritik an der - leider -

    recht einseitigen Darstellung des Bundesarchivs geantwortet habt. Eigentlich müßte doch jede Darstellung deutscher Kriegsverbrechen zunächst die historischen Gegebenheiten vor Ort miteinbeziehen (z.B. Wehrmacht am Abgrund, 3000 neue, ostunerfahrene Soldaten als "Ersatz" bei der frontunfähigen 56. Division, Hitlers radikale Mordbefehle, seine regelmäßige Aufhebung von Militärgerichtsurteilen gegen deutsche Kriegsverbrecher und nicht zuletzt ein gedemütigter Nazi-General von Oven) wie auch die tatsächlich gut erforschte gegnerische Kriegsführung (regulär und Guerilla-Taktik). Was wäre eine (noch) völkerrechtskonforme Repressalie gewesen, ohne diesen schwer faßbaren Mordbefehl? (Stichwort Handlungsspielräume der verantwortlichen Offiziere?)


    Hallo Bodo


    Ich kenne Stoppers Arbeit (wenn auch nicht bis in jedes Detail), bin aber bei etlichen Punkten seiner Darstellung anderer Ansicht als er. Das zeigt sich exemplarisch schon bei den hier besprochenen Fällen. Es scheint mir gewagt, wie bei ihm geschehen die These aufzustellen, der Angriff, der den Vorwand/Anlass für das erste Massaker lieferte, sei vielleicht gezielt mit der Absicht durchgeführt worden, deutsche Repressionsmaßnahmen hervorzurufen. Das ist doch wirklich nur geraten, und es wundert mich schon, dass so eine eben auf reiner Hypothese basierende weitreichende Unterstellung keinen Widerspruch provoziert.


    Ja, das könnte man denken, aber ich habe von dieser sowjetischen Strategie in den letzten Jahren mehrmals gelesen.

    Stalin soll schon früh befürchtet haben, daß sich große Teile der Bevölkerung in den von Deutschland besetzten Gebieten der Sowjetunion gegen sein Regime wenden könnten.

    Vgl. dazu die Zusammenfassung des Stalinismusexperten und Berliner Professors Jörg Baberowski:


    "Hitlers Soldaten marschierten in einen Gewaltraum, dessen Bewohner das Grauen schon gesehen und erlebt hatten. Viele Menschen empfanden die Terrorherrschaft der Nationalsozialisten als Fortsetzung einer Leidensgeschichte, die für sie schon zehn Jahre vorher begonnen hatte. So sahen es auch die stalinistischen Funktionäre, Tschekisten und Kommissare, die ihre Fähigkeiten nunmehr in den Dienst des Vernichtungskrieges stellen konnten. Immer schon hatten sie Krieg geführt, aber jetzt erst entfalteten die Praktiken des terroristischen und gewalttätigen Kampagnenstaates ihre eigentliche Wirkung."

    (Jörg Baberowski, Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt, München 2012, S. 396.)



    Konkret hat der niederländische Osteuropahistoriker Marius Broekmeyer in seinem herausragenden Werk "Stalin, the Russians, and Their War 1941-1944" (2004) dazu russische Quellen ausgewertet. Demnach haben viele sowjetische Partisaneneinheiten wiederholt deutsche Militäreinrichtungen nur deshalb angegriffen, um harte Repressalien der Besatzungstruppen gegen unschuldige Zivilisten zu provozieren. Dies sei ein unmenschlicher, aber aus russischer Sicht auch "genialer" Plan Stalins gewesen:


    Quote

    "If the Bolshevik regime is supported by a cruel system of punitive measures, then it loses its former significance for the population of the occupied areas," wrote Nikolai Yonyayev. "Prompt measures were therefore taken to intensify to the extreme hostile relations between the population and the occupiers.

    Numerous partisan units carried out sabotage sometimes simply with the aim of provoking counter-repression and thus depriving the Russian population of possibly looking to the Germans as allies rather than enemies.

    If one discounts the remarkable inhumanity of this plan, it can be seen as one of Stalin's most ingenious inventions."


    (Marius Broekmeyer, Stalin, the Russians, and Their War 1941-1945, Madison 2004, S. 164-165.)


