Sprengung der Eisenbahnhubbrücke Karnin/Usedom Ende April 45

  • Hallo,


    ich stelle hier mal die Abschrift eines Zufallsfundes der Familie Wichert, Welzin/Usedom, mit deren Einverständnis ein.

    Sie haben folgenden Tagebuchähnlichen Eintrag gefunden, auf der Rückseite einer Pommernkarte in Bleistift verfaßt (Fotos unten, Orthografie korrigiert):


    "4. SS?-Pioniereinheit. L.B.V.


    Usedom, den 27. April 45

    Rücken auf Karnin vor, um dortige Eisenbahnbrücke zu sprengen. Laut Befehl von Sturmbannführer Hessel werden fünf unserer Leute für geheimen Sonderauftrag abgezogen, einer davon bin ich zu meinem Glück und Verwunderung, der Offensive der Russen zu entgehen. Seit Tagesbeginn des 29. Nähern sich die russischen Angriffsspitzen der Ortschaft Kamp. Vier Boote der 8. Artillerieflottille liegen in Karnin mit Sprengstoff und Seeminen, um die Sprengung der Brücke zu ermöglichen.

    Unterscharführer Podde


    Karnin, den 28. April 45

    Seit dem Morgengrauen Geschützdonner aus Richtung Anklam, um 8.35 (Uhr) Eintreffen eines Sonderzuges aus Prenzlau mit Angehörigen der SS-Einheit Wallonie (Belgier), die mit einem in Prenzlau unter Aufsicht von S...? versiegelten Waggon hier eintreffen. Sturmbannführer Hessel befiehlt das Entladen der Waggons auf 3 dafür herangeschaffte LKW. Als die Abenddämmerung hereinbricht setzen wir uns in Richtung Swinemünde in Bewegung. Die Wallonier werden in Karnin zurückgelassen. Nur Sturmbannführer Hessel, Scharführer Kluge, Rottenführer Paul, Schütze Pullmann und Rottenführer Hanselweger sowie ich fahren nun im Schutze der Dunkelheit gen Norden. Nach Fragen wohin und in welchem Auftrage gibt uns Hessel immer noch keine Auskunft. Kurz hinter der Stadt Usedom gibt Hessel die Anweisung, in den dort der Straße angrenzenden Wald zu fahren. Als wir einige hundert Meter in den Wald zurückgelegt hatten, kamen wir auf rechter Seite auf einen teils verlandeten See zu. Hessel befahl hier zu halten. "



    Das Dokument wirft einige Fragen auf:

    Es ist "schon" in deutscher Sprache aufgeschrieben und nicht in Sütterlin, wie die meisten Dokumente der Zeit, könnte aber auch später verfasst oder diktiert worden sein - Es ist keine der Zeit typische Schrift und eher eine weibliche... Bin aber kein Graphologe (nur Typographin)...

    Vermutlich ist die Kartensammlung erst aus den fünfziger Jahren - Wer schreibt da aber so etwas?

    Gibt es Informationen zu der Einheit (habe nichts gefunden) oder zu den genannten Namen (dito)

    Die Wallonier waren bei Stettin sehr aktiv - aber ich habe keinen Hinweis auf Usedom gefunden.


    Karnin 1.jpgKarnin 2kl.jpg


    Vielleicht ist es jedoch trotz allem ein interessantes Dokument und jemand kann etwas damit anfangen. Ich habe nur eine Kopie des Ganzen...


    Liebe Grüße

    Anne


    Kartentext gedreht, Diana

  • Hallo Anne,


    dass sind interessante Notizen. Ich würde von Angehörigen der 4. SS-Polizei-Panzergrenadierdivision ausgehen. Bei dem "S..." Namen würde es mich nicht wundern, wenn das Skorzeny heissen sollte. Aber das ist reine Spekulation, ich kann die Schrift nicht deuten.



    Gruß


    Ulf

  • Hallo Ulf,


    danke für deine Rückmeldung! Da der Schreiber viele Rechtschreibfehler macht, könnte Skorzeny schon hinkommen. Hab Otto Skorzeny gerade gegoogelt - aber ob der da grad in Prenzlau Waggons versiegelt hat bzw. die Waggonversiegelung beaufsichtigt??

    Und so eine SS-Polizei-Panzergrenadierdivision hat Brücken gesprengt? Da steht doch, es waren Pioniere...?? Sorry die evtl. blöde Frage, aber ich versuche wirklich nur diese Unterteilungen zuverstehen...