    Der britische Wissenschaftler Alexander Hill ist in seiner Studie zum Partisanenkrieg hinter der deutschen Heeresgruppe Nord zu ähnlichen Erkenntnissen gelangt ("The War Behind the Eastern Front. The Soviet Partisan Movement in North-West Russia, 1941-44", London 2004). Die häufigen Überfälle durch Partisanen führten zu schweren Kriegsverbrechen deutscher und einheimischer Anti-Partisanen-Einheiten, denen immer wieder unschuldige Zivilisten zum Opfer fielen.

    Da das Buch nicht auf Deutsch erschienen ist, hier aus der Rezension des Holocaustexperten Alexander Brakel:

    Quote

    "Hill kommt zu teilweise spektakulären Ergebnissen: Er kann zeigen, dass sich die Deutschen tatsächlich von militärischen Überlegungen leiten ließen, ihre Einsätze also tatsächlich in Gegenden durchführten, in denen verstärkt Partisanen aufgetaucht waren. Opfer dieser deutschen Operationen waren dennoch mehrheitlich unbeteiligte Zivilisten, was Hill allerdings nicht mit ideologischen, sondern mit situativen Faktoren erklärt.

    Die Partisanen waren mobil und konnten sich, wenn Gefahr in Verzug war, schnell absetzen, während die übrige Bevölkerung zurückblieb und so den Deutschen in die Hände fiel, die wiederum wegen der mangelnden Kennzeichnung der Partisanen insbesondere in der ersten Zeit Partisanen und Nicht-Partisanen nicht voneinander unterscheiden konnten. Hill dokumentiert jedoch auch, dass die Einsätze der Besatzer dennoch nicht vergeblich waren, sondern der Partisanenbewegung starke Schläge versetzten."

    (Alexander Brakel: Rezension zu: Hill, Alexander: The War Behind the Eastern Front. The Soviet Partisan Movement in North-West Russia, 1941-44. London 2004, in: H-Soz-u-Kult, 19.09.2005)

    http://hsozkult.geschichte.hu-…de/rezensionen/2005-3-171


    Deutsche und sowjetische Berichte zeigen aber auch, daß der Übergang von versprengten regulären Einheiten der Roten Armee zur sowjetischen Partisanenbewegung 1941 und dann 1944 wieder zurück zur regulären Armee unter in Moskau geschulten Kommissaren und Kommandeuren fließend sein konnte (Siehe dazu Bogdan Musial, Sowjetische Partisanen 1941-1944. Mythos und Wirklichkeit, Paderborn u.a. 2009, S. 60 f.):


    "Offensichtlich auf der Grundlage der Erfahrungen an der Nordwest-Front ordnete Lev Mechlis am 19. August 1941 an, bei den politischen Verwaltungen der einzelnen Fronten Abteilungen einzurichten, die sich mit der parteipolitischen Arbeit unter der Bevölkerung und den Truppen der Roten Armee, die in den besetzten Gebieten zurückgeblieben waren, befassen sollten. Sie erhielten u.a. den Auftrag, die Partsanenbewegung zu organisieren und zu führen. Diese Abteilungen wurden in den darauf folgenden Monaten nach und nach eingerichtet."

    http://www.deutschlandradiokul…ml?dram:article_id=191138

    Von geringer Gefahr für die Partisanen/Versprengten zu sprechen, insbesondere dort wo diese nicht einfach nur den Kopf einzogen sondern aktiv kämpften, ist in meinen Augen deshalb problematisch.
    Stopper berücksichtigt hier zudem meiner persönlichen Ansicht nach die Motive (soweit überhaupt nachvollziehbar) und die sehr gefahrvolle Situation der Versprengten/Partisanen zu wenig bzw. mit zu wenig Empathie in ihre Situation.


    Den deutschen Gefechtsberichten (im Bundesarchiv) zufolge handelte es sich am Ort des späteren Massakers von Chosum um eine größere bewaffnete Kampfgruppe, teils mit aber vielfach auch ohne Uniformen.

    Gleichzeitig hatte der überfallene deutsche Spähtrupp von 5 Reitern anscheinend rund 30 uniformierte sowjetische Kriegsgefangene in seinem Gewahrsam. Wie haben diese Rotarmisten auf den Angriff reagiert? Anscheinend sind diese doch ihren angeschlagenen deutschen Begleitern nicht in den Rücken gefallen? Sonst hätten die entkommenen deutschen Soldaten doch keinesfalls Bericht erstatten können. Wollten die im Dorf befindlichen bewaffneten Sowjetsoldaten ihre gefangenen Kameraden vielleicht sogar befreien?


    Der von Tac bereits zitierte Christian Hartmann hält die Einschätzung, daß in Zivil gekleidete bewaffnete Soldaten von den Besatzungstruppen als Freischärler angesehen wurden, für völkerrechtlich konform.

    Andererseits sieht man auf Fotos von sowjetischen Gefangenenkolonnen 1941 zwischen Uniformierten immer wieder zivil gekleidete Sowjetsoldaten. Viele Wehrmachtssoldaten zeigten für deren Schicksal Verständnis, solange keine versteckten Waffen gefunden wurden.

    Bei Klaus Jochen Arnold ("Wehrmacht und Besatzungspolitik") sind Beschwerden vorgesetzter Stellen verzeichnet, denen es nicht in den Kram paßte, daß diese zivil-militärischen Gefangenen nach Ablauf der allgemeinen Meldefrist als "normale Kriegsgefangene" behandelt wurden. Siehe als Beispiel den Bildanhang unten, "Ljudinowo, sowjetische Kriegsgefangene im Sommer 1941", wo man die unterschiedliche Bekleidung "Zivil, Militär" erkennen kann.


    Hartmann hat zum Aspekt der versprengten oder umzingelten Rotarmisten im deutschen Hinterland geschrieben:



    Abschließend möchte ich noch auf einen meist wenig beachteten Faktor hinweisen: die sich vom ersten Kriegstag an manifestierende materielle und personelle Unterlegenheit der Wehrmacht gegenüber der Roten Armee. Hartmann schreibt von einer seit Sommer 1941 quantitativen und zunehmend auch waffentechnisch qualitativen Unterlegenheit der deutschen Seite, die bei entsprechend ideologisch verblendeten Kommandeuren zu Greueltaten führen konnte.

    Heinrich Himmlers ("Reichsführer SS") Polizei- und Mordkommandos (SS-Einsatzgruppen) hatten ja darüber hinaus bereits seit den ersten Tagen des "Unternehmens Barbarossa" immer neue erschreckende Maßstäbe bei Kriegsverbrechen bis hin zum systematischen Judenmord gesetzt.

    Dazu passend ein Link zur Frage: Haben Sie davon gewußt? Mit lesenswerten Antworten deutscher Soldaten und Zivilisten:

    (Walter Kempowski: Haben Sie davon gewußt? Deutsche Antworten.)


    "Das deutsche Ostheer mochte gewaltig sein, verglichen mit der Roten Armee war es schwach.

    Dass ausgerechnet der Angreifer dem Verteidiger quantitativ (und wie sich bald herausstellen sollte,

    auch qualitativ) unterlegen war, widersprach jeder militärischen Doktrin.

    Angesichts dieser Voraussetzungen war es unausweichlich, dass das Ostheer für die militärische Sicherung der riesigen rückwärtigen Räume zunächst kaum Kräfte übrig hatte. Neben Himmlers Hilfstruppen sollten anfangs nicht mehr als neun Sicherungsdivisionen das gesamte Rückwärtige Heeresgebiet kontrollieren."

    (Christian Hartmann, Wehrmacht im Ostkrieg: Front und militärisches Hinterland 1941/42, München 2010, S. 701.)


    Grüße

    Bodo

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    „Was wir im deutschen Widerstand während des Krieges nicht wirklich begreifen wollten, haben wir nachträglich vollends gelernt: Daß der Krieg schließlich nicht gegen Hitler, sondern gegen Deutschland geführt wurde.“ (Eugen Gerstenmaier)

  • Hallo Tac


    Es ist natürlich zu betonen, dass brutales Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung sich nicht auf die tatsächliche oder angebliche Partisanenbewegung beschränkt. Diese war zwar ein ganz wesentlicher Teil. Durch das Erzählen der aktiv Beteiligten (nach Art der Stillen Post vom einen zum anderen), den Kontakt mit anderen Einheiten, Versetzungen von im Hinterland eingesetzten Soldaten halte ich es durchaus für plausibel, dass ein zwar nicht immer konkreter aber genereller Kenntnisstand recht hoch war. Dafür gibt es ja auch eine Menge Hinweise.