    Mit sonnigen Grüßen


    Anne

  • Guten Abend zusammen,


    Quote

    Da steht doch, es waren Pioniere...??

    richtig, diese Division hatte auch ein Pionier-Bataillon. Sofern wir bei der von Ulf vermuteten Division sind, wäre das das SS-Pionier-Bataillon 4.


    Der Schreiber nennt diese Einheit übrigens "4. SS-Pioniereinheit z.b.V.", wobei das z.b.V. für "zur besonderen Verwendung" steht.


    Grüße

    Diana


    Die Frau ist die einzige Beute, die ihrem Jäger auflauert (Ingelore Ebberfeld)

  • Guten Abend zusammen,

    nach einem Blick in meine Unterlagen, halte ich den Einsatz von Pionieren der 4. SS Pol PzGrenDiv bei Karnin für wenig wahrscheinlich.

    Die Polizei-Div. war vom 13.-15. 4.45 mit einer Kampfstärke von 3.100 Mann auf dem Seeweg von Hela nach Swinemünde transportiert worden.

    Vom 15.-18.4. biwakierten die Resttruppenteile auf Usedom im Raum Ahlbeck-Heringsdorf.

    Es gab Überlegungen, die Div aufzulösen u in die 23.SS PzGrDiv Nederland einzugliedern. Es gab keine schwere Waffen und kaum noch Spezialisten, wie Pioniere oder Funker.

    Am 18.4. marschierte die 4. Div in den Raum Gramzow zum III. SS - PzKorps.

    Durch Zuführung von SS u Heeresersatz- darunter das Heeres-Pionierbataillon 630, wurde die Div notdürftig verstärkt.

    Am 20. 4. marschierte die Div zum CI.AK nach Eberswalde.

    Teile der Div blieben im Raum Gramzow u wurden in den schweren Kämpfen am 27./28.4.(!!) aufgerieben.

    Die anderen Divteile waren vom 20.4-23.4. im Raum Oranienburg eingesetzt.Am 25.4. begann der Rückzug der Reste der 4. SS PolDiv nach Westen.

    Zum Zeitpunkt der Karniner Brückensprengung war die 4. SS PolPzGrDiv weit weg.


    Beste Grüsse

    Ingo

  • Hallo,


    ob sich das aufklären lässt, ist natürlich fraglich. Das die 4. SS nicht im Raum Karnin eingesetzt war, ist denke ich, unbestritten. Die Reste gingen ja überwiegend in der Brigade/Kampfgruppe Harzer auf und kämpfte nicht mehr im geschlossenen Verband. Und hier (bei Eberswalde) wurde die Kampfgruppe "Solar", bestehend aus ehemals Skorzenys Fallschirmjäger-Bataillon 600 und dem Jagdverband "Mitte" doch offenbar das 3. Bataillon des SS-PolPzGrReg 7 "Solar", das am 25.04. nach Prenzlau verlegt wurde und hier am 26.04. eintraf. Nach dem Überschreiten der Wotan-Linie durch die Rote Armee (z.B. bei Schmölln) finden sich auch die Reste, der mit Teilen der 1. MID und anderen Einheiten nach Prenzlau zurückweichenden Angehörigen der "Wallonie". Prenzlau selbst geht am 27.04. verloren. Grundsätzlich könnte das also schon stimmig sein.



    Gruß


    Ulf

    Edited once, last by Ulf71 ().

  • Hallo,


    ui, das ist ja spannend... Vielen Dank!


    Könnte nicht ein Trupp mit der Sprengung der Karniner Brücke geauftragt worden sein, die waren ja dann gesichertermaßen Mitte April in Swinemünde/auf der Insel Usedom. Ich nehme an, es gibt keine Infos, welche Einheit die Brücke gesprengt hat...?? Und davon wurden wiederum 5 Mann für den "geheimnisvollen" Sonderauftrag abgezogen. Mehr als nachvollziehbar, dass sich der Verfasser freut, aus dem Schußfeld des Peenestroms wegzukommen...

    - Das mit den aus Prenzlau kommenden Walloniern und Waggons scheint ja jedenfalls zu passen...


    Die Karniner Brücke wurde ja am 29.4. gesprengt...

    Am 30.4. wurde die ganze Zivilbevölkerung Usedoms ins Schloß Mellenthin (Inselmitte) geschickt, wegen starken Beschusses durch die Rote Armee. (Sie durften erst am 10.5. wieder zurück in ihre Häuser und Höfe, nachdem entmint worden war...)