    Wohl nicht erst seit Neitzels "Soldaten" ist aber auch bekannt/belegt, wie ungeniert eine signifikante Zahl deutsche Soldaten nicht selten auch über ganz individuelle Exzesse und generell das brutale Vorgehen redeten und dachten - ob hier immer von eigenem Erfahren gesprochen oder die Erzählungen anderer aufgenommen wurden, ist sekundär wenn es um die Frage des "von etwas Wissen" geht.

    Auf ähnliche Beispiele bin ich auch bei meiner eigenen Recherche gestoßen. Liest man beispielsweise Berichte der Briefzensur durch (http://wwii.germandocsinrussia…a#page/1/mode/grid/zoom/1)

    so sind Verweise auf brutales Vorgehen zwar nicht allgegenwärtig. Es wird aber mehrfach entweder erwähnt, dass in Briefen Bilder von hingerichteten "Partisanen" etc. heimgeschickt wurden, oder wie Landser vom herrlichen Leben schwärmen dass sie sich durch individuelle Plünderungen machen können (gelegentlich wird auch vermutlich Plünderungsgut nach Hause geschickt). Vereinzelt freilich wird auch Kritik am Verhalten der Kameraden erwähnt, wie man sich wohl selber fühlen würde wenn so ein Verhalten praktiziert würde, und dass dies den Widerstand nur stärken muss.


    Dass dies in ausreichender Form vorkam, um in den Berichten der Poststellen registriert zu werden deutet darauf hin, dass der Fakt des rücksichtslosen Vorgehen - ob im Rahmen der Partisanenbekämpfung oder unabhängig - sehr wohl recht verbreitet bekannt war. Bei weitem nicht alle partizipierten direkt oder stimmten auch nur zu. Aber es ist ebenso plausibel, dass andere, die davon wussten (und zum Teil auch teilnahmen) dies einfach nicht erzählenswert hielten und deshalb nicht in ihren Briefen davon schrieben. Nun wäre es sehr gewagt, die Befunde dieser Poststellen auf alle anderen auszudehnen. Aber es deutet doch eher auf ein sehr weit verbreitetes Wissen (und tw. auch vollkommen fehlendes Unrechtsbewusstsein) hin.


    Die Gefahr, von Empathie zu dem was du "kognitiven Dissonanz" nennst überzugehen scheint mir auch gegeben, nur sehe ich sie sehr viel größer an bei Empathie für die eigentlichen Täter und ihre Handlungssituation. Hier ist im Zuge der zum Teil durchaus gerechtfertigten Revision in der Sichtweise auf die angeblichen Erfolge der Partisanen (die leider eben doch nicht so groß waren) und ihr Verhalten (das eben leider nicht so untadelig war, sondern oft auch Übergriffe beinhaltete) gegenüber Zivilisten wie in der sowjetischen und ostdeutschen Literatur behauptet meines Erachtens mehr als einmal die Grenze des Angemessenen überschritten worden, beziehungsweise wurde ins andere Extrem gewechselt, und primär auf die Täter und die Zivilbevölkerung, aber fast gar nicht mehr auf die Partisanen selber geschaut. Was denn doch ein Schritt zu weit ist.


    Hallo Bodo


    Hier vermischt sich aber nach meiner Ansicht etwas Annahmen und Tatsachen. Ich habe von dieser These - in den meisten Fällen ist sie als These/Behauptung formuliert - der gezielten "Provokation" der Deutschen durchaus auch schon oft gelesen. Nur fehlt im konkreten Fall natürlich fast immer der Beleg was nun der Auslöser der von den Partisanen durchgeführten Operation war. Oft sind diese Behauptungen nicht ausreichend untermauert (was sie bei so weitreichenden Anschuldigen eigentlich sein sollten). Vor allem ist natürlich auch immer zu berücksichtigen, dass eine wirkliche oder angebliche "Provokation" niemals eine Rechtfertigung des jedes Maß sprengenden Verhaltens des "Provozierten" bedeutet (was in der Literatur nicht immer der Fall ist).