    Mein Großvater, Oberleutnant Jauss, saß in diesen Tagen keine 1,5 km entfernt von dieser Brücke in seiner Schreibstube in Gellenthin mit seiner Truppe (wohl Grenadier-Ersatz-Regiment 522) und wurde leider in der Nacht vom 4.5. von einem Geschoßsplitter getroffen und getötet.


    Soviel weiß ich durch meine Forschung nach meinem Großvater vor Ort und Briefe der Gellenthiner Bäuerin, auf deren Hof die Schreibstube war...

    Versuche gerade, die letzten Kriegstage dort zu erfassen, die Briefe sind da am informativsten und wurden von Usedomern bestätigt, was die Evakuierung nach Mellenthin angeht.


    Sonnige Grüße aus dem Süden der Republik

    Anne

  • Hallo,

    ich denke hier hat eine zweite Person im Nachhinein einen Erlebnisbericht nach Diktat verfaßt oder abgeschrieben.

    Der-/Diejenige hatte wohl mit der SS nichts zu tun, anders kann ich mir "Scharfführer" bzw. "Sturmbahnführer" nicht erklären.

    Gruß Tilo

    Ehre die Toten

  • Guten Abend zusammen.

    Ein überaus interessantes Thema zu dem ich einen Bezug habe, da ich sehr oft an der Karniner Brücke war. Zudem vermute ich immernoch einen Bezug des GrenErsBtl 4/222 als Bestandteil der AusbDiv 402 zBV zur Insel Usedom. Mein vermisster Großvater war laut WAST ab August 44 bei der Einheit erneut eingezogen worden. Das GrenRgt 522 das Anne beschreibt, gehörte ja auch dazu.

    Anbei stelle ich drei Fotos aus dem Buch „Eisenbahnen auf Usedom“.


    Gruß

    Thomas

  • Hallo Thomas,


    das ist ja sehr aufschlußreich! Vielen Dank!


    Vielleicht war unser Schreiber ja dann auf dem Weg, diese Brücke zwischen Zinnowitz und Zempin zu sprengen - wer weiß...


    Habe inzwischen die letzten Briefe meines Großvaters transkribiert, da beschreibt er den Weg von Weingarten (Kreis Ravensburg, nähe Bodensee) zum "unbekannten Reiseziel" Usedom. Er wurde am 11.3.45 nach 6 Verwundungen nochmal"arbeitsverwendungsfähig" zur Ersatztruppe eingezogen. Mit der Bahn kam er bis Rostosck und ab dort ging es zu Fuß weiter...


    Die letzte Feldpostkarte:

    „Dargen, den 6.4.45

    Meine Lieben!

    Sende Euch ein kleines Lebenszeichen von hier, wo ich mich einstweilen eingenistet habe. Sonst geht es mir gut, sorge dich, liebe Esther, nicht zu viel um mich.

    Die Zukunft wollen wir wie weiterhin in die Hand unseres höchsten Führers legen. (Beide waren sehr christlich)

    Vom Festland bin ich hier außer den noch bestehenden Verbindungen abgeschlossen, also ringsum Wasser. Ob du wohl dieses Grüßchen noch bekommst?..."


    Sie kam aber erst im Januar 1946 bei meiner Großmutter an. Und am 4.5.45 wurde er von einem Splitter verwundet und verstarb in Gellenthin/Usedom, was sie erst 1948 erfuhr.


    Habe noch Briefe von den Pfarrern von Dargen und Zirchow, bei denen meine Großmutter nachgeforscht hat (1946). Da steht z.B., daß es in Dargen keine Kampfhandlungen gab.


    In den Briefen der Bäuerin Berndt aus Gellenthin, wo er dann begraben wurde nannte noch 2 Namen im Zusammenhang (Brief vom 3.10.48):

    "...Ein Teil der Formation „Inselbataillon III“ hatte sich von hier bereits am 3.5. abgesetzt und ist über ist über Swinemünde – Kopenhagen bis nach Bendfeldt bei Eutin, Holstein gekommen. Der Rest der Formation ist am 4.5. von hier abgerückt und hat denselben Weg genommen. Zur Formation gehörten der Adjudant der Lt. Ott und der Oberfeldwebel Specht an. Lt. Ott ist hier am 4.5. ebenfalls gefallen, seine Grabstelle ist mir nicht bekannt. ..."


    Vielleicht hilft Dir das was bei deinen Forschungen.

    Hast du auch noch Informationen zu diesen Ersatztruppen auf Usedom?


    Liebe Grüße

    Anne