    Dass die sowjetische Strategie vielfach auf die Folgen für die Zivilbevölkerung wenig Rücksicht nahm, kann inzwischen als gesichert gelten, hier waren militärisch-ideologische Faktoren wichtiger. Die Führung der Partisanen und der Roten Armee wollte eben zuerst einmal den Krieg gewinnen, und das hieß den Nachschub der Besatzer zu schwächen, ihre Truppen wo möglich zu binden, ihre Kontrolle im Hinterland zu minimieren und jegliche Kollaboration zu unterbinden. In der Kriegssituation führte dies zweifellos auch zu (vielfach verständlichem) Aktionismus, bei dem agegriffen wurde ohne abzuwägen, ob der Angriff militärisch wirklich einen Effekt hatte, und was die möglichen Konsequenzen waren.


    Daraus freilich den Generalverdacht des beabsichtigten Vorgehens um genau den deutschen Terror hervorzurufen (der in Polen und Jugoslawien zu diesem Zeitpunkt ja bereits teilweise praktiziert worden und in den deutschen Befehlen von Anfang an angelegt war) zu konstruieren und damit die Schuld an den deutschen Verbrechen zunehmend auf die Angegriffenen zu verlagern ist doch recht gewagt, vorsichtig ausgedrückt. Von einer Missachtung des Lebens der eigenen Zivilisten zu sprechen ist etwas, was durchaus zu erwägen ist. Aber da muss man eben auch den Kontext bedenken, und nicht allein auf die menschenverachtende Rücksichtslosigkeit der sowjetischen Staatsführung schauen, sondern auch auf die tatsächliche existenzielle Bedrohung in der sich die UdSSR nun einmal befand.


    Aus Perspektive der Besatzer war natürlich jeder Angriff eine Provokation/Zumutung - doch darf man sich diese Perspektive nicht zu eigen machen. Das heißt nicht, dass es den Partisanen/Versprengten tatsächlich darum ging, die Besatzer zu Exzessverbrechen oder systematischen Massenmorden zu reizen, vielfach dürfte situatives Verhalten und der generelle Kampfauftrag im Vordergrund gestanden haben. Die UdSSR kämpfte ja um ihr Überleben, und die Versprengten taten dies auch (spätestens nachdem sie mitbekommen hatten, wie es vielen Kriegsgefangenen erging).

    Ich will nun nicht zu 100 Prozent ausschließen, dass es Fälle in denen ein Angriff eine brutale "Vergeltungsaktion" hervorrufen sollte, niemals gegeben haben KANN. Mir fehlt bisher nur der glaubhafte Beleg, dass dies tatsächlich flächendeckend geschah. In der ersten Kriegsphase war die Kontrolle der versprengten Gruppen so schlecht, dass eine generelle Strategie unplausibel erscheint. Es dauerte ja bis weit ins Jahr 1942, tw. auch 1943, ehe die Partisanengruppen auch nur halbwegs regelmäßig in Kontakt mit der Heimat standen und einer gewissen Kontrolle unterlagen (wirklich perfekt war beides auch später nie). Sprich, die Partisanen waren nie reine Marionetten, die allein Befehle ausführten, sondern handelten oft aus der Situation oder der Entscheidung des jeweiligen Kommandeurs heraus. Zu diesem Zeitpunkt wurden dann aber auch Bemühungen unternommen, die Bevölkerung eher für die Kooperation mit den Partisanen zu gewinnen (durch Unterbindung von Plünderungen etc.).


    Dass die deutsche Führungsebene - die teilweise sehr weitgehende Befehle erließ was den Umgang mit Versprengten anging - mit dem Verhalten der Soldaten im Einzelfall nicht immer zufrieden war weil diese zu "nachlässig" vorgingen ist in der Tat etwas was auch mir gelegentlich aufgefallen ist. Andererseits finden sich auch immer wieder summarische Berichte von Massenerschießungen, bei denen es sich nach der Lage wohl höchstens partiell um aktive Partisanen gehandelt haben dürfte, sondern vielfach um Versprengte. Das schwankte von Division zu Division.


    Mit freundlichen Grüßen

    Marc Bartuschka